Der Stabmixer

Er fehlt eigentlich in keiner Küche, ich brauche ihn meistens zum Marmelademachen. Als ich mir den Stabmixer kaufte, war ich frisch in die Wohnung eingezogen und legte damals noch wenig Aufmerksamkeit auf die mögliche Qualität von Küchengeräten. Ich kann mich an das Auswahlkriterium nicht erinnern, aber es wurde ein Braun Stabmixer.

Viele Jahre, fast Jahrzehnte verschwendete ich keinen Gedanken an das Gerät – es funktionierte einwandfrei und konnte genau das, was ich wollte.
Irgendwann vor ein paar Jahren brach dann unten ein Stück Plastik ab, aber ich konnte ihn weiter verwenden, die Funktion war gegeben.

Jetzt war es soweit – ein weiteres, großes Stück brach ab und bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass das Plastik generell schon rissig und brüchig ist. Jetzt erst fiel mir auf, wie lange ich das Ding schon verwendet habe – 28 Jahre. Das ist eine lange Zeit und zeigt, wie gut Braun damals die Stabmixer baute und welcher Wert auf Langzeitgebrauch gelegt wurde.

Also hab ich mir wieder einen Braun gekauft und witzigerweise hat er ein paar ähnliche Designelemente, Braun ist quasi der Linie treu geblieben, ich hoffe auch punkto Qualität und dass ich den neuen Stabmixer wieder 28 Jahre verwenden kann.
Der Preis lässt das leider nicht vermuten, der Mixer ist mit 19,90 Euro ausgesprochen billig.

braun.jpg

Bild: 2 Stabmixer von Braun, 28 Jahre Differenz

Ich hoffe, dass ich nicht bald wieder darüber berichten muss. Und jetzt gehe ich Marmelade kochen.

Die kurze Strategie

Wie groß war der Jubel der Grünen über die 14% bei der Nationalratswahl im Herbst 2019 – das beste Ergebnis aller Zeiten, wieder im Nationalrat, wieder Geld, wieder Jobs, wieder „drin“.

Ein halbes Jahr später sind die Grünen mit den Türkisen in einer Koalition und die Stimmen des Widerstands und der Kritik werden nicht nur innen, sondern auch außen größer.
Um die Situation zu verstehen, muss man sich die Koalitionsverhandlungen ansehen. Es war allen Grünen klar, dass sie die künftige Linie nicht dominieren werden und dass in dieser Linie jede Menge menschenverachtende, harte und ideologisch hart rechte Positionen das Ergebnis bestimmen werden.
Viel, sehr viel von dem, was unter türkis-blau Programm war, wurde wieder Programm und die Grünen müssen es wohl oder übel mittragen. Die einzige Alternative wäre die Auflösung der Koalition.
Wenn diese den Grünen in die Schuhe geschoben wird, stürzen sie ab ins Nichts.

Erwartung und Enttäuschung

Der heikelste Punkt an dieser Sache sind die extrem hohen Erwartungen vieler Wählerinnen und Wähler: Jetzt mit den Grünen wird es all die ausländerfeindlichen und sozial ungerechten Dinge nicht mehr geben und der Umweltschutz rutscht an die erste Stelle.

All das wurde von den Türkisen milde belächelt. Sie wussten ganz genau, dass die Grünen auch mit den besten VerhandlerInnen kein Grünes Programm zustande bringen können und dass das Ergebnis in jedem Fall von Türkis massiv dominiert wird.

