Der Kenyacowboy ist in den Sonnenuntergang geritten

Es ist Sommer 1992, als zeitig in der Früh, so gegen 6 Uhr, drei junge Abenteuerlustige aus der AUA-Maschine steigen und am Jomo Kenyatta Airport ihr Gepäck zusammensammeln.
Beim Ausgang wartet ein Herr mit Schnauzbart in Safarikluft auf sie. Gemeinsam laden sie das Gepäck in einen alten Isuzu Trooper ein und fahren über die Autobahn nach Nairobi hinein.
„Habt ihr schon eure Malaria-Medizin genommen?“ fragt der Schnauzbärtige, was die drei jungen Herren verneinen.
Daraufhin greift er unter den Sitz und holt eine Flasche Wodka hervor mit der Aufforderung, jeder solle gefälligst einen ordentlichen Schluck nehmen.

So habe ich Wolfi Schreitl das erste Mal getroffen. Mein Bruder hatte ihn ein paar Monate zuvor schon kennengelernt und gefragt, ob er mich, den George und den Gabor vom Flughafen abholen könnte.
Damals ahnte ich noch nicht, dass er in meinem Leben noch die eine oder andere gar nicht so unwichtige Rolle spielen würde.

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Bild: Wolfi Schreitl, wie ich ihn gerne in Erinnerung behalte

Beginnen wir ganz vorne. Wolfgang Schreitl wurde am 29. November 1955 in Eckenförde in Deutschland geboren, der Vater echter Wiener, die Mutter ein Nordlicht. Sein Bruder Andi nennt ihn einen „Wiener Wikinger“, weil auch dänische und sonstige nordische Wurzeln dabei sind.

1966 zieht die Familie dann nach Seewalchen, wo Wolfi am 20. Juli 2022 seiner schweren Lungenkrankheit erlegen ist, die er sich – wie könnte es anders sein – in Afrika geholt hat, viele Jahre zuvor.
In der Schule lernte er lesen, und dann war es zum Leidwesen seiner Cousine Sissy und seines Bruders Andreas aus mit dem Spielen. Wolfgang saß nur mehr in der Ecke las Bücher – anfangs Karl May und Abenteuerbücher, schließlich Hemingway. Die Sehnsucht nach Abenteuern in der Ferne war geboren. Nach dem Hauptschulabschluss ging es auf Wunsch seines Vaters nach Wien auf die HTBLA für Textiltechnik. Nach drei Jahren bracher er die Schule ab, und ging mit 17 Jahren zum Bundesheer nach Salzburg. In diesen 3,5 Jahren war er kurz beim Jagdkommando und auch bei der UNO auf den Golanhöhen.

Da in Salzburg bekanntlich auch die schönsten Mädels von Österreich leben (so erinnert sich sein Bruder Andi), dauerte es nicht lange, bis er seine spätere Frau Karin kennenlernt. Nach der Hochzeit 1980 kommt zwei Jahre später der gemeinsame Sohn Patrick zur Welt. Leider hielt diese Beziehung nicht lange, da das bürgerliche Leben von Wolfgangs Abenteuerlust verdrängt wurde. Das Fernweh wurde immer größer und kurze Zeit später verschlug ihn eine humanitäre Mission des Roten Kreuzes nach Kenia, wo er sich in Land und Leute verliebte. Er wollte unbedingt in diesem Land bleiben und fand in Monika eine gleichgesinnte Partnerin.

Er traf sie im Hotel Boulevard, das damals vom Österreicher Brandl geführt wurde, und auch den Münchner Reiseveranstalter Ruppert.
Dieser war des Kenia-Geschäfts müde und Monika hatte ein paar Ersparnisse aus einer Erbschaft. So kaufte sie Anteile an „Bush Trucker Tours“ und Wolfi stieg mit Monika ins Safarigeschäft ein.

Das war 1986, damals hätte ich Wolfi bereits über den Weg laufen können, denn auch wir waren zu dieser Zeit immer wieder mal im Hotel Boulevard.
1992 hatten wir schon das Appartment Longonot Nr. 6, das nur 2 Gehminuten vom Boulevard entfernt war. Dorthin brachte uns Wolfi nach unserer Ankunft und wir ahnten, dass wir ihn an diesem Tag nicht das letzte Mal gesehen hatten.

Ich weiß nicht mehr, ob es am gleichen Abend oder erst am nächsten war, jedenfalls zeigte uns Wolfi einiges in Nairobi, das wir (auch ich) vorher nicht kannten, etwa das Nachtleben.
Er war ein Kenia-Cowboy, ein Expat, ein Abenteurer, aber auch ein Bullshit-Artist der feinsten Sorte – darauf komme ich etwas später noch.

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Bild: Wolfi in seiner Lieblingskluft – wobei, stimmt nicht. Das locker geknöpfte weiße Hemd war ihm in Wahrheit noch lieber

Er zeigte uns das Florida 2000, eine Disko im City Center. Er zeigte uns aber nicht nur die Disko, sondern auch wie wir uns dort verhalten sollten, etwa wenn uns junge Damen belästigen würden. (Das war uns meistens eh nicht soo unangenehm, aber die Grenzen zu kennen und zu wissen, wie und was man sagt, war hilfreich: „You´re nice, but not my size“ etwa ließ sie lächeln und von Dannen ziehen.)
Seit dem ersten Besuch im Florida 2000 trinke ich gerne Kenya Cane mit Fruchtsaft (Maracuja oder Mango, Ananas geht auch, Orange nur, wenn nichts anderes da ist, sensationell auch Guave). Das hat sich in den letzten dreißig Jahren nicht geändert.
Es waren lustige, spannende, interessante und in Summe unvergessliche Tage und Abende, die wir mit Wolfi verbrachten, der stets geschmeichelt war, wenn er uns was Neues zeigen konnte.
Ihm verdanke ich meine Vorliebe für Cole Slaw und durch ihn hab ich das erste Mal Nyama Choma (Fleisch vom Grill, oftmals Ziege) gegessen.

