Der Gesundheitsweg für Autofahrer

Es gibt ihn wahrscheinlich schon seit den 1970er-Jahren und er war damals nicht der einzige. Zumindest drei oder vier kannte ich damals und fand es witzig, auf den Geräten herumzuturnen.

Heute ist er ein Anachronismus erster Ordnung und zeigt ein Gesellschaftsbild, das sich dringend weiterentwickeln muss.

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Bild: Der Gesundheitsweg für Autofahrer

Was ist das eigentlich, so ein „Gesundheitsweg für Autofahrer“? Konkret besteht er aus einem Weg im Wald, auf dem in kurzen Abständen Reckstangen und sonstige Geräte verteilt sind. Autofahrer sollen durch Schilder animiert werden diesen Weg zu gehen und die Geräte zu benützen. Scheinbar soll das ihrer Gesundheit dienen.
Aber wieso brauchen die das? Ich habe niemals einen Autofahrer gesehen, der das verwendet. Scheinbar sind nur Männer angesprochen, aber um das zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Zeit ihrer Entstehung machen, also nicht der Männer, nur der Gesundheitswege.
Zu dieser Zeit fuhren fast ausschließlich Männer die Autos. Frauen waren am Beifahrersitz (es gab keinen Beifahrerinnensitz, weil es keine Fahrerinnen gab) geduldet und hatten artig und ruhig den Fahrer zu unterstützen.
Die dazu gehörende Radiosendung hieß „Autofahrer unterwegs“ und erfreute sich extrem hoher Beliebtheit. Das Themen Feminismus und Gendern waren noch nicht erfunden oder steckten in den Kinderschuhen.
Männer waren die heldenhaften Bezwinger des Autos, diejenigen, die die Arbeit des Chauffierens erledigen mussten, weil Frauen das nicht können sollten und nur ausgesprochen selten ans Steuer durften, genau genommen nur dann, wenn sie alleine oder mit den Kindern fuhren.
Selbstverständlich gab es Ausnahmen, aber ihre Größenordnung können wir gut erahnen, wenn wir uns heute an eine belebte Straße stellen und anschauen, wie viele Männer immer noch am Steuer und wie viele Frauen am Beifahrersitz zu sehen sind.

Es war auch die Zeit der Ausflüge mit dem Auto, ein anderes Verkehrsmittel war nicht wirklich vorstellbar, mit der Bahn fuhren nur arme Leute und Spinner. Wer sich ein Auto leisten konnte, hatte eins.
Also fuhr man am Wochenende ins Grüne, hinaus aus der grauen Stadt, die unter anderem so grau war, weil dort die Luft vom Autoverkehr verpestet war. Man hatte sich einen Dreckverursacher gekauft, um damit dem Dreck davon zu fahren, den er verursachte.

Weit sind wir in der Entwicklung seither nicht gekommen, das Auto (besser: der eigene PKW) ist auch heute noch das Verkehrsmittel der ersten Wahl und wird nach wie vor benützt, um aus der Stadt ins Grüne zu fahren. Ein so ein Ort ist die Windischhütte, die man und frau auch problemlos im Zuge einer kleinen Wanderung erreichen kann, um sich erstens Appetit zur Einkehr in das dortige Gasthaus zu holen und zweitens wirklich etwas für die Gesundheit zu tun.

Der Gesundheitsweg ist eigentlich ein Krankmacher, denn er suggeriert, dass man gefälligst alles mit dem Auto fahren soll und dann hin und wieder ein paar Minuten an einer Reckstange baumeln. Was genau soll das bringen? Ein Dehnen der vom Fahren müden Glieder? Beseitigung von Verspannungen, wie sie nach einem ganzen Tag Autofahren auftreten, sicher aber nicht nach 30 Minuten Fahrt zur Windischhütte?
Ich vermute, dass diese Tafeln den Autofahrern signalisieren sollen, dass sie nur ja nicht auf die Idee kommen irgend einen Weg ohne das Auto zu machen. Ein Grund dafür könnte ja sein, dass man etwas für seine Gesundheit machen möchte und sich daher überlegt, zu Fuß zu gehen. Dann könnte man entdecken, wie schön und gesund Wanderungen sind – das gilt es auf jeden Fall zu unterbinden.
Daher die Botschaft: Fahr alles mit dem Auto und gehe hin und wieder so einen Gesundheitsweg.

Dass man dort maximal Kinder spielen sieht, mag vielleicht darauf hinweisen, dass die Autofahrer den Trick durchschauen. Oder dass es ihnen einfach egal ist.
Auf jeden Fall erinnert es mich an die Fitness-Center, zu denen die Fitnesshungrigen mit dem Auto hinfahren, dann mit dem Lift in den Stock des Centers, um sich dort wie verrückt auszupowern, nur um dann wieder in ihr Auto zu steigen.

Ich meine, es ist höchste Zeit, dass die Menschen im 21. Jahrhundert ankommen. Und dass die Gesundheitswege bald Geschichte sind.

