Woher kommen wir?

Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit der Frage des Ursprungs der Menschheit. Nach einigem Hin und Her sind sich aber inzwischen alle WissenschafterInnen einig, dass unser Ursprung in Afrika ist. Wo genau, das ist noch nicht ganz klar und auch nicht, ob es parallele Entwicklungen des Homo sapiens gab.
Durch die moderne Genetik konnten jedoch einige Fragen geklärt werden: Es gab tatsächlich eine Urmutter, eine Art genetische Eva, von der alle modernen Menschen abstammen.
Da finde ich spannend und es wäre vor allem ein lustiger Ansatz für eine neue Religionsgründung, sofern man Religionen überhaupt für sinnvoll hält. Im Gegensatz zu den patriarchalen Monotheismen wäre das eine matriarchale Form, die sich aus der Vererbungslinearität ergibt.

Auf die ebenso wichtige Frage, wann und wie die Menschen Afrika verlassen haben, um dann zuerst Asien und später Europa zu besiedeln, gibt es ebenfalls neue Antworten: Es geschah vor ca. 100.000 Jahren, also vor ca. 4.000 Generationen. Eine Gruppe von wenigen hundert Menschen dürfte sich von Ostafrika hinauf in Richtung Israel aufgemacht haben. Dort fand man menschliche Knochen, die auf eine durchaus hohe Zivilisation hindeuten. Konkret dürften diese Menschen bereits eine Idee eines Lebens nach dem Tod gehabt haben, die Grabbeigaben lassen darauf schließen.

Vor 125.000 Jahren war die Sahara mehr oder weniger grün, es gab Flüsse und Seen, Vegetation und Wild, sie war also einfach durchquerbar, vor allem an den Rändern. Die Menschen konnten so durch Äthiopien ans Rote Meer gelangen und dort Richtung Norden wandern. Sie kamen dann nach Israel, das ist quasi eine uralte Geschichte einer Migrationsbewegung in ein gelobtes Land, die später dann wieder aufgegriffen wurde.

Wir wissen nicht, ob es eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis gibt und wie es funktioniert. Vielleicht kann auch hier die Genetik einmal Aufschluss geben, so weit sind wir aber noch nicht.
Interessant ist es allemal, dass eine so wichtige und große Geschichte wie die erste Migration des modernen Menschen genau an der Stelle auftaucht, wo sie 100.000 Jahre zuvor tatsächlich stattfand.
Welche Art von Wissen kann sich über tausende Generationen erhalten? Ich erlebe es manchmal, dass Freunde und Bekannte, die ich mit nach Ostafrika nehme, mir von einer seltsamen Regung erzählen. Sie empfinden ein flüchtiges Deja-vu, so als ob sie schon einmal dort gewesen wären.
Das ist nachweislich nicht der Fall, also woher kommt diese Wahrnehmung, die sicher keine klassische Erinnerung ist und sein kann?

Wir finden dort eine Landschaft, die dem Auge und dem Gemüt gut tut. Es ist eine Gegend mit sanften Hügeln, Ketten niedriger Berge (so genannte „Escarpments“), weite Graslandschaften, durchzogen von kleinen und größeren Bächen und Flüssen, an deren Rändern so genannte „Galeriewälder“ wachsen.
Es ist eine stark strukturierte Landschaft, die sehr friedlich und einladend wirkt. Das ist wohl kein Zufall, denn in solch einer Landschaft sind die modernen Menschen entstanden, beginnend mit dem homo australopithecus, der sich dann zum homo habilis und schließlich zum homo sapiens weiterentwickelt hat.
Eine Theorie besagt, dass es durch Klimaveränderungen einen Rückzug der riesigen Regenwälder gab und die Landschaft trockener wurde, bis sie so aussah, wie die heutige ostafrikanische Savanne. Am Übergang zwischen Wald und Savanne entwickelte sich der Mensch, mit seiner Fähigkeit aufrecht zu gehen, durch die unsere Wirbelsäule unter den Kopf rutschte (bei Primaten steht sie hinten raus) und dadurch die Mund- und Kehlkopfpartie frei wurde für die Entwicklung einer Sprache.
Dazu kam die Fingerfertigkeit, die mit Händen entwickelt werden konnte, die nicht mehr zur Fortbewegung nötig waren.

