Ein Haus voller Idioten

Medhat ist Trafikant und betreibt mit seiner Frau eine gut gehende Trafik. Neulich wurde bei ihm eingebrochen und das Geschäft wurde fast komplett ausgeräumt. Die Diebe nahmen Waren im Wert von weit über 100.000 Euro mit, selbst die Lochzangen für die Autobahnvignetten sind weg.

Das alleine wäre noch nicht erwähnenswert, aber die Art und Weise, wie die Täter vorgingen, lohnt einen näheren Blick auf die Tat. Die Trafik befindet sich in einem Gründerzeithaus mit dicken Ziegelmauern. Sie besteht aus einem Geschäftsraum mit dahinter liegendem Mini-Büro. Dahinter wiederum befindet sich eine der dicken Mauern und dahinter ein leerer Raum. Die Einbrecher stemmten in stundenlanger Arbeit zwischen ca. zwei und vier Uhr in der Früh ein Loch in die Mauer, kletterten in die Trafik und räumten alles aus.
Sie installierten für die Tatzeit einen Störsender, so dass die Funkverbindungen in der näheren Umgebung (also ca. im gesamten Haus plus noch was) unterbrochen waren und niemand mit dem Handy die Polizei hätte rufen können. Auch die Kameras im Geschäft legten sie lahm.
Das klingt schon sehr verdächtig nach Profis, die das logistisch erstklassig geplant hatten. Da fast niemand mehr ein Festnetz besitzt, hatte ihr Plan gute Chancen aufzugehen.
Der Lärm im Haus war enorm und bis zum Dachgeschoß deutlich hörbar. Trotzdem tat niemand etwas. Kein einziger Hausbewohner ging nachschauen, was der irre Krawall mitten in der Nacht bedeutet.

In diesem Haus leben scheinbar nur Idioten. Ich glaube, ich muss an dieser Stelle das Wort „Idiot“ ins Deutsche übersetzen, es heißt nämlich „Vereinzelter“, also ein Mensch, der sich außerhalb der Gemeinschaft befindet.
So eine Hausgemeinschaft gibt es im Haus mit der netten Trafik offensichtlich nicht, denn dann wäre die Sache anders ausgegangen.

Wieso kann das passieren? Was ist da schief gelaufen und warum? Bei uns im Haus wäre so etwas vollkommen undenkbar, außer alle Parteien sind gerade gemeinsam im Urlaub, was nahezu nie vorkommt. Der Unterschied liegt darin, dass wir eine funktionierende Hausgemeinschaft haben, wo jeder ungefähr weiß, wie es dem anderen geht. Wir sind untereinander in Kontakt, haben den Wohnungsschlüssel des Nachbarn, plaudern regelmäßig miteinander oder sitzen am Abend bei einem Glas Wein einmal hier und einmal dort.
Auch in unser Haus wurde schon ein paar Mal eingebrochen und auch da konnten die Täter unerkannt entkommen. Allerdings war entweder niemand von den Nachbarn daheim (Vormittag unter der Woche) oder die Täter gingen so leise vor, dass es nicht zu hören war.

Das Haus mit der Trafik hat etwas mehr Parteien als unseres, aber es ist kein riesiger Wohnblock, wo es durchaus verständlich ist, dass nicht jeder jeden kennt. Ich glaube, dass es hier mehrere Ursachen für die Vereinzelung gibt:

1.) Der moderne urbane Wohnbau der letzten Jahrzehnte hat auf zentrale Orte, an denen man sich begegnen kann, wie etwa einen nützbaren Hof oder Gemeinschaftsräume, fast komplett verzichtet. Die dafür notwendigen Räume wurden kommerzialisiert, also mit zusätzlichen Wohnungen verbaut oder für Garagen genützt. Auch Hausmeister gibt es keine mehr, dafür kommt 2x pro Woche eine Facility-Managementfirma, die anonyme Menschen schickt, die ständig wechseln.

