Der Andi ist nicht mehr

Es ist immer bitter, wenn alte Freunde uns verlassen. Ich habe ihn zwar schon seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, aber noch sehr gut in Erinnerung – der lustige, verrückte, freigiebige, begabte Andi, der leider seine Zuflucht im Alkohol suchte.

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BILD 1: Andi bei einem Fest in Klosterneuburg

Von ihm hab ich meinen ersten Roller gekauft und erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Der Andi hat sowas herumstehen“ meinte die Michi, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich einen Roller suche.
Es war tatsächlich so, dass er sich eine Puch Typhoon 125 gekauft hatte und direkt danach die Lust darauf verlor. Also stand der Roller über den Winter 1998/99 herum. Wir machten uns eine Probefahrt aus und ich weiß noch, dass ich von Greifenstein bis fast nach Königstetten fuhr und den Roller dann auf der Stelle gekauft habe.
Ich hatte ihn neun Jahre und er hat mir exzellente Dienste geleistet.

Ich erzähle das nicht nur, weil mich der Roller mit Andi verbindet, sondern auch um ein wenig zu erzählen, wie er so war. In eine wohlhabende Familie hineingewachsen, mit einer vorprogrammierten Karriere im Familienbetrieb, dann aber ausbrechend, nicht der Linie folgend. Seine Begabungen lagen ganz woanders, im kreativen Bereich, in dem er sich dann auch als Filmproduzent Expertise aneignete. Nur Business-Modell konnte er keins daraus machen.

Als Fachmann für die Betriebsübergabe von Familienunternehmen könnte ich die Entwicklung heute noch ganz anders betrachten, damals fiel mir aber schon die familiäre Zerrüttung auf – der Tod der Mutter, die starke Persönlichkeit des Vaters, bei dem es so schien, als wäre er für Andi nie greifbar gewesen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment bei Andis Geburtstagsfest, als er darauf wartete, dass sein Vater vorbeikommt.
Der kam dann auch, im riesigen Geländewagen vorgefahren, kurz stehengeblieben, Fenster runter, „Du, alles Gute, ich muss leider gleich weiter“, Fenster wieder rauf, Abfahrt.

Andis Gesicht, verfallend. Der Moment zog sich wie ein Schleier über das Fest, das eigentlich fröhlich hätte sein sollen. So wie Andi eigentlich hätte fröhlich sein sollen und es ja eine Zeit lang auch war:

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BILD 2: Andi bei einem Clubbing in Klosterneuburg

Es begann ein langsamer, aber stetiger Absturz. Man könnte auch sagen, Andi verabschiedete sich von dieser Welt in einer kontinuierlichen Entwicklung, die scheinbar niemand stoppen konnte. Gemeinsame Urlaube mit Freunden (mit Thomy ein paar Wochen Australien und andere) konnten den Verfall nur verzögern.
Andi hatte es nicht leicht mit der Familie, aber die Familie hatte es auch nicht leicht mit ihm. Sie unterstütze ihn, aber scheinbar ging viel von der Unterstützung ins Leere, konnte ihn nur teilweise erreichen.

Der nächste Schritt war der Rückzug aus dem Freundeskreis, aus unserer Greifenstein-Runde. Auch das geschah nicht mit einem Ruck und war daher auch nicht als Einzelereignis spürbar, vergleichbar mit einem lieben Menschen, dessen Veränderung du nur bemerkst, wenn du ihn eine Zeit lang nicht siehst.
Hin uns wieder sah ihn noch jemand von uns, hatte kurz Kontakt. Dann bedauerten wir, dass wir ihn irgendwie verloren hatten.

Jetzt haben wir ihn wirklich verloren. Der letzte Schritt ist immer ein konsequenter. Mach´s gut, lieber Andi.

Die Demokratie der Leichtgläubigkeit

Gedanken zu einer ARTE-Philosophiesendung („Kritisches Denken in Zeiten von Fake News“, von und mit Raphael Enthoven, als Gast Gerald Bronner, Soziologe in Paris).

Eine scheinbare Demokratisierung des Wissens durch das Internet hält leider nicht, was sie verspricht. Man kann sich zwar uneingeschränkt jede Art von Information schnell besorgen, wird aber dabei nicht mehr von einem Diskurs geleitet oder gebremst, den es vor dem WWW durchaus gab, etwa im akademischen Kontext.
Wer auf der Uni durch Bücher, Fachzeitschriften und Artikel mit wissenschaftlichen Arbeiten Informationen zu einem bestimmten Thema sammelte, stieß dabei auch auf Gegenmeinungen, Konkurrenztheorien usw. Durch die langsamere Rezeption blieb Zeit zum Überlegen, Nach-Denken und natürlich zur Diskussion mit anderen, die man z.B. in einem Institut oder sonst wo traf.
Abende waren nicht zwangsläufig von Voll-Entertainment geprägt und es gab keine tragbaren Bildschirme, auf die man den ganzen Tag glotzen konnte. Nicht einmal das Fernsehen strahlte rund um die Uhr Programm aus.
Wir müssen uns diese Zeit nicht zurückwünschen, aber wir können durchaus einen Blick darauf werfen, um aus den Unterschieden eine kritische Haltung aufzubauen.

Deswegen gab es genauso spinnerte Ansichten, Verschwörungstheorien und extreme Positionen, aber sie verbreiteten sich nicht so schnell wie heute. Man könnte etwas polemisch sagen: Es gab auch damals die Dorftrottel, nur hatten sie kein Internet.

Das Problem reicht aber tiefer. Durch die blitzschnelle Informationssammlung entsteht ein Überfluss, der bewältigt werden muss, um zu einer fundierten und abgesicherten Meinung bzw. Haltung zu kommen, die in Folge Sicherheit für die Bewältigung der großen oder auch kleineren Lebensfragen bietet. Diese Bewältigung scheitert aber oft an mehreren Hürden:

1.) Denken ohne Denken gelernt zu haben funktioniert nicht. Das ist ja genau der Grund, warum in einem Studium auch die Verarbeitung und Strukturierung von Wissen und Information gelehrt und gelernt wird. Könnten das Menschen von selbst, wären diese Kurse, Vorlesungen und Seminare komplett überflüssig.