Genau so kam es dann auch, plus der Besonderheit, dass die Grünen ihre Verhandlungserfolge nicht kommuniziert haben, zumindest nicht gut. Es gibt etwa eine Liste mit Grauslichkeiten, die die Grünen verhindern konnten und diese Liste ist sehr lang, wird aber nicht veröffentlicht. Sie wächst übrigens ständig, wird aber weiterhin nicht kommuniziert.
Daher hört man jetzt an jeder Ecke Aussagen der Enttäuschung, teilweise wütend, teilweise frustriert vorgetragen.
Die tatsächliche Arbeit rückt da komplett in den Hintergrund und wird von der Mehrheit der GrünwählerInnen und GrünsympathisantInnen nicht bemerkt oder als nicht wichtig bewertet.
Was sie jedoch sofort bemerken und bewerten, sind die zahlreichen Dinge, Entscheidungen und Bereiche, in denen sich nichts Grünes oder nur ganz wenig zeigt.
Es wirkt, als ob genau die Menschen besonders enttäuscht sind, die während der Koalitionsverhandlungen vehement für eine türkis-grüne Koalition akklamiert haben.
Dass sie mit viel zu hohen Erwartungshandlungen auf die Grünen geblickt haben, hilft zwar als Erklärung, aber gerade die Enttäuschten wollen das nicht hören.
Ich nenne das die „Erwartungslegasthenie“, denn sie verwechseln 14 mit 41 Prozent. Sie hätten gerne, dass sie Grünen so viel durchsetzen, als hätten sie bei der Wahl 41% der Stimmen bekommen. Manche verlangen sogar so viel, als hätten die Grünen die absolute Mehrheit im Parlament.

Die Türkisen schmunzeln übrigens noch immer und gehen den von ihnen gewollten und eingeschlagenen Weg. Und sie verkaufen Siege und Erfolge der Grünen als ihre eigenen.
Die Grünen kämpfen im Parlament und in den zahlreichen Ausschüssen und Kommissionen und sonstigen Gremien mit allen Kräften gegen die Härte an und erreichen auch einiges. Doch auch jetzt gilt: Die Kommunikation nach außen ist – vorsichtig ausgedrückt – katastrophal. Die Einzelpersonen Kogler und Anschober kommen zwar ganz gut an, aber auch ihnen wird vorgeworfen, dass sie „umfallen“.
Dieser Eindruck entsteht, weil sie Erfolge nicht als grüne Erfolge kommunizieren. Die Türkisen tun das zwar auch nicht, da sie aber den Kanzler und den Großteil der MinisterInnen stellen, werden ihnen die Erfolge automatisch zugerechnet.

Ich komme jetzt zum Punkt, nämlich der Frage, wie das weitergeht.

Der Blick in die Zukunft

Er ist wie immer schwierig, aber ich wage ihn trotzdem.
Wir haben derzeit die erste Corona-Welle hinter uns und einen Sommer voller Lockerungen und als Beobachtungszeitraum vor uns. Ob es eine zweite Welle geben wird und wie stark diese ausfällt, kann absolut niemand sagen.
Für die Türkisen ist das aber egal, denn sie können ihre Strategie problemlos weiterfahren und haben es überhaupt nicht eilig. So lange der grüne Stern sinkt, steigt der Türkise. Derzeit steigt der sogar so hoch, dass die Absolute in Umfragen zum Greifen nahe ist.

Wir erinnern uns an Sebastian Kurz und seinen vielleicht einzigen Moment, in dem wir alle hinter seine Kulisse blicken konnten: „Heute hat das Parlament entschieden, morgen entscheidet das Volk“.
Wenn man diese Aussage in die Entwicklungsgeschichte der Karriere von Sebastian Kurz einreiht, ergibt sich ein durchaus stimmiges Bild. Als Staatssekretär für Integration hat er sich sehr mittig positioniert. In dieser Zeit entstanden Aussagen, die heute höchst bizarr wirken, wenn man weiß, wofür er heute eintritt.
Dann kam seine Zeit als Außenminister. Es ist faszinierend, wie unbeschadet er sie überstanden hat. Er ließ sich weder im österr. Parlament noch in der Konferenz der europäischen Außenminister oft blicken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Absenz in Gremien immer bedeutet, dass mir die Gremien nicht wichtig sind. Und das, was sie repräsentieren, auch nicht.
An dieser Stelle erlaube ich mir eine Behauptung: Sebastian Kurz ist kein Demokrat in dem Sinne, dass er parlamentarische Demokratie als wertvollste und anstrebenswerteste Staatsform sieht.
Er erträgt sie, um sie bei erstbester Gelegenheit loszuwerden. Sie ist für ihn eine sinnvolle Stufe auf einem Weg, der ganz woanders hin führt.

