Der Kenyacowboy ist in den Sonnenuntergang geritten

Es ist Sommer 1992, als zeitig in der Früh, so gegen 6 Uhr, drei junge Abenteuerlustige aus der AUA-Maschine steigen und am Jomo Kenyatta Airport ihr Gepäck zusammensammeln.
Beim Ausgang wartet ein Herr mit Schnauzbart in Safarikluft auf sie. Gemeinsam laden sie das Gepäck in einen alten Isuzu Trooper ein und fahren über die Autobahn nach Nairobi hinein.
„Habt ihr schon eure Malaria-Medizin genommen?“ fragt der Schnauzbärtige, was die drei jungen Herren verneinen.
Daraufhin greift er unter den Sitz und holt eine Flasche Wodka hervor mit der Aufforderung, jeder solle gefälligst einen ordentlichen Schluck nehmen.

So habe ich Wolfi Schreitl das erste Mal getroffen. Mein Bruder hatte ihn ein paar Monate zuvor schon kennengelernt und gefragt, ob er mich, den George und den Gabor vom Flughafen abholen könnte.
Damals ahnte ich noch nicht, dass er in meinem Leben noch die eine oder andere gar nicht so unwichtige Rolle spielen würde.

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Bild: Wolfi Schreitl, wie ich ihn gerne in Erinnerung behalte

Beginnen wir ganz vorne. Wolfgang Schreitl wurde am 29. November 1955 in Eckenförde in Deutschland geboren, der Vater echter Wiener, die Mutter ein Nordlicht. Sein Bruder Andi nennt ihn einen „Wiener Wikinger“, weil auch dänische und sonstige nordische Wurzeln dabei sind.

1966 zieht die Familie dann nach Seewalchen, wo Wolfi am 20. Juli 2022 seiner schweren Lungenkrankheit erlegen ist, die er sich – wie könnte es anders sein – in Afrika geholt hat, viele Jahre zuvor.
In der Schule lernte er lesen, und dann war es zum Leidwesen seiner Cousine Sissy und seines Bruders Andreas aus mit dem Spielen. Wolfgang saß nur mehr in der Ecke las Bücher – anfangs Karl May und Abenteuerbücher, schließlich Hemingway. Die Sehnsucht nach Abenteuern in der Ferne war geboren. Nach dem Hauptschulabschluss ging es auf Wunsch seines Vaters nach Wien auf die HTBLA für Textiltechnik. Nach drei Jahren bracher er die Schule ab, und ging mit 17 Jahren zum Bundesheer nach Salzburg. In diesen 3,5 Jahren war er kurz beim Jagdkommando und auch bei der UNO auf den Golanhöhen.

Da in Salzburg bekanntlich auch die schönsten Mädels von Österreich leben (so erinnert sich sein Bruder Andi), dauerte es nicht lange, bis er seine spätere Frau Karin kennenlernt. Nach der Hochzeit 1980 kommt zwei Jahre später der gemeinsame Sohn Patrick zur Welt. Leider hielt diese Beziehung nicht lange, da das bürgerliche Leben von Wolfgangs Abenteuerlust verdrängt wurde. Das Fernweh wurde immer größer und kurze Zeit später verschlug ihn eine humanitäre Mission des Roten Kreuzes nach Kenia, wo er sich in Land und Leute verliebte. Er wollte unbedingt in diesem Land bleiben und fand in Monika eine gleichgesinnte Partnerin.

Er traf sie im Hotel Boulevard, das damals vom Österreicher Brandl geführt wurde, und auch den Münchner Reiseveranstalter Ruppert.
Dieser war des Kenia-Geschäfts müde und Monika hatte ein paar Ersparnisse aus einer Erbschaft. So kaufte sie Anteile an „Bush Trucker Tours“ und Wolfi stieg mit Monika ins Safarigeschäft ein.

Das war 1986, damals hätte ich Wolfi bereits über den Weg laufen können, denn auch wir waren zu dieser Zeit immer wieder mal im Hotel Boulevard.
1992 hatten wir schon das Appartment Longonot Nr. 6, das nur 2 Gehminuten vom Boulevard entfernt war. Dorthin brachte uns Wolfi nach unserer Ankunft und wir ahnten, dass wir ihn an diesem Tag nicht das letzte Mal gesehen hatten.

Ich weiß nicht mehr, ob es am gleichen Abend oder erst am nächsten war, jedenfalls zeigte uns Wolfi einiges in Nairobi, das wir (auch ich) vorher nicht kannten, etwa das Nachtleben.
Er war ein Kenia-Cowboy, ein Expat, ein Abenteurer, aber auch ein Bullshit-Artist der feinsten Sorte – darauf komme ich etwas später noch.

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Bild: Wolfi in seiner Lieblingskluft – wobei, stimmt nicht. Das locker geknöpfte weiße Hemd war ihm in Wahrheit noch lieber

Er zeigte uns das Florida 2000, eine Disko im City Center. Er zeigte uns aber nicht nur die Disko, sondern auch wie wir uns dort verhalten sollten, etwa wenn uns junge Damen belästigen würden. (Das war uns meistens eh nicht soo unangenehm, aber die Grenzen zu kennen und zu wissen, wie und was man sagt, war hilfreich: „You´re nice, but not my size“ etwa ließ sie lächeln und von Dannen ziehen.)
Seit dem ersten Besuch im Florida 2000 trinke ich gerne Kenya Cane mit Fruchtsaft (Maracuja oder Mango, Ananas geht auch, Orange nur, wenn nichts anderes da ist, sensationell auch Guave). Das hat sich in den letzten dreißig Jahren nicht geändert.
Es waren lustige, spannende, interessante und in Summe unvergessliche Tage und Abende, die wir mit Wolfi verbrachten, der stets geschmeichelt war, wenn er uns was Neues zeigen konnte.
Ihm verdanke ich meine Vorliebe für Cole Slaw und durch ihn hab ich das erste Mal Nyama Choma (Fleisch vom Grill, oftmals Ziege) gegessen.

Das wichtigste, was ich ihm aber verdanke, ist meine Leidenschaft für Makonde. Das sind ostafrikanische Ebenholzschnitzereien, die ich viele Jahre (fast Jahrzehnte) gesammelt habe, und das kam so:
Eines Tages besuchten wir Wolfi in seinem Haus in Langata. Dort war auch die Safari-Firma und in seinem Vorzimmer sah ich auf einmal so schwarze Statuen, die ich noch nie gesehen hatte.
Also – noch nie stimmt nicht ganz, 1984 hatte mein Vater am Strand von Mombasa einem Händler einen Familienbaum abgekauft. Damals konnte ich damit noch nichts anfangen. Der Familienbaum (der Stamm der Makonde zeichnet keine Stammbäume, sondern schnitzt sie) steht bis heute in der Wohnung meines Vaters, der drei Monate vor Wolfi gestorben ist, und wir werden ihn selbstverständlich behalten.

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Bild: Der Familienbaum, mit leichten Bruchspuren, wie das nach knapp 40 Jahren halt so ist.

Jedenfalls fragte ich Wolfi, was denn das sei und dass mir das irgendwie gut gefällt. Daraufhin führte er mich schnurstracks ins City Center, wo gegenüber vom City Market der „Blue Market“ war, bestehend aus lauter kleinen Kunst- und Souvenirstandln. Dort maschierte er durch und ich musste feststellen, dass er die meisten Standler kannte, von ihnen lauthals begrüßt wurde und sofort Makonde-Figuren angeboten bekam.
Dort zeigte er mir zum ersten Mal, wie man gute von schlechten unterscheiden kann, echte von unechten, wie man den Wert am besten einschätzt und vor allem, wie man mit den Standlern verhandeln muss, um nicht übers Ohr gehauen zu werden.
Die wichtigste Regel war die Faustregel: Pro Faustbreite zahlst du 100 Kenia-Shilling. Diesen Preis hab ich nicht wirklich oft erzielen können, aber es war eine der vielen Verhandlungsstrategien, die ich einsetzen konnte. Heute wären es übrigens 1.000 Kenya-Shilling.

Aus diesem ersten Besuch habe ich mein bis heute schönstes Stück, die Wasserträgerin.

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Bild: Wasserträgerin

Wolfi erzählte mir die Geschichten über die Makonde und ihre Schnitzkunst, er steckte mich mit der Leidenschaft an, die bis heute da ist. Erst vor kurzem habe ich begonnen, einige alte Stücke zu restaurieren. Da wusste ich noch nicht, dass er nicht mehr lange leben würde.

