Beim Kudlicka – Teil 2

Mit dieser Geschichte begeben wir uns in die Vergangenheit (ins Jahr 1990), sie ist mir aber noch so in Erinnerung, als wäre es erst letztes Jahr gewesen. Kurz die Vorgeschichte: Im Sommer ein Jahr zuvor hatte ich mir einen zweiten Motor für eine alte Vespa gekauft, leider mit steckender Kurbelwelle und einem nur halb abgezogenen Zylinder, in den der Kolben hineingerostet war. Trotz diverser Tricks (für Kenner: 2 Seegerringe plus Spreizmetallstückchen etc.) bekam ich das Polrad nicht runter und den Zylinder sowieso nicht. In meiner beginnenden Verzweiflung fuhr ich zu meinem Automechaniker, auf dass er mit seinen besseren Werkzeugen vielleicht Erfolg hätte. Er hatte nicht, wollte aber auch keine Gewalt anwenden (“wer weiß, wie das da drin im Motor aussieht und was ich dann kaputt mache”), also zog ich unverrichteter Dinge wieder von dannen.

Am Heimweg über neue Lösungen sinnierend bemerkte ich plötzlich, dass ich am direkten Weg zum Kudlicka war – Schicksal wahrscheinlich. Auch ein Parkplatz in der engen Österleingasse war mir vergönnt und ich ging direkt in die kleine Werkstatt, wo ein (kroatischer) Mitarbeiter vom Kudlicka gerade an einer Rally zangelte.
Auf meine Bitte um einen guten Tipp für das Polradabziehen meinte er: „Wo ist Motor? Herbringen!“ – gesagt getan, schon hatte er den nächsten Ratschlag: „Rüber zum Kudlicka“ – d. h. auf die andere Straßenseite ins Geschäft.
Das war gerade ohne Kundschaft und der Kudlicka meinte „legen Sie Motor rauf“. Dann öffnete er eine der berühmten Schubladen hinter dem Tresen und holte eine Schachtel mit Seegerringen raus – leider ohne die gewünschte Größe zu finden. Mit kurzem Brummen verschwand er und kam mit den richtigen Ringen wieder. Einsetzen, einen kleinen Teil aus einer Beilagscheibe ausschneiden, als Verspannung in den Seegerring hineinhämmern, Stecknuss, Polrad springt raus. Also, normalerweise tut es das, diesmal tat es das nicht. „Jebem ti oca!“ der mit stoischer Miene vorgebrachte Kommentar.
„Wir brauchen Pressluftschrauber, rüber in die Werkstatt!“
Dort angekommen bewaffnete sich der Kudlicka (er ist inzwischen deutlich über 80 Jahre alt, hat sich aber optisch seit dem ich ihn kenne – 25 Jahre – nicht verändert) mit der großen Pressluftpistole und stürzte sich auf die Polradmutter. Geknattere, Druckluftgepfauche, kaputte Polradmutter und ein weiteres „Jebem ti oca“.

Dann ging es richtig los. Der Kudlicka hat nur den einen stoischen Gesichtsausdruck, aber ein Funkeln in den Augen verhieß nichts Gutes für das feststeckende Polrad.
Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter (ich war ab dem Zeitpunkt nur mehr zuschauender Statist) wurden auf Kroatisch Pläne geschmiedet, wie vorzugehen wäre.
Ergebnis: Der Zylinder muss runter! Der alte Mann holte aus einer Ecke die Mutter aller Flacheisen und begann den Zylinder zu bearbeiten – ohne jeden Erfolg.

Jetzt packte ihn der Ehrgeiz – der 50 Jahre alte Motor müsste doch zu packen sein! Eine Lötlampe war mit einer gigantischen Stichflamme schnell angeheizt und der Kudlicka begann den Motor abzufackeln. Armageddon schien nahe, Stichflammen in allen Farben, wahrscheinlich durch die Umengen MoS2-Spray, die bereits überall im Motor verteilt waren. Gestank, das Fauchen der Lötlampe und auch der Gehilfe neben mir nur mehr Statist.
Dann packte der Kudlicka eine massive Eisenstange und einen riesigen Hammer und begann den Kolben aus dem Zylinder zu schlagen (egal, der war sowieso kaputt und hätte nach dem Zylinderschleifen durch einen Übermaßkolben getauscht werden müssen).
Es kam Bewegung in die Sache, leider war das Ergebnis: Schlacht gewonnen, Patient tot – der Zylinder hatte das auch nicht überstanden („ah, das ist nichts, das kann man reparieren und ich hab guten Zylinder samt Kopf im Keller, fertig geschliffen“).