2.) In Folge kann der Überfluss nicht geistig aufgegessen werden, ähnlich wie wir es tw. auch bei unseren Ernährungsgewohnheiten sehen. Auch dort wird viel, manchmal sogar sehr viel weggeworfen. Im Wissensbereich landen diese überflüssigen Artikel im virtuellen Mist. Das reicht aber nicht, denn der Rest muss trotzdem irgendwie bewältigt werden und hier setzt ein zusätzliches Phänomen ein.
Auf der Uni bzw. anderen, vergleichbaren Lernmöglichkeiten erfolgt die Strukturierung in angeleitetem Selbststudium bzw. in der Diskussion mit anderen. Wenn es das nicht gibt, muss anders strukturiert werden. Das funktioniert durch Vorschläge von außen, also etwa durch scheinbar stimmige Gesamttheorien, denen man glaubt, ohne sie zu hinterfragen, weil man/frau das Hinterfragen nie gelernt hat.

3.) Die Sicherheit strukturierten und reflektierten Denkens ist nicht gegeben, daher sucht man sich die notwendige Sicherheit durch Bestätigung Gleichgesinnter. Mit anderen Worten: man begibt sich in eine Blase und bleibt, da dort alles auf sich selbst referenziert wird. Man kann das mit einer Sekte vergleichen, in der man von der Außenwelt abgeschnitten wird. Hier kommt noch das gruppendynamische Phänomen dazu, dass die Identität durch einen gemeinsamen Außenfeind stärker wird. Diese so dringend gesuchte Identität der im Internet verlorenen Individuen, der Idioten (übersetzt: Vereinzelten), die keine soziale Geborgenheit mehr kennen, alleine daheim vor dem Bildschirm hockend. Viele von ihnen schotten sich in der Öffentlichkeit noch zusätzlich ab, mit Kopfhörern und Smartphones, auf die pausenlos gestarrt wird.
Dort befindet sich ja auch das Ich, das verwirrt und in Folge auch ängstlich auf die Umwelt zu reagieren beginnt, weil die früher gewohnten Haltepunkte nicht mehr vorhanden sind. Langsam entfernen diese Menschen sich von der Gemeinschaft und werden asozial, rücken das Ich ins Zentrum (werden ego-zentrisch) und so entstehen z.B. die Impfverweigerer, die den sozialen Sinn der Covid-Impfung nicht mehr verstehen, weil sie mit sozialem Sinn nichts mehr anfangen können.
Die letzten sechzig Jahre an Dauerpenetration mit Werbung, die ausschließlich auf das Ich fokussiert, zeigen ihre Wirkung, der wichtigste Satz lautet jetzt „Ich will alles und das jetzt gleich“.

4.) Das immer schneller werdende Internet macht aus den Menschen Ungeduldige, die Warten nicht mehr aushalten können und in Folge keinen Triebaufschub mehr dulden. Durch die Verstärkung ihrer Blase in Verbindung mit dem aufgeblasenen Ich beginnen sie die schnelle, die sofortige Triebbefriedigung als ihr Recht anzusehen und entsprechend einzufordern. Das Essen wird zum Fast-Food, das Auto zum Rennwagen und das Fernsehen zum Netflix, wo der Qualtinger nur mehr selten zu Gast ist und sagt „I waaß zwoa no ned wo i hin wü, oba dafür bin i gschwinder durt.“

5.) Durch die gefühlte Orientierungslosigkeit richtet sich der Fokus, die Motivation auf die eine Wahrheit, die scheinbar hilft die Komplexität nicht aushalten zu müssen. In diesem Fall helfen Argumente nichts mehr, der Ideologie ist immanent, dass sie nicht kritisierbar ist, weil Kritik daran verboten ist. Die Leichtigkeit des Lebens innerhalb eines akademisch reflektierten und durch soziale Absicherung stabilen Weltbildes wird ersetzt durch die Leichtigkeit des „Mono-Theorismus“, an den sich passende Teile anheften und von dem nicht passende Teile sofort abgestoßen werden. Man nennt das „Bestätigungsverzerrung“ und es bedeutet, dass man nur mehr Fakten als solche akzeptiert, die die eigene Grundannahme bestätigen. Dadurch wird keine anstrengende Argumentation mehr notwendig, kein Austausch.
Das im Ergebnis leichte, weil schwer erarbeitete Wissen wird ersetzt durch den leichten Glauben, die Leichtgläubigkeit. Dazu passend sind Verschwörungstheorien reizvoller, lustvoller, als die komplexen offiziellen Theorien und extreme Ansichten bieten eine sichere Ecke anstelle des scharfen Windes am unsicheren Grat der Relativierung.

Wer nichts mehr weiß, muss alles glauben – dieser Satz beginnt an Bedeutung zu gewinnen und führt uns sanft, aber konsequent in eine düstere Prognose, wenn nicht gar in eine dystopische Soziallandschaft, in der die Menschen fette Pizza und noch fettere Burger bewegungslos mit übersüßten Limonaden hinunterspülen und nur mehr über kurze Worte am Bildschirm kommunizieren.

Guido Schwarz, 9. Februar 2022

Covid19-Massentests – ein Bericht

Es ist jetzt 13:52 Uhr und ich bin bereits wieder daheim. Mein Time-Slot für den Massentest war um 13:30.
Das ist das Tolle daran.

Weniger toll ist, dass ich nicht getestet wurde. Die Gründe dafür möchte ich kurz schildern.

