Die Rath – ein Nachruf

„Gemma zur Rath“ – das war knapp dreißig Jahre eine Aussage, mehr als ein Vorschlag, eigentlich ein Programm.
Die Rath – das war die Buschenschank Rath in der Liebhartstalstraße am Fuße des Gallitzinbergs. Es war aber auch der Name der Chefin, Christine Rath sen.
Das Lokal war so klassisch wie es eine Buschenschank nur sein kann. Auf dem großen Grundstück steht eine alte Villa, in der die Familie wohnte. Der „alte Herr Rath“ – er war irgendwie immer schon alt, vielleicht weil er für junge Menschen so aussah – hatte in früherer Zeit eine Knopffabrik. Dann kam Asien und überschwemmte den Markt mit billigen Knöpfen und Herr Rath musste seine Firma zusperren.
Was nun?
Seine Frau stammte aus einer Winzerfamilie und es gab da noch einen kleinen Weingarten hinterm Haus und noch andere – der Gedanke an eine Buschenschank war da nicht weit.
Also sperrte man Anfang der 1980er Jahre auf, mit ein paar Tischen im Garten und weiteren „indoor“, wie man heute sagen würde.
Vorne die Villa, an der man seitlich vorbeiging, hinten das Lokal. Es gab eine Küche (leider nur eine für Privathaus und Betrieb, das war aber erst viel später ein Thema) und eine Schank und viel mehr war auch nicht notwendig.
Drinnen war es richtig kuschelig, rechtzeitig reservieren von Vorteil, an Gemütlichkeit war es aber fast nicht zu übertreffen.

Es war ein Familienbetrieb und wer die Gastro kennt, kann abschätzen, was das bedeutet. Als viele Jahre später die Frage im Raum stand, ob eines von den Kindern den Betrieb übernehmen würde, konnte diese leider nur mit „nein“ beantwortet werden, aus unterschiedlichen Gründen.
Aber so weit sind wir noch nicht.

Ich lernte das Lokal in der Schulzeit kennen, es muss so 1983 oder 1984 gewesen sein. Die mittlere Tochter Petra ging mit meiner Schwester in die Klasse – unsere Schule war in der Nähe – und irgendwann landeten wir beim Heurigen.
Der Wein war okay, schädelwehfrei, aber wir tranken den Weißwein immer als Spritzer. Die Mindestbestellung war „Liter – Liter“, in späteren Zeiten meinte Frau Rath einmal „Ich bring gleich 2 Liter Wein, wegen einem rennen zahlt sich bei euch nicht aus.“
Besonders hervorzuheben war der Sturm, der gehört für mich bis heute zu den besten, an die ich mich erinnern kann. Der wurde uns aber nur mehr in Dopplern an den Tisch gebracht, sicher ist sicher.

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Bild: Das letzte Foto vom letzten Tag 2013

Mit der Zeit wurde die Rath zu meinem Stammlokal und ich bekam immer einen Tisch, auch wenn sie eigentlich ausreserviert war. Mein Maximum waren 30 Besuche in zwei Monaten. Das war eine Ausnahme, aber ein Mal pro Woche war das absolute Minimum, wenn sie ausgesteckt hatte.
Auch sehr erwähnenswert war das Essen. Lungenbraten mit Käse im Teig, das sah aus wie eine Buchtel und war absolut köstlich.
Und der Schinken-Kren-Aufstrich, der durfte auf meinem Tablett nie fehlen. Viel war ohnehin hausgemacht, was eine Menge Arbeit bedeutete.

Während ich das schreibe, merke ich, wie sehr mir dieses Lokal fehlt, natürlich samt den Freunden, mit denen ich oft dort war und auch der Frau Rath. Ihre Stimme höre ich immer noch im Ohr, ihr freundliches Lächeln hab ich vor mir, wenngleich das in den letzten Jahren immer in Kombination mit etwas Erschöpfung einherging.
Sie war Wirtin mit Leib und Seele, trank mit den Gästen gerne einen guten Schluck, aber stets in Maßen.
Der Herr Rath war auch immer wieder mal dabei, stand aber eher in der Küche oder half am Buffet aus. Er war ein ausgesprochen gemütlicher Typ, während sie meistens recht energiegeladen war.
Das alles ist schon lange her und doch noch so nahe, die Erinnerungen sind klar und deutlich, vielleicht weil das eine wichtige Zeit für mich war.

Am 7. September 2013 war der letzte Tag und er ist für mich mit viel Wehmut verbunden, weil klar war, dass der Betrieb nicht weitergeführt wird.
Die älteste Tochter, Petra, war damals alleinerziehende Mutter und hatte einen guten Job. Der Sohn Gernot war Bibliothekar und wollte seinen Beruf auch nicht aufgeben und die jüngste Tochter, Christine, war Volksschullehrerin.

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Bild: Gerhard Müller, ein alter Freund und Stammgast, Petra und mein Bruder Peter.

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Bild: Meine Schwester Erika, daneben ihr Mann Andi, die Tochter Hanna und mein Bruder Peter

Und sie erinnerten sich alle an ihre Jugend, als die Freunde und Freundinnen auf Parties gingen und sie daheim in der Buschenschank aushelfen mussten. Das war nicht immer lustig, da geht gerne mal ein Teil der Jugend verloren. Ich weiß aber, dass ihnen die Entscheidung auch nicht leicht gefallen ist.
Zudem konnte der Betrieb nicht vom Privathaus getrennt werden, wie schon erwähnt, gab es nur eine Küche. Das Haus behalten und den Heurigen verpachten wäre nicht möglich gewesen.
Wenn man die Villa samt Grundstück verkauft hätte, wäre diese von einem Immobilienentwickler gekauft worden. Dann wäre das passiert, was mit dem Nachbargrundstück passiert ist, auf dem früher der „Baumeister Friedreich“ war, ebenfalls ein Heuriger.
Der sperrte schon Anfang der 1990er zu und heute stehen dort viele kleine Betonzellen, die sich Wohnungen nennen und sündteuer verkauft wurden.