2.) Durch die Rahmenbedingungen der Wirtschaft werden die Menschen zusehends zur Idiotie gezwungen. An jeder Ecke liest man eine Werbung, die meistens Individualisierung zum Inhalt hat. Selbst wenn das Produkt das genaue Gegenteil ist, wird es als „individualisiert“ verkauft: das Handy, das Auto…
Über Jahrzehnte haben sich die Menschen diese Individualisierung als einen Wert indoktrinieren lassen, der über dem Wert der Gemeinschaft steht. Etwas überspitzt formuliert: der Einzelne ist alles, die Gemeinschaft ist nichts.
Irgendwann haben es die Menschen geglaubt und sich in ihrem Verhalten danach gerichtet. Seitdem gibt es in einem Haus mit zehn Parteien auch zehn Bohrmaschinen oder mehr. Die werden zwar nicht gebraucht, aber besessen. Man sitzt drauf und braucht sie auch nicht herborgen, weil der Nachbar auf einer eigenen sitzt. Das ist idiotisch, also vereinzelnd.

3.) Leider ist die Entwicklung hier noch nicht zu Ende. Unser Wirtschaftssystem braucht die Idioten, weil nur so kann es ständiges Absatzwachstum generieren. Das wird als absolut notwendig für den Erhalt des Wohlstands verkauft. Dieser besteht letztlich darin, dass die Menschen vereinzelt in ihren Wohnungen auf Einzelbesitz sitzen, den sie möglichst oft erneuern sollen. Deswegen schreibt die Industrie ein „Ablaufdatum“ auf viele Gegenstände, vor allem Lebensmittel, obwohl die Haltbarkeit der Dinge zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht abläuft. Die meisten Menschen richten sich danach und werfen die Waren dann folgsam weg und kaufen neue. Auch das ist, mit Verlaub, ziemlich idiotisch.

Was passiert nun, wenn die Menschen sich dagegen wehren, wenn sie diese Entwicklung nicht gut finden und nach Alternativen suchen? Sie bekommen es ziemlich bald mit der Härte des Systems zu tun, das an drei Punkten eingreift:

a.) Die Gesetze werden entsprechend angepasst, so dass Gegenstände weggeworfen werden müssen: in der Automobilindustrie hat man das vor einigen Jahren bereits umgesetzt und seit 2016 dürfen bestimmte Autos nicht mehr in der Stadt gefahren werden. Da nahezu jeder Autofahrer auch hin und wieder oder sogar regelmäßig in die Stadt fahren muss, können diese Autos nicht mehr verwendet werden und landen auf dem Schrottplatz. Die BesitzerInnen sind gezwungen, sich neue oder zumindest neuere Autos zu kaufen.

b.) Die Menschen werden in eine bestimmte Richtung gedrängt: das geschieht im schon erwähnten KFZ-Bereich z.B. durch Prämien für den Tausch des alten gegen ein neues Auto. Es geschieht im Bereich der Weißware (Waschmaschinen, Kühlschränke, Trockner etc.) mit Stromverbrauchsetikettierung (A, AA, AAA+ etc.). Diese sind nachweislich das, was man auf Wienerisch als „Schmäh“ bezeichnet, weil sie aufgrund unrealistischer Testzyklen festgelegt werden. Mit anderen Worten: die modernen Geräte verbrauchen nicht weniger als die alten.
Wer sich darüber näher informieren will, findet die Infos beim RUSZ (Reperatur- und Servicezentrum, www.rusz.at, in 1140 Wien). Ein genialer Ort, an dem man gute Qualität kaufen kann

c.) Die Industrielobbys setzen ihre Macht ein und bekämpfen etwa Food-Coops, also Nahrungsmittelkooperativen. Die Wirtschaftskammer etwa hat etwas gegen solche Kooperativen, wie in folgendem Artikel ausgeführt wird: http://ooe.orf.at/news/stories/2768804/
Wer also eine Gemeinschaft gründet, bekommt schnell mächtige Feinde, die ihn in die Idiotie, also in die Vereinzelung zurück drängen wollen. Sehr schnell hat man auch den Vorwurf am Hals, man wäre „Kommunist“ und würde das hart erarbeitete Eigentum, den Besitz der Menschen, „sozialisieren“ wollen. Man merke: „sozial“ ist böse, a-sozial ist gut, Individualbesitz ist gut, Gemeinschaftsbesitz ist schlecht. Daher gibt es auch die Versuche, das, was alle besitzen, zu enteignen und in Privateigentum umzuwandeln. Um diese Enteignung zu verschleiern, wirft man seinen Gegnern vor, dass sie enteignen wollen. Man merke: die Enteignung von Individuen ist schlecht, die Enteignung von Gemeinschaften ist gut.