Bei der Verwirklichung hilft ihm die Ursuppe der ÖVP, die er inzwischen in „Neue Volkspartei“ umbenannt und ihr auch eine neue Farbe – eben türkis – gegeben hat.
Auch die Umbenennung in eine „Bewegung“ hilft bei der Erreichung seiner Ziele, denn das ist so schwammig, dass man es für alles verwenden kann. Und es hilft die Vergangenheit abzustreifen, zumindest den Teil, der für die Zielerreichung hinderlich ist: der konservativ-christliche.
In der alten ÖVP gab es Werte sie Sozialpartnerschaft, Erhaltung des Wertvollen, und zwar materiell und immateriell, eingebettet in ein katholisches Weltbild, in dem bestimmte christliche Werte durchaus das Handeln leiteten. Umweltschutz war da übrigens Teil der Erhaltung des Wertvollen, nicht umsonst war die eine Hälfte der Grünen bei ihrer Entstehung aus dem bürgerlich-konservativen Lager.

Das ist restlos verschwunden. Geblieben ist der Teil der alten ÖVP, der Macht will und sonst gar nichts. Dabei ist Europa im Weg, weil es nationalistische Entwicklungen behindert oder zumindest verlangsamt. Lange Zeit gab es Stimmen, die meinten, Kurz möchte in der EU Karriere machen. Ich glaube das nicht oder zumindest erst, wenn er eine Art Imperator von Europa werden kann. Das kann dauern, aber er ist ja auch noch sehr jung – der jüngste Regierungschef in Europa.

Die Grünen sind eine basisdemokratische Partei, in der eine parlamentarische Demokratie einen hohen Stellenwert hat. Sie werden nicht bereit sein, diese aufzugeben.
Glücklicherweise für Sebastian Kurz ist das aber kein Hindernis. Die Grünen selbst sind zwar ein Hindernis, aber kein hohes. Und es gibt auch schon einen Weg, wie er sie loswerden und zugleich als strahlender Sieger dastehen kann.
Dieser Weg sieht folgendermaßen aus:

Der türkise Weg

1.) Durch die schon beschriebene Konstellation gewinnt Kurz derzeit massiv an Stimmen dazu, während die Grünen nur sehr leicht dazu gewinnen. Das spielt aber für ihn keine Rolle, weil der Abstand dadurch trotzdem immer größer wird. Mit anderen Worten: Dass die Kurve der Grünen leicht nach oben geht, ist ihm so lange egal, so lange seine Kurve stark nach oben geht.
Derzeit ist seine Kurve von 37% auf 48% gestiegen, die der Grünen von 14% auf 17%.
Das kann also noch länger so weitergehen, hier haben die Türkisen keinen Druck.

2.) Durch die Corona-Krise gewinnt Kurz weiterhin dazu und die Grünen verlieren, weil sich intern, aber auch im Mainstream Widerstand aufbaut. Für die Türkisen lautet die Devise: je mehr, desto besser. Die Grünen werden sozusagen sturmreif geschossen.
Sebastian Kurz macht das folgendermaßen: Er startet eine Initiative nach der anderen, die den Grünen weh tun, weil sie gegen ihre Prinzipien sind. Besonders beliebt und erfolgreich ist das Agitieren gegen Ausländer oder gegen sozial Schwache. Immer wenn die Grünen da mitgehen bzw. mitgehen müssen, weil es sonst einen Koalitionsbruch bedeuten würde, steigt der Widerstand der Grünen Basis. Kurz legt da immer wieder ein Schäufelchen nach, eine kleine soziale Ungerechtigkeit, eine Gesetzesnovelle gegen Arme, die Unterstützung harter Maßnahmen gegen Flüchtlinge etc.
Die Grünen wehren sich dagegen nicht, interessanterweise nicht einmal durch Aufklärung der eigenen Basis über das, was Kurz da tut und wie er mit ihnen umgeht. Es gibt ausschließlich Jubelmeldungen darüber, wie gut man selbst ist und wie super es mit dem Koalitionspartner läuft.
Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, welche Knebel Kurz den Grünen da angelegt hat, aber sie sind sehr wirksam.

