Was mir das Vespa-Fahren bedeutet

Jetzt habe ich schon zwei Bücher darüber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein.
Der Anlass für diese Zeilen sind die letzten drei oder vier Touren, die ich diesen Sommer gefahren bin. Ich werde versuchen in der Analyse noch ein wenig tiefer zu gehen als bisher. Und ich lasse mich überraschen, was dabei herauskommt.
Heuer dürfte es sowieso noch einmal spannend werden – die Elektrovespa wird fertig und verspricht weitere, neue und sehr interessante Fahreindrücke.
Aber vorerst einmal das schon Bekannte, Erforschte, Erlebte:

1.) Die magischen Orte

Vielleicht sind es einfach Orte, an denen ich mich wohl fühle, vielleicht ist es mehr. Um zu erkennen, welches Phänomen hier zu entdecken ist, habe ich versucht die Orte miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Meistens sind es Orte, die einen Weitblick erlauben, aber nicht immer. Das Gegenteil wären kleine, versteckte Höhlen, die ich beim Vespafahren aber selten finde. Am ehesten sind es schattige Plätze, die ich beim Wandern entdecke.
Mit der Vespa sind die Distanzen größer und die Orte kommen wie im Zeitraffer daher. Ich finde sie meistens, wenn ich einen Rastplatz suche. Oft ist es eine kleine Anhöhe, gerne am Waldrand, fast immer mit einer Bank, die vielleicht auch nicht zufällig genau dort hingestellt wurde.
Es sind niemals eintönige Orte und sie sind immer im Grünen, meist in der Nähe von Bäumen. Es sind Orte der Kulturlandschaft, oft mit Wiesen rundherum, an denen ich mich einfach gerne aufhalte.
Ich würde sie ohne Vespa nie finden, denn mit dem Auto komme ich maximal zufällig vorbei und habe dann auch nicht die Zeit um stehenzubleiben. Eventuell ginge es noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aber ich mache keine so langen Touren, zumindest derzeit nicht.

Wegen dieser Orte bevorzuge ich auch die Selbstversorgung beim Mittagessen. So bin ich unabhängig von Zeit und Ort und kann eine Pause machen, wann immer ich will.

2.) Die richtige Geschwindigkeit

Zu langsam ist öd, denn Geschwindigkeit macht Spaß. Zu schnell ist auch öd, weil dann geht es nur noch um Geschwindigkeit. Mit der Vespa schaffe ich die richtige Mischung. Wie das funktioniert, muss ich ein wenig näher erklären.
Die Vespas mit 125er-Motor sind für lange Touren zwar auch geeignet, mir aber ein wenig zu schwach. Mit 6-8 PS verhungerst du an jeder Steigung und um die ideale Geschwindigkeit fahren zu können, musst du den Gasgriff geradezu auswinden.
Als ideal empfinde ich einen leicht getuneten 200er. Im Originalzustand hat er 12 PS und geht am Tacho ca. 100 km/h. Das ist ausreichend für lange Touren.
Ein wenig stärker bedeutet in meinem Fall ein 221 ccm Polini-Aluzylinder, der nicht viel mehr Höchstgeschwindigkeit liefert, dafür aber viel Drehmoment von unten. Ich habe seit mehr als zehn Jahren verschiedene Motore getestet und dieser hat sich als die ideale Mischung herausgestellt. Er ist nicht so stark, dass er anfällig wird und zugleich sehr sparsam. Im Schnitt braucht er 4,3 Liter, womit ich sehr zufrieden bin.

Der eigentliche Trick ist die Art und Weise, wie er sich fahren lässt. Wenn ich auf der Ebene mit 80 dahinrollere, habe ich den Gasgriff knapp über Standgas. Der Motor spielt sich, dreht nicht allzu hoch und verbraucht deswegen wenig Sprit. Ich habe jederzeit eine Reserve und laut ist er auch nicht, weil er keinen Rennauspuff braucht, um seine Leistung zu bringen. Wenn der Vergaser gut eingestellt ist, riecht man zwar, dass ein Zweitakter vorbei fährt, es gibt jedoch keinerlei Rauchwolke.

Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zuverlässigkeit des Alu-Zylinders. Er ist nicht auf Höchstleistung ausgelegt und ich fahre ihn jetzt seit über 15.000 Kilometern. Er springt fast immer auf den ersten Kick an und war niemals schuld an den kleinen Pannen, die ich in den letzten Jahren hatte.