Widerstand entsteht

Glücklicherweise funktioniert das alles nicht so, wie sich die Lobbys das wünschen. Es entstehen ständig neue Kooperationsformen und Gemeinschaften. Zwei sehr spannende darf ich herausgreifen:

http://fragenebenan.com
Das ist eine Internetplattform, auf der ich einen bestimmten Radius rund um meinen Wohnort angebe und dann von Menschen, die sich innerhalb dieses Radius befinden, Nachrichten bekomme, und zwar jeglicher Art. Manche suchen einen Katzensitter für das kommende Wochenende, andere haben einen Weidenkorb zu verschenken und wieder andere bieten Klavierstunden an, manchmal auch im Tausch gegen etwas anderes.
Hier bilden sich nicht-kommerzielle Netzwerke, die von den staatlichen Institutionen nicht erfasst werden können und das gefällt ihnen gar nicht. Hier wird getauscht, gehandelt, verschenkt und vor allem kommuniziert. Fragnebenan ist binnen kurzer Zeit enorm gewachsen und wenn man eine Anfrage ins Netz stellt, erhält man meist binnen weniger Minuten eine Antwort: Wer einen guten Zahnarzt sucht, hat quasi sofort eine Handvoll Vorschläge, mit Referenzen und Bewertungen, einfach so, ohne dass er/sie dafür etwas zahlen oder sich weiter anstrengen muss.

www.imgraetzl.at
Ebenfalls eine spannende Internetplattform, auf der man Initiativen für das eigene Grätzl setzen kann. Im Gegensatz zu fragnebenan sind hier die Gemeinschaftszentren quasi vordefiniert, wenngleich es keine engen Grenzen gibt.

Selbstverständlich sind diese Plattformen nicht perfekt, aber sie zeigen meiner Ansicht nach den Weg in eine neue Zeit, in der sich neue Gemeinschaften bilden. Diese Netzwerke werden sicher da und dort auch missbraucht werden und sie werden sich weiterentwickeln müssen, aber all das spricht nicht gegen die gute Idee. Ich bin auch gespannt, was die mächtigen Institutionen dagegen unternehmen werden, das wird ein interessanter Kampf, nicht nur auf der politischen Ebene. Und ich hoffe, dass nicht die Idioten gewinnen.

Kennen Sie Romans-sur-Isère?

