Dezember 2025 – in der Kanalisation von London hat sich ein über hundert Meter langer Fettberg gebildet, aus einer Mischung von Speiseresten, entsorgten Hygienetüchern und eben Fett.
Für die Verwaltung ist das nichts Neues, 2017 war so ein Fettberg 250 Meter lang und es hat Wochen gebraucht ihn zu beseitigen.
Die Kanalisation ist für viele Dinge ein guter Indikator, in den Gedärmen der Stadt findet sich quasi unser Leben bzw. die Reste davon. In der Coronazeit konnte man dort Viren-Hotspots lokalisieren und die Polizei findet auf diese Art heraus, wo besonders viele Drogen konsumiert werden.
Die Reste vom Überfluss finden sich nicht nur dort – leider, sonst wären die Probleme leichter lösbar.
Unsere Konsumgesellschaft lebt vom Überfluss – das ist jetzt keine neue Erkenntnis. Ich möchte trotzdem einmal die Folgen und das beleuchten, was dahinter verborgen scheint.
Früher war Fett ein wertvoller Stoff, heute spülen wir ihn im Klo hinunter. Wir haben einfach zu viel davon.
A pro pos zu viel – da gibt es die Theorie, dass jeder Mensch im Durchschnitt 10.000 Dinge besitzt. Ob das jetzt eine valide Zahl ist, kann ich nicht beurteilen, aber es sind in jedem Fall viele. Bei mir geht es sich mit 10.000 wahrscheinlich nicht aus. Allein Bücher und CDs sind schon ein paar tausend, und wenn man jedes Blatt Papier einzeln zählt oder jede Schraube in meinem Vespa-Hobbyraum, kommt sicher deutlich mehr zusammen.
Ich versuche daher immer wieder die Zahl zu reduzieren, immerhin mit dem Erfolg, dass es nicht mehr wird.
Das „Reduzieren“ bedeutet aber, dass ich vorhandene Dinge entweder verkaufe, verschenke oder wegwerfe. Unsere Konsumindustrie könnte aber vom Verkaufen und Verschenken nicht existieren, sie braucht das Wegwerfen, und zwar in großem Stil.
Daher dürfen viele Dinge nicht allzu lange halten. Häuser gehören auch zu diesen Dingen und das wird wohl der Hauptgrund sein, warum sie so gebaut werden, wie sie eben gebaut werden. Verglichen mit römischen Bauwerken aus der Antike halten sie nur 1/20 der Zeit.
Auch alle anderen Dinge müssen quasi ein Ablaufdatum haben, zumindest aber eine grobe Zeitperiode, innerhalb derer sie kaputt gehen.
Weil manche Dinge trotzdem länger halten als es der Industrie lieb ist, serviert sie uns diverse andere Gründe, um sie wegzuwerfen.
Bei Kleidung ist das die Mode, bei Autos und Freizeittechnik der technische Fortschritt, auch wenn es den gar nicht wirklich gibt.
Oft ist die Technik so ausgereift, dass sinnvolle Verbesserungen nicht mehr möglich sind. Dann muss auf eine andere Ebene umgeschwenkt werden, etwa das Design oder – beim PKW – das Entertainment.
Eigentlich möchte man mit einem Auto nur möglichst sicher und bequem von A nach B kommen – das wäre zumindest der normale Anspruch. Das ursprüngliche Bedürfnis war die Mobilität. Dann wurde der private PKW um einige weitere Bedürfnisdimensionen angereichert, etwa Status oder Sportlichkeit oder Freizeitartikel (das „Sports Utility Vehicel“).
Heute bekommen wir jedoch ein vielfältiges Unterhaltungsangebot mitgeliefert, das sich jedes Jahr verändert bzw. umfangreicher wird.
Da gibt es riesige Bildschirme, auf denen man fernsehen, spielen, Musik hören, im Internet surfen und in sozialen Medien aktiv sein kann.
Der Nachteil besteht darin, dass man eigentlich mit dem Auto fahren und nicht auf den Bildschirm konzentriert sein sollte, zumindest als Fahrer:in.
