Auf diese Wienerin kann ich verzichten

Gut, ich bin nicht die Zielgruppe, aber ein paar Kommentare erlaube ich mir trotzdem.

Der Ziegel hat 274 Seiten. davon sind 174 reine Werbung. Die restlichen Seiten beinhalten Artikel, die zu den Werbeseiten passen. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich frage mich aber, warum man (oder wahrscheinlich eher frau) dafür 3,80- Euro bezahlt. Ich bekomme die (nicht immer erwünschten) Werbezuschriften gratis in meinen Postkasten.

Besonders interessant fand ich eine der dreistesten Produkttäuschungen, die mir je untergekommen sind. Da gibt es eine Firma, die erzeugt das Produkt „Eyelash Growth Booster“. Damit können Sie nichts anfangen? Ich auch nicht, aber glücklicherweise wird noch erklärt, was dieses Zaubermittel kann: „Nachweislich um bis zu 75% längere und vollere Wimpern“.

Der dazu passende Werbetext trieft nur so von versprochener Sexualität: „Bringen Sie Ihre Wimpern zum Höhepunkt – mit natürlichen Wirkstoffen für sensationelles Wimpernwachstum!“

Auf der Website finde ich dann nähere Infos:

„Wirkungsprinzip
Der natürlich in der karibischen Koralle Plexaura homomalla vorkommende Schlüsselwirkstoff Black Sea Rod Oil verlängert die Anagenphase (Wachstumsphase) der Wimpern nachweislich und vermindert den Anteil der Haare in der Katagen- und Telogenphase (Haarausfall).
Die Wurzeln werden stimuliert, die Zellteilung und das Wimpernwachstum angeregt. Außerdem werden die Struktur und Elastizität der Wimpern verbessert und das vorzeitige Ausfallen oder Abbrechen verhindert.“ (Quelle: www.beautylash.at)

Die Kosmetikindustrie bedient sich hier gleich mehrerer Tricks:

1.) Es ist sehr kompliziert herauszufinden, was dieses geheimnisvolle „Black Sea Rod Oil“ wirklich ist. „Black Sea Rod“ ist jedenfalls der englische Name der Koralle. Es ist also ein Öl, das aus dieser Koralle gewonnen wird.
2.) Das Zauberwort „natürlich“ wird ständig damit verknüpft.
3.) Das zweite Zauberwort „Wachstum“ sowie das (in anderen Beschreibungen verwendete) dritte „Wirkstoffkomplex“ simulieren, dass es sich hier um ganz tolle Stoffe handelt, von denen man gar nicht genug auf bzw. in den eigenen Körper schaufeln bzw. pinseln kann.
4.) Schon oben erwähnt: längere Wimpern sollen zeigen, dass die Frau sexuell attraktiv ist. („Klimper, klimper, kommst Du mit hinauf…)
5.) Die 75% längere Wimpern-Angabe ist sehr großzügig gewählt und bezieht sich auf eine Frau mit verdammt kurzen Wimpern. In mehreren anderen Beschreibungen (z.B. www.magiclashes-shop.at) steht was von „bis zu 3mm“ – also vielleicht doch im Normalfall nur 1-2… Und wie wird das gemessen? Ausreissen und dann mit dem Lineal…
6.) Der perfideste Trick ist jedoch ein optischer. In der Werbung wird eine rote Edelkoralle dargestellt, hochglänzend und mit darauf abgestimmter Packungsfarbe, die durch schwarz-rot nicht mit Kontrasten spart. Das sind die Korallen, aus denen man früher Ketten gefertigt hat. Leider passiert das heute auch noch, obwohl diese Korallen streng geschützt sind, weil in ihrem Bestand hoch gefährdet.

Es handelt sich aber hier um keine Edelkoralle und sie ist auch nicht feuerrot, sondern der Stamm ist dunkelbraun bis schwarz und eher unscheinbar. Es handelt sich um eine Gorgonie oder Hornkoralle.

