Was mir das Vespa-Fahren bedeutet

Jetzt habe ich schon zwei Bücher darüber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein.
Der Anlass für diese Zeilen sind die letzten drei oder vier Touren, die ich diesen Sommer gefahren bin. Ich werde versuchen in der Analyse noch ein wenig tiefer zu gehen als bisher. Und ich lasse mich überraschen, was dabei herauskommt.
Heuer dürfte es sowieso noch einmal spannend werden – die Elektrovespa wird fertig und verspricht weitere, neue und sehr interessante Fahreindrücke.
Aber vorerst einmal das schon Bekannte, Erforschte, Erlebte:

1.) Die magischen Orte

Vielleicht sind es einfach Orte, an denen ich mich wohl fühle, vielleicht ist es mehr. Um zu erkennen, welches Phänomen hier zu entdecken ist, habe ich versucht die Orte miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Meistens sind es Orte, die einen Weitblick erlauben, aber nicht immer. Das Gegenteil wären kleine, versteckte Höhlen, die ich beim Vespafahren aber selten finde. Am ehesten sind es schattige Plätze, die ich beim Wandern entdecke.
Mit der Vespa sind die Distanzen größer und die Orte kommen wie im Zeitraffer daher. Ich finde sie meistens, wenn ich einen Rastplatz suche. Oft ist es eine kleine Anhöhe, gerne am Waldrand, fast immer mit einer Bank, die vielleicht auch nicht zufällig genau dort hingestellt wurde.
Es sind niemals eintönige Orte und sie sind immer im Grünen, meist in der Nähe von Bäumen. Es sind Orte der Kulturlandschaft, oft mit Wiesen rundherum, an denen ich mich einfach gerne aufhalte.
Ich würde sie ohne Vespa nie finden, denn mit dem Auto komme ich maximal zufällig vorbei und habe dann auch nicht die Zeit um stehenzubleiben. Eventuell ginge es noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aber ich mache keine so langen Touren, zumindest derzeit nicht.

Wegen dieser Orte bevorzuge ich auch die Selbstversorgung beim Mittagessen. So bin ich unabhängig von Zeit und Ort und kann eine Pause machen, wann immer ich will.

2.) Die richtige Geschwindigkeit

Zu langsam ist öd, denn Geschwindigkeit macht Spaß. Zu schnell ist auch öd, weil dann geht es nur noch um Geschwindigkeit. Mit der Vespa schaffe ich die richtige Mischung. Wie das funktioniert, muss ich ein wenig näher erklären.
Die Vespas mit 125er-Motor sind für lange Touren zwar auch geeignet, mir aber ein wenig zu schwach. Mit 6-8 PS verhungerst du an jeder Steigung und um die ideale Geschwindigkeit fahren zu können, musst du den Gasgriff geradezu auswinden.
Als ideal empfinde ich einen leicht getuneten 200er. Im Originalzustand hat er 12 PS und geht am Tacho ca. 100 km/h. Das ist ausreichend für lange Touren.
Ein wenig stärker bedeutet in meinem Fall ein 221 ccm Polini-Aluzylinder, der nicht viel mehr Höchstgeschwindigkeit liefert, dafür aber viel Drehmoment von unten. Ich habe seit mehr als zehn Jahren verschiedene Motore getestet und dieser hat sich als die ideale Mischung herausgestellt. Er ist nicht so stark, dass er anfällig wird und zugleich sehr sparsam. Im Schnitt braucht er 4,3 Liter, womit ich sehr zufrieden bin.

Der eigentliche Trick ist die Art und Weise, wie er sich fahren lässt. Wenn ich auf der Ebene mit 80 dahinrollere, habe ich den Gasgriff knapp über Standgas. Der Motor spielt sich, dreht nicht allzu hoch und verbraucht deswegen wenig Sprit. Ich habe jederzeit eine Reserve und laut ist er auch nicht, weil er keinen Rennauspuff braucht, um seine Leistung zu bringen. Wenn der Vergaser gut eingestellt ist, riecht man zwar, dass ein Zweitakter vorbei fährt, es gibt jedoch keinerlei Rauchwolke.

Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zuverlässigkeit des Alu-Zylinders. Er ist nicht auf Höchstleistung ausgelegt und ich fahre ihn jetzt seit über 15.000 Kilometern. Er springt fast immer auf den ersten Kick an und war niemals schuld an den kleinen Pannen, die ich in den letzten Jahren hatte.

Die ideale Geschwindigkeit ist immer und überall verschieden. Ich merke, dass ich sie fahre, wenn ich mich erstens sicher fühle und zweitens nicht auf den Tacho schaue. Es kommt vor, dass sich die richtige Geschwindigkeit einfach ergibt. Meine Hand wandert mit dem Gasgriff automatisch an die Stelle, an der sich die ideale Geschwindigkeit befindet. In den meisten Fällen ist das zwischen 70 und 90 am Tacho, was 65 bis 85 entspricht.