Das wichtigste, was ich ihm aber verdanke, ist meine Leidenschaft für Makonde. Das sind ostafrikanische Ebenholzschnitzereien, die ich viele Jahre (fast Jahrzehnte) gesammelt habe, und das kam so:
Eines Tages besuchten wir Wolfi in seinem Haus in Langata. Dort war auch die Safari-Firma und in seinem Vorzimmer sah ich auf einmal so schwarze Statuen, die ich noch nie gesehen hatte.
Also – noch nie stimmt nicht ganz, 1984 hatte mein Vater am Strand von Mombasa einem Händler einen Familienbaum abgekauft. Damals konnte ich damit noch nichts anfangen. Der Familienbaum (der Stamm der Makonde zeichnet keine Stammbäume, sondern schnitzt sie) steht bis heute in der Wohnung meines Vaters, der drei Monate vor Wolfi gestorben ist, und wir werden ihn selbstverständlich behalten.

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Bild: Der Familienbaum, mit leichten Bruchspuren, wie das nach knapp 40 Jahren halt so ist.

Jedenfalls fragte ich Wolfi, was denn das sei und dass mir das irgendwie gut gefällt. Daraufhin führte er mich schnurstracks ins City Center, wo gegenüber vom City Market der „Blue Market“ war, bestehend aus lauter kleinen Kunst- und Souvenirstandln. Dort maschierte er durch und ich musste feststellen, dass er die meisten Standler kannte, von ihnen lauthals begrüßt wurde und sofort Makonde-Figuren angeboten bekam.
Dort zeigte er mir zum ersten Mal, wie man gute von schlechten unterscheiden kann, echte von unechten, wie man den Wert am besten einschätzt und vor allem, wie man mit den Standlern verhandeln muss, um nicht übers Ohr gehauen zu werden.
Die wichtigste Regel war die Faustregel: Pro Faustbreite zahlst du 100 Kenia-Shilling. Diesen Preis hab ich nicht wirklich oft erzielen können, aber es war eine der vielen Verhandlungsstrategien, die ich einsetzen konnte. Heute wären es übrigens 1.000 Kenya-Shilling.

Aus diesem ersten Besuch habe ich mein bis heute schönstes Stück, die Wasserträgerin.

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Bild: Wasserträgerin

Wolfi erzählte mir die Geschichten über die Makonde und ihre Schnitzkunst, er steckte mich mit der Leidenschaft an, die bis heute da ist. Erst vor kurzem habe ich begonnen, einige alte Stücke zu restaurieren. Da wusste ich noch nicht, dass er nicht mehr lange leben würde.

In den darauffolgenden Jahren vertiefte ich mich immer mehr in diese so faszinierende Welt, sammelte Bücher und natürlich jede Menge Makonde-Figuren. Heute habe ich ca. 200 und mit der Hilfe von Wolfis Vater, Hans Schreitl, konnte ich sogar einmal eine Ausstellung machen, nämlich 2006 in Vöcklabruck, wo Hans lebte.

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Bild: Ausstellung im Lebzelterhaus in Vöcklabruck

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Bild: Wolfi, Vater Hans, und Monika

Wolfi wurde zum leidenschaftlichen Kenyacowboy, lebte gut und gerne dort und steckte auch seinen Vater und seinen Bruder mit der Leidenschaft für Ostafrika an. 1997 kam dann sein Bruder Andreas mit seiner eigenen Firma (Safari für Rollstuhlfahrer) nach Kenia.
Leider machte er auch Fehler verschiedenster Art und so funktionierte das Safari-Business eines Tages nicht mehr. Er trennte sich von Monika, die Firma wurde verkauft und Wolfi stand vor dem Nichts.

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Bild: Wolfi mit Monika, in besseren Zeiten

Ich muss anmerken, dass das nicht nur seine Schuld war, zu dieser Zeit funktionierte der Markt nicht mehr so gut, es gab Konkurrenz ohne Ende und dazu kamen noch Ereignisse wie politische Unruhen sowie der schwere Unfall eines seiner Mitarbeiter, der den Nissan Patrol komplett verschrottete – das war eines seiner wichtigsten Autos für die Safari.
Sein alter Isuzu Trooper blieb ihm allerdings, er hat ihn noch viele Jahre gefahren.

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Bild: Wolfi und sein alter Isuzu Trooper

Das mit Bush Trucker Tours finde ich übrigens bis heute schade, denn das Konzept von Wolfi hatte was: Er machte Spezialsafaris im Hemmingway-Style, also mit großen, grünen Stoffzelten ganz im Stil des Afrika-Abenteurers. Dazu gab es jeden Abend Lagerfeuer irgendwo in der Wildnis, an dem Wolfi stets seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler zur Geltung bringen konnte.

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Bild: Zelte

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Bild: Wolfi am Lagerfeuer

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Bild: Ein Safaribus von Bush Trucker Tours

Er war ein hervorragender Erzähler und seine Geschichten hatten immer einen Schuss Übertreibung, man wusste nie ganz genau, bis wohin sie stimmten und was ein wenig hingebogen war – daher auch der durchaus liebevoll gemeinte Ausdruck „Bullshit-Artist“. Mehr dazu weiter unten.