Haben wir eine Erinnerung an unser eigenes Entstehen? Haben wir sozusagen unsere Seinsbedingung in uns gespeichert? Diese Frage ist nicht nur für Evolutionsbiologen interessant, sondern auch für Philosophen.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Menschen, die nach Kleinasien gewandert sind, dort wieder ausstarben und dass andere Entdecker über die Straße von Bab al Mandab, also der engsten Stelle des Roten Meeres, übergesetzt haben. Die Distanz beträgt 30 Kilometer, ist also mit einem einigermaßen guten Boot machbar.
Vor ca. 70.000 Jahren war die Meerenge sogar nur ca. 11 Kilometer breit und die Menschen konnten so auf die arabische Halbinsel gelangen. Die dortige Küste war damals fruchtbar und sorgte somit für eine gute Basis um zu überleben. Eine frühe Hochkultur gab der Region, die wie ein großer Garten wirkte, einen Namen: Eden.

Überfluss

Neulich, bei mir um´s Eck, gehe ich an einem Erdgeschoßfenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen.

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Bild: Essen am Fenster

Das ist für sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich möchte trotzdem ein paar Gedanken dazu loswerden.

Irgendwo in der Nähe gibt es ein Kebabstandl, bei dem sich jemand eine Portion gekauft hat, das lässt sich auch ohne detektivische Fähigkeiten feststellen. Nach dem Verzehr der Hälfte hat diese Person den Rest auf das Fensterbrett gelegt und ist weggegangen. Vielleicht war er oder sie nicht mehr hungrig oder es ist etwas eingetreten – ein Anruf, der sofortiges Hinlegen des Kebabs und ebenso sofortiges Davoneilen notwendig gemacht hat. Vielleicht war nicht mehr die Zeit um den nächsten Mistkübel zu suchen. In Tatort-Fernsehkrimis gibt es solche Szenen.

Wahrscheinlicher ist, dass die Augen größer waren als der Magen – das kommt vor, auch bei mir. Und dass es dem Esser schlicht und einfach egal war, wohin der Rest seines Essens gelangt. Irgendjemand wird die Reste schon wegräumen. Es war ihm oder ihr vielleicht genauso egal wie die Größe der Portion egal war.
Mich erinnert das an die Malediven (im Reisebericht findet sich eine ausführlichere Analyse), wo sich die Menschen im Paradies wähnen. Dort ist Verschwendung Teil des umfassenden Luxuslebens, in dem man nicht verantwortlich ist für sein eigenes Verhalten und tun und lassen kann, was man will.
Auch im Kebab-Fall orte ich kein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein, weder gegenüber der Nahrung noch der Umwelt. Verständlich wird das nur durch die Überflussgesellschaft. Wenn wir uns das Wort genauer ansehen, wird die eigentliche Bedeutung klar: Etwas fließt über. Das, was über den Rand fließt, wird nicht nur nicht gebraucht, es ist zu viel und im Idealfall verschwindet es möglichst schnell. Das Überfließende ist aber nicht nur störend, wenn es nicht von alleine verschwindet, sondern auch nützlich, nämlich als Zeichen, dass man mehr hat als man braucht und sogar mehr, als man verwenden, verbrauchen, konsumieren kann. Sparen ist kontraproduktiv, niemand würde das Überfließende wieder zurück in den Behälter leeren, da es ein sofortiges nochmaliges Überfließen zur Folge hätte.