Daher wäre es sinnvoll das riesige Entertainmentprogramm nur im Stillstand oder auf der Rückbank nutzen zu können, was theoretisch ja auch so sein müsste, weil vom Gesetzgeber so definiert.
In der Praxis sieht das anders aus, es wird gespielt, gehört, gesehen, getippt, gewischt und gedrückt was das Zeug hält. Der Grund ist einfach: Es ist da, es funktioniert ganz leicht und bequem, also wird es gemacht.
Wer hält es aus, eine Whatsapp-Nachricht erst bei der nächsten Pause anzusehen? Vor allem, wenn dann noch ein Anruf kommt, ob man die Whatsapp eh bekommen hat. Oder eine zweite Whatsapp und wenig später eine dritte, die auf die vermeintliche Dringlichkeit hinweist.
Heutzutage ist man gewohnt, dass solche Nachrichten sofort gelesen werden. Und daher erwartet man auch sofort eine Antwort. Die Schreibenden wissen ja nicht, ob man gerade im Auto fährt oder daheim auf der Couch sitzt. Und es ist ihnen auch egal.
Bei Unfällen wird das meist etwas verschämt umschrieben: Aus ungeklärter Ursache…
Die Strafen, wenn man erwischt wird, sind milde und die Wahrscheinlichkeit, überhaupt erwischt zu werden, geht nahezu gegen Null.
Es gibt also keine Notwendigkeit das anders zu handhaben, obwohl die Ablenkung ungefähr einer Alkoholisierung von 0,8 Promille entspricht (das wurde in einer Masterarbeit erforscht, die ich betreut habe).
Für die Alkoholisierung bekommt man den Führerschein abgenommen, für die gleichwertige Ablenkung durch das Handy… keine Ahnung. Kennen Sie jemand, der dafür bestraft wurde? Ich nicht.
Zurück zum Thema. Wir werden erzogen, ständig das Neueste haben zu wollen, unabhängig davon, ob wir es brauchen oder nicht.
Wobei „brauchen“ erst definiert werden muss. Es gibt nämlich immer eine Form des Brauchens, und sei es nur, um die Nachbarn zu beeindrucken oder sich selbst (siehe Artikel über Täuschung).
Wenn wir etwas Neues kaufen, muss etwas Altes weg, sonst ersticken wir bald in Dingen. Das gilt für fast alle Lebensbereiche, bis hin zu den Lebensmitteln. Es gibt heute in unserer Konsumwelt ein unfassbar riesiges Angebot an Nahrungsmitteln, ein Vielfaches von dem, was noch vor einem halben Jahrhundert angeboten wurde.
Die Lebensmittelindustrie hilft sich hier mit sogenannten „Ablaufdaten“, denen die Menschen meistens brav folgen. Sie unterscheiden nicht zwischen einem Mindesthaltbarkeitsdatum und einem Ablaufdatum, selbst wenn man sie darauf oft und intensiv hinweist.
Das betrifft natürlich nicht alle Konsument:innen, aber ausreichend viele, um den Rest getrost vergessen zu können. Er spielt statistisch und somit in den Berechnungen der Lebensmittelindustrie keine Rolle.
Ich sehe hier auch noch keinen Gegentrend, im Gegenteil.
Bleibt das Problem, was wir mit den weggeworfenen Dingen machen. Sie werden zu Müll und der muss verschwinden. Das funktioniert, indem man ihn verbrennt, vergräbt, versenkt, weit weg transportiert oder der Wiederverwertung zuführt.
Letzteres ist der Industrie leider ein Dorn im Auge, weshalb sie sich mit allen vorhandenen Kräften dagegen wehrt. Entsprechende Gesetzesvorschläge werden abgeschmettert und wenn man ihnen aus Marketinggründen formell zustimmt, dann werden sie hintenrum so sehr verwässert, dass nichts übrigbleibt.
Manchmal sind diese Gesetzesvorschläge auch so schlecht gemacht, dass es sogar gute Gründe gibt, ihnen nicht zuzustimmen. Dann wurde im Vorfeld schon sehr gründliche Arbeit geleistet.