3) Sobald Kurz von seinen Experten das Signal bekommt, dass sich die Absolute ausgehen wird, bricht er die Koalition auf. Er wird das nicht mitten in einer Corona-Welle tun, aber das muss er auch nicht, weil er keinen Zeitdruck hat. Die SPÖ ist mit sich selbst beschäftigt und damit, auf die Grünen hinzuhacken – interessantweise deutlich stärker und öfter als auf die Türkisen. Die FPÖ ist zumindest derzeit noch ziemlich tot, Kurz konnte durch eine stramme Rechtspolitik viele WählerInnen auf seine Seite ziehen.
Die NEOS sind erstens zu klein und zweitens haben sie den Schwanz eingezogen, als es das Misstrauensvotum gegen Kurz gab. Von denen geht für ihn keinerlei Gefahr aus.
Das Perfide daran ist, dass Kurz die Koalition aufbrechen und sehr einfach dafür den Grünen die Schuld geben kann. Er braucht nur in den Krug, den er bereits mit den erwähnten Entscheidungen fast an den Rand gefüllt hat, ein wenig nachleeren.
Dieses Wenige ist so wenig, dass er es als Bagatelle hinstellen kann und dafür keine Verantwortung übernehmen muss. Für die Grünen hingegen wäre es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Auch wenn Kogler, Anschober und die anderen unter Aufbietung aller Zurückhaltung und unter weit hörbarem Zähneknirschen das noch irgendwie ertragen würden, werden sie von der Basis gezwungen, die Koalition aufzukündigen.

4.) Auf diesen Moment hat Kurz nur gewartet, denn jetzt kann er sagen, dass die Grünen gänzlich ohne Grund die so tolle und von ihm initiierte Koalition aufgebrochen haben. Das oben erwähnte Wenige kann er glaubwürdig als Lappalie darstellen, wegen der ein Koalitionsbruch nun wirklich nicht notwendig gewesen wäre. Jubel seiner Anhänger und Schmährufe für die Grünen.

5.) Jetzt muss er leider Neuwahlen ausrufen und kann sich – wieder einmal – als das Opfer darstellen, diesmal nicht der FPÖ, nicht der SPÖ, sondern der untreuen Grünen. Die sind im Arsch, weil sie medial nach innen und außen keine Chance haben. Kurz hingegen kann mit vollen Kräften und gänzlich unbeschädigt in einen Wahlkampf gehen, der ihm mindestens die Absolute bringt.
Die Grünen hingegen sind auf ihre Kernwählerschaft zurück gestutzt, und wie groß die ist, wissen wir seit 2017. Kurz ist damit die letzte linke Kraft im Lande los und auch endgültig das leidige Thema Umweltschutz, das seit der Wirtschaftskrise europaweit komplett in den Hintergrund gerückt ist.

Das Wahlergebnis sieht dann folgendermaßen aus:
Neue Volkspartei 55% („Ein klarer Wille des Volkes“)
SPÖ 15% („Wir sind nicht hinter die FPÖ zurück gefallen und zweitstärkste Kraft. Die Richtung stimmt!“)
FPÖ 15% („Durch die Wiedervereinigung mit Strache sind wir zweitstärkste Kraft. Ein grandioser Sieg!“)
NEOS 9% („Ein klarer Zugewinn!“)
GRÜNE 6% („Wir sind nicht aus dem Nationalrat geflogen!“)

Sebastian Kurz hat sein erstes wichtiges Ziel erreicht. Der nächste Schritt ist jetzt die schrittweise Demontage der parlamentarischen Demokratie, was mit einer absoluten Mehrheit keine echte Herausforderung darstellt, noch dazu, wo man keine 50 Kilometer entfernt die erste lupenreine Diktatur innerhalb der EU hat. Das stört übrigens bisher niemand, schon gar nicht Sebastian Kurz, dem diese Entwicklung kein einziges kritisches Wort wert war. Sein Innenminister hat gesagt, dass man solche Dinge lieber intern bespricht. Das wirkte durchaus glaubwürdig, der gleiche Stallgeruch ist jedenfalls schon vorhanden und sehr demokratisch duftet er nicht gerade.

