Das Rote Meer bald ein Totes Meer?

Nun, so schlimm wird es hoffentlich nicht sein. Aber trotz eines traumhaften Tauchurlaubs komme ich auch nachdenklich zurück.
Bereits vor drei Jahren habe ich hier einen Bericht geschrieben. Auch damals sind wir mit einem Safariboot von Port Ghalib gestartet, jedoch eine andere Tour gefahren. Diesmal ging es in den tiefen Süden – das bedeutete St. Johns Reefs, Rocky Island und dann noch zum Daedalus-Reef, was für mich ganz besonders spannend war, da es das einzige größere Riff im ägyptischen Roten Meer ist, bei dem ich noch nie war.

Aber ich habe ein wenig vorgegriffen. In Wien starteten wir mit einem AirBerlin/Fly Niki Charterbomber und 45 Minuten Verspätung (ein Problem mit den Bildschirmen – das musste behoben werden, denn gerade im Charter will man bitte seine Tom & Jerry Filmchen sehen).
Die meisten Gäste an Bord sind übrigens Badegäste, die in ein Ressort fahren und dort am Pool abhängen und sich bräunen lassen. Aber sie haben dazu gelernt und niemand hat bei der Landung geklatscht.
Marsa Alam ist mir als kleiner Flughafen deutlich lieber als Hurghada, ganz abgesehen davon, dass wir von dort nur 10 Minuten mit dem Bus zur Marina in Port Ghalib hatten. Und unser Gepäck war auch da – das ist nie garantiert und bei einem Tauchurlaub ganz besonders heikel, da man ohne Gepäck auch keine Tauchausrüstung hat.

Unser Schiff war da und unser Tauchguide Talaat empfing uns mit den Worten „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch.“

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Bild: Tauchguide Talaat

Die schlechte bestand darin, dass die restlichen Gäste in Stuttgart am Flughafen feststecken würden, weil ihr Flugzeug ein Kerosinleck hätte. Ankunft morgen Nachmittag, hoffentlich. Aber wir würden am nächsten Tag schon zu zwei Tauchgängen hinausfahren und dann nur kurz in den Hafen zurück kommen um die elf Stuttgarter an Bord zu nehmen. Dann sollte es über Nacht direkt in den tiefen Süden gehen, um in der Früh bereits auf Rocky Island tauchen zu können. Also eigentlich sehr gute Aussichten.

Die Golden Dolphin III ist das neueste und schönste Schiff der Flotte. Ich war schon mit der I und mit der II unterwegs und eine Steigerung war ohnehin nur mehr schwer vorstellbar, aber möglich, wie sich zeigte: unser Schiff hatte den Salon samt Küche im Untergeschoss und damit war das Oberdeck für Kabinen frei. Diese bestehen in der modernsten Klasse eigentlich aus Zimmern, mit je eigenem Badezimmer inkl. WC.

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Bild: Eine Kabine

Diese Schiffe sind alle zwischen 38 und 42 Meter lang, haben insgesamt 4 Decks und sind nahezu perfekt für eine Tauchsafari ausgestattet: 2 Dieselmotoren mit je 750 PS (gut für ca. 25 km/, was ziemlich flott ist), zwei große Generatoren, die abwechselnd je 12 Stunden laufen und zwei große Kompressoren, die unsere Tauchflaschen in Windeseile auffüllen können.

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Bild: Golden Dolphin III

Beste Voraussetzungen, vor allem, weil auch die Decks mit viel Vernunft gestaltet sind: Auf Deck Nr. 3 ist das Schattendeck und ganz oben das Sonnendeck für diejenigen, die sich gerne rösten lassen. Und die Küche ist meist auch hervorragend. Wir hatten noch dazu das Glück auf einem Schiff zu sein, das seit vielen Jahren mit dem selben Kapitän und einer fast gleich bleibenden Crew unterwegs ist. Das ist nicht nur stets ein gutes Zeichen, sondern auch deutlich spürbar, weil die Matrosen sehr entspannt sind und alles an Bord reibungslos abläuft.

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Bild: Am Sonnendeck vor Rocky Island

Es gibt zwar noch tollere Schiffe etwa mit einem Whirlpool an Deck und 46 Metern Länge für 26 Taucher, aber eigentlich braucht man das nicht. Jeglicher Luxus über dem unseres Schiffes muss extrem teuer erkauft werden und wird letztlich nicht benützt, da es an Bord eigentlich nur vier Aggregatszustände gibt: tauchen, über das Tauchen reden, essen und schlafen. Und all das ist auf der Golden Dolphin III perfekt möglich, etwa weil auch das Tauchdeck groß und gut strukturiert ist. Alles in allem kann man das Schiff uneingeschränkt weiterempfehlen.

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Bild: Tauchdeck

Ein Holzschiff kostet übrigens 1,5 Mio Euro und wird in Hurghada gebaut, ein gleich großes Stahlschiff (ich bin 2x mit einem gefahren) kostet das Dreifache und hat nur den Vorteil, dass es etwas ruhiger im Wasser liegt. Die Stahlschiffe werden übrigens in Alexandria gebaut.
Die Kalkulation funktioniert übrigens nur, weil die Crew extrem billig ist und der Sprit ebenso. Auf 20 Gäste kommen 10 Mann Crew und wir haben insgesamt ca. 7.000 Liter Diesel verbraucht, davon 1.400 Liter für die Generatoren.
Jedes gute Schiff kommt 1x im Jahr für ein paar Wochen ins Trockendock und wird dort generalüberholt, manchmal etwas umgebaut und läuft dann wieder möglichst ohne Pause ein knappes Jahr. Nur dann können nach ein paar Jahren die Investments einen Return schaffen, als Gast merkt man es übrigens, ob das Trockendock schon länger her ist.

Dann erfuhren wir noch, dass am kommenden Tag unser lieber alter Freund Rudi mit den Deutschen zu uns stoßen würde.

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Bild: Rudi hält eine kleine Ansprache und die Stuttgarter hören dem Nordlicht aus Hamburg zu.

Er ist einer der lustigsten Tauchguides und wir hatten vor ein paar Jahren schon das Vergnügen. Damals war Rudi ein armer Hund: er ließ sich von meinem Bruder und seinen Freunden zu einer Pokerpartie überreden. Dann war er seinen gesamten Wochenlohn los. Als ich ihn ein Jahr später in einem Hafen am Nachbarschiff sah und freudig meinte, mein Bruder würde sich wieder über etwas Gesellschaft beim Pokern freuen, sprang er fast ins Wasser. Jedenfalls konnte er sich aus dieser Verpflichtung lösen indem er uns für den letzten Abend eine Palette Bier organisierte, das uns wie immer auf der Safari ausgegangen war.

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Bild: ein kleinerer Teil der Biervorräte, die diesmal gebunkert wurden. (500 Dosen wurden getrunken, laut Rudi ein Rekord, wenn man die Safaris mit Russen nicht einberechnet)

Port Ghalib ist eine künstlich gebaute Stadt, ähnlich wie El Gouna. Alle Häuser sehen mehr oder weniger gleich aus und man kann sie kaufen – wenn man den dortigen Immobilienfirmen vertraut, die einem die Wohnungen als sensationelle und zukunftssichere Anlageform verkaufen. Und natürlich um hier Urlaub zu machen. Für mich ist das der blanke Horror, denn da stimmt überhaupt nichts: die Häuser sind ganz sicher nicht lange haltbar, das Meer ist ziemlich kaputt und nur die Nähe zum Flughafen alleine macht aus dem Ort noch kein zukunftsträchtiges Investment.
Vielleicht bin ich aber auch nur zu weit weg von dem Denken, das man dazu braucht.
Jedenfalls ist die Marina groß genug für jede Menge Safarischiffe und Tagesboote. Es gibt eine Hafenpromenade und man hat vor Jahren geplant einen Kanal bis zum Flughafen zu graben, so dass die Passagiere direkt auf die Safariboote gehen können. Davon umgesetzt wurde eine eher brackige Lagune, in der man Jetski fahren kann plus eine Menge Brücken, die venezianisch aussehen sollen, letztlich aber ihre Stahlbetonseele nicht verheimlichen können. Es gibt eine Handvoll Lokale, in denen hin und wieder gelangweilte Gäste aus dem benachbarten Hotel herumsitzen, ein paar Souvenirläden, einen kleinen Tauchshop (sicher praktisch, wenn man etwas daheim vergessen hat und sie gerade offen haben) und ein protziges Gebäude mit der Hafenkommandantur. Dort herrscht der Hafenkommandant und er bestimmt wann ein Safariboot auslaufen oder einlaufen darf. Diese Macht bekamen wir auch zu spüren, als wir 15 Minuten warten mussten bevor wir in den Hafen einfahren durften.
Und es gibt eine Schiffstankstelle, die allerdings ziemlich wichtig und praktisch ist.

