Taylor Swift

Ein Versuch einer Kulturtheorie

Okay, eine ganze Kulturtheorie wird es wohl nicht, aber ein Versuch einige wichtige Elemente zu finden und aus deren Kombination ein Gesamtbild zu formen.

Ein Phänomen ist sie auf jeden Fall, die Taylor Swift.

In der Schweizer TV-Sendung Sternstunde Philosophie („Taylor Swift – die Utopie des Normalen“) wird das Phänomen vom Medienwissenschaftler Jörn Glasenapp, Autor des Buches „Taylor Swift“ (wie sollte es auch sonst heißen) gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher untersucht. Ihre Diskussionspunkte und Erkenntnisse fließen in meine Überlegungen ein.

Ich versuche es zuerst in einzelnen Punkten zu erfassen.

a.) Quantität/Dimension
Sie schlägt alle Kassenrekorde, Preiserekorde, Stadionrekorde und noch einige mehr. Sie ist in einer neuen Dimension im Geldverdienen und Erfolg haben. Auf Instagram hat sie 283 Millionen Follower und bei ihrer 2024 aktuellen Konzerttour angeblich bereits mehr als eine Milliarde Dollar verdient.

b.) Qualität/künstlerisches Schaffen
Auch hier ist sie in der Branche Popmusik führend. Das ist unter anderem deswegen interessant, weil sie aus der amerikanischen Country-Szene stammt und dort nicht an der Spitze ist.
Sie spielt bzw. spielte aber in der oberen Liga mit, war eine der Laudatorinnen von Brooks & Dunn („The Last Rodeo“, Youtube) und in der Szene sehr bekannt.
Diese ist sicher die härteste Musikszene der Welt, da sie riesig ist und eine unglaubliche Vielzahl von Talenten aufweist. Wenn wir uns nur auf die Frauen beschränken, dann finden wir die Wurzeln im Dreigestirn Dolly Parton, Linda Ronstadt und Emmylou Harris (über die ich zur Country Music gekommen bin). Da reden wir von den 1970er- und 1980er Jahren. Danach kam Shania Twain, gefolgt von Reba McEntire, Martina McBride und zahllosen anderen. Die nächste Generation stand und steht immer schon in den Startlöchern, hervorzuheben sind Jennifer Nettles, Miranda Lambert und natürlich Carrie Underwood. Und auch sie sind schon die ältere Generation, neue Talente wie Kelsea Ballerini tauchen auf.

All diese Sängerinnen haben ein breites Spektrum, schon Emmylou Harris kam aus der Folk-Music und Linda Ronstadt war auch vielseitig unterwegs. Sie alle zeichnen sich durch ausgesprochen gute Stimmen aus, die meisten durch musikalisches Talent, dazu sind sie sattelfest auf der Bühne und durch die Bank attraktive Frauen.

Das ist aber noch nicht alles. Im Gegensatz zu anderen Szenen kooperieren sie gerne und es wirkt auch nicht aufgesetzt. Sie scheinen sich Erfolge zu gönnen und zeichnen sich durch professionelles Verhalten und harte Arbeit aus. Das beste Beispiel ist wohl Carrie Underwood, die in der Talenteshow „American Idol“ entdeckt wurde und bei der man die musikalische Entwicklung gut verfolgen kann.

In dieser Szene konnte sich Taylor Swift auf allen Ebenen behaupten, musikalisch, vom Auftritt und auch der Professionalität, ohne die sie lange nicht dort wäre, wo sie heute ist.

Ihr künstlerisches Schaffen beschränkt sich nicht auf das Schreiben von Liedern, sie formt ganze Alben mit speziellen Themen, zeigt Vielfalt und Kreativität.

c.) Erscheinung und Professionalität
Wenn sie wo auftaucht, bekommt sie sofort Aufmerksamkeit – sie betritt keinen Raum, sie erscheint. Das mag zu einem Teil aus der Popularität stammen, geht aber darüber hinaus. Ich formuliere es vorsichtig: Sie wird zu dem gemacht, was sie jetzt ist. Sie kann es aber scheinbar gut verkraften, wirkt nicht überfordert oder ausgebrannt.

Hier ein Link zu einem langen Interview bei einer US-Show. Hier ist gut zu erkennen wie sie sich selbst darstellt:

Sie ist so hoch auf der Karriereleiter und so tief in ihrem Business, dass das ohne Professionalität nicht möglich wäre. Entsprechendes körperliches und mentales Training ist in dieser Liga absolute Notwendigkeit, ebenso wie die dazugehörende Disziplin.

d.) Das Stretching
Unerreichbare Pop-Queen und lustiges Mädchen von nebenan. Wer sich zwanzig Minuten einer großen Show ansieht und danach zwanzig Minuten eines kleinen Konzerts, kann verstehen, was damit gemeint ist. Es sieht nach zwei verschiedenen Menschen aus und doch ist die Identität stets da.
Sie ist das „All American Girl“, kommt aus der Normalität (was auch immer man damit bezeichnen mag) und schafft es bis ganz nach oben.

Auf Youtube findet man natürlich jede Menge Videos, eines möchte ich aber besonders empfehlen, weil es Taylor Swift von einer Seite zeigt, die man in den Medien normalerweise nicht mitbekommt. Sie spielt in einer Art Wohnzimmerkonzert vier Nummern, durch die Geschichten, die sie erzählt, zeigt sich aber die Breite, die Tiefe und auch ihr Humor. Und die dritte Nummer ist diejenige, von der Lötscher und Glasenapp meinen, sie wäre ihre beste.
Hier der Link:

e.) Die Frau
Ganz zu Beginn der großen Laufbahn verkörpert sie in „Love Song“ eine Prinzessin, die vom feschen Prinzen umworben wird. Dort wird sie bereits ikonenhaft dargestellt: hübsches Gesicht, blonde Frisur, makellos-schlanker Körper.

Hier der Youtube Link:

„Man kann als Mädchen zur Frau werden ohne an Lebendigkeit einzubüßen“ heißt es in der Sendung. Dadurch wird Taylor nicht nur zum Vorbild für viele junge Mädchen, sie gibt auch dem Feminismus einen neuen Kick.
Sie muss nicht zum Mann werden, um Erfolg zu haben. Sie muss sich den Männern nicht beugen, nicht einmal scheinbar übermächtigen Konzernen. Sie macht ihr Ding und lässt alle oder zumindest fast alle Männer einfach hinter sich. Sie schlägt sie dort, wo es ihnen am meisten weh tut: bei Geld und Ruhm.
Als ihre Plattenfirma abhob und versucht hat sie zu hintergehen, hat sie sich erfolgreich gewehrt und einige Alben einfach noch einmal aufgenommen. Besonders nett ist an dieser Geschichte der Aspekt, dass sie mit den neuen Alben wesentlich mehr Erfolg hat als mit den alten.
Sie ist kämpferisch, sicher auch in gewisser Weise machtbewusst, zugleich wirkt sie durchaus nahbar, verletzlich und strahlt Freude an dem aus, was sie tut.
Seit einiger Zeit hat sie auch einen interessanten Mann gefunden, den NFL-Footballstar Travis Kelce. Der ist mehrfacher Superbowlsieger und ein echtes Raubein, als Paar sind sie zudem noch erfolgreicher als alleine. Nur durch die Verbindung gab es in der NFL einen deutlichen Entwicklungsschub, der sich nicht nur durch eine wachsende Fangemeinde auszeichnet.

f.) Die Selbstironie
Das alles geht nicht ohne Selbstreflexion. Sie zeigt, dass sie sich ständig mit ihrer eigenen Biographie auseinandersetzt. Das macht sie flexibel nach oben bzw. nach vorne. Sie kann sich selbst immer wieder neu erfinden und doch mit sich ident bleiben. Das macht sie widerstandsfähig – eine Eigenschaft, die sie gut brauchen kann und auch in Zukunft noch brauchen wird, wenn sie der raue Wind der Politik erfasst.

g.) Der politische Mensch
Sie ist möglicherweise der einzige Mensch, der eine zweite Präsidentschaft von Donald Trump verhindern kann. Dass sie oft mit ihrem Privatjet herumfliegt und dabei nicht gerade ein Umweltschutzvorbild ist, sei ihr vor allem dann verziehen, wenn sie den ganz großen Hebel zieht und die Welt vor weiteren vier Jahren Umweltdesaster schützt. Bis auf die Klimawandelleugner haben auch schon so ziemlich alle kapiert, was Trump anrichten wird, sollte er die Wahlen gewinnen.
Taylor geht einen interessanten Weg. Sie ist immer ein wenig hinter den politisch aktiven Kolleg:innen, hat sich erst 2018 zu den Mid-Terms politisch geoutet und nicht schon ein Jahr vorher bei Trumps erster Präsidentschaft.
Sie versucht auch nicht in die Links-Rechts-Spaltung hineinzugeraten, sondern sieht sich eher auf der Seite der Vernünftigen, Normalen – vielleicht in der Hoffnung, dass das eine Mehrheit ist, die auch vernünftig und normal wählen kann.