Die Menschen waren fast die gesamte Evolutionsgeschichte lang Mangelwesen. Es gab zwar temporären Überfluss, etwa wenn ein großes Tier erfolgreich gejagt war oder im Spätsommer Früchte ohne Ende zur Verfügung standen, tendenziell gab es aber fast immer Grund zur Sorge.
Andauernder Überfluss muss für die Menschen eine nahezu unwiderstehliche Verlockung gewesen sein: immer warm, immer satt – das ist vor allem dann das Paradies, wenn man selbst nicht dafür sorgen muss.

Es ist wahrscheinlich, dass unser Kebab-Zurücklasser weder das Aluminium für die Folie selbst im Bergwerk abgebaut oder im Aluminiumwerk gewalzt hat, noch das Schwein oder Huhn geschlachtet oder den Weizen für die Flade selbst angebaut hat.
Er oder sie hat es gerade mal gekauft und selbst dieser Vorgang dürfte schnell und ohne große Anstrengung vonstatten gegangen sein. Es ist fast wie gefüttert werden. Dazu ist so ein Kebab auch noch sehr billig, d.h. es ist auch fast kein anderer Aufwand notwendig, um sich so ein Kebab kaufen zu können.
Wegwerfen steht nicht nur nicht unter Strafe, es ist ein gesellschaftlich gewollter Vorgang, der auch noch reich belohnt wird, nämlich durch die Freude auf das nächste Kauferlebnis. Wegwerfen hat sich zur Norm entwickelt, wenngleich die gesellschaftliche Forderung sehr wohl dahin geht, dass ordentlich weggeworfen wird. Das Kebab hätte also mindestens im Mülleimer landen müssen.
Aber selbst das ist nur empfohlen, da die Nichtbeachtung keine echten Folgen hat. Wie viel Prozent aller Zigarettenkippen werden – außer vielleicht daheim – einfach in die Gegend geschnippt?
Die Umgebung wirkt wie ein riesiger Wunscherfüllungsraum, in dem ich in bestimmter Hinsicht tun und lassen kann, was ich will.
Wenn wir uns ein wenig zurückerinnern, dann war das nicht immer so. Meine Großmutter hat mir noch beigebracht, dass man Essen nicht wegwirft. Mehr nehmen oder kaufen, als man braucht, ist ein Fehler, sozusagen eine Sünde, die man tunlichst nicht begehen sollte.

Diese kulturelle Norm ist heute fast gänzlich verschwunden und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Wir brüsten uns mit dem Überfluss, protzen damit in die ganze Welt hinaus und wundern uns dann, wenn andere Menschen, die diesen Überfluss nicht haben, zu uns kommen. Ich erinnere: Das Überfließende ist unbrauchbar und wir können froh sein, wenn es schnell verschwindet ohne uns Aufwand zu machen. Trotzdem geben wir es nicht gerne her.
In der Kapitalismustheorie nennt man das den Trickle-Down-Effekt: Wenn die Reichen so reich sind, dass ihnen etwas über den Tischrand fällt und sie es aufgrund ihrer Trägheit oder aus anderen Gründen nicht mehr halten können, dann profitieren die Armen davon, die unter dem Tisch leben. Das sind übrigens nicht einmal mehr Almosen, weil die werden noch gegeben. Das, was über den Tischrand fällt, tut dies quasi ungewollt und konnte nur nicht daran gehindert werden.
Die Armen erhalten es quasi durch Zufall und haben darauf auch kein Recht. Und wehe, sie greifen auf den Tisch hinauf. Das ist so streng verboten, dass Eigentumsdelikte in unserem Strafsystem oft härter bestraft werden als solche, die an Leib und Leben gehen.