Die Verschmutzung der Umwelt sowie der enorme Ressourcen- und Energieverbrauch spielt auch nicht wirklich eine Rolle.
Das lässt sich wohl nur verstehen, wenn wir in das Wesen der Menschen hineinblicken. Dann finden wir folgende Gründe:
1.) Als Mangelwesen suchen wir den Überfluss. Weil es den in der Vergangenheit nie lange und nur in beschränktem Ausmaß gab, haben wir nie gelernt, selbst Grenzen zu setzen.
2.) Selbstverständlich gibt es Menschen, die Grenzen kennen. Sie werden aber zu Außenseitern oder/und Spinnern erklärt. Dann hört man Sätze wie „willst du, dass wir wieder auf den Bäumen leben?“ oder „geh doch in den Wald und lebe dort als Eremit!“. Auch die philosophischen Ansätze eines reduzierten Lebens haben sich – zumindest bisher – nicht durchgesetzt.
3.) Wir können schlecht in die Zukunft schauen und Entwicklungen nur sehen, wenn sie schlagartig passieren und uns massiv betreffen. Dass unsere Enkel durch unsere Lebensweise höchstwahrscheinlich ein Problem bekommen werden, das ihr Leben bedrohen könnte, sehen wir nicht, wenn in der bunten Auslage ein glänzender Gegenstand um 299,- statt um 349,- angeboten wird.
Noch schwieriger ist das bei Online-Angeboten, wo ein einziger Mausklick oder ein Fingertipser reicht, um den Gegenstand am nächsten Tag wie durch ein Wunder an der Wohnungstür in die Hand gedrückt zu bekommen. Die Schuldnerberatungen dieser Welt können ein Lied davon singen, welche Konsequenzen das irgendwann hat.
Ja, irgendwann, in der Zukunft, die wir sehr gerne ausblenden, wenn wir geblendet werden.
Ich habe neulich eine Bildergalerie mit Autos auf einem Schrottplatz gesehen. Sie symbolisieren sehr gut, was ich meine.

Bild: Alte Autos und Autoteile, gesammelt auf irgendeinem Hinterhof. (Quelle: Kurt Satzer)
Manchmal werden einzelne Stücke sogar noch gebraucht, etwa um ein altes Auto zu reparieren oder für eine Restaurierung. Das ist aber sehr selten und wird bald der Vergangenheit angehören, auch wenn es immer noch eine beachtliche Anzahl an Oldtimer-Liebhabern gibt. Sie sind – wie schon oben erwähnt – für das Konsummodell statistisch nicht relevant. Letztlich sind sie Freaks, die sich gegen den Trend stemmen – liebenswert, schrullig, aber nicht ernst zu nehmen.
Viele dieser Menschen haben zusätzlich auch ein neues Auto, mit dem sie im Alltag fahren und bei dem sie über die Erhaltung gar nicht nachdenken.
Jedes dieser Autos hat eine Geschichte, jedes wurde mit hohem Aufwand erzeugt. Und alle enden sie nach mehr oder weniger langer Zeit auf so einem Schrottplatz, irgendwo im Wald oder in einer Schrottpresse. Dann wird wenigstens ein Teil wiederverwertet, wenn auch nur kein kleiner, und zwar das brauchbare Metall.
Gegen die sinnvolle Zerlegbarkeit und Wiederverwertung sträubt sich die Autoindustrie mit allen verfügbaren Kräften. Es gibt zwar Ausnahmen wie aufbereitete Teile (Lichtmaschinen, Wasserpumpen und noch eine Handvoll mehr), der Großteil ist aber nicht wieder verwendbar, vor allem, weil es sich um verklebte Verbundstoffe handelt, die man nur verbrennen, shreddern, in ein fernes Land exportieren oder vergraben kann.
Recycling oder gar Upcycling gibt es nur in extremen Ausnahmefällen und auch das oft nur für die Medien, klassisches Greenwashing sozusagen.