Bei dieser Geschwindigkeit habe ich nicht nur gute Chancen rechtzeitig zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes auftritt, ich bekomme auch mit, wo ich fahre.
Bei schnellen Motorrädern ist das nur sehr bedingt der Fall. Zu wichtig ist die Beherrschung der Geschwindigkeit und die Konzentration auf die Fahrbahn.
Mit der Vespa kann ich die Eindrücke rund um mich herum aufnehmen, wenngleich eine gewisse Konzentration natürlich auch notwendig ist.

3.) Die Technik

Ich kenne ja beide Welten sehr gut – sowohl die Puch Typhoon als auch die Gilera Fuoco und jetzt die Honda SH sind Automatikroller, wenngleich die Puch noch ein Zweitakter war und am ehesten Ähnlichkeiten mit alten Vespas hatte.
Und doch ist das Fahren eines historischen Schaltrollers eine ganz andere Angelegenheit. Seit 2017 sind übrigens alle Schaltroller historisch, da seitdem keine mehr erzeugt werden und somit auch nicht neu kaufbar sind. Bis dahin waren die LML Star und die Vespa PX aber sowieso seit vielen Jahren die einzigen die es noch gab, mit einem über vierzig Jahre alten Konzept.
Die 4-Gang-Handschaltung, die einseitige Schwinge vorne, der Zweitaktmotor mit Direktantrieb, die Blechkarosserie – in Summe ergibt das ein ganz eigenes Konzept von Fahrzeug, das über Jahrzehnte die Menschen beeinflusst hat, die damit gefahren sind bzw. heute noch fahren. Der Philosoph Günther Anders hat einmal gesagt, die Menschen übernehmen die Logik der Maschinen, die sie bedienen und das gilt auch für Fahrzeuge. Also: Wer mit dem Rad fährt, übernimmt die Logik des Fahrrads, z.B. was Geschwindigkeit betrifft oder Platzverbrauch und noch viele andere Dinge. Das Gleiche gilt für Menschen, wenn sie im Auto sitzen oder im Zug.
Sollte er Recht haben, dann gilt das auch für Motorroller und wohl ganz speziell für Vespas. Sie verlangen von ihren FahrerInnen einiges, was moderne Automatikroller nicht verlangen. Dazu gehört ein Mindestmaß an Gefühl für die Technik, auf der man sitzt. Es gehört aber auch die Art und Weise dazu, wie man mit der Straße umgeht, mit Kurven und Steigungen, mit Schlaglöchern und rutschiger Fahrbahn.
Mit der alten Vespa wird die Strecke anders erfahrbahr, irgendwie unmittelbarer, direkter, ich möchte fast sagen: lebendiger. Für die Motoren z.B. ist die Bewältigung einer langen Tour eine Herausforderung, auch wenn sie gut eingestellt sind. Einem modernen Automatikroller ist das weitgehend egal und somit wird es auch dem Fahrer bzw. der Fahrerin egal. Natürlich wollen Kurven mit jedem Fahrzeug richtig gefahren werden, aber es ist doch etwas ganz anderes.
Zu alldem gibt es dann noch eine Steigerungsstufe, nämlich wenn die Vespa frisiert ist, also einen stärkeren Motor hat. Bei mir sind das gerade mal 24ccm und ein Aluzylinder statt einem Grauguss. Dazu kommt aber noch ein anderer Vergaser und ein anderer Auspuff. Das alles verändert den gesamten Motor und zwar immer – egal wie gut man ihn aufbaut – in Richtung Labilität. Es gibt mehr Möglichkeiten wie etwas kaputt gehen kann und das passiert dann auch.
Dadurch bekommt genau der Technik-Aspekt noch mehr Bedeutung. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jeder Ausfahrt bangen muss, ob ich auch wieder zurück komme, aber der Motor braucht einfach mehr Zuwendung. Es muss öfter etwas getauscht, neu eingestellt oder repariert werden. Und es kommt der Aspekt der Steigerung dazu: Wird der neue Aufbau des Motors halten? Wie gut bewährt er sich punkto Drehmoment, Fahrspaß oder Laufruhe?
Mit jeder kleinen Veränderung baut man auch eine Schwachstelle ein.
Das ist natürlich nicht beabsichtigt, denn kein Mensch bleibt gerne irgendwo im Nirgendwo mit einer Panne liegen und will sich überlegen müssen, wie er wieder nach Hause kommt und ob die Vespa noch da ist, wenn er sie abholt – am nächsten Tag oder wann auch immer man ein Fahrzeug organisieren kann.
Die Schwachstellen lassen sich aber nur bedingt vermeiden, allein schon wegen der Streuung in der Erzeugung der Teile. Da kauft man nicht immer Qualität und das zeigt sich dann nach ein paar Kilometern oder auch erst nach einem halben Jahr.