Der Stabmixer

Er fehlt eigentlich in keiner Küche, ich brauche ihn meistens zum Marmelademachen. Als ich mir den Stabmixer kaufte, war ich frisch in die Wohnung eingezogen und legte damals noch wenig Aufmerksamkeit auf die mögliche Qualität von Küchengeräten. Ich kann mich an das Auswahlkriterium nicht erinnern, aber es wurde ein Braun Stabmixer.

Viele Jahre, fast Jahrzehnte verschwendete ich keinen Gedanken an das Gerät – es funktionierte einwandfrei und konnte genau das, was ich wollte.
Irgendwann vor ein paar Jahren brach dann unten ein Stück Plastik ab, aber ich konnte ihn weiter verwenden, die Funktion war gegeben.

Jetzt war es soweit – ein weiteres, großes Stück brach ab und bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass das Plastik generell schon rissig und brüchig ist. Jetzt erst fiel mir auf, wie lange ich das Ding schon verwendet habe – 28 Jahre. Das ist eine lange Zeit und zeigt, wie gut Braun damals die Stabmixer baute und welcher Wert auf Langzeitgebrauch gelegt wurde.

Also hab ich mir wieder einen Braun gekauft und witzigerweise hat er ein paar ähnliche Designelemente, Braun ist quasi der Linie treu geblieben, ich hoffe auch punkto Qualität und dass ich den neuen Stabmixer wieder 28 Jahre verwenden kann.
Der Preis lässt das leider nicht vermuten, der Mixer ist mit 19,90 Euro ausgesprochen billig.

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Bild: 2 Stabmixer von Braun, 28 Jahre Differenz

Ich hoffe, dass ich nicht bald wieder darüber berichten muss. Und jetzt gehe ich Marmelade kochen.

Philips – zerstören statt reparieren

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir eine neue elektrische Zahnbürste gekauft – nicht ganz billig, so eine Philips Sonicare Ultraschall-Bürste.
Die erste Erkenntnis bestand darin, dass „Ultraschall“ lediglich bedeutet, dass sich der Bürstenkopf schnell hin- und herbewegt. Ehrlich gesagt auch nicht wirklich anders als bei der alten Braun, die ich Jahre davor hatte. Das mit dem Ultraschall ist ein Marketingschmäh, genauso wie die Funktion „Ultra White“ – das bedeutet nämlich nur, dass die Bürste länger läuft. Sonst gar nichts. Ich muss aber zugeben, dass ich auf die Schmähs reingefallen bin, immerhin einmal.

Das Bürsten ging so leidlich, das Handstück war leicht zu reinigen und hin und wieder musste ich sie aufladen. Dass das Ding kabellos funktioniert, ist bei einer Zahnbürste absolut sinnvoll, ein Kabel wäre ständig im Weg.

Alles soweit okay, bis neulich. Da hat sie nämlich nicht mehr funktioniert, die teure Bürste. Also aufladen – was aber nichts genützt hat, auch nicht langes Aufladen.
Dann reifte die Erkenntnis, dass das Ding wohl kaputt sein dürfte. Die Bedienungsanleitung gibt leider keinen Aufschluss über mögliche Ursachen, ich tippte auf einen kaputten Akku. Eigentlich dürfte er zwar nicht so schnell (ca. 3 Jahre) den Geist aufgeben, aber Akkus sind unberechenbar, deswegen kann man sie normalerweise auch austauschen.

Dann entdecke ich auf einer Seite der Bedienungsanleitung die Anweisung, wie man den Akku entfernen könne, und zwar um ihn umweltgerecht zu entsorgen.
Wir haben es hier mit dem nächsten Schmäh zu tun. Würde sich Philips auch nur einen winzigen Dreck um die Umwelt kümmern, dann wäre das Ding zumindest reparierbar.
Das ist es nämlich nicht, und zwar gar nicht. Man kann die Bürste zerstören, um den Akku rauszuholen, wobei Philips ausdrücklich darauf hinweist, dass dieser Vorgang unumkehrbar ist, also: öffnen heißt zerstören.

Das wäre übrigens nicht notwendig, mit ein paar winzigen technischen Änderungen, welche die Produktion um keinen Cent verteuern würden, könnte man die Bürste so gestalten, dass man den Akku ersetzen kann und sie dann wieder ein paar Jahre funktioniert. Die Li-Ion-Standardzelle ist nämlich mit zwei Fahnen verlötet. Statt diesen Fahnen wären die üblichen Klemmen möglich, dann ließe sich die Zelle austauschen. Mit drei zusätzlichen kleinen Schräubchen wäre der gegen Wasser abgedichtete Deckel so gestaltbar, dass man ihn auf- und wieder zuschrauben kann. Das wäre alles, sonst bräuchte das Ding keine technischen Änderungen.

Das wissen die Ingenieure bei Philips genauso wie die Produkt- und die Marketingstrategen. Sie können es tun, wenn sie es wollten.