Zum Kinosterben

Auf Facebook macht gerade das Zusperren des Bellaria-Kinos die Runde und es gibt Empörung allerseits. „Bitte nicht“ wird gepostet und „das muss doch verhindert werden.“
Die Diskussion erinnert mich an die letzten beiden Bio-Greissler in meinem Bezirk. Auch da war die Aufregung groß, als sie zusperren mussten. Leider sind die Aufgeregten nie dorthin einkaufen gegangen. Und wenn niemand hingeht, muss er zusperren. So einfach ist das.

Aber es gibt ja noch die großen Giga-Mega-Superplexxx-Kinos und in so einem (Cineplexx Auhof, bitte immer mit „xx“ statt nur einem „x“, das ist ganz wichtig, warum auch immer) hab ich mir „Rise of Skywalker“ angeschaut.
Der Kartenkauf ging einigermaßen einfach über die Website, wenngleich ich lange suchen musste, um irgendeine Beschreibung der vielen tollen technischen Neuerungen zu finden, die mit wunderschönen Logos angepriesen werden: Atmos, und Super-Wahnsinns-Dolby 28.0 und Mega-Giga-Ultra-3-D (schau ich nicht, da bekomm ich Kopfweh und die Nase drückt von den komischen Brillen).
Da ich mit meiner Nichte unterwegs war, mussten wir Kino-Normalgeher simulieren, also Cola, Popcorn und Nachos kaufen.
Beim Essen kann man das Vorsintflutliche erkennen, das in der Kinowelt drin steckt, auch in den modernsten Kinos. Die Nachos waren extrem versalzen und werden in einer Plastikschale ausgegeben. Während des Films sind sie schwer zu essen, weil es im Saal stockfinster ist.
Das Cola ist ebenfalls im Plastikbecher, wobei ich den Strohhalm weggelassen habe, ohne trinke ich es einfacher.

Jedenfalls Plastik ohne Ende, selbstverständlich alles zum Wegwerfen, meist mit der Hälfte der Nachos.

Leute, so wird das nix, das ist so anachronistisch wie nur möglich. Dazu kam noch, dass sie nirgends eine Karte haben und schon gar keine Preise angeschrieben. Auf meine Frage meinte die gelangweilte Schnepfe hinter der Ausgabetheke nur, dass es „da hinten, irgendwo im Eck“ eine kleine Tafel gäbe, wo das alles irgendwie draufstehen würde.

Alles in allem ein Erlebnis, das mich zweifeln lässt, ob die Erhaltung von Kinos wirklich erstrebenswert ist. Zumindest in dieser Form sicher nicht.

Woher kommen wir?

Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit der Frage des Ursprungs der Menschheit. Nach einigem Hin und Her sind sich aber inzwischen alle WissenschafterInnen einig, dass unser Ursprung in Afrika ist. Wo genau, das ist noch nicht ganz klar und auch nicht, ob es parallele Entwicklungen des Homo sapiens gab.
Durch die moderne Genetik konnten jedoch einige Fragen geklärt werden: Es gab tatsächlich eine Urmutter, eine Art genetische Eva, von der alle modernen Menschen abstammen.
Da finde ich spannend und es wäre vor allem ein lustiger Ansatz für eine neue Religionsgründung, sofern man Religionen überhaupt für sinnvoll hält. Im Gegensatz zu den patriarchalen Monotheismen wäre das eine matriarchale Form, die sich aus der Vererbungslinearität ergibt.