In den darauffolgenden Jahren vertiefte ich mich immer mehr in diese so faszinierende Welt, sammelte Bücher und natürlich jede Menge Makonde-Figuren. Heute habe ich ca. 200 und mit der Hilfe von Wolfis Vater, Hans Schreitl, konnte ich sogar einmal eine Ausstellung machen, nämlich 2006 in Vöcklabruck, wo Hans lebte.

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Bild: Ausstellung im Lebzelterhaus in Vöcklabruck

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Bild: Wolfi, Vater Hans, und Monika

Wolfi wurde zum leidenschaftlichen Kenyacowboy, lebte gut und gerne dort und steckte auch seinen Vater und seinen Bruder mit der Leidenschaft für Ostafrika an. 1997 kam dann sein Bruder Andreas mit seiner eigenen Firma (Safari für Rollstuhlfahrer) nach Kenia.
Leider machte er auch Fehler verschiedenster Art und so funktionierte das Safari-Business eines Tages nicht mehr. Er trennte sich von Monika, die Firma wurde verkauft und Wolfi stand vor dem Nichts.

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Bild: Wolfi mit Monika, in besseren Zeiten

Ich muss anmerken, dass das nicht nur seine Schuld war, zu dieser Zeit funktionierte der Markt nicht mehr so gut, es gab Konkurrenz ohne Ende und dazu kamen noch Ereignisse wie politische Unruhen sowie der schwere Unfall eines seiner Mitarbeiter, der den Nissan Patrol komplett verschrottete – das war eines seiner wichtigsten Autos für die Safari.
Sein alter Isuzu Trooper blieb ihm allerdings, er hat ihn noch viele Jahre gefahren.

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Bild: Wolfi und sein alter Isuzu Trooper

Das mit Bush Trucker Tours finde ich übrigens bis heute schade, denn das Konzept von Wolfi hatte was: Er machte Spezialsafaris im Hemmingway-Style, also mit großen, grünen Stoffzelten ganz im Stil des Afrika-Abenteurers. Dazu gab es jeden Abend Lagerfeuer irgendwo in der Wildnis, an dem Wolfi stets seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler zur Geltung bringen konnte.

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Bild: Zelte

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Bild: Wolfi am Lagerfeuer

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Bild: Ein Safaribus von Bush Trucker Tours

Er war ein hervorragender Erzähler und seine Geschichten hatten immer einen Schuss Übertreibung, man wusste nie ganz genau, bis wohin sie stimmten und was ein wenig hingebogen war – daher auch der durchaus liebevoll gemeinte Ausdruck „Bullshit-Artist“. Mehr dazu weiter unten.

Wolfi ermöglichte mir und meinem Bruder einiges – z.B. die Teilnahme an der East African Safari Rally, an der unsere Brüder (also mein Bruder Peter und Wolfis Bruder Andi) in einem alten VW Käfer teilnahmen. Wolfi hatte dabei jetzt keine führende Rolle, aber das muss ja niemand wissen. (Zu verdanken ist das in erster Linie Steffen Reininger, den Andi in Wien kennengelernt hat und für den er drei Jahre Service gefahren ist.)
Mein Bruder war damals auch sehr viel in Kenia und unternahm auch viel mit Andi und Wolfi. Die Rallytruppe von Reiniger übernachtete z.B. im Appartment meines Vaters und dafür schmuggelten sie ihm 8 Pinzgauer-Reifen im Rally-Container.

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Bild: Das legendäre Foto von der Safari-Rally 1994. Links von meinem Bruder der Wolfi, rechts sein Bruder Andi. Sie unterstützen Steffen Reininger, einen professionellen Rallyfahrer und bekamen Lust auf mehr. Drei Jahre später fuhren sie selbst in der Oldtimer-Klasse mit.

Dann ging eine neue Tür auf und Wolfi stieg in die Gastro ein. Dazu holte er seinen Bruder Andi nach Nairobi, der in Österreich auch gerade seinen Weg mit einer Baufirma beendet hatte. Andi ist auch gelernter Koch und so übernahmen sie das „Buffalo Bill´s Saloon and Eating House“ im Hotel Heroncourt, das etwas außerhalb des City Center liegt und zu dem auch die „Horse Shoe Bar“ gehört.

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Bild: Andi und Wolfi im Buffalo Bills

Das war mehr als nur eine Bar, das Lokal bestand aus der Bar mit einer pittoresken Sammlung an nachgebauten Planwagen, in denen man sitzen konnte. Dazu gab es noch einen Restaurant-Raum, nicht besonders elegant, aber in dieser unnachahmlichen Art, die man nur in Ostafrika finden kann, mit Plastiktischtüchern und Steinboden. Nicht elegant, aber irgendwie trotzdem okay.

Ich lernte das Buffalo Bills kennen, als ich das erste Mal meinen alten Freund Thomy mit dabei hatte. Wir verbrachten zahlreiche Abende und Nächte in der Horseshoe-Bar, angelockt von Andis hervorragendem Wild-Ragout und anderen Köstlichkeiten, die er uns auftischte, aber auch fasziniert von der wilden Mischung an Gästen, die dort jeden Abend in neuer Zusammensetzung anzutreffen waren.
Am besten lässt sich das durch den kleinen Ausschnitt beschreiben, den der Lonely Planet zu dieser Zeit dem Lokal widmete:

„Outside the city center, at the Heroncourt Hotel, you can find the Buffalo Bills, a place for all entrepreneurs, tour operators, expats, hookers and bullshit artists.“

Das war vielleicht die glücklichste Zeit seines Lebens, er war umgeben von Gleichgesinnten.
Wolfi war ein leidenschaftlicher Typ, aber auch ein bisschen ein Zyniker, ein lebenslang Suchender, einer von den Typen, die viel Auf und viel Ab kennen, einer, der auch schwierig sein konnte.
Er hatte also nicht nur Freunde, sondern verscherzte es sich auch da und dort mit Menschen, die wichtig für ihn waren, etwa weil bestimmte Genehmigungen nur über sie zu bekommen waren oder weil sie seinen Ruf zerstören konnten. Dann gab es Stress mit diversen Behörden, mit denen Wolfi nie wirklich gut umgehen konnte. Vielleicht fehlte ihm manchmal auch der Respekt vor den Kenianern, jedenfalls handelte er sich sowohl in der österreichischen Community als auch bei diversen Geschäftspartnern und Behörden immer wieder Probleme ein, die letztlich dazu führten, dass sie das Lokal aufgeben mussten, vor allem, weil auch der Verpächter starb und sie sich mit dem Nachfolger nicht mehr einigen konnten.
Ich habe die genauen Umstände nie erfahren, aber die Brüder konnten danach in einem relativ weit draußen gelegenen Hotel neu anfangen. Ich war nur ein- zweimal dort, aber es war nicht mehr das alte Buffalo Bills, auch wenn sie sich redlich anstrengten, die Gäste mitzunehmen – es klappte nicht.

Und so ging eine weitere Zeit zu Ende, die so gut begonnen hatte. Wolfi kam in finanzielle Schwierigkeiten und eines Tages bat er mich, ob ich ihm nicht seine Makonde-Sammlung abkaufen könnte.
Das war für mich ein Schock, denn wir waren beide echte Sammler, er noch dazu mein Lehrmeister. Es war 2004 als ich ihm fast seine komplette Sammlung abnahm. Einen Teil brachte ich von Nairobi nach Wien, einen anderen hatte er bei seinem Vater in Seewalchen. Ich wusste, wie schwer ihm dieser Schritt fiel.
Ich halte seine Sammlung bis heute in Ehren, in ihr befinden sich die wertvollsten Stücke, die ich besitze.

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Bild: Einer der tollsten Shejtani aus Wolfis Sammlung

Dann begann die Diaspora. Wolfi ging zurück nach Seewalchen, aber wenig später bekam er ein Angebot in Sansibar eine Appartmentanlage zu leiten, mit Bar und Restaurant am Meer. Ich wollte ihn besuchen, das hat sich aber nie ergeben und wir verloren einander ein wenig aus den Augen.

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Bild: Wolfi klassisch, an der Bar

Wolfi war dort eine Zeit lang glücklich. Er konnte für den Klub arbeiten, sicher die eine oder andere Geschichte erzählen und sich ein wenig in Szene setzen. Dort ist es schließlich wunderschön, ein bisschen paradiesisch, und das konnte und wollte er genießen.