Das macht nichts, denn die Trends gegen die Beschleunigung sind schwer zu erkennen, sie sind nicht so grellbunt und schreien nicht so laut. Aber es gibt sie und sie werden mehr. Sie entstehen aus dem Bedürfnis dem Wahnsinn zu entkommen, sich Inseln der Ruhe und Beschaulichkeit zu suchen, und zwar im Alltagsleben.
In dieser kleinen französischen Stadt gibt es jetzt eine Komplementärwährung. Sie heißt „Mesure“ und man kann damit nur in kleinen, innerstädtischen Geschäften bezahlen, nicht in den großen Shopping-Malls am Rande der Stadt.
Diese Währung wurde von einer Bürgerinitiative ins Leben gerufen und das ist wohl bei vielen Entwicklungen, die „von unten“ kommen, der Fall. Menschen mit einem Bedürfnis suchen sich Gleichgesinnte und versuchen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Sie bilden Gemeinschaft und suchen nach Lösungen für ihre Probleme.
Von „oben“ gibt es solche Trends nicht, die Gemeinde oder der Staat kämen nie auch nur auf den Gedanken so etwas einzurichten, zu erfinden, umzusetzen. Sie sind nie aktiv, sondern immer nur reaktiv.
Entwicklungen wie Komplementärwährungen sind den Gemeinden und dem Staat suspekt, weil sie an ihrer Zentralmacht rütteln. Machtsysteme investieren viel Geld und Energie in den Erhalt ihrer eigenen Macht.
In Romans-sur-Isère interessiert das die Bürgerinitiative nicht. Sie vergrößern ihr Netzwerk und haben Freude daran, ihre kleinen Strukturen selbst aufzubauen und zu pflegen.
Die lokale Währung funktioniert, weil sie an Kriterien gebunden ist: Man kauft damit nicht irgendwas irgendwo bei irgendwem, sondern in einem regionalen Verbund, einem so genannten „Lebensbecken“.
So lernt man lokale Strukturen wieder zu schätzen und denkt nicht mehr so intensiv an Großbanken, Shopping-Malls und Lebensmittelindustrie.
Durch die Lokalwährung wird die Wirtschaft re-lokalisiert und aktiviert. Ganz automatisch fördert das die guten Strukturen wie Qualität, Gemeinschaft und Sorgsamkeit. Man achtet plötzlich genauer darauf, wer etwas herstellt und wie es gemacht wird. Die Umgebung bekommt wieder einen Wert, der durch die Dis-Lokalität großer Strukturen zerstört wurde. Damit bekommen auch die Dinge wieder einen Wert.
In der Gemeinschaft bekommen auch die Menschen, die Bürger wieder einen Wert und eine Aufgabe. Sie müssen jetzt die Wirtschaft selbst steuern und sich überlegen, wie man das am besten macht.
Das Ergebnis ist fast ein Paradigmenwechsel: Die Wirtschaft dient jetzt wieder den Menschen und ihrer Versorgung mit notwendigen Gütern – und nicht umgekehrt. „Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es den Menschen gut“ – dieser seltsame Werbespruch ruft in Romans-sur-Isère nur Kopfschütteln hervor: hier stehen die Menschen im Vordergrund und an erster Stelle, nicht die Wirtschaft als abstraktes Gebilde, das nur sich selbst und seine eigene Macht zu perpetuieren pflegt, genau genommen parasitär am Wohl der Menschen hängend.
Die Menschen machen dort die Wirtschaft und werden aktiv – ganz im Gegensatz zur passiven Rolle, die wir gemeinhin gewohnt sind, wo wir uns der Wirtschaft gegenüber als klein und machtlos empfinden, ihren Gesetzen scheinbar schutz- und machtlos ausgeliefert. Wir erschauern vor Ehrfurcht oder Angst, wenn wir hören, was „der Markt“ schon wieder will und dass die „Gesetze des Marktes“ über allem stehen.
Das ist „merde“, wie die Franzosen zu sagen pflegen.

Mein Dutzend Gründe für politisches Engagement: 7 – TTIP

Politik ist die Kunst der Gesellschaft. Menschen leben nur dann friedlich in Gemeinschaften, wenn ihre unterschiedlichen Interessen ausbalanciert werden. Diese Vermittlungstätigkeit nennt man meinem Verständnis nach „Politik“. Sie regelt das Zusammenleben der Menschen.
Ich habe ein Dutzend Gründe gefunden um mich politisch zu engagieren. Heute ist der siebente Grund an der Reihe, es geht um Transatlantische Freihandelsabkommen.

Bisher haben alle Freihandelsabkommen, von denen ich gehört oder gelesen oder deren Auswirkungen ich gespürt habe, dem Vorteil einiger weniger und dem Nachteil vieler gedient. Sie kamen aufgrund bestimmter Interessen meist gieriger Konzerne zustande und wurden durch gezielten Lobbyismus eingefädelt und abgesegnet.

Aber vielleicht ist es diesmal anders.
Könnte ja sein. Warum nicht? Ich halte Menschen für lernfähig und vielleicht dient das TTIP ja wirklich dem Gemeinwohl.