Ich mache mich jetzt auf die Suche nach einem besseren Produkt, die Philosophie von Philips gefällt mir leider gar nicht und ich werde versuchen, eine Produkte dieses Unternehmens mehr zu kaufen, dass so offensichtlich auf Umweltschutz pfeift und trotzdem zum Hohn aller KonsumentInnen behauptet, für Umweltschutz einzutreten.

Die kurze Strategie

Wie groß war der Jubel der Grünen über die 14% bei der Nationalratswahl im Herbst 2019 – das beste Ergebnis aller Zeiten, wieder im Nationalrat, wieder Geld, wieder Jobs, wieder „drin“.

Ein halbes Jahr später sind die Grünen mit den Türkisen in einer Koalition und die Stimmen des Widerstands und der Kritik werden nicht nur innen, sondern auch außen größer.
Um die Situation zu verstehen, muss man sich die Koalitionsverhandlungen ansehen. Es war allen Grünen klar, dass sie die künftige Linie nicht dominieren werden und dass in dieser Linie jede Menge menschenverachtende, harte und ideologisch hart rechte Positionen das Ergebnis bestimmen werden.
Viel, sehr viel von dem, was unter türkis-blau Programm war, wurde wieder Programm und die Grünen müssen es wohl oder übel mittragen. Die einzige Alternative wäre die Auflösung der Koalition.
Wenn diese den Grünen in die Schuhe geschoben wird, stürzen sie ab ins Nichts.

Erwartung und Enttäuschung

Der heikelste Punkt an dieser Sache sind die extrem hohen Erwartungen vieler Wählerinnen und Wähler: Jetzt mit den Grünen wird es all die ausländerfeindlichen und sozial ungerechten Dinge nicht mehr geben und der Umweltschutz rutscht an die erste Stelle.

All das wurde von den Türkisen milde belächelt. Sie wussten ganz genau, dass die Grünen auch mit den besten VerhandlerInnen kein Grünes Programm zustande bringen können und dass das Ergebnis in jedem Fall von Türkis massiv dominiert wird.

Genau so kam es dann auch, plus der Besonderheit, dass die Grünen ihre Verhandlungserfolge nicht kommuniziert haben, zumindest nicht gut. Es gibt etwa eine Liste mit Grauslichkeiten, die die Grünen verhindern konnten und diese Liste ist sehr lang, wird aber nicht veröffentlicht. Sie wächst übrigens ständig, wird aber weiterhin nicht kommuniziert.
Daher hört man jetzt an jeder Ecke Aussagen der Enttäuschung, teilweise wütend, teilweise frustriert vorgetragen.
Die tatsächliche Arbeit rückt da komplett in den Hintergrund und wird von der Mehrheit der GrünwählerInnen und GrünsympathisantInnen nicht bemerkt oder als nicht wichtig bewertet.
Was sie jedoch sofort bemerken und bewerten, sind die zahlreichen Dinge, Entscheidungen und Bereiche, in denen sich nichts Grünes oder nur ganz wenig zeigt.
Es wirkt, als ob genau die Menschen besonders enttäuscht sind, die während der Koalitionsverhandlungen vehement für eine türkis-grüne Koalition akklamiert haben.
Dass sie mit viel zu hohen Erwartungshandlungen auf die Grünen geblickt haben, hilft zwar als Erklärung, aber gerade die Enttäuschten wollen das nicht hören.
Ich nenne das die „Erwartungslegasthenie“, denn sie verwechseln 14 mit 41 Prozent. Sie hätten gerne, dass sie Grünen so viel durchsetzen, als hätten sie bei der Wahl 41% der Stimmen bekommen. Manche verlangen sogar so viel, als hätten die Grünen die absolute Mehrheit im Parlament.

Die Türkisen schmunzeln übrigens noch immer und gehen den von ihnen gewollten und eingeschlagenen Weg. Und sie verkaufen Siege und Erfolge der Grünen als ihre eigenen.
Die Grünen kämpfen im Parlament und in den zahlreichen Ausschüssen und Kommissionen und sonstigen Gremien mit allen Kräften gegen die Härte an und erreichen auch einiges. Doch auch jetzt gilt: Die Kommunikation nach außen ist – vorsichtig ausgedrückt – katastrophal. Die Einzelpersonen Kogler und Anschober kommen zwar ganz gut an, aber auch ihnen wird vorgeworfen, dass sie „umfallen“.
Dieser Eindruck entsteht, weil sie Erfolge nicht als grüne Erfolge kommunizieren. Die Türkisen tun das zwar auch nicht, da sie aber den Kanzler und den Großteil der MinisterInnen stellen, werden ihnen die Erfolge automatisch zugerechnet.

Ich komme jetzt zum Punkt, nämlich der Frage, wie das weitergeht.