4.) Der Charme des Mangelhaften

Wenn man hängen bleibt, entwickelt sich die Tour ganz plötzlich zu einem Abenteuer. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine interessante Panne. Es war kurz nach Pottenstein in einem Tal (die Anfahrt zum Hals, wer´s kennt), als der Motor plötzlich ausging. Bei alten Vespas ist das an und für sich nichts Besonders und bedeutet meistens nur, dass der Sprit auf Reserve gesprungen ist. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und fährt weiter. Meist geht das sogar noch während der Fahrt, wenn man schnell genug hinunter greift.
Diesmal war es anders. Ich war mit Stefano unterwegs und wir waren auf der 2-Corona-Tour, also meiner längsten Tagestour mit eher wenig Zeitreserve.
Das Tröstliche war, dass im Falle des endgültigen Liegenbleibens Stefano mit einem großen Automatikroller unterwegs war und mich problemlos hätte mitnehmen können.
Die Aussicht, die Vespa aber genau dort neben der Straße parken zu müssen – dort ist weit und breit kein Haus oder sonst was – war wenig prickelnd, also machten wir uns an die Fehlersuche.
Wir tauschten Zündkerze und schraubten den Vergaser auseinander, konnten aber nichts finden. Nach ca. 30 Minuten war ich schon kurz davor aufzugeben, als der Motor urplötzlich wieder ansprang und so tat, als wäre nichts gewesen.
In so einem Fall steigt man einfach auf und fährt weiter – das hab ich auf meiner Rom-Reise gelernt.
Das funktionierte auch diesmal, und zwar ca. eine Stunde lang. Dann war wieder Sense. Diesmal zückte ich jedoch meinen letzten Trumpf und montierte eine neue CDI – das ist die elektronische Zündbox mit Zündspule. So eine hab ich immer in Reserve mit und die lässt sich mit zwei Schrauben binnen weniger Minuten tauschen.
Damit war der Fehler gefunden und wir konnten die Tour an diesem Tag erfolgreich zu Ende fahren.

Wenn ich keine Reservebox mitgehabt hätte, wäre die Vespa gestanden. Ich hätte sie wahrscheinlich irgendwie zum nächsten bewohnten Ort geschoben und dort einen netten Menschen gesucht, bei dem ich sie für ein oder zwei Tage unterstellen hätte können. Das wäre nicht das erste Mal gewesen.

Solche und ähnliche Pannen verlangen Improvisationsfähigkeiten, hie und da ein wenig Chuzpe und noch einiges andere. Dafür lernt man immer wieder nette Menschen kennen und manchmal interessante Orte. In meinen Vespa-Büchern habe ich einige dieser Ereignisse genau beschrieben.
Man taucht bei solchen Gelegenheiten auch in eine längst vergangene Welt ein, als Fahrzeuge generell noch recht unzuverlässig waren und es auf Reisen und generell im Straßenverkehr zu deutlich mehr Begegnungen kam. Pass-Straßen mussten überwunden werden und lange Distanzen verlangten nach mehreren Etappen, während man heute von Wien bis Venedig auf der Autobahn durchfahren kann, im minimalen Fall mit einer einzigen Tankpause von wenigen Minuten.
Mit einer alten Vespa geht das nicht. Die Technik zwingt zu anderem Verhalten, letztlich zu einer anderen Sichtweise auf die Umgebung und auf die Welt im weitesten Sinn.
Durch die anfällige und mangelhafte Technik wird der Fahrer/die Fahrerin selbst auch anfällig und mangelhaft, aber auch reicher, vielfältiger, näher an der Welt. Reisen bekommt eine andere Bedeutung, Ziele sind verbunden mit dem manchmal recht beschwerlichen Weg dorthin.
Wer heute an´s Meer will, ist mit dem Auto, dem Flugzeug oder dem Schnellzug quasi im Handumdrehen dort. Das Meer ist das gleiche wie früher, aber der erste Anblick ist ein anderer, wenn man sich die Strecke, den Weg dorthin erarbeiten musste.
Die Technik einer alten Vespa verlacht die Bequemlichkeit und verlangt von ihrem Benützer eine entsprechende Anpassungsleistung. Wetter spielt auf einmal eine Rolle, Straßenbeschaffenheit auch und Zeit sowieso.
Ziele bekommt man nicht geschenkt, dafür fühlen sie sich dann, wenn man sie erreicht hat, wie ein Geschenk an.

Wenn du fluchend bei einsetzendem Regen oder hereinbrechender Dunkelheit oder beidem am Straßenrand stehst und die Autos an dir vorbei rasen, verfluchst du das ferne Ziel und wünscht dir die Bequemlichkeit herbei.
Wenn du aber dann die netten Motorradfahrer kennenlernst, die stehen geblieben sind und dich in den nächsten Ort mitnehmen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Mit einer alten Vespa tauscht du die Anonymität gegen die Begegnung, die Bequemlichkeit gegen das Abenteuer und die vorbeiziehende Landschaft gegen echte Orte.
Das ist etwas, was viele Menschen zum Vespafahren bringt und auch dort festhält.

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