Die ideale Geschwindigkeit ist immer und überall verschieden. Ich merke, dass ich sie fahre, wenn ich mich erstens sicher fühle und zweitens nicht auf den Tacho schaue. Es kommt vor, dass sich die richtige Geschwindigkeit einfach ergibt. Meine Hand wandert mit dem Gasgriff automatisch an die Stelle, an der sich die ideale Geschwindigkeit befindet. In den meisten Fällen ist das zwischen 70 und 90 am Tacho, was 65 bis 85 entspricht.

Bei dieser Geschwindigkeit habe ich nicht nur gute Chancen rechtzeitig zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes auftritt, ich bekomme auch mit, wo ich fahre.
Bei schnellen Motorrädern ist das nur sehr bedingt der Fall. Zu wichtig ist die Beherrschung der Geschwindigkeit und die Konzentration auf die Fahrbahn.
Mit der Vespa kann ich die Eindrücke rund um mich herum aufnehmen, wenngleich eine gewisse Konzentration natürlich auch notwendig ist.

3.) Die Technik

Ich kenne ja beide Welten sehr gut – sowohl die Puch Typhoon als auch die Gilera Fuoco und jetzt die Honda SH sind Automatikroller, wenngleich die Puch noch ein Zweitakter war und am ehesten Ähnlichkeiten mit alten Vespas hatte.
Und doch ist das Fahren eines historischen Schaltrollers eine ganz andere Angelegenheit. Seit 2017 sind übrigens alle Schaltroller historisch, da seitdem keine mehr erzeugt werden und somit auch nicht neu kaufbar sind. Bis dahin waren die LML Star und die Vespa PX aber sowieso seit vielen Jahren die einzigen die es noch gab, mit einem über vierzig Jahre alten Konzept.
Die 4-Gang-Handschaltung, die einseitige Schwinge vorne, der Zweitaktmotor mit Direktantrieb, die Blechkarosserie – in Summe ergibt das ein ganz eigenes Konzept von Fahrzeug, das über Jahrzehnte die Menschen beeinflusst hat, die damit gefahren sind bzw. heute noch fahren. Der Philosoph Günther Anders hat einmal gesagt, die Menschen übernehmen die Logik der Maschinen, die sie bedienen und das gilt auch für Fahrzeuge. Also: Wer mit dem Rad fährt, übernimmt die Logik des Fahrrads, z.B. was Geschwindigkeit betrifft oder Platzverbrauch und noch viele andere Dinge. Das Gleiche gilt für Menschen, wenn sie im Auto sitzen oder im Zug.
Sollte er Recht haben, dann gilt das auch für Motorroller und wohl ganz speziell für Vespas. Sie verlangen von ihren FahrerInnen einiges, was moderne Automatikroller nicht verlangen. Dazu gehört ein Mindestmaß an Gefühl für die Technik, auf der man sitzt. Es gehört aber auch die Art und Weise dazu, wie man mit der Straße umgeht, mit Kurven und Steigungen, mit Schlaglöchern und rutschiger Fahrbahn.
Mit der alten Vespa wird die Strecke anders erfahrbahr, irgendwie unmittelbarer, direkter, ich möchte fast sagen: lebendiger. Für die Motoren z.B. ist die Bewältigung einer langen Tour eine Herausforderung, auch wenn sie gut eingestellt sind. Einem modernen Automatikroller ist das weitgehend egal und somit wird es auch dem Fahrer bzw. der Fahrerin egal. Natürlich wollen Kurven mit jedem Fahrzeug richtig gefahren werden, aber es ist doch etwas ganz anderes.
Zu alldem gibt es dann noch eine Steigerungsstufe, nämlich wenn die Vespa frisiert ist, also einen stärkeren Motor hat. Bei mir sind das gerade mal 24ccm und ein Aluzylinder statt einem Grauguss. Dazu kommt aber noch ein anderer Vergaser und ein anderer Auspuff. Das alles verändert den gesamten Motor und zwar immer – egal wie gut man ihn aufbaut – in Richtung Labilität. Es gibt mehr Möglichkeiten wie etwas kaputt gehen kann und das passiert dann auch.
Dadurch bekommt genau der Technik-Aspekt noch mehr Bedeutung. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jeder Ausfahrt bangen muss, ob ich auch wieder zurück komme, aber der Motor braucht einfach mehr Zuwendung. Es muss öfter etwas getauscht, neu eingestellt oder repariert werden. Und es kommt der Aspekt der Steigerung dazu: Wird der neue Aufbau des Motors halten? Wie gut bewährt er sich punkto Drehmoment, Fahrspaß oder Laufruhe?
Mit jeder kleinen Veränderung baut man auch eine Schwachstelle ein.
Das ist natürlich nicht beabsichtigt, denn kein Mensch bleibt gerne irgendwo im Nirgendwo mit einer Panne liegen und will sich überlegen müssen, wie er wieder nach Hause kommt und ob die Vespa noch da ist, wenn er sie abholt – am nächsten Tag oder wann auch immer man ein Fahrzeug organisieren kann.
Die Schwachstellen lassen sich aber nur bedingt vermeiden, allein schon wegen der Streuung in der Erzeugung der Teile. Da kauft man nicht immer Qualität und das zeigt sich dann nach ein paar Kilometern oder auch erst nach einem halben Jahr.