Der Blick in die Zukunft

Er ist wie immer schwierig, aber ich wage ihn trotzdem.
Wir haben derzeit die erste Corona-Welle hinter uns und einen Sommer voller Lockerungen und als Beobachtungszeitraum vor uns. Ob es eine zweite Welle geben wird und wie stark diese ausfällt, kann absolut niemand sagen.
Für die Türkisen ist das aber egal, denn sie können ihre Strategie problemlos weiterfahren und haben es überhaupt nicht eilig. So lange der grüne Stern sinkt, steigt der Türkise. Derzeit steigt der sogar so hoch, dass die Absolute in Umfragen zum Greifen nahe ist.

Wir erinnern uns an Sebastian Kurz und seinen vielleicht einzigen Moment, in dem wir alle hinter seine Kulisse blicken konnten: „Heute hat das Parlament entschieden, morgen entscheidet das Volk“.
Wenn man diese Aussage in die Entwicklungsgeschichte der Karriere von Sebastian Kurz einreiht, ergibt sich ein durchaus stimmiges Bild. Als Staatssekretär für Integration hat er sich sehr mittig positioniert. In dieser Zeit entstanden Aussagen, die heute höchst bizarr wirken, wenn man weiß, wofür er heute eintritt.
Dann kam seine Zeit als Außenminister. Es ist faszinierend, wie unbeschadet er sie überstanden hat. Er ließ sich weder im österr. Parlament noch in der Konferenz der europäischen Außenminister oft blicken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Absenz in Gremien immer bedeutet, dass mir die Gremien nicht wichtig sind. Und das, was sie repräsentieren, auch nicht.
An dieser Stelle erlaube ich mir eine Behauptung: Sebastian Kurz ist kein Demokrat in dem Sinne, dass er parlamentarische Demokratie als wertvollste und anstrebenswerteste Staatsform sieht.
Er erträgt sie, um sie bei erstbester Gelegenheit loszuwerden. Sie ist für ihn eine sinnvolle Stufe auf einem Weg, der ganz woanders hin führt.

Bei der Verwirklichung hilft ihm die Ursuppe der ÖVP, die er inzwischen in „Neue Volkspartei“ umbenannt und ihr auch eine neue Farbe – eben türkis – gegeben hat.
Auch die Umbenennung in eine „Bewegung“ hilft bei der Erreichung seiner Ziele, denn das ist so schwammig, dass man es für alles verwenden kann. Und es hilft die Vergangenheit abzustreifen, zumindest den Teil, der für die Zielerreichung hinderlich ist: der konservativ-christliche.
In der alten ÖVP gab es Werte sie Sozialpartnerschaft, Erhaltung des Wertvollen, und zwar materiell und immateriell, eingebettet in ein katholisches Weltbild, in dem bestimmte christliche Werte durchaus das Handeln leiteten. Umweltschutz war da übrigens Teil der Erhaltung des Wertvollen, nicht umsonst war die eine Hälfte der Grünen bei ihrer Entstehung aus dem bürgerlich-konservativen Lager.

Das ist restlos verschwunden. Geblieben ist der Teil der alten ÖVP, der Macht will und sonst gar nichts. Dabei ist Europa im Weg, weil es nationalistische Entwicklungen behindert oder zumindest verlangsamt. Lange Zeit gab es Stimmen, die meinten, Kurz möchte in der EU Karriere machen. Ich glaube das nicht oder zumindest erst, wenn er eine Art Imperator von Europa werden kann. Das kann dauern, aber er ist ja auch noch sehr jung – der jüngste Regierungschef in Europa.

Die Grünen sind eine basisdemokratische Partei, in der eine parlamentarische Demokratie einen hohen Stellenwert hat. Sie werden nicht bereit sein, diese aufzugeben.
Glücklicherweise für Sebastian Kurz ist das aber kein Hindernis. Die Grünen selbst sind zwar ein Hindernis, aber kein hohes. Und es gibt auch schon einen Weg, wie er sie loswerden und zugleich als strahlender Sieger dastehen kann.
Dieser Weg sieht folgendermaßen aus:

Der türkise Weg

1.) Durch die schon beschriebene Konstellation gewinnt Kurz derzeit massiv an Stimmen dazu, während die Grünen nur sehr leicht dazu gewinnen. Das spielt aber für ihn keine Rolle, weil der Abstand dadurch trotzdem immer größer wird. Mit anderen Worten: Dass die Kurve der Grünen leicht nach oben geht, ist ihm so lange egal, so lange seine Kurve stark nach oben geht.
Derzeit ist seine Kurve von 37% auf 48% gestiegen, die der Grünen von 14% auf 17%.
Das kann also noch länger so weitergehen, hier haben die Türkisen keinen Druck.