Derzeit ist es ja nicht besonders leicht Fan von Demokraten oder Republikanern zu sein. Die beiden Kandidaten wirken wir die Wahl zwischen Pest und Cholera. Taylor hat bereits im Frühjahr 2024 etwas Wichtiges getan: Sie hat ihre Fans aufgerufen sich registrieren zu lassen. Das ist eminent wichtig, denn nur rechtzeitig Registrierte haben überhaupt das Recht zu wählen.
Da sie derzeit ca. 300 Millionen Menschen in ihrer Fangemeinde hat, davon ein Großteil in den USA, könnte ein erfolgreicher Aufruf zur richtigen Zeit in der richtigen Art und gerichtet an die richtigen Leute, ein politisches Erdbeben erzeugen, so wie sie derzeit auf ihrer Eras-Tour in manchen Stadien bereits kleine Erdbeben erzeugt hat.
Angenommen sie hat in den USA 100 Millionen Follower, dann sind davon der Großteil weiblich und jung. Das ist keine sehr wahlaffine Gruppe, die haben meist andere Dinge im Kopf als sich zwischen zwei alten Männern entscheiden zu müssen. Wenn Taylor Swift es schafft davon nur ein einziges Prozent zur Wahl zu bewegen, könnte das den Ausschlag gegen Trump geben.
Viel politisch wirksamer kann man (frau!) nicht agieren.

h.) Die Querschnittsfrau
Ein Auswuchs des „Taylorverse“ (statt Universe) sind kitschige Liebesromane, die bei Swifties gerade sehr gefragt sind. Zu Beginn dieser Romane gibt es meistens eine Playlist, auf der Taylor mehrfach vertreten ist.
Sie spielt mit diesem Element in ihren Shows und Interviews, wo sie sich absolut nicht als Beziehungsgewinnerin präsentiert, sondern durchaus mit einer komplexen Liebesvergangenheit mit Höhen und Tiefen. Das bringt sie nicht nur ihren Fans näher, sondern ist auch klares Element ihrer Person.
Sie spielt aber noch in viele andere Lebensbereiche hinein. Es ist in Mode gekommen auf einem Swift-Konzert der Freundin den Heiratsantrag zu machen. Und ihre Fans treten miteinander in Interaktion, quasi als Nebeneffekt zum Konzert. Noch klarer wird das bei „Swifties-Nights“, also Veranstaltungen, zu denen Swifties kommen. Dort ist Taylor maximal über Lautsprecher oder eine Videowall präsent, aber das ist egal.

Ihre Fans knüpfen und tauschen Freundschaftsarmbänder, das hat sich zu einem riesigen Hype entwickelt. Der Ursprung ist eine einzige Zeile in einem ihrer Lieder (You´re on your own, kid), wo sie singt „So make the friendship bracelets“ – das war´s, mehr kam da nicht. Aber das hat gereicht.

Das Taylorverse reicht aber noch weiter, wird noch breiter. Sie nimmt die Strömungen, Ideen, Anregungen, Wünsche ihrer Fans und noch vieles mehr auf und rezipiert darauf, baut sie ein, entwickelt sie weiter, verändert sie. Somit arbeitet nicht nur sie am Taylorverse, an der Veränderung dieses kleinen Universums (das Universum ist per se nicht klein, nur so am Rande), sondern alle gemeinsam.

i.) Die Schreiberin
Nicht nur Texte für ihre Lieder, sie schreibt sich Frust von der Seele, sie wird im Schreiben kreativ. Das ist weit entfernt von normalen Pop-Sternchen, denen irgendjemand die Texte und auch den Rest erzeugt. Taylor schreibt Kurzgeschichten und es wäre ein großer Fehler, sie auf eine „Texterin“ zu reduzieren, wie Glasenapp erklärt: Sie ist eine Musikerin, ihre Texte mögen gut sein, aber erst in der Verbindung mit der Musik entfalten sie die Kraft, in der die wahre Taylor Swift steckt.

Die Summe aus all diesen Elementen lässt das Phänomen Taylor Swift erahnen. Wo sie wirklich einzuordnen ist, wird sich gegen Ende 2024 zeigen. Bis dahin bleibt sie auf jeden Fall ein stabiler Faktor in einer Welt, die immer mehr in die Instabilität abgleitet. Allein dafür verdient sie sich durchaus unsere Bewunderung, zumindest aber unseren Respekt.

Währing Rundumadum

Letztes Jahr waren es die 14 Wiener Stadtwanderwege und der Rundumadum (Weg rund um Wien, siehe Blogbeitrag), jetzt brauche ich neue Bewegungsmöglichkeiten.

Martin, ein lieber Kollege, hat mir schon vor längerer Zeit erzählt, dass er einmal rund um Währing gegangen ist. Damit hat er sozusagen die Ränder unseres Bezirkslogos nachgezeichnet.

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Bild: Das Währinger Bezirkslogo. Es steht für die Vielfalt in unserem Bezirk.

Und er hat auch erzählt, dass das gar nicht so einfach war. Also die allermeisten Abschnitte schon, aber dann gibt es ein paar Stellen, die nicht so ganz unproblematisch sind.

Das muss ich ausprobieren. Und heute ist ein ruhiger Sonntag, das passt. Wetter gut, bewölkt, so um die 20 Grad, gegen Mittag haben sie ein bisschen Regen angesagt, das sollte nicht weiter stören.

Ich starte um 10:43 unten am Gürtel, Ecke Anastasius-Grün-Gasse, einfach weil ich dorthin nur ein paar Minuten gehe, in die Runde kann man ja überall einsteigen. Und ich gehe gegen den Uhrzeigersinn, ohne besonderen Grund.
Ein Rucksack mit Regenjacke, Wasser, einem Apfel und einer Packung Mannerschnitten müssen reichen. T-Shirt und kurze Hose, Laufschuhe, Sonnenbrille quasi in Reserve.
Die Route ergibt sich aus der Bezirksgrenze, die auf wien.gv.at zu finden ist. Ich habe sie vom Bildschirm in Teilen abfotografiert und arbeite mich sozusagen von Foto zu Foto durch. Hier eines davon:

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Bild: Die violette Linie ist die Bezirksgrenze, hier führt sie rund um den Michaelerberg an der Höhenstraße entlang.

Das kombiniere ich mit Bergfex, diese App schätze ich schon seit langem, sie führt mich fast auf den Meter genau und es gibt nur selten Wege, die es dann gar nicht gibt. Sie greift auf die Alpenvereinskarten zu, die stimmen einigermaßen. Auch wenn man kein Fan des Smartphone-Irrsinns unserer Gesellschaft ist, für Wanderungen ist das schon ausgesprochen praktisch.
Gleich zu Beginn die erste Herausforderung: Ecke Gürtel/Döblinger Hauptstraße führt die Bezirksgrenze mitten durch ein Haus.
Mitten durch oder drüber geht nicht, also rundherum. Gleich hinter dem Jüdischen Friedhof muss ich ebenfalls ausweichen, auch hier hält sich der notwendige Umweg aber in Grenzen.
Und weil das nicht genug ist, kommt ein paar hundert Meter weiter schon die nächste Sackgasse: Laut Plan muss ich links am Dolmetsch-Institut vorbei (der alten Hochschule für Welthandel, wie die Wirtschaftsuniversität früher hieß).
Das geht aber nicht, da gibt es kein Durchkommen, also rechts vorbei.