Wolfi ermöglichte mir und meinem Bruder einiges – z.B. die Teilnahme an der East African Safari Rally, an der unsere Brüder (also mein Bruder Peter und Wolfis Bruder Andi) in einem alten VW Käfer teilnahmen. Wolfi hatte dabei jetzt keine führende Rolle, aber das muss ja niemand wissen. (Zu verdanken ist das in erster Linie Steffen Reininger, den Andi in Wien kennengelernt hat und für den er drei Jahre Service gefahren ist.)
Mein Bruder war damals auch sehr viel in Kenia und unternahm auch viel mit Andi und Wolfi. Die Rallytruppe von Reiniger übernachtete z.B. im Appartment meines Vaters und dafür schmuggelten sie ihm 8 Pinzgauer-Reifen im Rally-Container.

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Bild: Das legendäre Foto von der Safari-Rally 1994. Links von meinem Bruder der Wolfi, rechts sein Bruder Andi. Sie unterstützen Steffen Reininger, einen professionellen Rallyfahrer und bekamen Lust auf mehr. Drei Jahre später fuhren sie selbst in der Oldtimer-Klasse mit.

Dann ging eine neue Tür auf und Wolfi stieg in die Gastro ein. Dazu holte er seinen Bruder Andi nach Nairobi, der in Österreich auch gerade seinen Weg mit einer Baufirma beendet hatte. Andi ist auch gelernter Koch und so übernahmen sie das „Buffalo Bill´s Saloon and Eating House“ im Hotel Heroncourt, das etwas außerhalb des City Center liegt und zu dem auch die „Horse Shoe Bar“ gehört.

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Bild: Andi und Wolfi im Buffalo Bills

Das war mehr als nur eine Bar, das Lokal bestand aus der Bar mit einer pittoresken Sammlung an nachgebauten Planwagen, in denen man sitzen konnte. Dazu gab es noch einen Restaurant-Raum, nicht besonders elegant, aber in dieser unnachahmlichen Art, die man nur in Ostafrika finden kann, mit Plastiktischtüchern und Steinboden. Nicht elegant, aber irgendwie trotzdem okay.

Ich lernte das Buffalo Bills kennen, als ich das erste Mal meinen alten Freund Thomy mit dabei hatte. Wir verbrachten zahlreiche Abende und Nächte in der Horseshoe-Bar, angelockt von Andis hervorragendem Wild-Ragout und anderen Köstlichkeiten, die er uns auftischte, aber auch fasziniert von der wilden Mischung an Gästen, die dort jeden Abend in neuer Zusammensetzung anzutreffen waren.
Am besten lässt sich das durch den kleinen Ausschnitt beschreiben, den der Lonely Planet zu dieser Zeit dem Lokal widmete:

„Outside the city center, at the Heroncourt Hotel, you can find the Buffalo Bills, a place for all entrepreneurs, tour operators, expats, hookers and bullshit artists.“

Das war vielleicht die glücklichste Zeit seines Lebens, er war umgeben von Gleichgesinnten.
Wolfi war ein leidenschaftlicher Typ, aber auch ein bisschen ein Zyniker, ein lebenslang Suchender, einer von den Typen, die viel Auf und viel Ab kennen, einer, der auch schwierig sein konnte.
Er hatte also nicht nur Freunde, sondern verscherzte es sich auch da und dort mit Menschen, die wichtig für ihn waren, etwa weil bestimmte Genehmigungen nur über sie zu bekommen waren oder weil sie seinen Ruf zerstören konnten. Dann gab es Stress mit diversen Behörden, mit denen Wolfi nie wirklich gut umgehen konnte. Vielleicht fehlte ihm manchmal auch der Respekt vor den Kenianern, jedenfalls handelte er sich sowohl in der österreichischen Community als auch bei diversen Geschäftspartnern und Behörden immer wieder Probleme ein, die letztlich dazu führten, dass sie das Lokal aufgeben mussten, vor allem, weil auch der Verpächter starb und sie sich mit dem Nachfolger nicht mehr einigen konnten.
Ich habe die genauen Umstände nie erfahren, aber die Brüder konnten danach in einem relativ weit draußen gelegenen Hotel neu anfangen. Ich war nur ein- zweimal dort, aber es war nicht mehr das alte Buffalo Bills, auch wenn sie sich redlich anstrengten, die Gäste mitzunehmen – es klappte nicht.

Und so ging eine weitere Zeit zu Ende, die so gut begonnen hatte. Wolfi kam in finanzielle Schwierigkeiten und eines Tages bat er mich, ob ich ihm nicht seine Makonde-Sammlung abkaufen könnte.
Das war für mich ein Schock, denn wir waren beide echte Sammler, er noch dazu mein Lehrmeister. Es war 2004 als ich ihm fast seine komplette Sammlung abnahm. Einen Teil brachte ich von Nairobi nach Wien, einen anderen hatte er bei seinem Vater in Seewalchen. Ich wusste, wie schwer ihm dieser Schritt fiel.
Ich halte seine Sammlung bis heute in Ehren, in ihr befinden sich die wertvollsten Stücke, die ich besitze.

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Bild: Einer der tollsten Shejtani aus Wolfis Sammlung

Dann begann die Diaspora. Wolfi ging zurück nach Seewalchen, aber wenig später bekam er ein Angebot in Sansibar eine Appartmentanlage zu leiten, mit Bar und Restaurant am Meer. Ich wollte ihn besuchen, das hat sich aber nie ergeben und wir verloren einander ein wenig aus den Augen.

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Bild: Wolfi klassisch, an der Bar

Wolfi war dort eine Zeit lang glücklich. Er konnte für den Klub arbeiten, sicher die eine oder andere Geschichte erzählen und sich ein wenig in Szene setzen. Dort ist es schließlich wunderschön, ein bisschen paradiesisch, und das konnte und wollte er genießen.