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Bild: Das Titelbild von Wolfis Facebook-Seite. Hapana Zanzibar

Sein Bruder Andi ging nach Wien und war einige Jahre mit seiner kenianischen Frau und zwei Kindern mein Nachbar. Auch er hatte es nicht leicht und zog nach einiger Zeit und einigen misslungenen Jobs wieder nach Seewalchen, wo er bis heute lebt.

Auf Sansibar (genauer gesagt auf einer kleinen Insel nördlich) lief es zwei Jahre lang gut, dann kamen Lungenprobleme. Fälschlicherweise von Ärzten als Lungenentzündung diagnostiziert verlor er nach und nach immer mehr an Gewicht, bis er beschloss aus gesundheitlichen Gründen 2009 nach Österreich zurückzukehren, wo die medizinische Versorgung besser war. Leider stellte sich heraus, dass er sich um TBC im fortgeschrittenem Stadium handelte. Die letzten 14 Jahre verbrachte er in Seewalchen, die meiste Zeit davon in seinem Büro, wie er es nannte, dem Seecafe, wo er von der Belegschaft sehr geschätzt und umsorgt wurde.
Es fand sich eine kleine Wohnung in Seewalchen, die er günstig mieten konnte. Seine Lungenfunktion war extrem eingeschränkt und an Arbeit war nicht mehr zu denken.
Ich traf ihn dort einmal und wir konnten eine Stunde oder zwei über alte Zeiten plaudern. Das ist jetzt auch schon einige Jahre her.

Andi erzählte mir, dass es ihm in letzter Zeit zunehmend schlechter ging, er brauchte viel Sauerstoff und er traf ihn im Mai noch einmal, wo sie fast sieben Stunden in alten Erinnerungen kramten und Geschichten erzählten. Andi meinte, dass sich Wolfi an diesem Tag von ihm verabschiedet hätte, ohne dass ihm das so bewußt war.

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Bild: Andi und Wolfi bei ihrem letzten Zusammentreffen im Mai 2022 in Seewalchen

Am 20. Juli ist der Kenyacowboy zu seiner letzten Reise angetreten. Er sitzt jetzt mit seinem Vater auf einer Wolke über dem Turkana-See, fährt eine Runde in seinem klapprigen Isuzu und gönnt sich dann einen Schluck Dawa. (Ja, auch Dawa habe ich über Wolfi kennengelernt. Das ist so ähnlich wie ein Caipiroska, nur nimmt man statt Zucker Honig und zerstampft die Limetten mit einem Bambusstössl. Dann rührt man so lange, bis sich der Honig aufgelöst hat – fertig!)

Nach Schladming – mit dem Zug

Dunkle Erinnerungen an Schulskikurse in den 1980ern. Selbst damals sind wir mit dem Bus gefahren, scheinbar aus guten Gründen.
Inzwischen hat sich enorm viel getan – die Autobahnen wurden gewaltig ausgebaut, da ist es nur verständlich, dass für den Ausbau der Bahnstrecken kein Geld mehr da ist. Deswegen quälen sich die Züge immer noch quietschend und langsam über den Semmering, gerade mal so schnell, dass man nicht daneben hergehen und Blumen pflücken kann.
Es soll ja irgendwann einmal einen Tunnel geben, vielleicht so einen, wie es schon seit vielen Jahren für die Autos gibt.
Egal – ich muss zu einem Kongress nach Schladming und wieder einmal fällt meine Wahl auf die Bahn. Mit etwas Bauchweh und üblen Vorahnungen, aber egal.

Los geht es um 08:25 vom Hauptbahnhof Wien. Der ist für mich einigermaßen stressfrei mit dem Bus und zwei U-Bahnen erreichbar. Das birgt zwar ein gewisses Risiko, weil vor allem die U-Bahnen hin und wieder eine Störung haben und das dann bedeutet, dass ich den Zug versäume, was ich echt gar nicht leiden kann.
Diesmal geht alles gut und ich erreiche den Zug rechtzeitig. Zudem bin ich noch echt froh, dass ich reserviert habe, denn er ist knackevoll. Wir reden hier nicht vom letzten besetzten Sitzplatz, sondern von mehreren Schulklassen, die an diesem Montag auf irgendwelche Landschulwochen fahren. Es handelt sich um klassische Halbwüchsige mit einem harten Kern von laut kreischenden, laut TikTok-Videos schauenden Mädchen.
Sie sind überall im Zug, verteilen sich irgendwie, hocken auf den Gängen, dazwischen jede Menge Gepäck, so ähnlich stelle ich mir die Atmosphäre in einem Zug zwischen Kalkutta und Mumbai vor. Lehrer:innen wuseln geschäftig durch den Zug und versuchen irgendwie irgendwen zusammenzuhalten oder irgendetwas zu bewegen.
Es geht dann doch nicht um 08:25 los, denn irgendwie funktioniert das nicht mit den vielen Schulklassen. Es gibt aber keinerlei Durchsage oder sonst irgendeine Info, nur den Kärtner Schaffner in Mitten seine Gesamtüberforderung, schwitzend und im Dauerversuch freundlich zu bleiben. Ja, er hofft, dass wir bald wegkommen. Nein, er kann mir nicht sagen ob ich meinen Anschlusszug versäumen werde.
Genau genommen brauche ich diese Info auch nicht, denn nach 15 Minuten Verspätung und der Gewissheit, dass Züge Verspätungen prinzipiell nicht aufholen, sondern meistens noch mehr Verspätung aufreissen (in diesem Fall gleich ein paar Minuten später in Meidling: noch einmal fünf Minuten drauf), ist mir ohnehin klar, dass ich meinen Anschlusszug in Leoben ganz sicher versäume.
Als dann irgendwann ein paar unverständliche Worte kratzend aus irgendeinem Lautsprecher kommen, fällt mir mein alter Freund Bacherl ein, der in gekonnter Analyse meinte, die Menschen können zwar selbstfahrende Roboterautos zum Mars schicken, schaffen es aber nicht funktionierende Lautsprecher für Zugdurchsagen zu bauen.

Zu allem Übel hat die Bahn scheinbar begonnen sich der Flugindustrie anzunähern, bemerkbar an einem Sitzabstand, der schon stark nach Economy im Billigflieger erinnert. Das ist besonders bitter, denn so verspielt die Bahn einen ihrer Vorteile gegenüber dem Flugzeug oder dem Reisebus: genügend Platz.
Zu viert gegenübersitzen, in der Mitte ein Tisch – geht nur im Zug. Ich fürchte, dieser Trend wird sich fortsetzen, denn die Bahn versucht zu sparen und das wunderbare Klimaticket hat eine Schattenseite: viel mehr Zugfahrende und in Folge überfüllte Züge, aus denen sogar Gäste mit Ticket wieder aussteigen müssen, weil sie keine Reservierung haben.
Die ÖBB konnte auf die Einführung des Klimatickets nur sehr eingeschränkt reagieren, sie dürften weder die notwendigen Zuggarnituren noch das notwendige Personal haben. Vielleicht gibt es auch andere Gründe, die ich aber nicht kenne. Jedenfalls waren sie davon überrascht wie die Schneeräumung im Dezember, wenn es schneit.

Wenn ich mich ärgere, wirkt der Sitz gleich noch enger, vielleicht auch wegen der dicken Dame, die neben mir sitzt und deren Tuchfühlung aufgrund der Beengtheit bei mir nur wenig Freude auslöst.
Wenigstens muss ich ab der Stadtgrenze keine Maske mehr aufhaben, die meisten Schüler:innen hatten in moralischer Lässigkeit auch in Wien schon keine mehr auf und der überforderte Schaffner hatte andere Sorgen, als sie darauf hinzuweisen.
In Wr. Neustadt war dann aufgrund von inzwischen 30 Verspätungsminuten klar, dass ich mir wohl eine andere Zugverbindung nach Schladming suchen müsste. Ohne reservierten Sitzplatz, versteht sich.
Dafür gab es keine Fahrkartenkontrolle, weder im Zug von Wien nach Leoben noch von Leoben nach Schladming.
Vielleicht fielen die Schaffner ja auch schon einem Kostensenkungsprogramm zum Opfer, wer weiß das schon.

Nach zwei Stunden bin ich endlich in Leoben und muss dort in die S8 umsteigen und eine Station nach St. Michael fahren. Von dort kann ich dann nach einer ca. 30-minütigen Pause den R 4476 nehmen, der mich nach Schladming bringt.
Also eigentlich nicht nur nach Schladming, sondern zu jedem Misthaufen zwischen St. Michael und Schladming. Der Regionalzug ist die langsamste Variante des Zugfahrens in Österreich, nur die Zahnradbahn auf den Schneeberg ist noch langsamer. Die hält dafür nicht so oft.