Rudi hat mir erzählt, dass vor ein paar Jahren die Anzahl der Safaribootlizenzen auf 500 begrenzt wurde, was prinzipiell eine sinnvolle Maßnahme ist, weil erstens das Rote Meer sowieso übertaucht ist und zweitens so die Billiganbieter etwas eingebremst wurden – die haben nämlich auch billige Boote, die dann ev. nicht sehr sicher sind.
Selbstverständlich sind die Lizenzen seitdem sehr gefragt, obwohl vor zwei Jahren mit der politischen Krise eine Entspannung eingetreten ist, die 2013 ihren HÖhepunkt hatte, als das Business mehr oder weniger zum Erliegen kam.
Uns hat das letztes Jahr auch getroffen, wir hatten gebucht und bezahlt und dann wurden die Flüge storniert. Auf dem Meer hätte es zwar keine Terrorgefahr gegeben und in Marsa Alam am Flughafen wahrscheinlich auch nicht, aber wenn kein Flug geht, steht das Business. Das haben einige Anbieter nicht überlebt.
Inzwischen hat sich der Tauchtourismus erholt, ist aber noch immer nicht auf dem früheren Niveau, was für uns natürlich gut war, da wir vor allem im tiefen Süden manchmal alleine am Riff waren. Kein Vergleich mit den 5-15 Safaribooten, die da noch vor drei Jahren überall neben uns gelegen sind. Diesmal war nur rund um Port Ghalib und auf Daedalus viel los.

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Bild: Am Daedalus-Riff, diesmal mit einer Menge anderer Safari-Boote

Rudi schätzt, dass 80% des Tauchtourismus wieder da ist. Für die Riffe ist das keine gute Nachricht, für die Ägypter im Tauchbusiness schon.

Es gibt eigentlich nur eine Handvoll verschiedener Touren:
1.) Die Nordtour – von Hurghada hinüber an die Halbinsel Sinai, meist als Wracktour und im Winter zu kalt.
2.) Brothers, meist in Kombi mit Elphinstone und ein paar kleineren Riffen.
3.) Die Südtour mit vielen Riffen von Hurghada bis südlich von Marsa Alam, manchmal mit Daedalus.
4.) Tiefen Süden mit St. Johns Riffen und Zabargad bzw. Rocky Island.

Alle Touren haben ihren Reiz, der jedoch in den letzten Jahren eindeutig verblasst ist, da die Riffe zunehmend kaputt gegangen sind und auch der Fischbestand kontinuierlich zurück ging, mit einer kleinen Erholung letztes Jahr. Das merkt man an partiellem Fischreichtum, jedoch nur mit kleinen Fischen. Die Riffe hatten nicht genug Zeit sich zu erholen und werden nach wie vor mit Unmengen an Tauchern bombardiert sowie massiv durch Abwässer und sonstigen Dreck vergiftet.
Die unglaubliche Schönheit der Korallenriffe ist für sehr lange Zeit verloren und wenn der Klimawandel weiter geht, dann wird es bald überhaupt keine mehr geben. Sie können einer Vielzahl von Schädigungen, die alle zur gleichen Zeit auftreten, nichts entgegensetzen, weil sie die Zeit zur Regeneration nicht haben. Wir zerstören sie schneller als sie nachwachsen können.

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Bild: Cave Reef an St. Johns

Leider ist der Tauchsport daran nicht unbeteiligt. Die einzigen Menschen, die wirklich von der Schönheit unberührter und noch nicht verdreckter Riffe erzählen könnten (Hans Hass und Jacques-Yves Cousteau) sind inzwischen selbst gestorben. Sie haben miterleben müssen wie der von ihnen selbst erfundene Tauchsport immer schneller zu wuchern begann und letztlich die Riffe verwüstete. Vor 15 Jahren wurde wenigstens das Ankern verboten, sonst gäbe es heute bereits keine Riffe mehr.

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Bild: Zwei Matrosen fahren mit dem Zodiac zum Riff um dort die Leine an fixen Halteleinen zu befestigen, die ins Riff gebohrt wurden.

Wie bitter muss es für die beiden – vor allem für Hans Hass, der ja erst kürzlich gestorben ist – gewesen sein, als sie im Alter den Vergleich zu früher hatten. Hans Hass hat sich vielleicht auch deswegen schon vor vielen Jahren vom Tauchen zurückgezogen. Er hat die Zerstörungen bereits in den 1970er Jahren sehen können.
Wer die Farbenpracht und Vielfalt kennt und das rege Leben an einem (halbwegs) intakten Riff gesehen hat, den macht der Anblick der Riffe heute nur mehr traurig. Ich habe sie im Abstand von je 5 Jahren gesehen: Shaab Claude, St. Johns, Elphinstone und viele andere.
Und ich bin selbst auch ein wenig daran schuld. Ich gehöre zwar nicht zu den Tauchern, die rücksichtslos durchs Riff fräsen, aber unser Schiff verbraucht auch jede Menge Diesel und hat Abgase und lässt Fäkalien ins Meer. Und auch mir passiert es, dass ich – selten, aber doch – von einer Welle gegen eine Koralle gedrückt werde und etwas beschädige.
Ich habe noch immer keine Lösung auf die Frage, ob ich deswegen den von mir geliebten Tauchsport aufgeben sollte. Kann mein grün-politisches Engagement die Schäden etwas kompensieren? Ich weiß es nicht. Ist seltener tauchen eine Lösung? Segelschiffe sind leider nur sehr bedingt geeignet und ohne Flugzeug ist das Rote Meer auch nicht ohne extremen Zeitaufwand zu erreichen. Flugmeilen kompensieren – funktioniert das? Auch da bin ich mir nicht sicher, vor allem, weil das CO2 maximal ein Teil des Problems ist.

Sollte das Öl teurer werden, so würde das alles verändern. Dann wären Tauchreisen auf einmal empfindlich teurer und würden zurück gehen. Aber dann müssten sich auch die vielen Ägypter, die im Tauchbusiness beschäftigt sind, neue Jobs suchen, die es aber dort nicht wirklich gibt. Dattelpalmen, Kamele und ein wenig Fischfang wird die Menschen dort nicht ernähren können.
Sind TaucherInnen generell eher bereit sich für den Schutz der Meere einzusetzen? Auch das kann ich nicht beantworten und ich kenne auch keine Statistik darüber. Auf unserem Schiff gibt es erste Bemühungen etwas für die Umwelt zu tun:
1.) Es gibt keine oder fast keine Plastikflaschen mehr. An mehreren Stellen stehen die bekannten Container mit den Wasserspendern, daneben sind Becher verfügbar, die immer wieder ausgewaschen werden.

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Bild: Das Schattendeck mit Bar und links im Eck der Wasserspender

Allerdings ist das Wasser das berüchtigte „Pure Life“ von Nestlé und somit wieder Teil der Industrie, die unseren Planeten kaputt macht.

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Bild: das in einer Woche verbrauchte Wasser – zum Trinken und Kochen

2.) Sie sammeln den Müll und dieser wird im Hafen von einem LKW abgeholt. Was allerdings dann passiert, weiß ich auch nicht. Ich schätze, dass es irgendwo hinten in der Wüste einfach abgeladen wird. Fetzen von Plastiksackerln sieht man in der Wüste jedenfalls jede Menge.

Bei dieser Art von Urlaub geht es mir nicht nur um das Tauchen, es sind noch einige andere Aspekte beteiligt. Es handelt sich um Ur-laub ohne Uhr. Ich habe selbst keine mit und das Handy drehe ich in Wien ab und erst in Wien wieder auf. Ich habe es nur für Notfälle mit. Die Zeit verändert sich dadurch ein wenig. Da man nach dem Tauchen relativ müde ist und ich immer die Maximalzahl an Tauchgängen mache (bis zu 4 pro Tag), gehe ich früh schlafen, also zwischen 22 und 24 Uhr. Früher geht nicht, denn da bin ich noch nicht müde genug. Am Abend sitzt man noch ein wenig an Deck, trinkt ein Deko-Bier und plaudert über die Taucherlebnisse des Tages. Ich war meist einer der ersten, der sich in die Kabine verzogen hat.

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Bild: Am Abend relaxen an Deck – manche lesen, andere trinken ihr Deko-Bier und plaudern.

Dafür wache ich schon vor dem Gebimmel der Glocke für den Early-Morning-Dive auf. Dann liege ich noch ein wenig im Bett und lasse den Tag langsam beginnen. Um 5.30 ist Wecken und um 6 Uhr (manchmal etwas später) gibt es den ersten Tauchgang. Das ist meistens einer, den alle Taucher mitmachen, auch diejenigen, die am Vorabend mehr als nur ein Bier hatten. Der Grund sind die Haie, die man oft in der Früh am besten zu sehen bekommt.

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Bild: die Schule von 21 Hammerhaien, die wir diesmal bei Daedalus hatten. Fast eine Sensation.

So steuern Müdigkeit, Schiffsglocke und der Sonnenstand den Tagesrhythmus. Dazu kommt noch, dass man an Bord normalerweise nur eine Short trägt und manchmal ein Shirt, vor allem, wenn im Salon noch die Klimaanlage rennt und die Ägypter wieder versucht haben die Luft zu frieren.