Die Villa steht heute noch, das Google-Earth-Bild (von 2022) zeigt gut die Wiese, auf der die Tische standen und auch den alten Weinberg dahinter.

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Bild: Das gesamte Grundstück

Zu Beginn hatte die Rath gerade mal eine Handvoll Tische. Dann kam so jedes Jahr einer dazu oder auch zwei, zum Schluss war die Wiese bis oben mit Tischen voll, allerdings locker aufgestellt, irgendwie gerade noch gemütlich.
Wobei – so ganz stimmt das nicht. Die Frau Rath kannte die Grenzen des Betriebs und hinten blieb noch ein großes Stück Wiese für einen Kinderspielplatz und genau genommen wäre auch sonst noch jede Menge Platz für weitere Tische gewesen.

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Bild: Christine, die jüngste Tochter, beim Scherzen mit Gästen. Links und rechts vom Weg standen die Tische, ganz hinten auf der Wiese war der Kinderspielplatz

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Bild: So muss eine Buschenschank aussehen. Die Tische stehen im Garten auf der Wiese und an schönen Tagen war die Rath immer ausreserviert.

Die Bilder vom letzten Tag sind leider fast alle verschwommen, ich hatte damals keine gute Kamera, aber sie sind mir trotzdem lieb und wert. Sie zeigen das Ende einer tollen Zeit.

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Bild: Frau Rath bei ihrer Abschiedsrede

Von ca. 1983 bis 2013 – das sind tatsächlich fast dreißig Jahre, in denen ich dort Gast war. Das Gefühl ist ein anderes, viel kürzer.
Die Erinnerungsfetzen lassen sich nicht auf einzelne Besuche fixieren, außer es gibt Fotos und sie waren irgendwie besonders, wie der Abend am 7. Juli 2011, an dem ich mit meinem – inzwischen leider auch verstorbenen – Freund Oliver dort war. Damals sattelten wir unsere alten Vespas, die wir mit Ausnahmegenehmigung von der Frau Rath vor der Villa abstellen durften, und gönnten uns einen schönen Abend.

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Bild: Oliver vor seiner gelben Vespa GL 150, dahinter meine GS 150, vor der Villa.

Der Hund. Über viele Jahre gab es einen großen Hund – also eigentlich mehrere, einer hieß Merlin – von dem man mit Gebell empfangen wurde. Das gehörte irgendwie dazu. Normalerweise wurde er eingesperrt, aber halt nicht immer. Problem war das aber auch nie eines.
Am 4. September 2026 ist Christine Rath mit 79 Jahren gestorben. Sie hätte ja auch damals, vor 13 Jahren, irgendwie gerne weitergemacht, aber auch ihr Mann war nicht mehr bei bester Gesundheit und sie hatte ein langes, anstrengendes Heurigenleben hinter sich. Die Pension hatte sie sich absolut verdient, auch wenn es für die enorme Anzahl der Stammgäste ein bitterer Abschied war.
Die Buschenschank war so beliebt, dass sie mehr oder weniger nur mit den Stammgästen betrieben werden konnte. Der versteckte Ort im Liebhartstal war auch touristisch nicht erreichbar, die Rath war eine der letzten Heurigen in der Gegend. Heute gibt es in der Gegend nur mehr 1-2 Betriebe (den Herrmann und den Leitner) und die sind nicht vergleichbar, am ehesten noch der Leitner, unterhalb vom Schloss Wilhelminenberg.
Die meisten alten Buschenschanken haben inzwischen zugesperrt, nicht nur in Ottakring, auch im Rest von Wien und in Niederösterreich. Den Stary am Schafberg gibt es schon lange nicht mehr, den Binder (früher neben dem Herrmann) auch nicht mehr. Es wird immer schwieriger sie zu betreiben. Genau genommen braucht es ein Winzerehepaar mit Kindern und das Lokal muss auf Eigengrund stehen.
Die Rath bewirtschaftete die Rieden nicht mehr selbst, aber es war ihr Wein, der ausgeschenkt wurde.

Derzeit stehen viele Winzer und Winzerinnen vor dem Problem, dass sich die Gegebenheiten aufgrund des Klimawandels schnell verändern – wir werden in Zukunft wohl „südliche“ Weinsorten haben und keinen Grünen Veltliner oder Welschriesling mehr. Dazu kommt Kostendruck von vielen Seiten, leicht werden sie es nicht haben.
Wir können nur hoffen, dass es junge Unternehmer:innen gibt, die sich das trauen, was sich „die Rath“ getraut hat.
Und wir alle können dann dorthin gehen und dieses Kulturgut schätzen lernen. Auch im Andenken an die Frau Rath und ihre tolle Buschenschank.

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Bild: Links Gernot, der Sohn, in der Mitte Herr Rath und daneben Frau Rath

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Bild: Das letzte Foto ist dunkel, aber irgendwie passt das auch. Gernot, Herr Rath, Christine, Frau Rath und Petra

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