Danach wird es einfach, die Strecke deckt sich zum Großteil mit einer meiner Laufrouten und führt über die Hasenauerstraße hinauf durchs Cottage zum Türkenschanzpark, an der Boku vorbei quasi immer am Bergrücken bergauf. Und gleich am nächsten Friedhof vorbei.

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Bild: Die Universität für Bodenkultur. Dieser Teil steht auf der anderen Straßenseite und befindet sich somit in Döbling.

Ich gehe auch durch die Büdingergasse, wo ich das erste Jahr meines Lebens gewohnt habe. Bin quasi Ur-Währinger.
Weiter bergauf komme ich zum Sommerhaidenweg, von wo aus der Blick hinüber auf den Hermannskogel (höchster Punkt Wiens) schweift, und nach einer Stunde Marsch ist auf einem Bankerl die erste kurze Rast fällig.

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Bild: Der Blick hinüber auf Dreimarkstein und Hermannskogel ist sehr fein, unten liegen Neustift am Walde und Salmannsdorf

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Bild: Der Sommerhaidenweg ist eine beliebte Rad- und Laufstrecke

Dann bin ich oben an der Höhenstraße. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt Wasser nachzutanken, der Türkenbrunnen im Türkenschanzpark, der quasi nur zehn Meter Umweg verlangt, ist leider nicht in Funktion. Hier oben gäbe es einen Hydrant, der hat aber keine Pumpe und ist somit unbrauchbar.
Schade – es gibt übrigens auch sonst am Weg rund um Währing keine Möglichkeit Wasser nachzufüllen.
Dafür kommt jetzt die erste kleine Herausforderung. Die Bezirksgrenze verläuft nämlich auf der anderen Seite der Keylwerthgasse und dort ist kein Weg. Glücklicherweise wurde gemäht und so kann ich auf dem schmalen Streifen bis zur nächsten Kreuzung, bei deren Überquerung Vorsicht angesagt ist, die meisten Autofahrer sind hier flott unterwegs.
Neben diesem Streifen befindet sich übrigens eine Art Refugium. Hier die Website dazu: http://www.himmelshof.at

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Bild: Die enge Stelle will mit Vorsicht begangen werden.

Dreck findet sich auf diesem Weg rund um Währing eigentlich nur an der Höhenstraße. Leider schmeißen immer noch viele Autofahrer ihren Müll einfach beim Fenster raus. Mit großem Abstand führend sind Red Bull Dosen. Warum auch immer.

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Bild: Das beliebteste Objekt zum Rauspfeffern aus dem Autofenster

Jetzt geht es bergab an der Höhenstraße entlang. Für alle, die es genau nehmen und dem Bezirksgrenzenverlauf wirklich möglichst exakt folgen wollen, bietet sich der alte asphaltierte Weg direkt neben der Straße an. Selbstverständlich kann man auch daneben auf dem neu asphaltieren Kombiweg für Radfahrer und Fußgänger gehen. Das ist angenehmer als neben den Autos.

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Bild: Der alte Weg direkt neben der Höhenstraße

Unten komme ich zur sogenannten „Meierkurve“, wo sich vor sehr langer Zeit das Gasthaus Meier befand. Dort zweige ich links in den Wald ab, auf einen kleinen Weg direkt neben dem Bach.

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Bild: Der sogenannte „Kräuterbach“

Da hilft Bergfex sehr, denn kurze Zeit später müssen wir links steil hinauf. Es folgt die anstrengendste Passage, denn es geht diretissima auf den Michaelerberg. Die Bezirksgrenze zu Hernals wurde in einem Graben gezogen, der eher nicht die beste Routenwahl darstellt. Gleich rechts daneben führt ein Weg, der gut begehbar wäre, gäbe es nicht die umgestürzten Bäume.

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Bild: Links der Graben, rechts der Weg. Was man hier nicht sieht: Es geht wirklich steil bergauf.

Wir befinden uns hier im Biosphärenreservat Wienerwald und zwar in einer der sogenannten Kernzonen. Hier wird der Wald so belassen wie er ist und daher werden auch nur die Hauptwanderwege von Ästen und Bäumen befreit. Wir befinden uns nicht auf so einem Weg.

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Bild: Am steilen Weg bergauf gilt es ein paar Baumstämme zu überqueren

Nach einiger Zeit bin ich oben am Michaelerberg angekommen, der dortige Weg ist breit und schön und führt geradeaus bis zu einer Kleingartensiedlung, von wo es wieder bergab geht.

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Bild: Dieser Weg führt oben am Kamm entlang. Links hinunter gehen alle vierzig Meter sogenannte „Rückegassen“, die hier verwendet werden, um den Wald zu bewirtschaften und in Ordnung zu halten. Inzwischen gibt es aber noch neuere Konzepte, dieses ist aber schon extrem fortschrittlich im Gegensatz zu dem, was sonst gemacht wird. Der hiesige Förster, Herr Lauscher, achtet sehr genau auf unseren Wald und seine Gesundheit.
Dort oben gibt es auch einen der vielen Wasserspeicher, die für die Versorgung Wiens gebraucht werden. Dieser liegt etwas versteckt und ist auch nicht sehr groß.

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Bild: Sieht unspektakulär aus, ist aber sehr wichtig.

Am Ende des fast schnurgeraden Weges geht es bei einer weiteren Kleingartensiedlung gleich wieder rechts hinunter und dann überquert man einen der zahlreichen Wege auf den Michaelerberg und dann ist es auf einmal aus mit Weg. Jetzt führt die Bezirksgrenze quer durch den Wald und zwar ganz ohne Weg. Ich versuche irgendwie dem Grenzverlauf zu folgen und finde einen alten Grenzstein.

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Bild: Mitten im Wald ein alter Grenzstein. Ich habe ihn nicht entziffert.

Ich weiß nur: ich muss bergab. Und es findet sich da und dort so etwas wie ein winziger Pfad, der aber nicht durchgängig ist. Ein wenig Klettern durch Gebüsch ist angesagt und es ist interessant zu sehen, wie mühsam es ist, wenn man sich ohne Weg fortbewegen muss.

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Bild: Kein Weg. Wald und Gebüsch sind aber nicht so dicht, dass ich nicht mehr durchkommen würde.

Irgendwann bin ich unten bei der großen Wiese angelangt, gleich rechts vom Waldkindergarten.

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Bild: Hinaus aus dem dichten Wald auf die sonnige Wiese

Von dort geht es an der nächsten Kleingartensiedlung vorbei bis zu einem Bach. Rechts davon ist die Bezirksgrenze, direkt am Zaun der Schrebergartensiedlung, nur gibt es dort keinen Weg. Also muss ich den Bach überqueren und die große Forststraße hinunter nach Neuwaldegg nehmen. Unten angekommen geht es sofort links wieder steil bergauf auf den Schafberg.
Das ist das zweite wirklich steile Stück, es geht wieder diretissima bis auf die Spitze des Schafbergs und von dort – wie könnte es anders sein – rechts vorbei an einer Schrebergartensiedlung hinunter zu den Schafbergwiesen. Dort haben wir in meiner Jugend viele Picknicks gemacht, mit vorgekühlten Bierkisten und einem kleinen Feuer und einem Radiorecorder mit Musikkassetten. Es gab noch keine Handys und sie haben uns auch nicht gefehlt. Eigentlich hat uns gar nichts gefehlt.
Ich mache die zweite Rast auf einem alten Baumstumpf. Daneben die Reste eines kleinen Feuers. Erlaubt ist das nicht, erlaubt war es auch damals nicht.

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Bild: Der Ausblick auf Wien war und ist sensationell. Das ist überhaupt ein toller Ort.