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Bild: Relaxen auf dem Schattendeck (hier noch im Hafen)

Ansonsten ist nur die Short angesagt und man geht prinzipiell barfuß. Die Böden werden ständig gereinigt und es ist an Bord generell sehr sauber. So kann man wunderbar ausspannen, und zwar über und unter Wasser. Das Tauchen unterscheidet sich vom Zustand ober Wasser so radikal, dass man unter Wasser alles vergisst, was oben eine Rolle spielt. Wenn man im Roten Meer eine Tauchsafari macht, dann kann man meistens lange unter Wasser bleiben, sofern man genügend Luft hat. Daher schaffe ich manchmal vier Stunden unter Wasser pro Tag. Da verschwinden die Probleme des Lebens doch recht vollständig, zumindest für die Zeit unter Wasser. Aber auch am Schiff ist es deutlich anders als daheim im Büro. Man ist mitten auf dem Meer und legt nur für Tauchgänge an einem Riff oder einer Insel an. Und natürlich in der Nacht, wenn nicht gerade eine Nachtfahrt angesagt ist. Dann kann es bei hohem Wellengang schon ein wenig schaukeln, was mir jedoch nichts ausmacht, weil ich nicht anfällig für Seekrankheit bin, glücklicherweise.

Unter Wasser ist es übrigens nicht still. Man hört ein ständiges Rauschen und Knistern, eine Mischung aus einer Vielzahl von Einzelgeräuschen, etwa wenn Papageienfische Korallen zermalmen. Und man hört natürlich den eigenen Atem und das Blubbern der Luftblasen. Durch die Schwerelosigkeit und das eigene Atmen entsteht oft ein kontemplativer Zustand, der manchmal ins Meditative hinüber gleiten kann.

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Bild: Guido am Riff

Dann ist die Außenwelt weit weg und das ist sehr angenehm. All das hängt natürlich vom Design des Tauchgangs ab, wenn man mit der Strömung an einem Riff entlang gleitet und manchmal alle Hände (eher: Füße) voll zu tun hat, gibt es keine Entspannung. Aber die gemütlichen Flachwassertauchgänge oder auch spezielle Nachttauchgänge sind hier ein besonderes Erlebnis. Am schönsten ist es, wenn man in 10 Metern Tiefe unter dem Boot auf einem Sandboden sitzt, die Tauchlampe ausschaltet und ein paar Minuten einfach da sitzt. Manche machen bei dieser Gelegenheit sogar ein kleines Nickerchen, aber ich finde es am schönsten, wenn man im silbrigen Licht des Mondes einfach die Ruhe genießt, die so eine Szenerie bietet. Zu Ende ist so ein Tauchgang ohnehin früh genug.

Am Boot nervt zumindest nicht die Zivilisationskrankheit Handy. Es gibt am Meer draußen keinen Empfang und manche Zeitgenossen halten das nur sehr schwer aus. Für mich ist es ein Traum, daheim werden sie schon eine Woche ohne mich zurecht kommen, das hat sich bisher immer noch gezeigt.

So ging eine traumhafte Woche zu Ende und ich möchte wiederkommen, sehr gerne sogar.

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Bild: Das Abschiedsfoto, als Talaat laut „Scheiiiiiisssseeeeee“ gerufen hat. Wir hätten aber auch so gelacht.

Auch der Oliver ist nicht mehr

Drei Freunde in drei Monaten – langsam wird es mir zu viel. So muss es im Krieg gewesen sein, wenn du ständig Nachrichten vom Tod eines geliebten oder geschätzten Menschen bekommen hast.
Und jetzt noch der Oliver. Dabei dachte ich noch bis zur Nachricht seines Todes, dass er es auf jeden Fall schaffen würde. Selten habe ich mich so bitter geirrt. Ich fühle mich wie ein Elefant, der sein von Wilderern geschossenes Junges sucht und nicht versteht, dass es nicht mehr da ist. Es muss doch antworten auf die Rufe!
Das Bild habe ich vor ca. 3 Jahren beim Rollertreffen im Prater gemacht:

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Es fällt mir sehr schwer über den Oliver zu schreiben. Ich habe ja noch nicht einmal wirklich kapiert, dass es den Christian und den Ronny nicht mehr gibt. Jetzt habe ich noch einen meiner engsten Freunde verloren. Mit kaum sonst jemandem habe ich in den letzten Jahren so viel Zeit verbracht und über so viele verschiedene Dinge gesprochen.
Und doch war es zu wenig als dass ich ihm hätte helfen können. Wer sich die Kommentare meines Weblogs durchliest, wird da und dort auch eines vom Oliver finden, er hatte es mittels RSS abonniert.

Eines Tages (am 8. April 2008) stand ein riesenhafter blonder Typ in der Türe von der Galleria und war mir auf der Stelle sympathisch. Das passiert ohne dass ich weiß warum, es ist das Bauchgefühl, das mir sagt, ob jemand ein Guter ist oder nicht. Bei Oliver war die Sache sofort klar, keine Bedenken. Wir kamen gleich ins Plaudern über dies und jenes und natürlich über Vepas. Ich hatte gerade eine GS in Restauration, er hatte auch eine. Ich hatte eine Sprint, er auch.
Aus dem gemeinsamen Hobby wurde eine Freundschaft und eine Kollegenschaft. Eines Tages (ich hab die mail gefunden, es war am 16. September 2009) fragte mich Oliver, ob ich nicht Lust hätte, auf der Fern-FH eine Lehrveranstaltung zu machen, einer der Lehrenden könnte einen Co gebrauchen und eigentlich würde er ihn gerne ablösen lassen. Und zwar durch mich.
Als ich erfuhr, dass es sich um den Masterstudienlehrgang in Wirtschaftsinformatik handelt, war ich mehr als skeptisch – davon habe ich nicht den Tau einer Ahnung. Doch er beruhigte mich – das wäre kein Problem, und außerdem wäre er mein Chef und würde mir helfen. Und sogar Geld gäbe es.

Daraus entwickelte sich eine durchaus intensive Zusammenarbeit und ich lernte Oliver neben dem Vespafahren und -zangeln auch von einer ganz anderen Seite kennen, als Wissenschafter, Computerspezialist und auch als oftmals leicht genervten Studienlehrgangsleiter.
Wir redeten über viele Themen und er war stets ein aufmerksamer Zuhörer und ein spannender Diskussionspartner. Die Freundschaft wuchs und entwickelte sich immer besser, ich hatte auf einmal drei Lehrveranstaltungen und auch die Abstimmung in Sachen Vespa wurde immer exakter – bald wussten wir über alle Pläne gegenseitig Bescheid und konnten uns in vielen Dingen aushelfen und ergänzen.
Auf dem folgenden Bild haben wir eine alte Vespa GL in seinen Keller getragen. Er wollte sie über den Winter herrichten.

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Wieso habe ich der düsteren Seite nicht mehr Beachtung geschenkt? Ich weiß sehr wenig über seine Vergangenheit, wir beschäftigten uns eigentlich immer mit der Gegenwart, die war viel spannender und lustvoller. Und natürlich auch mit der Zukunft, denn wir waren wahre Weltmeister im Pläneschmieden und im gemeinsamen Teilen der Vorfreude.
Das folgende Bild ist das letzte, das ich von Oliver machen konnte. Es zeigt ihn mit seiner fertig typisierten P 200 E und wurde am 2. August aufgenommen. Da hatte er noch genau vier Wochen zu leben.

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Das wusste ich nicht. Das ahnte ich nicht. Das konnte und wollte ich mir auch nicht vorstellen. Schließlich hatte er die bei weitem beste Prognose der drei Freunde, schließlich hatten die Ärzte gesagt, dass er entweder vollständig geheilt werden könne oder schlechtestenfalls eine Art chronischer Krankheit haben würde – alles nicht lustig, aber noch keine Beeinträchtigung des Lebens.

Ich habe erst jetzt erfahren, dass auch über seiner Familie ein Schatten lag, kenne aber keine Details. Er hat seinen Vater nie kennen gelernt – wer weiß, was das mit ihm gemacht hat.
Mehr wusste ich natürlich über seine beruflichen Vorstellungen und dass ihn der Job als Studienlehrgangsleiter schon länger nicht mehr freute – damit war aber nicht die wissenschaftliche und organisationsentwicklerische Seite seiner Arbeit gemeint, sondern die ständige Auseinandersetzung mit den Studenten – mit nervigen Typen, Obezahrern und anderen schwierigen Leuten. Da wollte er schon vor über zwei Jahren raus und durch die Krebserkrankung ist ihm das auch gelungen. Allerdings musste er jetzt den höchsten aller Preise zahlen.
Damit will ich nicht andeuten, dass ihn der Job krank gemacht hat, denn das stimmt sicher nicht. Es ist überhaupt nur als eine Verkettung vieler Umstände vorstellbar – genetische Prädisposition, Umweltschäden in kulminierter Form, vielleicht auch systemische Ursachen aus der Familiengeschichte – alles in allem ein tödlicher Cocktail. Oliver lebte nicht ungesund, er rauchte nicht oder fast nicht und ernährte sich nicht schlecht.
Es gab genügend Bereiche seiner Arbeit, die ihn mit Begeisterung erfüllten und wo er sich sehr wohl fühlte – vor allem wenn es um Verbesserungen im Sinne der Effizienz ging, konnte er stundenlang neue Programme schreiben und entwarf tolle Strukturen.

