Was mir das Vespa-Fahren bedeutet

Jetzt habe ich schon zwei Bücher darüber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein.
Der Anlass für diese Zeilen sind die letzten drei oder vier Touren, die ich diesen Sommer gefahren bin. Ich werde versuchen in der Analyse noch ein wenig tiefer zu gehen als bisher. Und ich lasse mich überraschen, was dabei herauskommt.
Heuer dürfte es sowieso noch einmal spannend werden – die Elektrovespa wird fertig und verspricht weitere, neue und sehr interessante Fahreindrücke.
Aber vorerst einmal das schon Bekannte, Erforschte, Erlebte:

1.) Die magischen Orte

Vielleicht sind es einfach Orte, an denen ich mich wohl fühle, vielleicht ist es mehr. Um zu erkennen, welches Phänomen hier zu entdecken ist, habe ich versucht die Orte miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Meistens sind es Orte, die einen Weitblick erlauben, aber nicht immer. Das Gegenteil wären kleine, versteckte Höhlen, die ich beim Vespafahren aber selten finde. Am ehesten sind es schattige Plätze, die ich beim Wandern entdecke.
Mit der Vespa sind die Distanzen größer und die Orte kommen wie im Zeitraffer daher. Ich finde sie meistens, wenn ich einen Rastplatz suche. Oft ist es eine kleine Anhöhe, gerne am Waldrand, fast immer mit einer Bank, die vielleicht auch nicht zufällig genau dort hingestellt wurde.
Es sind niemals eintönige Orte und sie sind immer im Grünen, meist in der Nähe von Bäumen. Es sind Orte der Kulturlandschaft, oft mit Wiesen rundherum, an denen ich mich einfach gerne aufhalte.
Ich würde sie ohne Vespa nie finden, denn mit dem Auto komme ich maximal zufällig vorbei und habe dann auch nicht die Zeit um stehenzubleiben. Eventuell ginge es noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aber ich mache keine so langen Touren, zumindest derzeit nicht.

Wegen dieser Orte bevorzuge ich auch die Selbstversorgung beim Mittagessen. So bin ich unabhängig von Zeit und Ort und kann eine Pause machen, wann immer ich will.

2.) Die richtige Geschwindigkeit

Zu langsam ist öd, denn Geschwindigkeit macht Spaß. Zu schnell ist auch öd, weil dann geht es nur noch um Geschwindigkeit. Mit der Vespa schaffe ich die richtige Mischung. Wie das funktioniert, muss ich ein wenig näher erklären.
Die Vespas mit 125er-Motor sind für lange Touren zwar auch geeignet, mir aber ein wenig zu schwach. Mit 6-8 PS verhungerst du an jeder Steigung und um die ideale Geschwindigkeit fahren zu können, musst du den Gasgriff geradezu auswinden.
Als ideal empfinde ich einen leicht getuneten 200er. Im Originalzustand hat er 12 PS und geht am Tacho ca. 100 km/h. Das ist ausreichend für lange Touren.
Ein wenig stärker bedeutet in meinem Fall ein 221 ccm Polini-Aluzylinder, der nicht viel mehr Höchstgeschwindigkeit liefert, dafür aber viel Drehmoment von unten. Ich habe seit mehr als zehn Jahren verschiedene Motore getestet und dieser hat sich als die ideale Mischung herausgestellt. Er ist nicht so stark, dass er anfällig wird und zugleich sehr sparsam. Im Schnitt braucht er 4,3 Liter, womit ich sehr zufrieden bin.

Der eigentliche Trick ist die Art und Weise, wie er sich fahren lässt. Wenn ich auf der Ebene mit 80 dahinrollere, habe ich den Gasgriff knapp über Standgas. Der Motor spielt sich, dreht nicht allzu hoch und verbraucht deswegen wenig Sprit. Ich habe jederzeit eine Reserve und laut ist er auch nicht, weil er keinen Rennauspuff braucht, um seine Leistung zu bringen. Wenn der Vergaser gut eingestellt ist, riecht man zwar, dass ein Zweitakter vorbei fährt, es gibt jedoch keinerlei Rauchwolke.

Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zuverlässigkeit des Alu-Zylinders. Er ist nicht auf Höchstleistung ausgelegt und ich fahre ihn jetzt seit über 15.000 Kilometern. Er springt fast immer auf den ersten Kick an und war niemals schuld an den kleinen Pannen, die ich in den letzten Jahren hatte.

Die ideale Geschwindigkeit ist immer und überall verschieden. Ich merke, dass ich sie fahre, wenn ich mich erstens sicher fühle und zweitens nicht auf den Tacho schaue. Es kommt vor, dass sich die richtige Geschwindigkeit einfach ergibt. Meine Hand wandert mit dem Gasgriff automatisch an die Stelle, an der sich die ideale Geschwindigkeit befindet. In den meisten Fällen ist das zwischen 70 und 90 am Tacho, was 65 bis 85 entspricht.

Bei dieser Geschwindigkeit habe ich nicht nur gute Chancen rechtzeitig zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes auftritt, ich bekomme auch mit, wo ich fahre.
Bei schnellen Motorrädern ist das nur sehr bedingt der Fall. Zu wichtig ist die Beherrschung der Geschwindigkeit und die Konzentration auf die Fahrbahn.
Mit der Vespa kann ich die Eindrücke rund um mich herum aufnehmen, wenngleich eine gewisse Konzentration natürlich auch notwendig ist.