Zuerst ist die Anmeldung schon einmal sehr mühsam, weil ich mehrere Fehlermeldungen bekam:

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Bild 1: Fehlermeldung

Ich versuche es daraufhin mehrfach und mit ca. einer Stunde Verspätung bekomme ich dann die Nachricht, dass ich um 13:30 eingeteilt bin. Ich finde das prinzipiell gut, dass die Freiwilligen bestimmten Zeiten zugeteilt werden, damit es dort nicht zu langen Warteschlangen kommt.
Dann muss ich nur noch einen Laufzettel ausdrucken, auf dem eine Nummer stand (90048743) und mich zum Zeitpunkt am Roland-Rainer-Platz 1 einfinden. Das ist der Platz vor der Stadthalle, in der angeblich jede Menge Schnelltest-Straßen aufgebaut wurden.
Ich besteige frohen Mutes die U6, die sich als erfreulich leer erweist – nicht mehr als sonst jedenfalls, keine Spur von Gedränge.

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Bild 2: In der U6

Ich steige aus und marschiere zur Stadthalle. Dort sehe ich die Schlange. Genauer: die Mutter aller Schlangen. Die längste Schlange, die ich in meinem Leben je gesehen habe – noch viel länger als die damals in London Heathrow beim schlimmsten Urlaub meines Lebens. Und die war echt arg.

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Bild 3: Die Schlange, die ich aufgrund ihrer Länge nicht auf ein Bild bekommen konnte.

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Bild 4: noch eine andere Perspektive der Mutter aller Warteschlangen, die sich tatsächlich aufgrund ihrer Länge schlängeln musste

Auf dem Bild ist es leider nicht zu erkennen: Die Schlange reicht von der Stadthalle zurück quer durch den gesamten Park bis zum Gehsteig Hütteldorfer Straße, dort den gesamten Gehsteig wieder hinauf zur Stadthalle und noch einmal die gesamte Länge zurück bis zur Ecke des Parks. Geschätzt 500 Meter.
Die Leute bemühen sich nicht dicht gedrängt zu stehen, aber sie können auch keine Schlange quer durch halb Wien bilden, außerdem ist allen kalt (es weht ein eisiger Wind bei 3 Grad – wenigstens plus und nicht minus) und vielleicht hat ja auch der eine oder die andere nicht ewig Zeit.
Eine Ewigkeit dauert es nämlich bis zum Eingang in´s Warme. Ich schätze die Wartezeit auf ca. zwei Stunden.

Was dann dort drinnen stattfindet, konnte ich nicht mehr herausfinden. Für zwei Stunden Warten im Freien war ich nicht ausgerüstet, schon gar nicht ohne Bewegung.
Zudem gab es keinerlei Ordnerdienste, schlicht und einfach niemand, der Auskunft geben hätte können oder irgend eine andere Art der Information. Es gab nur einen frierenden Studenten, der am Eck des Parks FFP2-Masken austeilte und sonst nichts wusste und auch nicht helfen konnte.

Fazit: Ich bin wieder heimgefahren und hab den Laufzettel zum Altpapier befördert. Für mich hat sich die Fahrt trotzdem ausgezahlt, denn ich habe die schlechteste Organisation sehen dürfen, die ich je erlebt habe.
Da ich selbst seit ca. 25 Jahren Projekte organisiere, war das quasi das ultimative Lehrstück des Scheiterns, der Desorganisation.
Kurz aufgelistet:

1.) Wenn ich einen Zeitslot bekomme, dann kann ich nicht mit zwei Stunden Wartezeit rechnen, auch nicht mit einer Stunde. Daher bin ich nicht darauf eingestellt, schon gar nicht im Winter im Freien.
2.) Wozu werden die Slots vergeben, wenn ich mich genauso in eine Schlange einreihen muss wie ohne Slot?
3.) Ich kann drinnen in der Halle eine Million Teststraßen haben. Das nützt nichts, wenn ich genau eine einzige Türe als Eingang habe und somit ein Nadelöhr, an dem es sich stauen muss, egal wie schnell ich die Menschen durchschleuse.
4.) Es gibt Unternehmen, die so etwas perfekt organisieren können. Warum werden die nicht engagiert? Die wissen etwa, wie man so ein irres Nadelöhr verhindert. Da gibt es Gittergassen, Ordner, Absperrbänder, Orientierungsschilder etc. Diese Firmen haben derzeit eh wenig zu tun, weil es keine Großveranstaltungen gibt.

Wer auch immer das dort organisiert, mein Neffe Niklas könnte es besser. Der ist zwar erst 1,5 Jahre alt, aber schlechter hätte er es auch nicht gemacht.

Dirndl – die Königin unter den Marmeladen

Ich mache seit 2006 Marmeladen selbst. Ein Freund hat in Greifenstein an der Donau einen wunderschönen Marillenbaum, der manchmal mehr, manchmal weniger trägt, immer aber in herausragender Qualität. Damals entstand der Wunsch nach selbstgemachter Marmelade, ohne Konservierungs- oder Farb- oder sonstige Zusatzstoffe. Einfach nur mit Zucker und einem Geliermittel, ich nehme Quittinpulver.

Zudem bevorzuge ich sortenreine Marmeladen, auch wenn sie gerade nicht in Mode sind, sondern viele Leute gerne mischen (Rhabarber-Erdbeer-Marille oder Zwetschke-Hollunder-Himbeer etc.). Mir schmeckt es besser, wenn ich die eine Frucht schmecke, die da drin ist.

Seit einigen Jahren produziere ich viele Sorten, die Dirndlmarmelade war aber die zweite nach Marille und gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Es gibt viele verschiedene Sorten, die aber alle ähnlich schmecken und sich eher in Größe und Farbe unterscheiden, von knallrot bis fast schwarz.
Allen gemeinsam ist die hohe Säure und das wenige Fruchtfleisch bei zugleich großem Kern. Offiziell heißt sie ja „Kornellkirsche“, wird aber in Österreich gern Dirndl genannt. Nach ihr ist sogar ein ganzes Tal benannt, nämlich das Pielachtal, übrigens ein wunderschönes Ausflugsziel, ich durchquere es gerne bei meinen Vespatouren. Dort wachsen die Bäume in großer Zahl und die Menschen haben erkannt, dass diese Frucht wertvoll ist und vermarkten sie gern und gut. Es gibt neben der Marmelade auch Chutney, Schnaps, Saft und noch vieles mehr.