Der Kudlicka war jetzt so richtig in Fahrt gekommen und der Satz „machen wir jetzt den ganzen Motor auf“ war keine Frage mehr, sondern eine Feststellung – nein, eine Drohung gegenüber dem Motor, dem widerspenstig zu zähmenden.
Mit schwerem Gerät ging es zur Sache: Schrauben, abfackeln, hämmern, wieder abfackeln – irgendwann gab der Motor auf und seine metallenen Eingeweide preis. Und plötzlich löste sich wie von Geisterhand das Polrad. Nach insgesamt 1,5 Stunden und zahlreichen „Jebem ti ocas“ war die Schlacht letztlich doch gewonnen, der kleine, leicht gebeugte Feldherr Kudlicka in seinem obligaten blauen Arbeitsmantel hatte gesiegt.
Ich meinte, dass ich noch die Teile ins Auto rüberbringen würde und dann ins Geschäft zahlen käme (es waren 1,5 Stunden x zwei Personen geworden). Darauf meinte der Kudlicka: „Sie brauchen nicht kommen, das war eine GELEGENHEIT!“

Ich werde nie erfahren, ob er meinte, dass es eine Gelegenheit für MICH oder für IHN war. Ich hätte mit meiner Erfahrung und meinen Werkzeugen den Motor nie und nimmer aufbekommen.
Als Hintergrund muss man wissen, dass es beim Kudlicka auf seine Tages- oder auch gerade vorherrschende Minutenverfassung und -stimmung ankommt. Ich hatte Glück und sinnierte auf der Heimfahrt darüber, wie die Vespa-Welt aussehen wird, wenn es den Kudlicka irgendwann einmal nicht mehr gibt.
Vom alten Kudlicka kann ich wahre Leidenschaft lernen, gepaart mit der philosophischen Haltung des wahren Stoikers. Außerdem weiß er, wie man Vespas zangelt.

Möge er uns noch lange erhalten bleiben, das Wiener Original aus Kroatien, der Herr der Vespas, diese unvergleichliche Mischung aus Grantscherm und gütigem Opa, der in seinem zeitlosen Imperium im 15. Hieb jungen und nicht mehr ganz jungen Rollerfahrern ihr Hobby oft überhaupt erst ermöglicht hat.

Beim Kudlicka

Es ist wie ein Ausflug an einen zeitlosen Ort (Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise würde sagen, der Kudlicka befindet sich „außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums), in eine schon lang nicht mehr existierende Welt.
Der Kudlicka ist eines der letzten verbliebenen Vespa-Geschäfte Wiens. Der Filipo macht keine alten Vespas mehr und hat auch keine Ersatzteile mehr, der Jahelka verkauft moderne Plastikroller und beim Faber gibt es großteils nur mehr junge Mechaniker, die nichts mehr von alten Vespas verstehen – einen aus der „alten Garde“ haben sie noch und bieten auch die Restauration alter Vespas an – hier muss sich jeder selbst ein Bild machen.

Der Kudlicka ist der letzte seiner Art. Wenn man in die Österleingasse im 15. Bezirk fährt, betritt man eine andere Welt. Ich war nach knapp 25 Jahren wieder dort, um Ersatzteile für meine alte Vespa zu kaufen, und der Herr Kudlicka sieht immer noch genauso aus wie vor einem Vierteljahrhundert, an ihm als Person scheint die Zeit vorübergegangen zu sein. Auch seine Stimmungsschwankungen gibt es noch und das ist auch sein gutes Recht. Das Geschäft hat sich auch nicht verändert, wenngleich das Haus gegenüber mit seinem Innenhof, auf dem unzählige Generationen von Vespa-Fahrern Gasseile gewechselt und Kupplungen eingestellt haben, letztes Jahr abgerissen wurde.
Aber das Geschäft gibt ets noch und nach wie vor stehen alte Vespas dort herum. In der Auslage liegen – leicht verstaubt – Gepäckträger, Rennauspuffanlagen und Zylindersets – wie schon seit Jahrzehnten, wie schon seit immer.
Der Kudlicka ist inzwischen über 80 und steht jeden Tag hinter der Buddel, auch am Samstag. Der Herr daneben ist nicht, wie viele inklusive meiner Wenigkeit glauben, sein Partner, der Radakovits, sondern der „Sergio“, und auch er ist seit über 25 Jahren der Gleiche, mit seinem Akzent und seiner speziellen Art, die Augenbraue hochzuziehen.