3.) Die Technik

Ich kenne ja beide Welten sehr gut – sowohl die Puch Typhoon als auch die Gilera Fuoco und jetzt die Honda SH sind Automatikroller, wenngleich die Puch noch ein Zweitakter war und am ehesten Ähnlichkeiten mit alten Vespas hatte.
Und doch ist das Fahren eines historischen Schaltrollers eine ganz andere Angelegenheit. Seit 2017 sind übrigens alle Schaltroller historisch, da seitdem keine mehr erzeugt werden und somit auch nicht neu kaufbar sind. Bis dahin waren die LML Star und die Vespa PX aber sowieso seit vielen Jahren die einzigen die es noch gab, mit einem über vierzig Jahre alten Konzept.
Die 4-Gang-Handschaltung, die einseitige Schwinge vorne, der Zweitaktmotor mit Direktantrieb, die Blechkarosserie – in Summe ergibt das ein ganz eigenes Konzept von Fahrzeug, das über Jahrzehnte die Menschen beeinflusst hat, die damit gefahren sind bzw. heute noch fahren. Der Philosoph Günther Anders hat einmal gesagt, die Menschen übernehmen die Logik der Maschinen, die sie bedienen und das gilt auch für Fahrzeuge. Also: Wer mit dem Rad fährt, übernimmt die Logik des Fahrrads, z.B. was Geschwindigkeit betrifft oder Platzverbrauch und noch viele andere Dinge. Das Gleiche gilt für Menschen, wenn sie im Auto sitzen oder im Zug.
Sollte er Recht haben, dann gilt das auch für Motorroller und wohl ganz speziell für Vespas. Sie verlangen von ihren FahrerInnen einiges, was moderne Automatikroller nicht verlangen. Dazu gehört ein Mindestmaß an Gefühl für die Technik, auf der man sitzt. Es gehört aber auch die Art und Weise dazu, wie man mit der Straße umgeht, mit Kurven und Steigungen, mit Schlaglöchern und rutschiger Fahrbahn.
Mit der alten Vespa wird die Strecke anders erfahrbahr, irgendwie unmittelbarer, direkter, ich möchte fast sagen: lebendiger. Für die Motoren z.B. ist die Bewältigung einer langen Tour eine Herausforderung, auch wenn sie gut eingestellt sind. Einem modernen Automatikroller ist das weitgehend egal und somit wird es auch dem Fahrer bzw. der Fahrerin egal. Natürlich wollen Kurven mit jedem Fahrzeug richtig gefahren werden, aber es ist doch etwas ganz anderes.
Zu alldem gibt es dann noch eine Steigerungsstufe, nämlich wenn die Vespa frisiert ist, also einen stärkeren Motor hat. Bei mir sind das gerade mal 24ccm und ein Aluzylinder statt einem Grauguss. Dazu kommt aber noch ein anderer Vergaser und ein anderer Auspuff. Das alles verändert den gesamten Motor und zwar immer – egal wie gut man ihn aufbaut – in Richtung Labilität. Es gibt mehr Möglichkeiten wie etwas kaputt gehen kann und das passiert dann auch.
Dadurch bekommt genau der Technik-Aspekt noch mehr Bedeutung. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jeder Ausfahrt bangen muss, ob ich auch wieder zurück komme, aber der Motor braucht einfach mehr Zuwendung. Es muss öfter etwas getauscht, neu eingestellt oder repariert werden. Und es kommt der Aspekt der Steigerung dazu: Wird der neue Aufbau des Motors halten? Wie gut bewährt er sich punkto Drehmoment, Fahrspaß oder Laufruhe?
Mit jeder kleinen Veränderung baut man auch eine Schwachstelle ein.
Das ist natürlich nicht beabsichtigt, denn kein Mensch bleibt gerne irgendwo im Nirgendwo mit einer Panne liegen und will sich überlegen müssen, wie er wieder nach Hause kommt und ob die Vespa noch da ist, wenn er sie abholt – am nächsten Tag oder wann auch immer man ein Fahrzeug organisieren kann.
Die Schwachstellen lassen sich aber nur bedingt vermeiden, allein schon wegen der Streuung in der Erzeugung der Teile. Da kauft man nicht immer Qualität und das zeigt sich dann nach ein paar Kilometern oder auch erst nach einem halben Jahr.

4.) Der Charme des Mangelhaften

Wenn man hängen bleibt, entwickelt sich die Tour ganz plötzlich zu einem Abenteuer. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine interessante Panne. Es war kurz nach Pottenstein in einem Tal (die Anfahrt zum Hals, wer´s kennt), als der Motor plötzlich ausging. Bei alten Vespas ist das an und für sich nichts Besonders und bedeutet meistens nur, dass der Sprit auf Reserve gesprungen ist. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und fährt weiter. Meist geht das sogar noch während der Fahrt, wenn man schnell genug hinunter greift.
Diesmal war es anders. Ich war mit Stefano unterwegs und wir waren auf der 2-Corona-Tour, also meiner längsten Tagestour mit eher wenig Zeitreserve.
Das Tröstliche war, dass im Falle des endgültigen Liegenbleibens Stefano mit einem großen Automatikroller unterwegs war und mich problemlos hätte mitnehmen können.
Die Aussicht, die Vespa aber genau dort neben der Straße parken zu müssen – dort ist weit und breit kein Haus oder sonst was – war wenig prickelnd, also machten wir uns an die Fehlersuche.
Wir tauschten Zündkerze und schraubten den Vergaser auseinander, konnten aber nichts finden. Nach ca. 30 Minuten war ich schon kurz davor aufzugeben, als der Motor urplötzlich wieder ansprang und so tat, als wäre nichts gewesen.
In so einem Fall steigt man einfach auf und fährt weiter – das hab ich auf meiner Rom-Reise gelernt.
Das funktionierte auch diesmal, und zwar ca. eine Stunde lang. Dann war wieder Sense. Diesmal zückte ich jedoch meinen letzten Trumpf und montierte eine neue CDI – das ist die elektronische Zündbox mit Zündspule. So eine hab ich immer in Reserve mit und die lässt sich mit zwei Schrauben binnen weniger Minuten tauschen.
Damit war der Fehler gefunden und wir konnten die Tour an diesem Tag erfolgreich zu Ende fahren.