Interessanterweise lehnen sich die Armen nicht gegen dieses System auf. Das dürfte mehrere Gründe haben:
1.) Es fällt ausreichend viel runter und das, was runterfällt, macht träge und gleichgültig. („Gib dem Österreicher ein Schnitzerl, ein Glaserl, ein Auto, ein Handy und einen Fernseher und er wird immer die Pappn halten, egal was du tust.“ – das ist ein Zitat von mir)
2.) Kommt doch einmal Ärger auf, dann wird er umgelenkt auf die noch Ärmeren. („Schau, da ist ein Ausländer, der will dir was wegnehmen. Ich beschütze dich vor ihm.“)
3.) Viele werden in dem Glauben gehalten, dass sie irgendwann oben am Tisch sitzen werden und bleiben selbst auch gern in diesem Glauben.
4.) Man gibt den Menschen das Gefühl, dass sie das Heruntergefallene selbst verdient und daher ein Recht auf uneingeschränkten Dauerluxus hätten. („Unser Geld für unsere Leut“.)

Wie geht es weiter?
In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Vielleicht an Weisheit und ähnlichen immateriellen Gütern, nicht aber an Materie, an Dingen. Der Überfluss hat also irgendwann ein Ende, spätestens wenn alle davon profitieren wollen.
Derzeit sieht es so aus, als würde uns die Erde selbst eine Grenze setzen. Es wird spannend, ob wir diese akzeptieren oder versuchen uns darüber hinweg zu setzen. Diese Entscheidung wird dafür ausschlaggebend sein, ob wir nur unseren Überfluss abbauen müssen oder durch ein dunkles Zeitalter durch müssen.
Mahatma Gandhi hat gesagt: Es gibt auf dieser Welt genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
Ich bin gespannt, ob die Menschen auf Gandhi hören werden.

Phil Collins

Ich mag die Selbstironie, die Phil Collins zeigt, indem er seine Tournee „Still not dead yet“ nennt. Wobei leider nicht allzu viel zu fehlen scheint, der Altmeister des Schlagzeugs und der unverwechselbaren Stimme humpelt am Stock auf die Bühne und verbringt das gesamte Konzert sitzend.
Aber alles der Reihe nach.

Wie meistens im Happel-Stadion sehe ich die Konzerte aus der Position des Platzanweisers. Viel Geld gibt es dafür nicht, aber ich erspare mir die Konzertkarte und Verpflegung gibt es auch. Die Arbeit ist einfach, hin und wieder zeigt man Leuten wo sie sitzen. Ich mache immer dritten Rang, als älterer Herr ist mir das Rasenareal (wobei da eh kein Rasen ist) zu mühsam und bei dieser Art von Konzert geht es sowieso sehr friedlich und gesittet zu.
Das Stadion ist nicht ausverkauft, ich schätze 15.000 am Rasen und 25.000 auf den Rängen. Das ist beachtlich, denn soo ein Burner ist der Phil Collins heutzutage auch nicht mehr.

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Bild: Kurz nach Konzertbeginn

Das Publikum ist dementsprechend in die Jahre gekommen, junge Leute sieht man eher selten. Und ich bin froh, dass niemand die „Welle“ gemacht hat, geschätzte 25 Bandscheibenvorfälle pro Runde wären wohl nicht zu vermeiden gewesen.

Sehr lustig finde ich beim Einlass die ersten 20-30 BesucherInnen der Rasenplätze, die im Laufschritt nach vorne stürmen und sich an das Absperrgitter stellen. Ganz vorne im Wellenbrecher wäre das noch verständlich, aber im dritten Sektor? Und was machen die, wenn sie auf´s Klo müssen? Gitterplatz weg?
Jedenfalls funktioniert alles wie geschmiert, die Gäste sind ruhig und höflich und freuen sich, wenn man ihnen bei ihrer Sitzplatzsuche hilft.
Die Warterei dauert lange und ich stehe mir die Beine in den Bauch. Es ist ziemlich warm, mehr als ein T-Shirt ist unnötig und ich bin froh, als um 19 Uhr das Konzert beginnt.
Mike and the Mechanics – ich bin gespannt auf die Vorgruppe. Michael Rutherford war ein Teil von Genesis in den 1980ern und ich erinnere mich an meinen ersten Security-Job überhaupt. Das war genau hier, im damaligen Praterstadion, und die Gruppe war Genesis. Viele Erinnerungen an dieses Konzert habe ich nicht mehr, es ist 35 Jahre her. Mike ist gealtert und tritt – vielleicht deswegen – im blütenweißen Anzug auf. Seine Band ist deutlich jünger und sie spielen einige Nummern, die zwar alle kennen, von denen aber viele nicht wissen, wer sie spielt.
Die Vorgruppe spielt eine Stunde, danach folgt eine Pause von ca. 50 Minuten und dann ist es soweit: Phil Collins und Band betreten die Bühne. Sehr viel sehe ich nicht vom dritten Rang und die Video-Walls sind auch nicht gerade heutiger Standard, eher 1990er, zumindest was die Größe betrifft.
Der Sound ist mittelmäßig, wenngleich anzumerken ist, dass der Soundcheck im Happel-Stadion generell den Tontechnikern den Schweiß auf die Stirne treibt. Gerade mal die vom Bruce Springsteen haben das halbwegs gut hinbekommen.