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Bild 1: Koralle

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Bild 1: Koralle, lebend

A pro pos Korallen: Die sind generell weltweit sehr gefährdet (siehe meinen Weblog-Beitrag von Oktober 2011) und sollten geschützt, aber nicht zu Kosmetika verarbeitet werden. Ich habe im Internet keine Quelle der Herkunft gefunden. Werden diese Korallen in Aquarien gezüchtet (das ginge) oder einfach aus dem Meer geholt? Darüber schweigen die Angaben der Firmen.

Und ich habe es (noch) nicht geschafft, etwas über das ominöse Öl herauszufinden. Korallen bestehen aus Polypen (ob die zu Öl zerquetscht werden?) und aus dem Skelett, das aus Kalk gemacht wird, den die Polypen aus dem Meerwasser holen. Die schönen Urlaubsstrände bestehen großteils aus Korallensand, der wiederum aus kleinen Kalkkörnchen besteht.
Manche Korallen lagern noch Algen ein, die ihnen beim Nahrungserwerb helfen und den Korallen die Farbe geben. Werden diese Algen zu Öl? Oder gibt es noch einen geheimnisvollen Stoff in diesen Korallen?

Peter Kruse zum Thema Soziale Netze

Endlich ein alter Mann mit Bart! So der erste Gedanke. Dann zeigt sich: Der ist gar nicht alt, zumindest nicht im Kopf. Ich habe sowohl eine kurze Rede (Peter Kruse (D) auf YouTube zum Thema soziale Netze – Internet zu Gast beim Dt. Bundestag am 5. Juli 2010) als auch seinen halbstündigen Auftritt auf der re:publika 2010 zusammengefasst und kommentiert (meine Kommentare kursiv).

Steigen wir gleich ein:

Wenn wir uns das INternet mit dem Web 2.0 ansehen, dann ist der Vergleich mit einer Revolution durchaus angebracht:

1.) Extrem hohe Dichte eines neuen Netzes,
2.) extrem hoher Austausch und extrem hohe Spontanreaktionen,
3.) plus kreisende Erregungen im Netzwerk (Re-Twitter-Funktion).

Das fußt auf Bedürfnissen der Menschen:
1.) Informationssammlung
2.) Spuren hinterlassen
3.) zu Bewegungen zusammenschließen = mächtig werden.

Ergebnis: Hochschaukelung, das System wird mächtig und nicht vorhersehbar – weil nicht linear, der Schmetterlingseffekt steht dazwischen.

Fazit: Es entsteht eine grundlegende Verschiebung der Machtverhältnisse vom Anbieter zum Nachfrager.
Große Firmen etwa verlieren binnen ganz kurzer Zeit stark an Sympathie und Image, vor allem, wenn sie falsch reagieren und das neue System mit alten Mitteln bekämpfen. Kruse: Umsatzrückgang kann man nicht mehr durch die Erhöhung von Werbemitteln oder Preissenkung wettmachen – der Dialog mit dem Kunden ist notwendig und meist neu zu lernen.

Vorhersehbarkeit geht daher nur mehr durch Empathie – der Wahrnehmung dessen, was zur Zeit resonanzfähig ist im System. Wenn man einigermaßen nah dran ist an den Menschen und am Markt, dann kann man ein Gefühl bekommen für die Resonanzmuster der Gesellschaft.

Die Folge: Wir bekommen einen extrem starken Mitarbeiter, Bürger und Kunden.

Internet-Thesen von Peter Kruse:

1.) Die Schärfe des Disputes pro und contra Internet ist Indikator für unzureichend reflektierte Wertedifferenzen.