Wenn ich keine Reservebox mitgehabt hätte, wäre die Vespa gestanden. Ich hätte sie wahrscheinlich irgendwie zum nächsten bewohnten Ort geschoben und dort einen netten Menschen gesucht, bei dem ich sie für ein oder zwei Tage unterstellen hätte können. Das wäre nicht das erste Mal gewesen.

Solche und ähnliche Pannen verlangen Improvisationsfähigkeiten, hie und da ein wenig Chuzpe und noch einiges andere. Dafür lernt man immer wieder nette Menschen kennen und manchmal interessante Orte. In meinen Vespa-Büchern habe ich einige dieser Ereignisse genau beschrieben.
Man taucht bei solchen Gelegenheiten auch in eine längst vergangene Welt ein, als Fahrzeuge generell noch recht unzuverlässig waren und es auf Reisen und generell im Straßenverkehr zu deutlich mehr Begegnungen kam. Pass-Straßen mussten überwunden werden und lange Distanzen verlangten nach mehreren Etappen, während man heute von Wien bis Venedig auf der Autobahn durchfahren kann, im minimalen Fall mit einer einzigen Tankpause von wenigen Minuten.
Mit einer alten Vespa geht das nicht. Die Technik zwingt zu anderem Verhalten, letztlich zu einer anderen Sichtweise auf die Umgebung und auf die Welt im weitesten Sinn.
Durch die anfällige und mangelhafte Technik wird der Fahrer/die Fahrerin selbst auch anfällig und mangelhaft, aber auch reicher, vielfältiger, näher an der Welt. Reisen bekommt eine andere Bedeutung, Ziele sind verbunden mit dem manchmal recht beschwerlichen Weg dorthin.
Wer heute an´s Meer will, ist mit dem Auto, dem Flugzeug oder dem Schnellzug quasi im Handumdrehen dort. Das Meer ist das gleiche wie früher, aber der erste Anblick ist ein anderer, wenn man sich die Strecke, den Weg dorthin erarbeiten musste.
Die Technik einer alten Vespa verlacht die Bequemlichkeit und verlangt von ihrem Benützer eine entsprechende Anpassungsleistung. Wetter spielt auf einmal eine Rolle, Straßenbeschaffenheit auch und Zeit sowieso.
Ziele bekommt man nicht geschenkt, dafür fühlen sie sich dann, wenn man sie erreicht hat, wie ein Geschenk an.

Wenn du fluchend bei einsetzendem Regen oder hereinbrechender Dunkelheit oder beidem am Straßenrand stehst und die Autos an dir vorbei rasen, verfluchst du das ferne Ziel und wünscht dir die Bequemlichkeit herbei.
Wenn du aber dann die netten Motorradfahrer kennenlernst, die stehen geblieben sind und dich in den nächsten Ort mitnehmen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Mit einer alten Vespa tauscht du die Anonymität gegen die Begegnung, die Bequemlichkeit gegen das Abenteuer und die vorbeiziehende Landschaft gegen echte Orte.
Das ist etwas, was viele Menschen zum Vespafahren bringt und auch dort festhält.

Woher kommen wir?

Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit der Frage des Ursprungs der Menschheit. Nach einigem Hin und Her sind sich aber inzwischen alle WissenschafterInnen einig, dass unser Ursprung in Afrika ist. Wo genau, das ist noch nicht ganz klar und auch nicht, ob es parallele Entwicklungen des Homo sapiens gab.
Durch die moderne Genetik konnten jedoch einige Fragen geklärt werden: Es gab tatsächlich eine Urmutter, eine Art genetische Eva, von der alle modernen Menschen abstammen.
Da finde ich spannend und es wäre vor allem ein lustiger Ansatz für eine neue Religionsgründung, sofern man Religionen überhaupt für sinnvoll hält. Im Gegensatz zu den patriarchalen Monotheismen wäre das eine matriarchale Form, die sich aus der Vererbungslinearität ergibt.

Auf die ebenso wichtige Frage, wann und wie die Menschen Afrika verlassen haben, um dann zuerst Asien und später Europa zu besiedeln, gibt es ebenfalls neue Antworten: Es geschah vor ca. 100.000 Jahren, also vor ca. 4.000 Generationen. Eine Gruppe von wenigen hundert Menschen dürfte sich von Ostafrika hinauf in Richtung Israel aufgemacht haben. Dort fand man menschliche Knochen, die auf eine durchaus hohe Zivilisation hindeuten. Konkret dürften diese Menschen bereits eine Idee eines Lebens nach dem Tod gehabt haben, die Grabbeigaben lassen darauf schließen.

Vor 125.000 Jahren war die Sahara mehr oder weniger grün, es gab Flüsse und Seen, Vegetation und Wild, sie war also einfach durchquerbar, vor allem an den Rändern. Die Menschen konnten so durch Äthiopien ans Rote Meer gelangen und dort Richtung Norden wandern. Sie kamen dann nach Israel, das ist quasi eine uralte Geschichte einer Migrationsbewegung in ein gelobtes Land, die später dann wieder aufgegriffen wurde.