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BILD 1: Ein Gruß aus der Vergangenheit

Jedenfalls dauert es noch weitere zwei Stunden bis Schladming. Auch hier habe ich wieder Gruppen von Schülern im Zug, die ihre Energieüberschüsse abbauen müssen. Das geschieht in einer Lautstärke und Vehemenz, dass an so Tätigkeiten wie arbeiten oder ein Buch lesen nicht zu denken ist.
Hier verspielt die Bahn ihren zweiten Vorteil, vor allem gegenüber dem Auto. Natürlich kann ich erste Klasse buchen und es gibt zarte Versuche das Problem in den Griff zu bekommen, etwa durch lärmberuhigte Waggons, die aber nicht wirklich gut funktionieren, weil die Leute dann halt doch telefonieren und der Mitzi-Tant ihre Lebensgeschichte erzählen. Meistens zweimal, jedenfalls aber bis zum Zielbahnhof.
Im Auto kann ich Musik hören, kann mit anderen plaudern oder ganz alleine reisend meine Ruhe haben. Das ist zwar nett, aber im Zug kann ich die Zeit zum Arbeiten nützen, das geht im Auto nur, wenn ich einen Chauffeur habe.
Für mich war das in den letzten Jahrzehnten oft ein Grund das Auto zu nehmen, weil ich den Arbeitsmöglichkeitsvorteil nahezu nie realisieren konnte. Dass es ihn in der Theorie gibt, nützt mir nichts.
Ich hasse Autofahren, das elende Stehen im Stau, die ständige Konzentrationsnotwendigkeit aufgrund immer stärker werdenden Verkehrs, die Umweltkosten, die Kosten generell und noch vieles mehr.
Wenn die Bahn aber ihre strukturellen Vorteile nicht ausspielt, fahren die Menschen wieder mit dem Auto. So einfach ist das.
Mein Zug nach Schladming ist wenigstens nicht überfüllt und so gondle ich vorbei an kleinen Ortschaften durch die wunderschöne Steiermark. Hätte ich kein Nachmittagsprogramm, dann könnte ich das durchaus genießen.
So aber ärgere ich mich, weil die Gesamtverspätung von zwei Stunden meine Pläne doch ordentlich über den Haufen wirft.
Das Problem besteht darin, dass der Verspätungsnachteil noch zum generellen Zeitnachteil dazu addiert werden muss. Mit dem Auto steht man zwar auch oft im Stau und die Flugzeuge sind mindestens so oft und genauso brutal verspätet wie die Bahn, aber auch hier verspielt die Bahn wieder einen Vorteil, der sie auf gut ausgebauten Strecken durchaus attraktiv macht. Von Wien nach Innsbruck kann man in vier Stunden mit dem Railjet Express fahren, das ist konkurrenzlos und selbst mit dem schnellsten Auto nicht zu schaffen.
Aber das geht halt nur auf dieser einen Strecke in Österreich – und selbst da wäre noch einiges drin, denn im Deutschen Eck gibt es keinen Hochgeschwindigkeitsausbau und die letzten 50 Kilometer vor Salzburg auch nicht.

Aber noch sind wir nicht da und bummeln weiter durch das Ennstal. Plötzlich eine scharfe Bremsung, sehr ungewöhnlich.
Der Grund ist schnell ersichtlich: Der Lokführer hat die Station Niederöblarn übersehen und sich jetzt ordentlich eingequietscht, um nicht vollständig im Nirwana stehenzubleiben.
Das gelingt auch, die letzte Türe hinten im Zug ist auf Höhe der Bahnsteigs. Also kommt eine Durchsage, man möge doch bitte ganz hinten aussteigen.
Leider hat es die alte Dame mit dem großen Koffer nicht mehr geschafft. Ihr Pech, dass sie weit vorne im Zug war, sie muss wohl oder übel weiterfahren, bei der nächsten Station aussteigen und dann auf einen Zug warten, der sie wieder zurückbringt.
Vielleicht hat sie ja Glück und muss die ungewollte Fahrstrecke nicht extra bezahlen. Ich wünsche es ihr jedenfalls.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sind wir in Schladming und ich hoffe, doch noch eine kleine Nachmittagsbergtour machen zu können – was auch gelingt.
Es ist traumhaft schön in Schladming und nach dem Kongress am nächsten Tag muss ich leider schon wieder nach Wien zurückfahren.
Ich hoffe daher, dass wenigstens die Rückfahrt problemlos abläuft.

Am Bahnhof angekommen muss ich feststellen, dass es dort irgendwie keine Anzeigetafel gibt, zumindest keine, die ich finde.
Also frage ich am Bahnsteig 2 eine junge Dame, ob ich hier richtig bin für den Zug nach Leoben (bzw. Graz, dort fährt er eigentlich hin).
Sie bejaht, meint aber, dass der Zug Verspätung hätte.

Geh bitte! Nicht schon wieder. Und ich hab wieder wenig Umstiegszeit in Leoben, also bleibt nur das Hoffen, dass das irgendwie noch geht.
Dann eine Durchsage: Leider hat der Zug aufgrund eines Gleisdefekts 15 Minuten Verspätung. 15 bis 20 Minuten, genauer gesagt.
Ich krame mein Handy raus und suche neue Verbindungen nach Wien. Es gibt tatsächlich eine Möglichkeit schneller nach Wien zu kommen als mit dem nächsten Zug der gleichen Verbindung, der fährt nämlich erst zwei Stunden später.
Wie ich die Warterei auf Bahnhofsbahnsteigen hasse!

Die Alternative ist die S8, die ich schon von gestern kenne, sie fährt von Leoben nach Bruck/Mur, dort kann ich dann in einen Railjet einsteigen, der mich nach Wien bringt.
Im Zug frage ich den Schaffner, ob und wie ich es machen könnte. Er meint, die Variante mit der S8 sei eh gut, aber er ist sich nicht sicher, wie wir in Selzthal wegkommen. Das ist ein Verschubbahnhof, bei dem unser Zug eine neue Lok an der anderen Seite bekommt. Und der Schaffner dürfte schon wissen, dass das nicht immer so einfach und vor allem nicht schnell geschieht.

So ist es dann auch, wir stehen schon eine gefühlte Ewigkeit herum, als irgendwo auf einem anderen Gleis langsam, sehr langsam eine einzelne Lok vorbeifährt.
Das ist natürlich unsere, und es dauert noch ein paar Minuten, bis wir weiterfahren können. Vielleicht tue ich der ÖBB Unrecht, aber sehr durchdacht erscheint mir das nicht. Der Schaffner ist wenigstens supernett und telefoniert extra mit der S8, damit die auf uns wartet.
Das tut sie auch, nur leider kommt sie dann in St. Michael (dort mussten wir umsteigen, nicht in Leoben, nur Gott und die ÖBB wissen warum) nicht weg. Wir verlieren zwar nur zwei Minuten, aber das sind letztlich genau die zwei Minuten, die uns den Anschlusszug doch nicht erreichen lassen. Er fährt uns buchstäblich vor der Nase davon.

Ich habe keine Lust mich noch mehr zu ärgern und versuche die nächste elende Warterei mit Wurstsemmelkauf zu verkürzen. Das Panorama von Bruck/Mur rund um den Bahnhof hebt meine Stimmung allerdings nicht merklich.

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BILD 2: Bruck an der Mur, in der Nähe des Bahnhofs

Nach einer Stunde geht endlich mein Railjet nach Wien. Es ist ein tschechischer, was aber keinen wirklich großen Unterschied macht, über den Semmering sind alle gleich langsam.
Der Zug ist wenigstens nicht überfüllt und die Leute sind leise, so dass ich etwas lesen kann.

In Summe waren es zwei Mal sechs Stunden, die ich für die Reise gebraucht habe. Plus den Ärger ergibt das eine durchwachsene Bilanz. Es ist letztlich mühsam und ich mache es nicht freiwillig und schon gar nicht gerne.
Was schade ist, denn da wäre viel mehr drin.

Der Andi ist nicht mehr

Es ist immer bitter, wenn alte Freunde uns verlassen. Ich habe ihn zwar schon seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, aber noch sehr gut in Erinnerung – der lustige, verrückte, freigiebige, begabte Andi, der leider seine Zuflucht im Alkohol suchte.