2.) Durch die Corona-Krise gewinnt Kurz weiterhin dazu und die Grünen verlieren, weil sich intern, aber auch im Mainstream Widerstand aufbaut. Für die Türkisen lautet die Devise: je mehr, desto besser. Die Grünen werden sozusagen sturmreif geschossen.
Sebastian Kurz macht das folgendermaßen: Er startet eine Initiative nach der anderen, die den Grünen weh tun, weil sie gegen ihre Prinzipien sind. Besonders beliebt und erfolgreich ist das Agitieren gegen Ausländer oder gegen sozial Schwache. Immer wenn die Grünen da mitgehen bzw. mitgehen müssen, weil es sonst einen Koalitionsbruch bedeuten würde, steigt der Widerstand der Grünen Basis. Kurz legt da immer wieder ein Schäufelchen nach, eine kleine soziale Ungerechtigkeit, eine Gesetzesnovelle gegen Arme, die Unterstützung harter Maßnahmen gegen Flüchtlinge etc.
Die Grünen wehren sich dagegen nicht, interessanterweise nicht einmal durch Aufklärung der eigenen Basis über das, was Kurz da tut und wie er mit ihnen umgeht. Es gibt ausschließlich Jubelmeldungen darüber, wie gut man selbst ist und wie super es mit dem Koalitionspartner läuft.
Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, welche Knebel Kurz den Grünen da angelegt hat, aber sie sind sehr wirksam.

3) Sobald Kurz von seinen Experten das Signal bekommt, dass sich die Absolute ausgehen wird, bricht er die Koalition auf. Er wird das nicht mitten in einer Corona-Welle tun, aber das muss er auch nicht, weil er keinen Zeitdruck hat. Die SPÖ ist mit sich selbst beschäftigt und damit, auf die Grünen hinzuhacken – interessantweise deutlich stärker und öfter als auf die Türkisen. Die FPÖ ist zumindest derzeit noch ziemlich tot, Kurz konnte durch eine stramme Rechtspolitik viele WählerInnen auf seine Seite ziehen.
Die NEOS sind erstens zu klein und zweitens haben sie den Schwanz eingezogen, als es das Misstrauensvotum gegen Kurz gab. Von denen geht für ihn keinerlei Gefahr aus.
Das Perfide daran ist, dass Kurz die Koalition aufbrechen und sehr einfach dafür den Grünen die Schuld geben kann. Er braucht nur in den Krug, den er bereits mit den erwähnten Entscheidungen fast an den Rand gefüllt hat, ein wenig nachleeren.
Dieses Wenige ist so wenig, dass er es als Bagatelle hinstellen kann und dafür keine Verantwortung übernehmen muss. Für die Grünen hingegen wäre es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Auch wenn Kogler, Anschober und die anderen unter Aufbietung aller Zurückhaltung und unter weit hörbarem Zähneknirschen das noch irgendwie ertragen würden, werden sie von der Basis gezwungen, die Koalition aufzukündigen.

4.) Auf diesen Moment hat Kurz nur gewartet, denn jetzt kann er sagen, dass die Grünen gänzlich ohne Grund die so tolle und von ihm initiierte Koalition aufgebrochen haben. Das oben erwähnte Wenige kann er glaubwürdig als Lappalie darstellen, wegen der ein Koalitionsbruch nun wirklich nicht notwendig gewesen wäre. Jubel seiner Anhänger und Schmährufe für die Grünen.

5.) Jetzt muss er leider Neuwahlen ausrufen und kann sich – wieder einmal – als das Opfer darstellen, diesmal nicht der FPÖ, nicht der SPÖ, sondern der untreuen Grünen. Die sind im Arsch, weil sie medial nach innen und außen keine Chance haben. Kurz hingegen kann mit vollen Kräften und gänzlich unbeschädigt in einen Wahlkampf gehen, der ihm mindestens die Absolute bringt.
Die Grünen hingegen sind auf ihre Kernwählerschaft zurück gestutzt, und wie groß die ist, wissen wir seit 2017. Kurz ist damit die letzte linke Kraft im Lande los und auch endgültig das leidige Thema Umweltschutz, das seit der Wirtschaftskrise europaweit komplett in den Hintergrund gerückt ist.

Das Wahlergebnis sieht dann folgendermaßen aus:
Neue Volkspartei 55% („Ein klarer Wille des Volkes“)
SPÖ 15% („Wir sind nicht hinter die FPÖ zurück gefallen und zweitstärkste Kraft. Die Richtung stimmt!“)
FPÖ 15% („Durch die Wiedervereinigung mit Strache sind wir zweitstärkste Kraft. Ein grandioser Sieg!“)
NEOS 9% („Ein klarer Zugewinn!“)
GRÜNE 6% („Wir sind nicht aus dem Nationalrat geflogen!“)

Sebastian Kurz hat sein erstes wichtiges Ziel erreicht. Der nächste Schritt ist jetzt die schrittweise Demontage der parlamentarischen Demokratie, was mit einer absoluten Mehrheit keine echte Herausforderung darstellt, noch dazu, wo man keine 50 Kilometer entfernt die erste lupenreine Diktatur innerhalb der EU hat. Das stört übrigens bisher niemand, schon gar nicht Sebastian Kurz, dem diese Entwicklung kein einziges kritisches Wort wert war. Sein Innenminister hat gesagt, dass man solche Dinge lieber intern bespricht. Das wirkte durchaus glaubwürdig, der gleiche Stallgeruch ist jedenfalls schon vorhanden und sehr demokratisch duftet er nicht gerade.