Wir wissen nicht, ob es eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis gibt und wie es funktioniert. Vielleicht kann auch hier die Genetik einmal Aufschluss geben, so weit sind wir aber noch nicht.
Interessant ist es allemal, dass eine so wichtige und große Geschichte wie die erste Migration des modernen Menschen genau an der Stelle auftaucht, wo sie 100.000 Jahre zuvor tatsächlich stattfand.
Welche Art von Wissen kann sich über tausende Generationen erhalten? Ich erlebe es manchmal, dass Freunde und Bekannte, die ich mit nach Ostafrika nehme, mir von einer seltsamen Regung erzählen. Sie empfinden ein flüchtiges Deja-vu, so als ob sie schon einmal dort gewesen wären.
Das ist nachweislich nicht der Fall, also woher kommt diese Wahrnehmung, die sicher keine klassische Erinnerung ist und sein kann?

Wir finden dort eine Landschaft, die dem Auge und dem Gemüt gut tut. Es ist eine Gegend mit sanften Hügeln, Ketten niedriger Berge (so genannte „Escarpments“), weite Graslandschaften, durchzogen von kleinen und größeren Bächen und Flüssen, an deren Rändern so genannte „Galeriewälder“ wachsen.
Es ist eine stark strukturierte Landschaft, die sehr friedlich und einladend wirkt. Das ist wohl kein Zufall, denn in solch einer Landschaft sind die modernen Menschen entstanden, beginnend mit dem homo australopithecus, der sich dann zum homo habilis und schließlich zum homo sapiens weiterentwickelt hat.
Eine Theorie besagt, dass es durch Klimaveränderungen einen Rückzug der riesigen Regenwälder gab und die Landschaft trockener wurde, bis sie so aussah, wie die heutige ostafrikanische Savanne. Am Übergang zwischen Wald und Savanne entwickelte sich der Mensch, mit seiner Fähigkeit aufrecht zu gehen, durch die unsere Wirbelsäule unter den Kopf rutschte (bei Primaten steht sie hinten raus) und dadurch die Mund- und Kehlkopfpartie frei wurde für die Entwicklung einer Sprache.
Dazu kam die Fingerfertigkeit, die mit Händen entwickelt werden konnte, die nicht mehr zur Fortbewegung nötig waren.

Haben wir eine Erinnerung an unser eigenes Entstehen? Haben wir sozusagen unsere Seinsbedingung in uns gespeichert? Diese Frage ist nicht nur für Evolutionsbiologen interessant, sondern auch für Philosophen.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Menschen, die nach Kleinasien gewandert sind, dort wieder ausstarben und dass andere Entdecker über die Straße von Bab al Mandab, also der engsten Stelle des Roten Meeres, übergesetzt haben. Die Distanz beträgt 30 Kilometer, ist also mit einem einigermaßen guten Boot machbar.
Vor ca. 70.000 Jahren war die Meerenge sogar nur ca. 11 Kilometer breit und die Menschen konnten so auf die arabische Halbinsel gelangen. Die dortige Küste war damals fruchtbar und sorgte somit für eine gute Basis um zu überleben. Eine frühe Hochkultur gab der Region, die wie ein großer Garten wirkte, einen Namen: Eden.

Unsere Zukunft und die Drake-Gleichung

Wir kümmern uns um Plastiksackerln und ob sie verboten werden sollten oder nicht. Und natürlich um Parkplätze für unsere Autos. Das sind zwar auch interessante Fragen, aber wenn wir uns eine oder mehrere Stufen höher begeben, tauchen andere, noch wichtigere auf.

Die Astrophysiker etwa haben das schon 1961 getan und ein junger Physiker namens Frank Drake hat daraufhin die „Drake-Gleichung“ erstellt:

N = R x fp x ne x fl x fi x fc x L

Diese Gleichung soll helfen auszurechnen, wie hoch die Anzahl außerirdischer intelligenter Lebensformen ist, mit denen wir in Kontakt treten könnten.

Die Gleichung liest sich wie folgt:
„N“ ist die auszurechnende Zahl
„R“ ist die mittlere Sternentstehungsrate pro Jahr in unserer Galaxis
„fP“ ist der Anteil an Sternen mit mindestens einem Planeten
„ne“ ist die Anzahl der Planeten innerhalb der habitablen Zone
„fI“ ist der Anteil an Planeten, auf denen sich Leben entwickelt hat
„fi“ ist der Anteil an Planeten mit intelligentem Leben
„fc“ ist der Anteil an Planeten, auf denen intelligentes Leben mit uns in Kontakt treten kann und will
„L“ ist die Zeitdauer des Überlebens solcher Lebensformen

Am spannendsten ist für uns der Faktor „L“, denn er betrifft uns direkt.
Damals, im Jahr 1962, war die Gefahr eines atomaren Weltkrieges die größte, die „L“ beeinflussen konnte. Heute ist es wohl die Klimakrise, in der wir gerade stecken. Sofern wir bereit sind, uns auf die Ebene zu begeben, die Zukunft jenseits von Plastiksackerln und Parkplätzen zu betrachten, stoßen wir wohl zwangsläufig auf dieses „L“ als unbekannten Faktor.