Ich mag die Dirndlmarmelade aufgrund ihrer Vielseitigkeit. Sie passt in die Palatschinke genauso wie auf´s Brot oder zum Käse. Süß oder sauer, Dirndlmarmelade geht immer.
Zusätzlich ist ihr Geschmack mit keiner anderen Frucht vergleichbar und ihre Herstellung aufwändig, zumindest im Vergleich mit anderen Marmeladen.

Ich möchte mit diesem kleinen Beitrag zur Herstellung anregen. Es gibt speziell in Ostösterreich jede Menge Dirndlbäume, die nicht abgeerntet werden, auch in Wien und rund um Wien. Ich finde das schade und möchte auch noch auf den Nebeneffekt verweisen, dass solche selbst produzierten Marmeladen besser schmecken und zudem noch erkennen lassen, welche Schätze die Natur rund um uns bereithält.
Dirndlbaumstandorte gibt es da zwar keine, aber sonst kann ich diesen Link für alle sehr empfehlen, die nicht wissen, wo sie gratis Obst aus der Nähe bekommen können:

Fruchtfliege – Obstbäume auf öffentlichem Grund

Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich im Freundeskreis umzuhören. Meist kennt wer wen, der wen kennt, der weiß, wo ein Baum steht.
Und so funktioniert die Herstellung:

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BILD 1: Planen mit heruntergeschüttelten Dirndln

Geerntet werden die Dirndl möglichst reif, sie sollen schon weich sein, vielleicht noch nicht völlig gatschig. Man kann sie mit der Hand pflücken, was eine enorme Arbeit ist und nur bei kleineren Mengen für den Eigenbedarf empfehlenswert. Es ist aber auch da notwendig, wo sich unter dem Baum kein Platz befindet, auf den man eine Plane legen könnte, sondern etwa Gestrüpp, in das die Dirndln hineinfallen, wenn man sie herunterschüttelt.
Das ist natürlich die einfachere Variante. Im nächsten Schritt empfehle ich sie so aufzuklauben, dass möglichst wenig „Beifang“ wie kleine Äste, Blätter oder Insekten dabei sind. Ich sortiere auch die verrunzelten, vertrockneten oder sonstwie kaputten Früchte aus, vor allem die noch unreifen.
Das macht die nächsten Schritte leichter.

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BILD 2: Die Früchte im Sack, bereit zur Verarbeitung

Jetzt werden die Dirndln gebadet, um sie zu reinigen. Noch übriger Dreck schwimmt auf und kann weggefischt werden.

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BILD 3: Dirndln im Bad

Das Problem bei den Dirndln besteht vor allem darin, dass sie Steinfrüchte sind, im Gegensatz zu Marillen oder Zwetschken aber nicht vom Kern gehen. Es gibt meiner Ansicht nach nur eine sinnvolle Variante: den Einsatz einer wirklich guten flotten Lotte. Die bekommt man im Fachhandel, sollte aber Wert auf hohe Qualität legen, das macht sich schon beim ersten Einsatz bezahlt und das Ding hält auch ewig.
Im Sinne des Erhalts von Fachgeschäften empfehle ich vom Kauf bei Amazon und Co Abstand zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre z.B. hier:
https://binder-schramm.at

Bevor die flotte Lotte zum Einsatz kommt, müssen die Dirndln noch ein zweites Bad nehmen, diesmal ein heißes. Ich nehme dazu einen großen Topf und fülle ihn mit Wasser, allerdings nicht zu viel. Es sollen ja die Dirndln hinein und darin leicht aufkochen.
Beim Aufkochen gehen sie auf und verbrauchen mehr Platz, daher dürfen nicht zu viele Dirndln im Topf sein und auch zu viel Wasser ist nicht gut – dafür gibt es noch einen guten Grund, etwas später.

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BILD 4: Dirndln im Kochtopf

Sobald den Dirndln ordentlich heiß wird, platzen sie auf und schwimmen nach oben. Das ist genau der richtige Zeitpunkt um sie rauszuholen und sofort in die flotte Lotte zu geben, die am eigentlichen Kochtopf drauf liegt.

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BILD 5: Die Früchte werden durch die flotte Lotte passiert.

Das Passieren ist keine Kunst, jedoch tendieren die Kerne zur spontanen Flucht und sausen dann gern durch die ganze Küche. Nicht so gut ist es, wenn sie darunter im Topf landen, also ein wenig aufpassen und dann zu passieren aufhören, wenn der erste Kern springt.
Das Wasser, in dem die Dirndln „blanchiert“ wurden, bitte nicht wegschütten, sondern die nächste Ladung Dirndln hinein geben. So fortfahren, bis alle Früchte im großen Topf sind.
Jetzt kommt das Quittin dazu. Es gibt drei Varianten: 1:1 oder 1:2 oder 1:3 – das bedeutet, eine Packung ist für 1 Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucke oder für ein Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucker etc.
Wichtig ist, das Quittin zuerst in die Früchte zu rühren und diese dann aufzukochen und erst dann den Zucker dazu zu geben. Wenn man alles zugleich mischt, funktioniert das Quittin aus irgend einem Grund nicht – keine Ahnung, weshalb.

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BILD 6: Quittin dazu mischen

Sobald das Ganze ordentlich aufgekocht ist, kommt der Zucker dazu. Jetzt zahlt es sich aus einen ausreichend großen Topf genommen zu haben, damit nichts übergeht. Ich nehme ein wenig mehr als einen halben Kilo Zucker auf ein Kilo Dirndln, weil sie von Grund auf sehr sauer sind. Das hilft beim Gelieren (je mehr Zucker desto härter) und erzeugt die richtige süß-sauer Mischung.
Man kann den Zucker gleich aus der Packung hineinleeren, er löst sich schnell auf, Umrühren ist jetzt sowieso ständig angesagt. Ich verwende Feinkristallzucker, das geht schneller und kostet auch nicht mehr als Normalkristallzucker.