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BILD 1: Andi bei einem Fest in Klosterneuburg

Von ihm hab ich meinen ersten Roller gekauft und erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Der Andi hat sowas herumstehen“ meinte die Michi, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich einen Roller suche.
Es war tatsächlich so, dass er sich eine Puch Typhoon 125 gekauft hatte und direkt danach die Lust darauf verlor. Also stand der Roller über den Winter 1998/99 herum. Wir machten uns eine Probefahrt aus und ich weiß noch, dass ich von Greifenstein bis fast nach Königstetten fuhr und den Roller dann auf der Stelle gekauft habe.
Ich hatte ihn neun Jahre und er hat mir exzellente Dienste geleistet.

Ich erzähle das nicht nur, weil mich der Roller mit Andi verbindet, sondern auch um ein wenig zu erzählen, wie er so war. In eine wohlhabende Familie hineingewachsen, mit einer vorprogrammierten Karriere im Familienbetrieb, dann aber ausbrechend, nicht der Linie folgend. Seine Begabungen lagen ganz woanders, im kreativen Bereich, in dem er sich dann auch als Filmproduzent Expertise aneignete. Nur Business-Modell konnte er keins daraus machen.

Als Fachmann für die Betriebsübergabe von Familienunternehmen könnte ich die Entwicklung heute noch ganz anders betrachten, damals fiel mir aber schon die familiäre Zerrüttung auf – der Tod der Mutter, die starke Persönlichkeit des Vaters, bei dem es so schien, als wäre er für Andi nie greifbar gewesen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment bei Andis Geburtstagsfest, als er darauf wartete, dass sein Vater vorbeikommt.
Der kam dann auch, im riesigen Geländewagen vorgefahren, kurz stehengeblieben, Fenster runter, „Du, alles Gute, ich muss leider gleich weiter“, Fenster wieder rauf, Abfahrt.

Andis Gesicht, verfallend. Der Moment zog sich wie ein Schleier über das Fest, das eigentlich fröhlich hätte sein sollen. So wie Andi eigentlich hätte fröhlich sein sollen und es ja eine Zeit lang auch war:

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BILD 2: Andi bei einem Clubbing in Klosterneuburg

Es begann ein langsamer, aber stetiger Absturz. Man könnte auch sagen, Andi verabschiedete sich von dieser Welt in einer kontinuierlichen Entwicklung, die scheinbar niemand stoppen konnte. Gemeinsame Urlaube mit Freunden (mit Thomy ein paar Wochen Australien und andere) konnten den Verfall nur verzögern.
Andi hatte es nicht leicht mit der Familie, aber die Familie hatte es auch nicht leicht mit ihm. Sie unterstütze ihn, aber scheinbar ging viel von der Unterstützung ins Leere, konnte ihn nur teilweise erreichen.

Der nächste Schritt war der Rückzug aus dem Freundeskreis, aus unserer Greifenstein-Runde. Auch das geschah nicht mit einem Ruck und war daher auch nicht als Einzelereignis spürbar, vergleichbar mit einem lieben Menschen, dessen Veränderung du nur bemerkst, wenn du ihn eine Zeit lang nicht siehst.
Hin uns wieder sah ihn noch jemand von uns, hatte kurz Kontakt. Dann bedauerten wir, dass wir ihn irgendwie verloren hatten.

Jetzt haben wir ihn wirklich verloren. Der letzte Schritt ist immer ein konsequenter. Mach´s gut, lieber Andi.

Die Demokratie der Leichtgläubigkeit

Gedanken zu einer ARTE-Philosophiesendung („Kritisches Denken in Zeiten von Fake News“, von und mit Raphael Enthoven, als Gast Gerald Bronner, Soziologe in Paris).

Eine scheinbare Demokratisierung des Wissens durch das Internet hält leider nicht, was sie verspricht. Man kann sich zwar uneingeschränkt jede Art von Information schnell besorgen, wird aber dabei nicht mehr von einem Diskurs geleitet oder gebremst, den es vor dem WWW durchaus gab, etwa im akademischen Kontext.
Wer auf der Uni durch Bücher, Fachzeitschriften und Artikel mit wissenschaftlichen Arbeiten Informationen zu einem bestimmten Thema sammelte, stieß dabei auch auf Gegenmeinungen, Konkurrenztheorien usw. Durch die langsamere Rezeption blieb Zeit zum Überlegen, Nach-Denken und natürlich zur Diskussion mit anderen, die man z.B. in einem Institut oder sonst wo traf.
Abende waren nicht zwangsläufig von Voll-Entertainment geprägt und es gab keine tragbaren Bildschirme, auf die man den ganzen Tag glotzen konnte. Nicht einmal das Fernsehen strahlte rund um die Uhr Programm aus.
Wir müssen uns diese Zeit nicht zurückwünschen, aber wir können durchaus einen Blick darauf werfen, um aus den Unterschieden eine kritische Haltung aufzubauen.

Deswegen gab es genauso spinnerte Ansichten, Verschwörungstheorien und extreme Positionen, aber sie verbreiteten sich nicht so schnell wie heute. Man könnte etwas polemisch sagen: Es gab auch damals die Dorftrottel, nur hatten sie kein Internet.

Das Problem reicht aber tiefer. Durch die blitzschnelle Informationssammlung entsteht ein Überfluss, der bewältigt werden muss, um zu einer fundierten und abgesicherten Meinung bzw. Haltung zu kommen, die in Folge Sicherheit für die Bewältigung der großen oder auch kleineren Lebensfragen bietet. Diese Bewältigung scheitert aber oft an mehreren Hürden:

1.) Denken ohne Denken gelernt zu haben funktioniert nicht. Das ist ja genau der Grund, warum in einem Studium auch die Verarbeitung und Strukturierung von Wissen und Information gelehrt und gelernt wird. Könnten das Menschen von selbst, wären diese Kurse, Vorlesungen und Seminare komplett überflüssig.

2.) In Folge kann der Überfluss nicht geistig aufgegessen werden, ähnlich wie wir es tw. auch bei unseren Ernährungsgewohnheiten sehen. Auch dort wird viel, manchmal sogar sehr viel weggeworfen. Im Wissensbereich landen diese überflüssigen Artikel im virtuellen Mist. Das reicht aber nicht, denn der Rest muss trotzdem irgendwie bewältigt werden und hier setzt ein zusätzliches Phänomen ein.
Auf der Uni bzw. anderen, vergleichbaren Lernmöglichkeiten erfolgt die Strukturierung in angeleitetem Selbststudium bzw. in der Diskussion mit anderen. Wenn es das nicht gibt, muss anders strukturiert werden. Das funktioniert durch Vorschläge von außen, also etwa durch scheinbar stimmige Gesamttheorien, denen man glaubt, ohne sie zu hinterfragen, weil man/frau das Hinterfragen nie gelernt hat.

3.) Die Sicherheit strukturierten und reflektierten Denkens ist nicht gegeben, daher sucht man sich die notwendige Sicherheit durch Bestätigung Gleichgesinnter. Mit anderen Worten: man begibt sich in eine Blase und bleibt, da dort alles auf sich selbst referenziert wird. Man kann das mit einer Sekte vergleichen, in der man von der Außenwelt abgeschnitten wird. Hier kommt noch das gruppendynamische Phänomen dazu, dass die Identität durch einen gemeinsamen Außenfeind stärker wird. Diese so dringend gesuchte Identität der im Internet verlorenen Individuen, der Idioten (übersetzt: Vereinzelten), die keine soziale Geborgenheit mehr kennen, alleine daheim vor dem Bildschirm hockend. Viele von ihnen schotten sich in der Öffentlichkeit noch zusätzlich ab, mit Kopfhörern und Smartphones, auf die pausenlos gestarrt wird.
Dort befindet sich ja auch das Ich, das verwirrt und in Folge auch ängstlich auf die Umwelt zu reagieren beginnt, weil die früher gewohnten Haltepunkte nicht mehr vorhanden sind. Langsam entfernen diese Menschen sich von der Gemeinschaft und werden asozial, rücken das Ich ins Zentrum (werden ego-zentrisch) und so entstehen z.B. die Impfverweigerer, die den sozialen Sinn der Covid-Impfung nicht mehr verstehen, weil sie mit sozialem Sinn nichts mehr anfangen können.
Die letzten sechzig Jahre an Dauerpenetration mit Werbung, die ausschließlich auf das Ich fokussiert, zeigen ihre Wirkung, der wichtigste Satz lautet jetzt „Ich will alles und das jetzt gleich“.