„Warum erwischt es nicht die Arschlöcher“ hat ein guter Freund anlässlich seiner Todesnachricht gefragt. Leider kenne ich niemand, der darauf eine Antwort geben könnte. Wenn es Gott gibt, dann würfelt er nicht, genauso wenig wie man mit dem Schicksal verhandeln kann.

Es gibt viel, was mir fehlen wird und wahrscheinlich weiß ich davon erst einen Teil. Die gute Zangel-Freundschaft und die daraus entstandene ständige Bereitschaft dem anderen bei Problemen zu helfen – mit Rat und Tat. Stundenlange Diskussionen über gute oder vielleicht noch bessere Lösungen für den Aufbau eines Restaurationsprojekts, bis hin zu einem kurzen Anruf: Kannst du mir morgen helfen den Motor einzuhängen? Er konnte immer.
Das folgende Bild zeigt Oliver am 22. April bei der Reparatur der Kupplung seiner PX 125 – sie war seit einem Jahr sein Alltagsgefährt und wird wohl eines der Fahrzeuge sein, das sich Ulli behält.

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Wir machten alles mögliche gemeinsam, etwa das Sandstrahlen der Karosserien. Das ist eine unglaublich schmutzige Angelegenheit und auch sehr anstrengend. Wir wechselten uns ab und immer wenn einer sein Kreuz nicht mehr spürte oder irgendwie schon nichts mehr sehen konnte, sprang der andere ein und übernahm. So wurde es für beide leichter und wir hatten noch dazu eine gute Geschichte zu erzählen: etwa die der „Strahlemänner“:

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Sehr fehlen werden mir die gemeinsamen Ausfahrten, bei denen er stets vorsichtiger fuhr als ich. Mit seiner Umhängetasche und seinen riesigen Schuhen (passend zu seiner Körpergröße aber nicht zu italienischen Trittbrettern) war er auch beim Vespafahren irgendwie unverwechselbar. Er fotografierte selbst gerne und oft und die vielen Bilder werden mir eine liebe Erinnerung sein an ein paar Jahre, die durch Oliver und seine Freundschaft merklich bereichert wurden.
Hier am Tulbinger Kogel am 12. Oktober 2013, eine der schönsten gemeinsamen Touren über Greifenstein und Katzelsdorf:

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Hier kann ich nur ein paar davon zeigen. Das nächste war eine unserer letzten Ausfahrten am 10. November 2013. Wir machen gerade Rast kurz vor der Kreuzung der Mauerbachstraße mit der Exelbergstraße. Ich weiß nicht, warum mir gerade diese Ausfahrt irgendwie stark in Erinnerung geblieben ist. Es war weder besonders schön noch aufregend.

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Vielleicht liegt es daran, dass er damals noch nichts von seiner Erkrankung wusste. Die Welt war sozusagen noch heil, d.h. sie hatte eine Zukunft. Wir beide hatten eine Zukunft und damit auch unsere Freundschaft. Doch daran dachten wir nicht, weil es nichts zu denken gab, es war ohnehin klar.
In den letzten Monaten erzählte ich immer, dass es der Oliver auf jeden Fall schaffen würde – schließlich waren die Ärzte zuversichtlich und hätten – so meinte er – noch viele verschiedene Pfeile im Köcher. Das mag stimmen, nur wussten wir nicht, dass es Giftpfeile waren. Die moderne Schulmedizin hat in sehr vielen Bereichen unglaubliche und bewundernswerte Fortschritte gemacht. Bei den meisten Krebsarten jedoch versagt sie kläglich. Paul Watzlawick hat das einmal ungefähr so beschrieben: Wer nur einen Hammer in der Hand hat, für den sieht alles aus wie ein Nagel.
Sie haben Oliver mit Chemie vollgepumpt, er bekam 6 Chemotherapien, dazu noch Bestrahlungen und jede Menge Medikamente, um die Folgen und Nebenwirkungen abzufangen. Er glaubte daran, dass die Ärzte wüssten, was sie tun. Das war möglicherweise ein tödlicher Fehler. Sie haben Statistiken und Studien und an die glaubt man am besten nur dann, wenn man sie selbst gefälscht hat. Sie kümmern sich weder um die Ursachen noch um eine ganzheitliche Betrachtung des Organismus.
Ich möchte ihnen nicht ihren guten Willen absprechen und auch nicht ihre Anstrengungen gering schätzen. Es muss für sie auch schlimm sein, einem Patienten beim Sterben zuzusehen. Irgendwie haben in diesem System alle an die Heilung geglaubt: die Ärzte, Oliver und sein gesamtes Umfeld. So hat sich auch niemand nach Alternativen umgesehen bzw. Oliver wollte sie lange nicht annehmen. Er dachte, er würde noch eine zusätzliche Anstrengung neben der Chemo nicht aushalten, es wäre ihm einfach zu viel gewesen, meinte er. Erst fast zum Schluss konnte ich ihn – leider zu spät – zu einer Spezialistin schicken, die ich selbst gut kenne und von der ich weiß, dass sie erfolgreich ist. Zaubern kann sie allerdings auch nicht.
Irgendwann verlor er auch den Glauben an die Schulmedizin. Dann wurde es sehr sehr schwierig, denn die anstehenden Entscheidungen waren keine einfachen: mache ich mit dem weiter, was mir die Ärzte empfehlen, auch wenn sie ihre Meinungen ständig ändern und es irgendwie so scheint, als hätten sie auch keinen Plan? Gehe ich weiter ins Krankenhaus, auch wenn mir schon bei seinem Anblick schlecht wird?
Wusste Oliver, wie es wirklich um seine Krankheit und damit um sein Leben stand? Wir werden das nie erfahren und irgendwie ist es auch egal, denn wir können es nicht mehr ändern.
Aber vielleicht können wir daraus lernen, etwa den Wert unserer Gesundheit zu schätzen, so lange wir sie haben. Vielleicht sollten wir auch den blinden Glauben an die Allmacht der Schulmedizin aufgeben, das wird gar kein leichter Lernprozess, denn wir haben das seit unserer Kindheit sozusagen inhaliert: Wenn du krank bist, geh zum Arzt.
Das ergibt aber nur einen Sinn, wenn es der richtige Arzt für deine Krankheit ist. Und hier ist auch der einzige echte Vorwurf, den ich der Schulmedizin hier und jetzt mache: Sie bietet keine Alternativen an. Es geht dabei nicht darum, dass ein Schulmediziner irgend einen Wunderheiler anpreist, sondern um zwei Dinge: Erstens wünsche ich mir eine Schulmedizin, die bereit ist sich mit Alternativen zu beschäftigen ohne sofort nach klinischen Studien und Statistiken zu schreien. Zweitens wünsche ich mir eine Schulmedizin, die nicht der Ansicht ist, dass sie die alleinige Heilkunst hat und somit alles andere aus Prinzip schlecht oder unwirksam ist. Genau das ist aber der Fall – nicht bei jedem Arzt, aber bei den meisten.
Ich möchte eine Diagnostik, die ganzheitlich orientiert ist. Das bedeutet in der Praxis folgendes: Wer krank ist geht zum Arzt. Dieser macht eine Diagnose und danach einen Therapievorschlag. Bei Krebs ist das Chemo, Bestrahlung und Operation. Ansonsten gibt es nichts und darf es nichts geben, denn alles andere würde bedeuten, dass die drei Therapien nicht das einzig Heilende sind, sondern nur drei von vielen verschiedenen Möglichkeiten. Der Arzt könnte etwa sagen: Lieber Patient, es gibt 7 (oder 12 oder vielleicht nur 5) Möglichkeiten ihre Krankheit zu behandeln. Wir können ihnen drei davon anbieten und empfehlen. Für die anderen müssen sie die dafür zuständigen Spezialisten aufsuchen.
Natürlich macht das den Patienten die Auswahl nicht leichter. Aber jetzt haben sie gar keine, außer sie ignorieren die Schulmedizin völlig und machen sich selbst schlau. Für die Schlauheit habe ich aber das (nicht gerade billige) Medizinsystem. Die Entscheidung über mein Leben kann mir der Arzt sowieso nicht abnehmen und wie ich bei meinen drei jetzt verstorbenen Freunden gesehen habe, war es drei Mal die falsche Entscheidung. Ich weiß nicht, ob sie noch leben würden, aber noch mehr tot könnten sie bei alternativen Behandlungen auch nicht sein. Jedenfalls hätten sie sich die schmerzhaften und unangenehmen Chemotherapien erspart.

Was es bedeutet, dass er mir fehlt, zeigen vielleicht die beiden nächsten Bilder. Das obere stammt vom 12. Oktober 2013, das untere ist ein Jahr später.