Jetzt geht es ans Abfüllen. Wenn die Marmelade kocht, dann kann sich oben Schaum bilden. Das ist nicht weiter tragisch, ich versuche den Schaum auf mehrere Gläser aufzuteilen und alles ist gut.
Es gibt hier sicher unterschiedliche Möglichkeiten, ich verwende einen Trichter und richte mir die Gläser möglichst alle her. Es kann nämlich passieren, dass gegen Ende die gut gelierende Marmelade schon zu stocken beginnt und sehr schnell abgefüllt werden muss. Das letzte Glas ist immer ein kleines, in das ich die Reste einfülle und meistens schon am nächsten Tag aufesse.

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BILD 7: Abfüllen der Marmelade

Die idealen Gläser sind übrigens die mit Klick-Klack-Deckel. Ich persönlich sammle über das ganze Jahr Gläser von Freunden, die sonst weggeworfen werden. Sie sind meist besser als neu gekaufte, müssen natürlich gut ausgewaschen werden, schonen aber jede Menge Ressourcen.
Während die Marmelade für 24 Stunden auskühlt, kann der Rest entsorgt werden. Außerdem nehme ich jetzt den Topf mit dem übrigen Blanchier-Wasser und fülle es in Flaschen ab. Das ist nämlich ein großartiger Dirndl-Saft, der noch gesüsst werden muss und auch im Kühlschrank nicht ewig hält. Ich nehme den Saft gerne zu den letzten schönen Festen im Freien mit, die es im September noch gibt.
Das war der Grund, die Dirndln vorher schon gründlich zu waschen.

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BILD 89´: Der Rest der Dirndln – viele Kerne

Meistens koche ich am Abend ein. Wenn ich mich dann ins Bett begebe, höre ich vor dem Einschlafen noch das eine oder andere „Popp!“ wenn einer der Klick-Klack-Deckel Unterdruck bekommt und die Marmelade für mehrere Jahre haltbar macht. Sofern sie nicht vorher aufgegessen wird.

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BILD 9: Die abgefüllte Marmelade kühlt aus und geliert.

Währing bleibt grün

Eine Nachwahlanalyse zur Wahl am 11. Oktober 2020

Ich kann mich noch sehr gut an den Moment an diesem Montag erinnern, als wir in der Pizzeria Cavallo Bianco gesessen sind. Im Hinterzimmer, nervös und angespannt, weil wir immer noch nicht wussten, ob wir den Bezirk gewonnen haben. Es war der 12. Oktober 2015.
Es gibt nämlich keinen zweiten Sieger (bzw. keine zweite Siegerin) – die stimmenstärkste Partei stellt die Bezirksvorstehung, so ist es Tradition in Wien.
Also: Nur eine einzige Stimme weniger und alles war umsonst. Das stimmt natürlich nicht, aber gefühltermaßen ist es so.
Das mussten die Grünen im vierten Bezirk, auf der Wieden, vor zehn Jahren schmerzlich zu spüren bekommen, als sie den ersten Platz nur um 1-2 Handvoll Stimmen verpasst haben. Oder die FPÖ in der Leopoldstadt, als sie 2015 nur 21 Stimmen hinter den Grünen auf dem dritten Platz lagen und dann die Wahl angefochten haben, um einen bezahlten Stellvertreter zu bekommen. Mit dem Ergebnis, dass die Grünen dann die Bezirksvorstehung hatten – bis 2020 zumindest.

In Währing waren es 2015 zum Schluss 212 Stimmen, die wir vor der ÖVP lagen, die den Bezirk 69 Jahre beherrscht hat. Arschknapp, bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 50.000 Menschen. Das hätte genauso gut andersrum ausgehen können.

Wir waren darauf eingestellt, denn 1,5 Jahre vorher mussten wir eine Entscheidung treffen, ob wir uns die enorme Arbeit antun auf die Eroberung der Bezirksvorstehung zu gehen. Unser Bauchgefühl sagte: 50% Chance.
Am Endergebnis konnten wir dann sehen, dass das exakt zutraf. Daher war auch das Zittern entsprechend groß und dauerte auch lang, weil wir das Ergebnis erst am Montag gegen 22 Uhr bekamen. Dann die entscheidende SMS: Geschafft!

Der Jubel war enorm, wir hatten die Bezirksvorstehung erobert. Auch wenn das wie ein Kampf klingt – gefühlt war es das auch. Da wir als Grüne den Grundwert „gewaltfrei“ haben, stellt sich natürlich die Frage, wie das vereinbar ist: Wahlkampf.
Geht kämpfen ohne Gewalt?
Ich glaube, dass es sich hier um eine Zivilisationsfrage handelt. Damit Menschen nicht miteinander kämpfen müssen, lagern sie das aus, z.B. in eine Arena, wo eine Handvoll Menschen stellvertretend für alle kämpft. Der Rest kann sich mit jeweils einer Seite identifizieren und so den eigenen Kampf und die gegenseitige Gewalt substituieren. Das funktioniert weltweit gut, etwa in Fußballstadien oder bei Skirennen oder sonstigen sportlichen Auseinandersetzungen. Und in der Politik.