Also sehe ich mir an, was da drin steckt.
Es geht erstens darum, dass internationale Konzerne die Nachteile, die ihnen durch eine Gesetzesänderung auf nationaler Ebene entstehen, einklagen können. Es könnte also etwa passieren, dass ein Staat einen Grenzwert in einem Umweltgesetz festlegt und dann nach einiger Zeit ändert, z.B. weil Studien belegen, dass der ursprüngliche Grenzwert gefährliche Krankheiten auslöst.
Dann könnte ein Konzern ein bestimmtes Produkt in diesem Land nicht länger verkaufen und den dadurch entstandenen Gewinnentgang einklagen. Da die Konzerne ausschließlich auf den eigenen Profit schauen, müssen ihnen die Krankheitsrisiken komplett egal sein, denn diese dienen ja niemals der Steigerung ihres Profits.
Diese Klage soll bei einem internationalen Schiedsgericht eingebracht werden, denn nationale Gerichte könnten sich nach nationalem Recht (basierend auf nationalen Interessen der Staatsbürger) richten und genau das soll nicht passieren.
Hier tauchen die ersten spannenden Fragen auf: Wer sitzt in diesen Gerichten? Und wie wird sicher gestellt, dass die dort dienenden Richter nicht nur zum Wohl internationaler Konzerne bzw. zur Steigerung ihrer Profite arbeiten?
Auf welcher Rechtsbasis können sie auch gegen die Konzerne entscheiden? Da die Konzerne ausschließlich auf den eigenen Profit schauen (das ist der Zweck ihrer Tätigkeit), müssen ihnen die Krankheitsrisiken komplett egal sein, denn diese dienen ja niemals der Steigerung ihres Profits.

Details darüber lassen sich in Robert Misiks Ausführungen lesen:
http://www.misik.at/sonstige/warum-freihandel-gut-das-ttip-abkommen-aber-dennoch-fragwurdig-ist.php

Das Ziel ist „nicht handelspolitische Handelshindernisse“ zu beseitigen. Was bitte soll das sein? Ich habe den dringenden Verdacht, dass damit die „Interessen der Bürger“ gemeint sind. Wenn etwa ein Konzern gentechnisch verändertes Soja in Europa verkaufen will, dann sind die Interessen der Menschen, die davor Angst haben, ein solches „nicht handelspolitisches Handelshindernis“ und können mittels eines Schiedsgerichts für irrelevant erklärt werden. Da das gentechnisch veränderte Soja laut unserem Lebensmittelgesetz auch nicht als solches deklariert werden muss, sind die Menschen gezwungen es zu kaufen und zu essen. Außer sie verzichten in Zukunft generell auf Nahrung, denn das gilt dann natürlich auch für Palmöl (wo ist das genau überall drin?) und für Mais und für Weizen und für Milch und Fleisch und Reis und auch sonst alles.

Somit bekommt „Freihandelsabkommen“ eine neue Bedeutung, es ist ein „Abkommen zur Entmündigung der Bürger“, da diese mit ihren Interessen die Profitgarantie der internationalen Konzerne verhindern könnten.
Es ist somit ein Abkommen gegen den freien Markt, denn in einem solchen haben alle Teilnehmer die Freiheit mitzubestimmen, auch die KonsumentInnen. Sie können sich aussuchen, was sie kaufen und was nicht.
Wenn das unterbunden wird, so empfinde zumindest ich das als Gegenteil eines freien Marktes. Und das gefällt mir nicht. Ich fordere daher die Balance der Interessen aller MarktteilnehmerInnen.
Nur wenn diese im TTIP als oberstes Prinzip festgeschrieben sind, bin ich für ein solches Abkommen.

Mein Dutzend Gründe für politisches Engagement: 3 – Würdevolles Leben für alle

Politik ist die Kunst der Gesellschaft. Menschen leben nur dann friedlich in Gemeinschaften, wenn ihre unterschiedlichen Interessen ausbalanciert werden. Diese Vermittlungstätigkeit nennt man meinem Verständnis nach „Politik“. Sie regelt das Zusammenleben der Menschen.
Ich habe ein Dutzend Gründe gefunden um mich politisch zu engagieren. Heute ist der dritte Grund an der Reihe, es geht ums Geld.