Der Herr Naderer

Wer erinnert sich noch an den Kaisermühlen-Blues? Die beliebte und sehr wienerische Fernsehserie aus den 1990er-Jahren hatte nicht nur die zwei schrulligen Bezirksräte „Schoitl“ und „Gneisser“ zu bieten, sondern auch den Herrn Naderer, einen alten, weißbärtigen Mann, der immer, absolut immer grantig war.
Gespielt wurde die Figur von Ernst Hinterberger himself, dem Autor und Produzent der Serie. Er gab dem Herrn Naderer ganz bewusst die Note des mieselsüchtigen Typen, der absolut niemals etwas Gutes oder Positives zu melden hatte. Sein gesamter Blick auf die Welt war ein negativer und deswegen wurde er auch immer wieder von der resoluten Trafikantin Gitti Schimek (gespielt von Marianne Mendt) zurechtgewiesen.

Zurechtweisungen gibt es für die Naderers unserer Zeit gerade fast keine. Sie tauchen in großer Zahl auf und ihre beliebteste Spielwiese ist das Internet, ganz besonders Facebook und die Kommentarspalten der Online-Zeitungen.

Ich möchte versuchen, diesen Typus noch ein wenig besser zu fassen und erinnere mich an eine Nummer der Toten Hosen aus den späten 1980ern, genauer von der LP „Ein kleines bisschen Horrorschau“. Sie heißt „35 Jahre lang“ und handelt von einem Mann, der den Großteil seines Lebens in einer Fabrik Haken für Duschvorhänge erzeugt hat.
Blicken wir kurz in diese Nummer:

„Er sitzt den ganzen Tag am Fenster
mit einem Kissen unterm Arm,
ist ein Fahrrad auf dem Gehsteig,
ist ein Wagen falsch geparkt,
er ist allzeit bereit und schlägt Alarm.

Vor einem Jahr ging er in Rente
jetzt weiß er nicht wie´s weitergeht,
sein Wellensittich ist der letzte
der hin und wieder mit ihm spricht,
wenn er allein vor seiner Fototapete sitzt.“

Der Vernaderer ist der kleine Bruder des Denunzianten. Er bekommt zwar keine 30 Silberlinge, dafür aber einen Lohn der anderen Art, nämlich soziale Anerkennung.
Derzeit in der Corona-Krise gibt es für diese Typen sogar ganz besonders viel soziale Anerkennung, denn sie tun scheinbar etwas, das der Gesellschaft dient. Wenn sich alle Menschen an die Regeln halten, kann die Krise schneller überwunden werden, heißt es.
Der Vernaderer meldet abweichendes Verhalten, das er beobachtet. Er meldet es entweder der Autorität (Polizei, Verwaltung etc.) oder der Öffentlichkeit, wie etwa der in den sozialen Medien.
Er ist der Hüter der Norm, der Wächter des von der Obrigkeit erwünschten Verhaltens. Seinen mangelnden Mut kann man gut daran erkennen, dass er sich dann vor allem dann hervorwagt, wenn er sich in Gesellschaft Gleichgesinnter wähnt, also für sein Verhalten Bestätigung bekommt.

Die Vernaderten werden als asoziale Täter dargestellt, die man zu Recht bloßzustellen hat. Sie schaden mit ihrem Verhalten einer Allgemeinheit, die als eine zu Schützende konstruiert wird.
Ein Beispiel: In Klosterneuburg ist ein Motorradfahrer gestürzt. Darüber gibt es eine kurze Meldung der Polizei, die von eifrigen LeserInnen sofort auf Facebook gestellt wird, quasi Ausgangsmaterial für die ersehnte Entrüstung.
Dem Motorradfahrer wird vorgeworfen, dass er zu schnell war. Auf die Entgegnung, dass dies reine Spekulation sei, entgegnet die Behaupterin, dass sie in der Nähe wohnt und daher weiß, dass die Motorradfahrer dort immer aufgrund zu hoher Geschwindigkeit stürzen.
Das ist bei genauer Betrachtung Nonsens, denn das kann sie weder sehen noch wissen. Es gibt viele Gründe weshalb man stürzen kann: ein Ölfleck, Rollsplit, eine Reifenpanne, ein Motorschaden (Kolbenreiber), eine Nötigung etc.
Gespickt wird nun mit der Behauptung, dass es sich um einen „Ausflug“ gehandelt hätte. Auch das wird einfach hingeschrieben, obwohl es reine Spekulation ist. Der Zweck der Fahrt könnte auch ein Pflegedienst sein oder ein Einkauf. Oder sonst irgend etwas, von dem wir nichts wissen.

Wenn man die Behauptung als haltlos aufdeckt, wird man sofort attackiert, meist von mehreren Vernaderern. Sie sind nur im Kollektiv stark, sobald sich eine Mehrheit gegen sie wendet, verschwinden sie dort, wo sie hergekommen sind. Meist gibt es noch ein Rückzugsgeheule.
Sie sind nicht an Fakten interessiert, die gegen ihre Ansichten, Wünsche oder Behauptungen sind. Diese werden entweder ignoriert oder als unwahr eingestuft.