Wer etwas vom Kudlicka will, der muss sich umgewöhnen. Der Kudlicka hat fast alles, aber nicht immer hat er Lust, es dir zu verkaufen. Der Kaufvorgang hat etwas Magisches – Du betrittst das Geschäft und trägst dein Anliegen vor. Danach „entsteht“ der jeweilige Gegenstand irgendwo unter der Buddel. Der Kudlicka sieht dich meist wortlos an und greift mit einer Hand (ohne von dir wegzublicken) hinunter, zieht es hervor und legt es auf die Theke. Dann sagt er irgendeinen Preis. Du zahlst und gehst, aber Du verlässt das Geschäft mit einem völlig irrwitzigen Gefühl von Unsicherheit, gepaart mit Dankbarkeit. Wo kam das her, wieso hat er genau das unter seiner Buddel? Es ist nämlich egal, ob Du einen kleinen Schraubnippel für ein Gasseil brauchst oder eine ganze Vespa. Er hat alles unter der Buddel.
Wenn er etwas dort nicht hat, dann wird er leicht mürrisch. Er geht halt nicht mehr so gerne herum. Dann dreht er sich um und greift nach hinten. Spätestens dort hat er es. Mir ist es sogar passiert, dass er über die Straße in ein anderes Lager gegangen ist, um mir einen Spiegel zu holen. Ein einschneidendes Erlebnis, ohne Frage, wenn einem diese Ehre zuteil wird. Da fragt man nicht mehr nach dem Preis, da zahlt man gerne und ohne zu zögern.

Das mit den Preisen ist auch eine interessante Sache. Er weiß sie einfach, immer und von allem. Es sieht aber so aus, als würde er sie sich in dem Moment gerade ausdenken, und es sieht vor allem so aus, als ob er sie aufgrund deines Gesichts, deiner Person festlegt. Er mustert dich kurz und dann sagt er eine Zahl. Und du zahlst. So einfach ist das beim Kudlicka.
Manchmal kann man auch ein wenig handeln oder bekommt eine Kleinigkeit, die man noch braucht, gratis dazu, eine Dichtung oder so etwas.
Es ist völlig unklar, woher der Kudlicka seine Ersatzteile bekommt und auch, nach welchen Kriterien er sie verkauft. Ich vermute, es ist seine momentane Stimmung und ob er dich gerade heute sympathisch findet oder nicht.
Neulich bekam ich einen Kolben für eine Vespa GS 150, Übermaß 57,2 mm (mein alter Kolben war angerieben, zerbrochen, kaputt). Er hatte ihn direkt hinter sich liegen, und das ist kein gängiges Modell. Der Kolben war auch kein indischer Nachbau von GOL, sondern ein markenloser Kolben, aber sehr gut gearbeitet. Er hat ihn aus einem Zylinder gezogen, der dort ebenfalls herumlag. Einfach so.
Der Preis war bis auf wenige Cent der gleiche wie der, den ich im Internet bei einem deutschen GS-Spezialisten bezahle. Einfach so, der Kudlicka hat ihn sozusagen aus der Hüfte geschossen.
Als er mir letztes Jahr eine Vergaserdüse verkaufte, bei der die Düsenbohrung schlicht und einfach nicht vorhanden war (ich hatte es erst zuhause entdeckt und bin wieder hingefahren), ging er auf die Straße, blickte kurz durch, nahm die Düse und schleuderte sie in hohem Bogen in die Baugrube auf der anderen Straßenseite.
Dann bekam ich eine neue, mit Bohrung. Ich glaube, er mag mich.