Ich beschäftige mich seit ca. fünf Jahren intensiv mit dem Thema Geld und seiner Bedeutung. Das Ergebnis ist nicht spektakulär, dafür aber recht komplex. Jetzt greife ich nur einen Aspekt heraus, nämlich das Glück.
Forschungen haben es gezeigt und meine Beobachtungen bestätigen: Zu wenig Geld macht genauso unglücklich wie zu viel. Da Geld das Symbol für Lebenserhaltung ist, kommen wir schwer bis gar nicht ohne aus. Bis zu einer gewissen Menge macht es glücklich, weil es Sorgen nimmt und gesellschaftlichen Status ermöglicht. Wer so viel hat, dass er sich ein anständiges Heim, genügend zu Essen, da und dort etwas Besonderes plus den einen oder anderen Urlaub leisten kann und zusätzlich noch Ersparnisse anlegen kann, etwa um für schwere Zeiten eine Reserve zu haben, lebt stressfreier als jemand, der das nicht hat. Hier gibt es Ausnahmen, aber ich glaube, dass das für den Großteil der Menschen in unserer Kultur zutrifft.
Manche kommen mit weniger aus, andere brauchen etwas mehr. Aber irgendwann kommt eine Grenze, ab der beginnt die Zufriedenheit zu sinken und auch das Glück nimmt ab. Dann hat man an der dritten Rolex nicht mehr so viel Freude wie an der zweiten und auch die Breitling wird bald zu wenig. Okay, dann halt ein neues Auto, das mich glücklicher machen wird als das alte.

Ich kürze das jetzt ab. Viele Menschen lassen sich in den Konsumrausch hinein ziehen bzw. einreden, dass mehr Geld glücklicher macht als weniger und zwar mit einer nach oben unendlich steigenden Kurve.
Damit wird eine Spirale gestartet, die zugleich nach oben und nach unten geht. Die Gier als das Gegenteil des Glücks ist per se unendlich, ganz im Gegensatz zum Bedürfnis, das nach seiner Befriedigung weg ist, wächst die Gier nach ihrer Befriedigung.
Das erklärt die ins Unendliche wachsenden Geldmengen und auch, warum Menschen keine Grenze in ihrer Gier nach Geld kennen. Das betrifft natürlich nicht alle Menschen, sondern interessanterweise vor allem ältere und alte Männer. Was unterscheidet diese von allen anderen Menschen? Es ist in erster Linie die nachlassende Potenz („Kennen Sie schon die zwei Tragödien im Leben eines Mannes? Die erste erlebt er, wenn es beim zweiten Mal nicht mehr geht. Die zweite erlebt er, wenn es beim ersten Mal nicht mehr geht.“), die ihr Älterwerden bestimmt. Das bringt sie dazu nach Ersatzpotenz zu gieren. Geld bietet sich hier an und eignet sich hervorragend. Man kann es unendlich wollen und es macht einen alten Mann zwar nicht jünger, aber es lässt ihn jünger erscheinen. Er kann sich mit jungen, attraktiven Frauen umgeben und so tun, als ob diese ihn wegen seiner scheinbar immer noch vorhandenen Potenz mögen. Er kann Sportlichkeit simulieren und sich einen Sportwagen kaufen („Einst drückte ihn der forsche Pimmel – heut hat er einen Porschefimmel“) und sich bei teuren Chirurgen das Äußere auf jüngere Optik operieren lassen.
Mein Stiefgroßvater hat sich seinerzeit eine vierzig Jahre jüngere Frau geangelt und mit ihr ein Kind gezeugt. Als gut situierter Zahnarzt konnte er sich das leisten und hat tatsächlich mit 80 Jahren noch ausgesehen wie 65.

Für mich ist es höchst an der Zeit über einen anderen Umgang mit Geld nachzudenken bzw. dem Geld eine neue Bedeutung zu geben. Die Finanzmärkte haben längst schon abgehoben und auf gefährliche Weise zugleich viel und nichts mehr mit der wirtschaftlichen Realität der Gesellschaft zu tun. Einige Reiche werden zu Superreichen (in Ö gehört den reichsten 5% der Bevölkerung ca. 50% des Besitzes und wir sind in diesem Punkt noch kein extremes Land. Die reichsten 85 Menschen dieser Erde haben so viel Geld wie die ärmsten 3,5 Milliarden) und viele werden ärmer.