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Bild: Die vielen hellen Punkte sind allesamt Handy-Displays. Der vielleicht größte Unterschied zu vor 35 Jahren.

Schon bei der ersten Nummer denke ich: Aber hallo! Die Stimme ist sehr klar und kräftig und klingt wie vor 30 Jahren. Wie macht er das bloß, noch dazu im Sitzen? Und wieso bleibt die Lautstärke immer gleich, egal wie nahe oder wie weit er vom Mikro entfernt ist?
Spielt er etwa Playback?

Wer jedenfalls absolut echt spielt ist Nick Collins, sein Sohn, ebenfalls Schlagzeuger. Er macht seine Sache gut und darf auch ein langes Solo spielen, Vaterstolz ist absolut gerechtfertigt.
Die Länge des Konzerts beträgt 1 Stunde und 45 Minuten und sie spielen die meisten alten Hits von Phil Collins und Genesis, natürlich mit Highlights wie „Invisible Touch“ oder „In The Air Tonight“.

Dann ist es vorbei und ich finde es immer wieder faszinierend, wie schnell das Stadion leer wird. 40.000 Menschen sind in einer Viertelstunde draußen, alles sehr ruhig und geordnet. Zurück bleiben Erinnerungen und die Gewissheit, dass der Altmeister wohl nicht mehr oft auf Tournee gehen wird. Insofern hat es sich auf jeden Fall ausgezahlt.

Facebook-Irrtum

Facebook ist die mit Abstand größte Social-Media-Plattform der Welt mit unfassbar vielen Menschen, die sich dort tummeln. Ich bin auch einer davon.
Und Facebook hat sich eine reale Macht aufgebaut, die bewundert, vielfach aber auch kritisiert wird. Das wirkt sich auch insofern aus, als immer wieder User gesperrt werden, weil sie Beiträge bringen, die Facebook nicht passen. Das hat seine guten und seine schlechten Seiten. Einerseits könnte man von eingeschränkter Freiheit sprechen, andererseits braucht die Freiheit auch Regeln, um frei sein zu können. Der „freie Markt“ etwa funktioniert nur, wenn es auch eine Marktpolizei gibt, die darauf achtet, dass nicht der Stärkere dem Schwächeren wegnimmt, was dieser hat.
Nur dann ist der Markt wirklich frei, nämlich frei um dort Handel zu treiben.

Facebook hat Richtlinien, nach denen sie Postings einstufen. Das machen sie mit automatisierten Überprüfungen. Wer ein Posting macht, also einen Beitrag schreibt, dessen Beitrag wird von einem Programm nach Stichworten durchsucht. Wenn dieses Programm ein Stichwort findet, das ihm nicht passt, also etwa „Neger“, dann wird dieser Beitrag blockiert. Nur der User selbst kann ihn sehen und wird darüber auch informiert.
Mir ist das neulich zweimal passiert. Facebook gibt einem dann die Wahl den Beitrag einfach zu löschen – ohne weitere Konsequenzen – oder den Beitrag überprüfen zu lassen. Dann – so nehme ich zumindest an – sieht ihn sich ein lebender Mensch an und beurteilt, ob die verwendeten Worte tatsächlich unter die Facebook-Blockaderichtlinie fallen oder ob sich durch den Zusammenhang ein Sinn ergibt, der eine Löschung nicht notwendig macht.
Im ersten meiner Postings habe ich es mir leicht gemacht und das Posting gelöscht und mit anderen Worten neu geschrieben. Im zweiten Fall habe ich es überprüfen lassen. Das hat folgendermaßen ausgesehen:

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Bild 1: Mein Posting wie es ausgesehen hätte, wenn es nicht blockiert worden wäre.

Darauf kam von Facebook folgende Meldung:

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Bild 2: Facebook sperrt mein Posting

Die Überprüfung hat nicht lange gedauert und ich war gespannt, wie sie ausgeht. Dies war das Ergebnis:

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Bild 3: Facebook gibt mein Posting frei

Die Überprüfung hat offensichtlich die Unbedenklichkeit gezeigt. Ich finde das spannend, denn es hat zwei Seiten: Einerseits sagt Facebook, dass sie mit diesen automatischen Prüfungen den Hass und die Hetze im Netz gering halten wollen. Andererseits wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie vor allem auf dem rechten Auge eine – sagen wir mal – Sehschwäche haben.
Hass und Hetze gibt es jedenfalls reichlich auf Facebook. Es kommt jedoch vor, dass User gesperrt werden, wenn sie oft bei der Überprüfung auffällig werden. Diese Sperre ist dann auf Zeit, kann im Wiederholungsfall aber angeblich auch zur Gänze erfolgen.

Ich war jedenfalls mit der Art und Weise, wie mit meinem Posting umgegangen wurde, durchaus zufrieden.

Die Zero DSR – fast lautlos durch die Landschaft surren.

„Oh, eine Camouflage-Lackierung!“ – so meine erste Reaktion, als ich die neue ZERO in der Garage stehen sehe. Gefolgt von „oh, kein Hauptständer“.
Das verwirrt mich dann doch ernsthaft, denn das Motorrad wurde extra als Europa-Modell aufgebaut und ich frage mich, ob sie in Kalifornien wissen, dass es hier auch Untergründe gibt, auf denen ein Seitenständer blitzschnell einsinkt.
Ich führe diese Entscheidung auf die scheinbar dringende Notwendigkeit zur Gewichtsersparnis zurück, so wie den Verzicht auf eine zweite Bremsscheibe vorne.
Da die ZERO im Touringbereich auf alteingesessenen Mitbewerb stößt, muss hier ein kritischer Blick erlaubt sein, auch wenn man diesem tollen Bike gerne ein paar Vorschusslorbeeren geben möchte.

Im Fahrbetrieb erweist sich die vordere Bremse als fröhlich zupackend und sehr angenehm dosierbar. Dazu kommt noch ein lustiges Surren, wenn in der ECO-Einstellung die Rekuperation aktiviert wird.
Ob sie nennenswert Strom erzeugt, müsste getestet werden. Hier würden mich Leistungszahlen im Realbetrieb wirklich interessieren. In diversen Fahrzeugen gibt es dafür eine Anzeige im Display und das könnte auch für nicht so verspielte Fahrer interessant sein.

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Bild 1: Das Display – neben der Geschwindigkeit ist die Ladestandsanzeige das wichtigste Instrument.

Die Motorleistung kann dreifach verstellt werden. Im ECO-Modus zeigt der Tacho maximal 114 km/h an, die Beschleunigung ist vergleichbar mit einer sehr gut gehenden 250er und für entspanntes Cruisen absolut ausreichend. Man darf nicht vergessen, dass ordentlich Gewicht geschleppt werden muss und hier eine echte Schwachstelle von E-Bikes liegt. Bergauf ordentlich beschleunigen saugt an den Akkus so gewaltig, dass du die Prozente fast sekündlich schmelzen siehst wie Eis in der Sonne. Die Unterschiede zu einem benzingetriebenen Fahrzeug sind hier entweder deutlich größer oder erscheinen zumindest so.