4.) Das immer schneller werdende Internet macht aus den Menschen Ungeduldige, die Warten nicht mehr aushalten können und in Folge keinen Triebaufschub mehr dulden. Durch die Verstärkung ihrer Blase in Verbindung mit dem aufgeblasenen Ich beginnen sie die schnelle, die sofortige Triebbefriedigung als ihr Recht anzusehen und entsprechend einzufordern. Das Essen wird zum Fast-Food, das Auto zum Rennwagen und das Fernsehen zum Netflix, wo der Qualtinger nur mehr selten zu Gast ist und sagt „I waaß zwoa no ned wo i hin wü, oba dafür bin i gschwinder durt.“

5.) Durch die gefühlte Orientierungslosigkeit richtet sich der Fokus, die Motivation auf die eine Wahrheit, die scheinbar hilft die Komplexität nicht aushalten zu müssen. In diesem Fall helfen Argumente nichts mehr, der Ideologie ist immanent, dass sie nicht kritisierbar ist, weil Kritik daran verboten ist. Die Leichtigkeit des Lebens innerhalb eines akademisch reflektierten und durch soziale Absicherung stabilen Weltbildes wird ersetzt durch die Leichtigkeit des „Mono-Theorismus“, an den sich passende Teile anheften und von dem nicht passende Teile sofort abgestoßen werden. Man nennt das „Bestätigungsverzerrung“ und es bedeutet, dass man nur mehr Fakten als solche akzeptiert, die die eigene Grundannahme bestätigen. Dadurch wird keine anstrengende Argumentation mehr notwendig, kein Austausch.
Das im Ergebnis leichte, weil schwer erarbeitete Wissen wird ersetzt durch den leichten Glauben, die Leichtgläubigkeit. Dazu passend sind Verschwörungstheorien reizvoller, lustvoller, als die komplexen offiziellen Theorien und extreme Ansichten bieten eine sichere Ecke anstelle des scharfen Windes am unsicheren Grat der Relativierung.

Wer nichts mehr weiß, muss alles glauben – dieser Satz beginnt an Bedeutung zu gewinnen und führt uns sanft, aber konsequent in eine düstere Prognose, wenn nicht gar in eine dystopische Soziallandschaft, in der die Menschen fette Pizza und noch fettere Burger bewegungslos mit übersüßten Limonaden hinunterspülen und nur mehr über kurze Worte am Bildschirm kommunizieren.

Guido Schwarz, 9. Februar 2022

Griechenland 87 – ein Sommer wie von STS besungen

Es ist Sonntag Abend und ich sitze auf meiner Couch. Plötzlich summe ich „I still haven´t found what I´m looking for“ und habe große Lust, die Nummer sofort anzuhören.
Also marschiere ich zum CD-Regal und greife ganz nach unten, zur neunten CD, die ich je gekauft habe: U2 – The Joshua Tree. Ich bin begeistert, wie gut die Scheibe heute noch ist, irgendwie nicht tot gehört, zeitlos, vielleicht wirklich die beste CD, die U2 je gemacht hat.

Und dann kommen die Erinnerungen. An den Griechenland-Urlaub im Juli 87. Eine Geschichte nach der anderen fällt mir ein. Und es wird Zeit, sie wieder an die Oberfläche zu holen und aufzuschreiben – oder besser: einzutippen.
Leider gibt es von diesem Urlaub keine Fotos – zumindest keine, die ich zur Verfügung habe. Handys gab es damals noch nicht, Digitalkameras natürlich auch nicht und keiner von uns hatte einen Fotoapparat mit. So bleiben nur die Erinnerungsbilder im Kopf.

Eigentlich beginnt die Geschichte noch viel früher, nämlich im Sommer 1980, als mein Vater meine Geschwister und mich in seinen damals brandneuen Puch G einlud und wir alle nach Griechenland fuhren. Das Ziel war die Ostseite von Sithonia, dem mittleren Finger der Halbinsel Chalkidike.
Dort gibt es eine Küstenstraße und mein Vater wollte dort campen, wild und direkt am Meer. Eine Bucht gab es nicht und so schlugen wir die Zelte einfach irgendwo auf. Das war damals noch möglich und mehr oder weniger erlaubt.
Viele Jahre später, im Frühjahr 1986, fuhren wir wieder hin. Ich schon mit meinem ersten, eigenen Auto, 19 Jahre alt, frisch vom Bundesheer abgerüstet.
Wir zelteten damals in einem wilden Oleandertal, an das ich mich noch erinnern und glücklicherweise auch finden konnte. Es war der wahrscheinlich schönste Urlaub meines Lebens.

Ein Jahr später fuhr ich noch einmal hin, diesmal in einer anderen Konstellation. Mit dabei waren der Schmidl und der Georg. Ich weiß nicht mehr, warum wir uns gerade für diesen Urlaub entschieden. Georg war ein Jahr davor auch dabei und wahrscheinlich fiel uns auch einfach nichts besseres ein. Dort kannten wir uns wenigstens schon gut aus und so borgte ich mir einen alten, grünen Audi 100 aus, da mein eigenes Auto kurz davor aufgrund von Rost einfach mehr oder weniger zerfallen war.
Der Audi war in mittelprächtigem Zustand, hatte immerhin ca. 100 PS und somit das Doppelte von meinem alten Golf. Ich würde mit so einem Auto heute gar nirgends mehr hinfahren, aber damals war uns das egal. Springt die Kiste an? Ja. Rinnt irgendwo was aus? Nein. Passt.
Wir hatten sehr wenig Geld und viel Optimismus, wir waren unglaublich unbekümmert und packten einfach Campingequipment zusammen, wobei ich mir das meiste von meinem Vater ausborgen konnte.
Zwei Zelte, Schlafsäcke, Matten, ein wenig Geschirr und ein paar T-Shirts, sehr viel mehr brauchten wir nicht.

Was wir aber sehr wohl brauchten, waren Benzingutscheine, ohne die man in Jugoslawien keinen Sprit bekam oder nur viel teurer – so genau weiß ich das nicht mehr.
Wir fuhren einfach los und kamen auch gut über die Grenze nach Ungarn. Das war damals nicht so einfach wie heute, der Ostblock war noch stark und für Ungarn musste man einen „Adatlap“ ausfüllen, ein kompliziertes Formular. Aber das waren wir gewohnt.
Mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen nahmen wir es nicht so genau und so wurden wir in einer Ortschaft von der ungarischen Polizei aufgehalten. Weil wir durch Ungarn nur schnell durchfahren wollten, hatten wir keine Forint mit, nur jugoslawische Dinar und griechische Drachme und natürlich Schillinge.
Nach längeren Verhandlungen gaben uns die Ungarn zu verstehen, dass sie weder Drachme noch Dinar wollten und ließen uns einfach weiterfahren.

Ich weiß nicht mehr viel von der Fahrt, der Georg und ich wechselten uns ab, weil der Schmidl damals noch keinen Führerschein hatte – oder umgekehrt? Jedenfalls hielt der Audi durch und nach 20 Stunden durchgehender Fahrt kamen wir zu unserem Zeltplatz im Oleandertal. Aus heutiger Sicht war das der komplette Wahnsinn, denn wir waren natürlich komplett übermüdet – und Red Bull war noch nicht erfunden. Vor allem gab es in Jugoslawien noch keine Autobahn, erst wieder ab der griechischen Grenze in Gevgelija. Wir mussten die alte „Autobutt“ fahren – die damals gefährlichste Straße von überhaupt, die sogenannte „Gastarbeiterroute“, auf der im Sommer gefühlte Millionen uralter Ford Transits unterwegs waren, vollgestopft mit türkischen Familien am Weg nach Ostanatolien. Jedes Überholmanöver ein Hasardspiel.
Und dann die Fahrt durch Thessaloniki, eh schon hundemüde und damals gab es ja kein Internet, d.h. wir mussten nach Karte fahren und Tankstellenverzeichnis gab es auch keines, von Handys ganz zu schweigen.

Als wir im Oleandertal ankamen, war es fast wie im Vorjahr. Nur der wildromantische Bach war kleiner, aber wir fanden unseren alten Zeltplatz wieder.
Das war eine komplett andere Zeit, offiziell war es damals schon nicht erlaubt wild zu zelten, aber wir hatten im Jahr davor Jannis kennengelernt, einen alten Ziegenhirt, und dem waren wir sympathisch. Sein Sohn Christos war der zuständige Feuerpolizist und so bekamen wir eine inoffizielle Sondererlaubnis. Wir durften halt kein Feuer machen und mussten aufpassen, aber das war sowieso Ehrensache. Außerdem kam Jannis fast jeden Tag einmal mit seinen Ziegen vorbei.
Der einzige echte Unterschied zum Jahr zuvor war ein riesiger Sandhaufen, den ein Bagger neben unserem Platz aufgeschaufelt hatte. Das Tal war sonst menschenleer, wir waren die einzigen dort, alle paar Tage kamen zwei, drei verirrte Wanderer vorbei – wenn überhaupt. Wenn wir ins Dorf fuhren, ließen wir unsere Sachen einfach im Zelt. Es ist nie etwas weggekommen.