4.) Der Charme des Mangelhaften

Wenn man hängen bleibt, entwickelt sich die Tour ganz plötzlich zu einem Abenteuer. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine interessante Panne. Es war kurz nach Pottenstein in einem Tal (die Anfahrt zum Hals, wer´s kennt), als der Motor plötzlich ausging. Bei alten Vespas ist das an und für sich nichts Besonders und bedeutet meistens nur, dass der Sprit auf Reserve gesprungen ist. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und fährt weiter. Meist geht das sogar noch während der Fahrt, wenn man schnell genug hinunter greift.
Diesmal war es anders. Ich war mit Stefano unterwegs und wir waren auf der 2-Corona-Tour, also meiner längsten Tagestour mit eher wenig Zeitreserve.
Das Tröstliche war, dass im Falle des endgültigen Liegenbleibens Stefano mit einem großen Automatikroller unterwegs war und mich problemlos hätte mitnehmen können.
Die Aussicht, die Vespa aber genau dort neben der Straße parken zu müssen – dort ist weit und breit kein Haus oder sonst was – war wenig prickelnd, also machten wir uns an die Fehlersuche.
Wir tauschten Zündkerze und schraubten den Vergaser auseinander, konnten aber nichts finden. Nach ca. 30 Minuten war ich schon kurz davor aufzugeben, als der Motor urplötzlich wieder ansprang und so tat, als wäre nichts gewesen.
In so einem Fall steigt man einfach auf und fährt weiter – das hab ich auf meiner Rom-Reise gelernt.
Das funktionierte auch diesmal, und zwar ca. eine Stunde lang. Dann war wieder Sense. Diesmal zückte ich jedoch meinen letzten Trumpf und montierte eine neue CDI – das ist die elektronische Zündbox mit Zündspule. So eine hab ich immer in Reserve mit und die lässt sich mit zwei Schrauben binnen weniger Minuten tauschen.
Damit war der Fehler gefunden und wir konnten die Tour an diesem Tag erfolgreich zu Ende fahren.

Wenn ich keine Reservebox mitgehabt hätte, wäre die Vespa gestanden. Ich hätte sie wahrscheinlich irgendwie zum nächsten bewohnten Ort geschoben und dort einen netten Menschen gesucht, bei dem ich sie für ein oder zwei Tage unterstellen hätte können. Das wäre nicht das erste Mal gewesen.

Solche und ähnliche Pannen verlangen Improvisationsfähigkeiten, hie und da ein wenig Chuzpe und noch einiges andere. Dafür lernt man immer wieder nette Menschen kennen und manchmal interessante Orte. In meinen Vespa-Büchern habe ich einige dieser Ereignisse genau beschrieben.
Man taucht bei solchen Gelegenheiten auch in eine längst vergangene Welt ein, als Fahrzeuge generell noch recht unzuverlässig waren und es auf Reisen und generell im Straßenverkehr zu deutlich mehr Begegnungen kam. Pass-Straßen mussten überwunden werden und lange Distanzen verlangten nach mehreren Etappen, während man heute von Wien bis Venedig auf der Autobahn durchfahren kann, im minimalen Fall mit einer einzigen Tankpause von wenigen Minuten.
Mit einer alten Vespa geht das nicht. Die Technik zwingt zu anderem Verhalten, letztlich zu einer anderen Sichtweise auf die Umgebung und auf die Welt im weitesten Sinn.
Durch die anfällige und mangelhafte Technik wird der Fahrer/die Fahrerin selbst auch anfällig und mangelhaft, aber auch reicher, vielfältiger, näher an der Welt. Reisen bekommt eine andere Bedeutung, Ziele sind verbunden mit dem manchmal recht beschwerlichen Weg dorthin.
Wer heute an´s Meer will, ist mit dem Auto, dem Flugzeug oder dem Schnellzug quasi im Handumdrehen dort. Das Meer ist das gleiche wie früher, aber der erste Anblick ist ein anderer, wenn man sich die Strecke, den Weg dorthin erarbeiten musste.
Die Technik einer alten Vespa verlacht die Bequemlichkeit und verlangt von ihrem Benützer eine entsprechende Anpassungsleistung. Wetter spielt auf einmal eine Rolle, Straßenbeschaffenheit auch und Zeit sowieso.
Ziele bekommt man nicht geschenkt, dafür fühlen sie sich dann, wenn man sie erreicht hat, wie ein Geschenk an.