Auf der Suche nach außerirdischem Leben ist er deswegen so interessant, weil die Wahrscheinlichkeit Kontakt aufzunehmen, stark von der Lebensdauer anderer intelligenter Lebensformen abhängt. Es kann durchaus sein, dass wir einen Planeten entdecken, auf dem es so etwas gab, aber eben nicht mehr gibt. Und das gilt natürlich auch umgekehrt, also wenn wir von Außerirdischen entdeckt werden, selbst aber bereits ausgestorben sind.

Vielleicht sollten wir uns darum kümmern, unseren Planeten nicht so zu zerstören, dass wir selbst darauf nicht mehr leben können. Das liegt nämlich in unserer Hand, wir haben die Wahl. Wir können das als Chance sehen oder einfach so weiter tun wie bisher und die eigene Bequemlichkeit über alles stellen.

Es gibt wichtigere Dinge als den Griff zu den Sternen, aber auch der wird nur möglich sein, wenn unsere Zivilisation so lange existiert, dass wir überhaupt die Zeit dazu haben.

Quelle: TV-Doku „Leben im All“, gesendet auf Arte am 18. August 2019

„Kann ich hinein?“

Ich marschiere gerade aus den Räumlichkeiten der Bezirksvorstehung hinaus, als ich sehe, dass gerade jemand hinein will. Also öffne ich die nach außen aufgehende Türe ganz langsam, damit die Person draußen reagieren und zurück treten kann. Es ist eine nette Dame, die mich überrascht anschaut, als ich ihr die Türe aufhalte, und meint: „Kann ich hinein?“
Meine normale Reaktion wäre gewesen „Ich weiß nicht, ob Sie können, aber dürfen tun sie natürlich.“
Ich habe sie aber nur freundlich angelächelt und gemeint „Selbstverständlich“ – unter anderem, weil mir das so selbstverständlich ist.
Die spannende Frage ist aber, warum es für sie nicht selbstverständlich ist. Der Eingangsbereich wurde neu gestaltet, es ist hell und freundlich und es handelt sich um eine Glastüre. Während der Bürozeiten braucht man sie nur aufmachen und kann eintreten. Zu dem Zeitpunkt war auch drinnen alles hell erleuchtet.

Vielleicht wäre mir das sonst nicht aufgefallen, aber als Philosoph wurde ich auch ausgebildet auf Sprache zu achten. Und die Dame hat nicht etwa „Darf ich hinein?“ gesagt, sondern „Kann ich hinein?“
„Können“ ist ja eine körperliche oder psychische Eigenschaft. Sie war sich also nicht sicher, ob sie dazu überhaupt befähigt ist. Da sie kräftig genug wirkte, um die Türe problemlos aufzubekommen, finden wir hier keine Antwort auf die Frage.
Und doch hat es mit dem Körper zu tun.
Meine Hypothese dazu: Gesellschaften formen die Menschen und autoritäre Gesellschaften nehmen den Menschen die Kraft – durchaus körperlich gemeint – um sich gegen die Autorität aufzulehnen. Sie greifen also sehr tief in unser Wesen ein.

Wenn an einer Türe ein Verbotsschild hängt oder sonst irgendwie angedeutet wird, dass hier nur Berechtigte eintreten dürfen, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen sich daran halten.
Weshalb jedoch reagieren Menschen bei der frei zugänglichen Türe zur Bezirksvorstehung so, als ob es so unglaublich verboten wäre einzutreten, so dass sie sich sogar körperlich nicht mehr dazu in der Lage sehen?

Ich glaube, dass wir hier die österreichische Seele sehen, die ein seltsames Verhältnis zur Autorität haben dürfte. Der Kaiser ist zwar schon lange tot, lässt aber irgendwie immer noch grüßen. Es gab in Österreich nie so etwas wie eine gesellschaftliche Revolution gegen autoritäre Regime. Selbst das autoritärste war uns genau genommen nicht suspekt und Hitler war schließlich Österreicher, auch wenn wir das nicht mehr ganz so gerne hören wie unsere Großeltern (nein, natürlich nicht alle, aber doch die meisten).
Wer sich gegen Autorität nicht auflehnt, muss sich mit ihr arrangieren. Das funktioniert am besten indem man das tut, was die Autorität möchte. Um dem Problem zu entgehen, dass die Autorität etwas will, das man selbst nicht will, verändert man seinen Willen so, dass er mit der Autorität konform geht. Wenn ich das will, was die Autorität will, habe ich es bequem. Österreicherinnen und Österreicher haben es gerne bequem und daher funktioniert das gut.
Da die Autorität aber vorgibt, was ich wollen soll, muss ich wollen können was ich wollen soll. Zu diesem Zweck muss ich eigenen, abweichenden Willen unterdrücken, verleugnen oder empört ablehnen. Dabei ist es hilfreich, wenn mich niemand in meinem Wollen-sollen stört, also anspricht, dass ich das doch auch anders wollen könnte, etwa weil er es auch anders will.
Solchen Menschen weicht man besser aus und umgibt sich mit denen, die das gleiche wollen sollen.
Besonders schwierig ist das dann, wenn der andere, der Umbequeme, das andere Wollende, damit mehr Erfolg hat als ich. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Ich definiere den Erfolg um, und zwar so, dass sein Erfolg eigentlich ein Misserfolg ist. Dabei hilft mir die Unterstützung anderer, Gleichgesinnter (eigentlich: Gleichgeschalteter).
Das ist z.B. überall dort erforderlich, wo die eigene Bequemlichkeit durch das autoritätskonforme Verhalten leidet und jemand anderer, der sich der Autorität widersetzt, es eigentlich bequemer hat. Dann muss ich entweder meine eigene Bequemlichkeit modifizieren oder seine Bequemlichkeit verringern.
Das funktioniert durch die Zuhilfenahme des Internets viel einfacher als noch vor einigen Jahren, da ich für alles, was ich glauben möchte, irgendwo in den unendlichen Weiten des Netzes jemand finde, der das bestätigt.
Realität, Wirklichkeit, Wahrheit werden dann zu leeren Begriffen, die man genau genommen entsorgen kann. Schwieriger wird es, wenn jemand die Quelle meiner Information hinterfragt. Dann kann man aber immer noch so antworten, wie das ein Bekannter getan hat, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass seine Quelle unseriös ist:

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Bild: Ausschnitt aus einer Facebook-Diskussion. Es ging um einen Bericht, der angeblich von der Polizei stammt und in dem geschildert wird, dass eine Mutter angeblich mit einem Messer drei Bösewichte erstochen hätte.

So einfach ist das und schon kann man glauben, was man gerne glauben möchte.
Im nächsten Schritt wird es noch etwas spannender, denn in der heutigen Zeit kann man sich die Autoritäten aussuchen, zumindest auf der virtuellen Ebene. Das ist ausgesprochen praktisch, denn jetzt kann man sich genau die Autorität aussuchen, die das verspricht, was meine Bequemlichkeit maximiert. Man wird im Internet immer jemand finden, der die gleich Meinung hat und so kann man sich auf diese virtuelle Gemeinschaft berufen. Die vermeintliche Freiheit besteht nun darin, die Autoritäten, denen man glaubt, jederzeit wechseln zu können.

An der Autoritätshörigkeit ändert das freilich nichts und so können sich die echten Autoritäten, die uns genau so mögen, wie wir sind, beruhigt zurücklehnen. So lange wir in unserer Bequemlichkeit nicht gestört sind, reicht ein wenig panem et circenses und schon tun wir, was verlangt wird.

Brombeeren

Manchen meiner LeserInnen ist bekannt, dass ich ein Marmeladefreak bin – genauer gesagt, ich mache sie selbst, seit ca. 12 Jahren. Begonnen hat alles mit einem übervollen Marillenbaum in Greifenstein und dem Wunsch, qualitativ hochwertige Marmelade zu essen. Seitdem pflücke ich und koche ein, durchaus zur Freude vieler Menschen, die ich damit beschenke: meinen Freundeskreis, aber auch Kunden oder wer mir gerade einfällt.

Es steckt aber noch mehr dahinter und das möchte ich heute schildern.
Konkreter Anlass ist die Brombeermarmelade, die ich gerade fertig bekommen habe. Vor drei oder vier Jahren habe ich schon einmal 3-4 Gläser gekocht, gerade mal für den Eigenbedarf.
Da mir das aber nicht reicht, konnte ich letztes Jahr auf die Brombeeren meiner Mutter (kleiner Strauch) und die vom burgenländischen Haus meines Vaters zurückgreifen, was schon ca. 10 Gläser ergeben hat.
So richtig gut funktioniert das aber nur mit einem wirklich großen Brombeerschlag, den ich seit vielen Jahren suche. Letztes Jahr fuhr ich dann über einen kleinen Güterweg in der Nähe von Hintersdorf im Wienerwald. Links und rechts Brombeerbüsche und schon war die Idee dort heuer einmal vorbei zu schauen.
Auf die mögliche Ausbeute konnte ich mich den ganzen Winter und Frühling lang freuen.

Am Samstag war es dann soweit, im Zuge einer Vesparunde fuhr ich den Güterweg, der genau genommen für Kraftfahrzeuge gesperrt ist. Die Suchmission ergab: ja, Brombeeren. Wie viele ich genau würde pflücken können, war nicht klar, aber ich beschloss gleich am nächsten Tag in der Früh mit der Honda hinaus zu fahren, mehrere größere Plastikgefäße und ausgesprochene Pflücklaune mit dabei.
Am Sonntag kam ich genau bis Weidlingbach, dann machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Also um einen Tag verschieben und die verfahrene Stunde unter „leider nicht“ abbuchen.
Der Montag begann mit strahlendem Sonnenschein und ich starte wieder die Honda. Die Fahrt dauert ca. 30 Minuten und ich parke den Roller an der Hauptstraße, um mich zu Fuß Richtung Brombeeren zu begeben.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen. Marmelade ist etwas feines. Man kann sie aus einer Vielzahl verschiedener Früchte machen, von süß bis säuerlich, von dünnflüssig bis fest, pur oder gemischt und noch vieles mehr. Ich selbst mische nie, auch wenn das gerade der Trend ist. Kiwi-Stachelbeere-Mango brauche ich nicht, Marille oder Kriecherl schmecken mir besser.
Mit Marmelade erhalte ich den Sommer für den Winter und bringe süß in so manch saures Leben. Nicht ohne Grund handelt es sich auch um eine Kulturspeise, die es schon seit sehr langer Zeit gibt. Wenn man früher keinen Zucker hatte, so musste man halt besonders reife und süße Früchte einkochen und in Zeiten noch nicht erfundener Supermärkte war die Marmelade gemeinsam mit dem Honig die Zuckerreserve für einen langen Winter.
Es geht aber nicht nur um das fertige Produkt, Marmelade ist immer auch ein Ergebnis eines mehr oder weniger aufwändigen Herstellungsprozesses. Sie selbst herzustellen gibt ihr noch eine zusätzliche, persönliche Note, ganz abgesehen davon, dass man weiß, was drin ist. Ich schreibe das auch auf die Etiketten drauf: Früche, Quittin, Zucker. Mehr ist nicht notwendig.