Und wieder ist es aus. Unten angekommen versperrt ein Gitter samt Zaun dahinter den Weg an der Bezirksgrenze entlang. Da ist beim besten Willen kein Durchkommen und ich muss eine kleine Ecke Währing auslassen. Der Weg führt am Schafbergbad entlang und dann durch den Schönbrunnergraben hinunter bis zur Herbeckstraße. In dieser Gegend reiht sich eine riesige Villa an die andere, durchsetzt nur mit – wer es erraten kann – Kleingartensiedlungen, gleich jede Menge davon. Seit ein paar Jahren spielen sich dort Dramen ab, weil seit dem Parkpickerl die Parkplätze gekennzeichnet sein müssen und die Autofahrer ihre Kisten nicht einfach irgendwohin stellen können. Das waren sie aber gewohnt und daher ist der eine oder andere Aufschrei zu hören. Wird aber auch weniger.
Unten angekommen geht es am Fuchupark vorbei, der bei vielen Anwohnerinnen und Anwohnern Kastanienpark genannt wird, weil dort viele Kastanienbäume stehen. Das war aber nie ein offizieller Name und weil der Park jetzt aufgrund irgendeiner japanisch-österreichischen Partnerschaft Fuchupark genannt wurde, gibt es den nächsten Grund sich aufzuregen. Auch das wird vorbeigehen. Außerdem liegt der Park in Hernals und ist daher Sache der dortigen Bezirksvorstehung.

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Bild: Links Häuser, rechts der Fuchupark

Bergauf geht es das letzte nicht asphaltierte Stück bis zur Mönergasse, dann die Jeitnergasse hinauf vorbei am brandneuen, großen Wasserspeicher am Schafberg bis zur Czartoriskygasse.
Die geht es hinab bis zu einer neuerlichen unbegehbaren Bezirksgrenze. Sie führt durch eine Kleingartensiedlung und ist nicht begehbar. Also links ausweichen bis zum Lidlberg. Dort wurden neue Bäume gepflanzt und ein Radweg gebaut, rechts daneben lässt es sich wunderbar gehen, vorbei an der Tischlerei Seliger und dann rechts in die Kreuzgasse. Der spektakulärste Teil ist vorbei, jetzt wird es urban.

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Bild: Die Stelle am Lidlberg

Durch die Antonigasse geht es Richtung Innerwähring, vorbei am riesigen Block, auf dem das alte Haus der Barmherzigkeit stand. Das wurde abgerissen, die neue Eigentümerin ist die Caritas, die in den nächsten Jahren hier bauen wird.

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Bild: Der Häuserblock ist eingezäunt, zwei alte Bäume stehen noch, die aber nicht sehr gesund aussehen. Links dahinter die Kirche St. Severin

In mehreren Links-Rechts-Kombinationen zieht sich die Bezirksgrenze bis hinunter zur Jörgerstraße und dann zum Gürtel. Dort gibt es sehr wenig Grün, fast keine Bäume, es handelt sich um dicht verbautes Gebiet mit viel Gründerzeithäusern. In diesen Gassen habe ich meinen zweiten Ferialjob als Postler einigermaßen würdevoll hinter mich gebracht. Damals gab es hier fast an jeder Ecke noch ein Wirtshaus und davor haben mittelmäßig elegante Herren gewartet, bis ich vorbeigekommen bin. Und zwar immer wenn die Pension oder der Lohn ausgezahlt wurde – das war damals Job der Postler, ich bin mit bis zu 120.000 Schilling herumgegangen. Meistens war es aber wesentlich weniger und die Herren haben mich auf der Straße angesprochen, damit ich ihnen (gegen Vorlage eines Ausweises) ihr Geld gebe. Der eigentlich normale Weg wäre an die Haustüre gewesen, aber dort hätte die Gnädigste das Geld kassiert. So konnten sie es gleich direkt wieder zum Wirtn tragen.

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Bild: Nur schön ist es dort nicht immer überall

Bevor ich den letzten Abschnitt gehe, hole ich mir beim Zanoni ein Eis. Verdientermaßen, außerdem ist jetzt Schluss mit Romantik.

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Bild: Pfefferminz und Haselnuss, der Zanoni am Gürtel war und ist mein Lieblingseissalon, auch wenn die Bedienung heute nicht mehr ein Süditaliener ist, sondern eine junge muslimische Dame mit Kopftuch. Wir sind halt nicht mehr in den 1980ern und die Hauptsache ist die gute Bedienung.

Jetzt geht es den Gürtel entlang hinauf nach Michelbeuern. Der Weg ist schmal, daneben verläuft ein wichtiger Radweg.

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Bild: Manche Blumen lassen sich auch in der Asphaltwüste nicht kleinkriegen

Oben angekommen geht es hinunter an der 42er-Trasse entlang. Ich muss ein Stück auf den Schienen gehen, dann beginnt wieder ein Gehsteig, der sich dann hinunter bis zur U6-Station Währinger Straße zieht.

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Bild: Ein paar Dutzend Meter auf den Schienen, immer gut aufpassend, ob nicht von hinten der 42er heranrauscht.

Der letzte Abschnitt führt direkt an der U6-Stadtbahntrasse am Gürtel entlang, glücklicherweise mit viel Altbaumbestand und somit ausreichend Schatten.

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Bild: Viele Bäume = viel Schatten im Sommer. Dringend notwendig im dicht verbauten Gebiet, in dem in den immer heißer werdenden Sommern immer mehr Hitzeinseln entstehen.

Dann ist es geschafft. Bergfex liefert die Daten der Runde und zum Abschluss gibt es noch ein Frühlingsbild mit Blumen. Die wachsen glücklicherweise zahlreich am Bezirksrand.

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Bild: 18,5 Kilometer, ein ganz ordentliches Stück, aber sehr empfehlenswert

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Bild: Irgendwo in Währing

Der Bacherl – ein später Nachruf

Sechs Todesfälle 2022, das war dann doch ein bissi viel. Zwei davon haben mich ganz besonders getroffen: mein Vater und der Bacherl. Vielleicht habe ich es deswegen nicht geschafft den Nachruf früher zu schreiben, der auf meinen Vater wird sowieso noch deutlich komplexer sein müssen.

Es ist immer noch schwierig. Ich werde es chronologisch angehen und mich hinarbeiten bis zu seinem Begräbnis am 13. Mai 2022.

Ganz genau weiß ich es nicht mehr, wann ich den Peter kennengelernt habe. Es war gemeinsam mit vielen anderen Klosterneuburgern irgendwann 1993, vielleicht bei einem privaten Festl oder einem Clubbing. Gleich zu Beginn – daran kann ich mich noch gut erinnern – ist mir aufgefallen, dass er stets von hübschen Frauen umgeben war. Auch seine damalige Freundin, die Babsi (in Klosterneuburg hießen damals irgendwie alle Babsi, außer die Kathis, dazu später) gehörte in diese Gruppe.
Damals hatte der Peter noch nicht studiert und machte beruflich irgendwas, ich weiß das einfach nicht mehr. Aber er war schon damals ein umtriebiger Typ und kannte halb Klosterneuburg und auch darüber hinaus eine Menge Leute. Daraus ergaben sich viele verschiedene Jobs, etwa im Bereich Security oder auch als DJ „Del Vino“.
Wahrlich nicht auf den Mund gefallen, für manche hin und wieder ein wenig nervig, aber auch jederzeit zu einem tiefsinnigen Gespräch bereit. Peter konnte zuhören, was keine allzu verbreitete Tugend ist. Deshalb saß ich mit ihm auch des öfteren beim Heurigen, natürlich nicht nur für tiefsinnige Gedanken, wir waren beide jung und deppert und hatten vor allem Parties im Kopf. Daher nahm ich ihn auf gute Festln mit und umgekehrt. Ich habe es sicher auch ihm zu verdanken, dass ich meinen heutigen Klosterneuburger Freundeskreis so schnell und gut kennenlernen durfte.
Der Freundeskreis, der ihn letztlich auch zu Grabe tragen musste.

Es fällt mir auch jetzt schwer auszuwählen, worüber ich schreiben möchte. Es waren fast dreißig Jahre Freundschaft, mit viel mehr Höhen als Tiefen, mit einer Konstanz, die alle Tiefen ausbügeln konnte, mit einer Basis, die wir nie in Frage stellen mussten.
Beim Schreiben dieser Worte muss ich tief seufzen. Das war auch einer der letzten gutgemeinten Tipps, die ich ihm gegeben habe, als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe, kurz vor seiner Kehlkopfoperation. Danach konnte er nicht mehr sprechen, er, der kommunikative Typ mit der großen Pappn.
„Tief seufzen hilft mir oft, probier es doch aus.“

Jetzt bin ich wieder gesprungen. Eigentlich war ich noch in den Erinnerungen an die schönen Zeiten. Sie umfassen ja den weitaus längsten Teil unserer Freundschaft und reichen über die schon erwähnten zahlreichen Heurigenbesuche über den gemeinsamen Besuch von Festen aller Art bis zu dem netten Wochenende, an dem Peter mich zur Blockveranstaltung an der Uni Klagenfurt begleitet hat. Sogar an einer Organisationsaufstellung hat er einmal teilgenommen. Solchem Hokus-Pokus begegnete Peter mit einer soliden Skepsis, ich konnte ihn aber neugierig machen. Es war spannend, vor allem für ihn, denn er wurde als Repräsentant ausgewählt und stand dann da in der Aufstellung. Und dann passierte was, und es hinterließ einen bleibenden Eindruck. „Ich konnte auf einmal meinen Kopf nicht mehr bewegen, erst nach einer Auflösung der Situation war mir das wieder möglich“ meinte er danach.