Wenn du fluchend bei einsetzendem Regen oder hereinbrechender Dunkelheit oder beidem am Straßenrand stehst und die Autos an dir vorbei rasen, verfluchst du das ferne Ziel und wünscht dir die Bequemlichkeit herbei.
Wenn du aber dann die netten Motorradfahrer kennenlernst, die stehen geblieben sind und dich in den nächsten Ort mitnehmen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Mit einer alten Vespa tauscht du die Anonymität gegen die Begegnung, die Bequemlichkeit gegen das Abenteuer und die vorbeiziehende Landschaft gegen echte Orte.
Das ist etwas, was viele Menschen zum Vespafahren bringt und auch dort festhält.

Woher kommen wir?

Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit der Frage des Ursprungs der Menschheit. Nach einigem Hin und Her sind sich aber inzwischen alle WissenschafterInnen einig, dass unser Ursprung in Afrika ist. Wo genau, das ist noch nicht ganz klar und auch nicht, ob es parallele Entwicklungen des Homo sapiens gab.
Durch die moderne Genetik konnten jedoch einige Fragen geklärt werden: Es gab tatsächlich eine Urmutter, eine Art genetische Eva, von der alle modernen Menschen abstammen.
Da finde ich spannend und es wäre vor allem ein lustiger Ansatz für eine neue Religionsgründung, sofern man Religionen überhaupt für sinnvoll hält. Im Gegensatz zu den patriarchalen Monotheismen wäre das eine matriarchale Form, die sich aus der Vererbungslinearität ergibt.

Auf die ebenso wichtige Frage, wann und wie die Menschen Afrika verlassen haben, um dann zuerst Asien und später Europa zu besiedeln, gibt es ebenfalls neue Antworten: Es geschah vor ca. 100.000 Jahren, also vor ca. 4.000 Generationen. Eine Gruppe von wenigen hundert Menschen dürfte sich von Ostafrika hinauf in Richtung Israel aufgemacht haben. Dort fand man menschliche Knochen, die auf eine durchaus hohe Zivilisation hindeuten. Konkret dürften diese Menschen bereits eine Idee eines Lebens nach dem Tod gehabt haben, die Grabbeigaben lassen darauf schließen.

Vor 125.000 Jahren war die Sahara mehr oder weniger grün, es gab Flüsse und Seen, Vegetation und Wild, sie war also einfach durchquerbar, vor allem an den Rändern. Die Menschen konnten so durch Äthiopien ans Rote Meer gelangen und dort Richtung Norden wandern. Sie kamen dann nach Israel, das ist quasi eine uralte Geschichte einer Migrationsbewegung in ein gelobtes Land, die später dann wieder aufgegriffen wurde.

Wir wissen nicht, ob es eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis gibt und wie es funktioniert. Vielleicht kann auch hier die Genetik einmal Aufschluss geben, so weit sind wir aber noch nicht.
Interessant ist es allemal, dass eine so wichtige und große Geschichte wie die erste Migration des modernen Menschen genau an der Stelle auftaucht, wo sie 100.000 Jahre zuvor tatsächlich stattfand.
Welche Art von Wissen kann sich über tausende Generationen erhalten? Ich erlebe es manchmal, dass Freunde und Bekannte, die ich mit nach Ostafrika nehme, mir von einer seltsamen Regung erzählen. Sie empfinden ein flüchtiges Deja-vu, so als ob sie schon einmal dort gewesen wären.
Das ist nachweislich nicht der Fall, also woher kommt diese Wahrnehmung, die sicher keine klassische Erinnerung ist und sein kann?