Diese Werte werden vom limbischen System gesteuert und interpretieren blitzschnell alle Alltagssituationen. Sie stülpen feste, früh entstandene Werte über und bauen so Stress ab („Ah, das ist das also…“ „Das ist X, das kenne ich – mag ich – mag ich nicht etc.“). Ähnlich können wir das Phänomen interpretieren, dass sich 90 % aller Autofahrer zu den 10 besten Prozent rechnen. Mathematisch geht as nicht, aber wenn wir das nicht täten, könnten wir nicht mehr Auto fahren, weil wir ständig über unsere eigene mögliche Inkompetenz stolpern würden.

Spannender sind aber die kulturellen Wertewelten – also sozusagen das limbische System einer Gesellschaft.
Eine Untersuchung ergab, dass sich die Wertesysteme bezogen auf das Internet in zwei Welten spalten: Die „Digital Visitors“ finden das Netz gut, Freundschaften orten sie dort aber nicht. Die „Digital Residents“ finden das Netz auch gut, legen ihre Präferenzen punkto echten Freundschaften aber auch genau dort hinein. Fazit: Wenn diese beiden Gruppen über „Freunde im Internet“ reden, kommen sie zwangsläufig in einen Konflikt, und zwar wegen der hinter den Phänomenen und Gegebenheiten steckenden Wertewelten, die sich unterscheiden.
Zur Erklärung: Die Visitors finden die Aktivitäten (Flashmobs organisieren, Online-Petitionen, Twittern etc.) bezogen auf das Internet zwar wichtig, mögen sie aber nicht, sie widersprechen ihren dahinter verankerten Werten.

Die Untersuchung ergab, dass die beiden Gruppen in allen Altersschichten etwa gleich verteilt sind!

2.) Die Veränderungen durch das Internet sind systembedingt und daher außer durch Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn das bedeutet: Die Gesellschaft hat das Internet erzeugt, weil sie es braucht, so wie ein Landlebewesen eine Lunge hat, um zu atmen, und keine Kiemen.
Das lässt das Gedankenspiel biomorpher Strukturen in Gesellschaften reizvoll erscheinen. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft verhält sich in gewisser Weise wie ein Organismus, wie ein Lebewesen sozusagen.
Wir können das gut bei Ameisen oder Termiten, aber auch bei Fischschwärmen beobachten, wo Einzeltiere so gut in ein Gesamtsystem integriert sind, dass sie quasi automatisch so reagieren, wie es für das System am besten ist. Das dahinter sichtbare Ziel ist das Überleben des Systems durch möglichst gute Anpassung an die äußeren Gegebenheiten. Das Überleben der Individuen steht dazu in einem dialektischen Verhältnis (eigentlich in einem aporetischen, aber die genauen Ausführungen dazu erspare ich den mir sonst nicht mehr so geneigten LeserInnen) – mit anderen Worten: sie widersprechen sich und bedingen einander und sind beide notwendig. Es kann die einzelne Termite nicht ohne ihren Staat überleben und der Staat nicht ohne die einzelne Termite. Das Verhältnis erscheint leicht verschoben, denn es muss nur EIN Staat zugrunde gehen, damit alle Individuen sterben. Wenn jedoch ein Individuum stirbt, geht der Staat nicht zugrunde. Das lässt den vorläufigen (!) Schluss zu, dass der Staat (die Gemeinschaft, die Gesellschaft…) das wichtigere System ist. Es lässt aber auch den ebenso vorsichtigen Schluss zu, dass Individuen nicht einen ganzen Staat beherrschen sollten.
Das Phänomen, warum Menschen trotzdem gerne einen allmächtigen Führer in Form eines Einzelwesens für alle Entscheidungen erschaffen, führt in eine andere Diskussion, hat aber meiner Meinung nach mit einer leicht pervertierten Überbewertung (inklusive der dazu passenden Wehleidigkeit) des Individuums zu tun. Aber vielleicht gehört das ja auch zur menschlichen Entwicklung.