Nicht alles ist rosarot beim Kudlicka. Er hat immer wieder Ersatzteile, die nicht optimal passen und man kann sich nicht sicher sein, wie gut eine Reparatur sein wird. Auch das hängt vom Glück und von der Stimmung ab, in der er sich befindet. Das Problem: er ist der letzte seiner Art, man kann nirgends sonst mehr hinfahren, nur er (und seine Mechaniker) kennen sich noch aus, nur er hat die Teile, die man sonst nirgends mehr bekommt und schon gar nicht in Wien. Das Internet ist kein vollwertiger Ersatz und wenn man zum Generalimporteur fährt und etwa einen Zylinderkopf für eine Vespa GS haben will… nun, das soll jeder selbst ausprobieren, vielleicht hat man ja Glück, vor allem für die PX-Modelle gibt es noch Neuteile.

Wenn der Kudlicka einmal aufhört, bricht die Vespa-Szene in Wien zusammen. Eine neue Ära wird beginnen, man wird sich nicht mehr am Samstag Vormittag in der Österleingasse über den Weg laufen, außer der Sergio übernimmt das Geschäft. Er ist inzwischen auf einer ähnlichen „Welle“ wie der alte Kudlicka und er kennt sich auch gut aus.
Hoffen wir das Beste, hoffen wir auf ein langes Leben des Herrn Kudlicka, hoffen wir darauf, dass diese Enklave in Zeit und Raum noch lange besteht. Wir haben es uns verdient, beim Kudlicka einkaufen zu dürfen. Es wäre an der Zeit, eine Am-Schauplatz-Folge zu drehen: Beim Kudlicka, dem Vater der Vespas und der Vespa-Fahrer.

Nicht kaufen!

Klingt nicht sehr fein und auch nicht sehr erstrebenswert: Nur Menschen, die kein Geld haben, konsumieren nicht.
Oder?
Vielleicht wäre das ja einen Selbsttest wert. Man nimmt sich einige Prospekte, die (zumindest bei mir) täglich ins Haus flattern, und sucht sich ein paar schöne Dinge heraus, die erstens gefallen und zweitens leistbar sind.
Und dann kauft man sie nicht. Einfach: nicht!

Das hat immense Vorteile, die ich aufzählen darf:

1. CO2-Ersparnis. Auch wenn man darauf nichts gibt, schaden kann es nicht. Keine Autoabgase, auch keine von einem Postzusteller – sehr sauber, sehr fein, das alles. Auch die CO2-Belastung bei der Herstellung des Produktes fällt weg, ein Umweltsieg auf der ganzen Linie! Auch sonstige Umweltverschmutzungen werden reduziert, ich will das Argument hier nicht auf CO2 reduziert wissen.

2. Kein Stress. Man muss nirgends hinfahren, sich durch den Stau quälen und ewig Parkplatz suchen. Auch der Stinker in der Straßenbahn muss jemand anders anstinken. Wie unangenehm!

3. Keine Warterei auf den Botendienst, der genau immer dann kommt, wenn man nicht zuhause ist.

4. Keine Abfälle, weder von der Verpackung noch von den Gegenständen selbst, die man ja nicht gekauft hat. Das erspart eine der beiden Mülltonnen, für die man ja auch zahlt, wobei wir schon beim nächsten Punkt sind.

5. Mehr Geld in der Börse oder am Konto – für viele eine durchaus neue und erfreuliche Erfahrung. In der heutigen, krisengeschüttelten Zeit generell ein Vorteil.

6. Keine Qualitätsprobleme, man ärgert sich nicht, weil das Produkt nicht dem entspricht, was man kaufen wollte oder was einem die Werbung versprochen hat.

7. Kein Ärger mit Reklamationen, unfreundlichen Call-Centern und ähnlichem. Nicht gekaufte Gegenstände verursachen in Folge keinen Ärger. Da die meisten Hersteller auf die Kosten schauen und ihre Produkte in der Qualität stark herunterfahren, wird dieses Thema in den nächsten Jahren wachsen – außer für diejenigen, die solche minderwertigen Artikel nicht gekauft haben. Dann ist man der lachende Dritte, Vierte und Fünfte zugleich.

8. Keine Haltbarkeitsprobleme. Gegenstände, die man nicht hat, können auch nicht kaputt werden. Wer jemals ein Auto in Afrika besessen hat, kann davon ein Lied singen. Dort ist man – im Gegensatz zu unseren Breiten – froh über jede Ausstattung, die das Auto NICHT hat, weil sie dann auch nicht kaputt werden kann. Wir reden hier von Radios, Klimaanlagen und elektrischen Features wie Fensterheber, verstellbare Sitze oder Spiegelheizungen. Die Erfahrung zeigt, dass dort alles irgendwann kaputt wird, was kaputt werden kann. Unter Garantie! Je weniger man hat, desto weniger Reparaturen. Sehr praktisch.