Auf die ebenso wichtige Frage, wann und wie die Menschen Afrika verlassen haben, um dann zuerst Asien und später Europa zu besiedeln, gibt es ebenfalls neue Antworten: Es geschah vor ca. 100.000 Jahren, also vor ca. 4.000 Generationen. Eine Gruppe von wenigen hundert Menschen dürfte sich von Ostafrika hinauf in Richtung Israel aufgemacht haben. Dort fand man menschliche Knochen, die auf eine durchaus hohe Zivilisation hindeuten. Konkret dürften diese Menschen bereits eine Idee eines Lebens nach dem Tod gehabt haben, die Grabbeigaben lassen darauf schließen.

Vor 125.000 Jahren war die Sahara mehr oder weniger grün, es gab Flüsse und Seen, Vegetation und Wild, sie war also einfach durchquerbar, vor allem an den Rändern. Die Menschen konnten so durch Äthiopien ans Rote Meer gelangen und dort Richtung Norden wandern. Sie kamen dann nach Israel, das ist quasi eine uralte Geschichte einer Migrationsbewegung in ein gelobtes Land, die später dann wieder aufgegriffen wurde.

Wir wissen nicht, ob es eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis gibt und wie es funktioniert. Vielleicht kann auch hier die Genetik einmal Aufschluss geben, so weit sind wir aber noch nicht.
Interessant ist es allemal, dass eine so wichtige und große Geschichte wie die erste Migration des modernen Menschen genau an der Stelle auftaucht, wo sie 100.000 Jahre zuvor tatsächlich stattfand.
Welche Art von Wissen kann sich über tausende Generationen erhalten? Ich erlebe es manchmal, dass Freunde und Bekannte, die ich mit nach Ostafrika nehme, mir von einer seltsamen Regung erzählen. Sie empfinden ein flüchtiges Deja-vu, so als ob sie schon einmal dort gewesen wären.
Das ist nachweislich nicht der Fall, also woher kommt diese Wahrnehmung, die sicher keine klassische Erinnerung ist und sein kann?

Wir finden dort eine Landschaft, die dem Auge und dem Gemüt gut tut. Es ist eine Gegend mit sanften Hügeln, Ketten niedriger Berge (so genannte „Escarpments“), weite Graslandschaften, durchzogen von kleinen und größeren Bächen und Flüssen, an deren Rändern so genannte „Galeriewälder“ wachsen.
Es ist eine stark strukturierte Landschaft, die sehr friedlich und einladend wirkt. Das ist wohl kein Zufall, denn in solch einer Landschaft sind die modernen Menschen entstanden, beginnend mit dem homo australopithecus, der sich dann zum homo habilis und schließlich zum homo sapiens weiterentwickelt hat.
Eine Theorie besagt, dass es durch Klimaveränderungen einen Rückzug der riesigen Regenwälder gab und die Landschaft trockener wurde, bis sie so aussah, wie die heutige ostafrikanische Savanne. Am Übergang zwischen Wald und Savanne entwickelte sich der Mensch, mit seiner Fähigkeit aufrecht zu gehen, durch die unsere Wirbelsäule unter den Kopf rutschte (bei Primaten steht sie hinten raus) und dadurch die Mund- und Kehlkopfpartie frei wurde für die Entwicklung einer Sprache.
Dazu kam die Fingerfertigkeit, die mit Händen entwickelt werden konnte, die nicht mehr zur Fortbewegung nötig waren.

Haben wir eine Erinnerung an unser eigenes Entstehen? Haben wir sozusagen unsere Seinsbedingung in uns gespeichert? Diese Frage ist nicht nur für Evolutionsbiologen interessant, sondern auch für Philosophen.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Menschen, die nach Kleinasien gewandert sind, dort wieder ausstarben und dass andere Entdecker über die Straße von Bab al Mandab, also der engsten Stelle des Roten Meeres, übergesetzt haben. Die Distanz beträgt 30 Kilometer, ist also mit einem einigermaßen guten Boot machbar.
Vor ca. 70.000 Jahren war die Meerenge sogar nur ca. 11 Kilometer breit und die Menschen konnten so auf die arabische Halbinsel gelangen. Die dortige Küste war damals fruchtbar und sorgte somit für eine gute Basis um zu überleben. Eine frühe Hochkultur gab der Region, die wie ein großer Garten wirkte, einen Namen: Eden.