Ich bleibe noch kurz beim Blockseminar in Klagenfurt. Wir gingen an einem der Abende in ein Wirtshaus und der Peter bestellte. Als das Essen kam, blickte er mit leichter Verzweiflung, aber nicht ohne Humor darauf: „Bestellt habe ich Pute mit Reis, bekommen hab ich Schwein mit Fritten.“ Das war typisch. Wir haben das dann mit ein paar Bierchen erledigt.

Am nettesten waren eigentlich die spontanen Treffen. Ein kurzer Anruf und wenig später saßen wir bei einem Bier in der Eule oder einem Spritzer beim Schmucki. Mir fällt es schwer mich an einzelne Abende zu erinnern, sie sind bei mir wie ein großes Ganzes abgespeichert, eine Art Freundschaftspaket, das mich mit dem Bacherl verbindet.
Einige Fotos können das vielleicht besser zeigen.

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Bild: Peter in Diskussion mit unserem Freund Dole

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Bild: Peter umgeben von schönen Frauen. Sehr unangenehm war ihm das nicht, er hatte mehrere lange, gute Beziehungen – bis er die Julia kennenlernte. An einem Abend, an dem er eigentlich daheim bleiben wollte und nur kurz auf ein Bier wegging. Fast im Jogger. Typisch Peter (der übrigens meistens durchaus gut angezogen war.)

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Bild: Am allerletzten Konzert von Drahdiwaberl am 11. Mai 2013. Es gab ja viele letzte Konzerte dieser legendären Wiener Punkband. Dieses war aber wirklich das letzte, zwei kräftige Herren schleppten Stefan Weber auf die Bühne, er krächzte 3-4 Nummern und dann haben sie in wieder runtergetragen. Das alles vor der Karlskirche, das Konzert war nämlich Teil der Wiener Festwocheneröffnung und ich wusste nix davon. Dann rief mich Peter an (oder war es Kathi? egal) und trotz Regen beschlossen wir uns das zu geben. Es war unglaublich, eine Replik auf die alten Zeiten. Es wurden rohe Eier ins Publikum geschmissen und rohe Hühnerteile. Was sie auf der Bühne alles aufführten, erwähne ich hier aus gutem Grund nicht. Am lustigsten waren fein gekleidete Festwocheneröffnungsgäste aus aller Herren Länder, die das überhaupt nicht packten.

Eine Veränderung unserer Beziehung brachte unser Engagement in der Politik. Leider nicht zum Guten – Peter stieg in Klosterneuburg bei den NEOS ein, ich in Wien bei den Grünen. In zahlreichen Diskussionen zeigten sich zwei doch recht unterschiedliche Weltbilder. Das konnte, das sollte, das durfte unsere Freundschaft nicht berühren. Und doch war es so. Wir hatten in der Zeit ohnehin weniger Kontakt und eine Zeit lang gab es Postings auf Facebook, die doch eine erhebliche Differenz zeigten. Wir konnten aber immer wieder gute Gespräche führen und die Differenzen diskutieren.
Dann wechselte Peter als Gemeinderat zur ÖVP. Das war für viele seiner Freunde ein Schlag, ich fand es weniger aufregend, weil seine Beziehungen in die ÖVP-Welt waren immer gut und er fühlte sich wohl. Zugleich lief es beruflich nicht optimal und es war Zeit für ihn neue Wege zu gehen. Unsere Freundschaft dümpelte vor sich hin, er hatte schließlich neben der Politik und dem Job noch eine Familie, die ihn zurecht auch forderte.

Dann kam der bittere Tag, an dem ich von seiner Erkrankung erfuhr: Krebs. Ein Stimmband raus, dann noch ein halbes. Hoffen, dass es damit erledigt ist. Das Wissen, dass gute Wünsche zwar nett sind, aber wenig ausrichten. Die Bitterkeit, schon vor vielen Jahren erfolgreich mit dem Rauchen aufgehört zu haben und dann das. Einem Menschen, der von seiner Stimme lebt, von seiner Fähigkeit am Telefon zu kommunizieren, im Marketing, im Verkauf – mit einem Schlag fast vorbei.
Peter zog sich zurück, auch aus seinem riesigen Freundeskreis. Natürlich nicht ganz, aber doch spürbar. Auch wir sahen uns einfach seltener.
Dann kam die nächste schlimme Nachricht: Es ist wieder da. Und der Kehlkopf muss raus.
Das traf mich hart und ich fand keinen Zugang zu Peter. Bis zu dem Tag, an dem ich ihn einfach anrief, wissend, dass das Sprechen schwer fiel. Das Gespräch war lange und gut, ich sprach ihm so viel Trost zu wie nur möglich.

Was kann da noch passieren? Die Antwort ist einfach: Corona. Für einen frisch Operierten eine Katastrophe. Peter konnte nicht anders als sich möglichst umfassend zurückzuziehen. Der Kontakt beschränkte sich auf Emails oder Facebook-Postings. Aber die konnten keinen Trost spenden und die Freundschaft nur sehr schlecht aufrecht erhalten. Seine Verbitterung tat weh und tut es bis heute.

Dann kam der Herbst 2021 und der Start in die Football-Saison. Peter war seit Ewigkeiten im Football-Universum, viel länger als ich. Diesen Start feiern wir immer am ersten NFL-Spieltag bei einem Freund, der eine große Party gibt.
Peter war auch dort, nach langer Zeit wieder unter Menschen bzw. mit einer großen Gruppe. Nur ich war leider nicht da, weil ich mir genau an dem Wochenende einen alten Traum erfüllt hatte und nach Gstaad zum Konzert von Emmylou Harris gereist war.

So verpasste ich die Chance Peter zu sehen. Es sollte keine weitere geben. Das wusste ich damals natürlich noch nicht, denn Peter ging es den Umständen entsprechend gut und das war auch das, was ich erfuhr und was mich natürlich sehr freute.
Das hieß auch: Demnächst wieder beim Heurigen bei einem gepflegten Spritzer. Ich plante schon ihn anzurufen, dann kam alles mögliche dazwischen – egal, wir hatten es ja nicht so eilig.
Zumindest bis zum Neujahrstag 2022, als ich von einem Freund erfahren musste, dass der Krebs wieder gekommen war. Metastasen in der Lunge. Es sah schlecht aus, ich wusste das leider, weil ja 2014 drei meiner besten Freunde an Krebs verstorben waren.

Aber niemand gab die Hoffnung auf, auch Peter nicht. Er kämpfte sich durch eine Chemotherapie nach der anderen. Doch seine Facebook-Postings wurden weniger und die wenigen Freunde, mit denen er Kontakt hatte, zeigten nur mehr wenig Hoffnung.

Dann das Posting auf Facebook von einer Freundin, mit einer Todesnachricht. Ich dachte noch: Mein Gott, es ist was mit ihrem Vater! Aber dann war schnell klar, dass Peter gestorben war.
Am fünften Mai hatte er seine Frau kennengelernt.
Am fünften Mai hatte er sie geheiratet.
Und am fünften Mai ist er gestorben.

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Bild: Die Kerze von Peter und Julia

Peter hatte einen Sinn für Inszenierung. Wir verpassten ihm dafür ein Begräbnis, das wohl noch lange allen Anwesenden in Erinnerung bleiben wird. Die Stiftskirche in Klosterneuburg war gerammelt voll, der Bürgermeister – einer seiner engsten Freunde – hielt eine Rede, die mehr als außergewöhnlich war. Straßen wurden gesperrt für den Trauerzug zum Friedhof.