9. Keine Platzprobleme. Man kann den entstehenden Platz völlig frei nützen bzw. die ganz Schlauen kommen sogar mit weniger Platz aus, manche sogar mit einer kleineren Wohnung, die weniger Miete kostet. Das bringt wiederum etwas für Punkt 5 (mehr Geld).

10. Keine Putzprobleme. Gegenstände, die man nicht hat, können nur schwer verstauben. Das verschafft uns entweder Freizeit oder Geld, je nachdem, ob man selbst putzt oder eine Reinigungskraft hat. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen haben, weil man der Putzfrau den Job wegnimmt – es gibt genügend andere Menschen, die viel zu putzen haben und außerdem stöhnt meine Putzfrau immer, weil sie ohnehin sehr ausgelastet ist und lieber nicht zu mir putzen käme.

11. Keine Entsorgungsprobleme, wenn das Produkt irgendwann kaputt ist oder einem nicht mehr gefällt. Letztlich auch keine Entsorgungskosten, die zwar im Moment noch nicht anfallen, in den nächsten Jahren jedoch auch für Gegenstände jenseits von Kühlschrank und Tiefkühltruhe auf uns warten.

12. Keine verärgerten Erben, denen man am Ende seines Lebens lauter Dinge hinterlässt, die sie weder wollen noch gebrauchen können.

13. Umzugsprobleme gehören der Vergangenheit an. Wir werden zwar nicht wie die Indianer gerade mal das Tipi samt ein paar Fellen mitnehmen, aber die Menge wird überschaubarer, der Umzug geht schneller und ist billiger.

14. Diebstahl sowie die damit verbundene bisher weitverbreitete Angst gehören der Vergangenheit an. Wer nichts hat, dem wird nichts gestohlen, weil es nicht geht. Weniger Dinge, weniger Risiko, weniger Angst – so einfach ist das. Wer im Urlaub nur einen Rucksack mithat und nicht sieben Taschen, muss auch nur auf einen aufpassen.

15. Keine Entscheidungsprobleme. Auch wenn das ein bitter-süßes Argument ist und vielleicht eher Männer trifft: ein herrliches Gefühl, sich nicht mehr zwischen dem einen oder dem anderen Produkt entscheiden zu müssen, mit der Angst, dann doch das schlechtere zu kaufen. Wer keines von beiden kauft, kann sich das alles sparen.

16. Keine Neider. Was ich nicht besitze, darum kann mich auch niemand beneiden. Wobei auch dieses Argument ist zweischneidig, denn in Zukunft werden diejenigen beneidet, die weniger besitzen, nicht umgekehrt. Auf Reisen ist das tw. jetzt schon so: Flink hirscht der Abenteurer mit seinem leichten, kleinen Rucksack an uns vorbei, die wir an alles gedacht haben, nur nicht an die Leichtigkeit des Seins. Jedenfalls lebt es sich manchmal ohne Neider besser.

17. Mehr Zeit. Nicht zuletzt verschaffen uns Gegenstände, die wir nicht haben, mehr von der kostbaren Zeit. Wir müssen nicht an sie denken, sie nicht pflegen, nicht verteidigen, nicht reparieren lassen und vor allem nicht benützen. Wie viele Gegenstände besitzen wir, die wir nur benützen, weil wir sie haben, nicht weil wir sie brauchen? Eben. Das spart enorm und wir können uns anderen Dingen widmen, wie etwa unseren Mitmenschen.

18. Mehr Fokus auf das Vorhandene. Wer nur wenige Dinge besitzt, lernt diese zu schätzen. Man achtet schon beim Kauf auf ihre Qualität und geht sorgsam mit ihnen um. Das schärft die Fähigkeit, auch mit unseren Mitmenschen sorgsamer umzugehen. Wir passen besser auf sie auf, pflegen sie und setzen uns mehr mit ihnen auseinander. Wir lernen sie besser kennen und mögen sie mehr. Das gilt für Dinge wie für Menschen.