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Ich werde den fröhlichen, freundlichen Oliver vermissen. Die unzähligen Mails, die er mir zu tausend verschiedenen Themen oft zu nächtlicher Stunde geschickt hat. Er ist einen Weg gegangen, den wir alle gehen müssen. Wahrscheinlich ist es gut, dass wir nicht wissen, wann er uns bevorsteht und auf welche Art wir ihn betreten werden. Oliver konnte sich nicht mehr von uns verabschieden, er kämpfte bis zum Schluss um sein Leben. Vielleicht kann uns die Vorstellung trösten, dass wir ihm wieder begegnen werden. Ich werde dann mit ihm eine schöne Vespa-Ausfahrt machen, durch eine sonnige, hügelige Landschaft. Wir werden an einer Stelle mit guter Aussicht stehen bleiben und in die Abendsonne schauen. Wir beide, der Oliver und ich. Vielleicht wird dann in der Ferne ein Knattern zu hören sein und wir werden eine blau-weiße Lambretta und eine Vespa herankommen sehen. Dann werden Ronny und Christian neben uns stehen und gemeinsam werden wir uns ein Bierchen aufmachen, ein gut gekühltes Stiegl käme da grad recht.

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Dieses Posting entstand genau 40 Tage nach seinem Tod. So lange bleibt laut schamanischer Vorstellung die Seele noch bei uns, bevor sie sich wohin auch immer verabschiedet.

Zero SR – Oberliga des Elektromotorradfahrens

Nach der Zero FX (siehe früherer Beitrag) durfte ich jetzt die „große“ Zero testen. Sie ist von der Konstruktion her ein Naked Bike und kommt einem herkömmlichen Motorrad vom Fahrgefühl schon sehr nahe.
Einen ausführlichen Test gibt es im motomobil: http://www.motomobil.at/component/content/article/37-test-technik/647-zero-sr-test-e-bike
Ich möchte hier nicht alles, was dort steht, noch einmal herunterbeten. Daher werde ich mich auf die Besonderheiten und Unterschiede beschränken.

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Kraft und Beschleunigung
Alan Cathcart schreibt, dass die Zero SR „in der Beschleunigung aus dem Stand besser ist als fast alles, was Räder hat.“ Nun, dann ist er noch keine starke Maschine gefahren. Natürlich geht sie saugut und die Art der Kraftentfaltung ist angenehm und faszinierend, aber jede gute GSX-R 750 ist besser, von den 1000ern ganz zu schweigen. Allerdings müssen die sich auch gehörig anstrengen, um der SR davon zu fahren.

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Lassen wir die Kirche im Dorf, die SR geht etwa wie eine 600er Supersport, allerdings nur bis ca. 140 km/h, dann wird die restliche Beschleunigung etwas zäh bis zur Spitze von ca. 160.
Das reicht für jede normale Tour, denn der wichtige Geschwindigkeitsbereich von 40 bis 120 wird sehr gut abgedeckt. Ich bin gestern einer Supermoto davon gefahren, deren Fahrer bis in die Haarspitzen (unterm Helm zwar nicht zu sehen, aber es war so) motiviert war – ich hatte nämlich ein holländisches Kennzeichen und er war auf seiner Hausstrecke von Katzelsdorf hinauf auf den Tulbinger Kogel unterwegs. Also war ich Feind, Doppel-Feind, den er unbedingt herbrennen musste. Seine Karten waren auch gut gemischt, denn er kannte die Strecke und vor allem sein Bike in und auswendig. Und ich hatte gerade mal 15 km auf dem Sattel und kenne die Strecke eher so na ja. Außerdem traue ich mich mit einem Testbike die Kurven lange nicht so zu fahren wie es das Bike könnte.

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Auf jeder Geraden wurde er hinter mir kleiner und frustrierter. Nach etwa der Hälfte ließ ich ihn vor und hängte mich dann an ihn an. Das Gerudere war köstlich anzusehen, sein rausgestrecktes Bein in jeder Kurve, um nur ja alles ausnützen zu können.
Das ist die Zero SR. Lautlos, unauffällig und ein Pain in the Ass für Superbike- und Supermotofahrer, die alles und jedes bekämpfen müssen, was sich so auf der Straße bewegt und zwei Räder hat.

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Reichweite
Nach der FX hatte ich die Hoffnung auf wirklich üppige Reichweite, so um die 200 km werden angegeben. Die kann man auch fahren, allerdings in der Geschwindigkeit und Beschleunigung einer Automatik-Vespa. Wer im Sportmodus ordentlich Strom gibt, sieht die Batterievorräte schmelzen wie Eis in der Sonne. Dann werden 100 Kilometer schon eher zum Problem.
Das Bike hat einen Schutzmodus, wenn die Akkuleistung einen bestimmten Wert unterschreitet, regelt er automatisch ab, damit man noch ausreichend Reichweite hat. Vielleicht kann das Zusatz-Akkupaket, das man dort montieren kann, wo sonst der Tank bei einem Motorrad sitzt, noch ordentlich was drauflegen, aber mein Testbike hatte es nicht dabei.

akkufach

Die Hinterbremse wurde angeblich verbessert und es ist jetzt ein spanisches Fabrikat montiert. Nach der Testfahrt frage ich mich, ob Spanier echte Hinterradbremser sind. Bei der Bremsleistung dürfte das eher nicht der Fall sein. Mit anderen Worten: Man könnte eine tadellose Gewichtsersparnis erzielen, wenn man die Hinterradbremse einfach ausbaut. Sie ist nämlich wirkungslos und bedeutet nur zusätzliches Gewicht, das von der Vorderbremse mitgebremst werden muss. Ja, ich rede wirklich von komplett wirkungslos. Erstens ist sie schwergängig und sobald eine erste zarte Wirkung eintreten könnte – wirklich noch davor – blockiert sie. Das ist nicht nur ihre Schuld, die Lastverteilung ist sehr weit vorne und gerade bergab bleibt hinten quasi kein Gewicht übrig. Wie gesagt: ausbauen.
Im folgenden Bild ist sie gut zu sehen, vor allem aber auch die wunderhübsch geschweisste Schwinge. Generell wirkt die Zero hochwertig gearbeitet – das dürften die Amis drauf haben, zumindest die von Zero, wenngleich ich anmerken muss, dass fast alles zugekauft wird.

hinterbremse

Anders die Vorderbremse. Sie erfüllt ihre Pflicht und zieht ziemlich gut. Trotzdem wünsche ich mir eine zweite Scheibe – von mir aus sollen sie die von hinten nach vorne verbauen. Die Bremswirkung wirkt etwas filigran, wobei das auch an der Upside-Down-Vordergabel liegen kann. Generell empfand ich das Fahrwerk als etwas zu schwammig – eben filigran. Bei der Kraftentfaltung will ich ein sehr stabiles Fahrgefühl. Vielleicht lässt sich mit der Gabeleinstellung was machen, ich habe das nicht ausprobiert, aber die Verwindung in Kurven ist spürbar, sogar für mich als Rollerfahrer, der bei alten Vespas einiges gewohnt ist.

vorderbremse

Alles in allem ist die Zero ein absoluter Gewinn auf dem sehr breit gestreuten Motorradmarkt. Das fast geräuschlose, stets Staunen erweckende Gleiten, dazu die tolle Kraftentfaltung machen das Bike zu einem Spaßfahrzeug, dessen Faszination noch fast niemandem bekannt ist. Man muss sie fahren, ausprobieren und dem Charme elektrischen Fahrens erliegen – ich kann das nur empfehlen. Am nächsten Bild sieht man gut die Größenverhältnisse – mein lieber Freund und Motorradmechaniker hat den Radstand nachgemessen und für gut befunden. Er wünscht sich eine andere Lenkgeometrie: die Griffe der Lenkstange hinter dem Gabelholm – aber das ist Geschmackssache, so wie die Sitzposition. Anfänglich erschien sie mir stark nach vorne gestreckt, nach 50 km hatte ich mich daran gewöhnt und als ich nach Ablieferung der Zero auf meine SH stieg, hatte ich ein extrem seltsames Fahrgefühl – ganz abgesehen von der plötzlich fehlenden Kraft.

zeromitguido

Ein Schwachpunkt zeigte sich leider bei beiden Touren: Bei engagierter Fahrweise in bergigem Gelände wird der Motor heiß. Dann blinkt eine gelbe Temperaturwarnlampe und man erschrickt. Die Betriebsanleitung zeigt, dass dann das „Temperaturmanagement“ zu arbeiten beginn und dass das keinerlei Befürchtung hervorrufen sollte. Trotzdem wirkt es seltsam und wenn man dann nicht „vom Strom“ geht, regelt irgendwann die Elektronik den Motor ab. Das passiert somit dann, wenn es gerade am Schönsten ist – ein Nachteil, der bei herkömmlichen Motorrädern nicht auftritt. Ich darf noch erwähnen, dass die Testfahrten an keinem heißen Tag durchgeführt wurden und dass ich die Zero eher vorsichtig gefahren bin.
Kein Motorrad für den Stadtverkehr – so viel steht für mich fest. Erstens empfehle ich jedem in der Stadt ein Fahrzeug mit Durchstieg – für den Fall eines Seitenaufpralls – zweitens orientieren sich die Menschen akustisch und nicht optisch, was zu unschönen Gefahrenmomenten führen kann, und drittens ist sie für die Stadt einfach übermotorisiert. Für eine nicht allzulange Spritztour ist sie dafür eine echte Alternative zu starken Motorrädern und macht enorm Spaß.