Es folgten fünf Jahre grüne Bezirksvorstehung mit größeren und kleineren Veränderungen in Währing, etwa durch die Einführung des Parkpickerls, die 30er-Zonen, Radfahren gegen die Einbahn, Schulwegsicherung und noch einiges mehr.
Was hier auffällt, ist die starke Konzentration auf das Thema Verkehr. Es gab natürlich auch noch andere, etwas die Schaffung von 3 Gemeinschaftsgärten, viele Sitzbänke für gebrechliche Menschen sowie die komplette Neugestaltung des Johann-Nepomuk-Vogel Platzes.
Trotzdem dominieren Verkehrsthemen, dort spitzt es sich zu, dort prallen die Welten aufeinander: die alte Welt, vertreten durch ÖVP und FPÖ und Teilen der SPÖ, sowie die neue Welt, vertreten durch die Grünen und tw. durch die NEOS (wie viel „tw“ wird sich demnächst zeigen, in der neuen rot-pinken Stadtregierung).
Das ist deswegen so brisant, weil wir uns in einem Kulturwandel befinden, von der Welt des 20. Jhd. mit der fetischisierten Überhöhung des motorisierten Individualverkehrs in Form des eigenen PKW, zunehmend in eine Welt des 21. Jhd., in der es um eine Neudefinition von Mobilität generell geht, angesichts des bereits stattfindenden Klimawandels inkl. der ständig zunehmenden Klimakrise.
In Währing sind die konservativen Kreise groß und stark, vor allem in Pötzleinsdorf und im Cottage, aber auch in Gersthof.
Nachdem 60 Jahre alles getan wurde, um den PKW-Verkehr zu stärken, kommen jetzt die Grünen und meinen, alle anderen Mobilitätsformen haben auch das Recht auf öffentlichen Raum.
Und da dieser nur einmal verteilt werden kann, muss man dem Auto Platz wegnehmen. Das empfinden viele Autofahrer als Angriff auf ihre scheinbar unantastbaren Rechte bzw. nehmen es persönlich. Verstärkt wird das Problem noch durch die Klimakrise, weil für die Gegenmaßnahmen ebenfalls öffentlicher Raum benötigt wird, sprich: Bäume statt Parkplätze.

Das ist vielen bös aufgestoßen, auf das geliebte eigene Auto wollen viele nicht verzichten, wobei hier die Betonung auf „eigene“ liegt, denn mit gut ausgereiften Car-Sharing-Modellen wäre das Platzproblem quasi auf der Stelle lösbar. So haben sehr viele Menschen ihr Auto zu 95% der Zeit herumstehen und brauchen 10m2 öffentlichen Raum.

In den letzten fünf Jahren wurde viel verändert und daher entstand eine verstärkte Polarisierung: diejenigen, die sich das alte Währing mit der radikalen Optimierung für den PKW-Verkehr wünschen und die anderen, die das Gegenteil wollen.
Stellvertretend für diese beiden widersprüchlichen Positionen sind die ÖVP und die Grünen. Deswegen war schnell klar, dass es wieder auf ein Duell zwischen diesen beiden hinauslaufen würde.

Was nicht klar war: Wie viele Währingerinnen und Währinger befinden sich auf welcher Seite?
Ein Ergebnis war aus vielen Gründen nicht prognostizierbar:
1.) Es gibt keine Umfragen für die Bezirke
2.) Es gibt in jedem Bezirk so etwas wie einen „BezirksvorsteherInnenbonus“, von dem aber nie klar ist, wie groß er ausfällt. Also unberechenbar.
3.) Es gibt nach fünf Jahren jede Menge neue BürgerInnen in einem Bezirk, in Währing sind das ca. 30%. Auch hier ist unklar, woher die kommen und welchen politischen Hintergrund sie haben. Also auch unberechenbar.
4.) Wie groß ist die Menge der Zufriedenen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie sich still verhalten?
5.) Wie groß ist die Menge der Unzufriedenen und wie viele ziehen sie in ihrer Unzufriedenheit mit? Sind sie nur laut oder auch viele?
6.) Welche Rolle spielen die anderen Parteien, etwa die SPÖ oder die NEOS? Im letzten halben Jahr gab es etwa eine riesige Aufregung wegen der Verlängerung des 42A, der durch zwei Gassen fahren sollte, deren AnwohnerInnen das nicht wollen. Alle Parteien bis auf die Grünen haben sich da draufgesetzt und sind in Radikalopposition gegangen. Wie wird sich das auswirken? Es gab immerhin 1.000 Unterschriften gegen die Grünen, selbst wenn wir dafür gar nicht verantwortlich waren, weil die Routenwahl von den Experten entworfen wird.
In dieser Geschichte gingen die Emotionen besonders hoch und alle Parteien erhofften sich satte Stimmengewinne und grüne Verluste.
7.) Wie viele EU-BürgerInnen machen von ihrem Wahlrecht im Bezirk Gebrauch und wie wählen die?
8.) Wie wirkt sich kontinuierliche Politik aus, die aufgrund eines vorher erarbeiteten Programms durchgezogen wird und daher auch Widerstände hervorruft? Was geschieht, wenn man nicht auf die lautesten Zurufe hört und ständig den Kurs wechselt, immer dorthin, wo am lautesten geschrien wird? Wird so etwas belohnt oder bestraft?
9.) Welche Partei wird von welcher Partei wie viele Stimmen abziehen und wie groß wird die Gruppe der NichtwählerInnen sein? Und von welcher Partei wenden sie sich stärker ab und von welcher weniger?
10.) Wie wirkt sich die Gemeindeebene aus, da die Wahlen ja zusammen abgehalten werden? Wie viele Menschen splitten hier ihre Stimme und wählen z.B. rot auf Gemeindeebene und grün auf Bezirksebene? Sind das mehr als das letzte Mal oder weniger?

Diese und noch viele weitere Fragen ergeben einen Cocktail der Unberechenbarkeit. Und selbst das Bauchgefühl ist keine verlässliche Informationsquelle, weil es erstens auf den eigenen Wahrnehmungen basiert – und die kommen aus der eigenen Zustimmungs- bzw. Ablehnungsblase -, und zweitens waren sich alle Beteiligten einig, dass sie in dieser speziellen Frage nicht einmal eins hätten, ein halbwegs brauchbares Bauchgefühl.

Also hieß es wieder abwarten und zittern. Der Wahlkampf war so ziemlich wie immer und begann früh, nämlich in Wahrheit ein Jahr vorher.
Seinen langen Schatten warf er schon beim Projekt zur Umgestaltung des Gersthofer Platzls voraus. Die anderen Parteien – bis auf die NEOS, die standhaft blieben – schwenkten alle um und stimmten gegen den Entwurf der Agendagruppe. Für die war das ein harter Schlag, denn sie hatten unglaublich viel Arbeit hineingesteckt, die Entwürfe etliche Male korrigiert, möglichst viele Interessen eingebaut – und dann das plötzliche Aus. Dass Rot und Türkis kurz vor der Wahl noch ähnliche Entwürfe als neu und von ihnen stammend präsentierten, machte die Sache für die Agendagruppe nicht lustiger.
Corona warf dann viele Pläne über den Haufen, unsere Strategie hatten wir aber schon ein Jahr vor der Wahl fertig und konnten glücklicherweise rechtzeitig viele Aktionen (Standln, Aussendungen, Gimmicks, mediale Auftritte etc.) planen und vorbereiten.