Es gab einen Weg in das Tal hinein, den man mit einem Auto befahren konnte, wenngleich es auch ziemlich holprig war. Am Ende des Weges war unser Zeltplatz. Von da ging ein schmaler Pfad weiter, den man nur mit einem Geländewagen befahren konnte, was mein Vater 1980 auch getan hatte. Es ging dort auch relativ steil die Hügel hinauf, bis auf den Berg Itamo. Es war alles von Feuerstraßen durchzogen, sonst aber so wild, wie nur möglich.

Ein paar hundert Meter oberhalb unseres Zeltplatzes gab es einen kleinen Teich, in dem man baden konnte. Hohe Pinien, das laute Zirpen der Zikaden, eine wilde Geruchsmischung aus zahllosen Kräutern und eben jede Menge blühender Oleander an den Flanken des Baches.

Leider gibt es dieses Tal in seiner alten Pracht nicht mehr, der Bach wurde einige Jahre später weiter oben in ein anderes Tal zu einem Hotelkomplex umgeleitet und das romantische Oleandertal ziemlich zerstört. Als ich das erfahren habe, hat es doch ziemlich weh getan. Mein Unverständnis für die blinde Zerstörung der Natur aus Profitgier machte mich damals schon wütend, vielleicht ist da in mir der Grüne gewachsen, der ich heute bin.

1987 war die Welt dort noch heil. Und wir waren Anfang unserer Zwanziger und wollten einen Sommer in Griechenland erleben, mit allem, was dazu gehört.
In den 1980ern waren das Disko, dunkelbraune Haut und Coolness. Und wir waren die coolsten, das war von vornherein klar. Und dass das im Dorf Sarti auch alle merken sollten, war noch viel klarer.
Also bauten wir zuerst einmal unsere Zelte auf, ich hatte mein kleines, grünes Marechal-Kuppelzelt (und habe es bis heute), Schmidl und Georg schliefen in einem anderen. Damals musste ich lernen, dass es eine große Rolle spielt, wo man sein Zelt aufbaut. Und zwar spätestens am nächsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht und ein dunkelgrünes Zelt in einen Backofen verwandelt, vor allem in Griechenland im Juli. Der einzige, mehr oder weniger erwünschte Nebeneffekt besteht darin, dass man trotz ordentlichem Rausch am Vorabend verlässlich aufsteht, wenn die Sonne auf´s Zelt scheint, was in Griechenland im Juli verdammt früh der Fall ist.

Wir waren punkto Campingequipment hervorragend ausgestattet, vor allem Dank der Erfahrung aus dem Jahr davor. Außerdem brauchten wir nicht wirklich viel, das Gewand beschränkte sich auf T-Shirts, kurze Hosen und Espandrillos, am Abend vielleicht eine lange Hose und ein luftiges Hemd. Wir mussten auch nicht viel Essen kochen, da wir das Frühstück meistens verschliefen, zu Mittag zu faul zum Kochen waren und daher vor allem Früchte zu uns nahmen, vielleicht einmal eine Eierspeis oder ähnliches, Weißbrot mit Paradeiser und Gurken – alles, was schnell hergerichtet war und wofür wir keinen Kühlschrank brauchten, den hatten wir nämlich nicht dabei.
Es ist heute schwer vorstellbar, mit wie wenig Dingen wir auskamen und dabei genauso zufrieden waren wie heute mit einem Campingmobil um 100.000 Euro. Wir hatten den alten Audi und wenig Ansprüche.
Und wir hatten wenig konkrete Pläne für den Urlaub. Wir wollten die Schönheit der Wildnis von Sithonia genießen, eine Menge Gaudi haben, abends im Dorf abhängen und einfach eine nette Zeit erleben.

Da es ziemlich heiß war, wanderten oder fuhren wir unter Tags gerne nach vor zum Meer um zu baden oder machten einen kleinen Spaziergang zum kleinen See. Die schon erwähnte Bräunung spielte dabei eine große Rolle, sie war Teil der geplanten Coolness und letztlich dazu da, die Mädels zu beeindrucken, die wir ja hoffentlich kennenlernen würden.

Schon am ersten Abend fuhren wir die sieben Kilometer nach Sarti, um die Lage zu checken und unseren Hunger zu stillen. Es gab dort jede Menge Tavernen im Ort und am Strand, das Essen war sogar für unsere schmale Börse leistbar und von guter Qualität. Kalamari, Fisch, Moussaka, Spieße und natürlich den griechischen Salat. Nach dem Essen gab es eine Reihe Bars, um sich ein kühles Bier zu organisieren oder einen Cocktail. Und es gab eine Handvoll Diskos, die wir alle abklappern mussten.
Ich erinnere mich an die Lokale nur sehr dunkel, beim Bier hatten wir auf jeden Fall die Auswahl zwischen Amstel und Henninger und auch hier waren die Preise sehr moderat.

Heute wäre eines der größten Probleme, wie wir nach einem feuchtfröhlichen Abend nach Hause in unser Oleandertal kommen würden. Damals war das komplett egal, gefahren wurde in fast jedem Zustand, der noch irgendwie eine halbwegs brauchbare Überlebenschance auf der extrem kurvigen Küstenstraße erkennen ließ. Da der Schmiedl ja noch keinen Führerschein hatte, war meistens ich der Fahrer.
Aus heutiger Sicht war das ein Wahnsinn, reihte sich aber gut in den dort üblichen Wahnsinn junger, griechischer Männer ein, die in Shorts und Espandrillos und in jedem Fall ohne Helm mit schweren Maschinen herumbrausten. Zahlreiche Kreuze am Straßenrand machten damals schon deutlich, dass das nicht immer gut ging.
Die Sorglosigkeit dieses Urlaubs war uns damals selbst nicht bewusst, sie war einfach da und selbstverständlich. Es war Sommer, wir waren in Griechenland und das Leben war so wolkenlos wie der Himmel.

Ich kann mich noch gut an die Situation erinnern, als beim Essen neben uns eine kleine Gruppe aus Wien saß. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir sie kennenlernten, aber es war wenig später der Fall. Kathi mit ihrem Freund, Dagmar und XX – sie wohnten in einem Hotel im Ort, waren ebenfalls für 2-3 Wochen da und zu viert mit einem alten Mazda 323 hergefahren.
Wir wussten damals noch nicht, dass sich daraus eine nette Freundschaft ergeben würde, die über den Urlaub hinaus halten sollte. Wir trafen uns einfach am Abend und zogen gemeinsam durch´s Dorf.

Dieser Urlaub sollte auch ein paar der legendärsten Geschichten hervorbringen, die wir in unserer Jugend zusammenstecken konnten.
Die erste beginnt an einem der Morgen, an denen ich von der Hitze schon recht früh aus dem Zelt getrieben wurde. Da die anderen noch schliefen, beschloss ich ins Dorf zu fahren und einzukaufen. Mich überkam noch rechtzeitig der Gedanke, dass die Schlafmützen recht ang´fressen wären, wenn ich ihnen nichts mitbringen würde. Also weckte ich sie so sanft aus, wie mir das nur möglich war. Die Reaktion war ein böses Fauchen, wobei ich mich an den genauen Wortlaut nicht mehr erinnern konnte, irgendwas mit „Schleich di, lass uns schlafen“ wird schon dabei gewesen sein.
Also schlich ich mich und fuhr ins Dorf. Neben frischem Brot und Gemüse kaufte ich auch sogenannte „Yannis-Riegel“, das waren geschnittene, viereckige Stücke aus Nüssen und Honig oder Sesam und Honig.
Und natürlich kaltes Cola für die Jungs.