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Bild: Aufgebahrt in der Stiftskirche von Klosterneuburg. Ob er auch mit Sonnenbrille begraben wurde, ist nicht bestätigt

Und danach gab es eine Party wie sie dem Bacherl gefallen hätte – sehr gut gefallen sogar. Im Stollkeller, einem unserer Lieblingslokale, das schon lange geschlossen hatte und für uns, für Peter, einmal aufsperrte.

„Einst lehnte er im Stoll am Fassl,
heut lehrt er an der Uni Kassel.“

Der kleine Reim stammt von Peter und er druckte diese Wuchtel spontan an irgendeinem Abend viele Jahre davor, als wir beide am Fassl im Stollkeller standen.

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Bild: Am Fassl lehnend

Der Abend am Tag seines Begräbnisses wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Lachen und heulen zugleich, so viele Emotionen auf einen Haufen habe ich vorher noch nie erlebt. Auch bei mir selbst nicht. Es war zum Schluss wie eine Erlösung, auch für seine Frau Julia, die wahrlich keine leichte Zeit hinter sich hatte. So wie auch ihre beiden Kinder.
Ein paar Bilder können vielleicht einen Eindruck vermitteln.

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Bild: Am WC vom Stollkeller. Auch hier an jeder Ecke irgendein Bild vom Bacherl. So war es nun einmal notwendig. So gehört sich das.

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Bild: Auch das Wimmelbild im Garten vom Stoll spricht für sich. Der Verlust ist noch nicht fassbar, nicht verarbeitbar.

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Bild: Im Keller – auf diesem Bild finden sich alle Emotionen dieser Welt. Des Peters würdig.

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Bild: An der Bar vom Stollkeller. Mit Spritzer, Bier und guter Musik. Es gibt wohl keinen besseren Ort um vom Peter würdig Abschied zu nehmen. Inzwischen gibt es das alte Lokal nicht mehr. Irgendwie ist es mit Peter gestorben.

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Bild: Stowi und Andi spielen für uns, und speziell für Julia, während Peter im Hintergrund Blödsinn treibt.

Jetzt sind schon bald zwei Jahre vergangen. Peter ist präsenter als ich es erwartet hatte. Durch seine Frau Julia, die wieder nach vorne schaut und von allen herzlich willkommen geheißen wird. Durch die vielen Erinnerungen, die nicht nur in Klosterneuburg auftauchen, sondern auch sonst zu allen möglichen Gelegenheiten, in bunter, wilder Mischung sozusagen: Sprüche fallen mir bei Gelegenheit ein, oder ich treffe gemeinsame Freunde, oft zufällig, und dann ist Peter ein Thema.
Oder ich denke beim Schreiben an ihn, beim Musikhören, auf Konzerten, Festen, Veranstaltungen, Workshops etc. Es war eine Beziehung, eine Freundschaft, die mein Leben geprägt hat – so wie einige andere, aber nicht viele.
Diese Prägung wird anhalten, nicht nur bei mir, sondern bei erstaunlich vielen Menschen. Peter ist tot. Es lebe der Bacherl!

7 Stufen der Klimakrisenleugnung

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten die Klimakrise zu leugnen. Viele beinhalten das Gefühl, eh nicht zu leugnen, was aber nicht der Realität entspricht. Es handelt sich um Selbsttäuschung. Alle sieben Stufen sind Leugnung der Klimakrise, sonst gar nichts.

1.) Es gibt keinen Klimawandel

Er wird zur Gänze geleugnet. Das Klima ist normal, war immer so und wird immer so sein. Es gibt auch keine negativen Auswirkungen, Wetterphänomene sind auch normal und es gibt maximal eine Hysterie von Menschen, Menschengruppen, Systemen oder „Mächten“, die einem etwas einreden wollen, was es gar nicht gibt.
Es sollte daher nichts unternommen werden, denn das wäre im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv, in jedem Fall ist es eine Gefahr für das Wirtschaftswachstum.

2.) Es gibt zwar einen Klimawandel, aber der ist ganz normal

Es gab ihn immer und es gibt ihn derzeit auch. Es stimmt, dass Gletscher schmelzen und Klimawandelphänomene auftreten. Das ist aber kein Grund zur Beunruhigung, ganz normal und hat für die Menschen keine Bedeutung, außer dass es da und dort ein wenig andere Bedingungen gibt. Das dauert eine Zeit und entspricht ganz normalen Zyklen. Im Mittelalter war es auch schon einmal warm. Woher es derzeit kommt? Keine Ahnung, wahrscheinlich Sonnenflecken. Es gibt keinen Beweis dafür, dass irgendetwas daran von Menschen verursacht wurde oder wird. Es geht vorbei und wird uns nur marginal betreffen. Wir können nichts dagegen tun und sollten daher auch nichts dagegen tun.

3.) Es gibt einen Klimawandel, er ist auch krisenhaft, aber ganz natürlich

Wir müssen uns darauf einstellen, uns gegen die Folgen wappnen, etwa indem wir höhere Dämme bauen und mehr Schneekanonen fürs ungestörte Skivergnügen einsetzen. Wir können aber sowieso nix dagegen tun, dass er stattfindet und brauchen unser Verhalten daher nicht ändern – wir haben ohnehin keinerlei Einfluss darauf. Kleine Anpassungen sind okay, sofern sie die Wohlstandsgesellschaft nicht betreffen.

4.) Es gibt eine Klimakrise, wir sind auch ein wenig Schuld daran, können aber nichts mehr tun

Ja, wir haben in den letzten hundert Jahren sicher auch beigetragen, aber es ist jetzt soweit, dass wir nichts mehr tun können. Daher brauchen wir weder unser Konsumverhalten noch unser Umweltschutzverhalten ändern, weil es nichts mehr bringt. Der Zug ist abgefahren, am besten schützen wir uns vor den Folgen und genießen wir das Leben, so lange es noch geht. Wahrscheinlich können wir uns aber auch gegen die Folgen nicht schützen und sollten daher weder Geld noch Anstrengung vergeuden.

5.) Es gibt eine Klimakrise, dagegen kann auch was getan werden, aber nicht von uns

Wir sind ein kleines Land, verantwortlich lediglich für einen so winzigen Teil des Drecks, dass wir gar nichts ändern müssen, weil wir eh nichts bewirken können, wenn wir jetzt weniger mit dem Flugzeug fliegen. Andere fliegen noch mehr, da macht unser Beitrag auch nichts mehr aus. Also weiter wie bisher.
Zu tun ist nichts, aber es ist okay, wenn andere was tun. Da wir nicht verantwortlich sind, trifft uns auch keine Verantwortung für die Folgen und daher darf und wird es uns auch nicht betreffen. Wir sind hier in Österreich auf einer kleinen, sicheren Insel und wir müssen lediglich schauen, dass keine Schmarotzer zu uns kommen.

6.) Wir könnten was gegen die Klimakrise tun, aber es ist zu kompliziert

Es wäre schon möglich relevante und wirksame Schritte zu setzen. Aber wir würden der Wirtschaft schaden und unserem Wohlstand. Das ist auch politisch nicht durchzusetzen, leider können wir da gar nichts tun. Daher können wir einfach so weiterleben, es bringt nichts, was anderes zu versuchen.
Andere sollten aber unbedingt was dagegen tun, und zwar so, dass uns die Folgen möglichst wenig betreffen.

7.) Wir können und werden etwas gegen die Klimakrise tun – nur nicht jetzt schon

Es muss unbedingt was getan werden, auch von uns, aber derzeit haben wir noch nicht die Technologie dafür, daher müssen wir abwarten, bis irgendwann in der Zukunft Menschen etwas entwickelt haben. Das wird sicher der Fall sein, daher können wir jetzt noch nichts tun und sollten das auch nicht, denn das wäre ein Schnellschuss, der nichts bringt und uns möglicherweise sogar gefährdet. Wir könnten in einen Wettbewerbsnachteil kommen und das könnte unserer Wirtschaft schaden.
Außerdem haben wir noch alle Zeit der Welt, um zu warten, weil draußen ist es eh kalt bzw. schön bzw. keinerlei Krise zu sehen.
Wir können und sollen auch schon vorarbeiten, aber für konkrete Schritte ist es viel zu früh, das würde nur Menschen verschrecken.