Kruse führt hier die oben erwähnten Faktoren noch einmal genauer aus:

Drei zentrale Faktoren zur Wirkungssteigerung in Netzwerken:

1.) Die Zahl der Netzknoten und deren Verbindungen (hohe Koppelungsdichte)
2.) Der Grad der Spontanaktivität der Knoten im Netz (starkes Grundrauschen)
3.) Das Vorhandensein länger kreisender Erregungen (dynamische Engramme)

In diesem System ist Selbstaufschaukelung ein Basisprinzip: Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Autokatalyse durch emotionale Resonanzen.

Das mit den emotionalen Resonanzen ist so eine Sache. Es handelt sich hier um einen Begriff aus der Systemtheorie, ich erkläre es aber ein wenig anders: Das Bauchgefühl gewinnt wieder an Bedeutung. Spontane Reaktionen (und manche Wissenschafter behaupten, überhaupt alle Entscheidungen) werden nicht rational und bewusst getroffen bzw. finden auf diese Weise statt. Das entmündigt uns übrigens nicht, aber das ist ein anderes Thema. Die unglaubliche Vielzahl und Differenziertheit der Informationen, die wir ständig bekommen, löst Schutzmechanismen aus. Der frontale Kortex ist derjenige Gehirnteil, der in der Evolution als letztes hinzugekommen ist. Dort sitzt die Vernunft. Unter Stress (auch z. B. bei Überinformation) schaltet er sich weg, weil der Körper die Gehirnteile in umgekehrter Reihenfolge ihrer Entstehung abschaltet. Unter Stress kann man nicht mehr klar denken, heisst das.

Also bleibt die emotionale Entscheidung.

Autokatalyse ist die positive Rückkoppelung, also in diesem Falle die Aufschaukelung.

Das führt zur nächten These:

3.) Die Social Software des Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken.

Handlungsmotive von Einzelnen haben schon in der Vergangenheit immer nach Netzwerken gesucht, die ihre Möglichkeiten aufschaukeln (Macht der Massenmedien). Jetzt suchen wir nicht mehr das Netzwerk, meint Kruse, sondern ES sucht UNS.

Das würde wiederum für meine These des biomorphen Struktur sprechen, die sich im Organismus quasi als neues, wichtiges Organ verankert, seinen Platz sucht.

Kruse legt noch eine Hypothese drauf:

4.) Das Internet führt zur Erhöhung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft. Eine Re-Politisierung jenseits der Parteien ist nur konsequent.

Das Spannende daran: Die Menschen sind nicht unbedingt prinzipiell politisch uninteressiert oder faul – sie wollen nur eine neue Form der Politik. Die alte Form dürfte die Notwendigkeiten unserer Welt nicht mehr abdecken. Dass das die Politiker als letzte Gruppe erkennen, ist jedoch interessant, wenn es auch nicht sehr verwunderlich erscheint, da ihr Muster die Reaktion und nicht die Aktion ist.

Die Musterbildung im Netz, so ergänzt Kruse, ist nur von denen durchschaubar, die auch mitten drin sind.
Kruse leitet Handlungsparameter ab:

1.) schnell und expansiv auch ohne Unterstützung der alten Medien
2.) penetrant und dauerhaft ohne Rückgriff auf etablierte Strukturen
3.) schlagkräftig und organisiert ohne Hierarchie und Führungsansprüche

Das wird möglicherweise nur schwer zu schaffen sein und ev. nur in Schritten gehen. Hierarchie etwa steckt so tief in uns drin, dass es wahrscheinlich mehrere Generationen braucht, um neue kollektive Ordnungsprinzipien zu entwickeln. Als Gruppendynamiker darf ich hinzufügen: Wir kennen sie noch nicht!

Kruse bringt den Satz von Max Winde (auf Twitter): Die sozialen Netze werden die Politik verändern. Ihr werdet euch noch wünschen wir wären politikverdrossen.

Und er gibt noch einen Tipp: Vergessen Sie Expertengremien – wenn Sie sich über das Netz unterhalten, dann tun Sie es bitte im Netz.

Seine letzte Hypothese lautet daher:

5.) Die Lawine donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit ist nicht notwendig. Und bist Du nicht willig, so brauch ich… Geduld!