19. Mehr Geld für wichtige Dinge. Mit dem durch Nicht-Konsum ersparten Geld kann man das kaufen, was wirklich wichtig ist, auch wenn es etwas teurer ist. Das stützt wiederum die Wirtschaft, die von manchen als verloren dargestellt wird, wenn sich der Nicht-Konsum durchsetzt. Ein Irrtum.

20. Mehr Freude am Konsum. Klingt komisch, so als krönender Abschluss, ist aber ernst gemeint. Wer weniger konsumiert, kann sich beim übrig bleibenden, ohnehin unbestrittenen Konsum mehr freuen.

Wer kann diese Liste fortsetzen?

Sozialdarwinismus – nicht bei den Affen!

In einer spannenden Fernsehdokumentation („Die vergessenen Affen“) wurde das Leben der letzten Drill-Populationen beschrieben. Die Drills (oder Mandrills) sind Affen, die in Zentralafrika leben und durch die dortige menschliche Überbevölkerung samt dazugehörender Umweltzerstörung vom Aussterben bedroht sind. Sie leben in Gruppen mit jeweils einem stärksten Männchen. Dieses besiegt im Kampf andere Männchen und wird so in der Rangordnung zum Alphatier. Das hat Vorteile, denn durch seine Stärke kann er die Gruppe gegen Außenfeinde verteidigen und zentral Entscheidungen treffen, denen alle zu folgen haben.
Laut Darwin müssen sich die Stärksten gegen die Schwächeren durchsetzen, um die besten Gene in der Gruppe weitergeben zu können. Je rücksichtloser ein Affenmännchen seine Stärke einsetzt, desto mehr Respekt haben die Untergebenen – und je stärker einer ist, desto rücksichtsloser kann er sein.
Nun funktioniert das bei den Drills nicht. In der Dokumentation wurde gezeigt, wie der junge Starke den älteren Führer der Gruppe fast totgebissen hatte, um daraufhin die Macht zu übernehmen. Was könnten die kleinen, schwachen Weibchen schon dagegen haben?
Interessanterweise einiges: Der Kraftprotz wurde von den Weibchen abgelehnt, sie wollten ihn nicht als Führer, da er zwar enorm kräftig, aber überhaupt nicht rücksichtsvoll war. Stärke allein nutzte ihm wenig, er war gezwungen, zu den anderen Mitgliedern der Gruppe „nett“ zu sein – deren Fell zu pflegen, andere nicht grundlos zu verprügeln etc.
Stark ist wichtig und gut, gewinnen kann man aber nur, wenn man neben der Konkurrenz auch die Kooperation lebt. Sollte das für uns Menschen auch gelten können?

Stieglitz: Wir brauchen Speedbumps!!

Der US-Nationalökonom spricht deutliche Worte

Quelle: „Das Unbehagen im globalisierten Kapitalismus“ – 3Sat-Sendung vom 14. September 2008 (Schweizer Sendung „Sternstunden“) JETZT AKTUELLER DENN JE !!

Der US-Nationalökonom Joseph E. Stieglitz lässt keinen Zweifel, dass liberaler Markt und staatliche Regulierung untrennbar verknüpft sind – oder zumindest sein sollten, wenn wir große Krisen abwenden wollen.
Ein Kern seiner Analyse betrifft die Geschwindigkeit, mit der die Märkte – mehr oder weniger unreguliert – agieren können. Persönliche Gier, verbunden mit der Möglichkeit, in sehr kurzer Zeit sehr große Bewegungen machen zu können, reizt die Menschen, hohe und für sie komplett unkontrollierbare Risiken einzugehen. Gestützt wird dies durch eine falsche Form der Regulierung, bei der die Spekulanten belohnt und die „Bewahrer“ bestraft werden.
Stieglitz plädiert dafür, „Speedbumps“ einzuführen, die Spekulanten nicht der Möglichkeit der Spekulation berauben (diese sei wichtiger Teil eines liberalen Wirtschaftssystems), sondern dort bremsen, wo die Geschwindigkeit unkontrollierbare Folgen verursacht, die letzten Endes immer vom Steuerzahler abgedeckt werden müssen. Das, so Stieglitz, würden Notenbankchefs und andere Menschen im medialen Rampenlicht nicht dazusagen: Bezahlen müssen WIR, nicht diejenigen, die die Krise verursacht haben.
Literatur: Joseph Stieglitz – Die Chancen der Globalisierung