Manchmal erfolgt noch Downcycling (aus einem hochwertigen Gegenstand wird ein niederwertiger), aber das beschränkt sich auf einen winzigen Teil der Gesamtmenge.
Sehen wir uns noch ein Beispiel an, um weitere Aspekte zu erkennen.

Bild: Der Scheinwerfer eines alten Ford (Quelle: Kurt Satzer)
Hier sehen wir die Front eines Ford Taunus 17M aus den 1960er-Jahren. Die Teile wurden zwar schon maschinell am Fließband erzeugt, aber die Qualität und das eigenständige, liebevolle Design ist immer noch bemerkenswert. Der aufwändig produzierte Kühlergrill aus Metall, einstmals verchromt, oder die Umrahmung des Scheinwerfers mit Riffelmuster. Das alles war für die Besitzer trotzdem nicht erhaltenswert.
Meine Theorie dazu: Je automatisierter die Teile erzeugt werden, desto wertloser sind sie. Je weniger menschliche Handarbeit dabei ist, desto leichter werden sie weggeworfen. Je weniger sorgfältig sie erzeugt werden, desto kürzer ist ihre Existenzdauer.
Das ist verständlich und erschreckend zugleich. Und es ist eine direkte Konsequenz der Überflussgesellschaft, denn in allen anderen Gesellschaften ist das absolut nicht der Fall. Wer in ein Industriegebiet am Stadtrand von Nairobi geht und sich ansieht, wie dort kaputte Gegenstände liebevoll wieder aufbereitet werden, erkennt das sofort.
Meistens mitten auf der Straße wird repariert, improvisiert, ersetzt, ergänzt und wiederhergestellt. Das funktioniert allerdings nur mit Autos oder anderen Gegenständen, die noch zerlegbar bzw. reparierbar sind. Moderne Autos können so nicht mehr behandelt werden. Dort sind die einzelnen Bauteile nicht mehr aufbereitbar, weil verklebt, verschweißt oder sonst wie behandelt, damit das nicht möglich ist.
Die Front eines modernen Ford besteht aus Plastik, das nicht oder nur mit großem Aufwand repariert werden kann. Der Scheinwerfer ebenso, dort kann nicht einmal mehr das Leuchtmittel getauscht werden. Einen modernen LED-Scheinwerfer kann man nur als Ganzes austauschen, selbst wenn nur ein winziger Teil wie die LED-Diode kaputt ist. Der Rest wird weggeworfen. All das Drumherum eines komplexen Gegenstandes ist nicht zerlegbar und somit auch nicht reparierbar.
Wenn man auf das obere Foto schaut, sind zwei kleine Schrauben im Scheinwerferrahmen sichtbar. Damit konnte der Rahmen abgeschraubt werden und der Scheinwerfer war reparabel. Stören die Schrauben im Design? Ich finde nicht, ganz im Gegenteil, sie zeigen das, was Design eigentlich sein sollte: Ausdruck durchdachter Konstruktion. Heute bedeutet Design einfach nur oberflächliche Behübschung nach der neuesten Mode.
Sehen wir uns auf einem letzten Foto noch ein paar weitere Aspekte an.

Bild: Ein Auto auf einem Schrottplatz – das Moos erobert sich die Armaturen. (Quelle: Kurt Satzer)
Zuerst war mir nicht klar, warum ich bei diesem Bild hängengeblieben bin. Aber es ist die Kombination aus vielen Aspekten.