Rundumadum – der Wanderweg rund um Wien

Nachdem ich im August und September die 14 Stadtwanderwege gegangen und tw. auch schon gelaufen bin, stand jetzt die nächste Herausforderung am Programm.
Mit kleinen Schildern ist ein Weg rund um Wien gekennzeichnet, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.
Länge: 123 Kilometer
Höhenmeter: 1.727
Etappen: 24

Der Weg verläuft natürlich nicht exakt an der Stadtgrenze, bietet aber doch ein ordentliches Bild dieser Großstadt von und an ihren Rändern. Im Gegensatz zu den Stadtwanderwegen sind die Start- und Endpunkte natürlich immer woanders, was die Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel notwendig macht – sofern man nicht mit dem Taxi fahren will.

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Bild: Die kleinen Schilder – ein rotes Herz und ein Pfeil.

Das kann mühsam sein, denn zu manchen Etappenabschnitten fahren nur Busse und die haben tw. recht dünne Intervalle, eine halbe Stunde oder manchmal auch eine ganze. Manche der – von der Stadt Wien so vorgesehenen – Etappen sind nur drei Kilometer lang, andere zehn. Sie decken sich teilweise mit den Stadtwanderwegen, aber nicht so, dass der Rundumadum nicht ein durchaus eigenes Erlebnis wäre.

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Bild: Der gesamte Rundumadum auf einen Blick. Beim Lainzer Tiergarten kann man gut die zwei verschiedenen Wegvarianten sehen.

Es gibt so etwas wie einen offiziellen Beginn, nämlich in Nussdorf, aber man kann dort beginnen oder aufhören, wo man gerade möchte. Ich habe am Nussdorfer Steg begonnen, also quasi im letzten Kilometer der Etappe Nr. 24, weil das nur ein paar Gehminuten von der U4-Station Heiligenstadt entfernt ist. Für mich ist das die erste Etappe.
Es beginnt locker entlang der Donau bis zum Kahlenbergerdörfl, von dort geht es über den Nasenweg hinauf auf den Leopoldsberg. Das ist zugleich auch das steilste und anstrengendste Stück des gesamten Weges. Laufen kann ich das nicht, nur gehen. Womit wir beim eigentlichen Punkt sind: Ich wollte den Rundumadum laufen. Nicht in einem Stück, wobei auch das machen manche Leute, dafür gibt es sogar einen eigenen Rundumadum-Lauf. Wer das machen will, hier ist die Website: https://www.wien-rundumadum.at

Am 3. November 2023 ist ein Währinger die Strecke in etwas mehr als 16 Stunden gelaufen. Das ist brutal, so viel kann ich jetzt schon sagen. Für mich war das Ziel es in mehreren Etappen zu schaffen und Steilstücke zu gehen. Das hat auch gut funktioniert, ich habe manchmal 2 der offiziellen Etappen auf einmal gemacht und meistens drei. Und ich war an manchen Tagen besser drauf und an anderen schlechter. Es hat auch nicht immer nur Spaß gemacht, wenn die Strecke einen öden Abschnitt hatte und ich eh schon ziemlich fertig war. Es hat sich aber ausgezahlt die Runde zu laufen, das kann ich als Resumé schon verlauten.
Manchmal gibt es zwei Wege, wobei einer davon für Hundebesitzer und -innen ist, weil die normale Route für Hunde gesperrt ist.

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Bild: Der Start entlang der Donau, mäßig romantisch, eine sehr lange Gerade

Ich werde hier die Strecke nur teilweise beschreiben, aber mit ein paar ausgewählten Bildern dokumentieren.
Der Nasenweg ist bereits einer der schönsten (und nicht nur anstrengendsten) Teile des Rundumadum. Jede Menge tolle Aussichtspunkte, nicht nur in die Stadt der Donau entlang, sondern auch hinüber zum Nussberg und den zahlreichen Weinbergen.

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Bild: Schon recht weit oben am Nasenweg mit Blick auf den Nussberg und die dortigen Weinberge und Buschenschanken

Oben wird es dann relativ flach und geht leicht bergauf-bergab entlang der Stadtwanderwege 1 und 1a hinüber zum Cobenzl. Dort umrundet man den Latisberg und setzt dann den Weg rund um den Hermannskogel Richtung Dreimarkstein fort. Dieser Teil der Tour besteht aus 100% Wienerwald. An vielen Stellen gibt es einen Blick tief hinein in diese riesige grüne Lunge von Wien.

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Bild: Zwischen Dreimarkstein und Hameau geht der Blick in den Westen

Der Großteil des Rundumadum besteht aus Asphaltwegen, aber vor allem im Wienerwald, aber auch in der Lobau gibt es fast nur Waldwege, allesamt gut ausgebaut, mit wenigen Ausnahmen, wo es über winzige Wege oder über kleine Brücken geht, oftmals auch nicht wirklich gut ausgeschildert. Die kleinen Schilder sind zwar häufig zu finden, aber nicht immer an der richtigen Stelle aufgehängt. Prinzipiell gibt es immer dann ein Schild, wenn sich die Richtung verändert. Das ist aber nur eine grobe Regel, ohne App wäre ich immer wieder zumindest kurz in die falsche Richtung gelaufen. Das ist nicht wirklich gut gelöst, ein paar Schilder mehr würden sehr helfen.

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Bild: Ein typischer Weg im Wienerwald

Meine zweite Etappe führte vom Dreimarkstein bis Hütteldorf, mit Zwischenstation im Schwarzenbergpark, wo man einen Großteil der Allee marschiert und dann hinauf zur Kreuzeichenwiese, hinüber zur Jubiläumswarte, deren Besteigung ich genauso empfehlen kann wie die der Stefaniewarte. Erstere liefert den vielleicht vollständigsten Blick über Wien, von der Westeinfahrt bis zum Bisamberg. Die Stefaniewarte hat – ähnlich wie die Habsburgwarte am Hermannskogel – nur an Wochenenden in der warmen Jahreszeit offen, bei allen lohnt sich der Weg hinauf und dann der Blick hinunter, bei der Stefaniewarte vor allem hinüber ins Weinviertel. Da wird mit einem Blick sichtbar, wie viel Windkraft in den letzten zwanzig Jahren schon ausgebaut wurde.

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Bild: Eines meiner super-seltenen „Selfies“

Meine dritte Etappe führte durch den Lainzer Tiergarten. Bis auf ein kurzes Stück, das sich mit dem Stadtwanderweg Nr. 6 deckt, gibt es diese Abschnitte nur beim Rundumadum. Sie sind wunderschön, beinhalten aber auch 2-3 ordentliche Steigungen.

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Bild: Hier sieht man eine sehr lange Gerade. Nicht zu sehen ist die Steilheit, es geht so bergauf, dass ich das nicht laufen konnte.

Der letzte Teil dieser Etappe führt bereits am Liesingbach entlang, das war mit 17,6 km meine zweitlängste und hat sich zum Schluss schon ordentlich reingehängt. Und dann kam noch was dazu: Beim Laufen darf man nicht zu warm angezogen sein, beim Rückweg ist man aber verschwitzt und sollte entweder eine gute Windjacke oder Reservegewand mithaben, um sich in der Straßenbahn oder im Bus nicht zu verkühlen. Die Fahrten dauern oft eine Stunde. Ich nehme auch immer 1-2 Wasserflaschen mit, je nach Streckendauer und Witterung. Hin und wieder gibt es auch Brunnen, wie etwa an der Mauer vom Lainzer Tiergarten in der Nähe von Breitenfurt.

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Bild: Einer der Brunnen mit dem hervorragenden Wiener Wasser

Ab meiner vierten Etappe wird es dann flach. Es geht sehr lang am Liesingbach entlang, an den riesigen Türmen von Alterlaa vorbei bis fast zum Verteilerkreis Favoriten. Immer wieder kreuzt man Stadtwanderwege oder benützt sie ein Stück lang. Ich kenne sie alle, war aber trotzdem nicht enttäuscht, weil der Rundumadum in Summe doch noch ganz andere Eindrücke erzeugt. Er ist irgendwie uriger, zeigt noch mehr die weniger bekannten Seiten dieser großen Stadt. Ich war in Gegenden, in denen ich noch nie war und in die ich auch sonst niemals kommen würde.
Manche Abschnitte sind auch eher fad, andererseits gehört das halt auch dazu.