Und er meint: Entspannt zurücklehnen! Denn diese Systeme werden eine Dynamik bekommen, aufgrund derer wir es uns gar nicht leisten können, sie nicht entsprechend zu beachten.

Ich ergänze, was mir daher notwendig erscheint:

1.) Das Social Web kritisch hinterfragen, um seine Grenzen kennen zu lernen und die darin möglicherweise verborgenen Perversitäten und Grenzüberschreitungen (Kinderpornographie, Mobbing etc.) beschreiben und bekämpfen.

2.) Die Kontrolle vieler (Wikipedia-Modell) über die Kontrolle Einzelner (staatliche Zensur) stellen. Das erfordert Mut und Risikobereitschaft.

3.) Durch die Förderung lokaler, nachhaltiger Energieerzeugung die Aufrechterhaltung der Knoten gewährleisten. Parallel dazu der Ausbau demokratischer Strukturen in den Regionen und auf lokaler Ebene (Gemeinden etc.). Dezentral kontrollierte Netze können nicht abgeschaltet werden.

Neulich am Heiligen Abend sah ich ein Arbeiterdenkmal

Tatort: H&M-Filiale Mahü, erster Stock, Mauritz-Kassa. Eine lange Schlange steht an, nur eine von vier Kassen ist offen. Der Kassier sieht die ungeduldig werdenden Kunden und greift zum Telefonhörer, worauf es in der ganzen Filiale erschallt: „Patrick bitte, Patrick zur Mauritz-Kassa, Patrick bitte!“

Zeit vergeht, die Schlange wird länger. Eine Dame (wahrscheinlich „Stockmanagerin“ oder so) kommt, greift auch zum Hörer und wiederholt den Spruch.

Zeit vergeht, dann schlurft langsam ein top-gestylter junger Schnösel daher: Erdbebenhose, modisch-hautenges Hemd und ein Wahnsinn von einer blonden Föhnfrisur, neidisch könnt ma werden!

„Was is?“

„Kassa machen, hop hop.“

„Ich will keine Kassa machen.“

Der Stockmanagerin wurde klar, dass der junge Schnösel jetzt Kassa machen sollte, weil die lange Schlange sonst die Föhnfrisur in einen „Bad Hair Day“ verwandelt hätte.

Mit widerwilligem Blick fertigte er einen Kunden und mich ab, dann verzog er sich wieder, da die Stockmanagerin verschwunden war.

Hoffentlich verschwindet der Patrick bald im hintersten Winkel eines dunklen Lagers und bleibt dort für sehr lange Zeit. Und hoffentlich gibt man ihm dort keinen Föhn.

Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut

Es ist lange her, da wurde Kaiser Franz-Josef I. zu etwas eingeladen, was man heute mit „Event“ bezeichnen würde. Laut Wikipedia trug sich folgendes zu:

Der Suizid des Architekten Eduard van der Nüll, Miterbauer der Wiener Staatsoper, angeblich als Reaktion auf eine Kritik des Kaisers, veranlasste Franz Joseph, zu kulturellen Angelegenheiten nur noch sehr zurückhaltend Stellung zu nehmen. Der Kaiser äußerte sich, statt irgendein Urteil abzugeben, bei kulturellen Anlässen nur noch mit der stereotypen Phrase: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut!“ Er war sein Code für Unverbindlichkeit und Gleichgültigkeit.

Als ich neulich auf ebay ein Gebot für eine Schallplatte abgab, wurde mir mitgeteilt, dass ich der Höchstbieter bin. Dazu stand der Satz „Hope you win.“

Und Fürst Rainier von Monaco pflegte zu jedem Gewinner des Grand Prix beim Siegerempfang zu sagen „Ich bin froh, dass Sie es sind.“

Was hat das zu bedeuten? Wieso freuen uns Sätze, Nachrichten, Glückwünsche etc., die nicht von Herzen kommen, die nicht einmal von Menschen generiert sind? Bei ebay ist das eine simple Floskel, die von einem Computerprogramm hingeschrieben wird. Es gibt niemanden, der „hofft“, dass ich gewinne. Ein Programm kann nicht hoffen, und es ist auch kein Adressat da, denn „you“ ist jeder, der das liest.