Das ist ein typisches Armaturenbrett eines Autos aus der Zeit, in der fast alles Wesentliche fertig entwickelt war, späte 1970er-Jahre etwa. Die Kippschalter waren funktionell, mit klarer, guter Haptik und tauschbar, falls sie einmal kaputt gingen, was sehr selten der Fall war. Das doppelte Rundinstrument gab es in fast allen Autos, ob groß oder klein, das Lenkrad mit Hupknopf in der Mitte, später maximal durch den Airbag verbessert, ebenso. Die Schieberegler für Heizung und Lüftung, das Zündschloss an der Lenksäule rechts vom Lenkrad, die beiden Hebel für Blinker und Licht – all das war weitgehend ausgereift. Ab da gab es keine echte Innovation mehr – okay, andere Materialien, leicht andere Formen und diverse Kleinigkeiten. Es blieb aber ähnlich über Jahrzehnte, bis die Touchscreens alles veränderten. Aber selbst in der Digitalarmaturenzeit wurden die Rundinstrumente (Tacho und Drehzahlmesser) noch simuliert, als wären es noch analoge Zeiger. Reparierbar ist heute fast gar nichts mehr, die Funktionalität ist auch nicht besser geworden und über das Design kann man streiten. In einem Tesla gibt es zwar noch ein Lenkrad, sonst aber fast nur mehr einen riesigen Bildschirm, über den alles gesteuert wird. Diese Entwicklung hat sich inzwischen auch in den Motorradmarkt hineingezogen, die neue BMW GS (Enduromotorrad) hat auch einen Bildschirm, über den fast alles gesteuert wird. Deswegen kann man mit ihr auch keine Fernreisen abseits der perfekten Serviceinfrastruktur mehr machen. Wenn eine Kleinigkeit in der Elektronik nicht passt, steht die Kiste. Da braucht man für die Reparatur einen Softwareprogrammierer, keinen Mechaniker.
Heute sind Autos Computer auf vier Rädern. Einzelne Komponenten sind tauschbar, ähnlich einem Computer. Alles ist verklebt, fast alles aus Verbundmaterialien. Wiederverwertbarkeit wird vorgegaukelt, weil die Hersteller daran kein echtes Interesse haben. Die wollen möglichst viele Neuwagen verkaufen.
In der Ära der Elektroautos wird sich daran nur wenig ändern. Es gibt noch einige mechanische Komponenten wie Fahrwerk und Bremsen, die auch in Zukunft ein Service brauchen, wobei sogar die Bremsen heute bereits an die Bordelektronik angeschlossen sind. Demnächst wohl nur mehr über ein Diagnosegerät wartbar.
Wie hat es soweit kommen können?
Letztlich ist eine Kombination mehrerer Faktoren dafür verantwortlich:
Die massive Besteuerung auf Arbeit bei gleichzeitiger Steuerentlastung für Maschinen
Reparieren ist deswegen deutlich teurer als wegzuwerfen und neu zu kaufen. Zugleich ermöglicht es den Aufbau pervers hoher Vermögen durch Maximierung der Maschinenleistung. Mit anderen Worten: Menschen durch Maschinen ersetzen maximiert den Profit.
Die Nicht-Besteuerung von Abfall
Es gab einmal in Wien eine Gebühr für die Rückgabe von Kühlschränken, damit diese ordentlich entsorgt werden können. Das hast nicht funktioniert, weil viele Menschen ihre Kühlschränke dann einfach im Wald entsorgt haben. Das war gratis und die Gefahr erwischt zu werden gleich null.
Man darf den Menschen nicht die Wahl lassen, ob sie für etwas bezahlen wollen oder nicht, das dem Gemeinwohl dient. Sie entscheiden sich immer für den egoistischen Weg, das bringen Jahrzehnte entsprechender Erziehung plus entsprechende gesellschaftliche Werte so mit sich.
Wertvolle Rohstoffe zu entsorgen müsste so teuer sein, dass es sich rechnet sie wiederzuverwerten. Wenn der Coffee-to-go-Becher 30 Euro kostet, wird er nicht mehr achtlos aus dem Autofenster in die Landschaft geworfen. Wenn eine Red-Bull-Dose (das am häufigsten am Straßenrand zu findende Müllstück) das kosten würde, was ihre Erzeugung wirklich kostet, also inklusive aller Umweltbelastungen, wäre sie äußerst wertvoll.
Diese Nicht-Besteuerung von Abfall ist die Nicht-Besteuerung von Umweltkosten und müsste schleunigst abgeschafft werden. Sie ist aber ein so großer Hebel, dass das derzeitige Wirtschaftssystem zusammenbrechen würde, weil es ja genau auf dieser Nicht-Besteuerung aufbaut.