Bei der fünften Etappe ging es in den Böhmischen Prater, durch die Löwygrube und dann hinunter nach Simmering bis in den Zentralfriedhof.

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Bild: Unterhalb des Böhmischen Praters geht es an Feldern entlang hinunter nach Simmerring. Am Bild ein kalorisches Kraftwerk

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Bild: Durch den Zentralfriedhof

Dort war auch ordentlich Stimmung, weil ich ihn zu Allerheiligen gelaufen bin. Während es rund um den Wienerberg noch rauf und runter geht, ist es ab dem Zentralfriedhof für lange Zeit komplett flach. An diesem Tag war es „zaaach“, wie man auf Wienerisch so schön sagt. Der Schluss geht über den unteren Teil der Donauinsel und ich hatte Gegenwind.

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Bild: Am Hafen Wien vorbei geht es über die Donau

Am Ende dieser Etappe steht eine kleine Weltreise, die genau genommen gar nicht so lange ist, vorausgesetzt der Bus 92B fährt einem nicht vor der Nase davon. Meistens kann man mit den Bussen gut die Linie U2 erreichen, mit der man dann schnell ins Zentrum kommt. Wer noch keine Jahreskarte besitzt – die vielen Fahrten für den Rundumadum laden dazu ein, sich eine zuzulegen.

Die sechste Etappe geht dann quer durch den Nationalpark Donauauen bzw. durch die Lobau. Das ist ein reizvoller Abschnitt, an dessen Ende man wieder bei einer der zahlreichen Neubausiedlungen ankommt, die in den letzten Jahren in der Donaustadt gebaut wurden. Das ist das wichtigste Stadterneuerungsgebiet und einigermaßen gut mit Bussen versorgt, auch wenn die Intervalle höchst unterschiedlich sind.

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Bild: Eines der zahlreichen Gewässer, an denen man vorbeikommt

Ab jetzt wird es eher fad. Die siebente Etappe führte mich rund um die Seestadt Aspern bis nach Süßenbrunn, wo man vom Etappenende noch einen knappen Kilometer bis zum Bahnhof gehen muss, um zur Schnellbahn zu kommen, die dann allerdings in wenigen Minuten bis Floridsdorf fährt.

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Bild: Die Gegend ist ländlich, obwohl es Wien ist. Hier gibt es noch echte Landwirtschaft und ehemals kleine Orte im Marchfeld, heute allesamt von Neubausiedlungen umzingelt. Die Stadt erscheint weit weg.

Mir war klar, dass der nächste Abschnitt wieder eine gewisse Herausforderung wird. Ich konnte irgendwie nicht sehr schnell laufen und hatte mir mehr Konditionszuwachs erwartet. Der kam nicht und so musste ich bei jeder Etappe immer wieder kämpfen – gegen die Ödheit mancher Landschaften, gegen den Wind und gegen mich selbst.

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Bild: Eine Reihenhaussiedlung in Süssenbrunn. Sie wurde mitten ins Nirgendwo gebaut und ist ohne Auto absolut unerreichbar. Hier sieht man die verfehlte Siedlungspolitik, die es nicht nur im Westjordanland gibt, sondern auch in der Donaustadt. Die Seestadt ist eine löbliche Ausnahme, ansonsten findet man seelenlose Schlafsiedlungen ohne jede Infrastruktur.

Das Wohnen kann dort trotzdem schön sein – je nachdem, welche Ansprüche man hat. Der Rundumadumweg verläuft hier meistens sehr gerade. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit hat sich im Laufe der Etappen erhöht, auch weil die ersten sehr bergig waren. Jetzt aber stockt es irgendwie, ich habe manchmal den Eindruck gar nicht voranzukommen. Auf dieser Strecke etwa dachte ich, dass ich noch langsamer sein werde als davor, war aber etwas schneller. Ich konnte auf 10 km/h erhöhen.

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Bild: Der Screenshot von bergfex.

Die Gegend ist superflach und man läuft zeitweise mitten durch Felder – auch das ist Wien.

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Ein Feldweg in einem noch unbebauten Teil von Wien. Da die Stadt weiterhin rasant wächst, werden dort wohl auch bald Wohnblöcke stehen. Im Hintergrund sieht man schon den Bisamberg

Von Süßenbrunn geht es in der achten Etappe dann durch Gerasdorf bis zum Marchfeldkanal, an dem man länger entlangläuft, und zwar bis Stammersdorf. Dort fahren die Busse echt selten und ich hoffte gleich drei Etappen zu schaffen.

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Der Kanal sollte ursprünglich der Schifffahrt dienen, wurde dann aber nie so genützt. Oder vielleicht auch ganz anders – entlanglaufen ist ganz okay.

Hinter Stammersdorf kommt eine kleine Steigung parallel zur Brünnerstraße, die man dann auch überquert und auf den Stadtwanderweg Nr. 5 trifft, dem man bis auf den Bisamberg folgt. Es geht stetig leicht bergauf, durch die Weinberge bis zur letzten echten Steigung des Rundumadum. Die ist dann doch knackig, ich konnte sie nicht laufen, auch weil ich schon viele Kilometer in den Beinen hatte. Oben wird es dann flach und geht schließlich wieder hinunter zur Kellergasse. Weil der Bus dort noch ewig gedauert hätte, bin ich gleich bergab durch eine weitere, sehr nette Kellergasse nach Strebersdorf gelaufen und konnte dort einen Bus erwischen, der mich zur Straßenbahn Richtung Floridsdorf brachte.

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Bild: Die längst gelesenen Weinstöcke am Fuße des Bisambergs in der Spätnachmittags-Novembersonne

Der Wein gehört zu Wien und deswegen muss man auch durch die Weinberge wandern bzw. laufen. Ich erwischte dafür einen der letzten schönen Herbsttage und wusste, dass ich den Rundumadum jetzt bald fertig machen müsste. Auf den letzten Etappen wurde es zunehmend kühler, am Ende dieser Strecke war ich echt froh über die Windjacke.

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Bild: Am Bisamberg im letzten Sonnenlicht, kurz bevor der steile Teil beginnt.

Die neunte und letzte Etappe war zugleich die kürzeste, weil ich ja schon einen Teil (bis Strebersdorf) davor gelaufen war und die letzte Strecke nur bis zum Nussdorfer Steg und nicht bis Nussdorf laufen musste. Dafür schneite es leicht und ich beschloss, die Sache flott anzugehen. Es ging auch einigermaßen gut, durch Strebersdorf wieder entlang des Marchfeldkanals bis zu seinem Beginn. Auch ein Ort, an dem ich zuvor noch nie war.

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Bild: Der Marchfeldkanal mit zwei Schwänen, im Hintergrund schon der Beginn der Alpen mit Leopolds- und Kahlenberg

Bei diesem Abschnitt muss man die Autobahn überqueren und läuft dann entlang des Donauufers bis zu einer Brücke, die auf die Donauinsel führt. Dort dann entlang bis zu einer weiteren Brücke, die wieder hinüber in den 19. Bezirk führt.

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Bild: Überquerung der Donauuferautobahn

Irgendwie lief es an dem Tag auch nicht so wie geplant, zumindest was die Geschwindigkeit anging. Gefühltermaßen war ich blitzschnell, de facto aber auch nicht schneller als bei der achten Etappe. Macht aber nichts, ich war echt froh den Rundumadum beendet zu haben. Ein paar Tage später schneite es so heftig, dass das Laufen keinen Spaß mehr gemacht hätte.

Fazit: Sehr empfehlenswert, weil anders als das, was man als Wanderer in und rund um Wien so kennt. Ich habe insgesamt 14 Stunden und 12 Minuten für meine neun Etappen gebraucht. Die Stadt Wien gibt auf wien.gv.at die Gehzeit mit mindestens 31 Stunden an.
Meine Durchschnittsgeschwindigkeit war 9,13 km/h, das ließe sich mit etwas Training auf knapp über 10 steigern. Ich habe das aber nicht vor und war letztlich mit meiner Leistung ganz zufrieden.