Überfluss

Neulich, bei mir um´s Eck, gehe ich an einem Erdgeschoßfenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen.

kebab.jpg

Bild: Essen am Fenster

Das ist für sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich möchte trotzdem ein paar Gedanken dazu loswerden.

Irgendwo in der Nähe gibt es ein Kebabstandl, bei dem sich jemand eine Portion gekauft hat, das lässt sich auch ohne detektivische Fähigkeiten feststellen. Nach dem Verzehr der Hälfte hat diese Person den Rest auf das Fensterbrett gelegt und ist weggegangen. Vielleicht war er oder sie nicht mehr hungrig oder es ist etwas eingetreten – ein Anruf, der sofortiges Hinlegen des Kebabs und ebenso sofortiges Davoneilen notwendig gemacht hat. Vielleicht war nicht mehr die Zeit um den nächsten Mistkübel zu suchen. In Tatort-Fernsehkrimis gibt es solche Szenen.

Wahrscheinlicher ist, dass die Augen größer waren als der Magen – das kommt vor, auch bei mir. Und dass es dem Esser schlicht und einfach egal war, wohin der Rest seines Essens gelangt. Irgendjemand wird die Reste schon wegräumen. Es war ihm oder ihr vielleicht genauso egal wie die Größe der Portion egal war.
Mich erinnert das an die Malediven (im Reisebericht findet sich eine ausführlichere Analyse), wo sich die Menschen im Paradies wähnen. Dort ist Verschwendung Teil des umfassenden Luxuslebens, in dem man nicht verantwortlich ist für sein eigenes Verhalten und tun und lassen kann, was man will.
Auch im Kebab-Fall orte ich kein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein, weder gegenüber der Nahrung noch der Umwelt. Verständlich wird das nur durch die Überflussgesellschaft. Wenn wir uns das Wort genauer ansehen, wird die eigentliche Bedeutung klar: Etwas fließt über. Das, was über den Rand fließt, wird nicht nur nicht gebraucht, es ist zu viel und im Idealfall verschwindet es möglichst schnell. Das Überfließende ist aber nicht nur störend, wenn es nicht von alleine verschwindet, sondern auch nützlich, nämlich als Zeichen, dass man mehr hat als man braucht und sogar mehr, als man verwenden, verbrauchen, konsumieren kann. Sparen ist kontraproduktiv, niemand würde das Überfließende wieder zurück in den Behälter leeren, da es ein sofortiges nochmaliges Überfließen zur Folge hätte.

Die Menschen waren fast die gesamte Evolutionsgeschichte lang Mangelwesen. Es gab zwar temporären Überfluss, etwa wenn ein großes Tier erfolgreich gejagt war oder im Spätsommer Früchte ohne Ende zur Verfügung standen, tendenziell gab es aber fast immer Grund zur Sorge.
Andauernder Überfluss muss für die Menschen eine nahezu unwiderstehliche Verlockung gewesen sein: immer warm, immer satt – das ist vor allem dann das Paradies, wenn man selbst nicht dafür sorgen muss.