Die Stimmung bei den Wahlkampfstandln ist für mich ein wichtiger Indikator, vielleicht sogar der wichtigste, weil es nicht viele andere gibt. Es werden keine Umfragen gemacht und niemand weiß, wie viele Zufriedene oder Unzufriedene es wirklich gibt. Vor zwei Jahren, als die Grünen aus dem Nationalrat geflogen sind, war die Stimmung erkennbar mies. Ich habe das daran erkannt, dass ich höchst ungern in der grünen Jacke auf die Straße gegangen bin.

Diesmal war die Stimmung großteils gut, aber allen von uns fehlte das Bauchgefühl und den anderen Parteien erging es nicht anders, wie ich im Gespräch mit ihnen erfahren konnte. Der Bezirk war wie eine Blackbox, die sich nach der Wahl öffnen und ihren Inhalt preisgeben würde.
Also hofften wir, dass die vielen freundlichen PassantInnen, die uns „ich hab euch eh schon gewählt“ oder „ihr habt das im Bezirk super gemacht“ zuriefen, es auch so meinten. Wir wussten, dass es 50% Wahlkarten oder noch mehr geben wird. Wir wussten auch, dass es seit der letzten Wahl ca. 30% neue BürgerInnen in Währing gibt (in Neubau sind es 50%).

Was wir nicht wussten, ist die Anzahl der Menschen, die unsere Bezirkspolitik gut finden und uns wählen, auch wenn sie nicht sichtbar sind, weil sie sich über nichts beschweren. Die andere Gruppe ist viel sichtbarer und scheint größer zu sein. Und weil auch wir nachher viel gescheiter sind, wissen wir jetzt, dass diese Gruppe doch nicht so groß war und ist.

Dann kam der Sonntag. Die Anspannung stieg den ganzen Tag über, ich war wieder in einer Wahlkommission und somit auch bei der Auszählung. Ich wusste, dass wir alles vergessen könnten, wenn mein Sprengel nicht sehr grün ist. 2017 war er nicht mehr grün, 2019 schon, sowohl bei der Europawahl als auch bei der Nationalratswahl. Glücklicherweise war er es diesmal auch, was aber noch genau gar nichts aussagte, denn gewinnen oder verlieren würden wir es in Gersthof.

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BILD 1: Sprengel 17 – händische Ergebnisnotiz

Die Sprengelergebnisse sind noch aus einem weiteren Grund nicht sehr aussagekräftig: die Wahlkartenstimmen werden nicht mitgezählt, weil sie den Sprengeln nicht zugeordnet werden können. Bei 50% Wahlkarten liegt somit ein riesiger Unsicherheitsfaktor in den Sprengeln, der sich auch nicht beseitigen lässt und in jedem Fall größer ist als die möglichen und erwartbaren Prozentverschiebungen.
Die Hochrechnung ergab übrigens im Sprengel 17, dass nur die Grünen merkbar zulegen konnten.

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BILD 2: Sprengel 17, Ergebnis mit hochgerechneten Wahlkarten

Nach Wahlschluss und nach dem fertigen Auszählen begann das bange Warten, das mindestens bis Montag Nachmittag, vielleicht sogar bis Dienstag oder Mittwoch dauern würde.
Recht flott kam das Wien-Ergebnis, wenngleich ohne Wahlkarten, somit auch nur als Hochrechnung.
Ohne Wahlkarten lagen die Grünen da bei 12-13 Prozent, die Hochrechnung mit Wahlkarten prognostizierte bis zu 15%.

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BILD 3: Hochrechnung des Ergebnisses der Gemeinderatswahl

Das war eigentlich sehr erfreulich, wir würden auf jeden Fall über dem Ergebnis von 2015 liegen. Ich selbst hatte für mich entschieden, dass alles über 15% einem Wunder gleich käme, alles zwischen 12 und 15 ein gutes Ergebnis wäre und alles darunter eher ein Debakel.
Für den Bezirk bedeutete das mehr oder weniger gar nichts, war aber zumindest kein Zeichen für einen Absturz.
Da war mir der Erhalt der Bezirksvorstehung mit Abstand das wichtigste. Wir hatten 2015 in Währing 28,07% der Stimmen, jeder Gewinn über 30% wäre der Oberhammer. Unsere größten Phantasten träumten von 35% – für mich war das jenseits des Denkbaren.

Die erste Hochrechnung für den 18. Bezirk kam um 23:36 und war für uns mehr als nur toll.

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BILD 4: Hochrechnung des Ergebnisses der Bezirksvertretungswahl für Währing

Ich persönlich hatte damit erstens nicht gerechnet und zweitens konnte ich es auch nicht wirklich glauben. Zu falsch lagen die Hochrechnungen in der Vergangenheit, zu optimistisch für die Grünen, die dann am Schluss oft lange Gesichter machten, wenn die Prozente dann plötzlich deutlich nach unten kletterten.
Trotzdem war irgendwie klar: wir werden den Bezirk halten. Oder war das doch nicht so klar?
Spontan trafen sich einige von uns bei Robert in seinem Hof, der teilweise überdacht ist, um ein Glas Sekt zu trinken. Es regnete in Strömen und war eher kalt, aber wir hatten Freude daran uns ungläubig anzustarren und zu versuchen, an ein Wunder zu glauben.