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Bild: Das Titelbild von Wolfis Facebook-Seite. Hapana Zanzibar

Sein Bruder Andi ging nach Wien und war einige Jahre mit seiner kenianischen Frau und zwei Kindern mein Nachbar. Auch er hatte es nicht leicht und zog nach einiger Zeit und einigen misslungenen Jobs wieder nach Seewalchen, wo er bis heute lebt.

Auf Sansibar (genauer gesagt auf einer kleinen Insel nördlich) lief es zwei Jahre lang gut, dann kamen Lungenprobleme. Fälschlicherweise von Ärzten als Lungenentzündung diagnostiziert verlor er nach und nach immer mehr an Gewicht, bis er beschloss aus gesundheitlichen Gründen 2009 nach Österreich zurückzukehren, wo die medizinische Versorgung besser war. Leider stellte sich heraus, dass er sich um TBC im fortgeschrittenem Stadium handelte. Die letzten 14 Jahre verbrachte er in Seewalchen, die meiste Zeit davon in seinem Büro, wie er es nannte, dem Seecafe, wo er von der Belegschaft sehr geschätzt und umsorgt wurde.
Es fand sich eine kleine Wohnung in Seewalchen, die er günstig mieten konnte. Seine Lungenfunktion war extrem eingeschränkt und an Arbeit war nicht mehr zu denken.
Ich traf ihn dort einmal und wir konnten eine Stunde oder zwei über alte Zeiten plaudern. Das ist jetzt auch schon einige Jahre her.

Andi erzählte mir, dass es ihm in letzter Zeit zunehmend schlechter ging, er brauchte viel Sauerstoff und er traf ihn im Mai noch einmal, wo sie fast sieben Stunden in alten Erinnerungen kramten und Geschichten erzählten. Andi meinte, dass sich Wolfi an diesem Tag von ihm verabschiedet hätte, ohne dass ihm das so bewußt war.

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Bild: Andi und Wolfi bei ihrem letzten Zusammentreffen im Mai 2022 in Seewalchen

Am 20. Juli ist der Kenyacowboy zu seiner letzten Reise angetreten. Er sitzt jetzt mit seinem Vater auf einer Wolke über dem Turkana-See, fährt eine Runde in seinem klapprigen Isuzu und gönnt sich dann einen Schluck Dawa. (Ja, auch Dawa habe ich über Wolfi kennengelernt. Das ist so ähnlich wie ein Caipiroska, nur nimmt man statt Zucker Honig und zerstampft die Limetten mit einem Bambusstössl. Dann rührt man so lange, bis sich der Honig aufgelöst hat – fertig!)

Der Andi ist nicht mehr

Es ist immer bitter, wenn alte Freunde uns verlassen. Ich habe ihn zwar schon seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, aber noch sehr gut in Erinnerung – der lustige, verrückte, freigiebige, begabte Andi, der leider seine Zuflucht im Alkohol suchte.

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BILD 1: Andi bei einem Fest in Klosterneuburg

Von ihm hab ich meinen ersten Roller gekauft und erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Der Andi hat sowas herumstehen“ meinte die Michi, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich einen Roller suche.
Es war tatsächlich so, dass er sich eine Puch Typhoon 125 gekauft hatte und direkt danach die Lust darauf verlor. Also stand der Roller über den Winter 1998/99 herum. Wir machten uns eine Probefahrt aus und ich weiß noch, dass ich von Greifenstein bis fast nach Königstetten fuhr und den Roller dann auf der Stelle gekauft habe.
Ich hatte ihn neun Jahre und er hat mir exzellente Dienste geleistet.

Ich erzähle das nicht nur, weil mich der Roller mit Andi verbindet, sondern auch um ein wenig zu erzählen, wie er so war. In eine wohlhabende Familie hineingewachsen, mit einer vorprogrammierten Karriere im Familienbetrieb, dann aber ausbrechend, nicht der Linie folgend. Seine Begabungen lagen ganz woanders, im kreativen Bereich, in dem er sich dann auch als Filmproduzent Expertise aneignete. Nur Business-Modell konnte er keins daraus machen.

Als Fachmann für die Betriebsübergabe von Familienunternehmen könnte ich die Entwicklung heute noch ganz anders betrachten, damals fiel mir aber schon die familiäre Zerrüttung auf – der Tod der Mutter, die starke Persönlichkeit des Vaters, bei dem es so schien, als wäre er für Andi nie greifbar gewesen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment bei Andis Geburtstagsfest, als er darauf wartete, dass sein Vater vorbeikommt.
Der kam dann auch, im riesigen Geländewagen vorgefahren, kurz stehengeblieben, Fenster runter, „Du, alles Gute, ich muss leider gleich weiter“, Fenster wieder rauf, Abfahrt.

Andis Gesicht, verfallend. Der Moment zog sich wie ein Schleier über das Fest, das eigentlich fröhlich hätte sein sollen. So wie Andi eigentlich hätte fröhlich sein sollen und es ja eine Zeit lang auch war:

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BILD 2: Andi bei einem Clubbing in Klosterneuburg

Es begann ein langsamer, aber stetiger Absturz. Man könnte auch sagen, Andi verabschiedete sich von dieser Welt in einer kontinuierlichen Entwicklung, die scheinbar niemand stoppen konnte. Gemeinsame Urlaube mit Freunden (mit Thomy ein paar Wochen Australien und andere) konnten den Verfall nur verzögern.
Andi hatte es nicht leicht mit der Familie, aber die Familie hatte es auch nicht leicht mit ihm. Sie unterstütze ihn, aber scheinbar ging viel von der Unterstützung ins Leere, konnte ihn nur teilweise erreichen.