Noch massiver zeigt sich das im SPORT-Modus. Du beginnst irgendwie instinktiv nach der nächsten Steckdose zu suchen und schaust noch einmal nach, ob du das Ladekabel eh nicht daheim vergessen hast. Dafür geht beim Beschleunigen so richtig die Post ab. Die Tachoanzeige kommt nicht mehr mit, vor allem zwischen 60 und 110 braucht die ZERO den Vergleich mit einer 750er-Klasse nicht scheuen, wenngleich genau der Vergleich eigentlich nicht angebracht ist, denn das Fahrerlebnis lässt sich nur beschränkt mit Drehmomenten oder PS-Zahlen ausdrücken.
Auch die oft gehörte und gelesene Aussage, dass bei einem Elektro-Bike das volle Drehmoment gleich von Null weg zur Verfügung steht, hat in der Praxis keinerlei Bedeutung, denn die Kraft wird vom Steuergerät geregelt und das lässt genau das eben nicht zu. Mit einem spontanen Wheelie absteigen will aber ohnehin niemand.

Der SPORT-Modus macht eindeutig süchtig und wird seinem Namen gerecht. Du kannst ordentlich und fast lautlos durch die Landschaft sägen, zumindest bis dir der Akku eine klare Grenze setzt.
Die beiden Modi ECO und SPORT sind meines Erachtens bereits ausreichend und machen aus der ZERO quasi zwei Motorräder.
Der dritte Modus namens CUSTOM lässt eine individuelle Programmierung zu und ist jetzt auch über eine App am Handy steuerbar. Das ist ein sehr nettes Feature und wird bei den hoffentlich zahlreichen Besitzern in Zukunft wohl Verwendung finden.

Die inzwischen elend strapazierte Frage der Reichweite kann bei der neuen ZERO auf zwei Arten beantwortet werden: Entweder nimmt man sich ein zusätzliches Power-Pack oder eine Schnell-Ladestation mit auf die Reise.
Ich würde mich für die Ladestation entscheiden, wenngleich die Herstellerangaben über Reichweite und Ladedauer einer realen Prüfung unterzogen werden müssten, bevor ich daran glaube. Angeblich kann man in einer Stunde 150 km Reichweite nachtanken. Das wäre absolut ausreichend für gute Tagestouren.

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Bild 2: Der Anschluss für das Schnellladekabel.

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Bild 3: Hier wird das normale Ladekabel angeschlossen – mit einem Kaltgerätestecker.

Auch die vollmundige Ansage, dass man das stärkste Akkupack am Markt hat, verlangt einen Realitätscheck. ZERO verbaut nämlich die gleichen Zellen (Rundzellen 18650) wie fast alle anderen Hersteller von Elektrofahrzeugen, BMW und Tesla inklusive. Derzeit ist der nächste Entwicklungsschub noch nicht am Horizont erkennbar und bis dorthin lässt sich punkto Reichweite nicht mehr allzu viel optimieren. Dem Problem, dass Akkuzellen Platz brauchen und schwer sind, kann sich kein Hersteller entziehen.

Der Lenker ist sehr breit, die Sitzposition aber angenehm, zumindest für meine 186 cm. Das Fahrverhalten möchte ich als ordentlich bezeichnen, sie geht recht gut in die Kurve und hat einen ordentlichen Geradeauslauf. Die Federung gefällt mir sogar sehr gut, nicht zu hart, trotzdem fühlt sie sich nicht unsicher an.

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Bild 4: Das zentrale hintere Federbein mit guter Leistung. Das Ding mit den Kühlrippen dahinter ist der Motor.

Das Outfit der „ZERO DSR Black Forest“ ist modern, die GIVI-Koffer sind wuchtig und passen gut zum ebenfalls nicht dezenten Sturzbügel.