Wieso hat sich der Architekt umgebracht, nur weil sein Werk dem Kaiser nicht so besonders gut gefallen hat? Wir finden die einzige Erklärung in der scheinbaren Erwünschtheit des Patriarchats. Es ist der gleiche Grund, aus dem Menschen sich die „Gala“ kaufen und begierig nachlesen, welcher Prinzessin irgendwo der Hut davon geflogen ist. Scheinbar haben viele Menschen den Wunsch, sich einer Obrigkeit unterzuordnen. Das kann ein König oder ein Chef sein. Das hat auch seinen Sinn, viele Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft wären ohne Hierarchien und den damit verbundenen Ober- und Unterordnungen nicht denkbar. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen der Unterordnung zwecks Erreichen eines gemeinsamen Zieles und der völligen Unterwerfung der gesamten eigenen Person unter eine Autorität, die man nicht einmal kennt. Im extremsten Fall geht das bis zur Aufgabe des eigenen Lebens, gerne auch mal ohne sinnvollen Grund.

Ein neuer Aufbruch

Was bringt Menschen dazu, über das Meer zu fahren?

Konkreter Anlass für diese Überlegungen war eine TV-Doku über die Besiedelung der Welt durch Homo Erectus und Homo Sapiens. Eine der wichtigsten Fragen entsteht durch die frühe Besiedelung Australiens. Aufgrund der Eiszeiten war der Meeresspiegel weltweit zeitweise bis zu 150 Meter tiefer als heute. Dadurch entstanden viele Landbrücken (Beringstraße etc.) über die Menschen in andere Kontinente wandern konnten.

Bei Australien ist das nicht der Fall, man musste mit Booten hinüber, da dazwischen Tiefseegräben liegen. Es ist heute erwiesen, dass die Menschen in der Steinzeit diese Überquerung des Meeres zustande brachten. Ganz abgesehen von der Frage WIE sie das machten, ist die Frage nach dem WARUM noch viel spannender.

1.) Die Notwendigkeit nachfolgenden Menschen auszuweichen oder neue Siedlungsgründe zu erschließen.
Das ist unwahrscheinlich, da es zu dieser Zeit sehr wenige Menschen und sehr viel Platz gab.

2.) Die Ressourcen sind zu Ende.
Auch unwahrscheinlich, weil es für die wenigen Menschen genug gab.

3.) Der Drang nach neuen Abenteuern.
Auch das erscheint mir unwahrscheinlich, da das Leben ohnehin ein einziges Abenteuer darstellte und das Überleben schon schwierig genug war. Außerdem war da ja das Problem, dass diese Menschen nichts von Australien wussten, also keine Ahnung haben konnten, ob da weit draußen auf dem Meer überhaupt Land war und wo es war und wie weit weg.

Das führt uns schon zur grundlegenden Problematik: Welches Denken ist notwendig, um so eine Überfahrt nicht nur zu wagen, sondern überhaupt in Betracht zu ziehen?

Menschen sind und waren neugierig, also gierig nach Neuem. Es gab seit immer schon (also seit Anbeginn der Menschheit) Individuen, die neugieriger waren als andere. Irgend einer stellte sich immer die Frage: Was ist hinter dem nächsten Hügel? Was ist hinter der Bergkette? Was ist auf der anderen Seite des Flusses?