Um dieses Phänomen irgendwie fassen zu können, müssen wir zwei Ebenen trennen: Die individuelle und die gruppendynamische.

Auf der individuellen Ebene geht es um die Person, die Persönlichkeit, wenn man so will, um den Charakter.
Freude empfindet der Vernaderer nur, wenn andere leiden, sich kränken, einen erkennbaren Schaden haben, bestraft oder in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, es ihnen zumindest irgendwie schlecht geht.
Das freut den Vernaderer, er drückt Genugtuung aus und sieht sich in seinem Tun bestärkt. „Die Hexe muss brennen“ ist sein Leitspruch, wobei das Wort „brennen“ heute wieder sehr gut passt und ein Ausdruck für „zahlen“ ist. Die genaue Bedeutung von „brennen“ ist immer eine unfreiwillige bzw. zu hohe Zahlung, also immer eine Art Bestrafung.

Wenn wir etwas tiefer in die Seele des Vernaderers blicken, finden wir dort einen einsamen Menschen – der allein vor seiner Fototapete sitzt, die für die Träume steht, die er sich nie erfüllen konnte bzw. deren Erfüllung schon so lange her ist, dass sie nicht mehr gilt.
Die Nähe, die er durch das Vernadern erhält, ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Vernaderer. Dort wird er für sein Tun gefeiert und erhält dadurch sozialen Lohn.
Wenn jemand durch sein Vernadern leidet oder bestraft wird, so kann er sich das auf seine Kappe heften. Er war es, der in anderen Menschen etwas ausgelöst hat. Das Motto könnte so lauten: Besser sie leiden durch mich, als ich habe gar keinen Einfluss auf sie.

Die zweite Ebene ist die der Gruppendynamik. In einer Gruppe (Dorfgemeinschaft, Jagdbande) sind die Menschen aufeinander angewiesen, das Verhalten des einen hat direkte Auswirkungen auf das Verhalten des anderen. Wenn jemand ausschert, kann das die Gruppe und ihr Überleben gefährden. Es muss also einen Mechanismus geben, der Abweichler wieder einfängt oder ausstößt, wenn sie nicht einzufangen sind. Der wichtigste Mechanismus ist der Gruppendruck, dem man sich – evolutionsbedingt – nur schwer widersetzen kann. Über den Großteil der Entwicklungsgeschichte des Menschen war Ausschluss aus der Gruppe, aus der Gemeinschaft quasi ein Todesurteil, da die Menschen alleine – also als Individuen – der lebensgefährlichen Umwelt schutzlos ausgeliefert waren.
Das hat uns so tief geprägt, dass Ausschlussdrohung Existenzängste hervorrufen kann.
Wichtig ist an dieser Stelle ein entscheidender Unterschied zwischen der archaischen Gruppe und ihrer Notwendigkeit mit Abweichlern zurecht zu kommen und der heutigen Situation einer modernen Gesellschaft. In der Gruppe steht die Gesamtgröße fest, jeder kennt jeden (und jede kennt jede) und man ist miteinander in ständiger Verbindung. Niemand ist anonym oder kann sich hinter der Anonymität verstecken, alle sind sichtbar, wenngleich es auch in dieser Zeit informelle Ordnungen gab und heimliche Intrigen. Eine Anklage wurde stets vom Dorfältesten oder einer anderen Autoritätsperson geprüft und so war der Mechanismus für alle verständlich.
In unserer heutigen Welt ist das anders. Hier fehlt das Korrektiv der Gruppe, eine Prüfung der Fakten ist nicht notwendig, um ein kollektives Urteil hervorzurufen.
Hier wäre die Autorität gefragt, in unserem Fall in Form der Bundesregierung, weil es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Doch die ist überfordert, vor allem mit dem Grundwiderspruch Eines-Vieles.
Nachdem viele Jahrzehnte das Individuum als Stolz der Gesellschaft im Dienste der Konsumindustrie produziert und protegiert wurde, steht es auf einmal als Idiot da. Der Idiot ist übersetzt der „Vereinzelte“, also der, der sich nicht mehr in Gemeinschaft befindet. Er schaut daher auf sich und seine Bedürfnisse und befriedigt sie invididuell. Das ist für eine auf ewiges Wachstum ausgerichtete Konsumindustrie auch besonders wichtig, denn ihr erklärter Feind ist die Gemeinschaft. Wenn die Hausgemeinschaft eine gemeinsam zu nützende Bohrmaschine kauft, kann die Industrie nicht mehr jeder einzelnen der 12 Hausparteien eine verkaufen. Das sehen wir bei den meisten Konsumprodukten, speziell beim PKW, in dem durchschnittlich eine Person sitzt und 3-4 weitere Plätze durch die Gegend führt.