Wir finden dort eine Landschaft, die dem Auge und dem Gemüt gut tut. Es ist eine Gegend mit sanften Hügeln, Ketten niedriger Berge (so genannte „Escarpments“), weite Graslandschaften, durchzogen von kleinen und größeren Bächen und Flüssen, an deren Rändern so genannte „Galeriewälder“ wachsen.
Es ist eine stark strukturierte Landschaft, die sehr friedlich und einladend wirkt. Das ist wohl kein Zufall, denn in solch einer Landschaft sind die modernen Menschen entstanden, beginnend mit dem homo australopithecus, der sich dann zum homo habilis und schließlich zum homo sapiens weiterentwickelt hat.
Eine Theorie besagt, dass es durch Klimaveränderungen einen Rückzug der riesigen Regenwälder gab und die Landschaft trockener wurde, bis sie so aussah, wie die heutige ostafrikanische Savanne. Am Übergang zwischen Wald und Savanne entwickelte sich der Mensch, mit seiner Fähigkeit aufrecht zu gehen, durch die unsere Wirbelsäule unter den Kopf rutschte (bei Primaten steht sie hinten raus) und dadurch die Mund- und Kehlkopfpartie frei wurde für die Entwicklung einer Sprache.
Dazu kam die Fingerfertigkeit, die mit Händen entwickelt werden konnte, die nicht mehr zur Fortbewegung nötig waren.

Haben wir eine Erinnerung an unser eigenes Entstehen? Haben wir sozusagen unsere Seinsbedingung in uns gespeichert? Diese Frage ist nicht nur für Evolutionsbiologen interessant, sondern auch für Philosophen.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Menschen, die nach Kleinasien gewandert sind, dort wieder ausstarben und dass andere Entdecker über die Straße von Bab al Mandab, also der engsten Stelle des Roten Meeres, übergesetzt haben. Die Distanz beträgt 30 Kilometer, ist also mit einem einigermaßen guten Boot machbar.
Vor ca. 70.000 Jahren war die Meerenge sogar nur ca. 11 Kilometer breit und die Menschen konnten so auf die arabische Halbinsel gelangen. Die dortige Küste war damals fruchtbar und sorgte somit für eine gute Basis um zu überleben. Eine frühe Hochkultur gab der Region, die wie ein großer Garten wirkte, einen Namen: Eden.

Unsere Zukunft und die Drake-Gleichung

Wir kümmern uns um Plastiksackerln und ob sie verboten werden sollten oder nicht. Und natürlich um Parkplätze für unsere Autos. Das sind zwar auch interessante Fragen, aber wenn wir uns eine oder mehrere Stufen höher begeben, tauchen andere, noch wichtigere auf.

Die Astrophysiker etwa haben das schon 1961 getan und ein junger Physiker namens Frank Drake hat daraufhin die „Drake-Gleichung“ erstellt:

N = R x fp x ne x fl x fi x fc x L

Diese Gleichung soll helfen auszurechnen, wie hoch die Anzahl außerirdischer intelligenter Lebensformen ist, mit denen wir in Kontakt treten könnten.

Die Gleichung liest sich wie folgt:
„N“ ist die auszurechnende Zahl
„R“ ist die mittlere Sternentstehungsrate pro Jahr in unserer Galaxis
„fP“ ist der Anteil an Sternen mit mindestens einem Planeten
„ne“ ist die Anzahl der Planeten innerhalb der habitablen Zone
„fI“ ist der Anteil an Planeten, auf denen sich Leben entwickelt hat
„fi“ ist der Anteil an Planeten mit intelligentem Leben
„fc“ ist der Anteil an Planeten, auf denen intelligentes Leben mit uns in Kontakt treten kann und will
„L“ ist die Zeitdauer des Überlebens solcher Lebensformen

Am spannendsten ist für uns der Faktor „L“, denn er betrifft uns direkt.
Damals, im Jahr 1962, war die Gefahr eines atomaren Weltkrieges die größte, die „L“ beeinflussen konnte. Heute ist es wohl die Klimakrise, in der wir gerade stecken. Sofern wir bereit sind, uns auf die Ebene zu begeben, die Zukunft jenseits von Plastiksackerln und Parkplätzen zu betrachten, stoßen wir wohl zwangsläufig auf dieses „L“ als unbekannten Faktor.

Auf der Suche nach außerirdischem Leben ist er deswegen so interessant, weil die Wahrscheinlichkeit Kontakt aufzunehmen, stark von der Lebensdauer anderer intelligenter Lebensformen abhängt. Es kann durchaus sein, dass wir einen Planeten entdecken, auf dem es so etwas gab, aber eben nicht mehr gibt. Und das gilt natürlich auch umgekehrt, also wenn wir von Außerirdischen entdeckt werden, selbst aber bereits ausgestorben sind.