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Bild 5: Die drei Koffer wirken nicht nur wuchtig, sie sind es auch.

Vielleicht ist das ja die Antwort auf den fehlenden Hauptständer: Wenn sie dir schon umfällt, dann ist wenigstens nichts kaputt.
Kaputt sollte auch sonst nichts werden – laut Hersteller müssen in den ersten 40.000 Kilometern gerade mal Bremsen und Reifen erneuert werden. Ich habe aber auch berichtet bekommen, dass es in der Vergangenheit mit der Wartung große Probleme gegeben hat, bedingt durch das dünne Servicenetz und mit der Elektronik überforderten Mechanikern. Hoffentlich hat man hier reagiert und die Probleme sind tatsächlich welche aus der Vergangenheit.
Wenn wir schon bei den Schwachstellen sind: drei Givi-Koffer, drei verschiedene Schlüssel. Die Logik dahinter bleibt mir verborgen. Ansonsten wirkt aber alles soweit praktisch und praxisgerecht.

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Bild 6: Sie ist eigentlich recht schlank, sicher weniger wuchtig als viele große Enduros. Die Sonderausstattung zeigt sich mit Zusatzscheinwerfern, einem Gitter vor dem Hauptscheinwerfern, wuchtigen Sturzbügeln, der Camouflage-Lackierung, den Koffern und einer Scheibe plus Handschutz.

Die erste ZERO (damals das Modell DS) habe ich 2012 getestet. Die Kraftentfaltung war damals schon ganz okay, die Reichweite lag bei echten 120 km im Realbetrieb. Die SR drei Jahre später hatte schon mehr Schmalz, aber auch hier war bei ca. 125 Schluss. Die DSR dreht auf der Geraden bis 155 aus, mehr brauche ich persönlich nicht, sie eignet sich sowieso nur bedingt für Autobahnrennen über mehrere hundert Kilometer.

Spaß macht es zwischen 60 und 130 – da ist sie ganz in ihrem Element und ich musste aufpassen, dass ich einige Kurven noch gut erwischen konnte. Durch die extrem geringe Lautstärke ist die Geschwindigkeit schwieriger einschätzbar und so konnte ich auch das ABS ausprobieren. Es bewirkt ein Stampfen und Versetzen des Vorderrads. Das fühlt sich zwar nicht gut an, dafür muss man die DSR aber schon an ihre Grenzen bringen.

Das Gummibandgefühl ist der süchtig machende Faktor, vor allem in Kombination mit der Bequemlichkeit nicht schalten zu müssen. Das erlaubt einerseits volle Konzentration auf die Straße, lässt aber andererseits generell bequem werden. Jederzeit die volle Kraft zu haben ist wie eine Dauererektion – irgendwann will man wieder runter von der Welle. Die Zero im Sportmodus ist das Viagra unter den Motorrädern. Und so schalte ich wieder in den Eco-Modus und genieße das flotte, aber normale Dahingleiten.
Beides zu haben ist toll, will aber bei der Zero auch bezahlt werden und da taucht die Frage des Wertverlusts auf, der eine schnelle Antwort fehlt. Der Markt ist klein und die Akkutechnik entwickelt sich schnell genug weiter um gebrauchte E-Motorräder skeptisch beäugen zu müssen. Vielleicht kann man sich aber die alte Porsche-Philosophie ausborgen: Wer einen günstigen Porsche will, soll einen gebrauchten kaufen.

Die Zero hat sich einen fixen Platz unter den Motorrädern verdient, so viel ist sicher. Möglicherweise bewirkt sie auch Entwicklungsschübe bei anderen Herstellern, die den Kaliforniern den Markt nicht einfach so überlassen wollen. Und irgendwann wird der Lärm in den Wäldern weniger werden und die meisten Benzinbrüder werden zu Strombrüdern. Sogar Harley Davidson arbeitet schon an einem Elektrochopper. Wer darauf nicht warten will, kann ja inzwischen mit der Zero durch die Landschaft surren.