Zero FX – Elektromotorrad light, aber nicht schwach

Vor zwei Jahren durfte ich schon die Zero DS testen. Inzwischen hat sich viel getan in der kalifornischen Motorradschmiede. Die Fahrzeuge sind ausgereift und werden in Serie gebaut.
Der Preis: knapp unter 10.000 Euro, also in etwa so viel wie ein Piaggio MP3 500 Roller. Die Vergleichbarkeit ist jedoch ansonsten gering – die FX wiegt laut Werksangabe knapp 127 kg, der MP3-Roller mehr als das doppelte.

Dopplerhuette

kurve

Die getestete Version hat einen stärkeren Motor und kostet knapp über 12.000 Euro. Dafür bekommt man schon sehr gute Motorräder, aber nichts vergleichbares.
Bleiben wir bei der FX. Sie ist designmäßig inzwischen ziemlich anspruchsvoll und sieht bei weitem nicht aus wie irgendein Elektro-Versuchsmobil, das im Hinterhof zusammengeschustert wurde. Die Qualität wirkt gut, zumindest soweit man das bei einer ersten Begutachtung und Probefahrt sagen kann. Die Bremsen ziehen ausreichend, die hintere ist sogar ein wenig zu scharf, man blockiert fast sofort.

Zero baut verschiedene Modelle. Das ist das leichteste und schwächste. Allerdings muss man hier aufpassen, die Motorleistung entspricht zwischen 40 und 90 km/h etwa einer 750er Enduro, sie zieht erbarmungslos ab, jeder Überholversuch wird zu einer Sekundenangelegenheit: von 0 auf 100 in vier Sekunden. Das war bei der getesteten Zero DS vor zwei Jahren auch schon ähnlich, nur wog diese noch knapp 200 kg und war deutlich voluminöser. Bild: Vorbei am Wienerwaldgasthof Bonka in Oberkirchbach.

bonka

Ein Vergleich darf noch sein: Die KTM Duke 690 hat 70 Nm bei 5.500 U/min, die Zero legt 95 hin, und zwar gleich. Damit es einen nicht sofort abwirft, wird elektronisch über eine Steuereinheit abgeregelt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei ca. 135 km/h, aber für die Autobahn sollte man sich sowieso was anderes kaufen. Im folgenden Bild sieht man vor allem wie breit der Lenker ist – für meine Begriffe schon an der Grenze des Bequemen:

lenker

Hier wirkt alles leicht und filigran, aber nicht zerbrechlich. Auch die Schalter, das Display und die Plastikteile muten stabil an, es ist ein echtes Motorrad und beschränkt sich auf die notwendigsten Bedienelemente.

mode

Tacho

Am Bedienfeld kann man zwischen „Eco“, „Sport“ und „Custom“ wählen, das sind drei Betriebsmodi. Im ersteren spart man Strom, die Motorleistung ist gering, aber dafür schafft man es bis zur nächsten Steckdose. Es reicht übrigens eine ganz normale und das Kabel hat man auch immer dabei – wenngleich es sonst keinerlei Gepäckraum mehr gibt. Wer was mitnehmen will, wählt den Rucksack.

tankstelle

Im Sportmodus geht die Post ab und im Custom-Modus kann man selbst via Handy und Blue Tooth umschalten und programmieren (das hab ich aber nicht ausprobiert).
Für Geländefahrten ist die FX übrigens definitiv nicht geeignet, vor allem wegen des Antriebsriemens – der würde erstens bald aufsitzen und zweitens hält er keine Steine aus, die sich darunter verfangen könnten.

antrieb

Darüber habe ich mit Herbert Bonka ausführlich diskutiert – er ist im Gegensatz zu mir ein guter Crosser und weiß wovon er spricht:

fachsimpeln

Noch einmal zum Preis: Viele begehen gerne den Fehler nur den Kaufpreis zu sehen und nicht die laufenden Kosten. Die Akkuladung für 100 km kostet knapp über einen Euro, da legt man bei einem normalen Motorrad schon 7x so viel hin. Dazu kommen die geringen Wartungskosten: Das Ding besteht aus einem Rahmen, Sitz, Gabel, Federung, Beleuchtung, Schwinge, Akku, Elektromotor und Steuereinheit. Im folgenden Bild sieht man den Motor, der wie eine Lichtmaschine aussieht und genau genommen auch eine solche ist – nur halt umgepolt:

motor

Dann gibt es noch zwei Räder, eine Bremsanlage und ein paar Verkleidungsteile und das war es auch schon. Die Wartung beschränkt sich auf die Bremsen und hin und wieder die Federung. Sehr viel mehr ist nicht zu tun. Bei einer angenommenen Kilometerleistung von 5.000 pro Jahr erspart man sich im Jahr ca. 800 Euro. Auf fünf Jahre gerechnet sind das 4.000 Euro Ersparnis gegenüber einem benzingetriebenen Motorrad.

groesse

Selbstverständlich hat das auch Nachteile: Man braucht relativ oft eine Lademöglichkeit (in der Stadt fährt sie mindestens 100 km, bei Vollgastouren im Wiener Wald kann auch nach 60 km der Strom zur Neige gehen), und man hat kein Motorgeräusch. Bis auf das Abrollgeräusch der Räder und das Surren der Rekuperation gibt es nur die Windgeräusche des Helms. Wer gerne brüllend und donnernd daher kommt, wird sich so etwas nicht kaufen.

Der Ronny ist nicht mehr

„Ich bin eine Northern Soul Schlampe“ hat der Ronny manchmal gesagt. Und gegrinst. Und einen Schluck von seinem Bier genommen und einen tiefen, genussvollen Zug von seiner Zigarette.

Montag Abend hat er sich in den Northern Soul-Vespa-Lambretta-Mod-Himmel abgeseilt – oder eigentlich eher aufgeseilt, denn sein Blick ging die letzten Stunden seines Lebens nach oben.

Irgendwann vor ca. zehn Jahren hat mir mein lieber Freund Schubi im Vespa-Gespräch geraten: geh doch zum Ronny! Er hätte eine Werkstatt in der Heiligenstädter Straße und würde mir sicher bei meinen Vespa-Problemen helfen. Damals konnte ich noch nicht zangeln. Ich kannte ja den Ronny noch nicht, oder zumindest fast nicht, wie sich bald herausstellen sollte.
Also rief ich ihn an und er meinte, ich solle doch einfach am Abend vorbei kommen, er wäre eh da. „Servas, i bin der Ronny. Schieb einfach deine Vespa herein.“ Als ich die Sprint das erste Mal über die Schwelle der Galeria hievte, wusste ich noch nicht, welch gute Freundschaft in den nächsten Jahren mein Leben bereichern würde.
„Pfau, da schau i oba“ waren Ronnys Worte, als er die Sprint in ihrem Mod-Style sah.
Dann war es eine Sache von Minuten bis wir wussten, dass Ronny ein Jugendfreund meines Bruders war und ich ihn damals natürlich auch kannte, wenngleich so flüchtig, dass die Erinnerungen nur sehr vage waren oder überhaupt dem Wunschdenken entsprangen.
Ronny war Mod. Ronny war Vespa-Fahrer. Und ein außergewöhnlicher Mensch. Außerdem war er noch Bilanzbuchhalter, liebevoller Vater, einer der besten Zangler auf Lambretta und Vespa, und auch starker Raucher. Leider.

Fröhlich und ernst, launisch und beruhigend, sanft und brutal – Ronny war ein Mensch mit breitem Spektrum, den nicht nur seine Roller, sondern auch das Leben schon ordentlich durchgebeutelt hatten. Vor etwas mehr als zehn Jahren musste er mit dem Tod seines Vaters zurecht kommen. Diese Breitseite hat er irgendwie nie ganz verkraftet, vielleicht begann damals sein Liebäugeln mit dem Tod.
Er war auch ein Suchender – lange Jahre nach der richtigen Frau, selbstverständlich ständig nach guten, raren Lambretta-Teilen, dem nächsten kühlen Bier, der nächsten Tschik und nach so etwas wie dem Sinn des Lebens. In den letzten Jahren nahm seine Spiritualität beständig zu, an langen Abenden zu zweit in der Galeria durfte ich hin und wieder in der ersten Reihe vor der Bühne von Ronnys Leben Platz nehmen.
Die Suche bringt Sucht, zumindest manchen Menschen. Er war einer von diesen und sein Bruder Bobby meinte gestern: „Der Ronny hat sein Leben viele Jahre mit Vollgas gelebt.“ Wir konnten uns dann einigen, dass er „in echt“ ca. 70 Jahre alt wurde.
Trotzdem sind uns die 46, die es dann doch waren, deutlich zu wenig. Er ist zu früh gegangen, zumindest aus der Sicht der Zurückbleibenden. Es wäre nicht fair, meinte Bobby, dass Ronny gehen musste und nicht er. Das Schicksal kennt aber keine Fairness.