Der aktuelle Spruch der Bundesregierung „Schau auf dich – schau auf mich“ klingt auf den ersten Blick sehr nett und gemeinschaftlich und sozial und wird auch so gefeiert.
Wenn man die Kehrseite betrachtet, dann steht dort „Wenn du nicht auf dich schaust, dann schaust du auch nicht auf mich“. Von da ist es nur mehr ein winziger Schritt zum Vorwurf asozialen Verhaltens, wobei hier nicht unterschieden wird, ob dies absichtlich oder unabsichtlich geschieht. Im Zweifelsfall wird Absicht unterstellt, gerne auch Dummheit, wie ein Spruch auf Facebook klar stellt: „Verbreitet das (die Regeln) weiter, damit auch die weniger Schlauen es verstehen.“
Dieser Satz trieft vor Arroganz und Verachtung für all diejenigen, die sich jenseits der Norm verhalten. Es ist übrigens genau dieses Verhalten, das erst Weiterentwicklung ermöglicht. Wenn alle Individuen einer Gesellschaft immer das gleiche tun, verändert sich gar nichts. Das hat aber auch zur Folge, dass die Resilienz stark sinkt. Der Genetiker Markus Hengstschläger beschreibt das mit einem Beispiel: Wenn in einem Biotop ein Bakterientyp angesiedelt ist und sich die Umweltbedingungen verändern – etwa durch Hinzufügen einer Chemikalie, dann sterben alle Bakterien, wenn alle Bakterien gleich sind. Wenn es aber „Abweichler“ gibt, überleben einige, weil sie genau gegen diese Chemikalie resistent sind.
Die Widerstandskraft einer Gesellschaft erhöht sich durch Biodiversität genauso wie die eines Waldes. Nur müssten wir hier von „Soziodiversität“ reden, also von Vielfalt innerhalb einer Gemeinschaft. Nur dann erhöht sich die Chance, dass die Gesellschaft bei einem Angriff von außen – etwa durch Klimawandel oder ein Virus – überlebt.

Die angesprochene Weiterentwicklung löst bei jedoch bei all den Menschen Angst aus, die nicht wollen, dass sich ihre Welt verändert, da sie von der derzeitigen Situation und Konstellation profitieren. Sie befinden sich in einer sozial privilegierten Stellung, die sich bei Veränderung möglicherweise verschlechtert, da man von ganz oben nur mehr hinunterfallen kann.
Für sie ist die Kontrolle darüber, dass alles so bleibt, wie es gerade ist, ist extrem wichtig. Das führt bis zur Kontrolle des eigenen Körpers, in der Coronakrise sehr gut gesteuert durch die Kontrolle des Atems mittels eines Nasen-Mund-Schutzes. Aber auch der Stoffwechsel generell bekommt eine neue Wichtigkeit, nicht ohne Grund wurden Klopapier und Nudeln gehamstert.

Fazit: Die Sache ist komplex. Wenn es zu viele Abweichler gibt, verliert die Gesellschaft den Zusammenhalt. Wenn es zu wenige gibt, verliert sie ihre Widerstandskraft. Vernaderer erfüllen somit eine wichtige Aufgabe, sofern sie nicht Oberhand bekommen und die notwendige Freiheit eliminiert wird. „Aufeinander schauen“ muss neben der Kontrolle auch die Fürsorge beinhalten. Zu dieser Fürsorge gehört auch, dass man die individuellen Bedürfnisse des anderen sieht und respektiert, auch wenn sie anders sind als die eigenen. Wenn der Egoismus als soziales Engagement auftritt, muss er enttarnt werden.
Die Demokratie lebt von der Balance zwischen Individuum und Gesellschaft, von der Bewältigung des Widerspruchs Eines – Vieles. Deswegen ist es auch dringend notwendig Verordnungen von oben kritisch zu betrachten, auch wenn sie noch so notwendig erscheinen. Es ist viel bequemer zu gehorchen als Widerstand gegen etwas zu leisten, aber genau hier finden wir eine große Gefahr, nämlich den schleichenden Angriff auf die Demokratie. Hannah Arendt hat es pointiert ausgedrückt, als sie gemeint hat „Keiner hat das Recht zu gehorchen“. In einer Krise müssen schnelle, zentrale Entscheidungen getroffen werden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sich den Anordnungen zu fügen, die aus diesen Entscheidungen entstehen, sollte jedoch nicht ohne Skepsis geschehen, nicht ohne Dialog, nicht ohne Transparenz zu fordern.
Sonst besteht die Gefahr, dass unsere Gesellschaft nicht durch das (oder den – nicht einmal da ist man sich einig) Virus zerstört wird, sondern durch das schleichende Abrutschen in ein autoritäres System, letztlich in die Diktatur, wie wir es in Ungarn gerade erleben, erste Reihe fußfrei.

Würde Ernst Hinterberger noch leben, er hätte sicher den richtigen Spruch für uns auf Lager. Irgendwas mit „ollas Unnötige“ oder so. Ein bisschen von seinem Geist der Unzufriedenheit können wir heute durchaus brauchen.