Wir sind wieder zurück bei den Brombeeren. Sie gehören zu den Marmeladefrüchten, die sich dir nicht selbst schenken, Brombeermarmelade will erarbeitet sein, zumindest diejenige, die gut schmeckt.
Am einfachsten sind Erdbeeren: pflücken, in den Topf schmeißen, aufkochen, Zucker hinein – fertig. Dann folgen Marillen, die muss man nur entkernen und dann ist der Rest einfach.
Schwieriger wird es mit anderen Steinobstsorten. Weichseln muss man blanchieren, damit sie vom Kern gehen, Kriecherln ebenso und Zwetschken brauchen ohnehin eine eigene Art der Verarbeitung. Die Königin aller Steinobstsorten sind die Dirndln. Enorm viel Arbeit, dafür gehört Dirndlmarmelade zum feinsten, was sich der Marmeladeliebhaber vorstellen kann.

Mit Beeren ist es wieder anders. Hier liegt der erste Aufwand im Pflücken. Die Königin ist hier die Walderdbeere, von der man nahezu nie genügend findet, damit sich Marmelade auszahlt. Gleich dahinter rangieren Heidelbeeren, Himbeeren und Brombeeren, die letzten beiden halten noch die Herausforderung vieler kleiner Kerne bereit.
Ich liebe alle diese Beeren, konnte aber bisher eben nur Brombeeren verarbeiten. Was übrigens nicht funktioniert ist das Kaufen von Beeren. Die industriell hergestellten haben nur einen Teil des Geschmacks und genau der geht dann meist bei der Verarbeitung noch verloren, ganz abgesehen davon, dass es viel teurer wird als diese Marmelade zu kaufen.
Also selbst pflücken. Dazu muss man nicht nur wissen, wo eine ergiebige Quelle ist, sondern auch noch das Glück auf seiner Seite haben, damit nicht kurz vorher jemand den Brombeerschlag abgeerntet hat. Da Brombeeren nicht alle zugleich reif werden, kann man zwar ein paar Tage später wiederkommen, das ist aber irgendwie nicht so spannend.

Übrigens funktionieren auch die stachellosen Brombeeren nicht, denn mit den Stacheln wurde ihnen auch der Geschmack weggezüchtet, und genau um den geht es bei den Brombeeren.
Sie ergeben sich übrigens nicht kampflos und so zieht man besser Gewand an, das einigermaßen dornenfest ist. Auch gutes Schuhwerk ist zu empfehlen und vielleicht eine Kappe gegen die Sonne, die ich leider nicht dabei hatte.

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Bild 1: Brombeerhecken haben Dornen

Ich marschiere also los und nach ein paar Minuten entdecke ich die erste, kleine Hecke. Sie trägt nur ganz wenige reife Beeren und ich rechne hoch, was meine Gesamtausbeute wird, wenn sich das nicht bessert. Zudem entdecke ich das, was ein Freund als „Tschernobyl-Brombeeren“ bezeichnet hat. Ein Großteil der Beeren einer Hecke besteht aus kleinen Früchten, die aus nur ganz wenigen „Perlen“ bestehen, die dafür aber riesig groß sind. Sie sehen wirklich aus wie Mutanten, wie pervertierte Brombeeren, und sie schmecken nach nichts. Da man sie zudem auch nur sehr schwer ernten kann, beschließe ich weiterzusuchen.
Ich marschiere auf dem Güterweg, auf dem nur von Zeit zu Zeit ein Mountainbiker vorbei kommt, in der heißen Augustsonne entlang und pflücke links und rechts immer wieder ein paar Beeren, die vor allem auf Hecken im Straßengraben wachsen. Das ist gar nicht so leicht, denn wenn man den entscheidenden Schritt nach vorne macht, um die 3-4 Beeren des Verlangens zu pflücken, steht man auf einmal im Graben und wird unsanft von Dornen aufgefangen.
Dazu kommt, dass so eine Brombeerhecke ein äußerst lebendiges Gebilde ist. Überall summt und brummt es, Fliegen, Wespen, Wanzen, Käfer aller Art plus Ameisen bevölkern in großer Zahl die Hecken und sind über Störung nicht allzu erfreut.
Ich habe nach einer Stunde gerade mal 20% meiner Behälter voll und rechne mit einem mittelprächtigen Desaster, da es immer mehr Tschernobyl-Hecken gibt und immer weniger mit guten Brombeeren. Dazu kommt noch, dass die wilden Brombeeren zwar gut schmecken, aber recht klein sind, was den Pflückaufwand noch einmal erhöht.
Durst hätte ich auch, leider aber kein Wasser mit. Dafür juckt es überall und ich bin schon ziemlich zerstochen, vor allem an den Unterschenkeln und Unterarmen. Die Hände sind längst pickig und tiefviolett von den Beeren. Dafür ist das Wetter schön und es ist so richtig Sommer, mit vielen Blumenwiesen und der warmen, würzigen Luft.
All das gehört zum Marmelade machen und steckt dann in jedem fertigen Glas.