Vielleicht sollten wir uns darum kümmern, unseren Planeten nicht so zu zerstören, dass wir selbst darauf nicht mehr leben können. Das liegt nämlich in unserer Hand, wir haben die Wahl. Wir können das als Chance sehen oder einfach so weiter tun wie bisher und die eigene Bequemlichkeit über alles stellen.

Es gibt wichtigere Dinge als den Griff zu den Sternen, aber auch der wird nur möglich sein, wenn unsere Zivilisation so lange existiert, dass wir überhaupt die Zeit dazu haben.

Quelle: TV-Doku „Leben im All“, gesendet auf Arte am 18. August 2019

Überfluss

Neulich, bei mir um´s Eck, gehe ich an einem Erdgeschoßfenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen.

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Bild: Essen am Fenster

Das ist für sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich möchte trotzdem ein paar Gedanken dazu loswerden.

Irgendwo in der Nähe gibt es ein Kebabstandl, bei dem sich jemand eine Portion gekauft hat, das lässt sich auch ohne detektivische Fähigkeiten feststellen. Nach dem Verzehr der Hälfte hat diese Person den Rest auf das Fensterbrett gelegt und ist weggegangen. Vielleicht war er oder sie nicht mehr hungrig oder es ist etwas eingetreten – ein Anruf, der sofortiges Hinlegen des Kebabs und ebenso sofortiges Davoneilen notwendig gemacht hat. Vielleicht war nicht mehr die Zeit um den nächsten Mistkübel zu suchen. In Tatort-Fernsehkrimis gibt es solche Szenen.

Wahrscheinlicher ist, dass die Augen größer waren als der Magen – das kommt vor, auch bei mir. Und dass es dem Esser schlicht und einfach egal war, wohin der Rest seines Essens gelangt. Irgendjemand wird die Reste schon wegräumen. Es war ihm oder ihr vielleicht genauso egal wie die Größe der Portion egal war.
Mich erinnert das an die Malediven (im Reisebericht findet sich eine ausführlichere Analyse), wo sich die Menschen im Paradies wähnen. Dort ist Verschwendung Teil des umfassenden Luxuslebens, in dem man nicht verantwortlich ist für sein eigenes Verhalten und tun und lassen kann, was man will.
Auch im Kebab-Fall orte ich kein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein, weder gegenüber der Nahrung noch der Umwelt. Verständlich wird das nur durch die Überflussgesellschaft. Wenn wir uns das Wort genauer ansehen, wird die eigentliche Bedeutung klar: Etwas fließt über. Das, was über den Rand fließt, wird nicht nur nicht gebraucht, es ist zu viel und im Idealfall verschwindet es möglichst schnell. Das Überfließende ist aber nicht nur störend, wenn es nicht von alleine verschwindet, sondern auch nützlich, nämlich als Zeichen, dass man mehr hat als man braucht und sogar mehr, als man verwenden, verbrauchen, konsumieren kann. Sparen ist kontraproduktiv, niemand würde das Überfließende wieder zurück in den Behälter leeren, da es ein sofortiges nochmaliges Überfließen zur Folge hätte.

Die Menschen waren fast die gesamte Evolutionsgeschichte lang Mangelwesen. Es gab zwar temporären Überfluss, etwa wenn ein großes Tier erfolgreich gejagt war oder im Spätsommer Früchte ohne Ende zur Verfügung standen, tendenziell gab es aber fast immer Grund zur Sorge.
Andauernder Überfluss muss für die Menschen eine nahezu unwiderstehliche Verlockung gewesen sein: immer warm, immer satt – das ist vor allem dann das Paradies, wenn man selbst nicht dafür sorgen muss.