Es ist wahrscheinlich, dass unser Kebab-Zurücklasser weder das Aluminium für die Folie selbst im Bergwerk abgebaut oder im Aluminiumwerk gewalzt hat, noch das Schwein oder Huhn geschlachtet oder den Weizen für die Flade selbst angebaut hat.
Er oder sie hat es gerade mal gekauft und selbst dieser Vorgang dürfte schnell und ohne große Anstrengung vonstatten gegangen sein. Es ist fast wie gefüttert werden. Dazu ist so ein Kebab auch noch sehr billig, d.h. es ist auch fast kein anderer Aufwand notwendig, um sich so ein Kebab kaufen zu können.
Wegwerfen steht nicht nur nicht unter Strafe, es ist ein gesellschaftlich gewollter Vorgang, der auch noch reich belohnt wird, nämlich durch die Freude auf das nächste Kauferlebnis. Wegwerfen hat sich zur Norm entwickelt, wenngleich die gesellschaftliche Forderung sehr wohl dahin geht, dass ordentlich weggeworfen wird. Das Kebab hätte also mindestens im Mülleimer landen müssen.
Aber selbst das ist nur empfohlen, da die Nichtbeachtung keine echten Folgen hat. Wie viel Prozent aller Zigarettenkippen werden – außer vielleicht daheim – einfach in die Gegend geschnippt?
Die Umgebung wirkt wie ein riesiger Wunscherfüllungsraum, in dem ich in bestimmter Hinsicht tun und lassen kann, was ich will.
Wenn wir uns ein wenig zurückerinnern, dann war das nicht immer so. Meine Großmutter hat mir noch beigebracht, dass man Essen nicht wegwirft. Mehr nehmen oder kaufen, als man braucht, ist ein Fehler, sozusagen eine Sünde, die man tunlichst nicht begehen sollte.

Diese kulturelle Norm ist heute fast gänzlich verschwunden und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Wir brüsten uns mit dem Überfluss, protzen damit in die ganze Welt hinaus und wundern uns dann, wenn andere Menschen, die diesen Überfluss nicht haben, zu uns kommen. Ich erinnere: Das Überfließende ist unbrauchbar und wir können froh sein, wenn es schnell verschwindet ohne uns Aufwand zu machen. Trotzdem geben wir es nicht gerne her.
In der Kapitalismustheorie nennt man das den Trickle-Down-Effekt: Wenn die Reichen so reich sind, dass ihnen etwas über den Tischrand fällt und sie es aufgrund ihrer Trägheit oder aus anderen Gründen nicht mehr halten können, dann profitieren die Armen davon, die unter dem Tisch leben. Das sind übrigens nicht einmal mehr Almosen, weil die werden noch gegeben. Das, was über den Tischrand fällt, tut dies quasi ungewollt und konnte nur nicht daran gehindert werden.
Die Armen erhalten es quasi durch Zufall und haben darauf auch kein Recht. Und wehe, sie greifen auf den Tisch hinauf. Das ist so streng verboten, dass Eigentumsdelikte in unserem Strafsystem oft härter bestraft werden als solche, die an Leib und Leben gehen.

Interessanterweise lehnen sich die Armen nicht gegen dieses System auf. Das dürfte mehrere Gründe haben:
1.) Es fällt ausreichend viel runter und das, was runterfällt, macht träge und gleichgültig. („Gib dem Österreicher ein Schnitzerl, ein Glaserl, ein Auto, ein Handy und einen Fernseher und er wird immer die Pappn halten, egal was du tust.“ – das ist ein Zitat von mir)
2.) Kommt doch einmal Ärger auf, dann wird er umgelenkt auf die noch Ärmeren. („Schau, da ist ein Ausländer, der will dir was wegnehmen. Ich beschütze dich vor ihm.“)
3.) Viele werden in dem Glauben gehalten, dass sie irgendwann oben am Tisch sitzen werden und bleiben selbst auch gern in diesem Glauben.
4.) Man gibt den Menschen das Gefühl, dass sie das Heruntergefallene selbst verdient und daher ein Recht auf uneingeschränkten Dauerluxus hätten. („Unser Geld für unsere Leut“.)

Wie geht es weiter?
In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Vielleicht an Weisheit und ähnlichen immateriellen Gütern, nicht aber an Materie, an Dingen. Der Überfluss hat also irgendwann ein Ende, spätestens wenn alle davon profitieren wollen.
Derzeit sieht es so aus, als würde uns die Erde selbst eine Grenze setzen. Es wird spannend, ob wir diese akzeptieren oder versuchen uns darüber hinweg zu setzen. Diese Entscheidung wird dafür ausschlaggebend sein, ob wir nur unseren Überfluss abbauen müssen oder durch ein dunkles Zeitalter durch müssen.
Mahatma Gandhi hat gesagt: Es gibt auf dieser Welt genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
Ich bin gespannt, ob die Menschen auf Gandhi hören werden.