Glücklicherweise entdecke ich eine längeren Abschnitt mit relativ guter Ausbeute. Die Hecke ist unter großen Bäumen und auf den ersten Blick nicht zu sehen. Erst wenn man näher kommt, offenbaren sich die Beeren in ihrer großen Zahl und Reife. Man braucht die nicht ganz reifen nicht zu pflücken, selbst wenn sie tiefschwarz sind, muss man vorher zupfen, um zu erkennen, wie reif sie sind.
Eine Marmelade aus reifen Brombeeren ist komprimierte Sonne mit Geschmack. Du kannst die heißen Sommertage auf der Zunge spüren und speziell die Brombeermarmelade hat immer einen sehr feinen Geschmack, den man sich erst erarbeiten muss.

Ich pflücke weiter und bin einigermaßen zuversichtlich, dass ich ca. 3/4 der Gefäße voll bekommen werde. Das ist nicht berauschend, aber kein Debakel. Inzwischen sind 2,5 Stunden vergangen und ich bin schon ein wenig matt. Eine Hecke mache ich noch.

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Bild 2: Ein Gefäß ist schon halbvoll

Und genau das ist die Hecke mit dem Hattrick. Sowohl vorne als auch hinten hängen große Mengen an reifen und auch sehr großen Brombeeren. Hier dürfte schon 2-3 Tage niemand geerntet haben und ich kann in einer halben Stunde so viel pflücken wie in den zwei Stunden zuvor. Meine Körpergröße kommt mir jetzt zugute und ich erreiche ausgesprochen exponierte Heckenteile. Zudem spare ich mir noch mindestens eine Yoga-Einheit, denn die Verrenkungen sind wahrhaft meisterlich (und werden sich noch zwei Tage später spüren lassen).
Brombeeren pflücken ist echte Arbeit und geht der anderen echten Arbeit – einkochen – immer voraus. Brombeeren wollen erobert sein, dafür hat mir der Kosmos zum Schluss die reichhaltige Hecke geschenkt. Ein fairer Deal.

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Bild 3: Brombeerhecke

Mit mehreren Kilo Beeren mache ich mich auf den Heimweg, verschwitzt und durstig, aber glücklich ob der fetten Beute.
Leider ist es damit nicht getan, die nächste Herausforderung wartet beim Einkochen. Wie schon erwähnt, haben Brombeeren Kerne, und zwar nicht zu wenige. Manchen Genießern ist das egal, die meisten jedoch mögen keine Kerne, weil sie immer in den Zähnen stecken bleiben und außerdem ein wenig angenehmes Esserlebnis bewirken.
Also müssen sie raus, was wiederum das Problem ergibt, dass dann der Geschmack ebenfalls draußen ist. Also gehe ich einen Mittelweg und koche die Brombeeren auf, um sie dann einmal durch die flotte Lotte zu jagen. Dieses Gerät ist für Marmeladeköche unabdingbar, man braucht es für fast alle Marmeladesorten.
Ein kleiner Tipp: beim Kauf einer flotten Lotte nicht sparen, hier wirkt sich Knausrigkeit auf jeden Fall über lange Jahre negativ aus.
Die guten Geräte sind aus Edelstahl und haben Einsätze mit verschiedenen Lochgrößen. Für Brombeeren nimmt man die kleinste und passiert die Beeren einfach durch. Das spritzt meist ein wenig und verursacht äußerst hartnäckige Flecken überall in der Küche.

Wichtig ist, dass man die Brombeeren nur 1x durch die flotte Lotte reibt, was ca. 3/4 der Kerne entfernt. Mit dem letzten Rest an Kernen muss man leben, denn wenn man die auch noch entfernen will, geht auch der Geschmack verloren. Man kann dann noch Brombeergelee machen, das gibt aber nicht viel her – das einzige Gelee, das funktioniert, ist Ribiselgelee, weil dort der Geschmack intensiver ist.

Die nächste Herausforderung ist die Zuckermenge. Brombeeren haben einen einigermaßen hohen Eigenpektinanteil, trotzdem braucht man Geliermittel. Ich verwende Quittin. Dabei ist wichtig, dass man zuerst die Früchte samt Quittin aufkocht und erst dann den Zucker hinein gibt. Ich bevorzuge 2:1, also zwei Kilo Früchte und ein Kilo Zucker. Das ist keine Garantie, dass die Marmelade ordentlich ausgeliert, aber meistens funktioniert es. Gibt man mehr Zucker hinein, dann geliert sie deutlich leichter, verliert aber auch deutlich an Geschmack.

Der letzte Tipp betrifft das Abfüllen. Ich verwende am liebsten gebrauchte Gläser, die ich aus meinem Bekanntenkreis zusammensammle. Die perfekten Gläser sind diejenigen mit Klick-Verschluss, der im Deckel eingebaut ist. Ich persönlich mag das gerne empfohlene Umdrehen der Gläser gar nicht. Erstens erhöht sich die Schimmelbildungswahrscheinlichkeit, weil die Deckel am schwierigsten sauber zu bekommen sind und zweitens ist das dann eine Schweinerei beim ersten Öffnen, ganz abgesehen davon, dass es grauslich aussieht.
Ich koche am liebsten am frühen Abend ein. Wenn ich dann in´s Bett gehe, höre ich wie ein Glas nach dem anderen dicht macht: Plopp… plopp… plopp.
Am nächsten Tag kommt noch ein Etikett drauf und dann harren die Gläser ihrer Verschenkung an Menschen, die gute, selbstgemachte Marmelade zu schätzen wissen.
Der Zeitaufwand ist beträchtlich, bei der Brombeermarmelade betrug er diesmal 20 Minuten pro Glas. Dafür halte ich ein selbst gemachtes Produkt in den Händen, biologisch einwandfrei und aus lokalem „Anbau“.

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Bild 4: Die fertigen Gläser