Der nächste Schritt war der Rückzug aus dem Freundeskreis, aus unserer Greifenstein-Runde. Auch das geschah nicht mit einem Ruck und war daher auch nicht als Einzelereignis spürbar, vergleichbar mit einem lieben Menschen, dessen Veränderung du nur bemerkst, wenn du ihn eine Zeit lang nicht siehst.
Hin uns wieder sah ihn noch jemand von uns, hatte kurz Kontakt. Dann bedauerten wir, dass wir ihn irgendwie verloren hatten.

Jetzt haben wir ihn wirklich verloren. Der letzte Schritt ist immer ein konsequenter. Mach´s gut, lieber Andi.

Die Demokratie der Leichtgläubigkeit

Gedanken zu einer ARTE-Philosophiesendung („Kritisches Denken in Zeiten von Fake News“, von und mit Raphael Enthoven, als Gast Gerald Bronner, Soziologe in Paris).

Eine scheinbare Demokratisierung des Wissens durch das Internet hält leider nicht, was sie verspricht. Man kann sich zwar uneingeschränkt jede Art von Information schnell besorgen, wird aber dabei nicht mehr von einem Diskurs geleitet oder gebremst, den es vor dem WWW durchaus gab, etwa im akademischen Kontext.
Wer auf der Uni durch Bücher, Fachzeitschriften und Artikel mit wissenschaftlichen Arbeiten Informationen zu einem bestimmten Thema sammelte, stieß dabei auch auf Gegenmeinungen, Konkurrenztheorien usw. Durch die langsamere Rezeption blieb Zeit zum Überlegen, Nach-Denken und natürlich zur Diskussion mit anderen, die man z.B. in einem Institut oder sonst wo traf.
Abende waren nicht zwangsläufig von Voll-Entertainment geprägt und es gab keine tragbaren Bildschirme, auf die man den ganzen Tag glotzen konnte. Nicht einmal das Fernsehen strahlte rund um die Uhr Programm aus.
Wir müssen uns diese Zeit nicht zurückwünschen, aber wir können durchaus einen Blick darauf werfen, um aus den Unterschieden eine kritische Haltung aufzubauen.

Deswegen gab es genauso spinnerte Ansichten, Verschwörungstheorien und extreme Positionen, aber sie verbreiteten sich nicht so schnell wie heute. Man könnte etwas polemisch sagen: Es gab auch damals die Dorftrottel, nur hatten sie kein Internet.

Das Problem reicht aber tiefer. Durch die blitzschnelle Informationssammlung entsteht ein Überfluss, der bewältigt werden muss, um zu einer fundierten und abgesicherten Meinung bzw. Haltung zu kommen, die in Folge Sicherheit für die Bewältigung der großen oder auch kleineren Lebensfragen bietet. Diese Bewältigung scheitert aber oft an mehreren Hürden:

1.) Denken ohne Denken gelernt zu haben funktioniert nicht. Das ist ja genau der Grund, warum in einem Studium auch die Verarbeitung und Strukturierung von Wissen und Information gelehrt und gelernt wird. Könnten das Menschen von selbst, wären diese Kurse, Vorlesungen und Seminare komplett überflüssig.

2.) In Folge kann der Überfluss nicht geistig aufgegessen werden, ähnlich wie wir es tw. auch bei unseren Ernährungsgewohnheiten sehen. Auch dort wird viel, manchmal sogar sehr viel weggeworfen. Im Wissensbereich landen diese überflüssigen Artikel im virtuellen Mist. Das reicht aber nicht, denn der Rest muss trotzdem irgendwie bewältigt werden und hier setzt ein zusätzliches Phänomen ein.
Auf der Uni bzw. anderen, vergleichbaren Lernmöglichkeiten erfolgt die Strukturierung in angeleitetem Selbststudium bzw. in der Diskussion mit anderen. Wenn es das nicht gibt, muss anders strukturiert werden. Das funktioniert durch Vorschläge von außen, also etwa durch scheinbar stimmige Gesamttheorien, denen man glaubt, ohne sie zu hinterfragen, weil man/frau das Hinterfragen nie gelernt hat.

3.) Die Sicherheit strukturierten und reflektierten Denkens ist nicht gegeben, daher sucht man sich die notwendige Sicherheit durch Bestätigung Gleichgesinnter. Mit anderen Worten: man begibt sich in eine Blase und bleibt, da dort alles auf sich selbst referenziert wird. Man kann das mit einer Sekte vergleichen, in der man von der Außenwelt abgeschnitten wird. Hier kommt noch das gruppendynamische Phänomen dazu, dass die Identität durch einen gemeinsamen Außenfeind stärker wird. Diese so dringend gesuchte Identität der im Internet verlorenen Individuen, der Idioten (übersetzt: Vereinzelten), die keine soziale Geborgenheit mehr kennen, alleine daheim vor dem Bildschirm hockend. Viele von ihnen schotten sich in der Öffentlichkeit noch zusätzlich ab, mit Kopfhörern und Smartphones, auf die pausenlos gestarrt wird.
Dort befindet sich ja auch das Ich, das verwirrt und in Folge auch ängstlich auf die Umwelt zu reagieren beginnt, weil die früher gewohnten Haltepunkte nicht mehr vorhanden sind. Langsam entfernen diese Menschen sich von der Gemeinschaft und werden asozial, rücken das Ich ins Zentrum (werden ego-zentrisch) und so entstehen z.B. die Impfverweigerer, die den sozialen Sinn der Covid-Impfung nicht mehr verstehen, weil sie mit sozialem Sinn nichts mehr anfangen können.
Die letzten sechzig Jahre an Dauerpenetration mit Werbung, die ausschließlich auf das Ich fokussiert, zeigen ihre Wirkung, der wichtigste Satz lautet jetzt „Ich will alles und das jetzt gleich“.