Wissen würden wir es erst am nächsten Tag, da ja noch keine Wahlkarten ausgezählt waren. Der nächste Tag begann mit einer neuen Hochrechnung:

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BILD 5: Neue Hochrechnung in der Früh

Das sah sogar noch besser aus und schön langsam begann ich es zu glauben: Wir haben es geschafft. Wir haben den Bezirk gehalten und vielleicht sogar noch einiges dazugewonnen.
Doch noch hieß es warten, konkret bis wann auch immer. Wir hofften, dass es schon am Dienstag ein Ergebnis geben würde. Es lässt sich nämlich nicht voraussagen, wie lange die Wahlkartenauszählung dauert, da ein kleiner Fehler eine erneute Auszählung bewirken kann und das schiebt das Ergebnis dann gewaltig nach hinten.

Am Dienstag um 14 Uhr war es dann soweit:

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BILD 6: Endergebnis der Bezirksvertretungswahl

Das übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Wir hatten ja alle pauschal für verrückt erklärt, die uns 35% prognostiziert hatten. Und jetzt waren es 38,7%.
Wir hatten uns von 12 auf 17 Mandate gesteigert, die SPÖ hatte 2 verloren und die ÖVP eines dazu gewonnen, obwohl sie nur 0,22% Steigerung und einen de-facto-Stimmenverlust hinnehmen musste.
Die NEOS waren gleich geblieben, für die FPÖ war es ein Debakel: von 5 auf 1 Mandat und kein Klubstatus mehr, d.h. sie würde in keinen Ausschüssen und Kommissionen dabei sein.

Erleichterung und Freude waren ungeheuer, da es keinen zweiten Sieger gibt. Wer auch nur eine Stimme hinten ist, verliert alles, nämlich die Bezirksvorstehung.
Wir hatten jetzt nicht mehr knappe 212 Stimmen Vorsprung wie 2015, sondern mehr als das Zehnfache.

Unser Sieg bedeutet für mich folgendes:
1.) Die Grünen bleiben in der Bezirksvorstehung und können gestalten.
2.) Je nachdem, ob die Grünen in der Stadtregierung bleiben, können wir auch größere, wenn sie rausfliegen, nur mehr kleine Projekte planen und umsetzen, da der Bezirk nur sehr wenig eigenes Budget hat. Sollte es rot-magenta werden, dann haben wir schlechte Karten, denn weder die SPÖ noch die NEOS haben ein Interesse grüne Bezirke in ihrer grünen (Umwelt)Politik zu stärken.
3.) Ich bleibe Nahversorgungsbeauftragter. Das ist zwar ein ehrenamtlicher Job, ich mache ihn aber trotzdem gerne.
4.) Es hat die Art von Politik gewonnen, für die ich stehe und für die die Grünen Währing stehen. Wir machen ein Programm, werden dafür gewählt und setzen dieses Programm dann auch um, so weit und so gut wir können. Die anderen Parteien haben im Wahlkampf die andere Variante gewählt, die wir aus der Ochlokratie (der „Herrschaft der Lauten“) kennen: Wer am lautesten schreit, bekommt Recht und für dessen Interessen tritt man ein. Das ist das exakte Gegenteil unseres Ansatzes. Gut zu beobachten war das bei der 42A-Diskussion. Die anderen Parteien sind sofort auf die laut Schreienden aus den beiden Gassen zugegangen und haben ausschließlich deren Interessen verfolgt, durchaus in der berechtigten Hoffnung, dass ihnen das Wählerstimmen bringt. Die Protestler waren plötzlich „die Währinger“ oder „ganz Gersthof“.
Die anderen Interessensgruppen – die BewohnerInnen des Schafbergs oder der Simonygasse (dort soll die noch ungeplante Alternativroute durchführen) oder die Wiener Linien, die für die Umsetzung zuständig sind, wurden nicht gehört oder als unwichtig eingestuft. Hätten sie auch gleich laut zu schreien begonnen, wäre das zum Problem geworden.
Das hat sich bei der Wahl gerächt, vor allem für die SPÖ, die den Grünen gleich mehrere (mediale) Hackln ins Kreuz gehaut hat. Sie haben im Bezirk zwei Mandate verloren und wurden dadurch zur schwächsten Bezirksgruppe von ganz Wien.
Die Grünen haben in den beiden Sprengeln, in denen es die Bürgerproteste samt Unterschriftsliste gab, natürlich verloren, im Gegenzug aber am Schafberg gewonnen, was in etwa auf ein Nullsummenspiel hinausgelaufen ist. Das war zwar so nicht geplant und wir konnten damit auch nicht rechnen, es ist aber höchst erfreulich.
Besonders ungläubig staunten wir übrigens bei einigen Cottage-Sprengeln, die von türkis auf grün gewechselt hatten. Das zu erklären wird schwierig.

Spannend ist auch die Statistik der Gesamtbevölkerung. Es leben ja in Wien jede Menge Menschen, die nicht wählen dürfen, weil das Wahlrecht an die Staatsbürgerschaft gebunden ist und nicht daran, wo der Lebensmittelpunkt ist. Das wäre deswegen fair (und die Grünen treten auch dafür ein), weil diese Menschen nicht nur hier Steuern zahlen, sondern von der Politik ja direkt betroffen sind.
So sieht quasi das „echte“ Ergebnis aus:

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BILD 7: Theoretische Aufteilung der Prozente

Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese nicht Berechtigten wählen würden. Darauf gibt es leider keine Antwort, allerdings veranstaltet SOS Mitmensch jedes Mal eine „Pass egal-Wahl“, deren Ergebnis folgendermaßen aussieht:

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BILD 8: Ergebnis der Pass-egal-Wahl 2020

Das könnte also für die Grünen interessant sein. Warum die SPÖ hier weiter abblockt, ist mir ein Rätsel.

Ergänzung: Seit heute 27. Oktober wissen wir, dass die rot-grüne Koalition in Wien Geschichte ist. Michael Ludwig macht mit den NEOS weiter. Für uns im Bezirk ist das höchst unerfreulich, weil weder die SPÖ noch die NEOS haben den Umweltschutz oder die Klimakrise auf ihrer Agenda – zumindest nicht nach der Wahl.
Wir dürfen gespannt sein, was sich da entwickelt.