Derzeit ist ein Ende dieser Vermögensschere nicht in Sicht. Nicht einmal die Grünen reden von Gerechtigkeit, die für mich darin besteht, dass alle Menschen am Vermögen der Gesellschaft (und auch an den Reichtümern der Natur) zumindest so weit teilhaben, dass ihnen ein würdevolles Leben möglich ist.
Daher meine politische Forderung Nr. 3: Kein Mensch soll Hunger leiden, dürsten oder frieren. Und niemand soll vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sein.

Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt. Allerdings gibt es in Österreich massive Kräfte, die da entschieden was dagegen haben. (z.B. diejenigen, die Wasser und Energie in den Besitz einiger weniger Milliardäre geben wollen).
Die gehören bekämpft, denn es ist für mich evident, dass Menschen mit zu viel Macht und Geld sich einen absoluten Scheißdreck darum kümmern, wie es anderen geht. Warum sollten sie auch? Sie können es manchmal nicht verhindern, dass ein bisschen was vom überreichlich gedeckten Tisch zu Boden fällt und von den Armen aufgesammelt wird. Daraus aber abzuleiten, dass es den Armen besser geht, wenn die Reichen noch reicher werden, halte ich für einen großen Irrtum. Die Entwicklung in der Welt beweist eindrucksvoll das Gegenteil.
Natürlich gibt es Ausnahmen – gütige und großzügige Industrielle im alten Stil, aber sie sind eben die Ausnahme. Und das reicht mir bei weitem nicht.

Mein Dutzend Gründe für politisches Engagement: 2 – Schnee für Dänemark

Politik ist die Kunst der Gesellschaft. Menschen leben nur dann friedlich in Gemeinschaften, wenn ihre unterschiedlichen Interessen ausbalanciert werden. Diese Vermittlungstätigkeit nennt man meinem Verständnis nach „Politik“. Sie regelt das Zusammenleben der Menschen.
Ich habe ein Dutzend Gründe gefunden um mich politisch zu engagieren. Heute ist der zweite Grund an der Reihe und er führt mich nach Dänemark, das Land im Norden.

Dazu möchte ich Harald Walser von den Tiroler Grünen zu Wort kommen lassen:

http://haraldwalser.twoday.net/stories/534902329/

Walser kritisiert die Österreich-Werbung, die Schnee aus dem Ötztal über 1000 km weit nach Dänemark transportieren lässt. Ich kann mir kaum einen größeren Irrsinn vorstellen. Vielleicht doch: Man könnte den Schnee nach Dubai in die dortige Skihalle transportieren und damit tolle Werbung für Österreich machen.

Mir geht es dabei gar nicht so um die Umweltbilanz, die schröcklicher nicht sein könnte, sondern um die Haltung, die dahinter steckt. Welche Prioritäten setzen die Menschen und welchen Preis sind sie bereit dafür zu bezahlen?
Ich glaube, dass sie jeden Preis zu zahlen bereit sind, so lange sie ihn nicht selbst bezahlen müssen. Die Umwelt bestraft nicht den Schädling direkt, sondern sie ist so wie sie ist. Man kann sich der Kausalität stellen oder sie verleugnen, das ist letztlich eine individuelle, immer aber auch eine politische Entscheidung, weil sie Auswirkungen auf andere hat.
Scheinbar empfinden viele Menschen nur Verantwortung, wenn sie die Konsequenzen ihres Handelns auch selbst spüren, zeitnah und hautnah sozusagen. Diese Menschen möchte ich gerne „Barbaren“ nennen, im Gegensatz zu zivilisierten Menschen, die ich als „Bürger“ bezeichne. Letztere haben außer ihrem eigenen Wohl auch noch das ihrer Umwelt im Sinn und handeln danach. Sie fühlen sich als Mitglied einer Gemeinschaft und tragen dafür auch Verantwortung.

So ergibt sich meine politische Forderung Nr. 2: Ich möchte, dass Umweltkosten in die Kosten eines Produkts eingerechnet werden und dass diejenigen, die davon profitieren, auch dafür zahlen müssen.