Es ist wahrscheinlich, dass unser Kebab-Zurücklasser weder das Aluminium für die Folie selbst im Bergwerk abgebaut oder im Aluminiumwerk gewalzt hat, noch das Schwein oder Huhn geschlachtet oder den Weizen für die Flade selbst angebaut hat.
Er oder sie hat es gerade mal gekauft und selbst dieser Vorgang dürfte schnell und ohne große Anstrengung vonstatten gegangen sein. Es ist fast wie gefüttert werden. Dazu ist so ein Kebab auch noch sehr billig, d.h. es ist auch fast kein anderer Aufwand notwendig, um sich so ein Kebab kaufen zu können.
Wegwerfen steht nicht nur nicht unter Strafe, es ist ein gesellschaftlich gewollter Vorgang, der auch noch reich belohnt wird, nämlich durch die Freude auf das nächste Kauferlebnis. Wegwerfen hat sich zur Norm entwickelt, wenngleich die gesellschaftliche Forderung sehr wohl dahin geht, dass ordentlich weggeworfen wird. Das Kebab hätte also mindestens im Mülleimer landen müssen.
Aber selbst das ist nur empfohlen, da die Nichtbeachtung keine echten Folgen hat. Wie viel Prozent aller Zigarettenkippen werden – außer vielleicht daheim – einfach in die Gegend geschnippt?
Die Umgebung wirkt wie ein riesiger Wunscherfüllungsraum, in dem ich in bestimmter Hinsicht tun und lassen kann, was ich will.
Wenn wir uns ein wenig zurückerinnern, dann war das nicht immer so. Meine Großmutter hat mir noch beigebracht, dass man Essen nicht wegwirft. Mehr nehmen oder kaufen, als man braucht, ist ein Fehler, sozusagen eine Sünde, die man tunlichst nicht begehen sollte.

Diese kulturelle Norm ist heute fast gänzlich verschwunden und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Wir brüsten uns mit dem Überfluss, protzen damit in die ganze Welt hinaus und wundern uns dann, wenn andere Menschen, die diesen Überfluss nicht haben, zu uns kommen. Ich erinnere: Das Überfließende ist unbrauchbar und wir können froh sein, wenn es schnell verschwindet ohne uns Aufwand zu machen. Trotzdem geben wir es nicht gerne her.
In der Kapitalismustheorie nennt man das den Trickle-Down-Effekt: Wenn die Reichen so reich sind, dass ihnen etwas über den Tischrand fällt und sie es aufgrund ihrer Trägheit oder aus anderen Gründen nicht mehr halten können, dann profitieren die Armen davon, die unter dem Tisch leben. Das sind übrigens nicht einmal mehr Almosen, weil die werden noch gegeben. Das, was über den Tischrand fällt, tut dies quasi ungewollt und konnte nur nicht daran gehindert werden.
Die Armen erhalten es quasi durch Zufall und haben darauf auch kein Recht. Und wehe, sie greifen auf den Tisch hinauf. Das ist so streng verboten, dass Eigentumsdelikte in unserem Strafsystem oft härter bestraft werden als solche, die an Leib und Leben gehen.

Interessanterweise lehnen sich die Armen nicht gegen dieses System auf. Das dürfte mehrere Gründe haben:
1.) Es fällt ausreichend viel runter und das, was runterfällt, macht träge und gleichgültig. („Gib dem Österreicher ein Schnitzerl, ein Glaserl, ein Auto, ein Handy und einen Fernseher und er wird immer die Pappn halten, egal was du tust.“ – das ist ein Zitat von mir)
2.) Kommt doch einmal Ärger auf, dann wird er umgelenkt auf die noch Ärmeren. („Schau, da ist ein Ausländer, der will dir was wegnehmen. Ich beschütze dich vor ihm.“)
3.) Viele werden in dem Glauben gehalten, dass sie irgendwann oben am Tisch sitzen werden und bleiben selbst auch gern in diesem Glauben.
4.) Man gibt den Menschen das Gefühl, dass sie das Heruntergefallene selbst verdient und daher ein Recht auf uneingeschränkten Dauerluxus hätten. („Unser Geld für unsere Leut“.)

Wie geht es weiter?
In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Vielleicht an Weisheit und ähnlichen immateriellen Gütern, nicht aber an Materie, an Dingen. Der Überfluss hat also irgendwann ein Ende, spätestens wenn alle davon profitieren wollen.
Derzeit sieht es so aus, als würde uns die Erde selbst eine Grenze setzen. Es wird spannend, ob wir diese akzeptieren oder versuchen uns darüber hinweg zu setzen. Diese Entscheidung wird dafür ausschlaggebend sein, ob wir nur unseren Überfluss abbauen müssen oder durch ein dunkles Zeitalter durch müssen.
Mahatma Gandhi hat gesagt: Es gibt auf dieser Welt genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
Ich bin gespannt, ob die Menschen auf Gandhi hören werden.

Phil Collins

Ich mag die Selbstironie, die Phil Collins zeigt, indem er seine Tournee „Still not dead yet“ nennt. Wobei leider nicht allzu viel zu fehlen scheint, der Altmeister des Schlagzeugs und der unverwechselbaren Stimme humpelt am Stock auf die Bühne und verbringt das gesamte Konzert sitzend.
Aber alles der Reihe nach.