4.) Das immer schneller werdende Internet macht aus den Menschen Ungeduldige, die Warten nicht mehr aushalten können und in Folge keinen Triebaufschub mehr dulden. Durch die Verstärkung ihrer Blase in Verbindung mit dem aufgeblasenen Ich beginnen sie die schnelle, die sofortige Triebbefriedigung als ihr Recht anzusehen und entsprechend einzufordern. Das Essen wird zum Fast-Food, das Auto zum Rennwagen und das Fernsehen zum Netflix, wo der Qualtinger nur mehr selten zu Gast ist und sagt „I waaß zwoa no ned wo i hin wü, oba dafür bin i gschwinder durt.“

5.) Durch die gefühlte Orientierungslosigkeit richtet sich der Fokus, die Motivation auf die eine Wahrheit, die scheinbar hilft die Komplexität nicht aushalten zu müssen. In diesem Fall helfen Argumente nichts mehr, der Ideologie ist immanent, dass sie nicht kritisierbar ist, weil Kritik daran verboten ist. Die Leichtigkeit des Lebens innerhalb eines akademisch reflektierten und durch soziale Absicherung stabilen Weltbildes wird ersetzt durch die Leichtigkeit des „Mono-Theorismus“, an den sich passende Teile anheften und von dem nicht passende Teile sofort abgestoßen werden. Man nennt das „Bestätigungsverzerrung“ und es bedeutet, dass man nur mehr Fakten als solche akzeptiert, die die eigene Grundannahme bestätigen. Dadurch wird keine anstrengende Argumentation mehr notwendig, kein Austausch.
Das im Ergebnis leichte, weil schwer erarbeitete Wissen wird ersetzt durch den leichten Glauben, die Leichtgläubigkeit. Dazu passend sind Verschwörungstheorien reizvoller, lustvoller, als die komplexen offiziellen Theorien und extreme Ansichten bieten eine sichere Ecke anstelle des scharfen Windes am unsicheren Grat der Relativierung.

Wer nichts mehr weiß, muss alles glauben – dieser Satz beginnt an Bedeutung zu gewinnen und führt uns sanft, aber konsequent in eine düstere Prognose, wenn nicht gar in eine dystopische Soziallandschaft, in der die Menschen fette Pizza und noch fettere Burger bewegungslos mit übersüßten Limonaden hinunterspülen und nur mehr über kurze Worte am Bildschirm kommunizieren.

Guido Schwarz, 9. Februar 2022

Covid19-Massentests – ein Bericht

Es ist jetzt 13:52 Uhr und ich bin bereits wieder daheim. Mein Time-Slot für den Massentest war um 13:30.
Das ist das Tolle daran.

Weniger toll ist, dass ich nicht getestet wurde. Die Gründe dafür möchte ich kurz schildern.

Zuerst ist die Anmeldung schon einmal sehr mühsam, weil ich mehrere Fehlermeldungen bekam:

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Bild 1: Fehlermeldung

Ich versuche es daraufhin mehrfach und mit ca. einer Stunde Verspätung bekomme ich dann die Nachricht, dass ich um 13:30 eingeteilt bin. Ich finde das prinzipiell gut, dass die Freiwilligen bestimmten Zeiten zugeteilt werden, damit es dort nicht zu langen Warteschlangen kommt.
Dann muss ich nur noch einen Laufzettel ausdrucken, auf dem eine Nummer stand (90048743) und mich zum Zeitpunkt am Roland-Rainer-Platz 1 einfinden. Das ist der Platz vor der Stadthalle, in der angeblich jede Menge Schnelltest-Straßen aufgebaut wurden.
Ich besteige frohen Mutes die U6, die sich als erfreulich leer erweist – nicht mehr als sonst jedenfalls, keine Spur von Gedränge.

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Bild 2: In der U6

Ich steige aus und marschiere zur Stadthalle. Dort sehe ich die Schlange. Genauer: die Mutter aller Schlangen. Die längste Schlange, die ich in meinem Leben je gesehen habe – noch viel länger als die damals in London Heathrow beim schlimmsten Urlaub meines Lebens. Und die war echt arg.

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Bild 3: Die Schlange, die ich aufgrund ihrer Länge nicht auf ein Bild bekommen konnte.

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Bild 4: noch eine andere Perspektive der Mutter aller Warteschlangen, die sich tatsächlich aufgrund ihrer Länge schlängeln musste

Auf dem Bild ist es leider nicht zu erkennen: Die Schlange reicht von der Stadthalle zurück quer durch den gesamten Park bis zum Gehsteig Hütteldorfer Straße, dort den gesamten Gehsteig wieder hinauf zur Stadthalle und noch einmal die gesamte Länge zurück bis zur Ecke des Parks. Geschätzt 500 Meter.
Die Leute bemühen sich nicht dicht gedrängt zu stehen, aber sie können auch keine Schlange quer durch halb Wien bilden, außerdem ist allen kalt (es weht ein eisiger Wind bei 3 Grad – wenigstens plus und nicht minus) und vielleicht hat ja auch der eine oder die andere nicht ewig Zeit.
Eine Ewigkeit dauert es nämlich bis zum Eingang in´s Warme. Ich schätze die Wartezeit auf ca. zwei Stunden.

Was dann dort drinnen stattfindet, konnte ich nicht mehr herausfinden. Für zwei Stunden Warten im Freien war ich nicht ausgerüstet, schon gar nicht ohne Bewegung.
Zudem gab es keinerlei Ordnerdienste, schlicht und einfach niemand, der Auskunft geben hätte können oder irgend eine andere Art der Information. Es gab nur einen frierenden Studenten, der am Eck des Parks FFP2-Masken austeilte und sonst nichts wusste und auch nicht helfen konnte.