Vor einem halben Jahr erfuhr ich, dass mein lieber Freund Christian schwer an Krebs erkrankt war. Noch am selben Tag rief mich Ronny an und meinte, er müsse mir leider mitteilen, dass er Speiseröhrenkrebs hätte.
Ronny war der beste Bäcker der Straße.
Christian war der beste Zuckerbäcker der Straße und hatte viel von Ronny gelernt.
Und ich habe viel von beiden gelernt, Tipps und Tricks – eigentlich das meiste, was ich heute kann, wenn ich an Vespas herumzangle. Durch ihn kam ich überhaupt erst auf den Geschmack, durch die zahllosen Abende in der Galeria, wo wir bei einem guten Bier Motoren zusammen bauten und Elektrik-Probleme diskutierten, bis die Köpfe rauchten. Im folgenden Bild sehen wir Ronny beim Nacht-Lackieren des Lamy-Lenkerkopfs, im Scheinwerferkegel meiner Honda.

lackieren

Ohne seine Anleitungen und Tricks, für die er nie einen Cent verlangte, wäre in mir vielleicht nie die Leidenschaft entstanden. Wie oft habe ich ihn angerufen und er hat mir erklärt, wie ich etwas richtig einbauen oder Kabel korrekt anstecken kann. Er wusste eigentlich immer was zu tun war, konnte ein Problem gut analysieren, eingrenzen und hatte jede Menge spezielle Möglichkeiten. Seine Schweißnähte waren nie schön – aber immerhin, er konnte schweißen:

schweissen

Notfalls funktionierte immer das Universalwerkzeug, wie auf dem folgenden Bild:

hammer

Martina wurde die Mutter seiner Tochter Ani, die jetzt gute drei Jahre alt ist. Ein zuckersüßes Dirndl, dessen Erwachsenwerden Ronny gerne miterlebt hätte. Sehr gerne, daher hat er auch nicht aufgegeben, als ihn die Ärzte – genauer gesagt: die Schulmediziner – aufgegeben hatten.
Jammerschade, dass er den anderen Weg nicht mehr rechtzeitig einschlagen konnte. Erst nachdem sie ihn aufgeschnitten hatten, fing der Krebs in seinem Dünndarm zu wuchern an, was schließlich seinen Körper so zerstörte, dass auch die alternativen Versuche nichts mehr nützten. Binnen weniger Wochen ging es zu Ende.
Ronny ist einer der zahlreichen Fälle, die den Göttern in weiß zeigen, wo ihre Grenzen sind und dass sie bei manchen Erkrankungen besser die Finger davon lassen sollten.
Wir wissen nicht, ob Ronny noch leben würde, wäre er an dem Tag nicht ins Krankenhaus gefahren. Er war kräftig, voller Tatendrang und hatte noch schnell mit Christian Bosich seine Lambretta fertig gebaut – oder zumindest fast fertig, aber sie lief schon. Das ist ein Bild davon, mit diesem Roller wollte er nach seiner Genesung den Jakobsweg fahren, wie er mir vor einiger Zeit sehr emotionsgeladen erzählt hatte:

lamy

Nach der Operation hatte er eine riesige Wunde im Bauch, einen Krankenhauskeim (lange Zeit unentdeckt) und erholte sich nie wieder. Ich möchte an dieser Stelle nicht all das erzählen, was ich im AKH alles mit ihm erlebt habe, es macht nur wütend und traurig. Über den Zynismus, mit dem sie Menschen sterben schicken, nur weil sie selbst mit ihren Methoden am Ende sind, werde ich ein andermal hier in diesem Weblog schreiben.
Ronny war auch wütend und enttäuscht, er fühlte sich allein gelassen und mies behandelt. Als er dann ins St. Elisabeth Spital auf die Palliativstation kam, wurde das anders. Dort behandelten sie ihn menschlich und mit der Wärme, die schwer kranken Menschen zusteht. Vor seinem Fenster stand ein großer Maulbeerbaum und die Schwestern kümmerten sich rührend um ihn.
Wir hatten die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben und ich schmiedete mit ihm gemeinsam Pläne, wie wir die Lamy durchs Pickerl bekommen und danach anmelden könnten.

Ronny war Mod. Nicht einfach nur irgend ein Mod, sondern einer der zentralen Figuren in der Szene der 1980er, rund um den Donnerbrunnen. Kaum einer, der Ronny nicht kannte. Er lebte „Modernist“ sein durchgehend, mit feinen Anzügen aus den Sixties, Parka und Motorroller.
Das folgende Foto zeigt ihn vor der Galeria bei einem Fototermin für einen Kurier-Artikel:

parka

Er fuhr zu zahllosen Scooterruns bis nach Schottland und sonstwohin. Er schlief im Straßengraben, eingewickelt in seinen Parka und achtete darauf, dass der feine Anzug nicht verknitterte. Er hasste Skinheads und Neonazis und hatte in seiner Jugend so manche Prügelei überstehen müssen, einsteckend und austeilend. Mod sein ist eine Stilfrage und Ronny hatte Stil, zweifellos. Selbst ein Trainingsanzug hatte bei ihm etwas stilvolles, wie auch immer er das anstellte. Hier ein Foto vom Donnerbrunnen, als sich die „Alt-Mods“ zu einem kleinen Stelldichein versammelten:

donnerbrunnen

Nicht vergessen dürfen wir auf die Musik, die spielt im Leben der Mods eine große Rolle. Neben den Klassikern der Mod-Szene der 1980er (The Who, Madness etc.) ist das vor allem die Northern Soul Musik. Die Soul-Musik war in den Urzeiten der Modbewegung, also in den 1950ern, die eigentlich stilprägende Musik, die später dann von modernerer Musik abgelöst wurde. Nur im Norden von England sprach sich das nicht so schnell herum und dort wurde weiterhin die Soul-Musik in der Frühvariante gespielt, daher nannte man sie dann eben „Northern Soul“.
Hier zwei von Ronnys Lieblingsnummern:

Die Wiener Northern Soul Szene (ja, die gibt es!) wird ihn fast genauso vermissen wie die Rollerszene. Die Galeria war einer der Geheimtipps, wo man an Dienstag Abenden vorbei schauen konnte und mindestens einen guten Tipp bekam, oft wurde spontan einfach der eine oder andere Roller repariert. Wenn ein Ersatzteil nötig war, dann hatte Ronny es wahrscheinlich in einer der zahllosen Kisten, die so ungeordnet aussahen, aber das Genie beherrscht das Chaos. Alle anderen brauchen Ordnung. Auch Ronny wollte zum Schluss Ordnung haben und so heiratete er wenige Tage vor seinem Tod noch Martina. Im St. Elisabeth Spital ist das eine der leichteren Übungen, da es sich um ein Ordensspital handelt. Ronny behielt auch mit der Magensonde, durch die er einen Schlauch aus der Nase hängen hatte, die notwendige Würde. Der Schlauch wurde für solche Fälle ganz einfach hinter das Ohr geklemmt, so what!
Im österreichischen Recht ist das eine wichtige Sache, damit seine Frau und die Tochter ordentlich versorgt sind. Ronny kämpfte in den letzten Jahren mit wechselnden Arbeitgebern und auch einer Phase der Arbeitslosigkeit, die er jedoch durch einen guten und nicht unspannenden neuen Job überwinden konnte. Er war ein Bilanzbuchhalter der besonderen Sorte und hängte sich immer ordentlich ins Zeug. Er war ein sehr wertvoller, weil ungewöhnlicher Buchhalter, nicht nur vom Aussehen, auch von der Art der eigenen Auffassung seiner Tätigkeit. Er schaffte es meistens erfolgreich mit der Steuer zu verhandeln, was ihm Anerkennung einbrachte.

Seine Familie war ihm wichtig, vor allem sein Bruder Bobby, auf den er auch noch in der Zeit seiner Erkrankung aufpasste und mit strenger Miene meinte, ich solle ein ernstes Wörtchen mit seinem Arbeitgeber reden, auf dass ihn dieser auch ordentlich und pünktlich bezahle.

brueder

Seine Tochter Ani ist ein entzückendes kleines Ding mit einem Lächeln, das Eisberge verdampfen kann.

ana

Ihr galt auch seine Aufmerksamkeit und gemeinsam wohnten sie mit Martina im zweiten Bezirk, mit all den Höhen und Tiefen, die so ein Familienleben zu bieten hat.
Das Bild hab ich beim Holländer aufgenommen, sozusagen Ronnys Stammbeisl:

stammtisch

We watched our friends grow up together
and we saw them as they fell.
Some of them fell into heaven
and some of them fell into hell.