Wie meistens im Happel-Stadion sehe ich die Konzerte aus der Position des Platzanweisers. Viel Geld gibt es dafür nicht, aber ich erspare mir die Konzertkarte und Verpflegung gibt es auch. Die Arbeit ist einfach, hin und wieder zeigt man Leuten wo sie sitzen. Ich mache immer dritten Rang, als älterer Herr ist mir das Rasenareal (wobei da eh kein Rasen ist) zu mühsam und bei dieser Art von Konzert geht es sowieso sehr friedlich und gesittet zu.
Das Stadion ist nicht ausverkauft, ich schätze 15.000 am Rasen und 25.000 auf den Rängen. Das ist beachtlich, denn soo ein Burner ist der Phil Collins heutzutage auch nicht mehr.

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Bild: Kurz nach Konzertbeginn

Das Publikum ist dementsprechend in die Jahre gekommen, junge Leute sieht man eher selten. Und ich bin froh, dass niemand die „Welle“ gemacht hat, geschätzte 25 Bandscheibenvorfälle pro Runde wären wohl nicht zu vermeiden gewesen.

Sehr lustig finde ich beim Einlass die ersten 20-30 BesucherInnen der Rasenplätze, die im Laufschritt nach vorne stürmen und sich an das Absperrgitter stellen. Ganz vorne im Wellenbrecher wäre das noch verständlich, aber im dritten Sektor? Und was machen die, wenn sie auf´s Klo müssen? Gitterplatz weg?
Jedenfalls funktioniert alles wie geschmiert, die Gäste sind ruhig und höflich und freuen sich, wenn man ihnen bei ihrer Sitzplatzsuche hilft.
Die Warterei dauert lange und ich stehe mir die Beine in den Bauch. Es ist ziemlich warm, mehr als ein T-Shirt ist unnötig und ich bin froh, als um 19 Uhr das Konzert beginnt.
Mike and the Mechanics – ich bin gespannt auf die Vorgruppe. Michael Rutherford war ein Teil von Genesis in den 1980ern und ich erinnere mich an meinen ersten Security-Job überhaupt. Das war genau hier, im damaligen Praterstadion, und die Gruppe war Genesis. Viele Erinnerungen an dieses Konzert habe ich nicht mehr, es ist 35 Jahre her. Mike ist gealtert und tritt – vielleicht deswegen – im blütenweißen Anzug auf. Seine Band ist deutlich jünger und sie spielen einige Nummern, die zwar alle kennen, von denen aber viele nicht wissen, wer sie spielt.
Die Vorgruppe spielt eine Stunde, danach folgt eine Pause von ca. 50 Minuten und dann ist es soweit: Phil Collins und Band betreten die Bühne. Sehr viel sehe ich nicht vom dritten Rang und die Video-Walls sind auch nicht gerade heutiger Standard, eher 1990er, zumindest was die Größe betrifft.
Der Sound ist mittelmäßig, wenngleich anzumerken ist, dass der Soundcheck im Happel-Stadion generell den Tontechnikern den Schweiß auf die Stirne treibt. Gerade mal die vom Bruce Springsteen haben das halbwegs gut hinbekommen.

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Bild: Die vielen hellen Punkte sind allesamt Handy-Displays. Der vielleicht größte Unterschied zu vor 35 Jahren.

Schon bei der ersten Nummer denke ich: Aber hallo! Die Stimme ist sehr klar und kräftig und klingt wie vor 30 Jahren. Wie macht er das bloß, noch dazu im Sitzen? Und wieso bleibt die Lautstärke immer gleich, egal wie nahe oder wie weit er vom Mikro entfernt ist?
Spielt er etwa Playback?

Wer jedenfalls absolut echt spielt ist Nick Collins, sein Sohn, ebenfalls Schlagzeuger. Er macht seine Sache gut und darf auch ein langes Solo spielen, Vaterstolz ist absolut gerechtfertigt.
Die Länge des Konzerts beträgt 1 Stunde und 45 Minuten und sie spielen die meisten alten Hits von Phil Collins und Genesis, natürlich mit Highlights wie „Invisible Touch“ oder „In The Air Tonight“.

Dann ist es vorbei und ich finde es immer wieder faszinierend, wie schnell das Stadion leer wird. 40.000 Menschen sind in einer Viertelstunde draußen, alles sehr ruhig und geordnet. Zurück bleiben Erinnerungen und die Gewissheit, dass der Altmeister wohl nicht mehr oft auf Tournee gehen wird. Insofern hat es sich auf jeden Fall ausgezahlt.