Fazit: Ich bin wieder heimgefahren und hab den Laufzettel zum Altpapier befördert. Für mich hat sich die Fahrt trotzdem ausgezahlt, denn ich habe die schlechteste Organisation sehen dürfen, die ich je erlebt habe.
Da ich selbst seit ca. 25 Jahren Projekte organisiere, war das quasi das ultimative Lehrstück des Scheiterns, der Desorganisation.
Kurz aufgelistet:

1.) Wenn ich einen Zeitslot bekomme, dann kann ich nicht mit zwei Stunden Wartezeit rechnen, auch nicht mit einer Stunde. Daher bin ich nicht darauf eingestellt, schon gar nicht im Winter im Freien.
2.) Wozu werden die Slots vergeben, wenn ich mich genauso in eine Schlange einreihen muss wie ohne Slot?
3.) Ich kann drinnen in der Halle eine Million Teststraßen haben. Das nützt nichts, wenn ich genau eine einzige Türe als Eingang habe und somit ein Nadelöhr, an dem es sich stauen muss, egal wie schnell ich die Menschen durchschleuse.
4.) Es gibt Unternehmen, die so etwas perfekt organisieren können. Warum werden die nicht engagiert? Die wissen etwa, wie man so ein irres Nadelöhr verhindert. Da gibt es Gittergassen, Ordner, Absperrbänder, Orientierungsschilder etc. Diese Firmen haben derzeit eh wenig zu tun, weil es keine Großveranstaltungen gibt.

Wer auch immer das dort organisiert, mein Neffe Niklas könnte es besser. Der ist zwar erst 1,5 Jahre alt, aber schlechter hätte er es auch nicht gemacht.

Dirndl – die Königin unter den Marmeladen

Ich mache seit 2006 Marmeladen selbst. Ein Freund hat in Greifenstein an der Donau einen wunderschönen Marillenbaum, der manchmal mehr, manchmal weniger trägt, immer aber in herausragender Qualität. Damals entstand der Wunsch nach selbstgemachter Marmelade, ohne Konservierungs- oder Farb- oder sonstige Zusatzstoffe. Einfach nur mit Zucker und einem Geliermittel, ich nehme Quittinpulver.

Zudem bevorzuge ich sortenreine Marmeladen, auch wenn sie gerade nicht in Mode sind, sondern viele Leute gerne mischen (Rhabarber-Erdbeer-Marille oder Zwetschke-Hollunder-Himbeer etc.). Mir schmeckt es besser, wenn ich die eine Frucht schmecke, die da drin ist.

Seit einigen Jahren produziere ich viele Sorten, die Dirndlmarmelade war aber die zweite nach Marille und gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Es gibt viele verschiedene Sorten, die aber alle ähnlich schmecken und sich eher in Größe und Farbe unterscheiden, von knallrot bis fast schwarz.
Allen gemeinsam ist die hohe Säure und das wenige Fruchtfleisch bei zugleich großem Kern. Offiziell heißt sie ja „Kornellkirsche“, wird aber in Österreich gern Dirndl genannt. Nach ihr ist sogar ein ganzes Tal benannt, nämlich das Pielachtal, übrigens ein wunderschönes Ausflugsziel, ich durchquere es gerne bei meinen Vespatouren. Dort wachsen die Bäume in großer Zahl und die Menschen haben erkannt, dass diese Frucht wertvoll ist und vermarkten sie gern und gut. Es gibt neben der Marmelade auch Chutney, Schnaps, Saft und noch vieles mehr.

Ich mag die Dirndlmarmelade aufgrund ihrer Vielseitigkeit. Sie passt in die Palatschinke genauso wie auf´s Brot oder zum Käse. Süß oder sauer, Dirndlmarmelade geht immer.
Zusätzlich ist ihr Geschmack mit keiner anderen Frucht vergleichbar und ihre Herstellung aufwändig, zumindest im Vergleich mit anderen Marmeladen.

Ich möchte mit diesem kleinen Beitrag zur Herstellung anregen. Es gibt speziell in Ostösterreich jede Menge Dirndlbäume, die nicht abgeerntet werden, auch in Wien und rund um Wien. Ich finde das schade und möchte auch noch auf den Nebeneffekt verweisen, dass solche selbst produzierten Marmeladen besser schmecken und zudem noch erkennen lassen, welche Schätze die Natur rund um uns bereithält.
Dirndlbaumstandorte gibt es da zwar keine, aber sonst kann ich diesen Link für alle sehr empfehlen, die nicht wissen, wo sie gratis Obst aus der Nähe bekommen können:

Fruchtfliege – Obstbäume auf öffentlichem Grund

Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich im Freundeskreis umzuhören. Meist kennt wer wen, der wen kennt, der weiß, wo ein Baum steht.
Und so funktioniert die Herstellung:

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BILD 1: Planen mit heruntergeschüttelten Dirndln

Geerntet werden die Dirndl möglichst reif, sie sollen schon weich sein, vielleicht noch nicht völlig gatschig. Man kann sie mit der Hand pflücken, was eine enorme Arbeit ist und nur bei kleineren Mengen für den Eigenbedarf empfehlenswert. Es ist aber auch da notwendig, wo sich unter dem Baum kein Platz befindet, auf den man eine Plane legen könnte, sondern etwa Gestrüpp, in das die Dirndln hineinfallen, wenn man sie herunterschüttelt.
Das ist natürlich die einfachere Variante. Im nächsten Schritt empfehle ich sie so aufzuklauben, dass möglichst wenig „Beifang“ wie kleine Äste, Blätter oder Insekten dabei sind. Ich sortiere auch die verrunzelten, vertrockneten oder sonstwie kaputten Früchte aus, vor allem die noch unreifen.
Das macht die nächsten Schritte leichter.