Ronnys dunkle Seite gehörte auch zu seinem Leben. Bier bis Oberkante Unterlippe, manchmal an der Grenze des Erträglichen. Und natürlich die Zigaretten. Es waren viele, sehr viele und das über sehr viele Jahre. Bis die schwächste Stelle nicht mehr konnte, und das war die Speiseröhre. Und dann der Dünndarm. Jeder von uns lebt sein Leben und niemand weiß, welche Faktoren mehr wirken und welche weniger. Manche werden hundert Jahre und andere reisst es noch vor der Hälfte von uns weg.

amc2010

Ob Ronny noch leben könnte, wenn er rechtzeitig mit dem Rauchen aufgehört hätte? Was ist rechtzeitig? Diese Fragen werden wir nie beantworten können und manchmal ist das auch gut so, denn niemand sollte seinen Todeszeitpunkt kennen. Martina hat gestern gemeint, hier stirbt ein Mensch am Krebs und in Palästina werden gerade junge, gesunde Menschen dem politischen Wahnsinn geopfert und in den Tod geschickt.
Was hat Ronny hinübergezogen, bis sein Körper nicht mehr konnte?

Als ich Montag Mittag zu ihm ins Spital fuhr, ging es ihm schon recht mies. Trotzdem plauderten wir und ich fuhr mit gemischten Gefühlen wieder weg. Würde er es schaffen? Die nächste Zeit wird kritisch, so viel war klar.
Am Abend rief mich dann Martina an und fragte, ob ich zu ihm fahren könnte und wollte. Es stünde sehr schlecht um ihn und so machte ich mich auf einen schweren Weg. Um 22 Uhr kam dann Bobby und gemeinsam wachten wir über unseren Gefährten, der langsam immer schwerer atmete. Ich besprach mit Bobby noch die Idee ihm ein wenig Musik zu gönnen, weil er schon ziemlich weggetreten war.
„Love Reign O´er Me“ aus Quadrophenia schien mir passend und mit diesen Klängen in den Ohren verstarb Ronny am Montag, 14. Juli 2014 um 22.20 Uhr. Er ist sehr sanft und friedlich hinüber geglitten, wohin auch immer.
Mit seiner Lamy, ein paar Northern Soul Platten und seinem Parka macht er sich jetzt auf die lange Reise, die uns allen irgendwann bevorsteht. Bei ihm führt sie auf jeden Fall dorthin, wo alle guten Menschen ein großes Ganzes bilden, wie auch immer das gestaltet sein mag und das wir nur sehr unzureichend mit dem Wort „Himmel“ beschreiben.
Der Ronny ist ein Teil davon. Auch wenn er „Hope I´ll die before I get old“ wohl ein bisschen zu wörtlich genommen hat.

Ronnys Begräbnis

Er wurde am 25. Juli am Stammersdorfer Zentralfriedhof bestattet. Irgendwie war allen klar, dass es sich hier nicht um irgend ein Begräbnis handelt. Es wurde bewusst inszeniert und ich glaube, es hätte ihm gefallen. Vielleicht hat es das ja, wer weiß schon, ob und wie er uns zugesehen hat.
In der Früh fuhr ich nach Langenzersdorf zu unserem lieben Freund Sempal, denn mit ihm hatte ich am Vortag die Lammy in den Bus eingeladen.

einladen

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach Stammersdorf und trafen dort Bobby. Gemeinsam luden wir die Lambretta aus und die ausgesprochen netten Pompfuneberer erlaubten uns sie neben den Sarg in die kleine Kapelle zu stellen, gleich neben das Bild von Ronny, im Anzug tanzend, bei irgend einem Northern-Soul-Fest.

lammy

Das folgende Bild zeigt dieses Tanzfoto, auf dem auch Christian drauf ist, dessen Begräbnis erst vor zwei Wochen war.

tanzend

Dann ging es zum Schachtelwirt auf die Brünner Straße, wo sich die Rollerfahrer für den Korso treffen sollten. Zehn waren schon da, bald waren es zwanzig. Irgendwann dreißig, vierzig, bei der Abfahrt waren es gute 50 Roller, eine stattliche Anzahl, wenn man bedenkt, wie viele wegen Urlaub oder anderen Verpflichtungen nicht mitfahren konnten.

treffen

Jeder Roller bekam ein schwarzes Band und wir machten uns auf den kurzen Weg zum Friedhof. Bei der Kreuzung zur Stammersdorfer Straße versagte plötzlich die Schaltung meiner Sprint. Ein wenig schwammig war sie in den Tagen davor schon gewesen, aber ich dachte mir: nachstellen ist nach dem neuen Einbau des Motors eine Kleinigkeit, die ich irgendwann erledigen könnte.
Jetzt ging gar nichts mehr und ich war gerade im 4. Gang. Also ordentlich am Gas bleiben, ein wenig mit der Kupplung arbeiten, vor allem wegen des Schleichers im Auto vor mir. Parkplatz erreicht, passt!
Erst am späten Nachmittag konnte ich den Schaden finden: Das Gangseil war im Lenkerkopf abgerissen, nur mehr das Nipperl war da – so etwas passiert eigentlich nie. Eigentlich.

nipperl

Vor der Kapelle waren schon viele Leute, jetzt noch mehr als 50 RollerfahrerInnen – glücklicherweise hatte Ronny gutes Wetter bestellt und so konnten etwa die Hälfte der Trauergäste die Feier vor der Kapelle mitverfolgen und wurden über Lautsprecher zumindest akustisch gut versorgt.
Louis Armstrong: We have all the time in the world – eine alte Lieblingsnummer von Ronny, bei der die ersten seiner Freunde, die nah am Wasser gebaut sind, bereits frühzeitig ausschieden.
Ein Kranz in Form eines Mod-Targets von Nivin und Jürgen, auch das hätte Ronny mit „coool“ kommentiert. Einen besonderen Platz hatte seine alte Kutte, mit der er zahllose Scooterruns erlebt hatte. Bei jedem kam ein Aufnäher drauf – Ronny hatte so viele, dass er sie auf der Innenseite anbringen musste. Diese Kutte zierte auf seinem letzten Weg seinen Sarg. Fast konnte man sein breites Grinsen sehen.

kutte

Der Priester war der gleiche wie bei seiner Hochzeit, die nur zwei Wochen zurück lag. Vor seiner Predigt hatte ich die Ehre im Namen seiner Freunde ein paar Worte zu sprechen.
Bobby schob die Lammy vor dem Sarg den ganzen Weg bis zum Grab – sicher nicht das schwerste auf diesem Weg. Eine stattliche Anzahl von ca. 120 Personen folgte ihm. Mods mit Anzügen und Parkas, Scooterboys, die Crazy Ducks, jede Menge alte Freunde aus Lockenhaus, aus seiner Jugend, die Galleria-Freunde und noch viele mehr. Insgesamt eine vielfältige, große Schar an Freunden, die einander oft seit Jahrzehnten nicht gesehen hatten und durchwegs meinten, eine andere Gelegenheit wäre ihnen deutlich lieber gewesen.
Seine kleine Familie ging hinter dem Sarg, Martina mit ihren beiden Kindern und natürlich die Tante Wanda.
Wie bei Rollerfahrerbegräbnissen üblich landeten auch diesmal wieder einige seltsame Gegenstände im Grab: Gasgriffe, Zündkerzen und noch einiges mehr. Wenn in ein paar tausend Jahren hier einmal Ausgrabungen stattfinden, wird man sich sehr wundern, welche Rituale die Menschen damals hatten.
Als alle Trauergäste sich von Ronny verabschiedet hatten, stand die Lammy einsam an seinem Grab, als ob sie ihn bewachen würde.

einsame-lammy

Danach durfte sich Ani noch auf den Roller setzen. Wer weiß, vielleicht wird sie irgendwann eine kesse Modette mit einer feschen Lambretta.

ani

Ein Heurigenbesuch in Stammersdorf – dort gab es auch Bier, was Ronny gut gefallen hätte. Der Leichenschmaus samt einem guten Schluck dient seit ewigen Zeiten dazu wieder ins Leben zurück zu finden. In ein Leben, das der Ronny sehr viele Jahre in vollen Zügen genießen konnte, mit Höhen und Tiefen, Schicksalsschlägen und großartigen Ereignissen.

heuriger

Da und dort tauchte die erste Anekdote aus Ronnys Leben auf, gefolgt von noch einer und noch einer. So viele Freunde hatten so viele Erlebnisse in ihren Erinnerungen, da hätten zehn Heurigenbesuche nicht ausgereicht. Im Laufe des Nachmittags löste sich die Trauergemeinschaft dann auf, die Vespas und Lambrettas wurden gestartet und alle gingen ihrer Wege.
Vielleicht nimmt ja jeder ein Stück von Ronny mit, in seinen/ihren Erinnerungen und auch in den Rollern, die in gar nicht geringer Zahl irgendwann durch Ronnys Hände gingen. Er bleibt uns aber nicht nur als Zangler in Erinnerung, sondern als guter Freund und Kamerad, als lustiger Geselle, als außergewöhnlicher Mensch, den zu kennen niemandem je zur Schande gereicht hat.