Aber die Frage, was hinter dem Horizont des Meeres ist, erweist sich als eine qualitativ gänzlich andere. Zu dieser Zeit gab es keine Geografie und keine Kunst der Seefahrt, es gab noch keine Idee der „Erde“, also weder flach noch rund. Oder irren wir uns selbst gewaltig in dieser Annahme? Es gibt eine notwendige Grundvoraussetzung, um über eine Seefahrt über das Meer überhaupt nachdenken zu können: „Dort kann was sein.“
Wenn man diesen Gedanken nicht hat, fährt man nicht. Wenn man annimmt, dass sich das Meer ewig weit hinaus erstreckt oder ein tödlicher Abgrund lauert oder sonst irgend eine Art von Ende der Welt zu finden ist, dann fährt man nicht, auch nicht, wenn man muss.
Dieses Müssen ist sowieso in Frage zu stellen, aber die Frage nach dem „Dort kann was sein“ muss trotzdem positiv beantwortet werden können. Woher konnten die Menschen also das Wissen haben, dass hinter dem Meer etwas – nämlich ein vergleichbares Land – sein kann. Vielleicht war ja bereits die Möglichkeit ausreichend, um mit viel Mut diesen Schritt zu wagen. Und man darf nicht vergessen: Um ein Land zu besiedeln, muss man eine entsprechend große Anzahl an Menschen mitnehmen, zumindest Frauen, vielleicht sogar Kinder. Das setzt entsprechend große Schiffe voraus und die Fähigkeit, diese auch zu steuern und hochseetauglich zu machen.

„Dort kann was sein“ denkt man, wenn Information dieser Art vorhanden ist und transformiert werden kann. Wenn also der Großvater davon erzählt, dass die Vorfahren einen großen Bogen rund um ein Meer gewandert sind, dann könnte die Idee einer Abkürzung kommen – es entsteht zumindest die Idee eines „Gegenüber“. Abgesehen von der Frage, wie man diese Art von Information von den Vorfahren bekommen kann und diese eine solche Information überhaupt abstrahieren konnte, muss dieses Gegenüber entsprechend plastisch vorstellbar sein, und zwar inklusive so großer Vorteile, dass die doch deutlich erkennbaren Risiken einer Fahrt ins Unbekannte gering erschienen sein mussten.

Wir reden hier von der möglicherweise ersten Vorstellung vom Paradies überhaupt. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen. So eine Vorstellung musste in den Köpfen entstehen, um ein derart großes Vorhaben überhaupt planen zu können. Von der Komplexität der Leistung würde ich das mindestens mit dem ersten Flug zum Mond gleichsetzen.

Das neue Land muss auf jeden Fall einen entsprechend großen Vorteil gegenüber dem alten, bekannten Land aufweisen. Eine Variante ist, dass dort die Götter wohnen und man ihnen näher kommen, vielleicht sogar bei oder mit ihnen wohnen kann. Diese Vorstellung gibt es ja auch heute noch, z. B. im Christentum. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Menschen damals Naturgötter hatten, also einen Gott des Windes und einen der Wellen. Ihre Gottesvorstellungen waren noch nicht so anthropomorph, und ob man beim „Wind“ wohnen wollte, das darf hinterfragt werden. Aber vielleicht waren auch ihre Götter schon in menschlicher Gestalt.

Fehlt uns das Denken, das diese Menschen hatten? Waren sie so furchtlos, dass sie auf wackeligen Flößen ins Nichts fuhren? Glaubten sie an Götter, die sie beschützen würden? Bis eine Besiedelung erfolgt, muss mehr als nur eine Fahrt gewagt worden sein. Kamen Menschen wieder zurück, um zu berichten, was in der Ferne war? Dann mussten sie eine gar nicht so primitive Form der Navigation gehabt haben, oder einfach enorm viel Glück. Verschwanden zehn Schiffe im Nirgendwo, bis eines das ferne Land erreichte? Schickte man dann immer wieder Schiffe los, ohne zu wissen, wie es denen davor ergangen war?

Wir haben heute keine Wissenschaft, die solche Fragen als Einzeldisziplin lösen kann. Hier wird Interdisziplinarität gefragt sein, um sich dem Phänomen stellen zu können.