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BILD 2: Die Früchte im Sack, bereit zur Verarbeitung

Jetzt werden die Dirndln gebadet, um sie zu reinigen. Noch übriger Dreck schwimmt auf und kann weggefischt werden.

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BILD 3: Dirndln im Bad

Das Problem bei den Dirndln besteht vor allem darin, dass sie Steinfrüchte sind, im Gegensatz zu Marillen oder Zwetschken aber nicht vom Kern gehen. Es gibt meiner Ansicht nach nur eine sinnvolle Variante: den Einsatz einer wirklich guten flotten Lotte. Die bekommt man im Fachhandel, sollte aber Wert auf hohe Qualität legen, das macht sich schon beim ersten Einsatz bezahlt und das Ding hält auch ewig.
Im Sinne des Erhalts von Fachgeschäften empfehle ich vom Kauf bei Amazon und Co Abstand zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre z.B. hier:
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Bevor die flotte Lotte zum Einsatz kommt, müssen die Dirndln noch ein zweites Bad nehmen, diesmal ein heißes. Ich nehme dazu einen großen Topf und fülle ihn mit Wasser, allerdings nicht zu viel. Es sollen ja die Dirndln hinein und darin leicht aufkochen.
Beim Aufkochen gehen sie auf und verbrauchen mehr Platz, daher dürfen nicht zu viele Dirndln im Topf sein und auch zu viel Wasser ist nicht gut – dafür gibt es noch einen guten Grund, etwas später.

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BILD 4: Dirndln im Kochtopf

Sobald den Dirndln ordentlich heiß wird, platzen sie auf und schwimmen nach oben. Das ist genau der richtige Zeitpunkt um sie rauszuholen und sofort in die flotte Lotte zu geben, die am eigentlichen Kochtopf drauf liegt.

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BILD 5: Die Früchte werden durch die flotte Lotte passiert.

Das Passieren ist keine Kunst, jedoch tendieren die Kerne zur spontanen Flucht und sausen dann gern durch die ganze Küche. Nicht so gut ist es, wenn sie darunter im Topf landen, also ein wenig aufpassen und dann zu passieren aufhören, wenn der erste Kern springt.
Das Wasser, in dem die Dirndln „blanchiert“ wurden, bitte nicht wegschütten, sondern die nächste Ladung Dirndln hinein geben. So fortfahren, bis alle Früchte im großen Topf sind.
Jetzt kommt das Quittin dazu. Es gibt drei Varianten: 1:1 oder 1:2 oder 1:3 – das bedeutet, eine Packung ist für 1 Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucke oder für ein Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucker etc.
Wichtig ist, das Quittin zuerst in die Früchte zu rühren und diese dann aufzukochen und erst dann den Zucker dazu zu geben. Wenn man alles zugleich mischt, funktioniert das Quittin aus irgend einem Grund nicht – keine Ahnung, weshalb.

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BILD 6: Quittin dazu mischen

Sobald das Ganze ordentlich aufgekocht ist, kommt der Zucker dazu. Jetzt zahlt es sich aus einen ausreichend großen Topf genommen zu haben, damit nichts übergeht. Ich nehme ein wenig mehr als einen halben Kilo Zucker auf ein Kilo Dirndln, weil sie von Grund auf sehr sauer sind. Das hilft beim Gelieren (je mehr Zucker desto härter) und erzeugt die richtige süß-sauer Mischung.
Man kann den Zucker gleich aus der Packung hineinleeren, er löst sich schnell auf, Umrühren ist jetzt sowieso ständig angesagt. Ich verwende Feinkristallzucker, das geht schneller und kostet auch nicht mehr als Normalkristallzucker.

Jetzt geht es ans Abfüllen. Wenn die Marmelade kocht, dann kann sich oben Schaum bilden. Das ist nicht weiter tragisch, ich versuche den Schaum auf mehrere Gläser aufzuteilen und alles ist gut.
Es gibt hier sicher unterschiedliche Möglichkeiten, ich verwende einen Trichter und richte mir die Gläser möglichst alle her. Es kann nämlich passieren, dass gegen Ende die gut gelierende Marmelade schon zu stocken beginnt und sehr schnell abgefüllt werden muss. Das letzte Glas ist immer ein kleines, in das ich die Reste einfülle und meistens schon am nächsten Tag aufesse.

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BILD 7: Abfüllen der Marmelade

Die idealen Gläser sind übrigens die mit Klick-Klack-Deckel. Ich persönlich sammle über das ganze Jahr Gläser von Freunden, die sonst weggeworfen werden. Sie sind meist besser als neu gekaufte, müssen natürlich gut ausgewaschen werden, schonen aber jede Menge Ressourcen.
Während die Marmelade für 24 Stunden auskühlt, kann der Rest entsorgt werden. Außerdem nehme ich jetzt den Topf mit dem übrigen Blanchier-Wasser und fülle es in Flaschen ab. Das ist nämlich ein großartiger Dirndl-Saft, der noch gesüsst werden muss und auch im Kühlschrank nicht ewig hält. Ich nehme den Saft gerne zu den letzten schönen Festen im Freien mit, die es im September noch gibt.
Das war der Grund, die Dirndln vorher schon gründlich zu waschen.

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BILD 89´: Der Rest der Dirndln – viele Kerne

Meistens koche ich am Abend ein. Wenn ich mich dann ins Bett begebe, höre ich vor dem Einschlafen noch das eine oder andere „Popp!“ wenn einer der Klick-Klack-Deckel Unterdruck bekommt und die Marmelade für mehrere Jahre haltbar macht. Sofern sie nicht vorher aufgegessen wird.

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BILD 9: Die abgefüllte Marmelade kühlt aus und geliert.