Als ich zurück kam, waren sie immer noch nicht wach, konnten aber eine Hand aus dem Zelt strecken und das kalte Cola hineinziehen.
Später saßen wir dann bei einem späten Frühstück, so gegen 13 Uhr muss das gewesen sein, und ich gab den beiden die Yannis-Riegel, die ich als absolute Köstlichkeit zu schätzen gelernt hatte.
Schmiedl unterlief allerdings genau jetzt ein folgenschwerer Fehler. Er dachte, dass die Riegel etwa in der Konsistenz eines Müsli-Riegels wären und biss herzhaft hinein.
In Wirklichkeit waren die Dinger steinhart und man musste sie vorsichtig abknabbern.
Dieser Unterschied war entscheidend für Schmidls oberen Schneidezahn, der spontan beschloss, den Besitzer zu wechseln und im Riegel stecken zu bleiben.
Es handelte sich nämlich um einen Stiftzahn, was wir vorher nicht wussten, und jetzt mit Erstaunen, gefolgt von brüllendem Gelächter zu Kenntnis nahmen. Das Gesicht von Schmidl habe ich heute noch vor mir, wir sind fast gestorben beim Anblick der Zahnlücke.
Schmidl hätte es auch durchaus gerne gesehen, wenn wir gestorben wären, er fand das nämlich ganz und gar nicht lustig. „Wof foll i jepft mochn, i fau auf wie a Volltrottel“ waren in etwa seine Worte. Wir lagen am Boden und wälzten uns im Staub.

Irgendwann hatten wir fertig gelacht und waren bereit, dem armen Schmidl zu helfen, dessen Disko-Coolness mit einer fetten Zahnlücke auf der Stelle gegen Null gehen würde.
Also musste ein Plan her, denn uns war klar, dass ein ständig ang´fressener Freund auch unserem Urlaub nicht gut tun würde. Die Option Zahnarzt gab es aus irgend einem Grund nicht, also mussten wir eine Möglichkeit finden, den Zahn irgendwie wieder in den Mund zu bekommen, konkret: hineinzukleben.
Wenig später saß ich im Audi und raste nach Sarti, um Superkleber oder etwas ähnliches zu kaufen. Dummerweise gab es nichts dergleichen, in keinem der greißlerartigen Geschäfte, und ich klapperte sie alle ab.
Also wieder zurück zum inzwischen ziemlich verzweifelten Schmidl, dem die Nachricht, dass ich ohne Erfolg zurückgekommen war, nicht eben zur Freude gereichte.
Und dann kam der legendäre Satz: „Ef Oaflächa, fiats mi sofoat noch Falloniki, i foa ham.“

Diese nicht sehr erfreuliche Aussicht brachte unsere Gehirnzellen zum Arbeiten, nachdem wir uns wieder eine Runde vor Lachen im Staub gewälzt hatten.
Dann kam mir der rettende Gedanke: Weil der Audi damals eine seltsame Konstruktion der Rückspiegelbefestigung hatte – er war auf die Windschutzscheibe geklebt – und ich wusste, dass er von Zeit zu Zeit runterzufallen pflegte, hatte ich aus Wien einen Zwei-Komponenten-Kleber mitgenommen.
Wir beschlossen, damit dem Schmidl den Zahn wieder in die Pappn zu kleben. Das Hauptproblem bestand darin, eine ruhige Hand zustande zu bringen, was vor lauter Lachen eine ordentliche Herausforderung darstellte. Georg und ich konnten uns nur schwer beruhigen, vor allem, weil der Kleber 30 Minuten Trocknungszeit verlangte. Und der Zahn in dieser Zeit nicht bewegt werden durfte.
Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie wir das geschafft haben. Ich weiß nur, dass Georg dem Schmidl währenddessen mit einem Strohalm Wasser auf der Seite des Mundes einflößte.
Irgendwann war der Kleber trocken und Schmidl konnte wieder lachen. Als er zwei Wochen später in Wien zum Zahnarzt ging, rüttelte der nur am Zahn und meinte, dass er in drin lassen würde. Er hielt noch weitere zwei Jahre, wenn ich mich richtig erinnere.

Also alles wieder gut. Dass wir das am Abend in Sarti ordentlich feiern und begießen müssen, war klar. Und irgendwie war auch klar, dass die Geschichte mit dem Zahn nicht das einzige Erlebnis bleiben sollte.
An einem der nächsten Abende lernten wir in der Disco ein paar Griechinnen kennen, die sich als der weibliche Teil der griechischen Rudernationalmannschaft herausstellten. Was sich in dieser Nacht genau abspielte, kann ich bei bestem Willen nicht mehr rekonstruieren, ich weiß nur noch, dass wir am nächsten Tag am Strand aufwachten, und zwar im Audi. Es stellte sich heraus, dass wir irgendwann von der Disko noch zum Meer gefahren sein mussten und dort mit dem Audi uns im Sand eingegraben hatten. Scheinbar konnten wir ihn nicht mehr frei machen und sind einfach eingeschlafen, mit offenen Türen, irgendwie auf den Sitzen liegend, mit Verrenkungen, die ich mir heute ebenfalls nicht mehr vorstellen kann. Die Griechinnen waren weg, dafür waren jede Menge Badegäste rund um uns herum, die uns alle ziemlich erheitert bewunderten. Zumindest hoffe ich, dass sie uns bewunderten, ich verstehe kein Griechisch.
Gemeinsam mit ein paar jungen Griechen schoben wir die Kiste aus dem Sand und fuhren nach Hause, mit einem ordentlichen Brand und großem Schädel.

So und so ähnlich verliefen die Nächte, an den Tagen ruhten wir uns aus, mehr oder weniger war es das. Wer heute die Partylaune junger Menschen kritisiert, sollte an die eigene Jugend zurück denken, wir jedenfalls hatten außer Strand, Disko, Saufen und Mädchen genau nichts im Kopf. Die Erinnerungen bestehen aus Fragmenten, etwa aus dem Tanzwettbewerb in der Disko, der wahrscheinlich an einem Samstag Abend stattgefunden hat und an dem wir natürlich teilnahmen. Die Musik durfte man sich aussuchen und wir wählten „Real wild child“ von Iggy Pop. Dazu tanzten wir eine Mischung aus Pogo und Ska, genau genommen irgendetwas, bei dem wir wie wild auf der Tanzfläche herumhüpften, die Beine in die Höhe rissen und uns gegenseitig anrempelten. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Anwesenden das gar nicht so lustig fanden, wir waren von uns jedenfalls begeistert und hatten riesigen Spaß.

Irgendwann, genauer nach drei Wochen, war der Urlaub zu Ende und wir packten unser Klumpert für die Heimreise. Unser Bach war merklich geschrumpft und wir hatten auch nicht vor gehabt länger zu bleiben. Jedenfalls stand uns eine lange Heimreise bevor, die glücklicherweise ohne größere Zwischenfälle verlief. Also bis auf einen, an den ich mich gut erinnern kann. Eigentlich zwei, aber der zweite war bereits daheim.
Wir fuhren irgendwo durch Jugoslawien, ich war hundemüde und wir mussten tanken. Dazu muss ich anmerken, dass das ganz anders war als heute. Um bei der Tankstelle Benzin zu bekommen, brauchte man Tankgutscheine – zumindest war das Benzin damit wesentlich billiger. Ich hatte sie in Wien besorgt und sorgsam gehütet, weil wir sie bei der Rückfahrt brauchten.
Georg wurde zahlen geschickt, kam zurück und wir fuhren weiter. Irgendwann, wahrscheinlich bei der nächsten Pinkelpause machte ich einen Blick in unsere Reisebörse und war leicht geschockt – die Benzingutscheine waren weg, alle oder fast alle, glaube ein oder zwei waren noch da.
Georg wurde zur Rede gestellt und erklärte, dass er nicht genau gewusste hätte wie viel wir zu zahlen hätten und so hätte er dem Tankwart einfach alle Gutscheine in die Hand gedrückt, auf dass dieser sich nehmen sollte, was es eben ausmacht.
Und das tat dieser auch, nicht zu knapp.

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir dann in Wien, die Rückfahrt hatte 20 Stunden gedauert, ohne nennenswerte Pausen. Ich stellte den Audi daheim ab, schnappte mir meinen kleinen Reiserucksack mit den Wertsachen und ging hundemüde ins Bett. Der verdiente Schlaf dauerte aber nicht lange, denn meine Großmutter rief an, um mir mitzuteilen, dass die Feuerwehr bei unserem Audi stehen würde. Dazu muss man wissen, dass ich damals im 17. Bezirk wohnte und der Weg zur Straße, in der der Audi stand, den halben Schafberg hinunter führt. Es stellte sich heraus, dass ein Benzinschlauch gerissen und der Tankinhalt auf die Straße geflossen war. Die Feuerwehr hatte bereits alles abgesichert und den ausgelaufenen Sprit gebunden und ich wusste, dass das jetzt ganz zum Schluss noch ein wirklich großes Loch in die Reisekasse reissen würde.
Immerhin konnte ich jetzt schlafen gehen.