Das Lohngefälle zwischen erster und dritter Welt
So lange es wesentlich billiger ist irgendwo produzieren zu lassen und der Transport ebenfalls fast gratis ist, wird sich nichts ändern. Bilder oder Berichte von halbverhungerten Näherinnen in Bangladesch hindern niemand am Fast-Shopping. Freiwillig verzichtet niemand auf billige Konsumwaren und das Dahinter wird wirkungsvoll abgeschottet und verborgen.
Menschliche Bequemlichkeit
Es ist bequemer sich nur auf die eigene Lustmaximierung im Hier und Jetzt zu kümmern anstatt um eine gute Zukunft für alle oder zumindest für die eigenen Nachkommen. Daher macht man Flugreisen, kauft überflüssige Dinge – das ist gut für die momentane, individuelle Lustbefriedigung. Der Coffee-to-go im Plastikbecher, der sofort wieder weggeworfen wird, ist fast schon ein Symbol unserer Zeit. Es ist bequem, mögliche Konsequenzen für die Zukunft einfach auszublenden – selbst, wenn sie einen persönlich noch betreffen werden.
Unsere Gier nach Luxus in der Freizeit
Wir folgen dabei vorgegebenen, klar definierten sozialen Normen. In den 1960er-Jahren fuhr man im Urlaub mit dem Auto nach Italien. Heute fliegt man möglichst weit weg. Wer das nicht tut, hat das Gefühl nicht dabei zu sein, nicht dazuzugehören. Das halten die meisten Menschen nicht oder nur sehr schlecht aus.
Das beste Symbol dafür sind die Ferieninseln der Malediven. Sie basieren auf der radikalsten Ausbeutung von Mensch und Natur, die ich kenne.
Die Inseln sind aus Korallenriffen entstanden und bestehen großteils aus Sand. Darauf wachsen Palmen und noch ein paar andere Pflanzen. An Produkten gibt es Kokosnüsse, Fische und Meeresfrüchte. Sonst nichts.
De facto kann man dort alles bekommen, was es an Urlaubs-Luxusartikeln auf dieser Welt gibt.
Der Preis dafür ist ein unfassbar hoher ökologischer Fußabdruck von allem, was es dort gibt. Die über tausende Kilometer eingeflogenen Erdbeeren symbolisieren nur den Rest des Wahnsinns.
Und weil auf diesen Inseln enorm viel Abfall produziert wird, es aber keine Möglichkeit der sinnvollen Entsorgung gibt, wurde eine eigene, inzwischen riesige Müllinsel erschaffen. Sie besteht nur aus Müll.
Das alles bekommen die Gäste nicht zu sehen. Auch die Nebengebäude der Hotels und Bungalowanlagen sind gut hinter hohen Zäunen versteckt und der Zutritt ist nicht erlaubt. Außer mir hat sich dafür aber ohnehin niemand interessiert, so mein Eindruck.
Das Süßwasser für die mehrfach am Tag genossenen Duscherlebnisse muss mühsam aus Salzwasser erzeugt werden. Der Energieaufwand für die mit Diesel betriebenen Entsalzungsanlagen ist enorm, die Abgase nicht gerade gefiltert.

Bild: Der gut versteckte, nicht so malerische Teil auf einer typischen Insel.
Durch den steigenden Meeresspiegel und die inzwischen nahezu vollständig zerstörten Korallen wird sich das Thema Malediven in den nächsten Jahrzehnten ohnehin erledigen. Die Touristen werden dann woanders hinfliegen.
Eine Zeit lang werden die künstlich betonierten Mauern noch helfen, dann holt sich die Natur zurück, was wir ihr streitig gemacht haben.

Bild: Das Meer erodiert die ohnehin ganz flachen Inseln einfach weg.
Das Grundprinzip des Kapitalismus in seiner neoliberalen Form
Möglichst große Spreizung von Arm und Reich durch Konzentration des Kapitals bei einer kleinen Elite, zugleich das Credo ewigen Konsumwachstums und die politische Durchsetzung kostenfreier Ausbeutbarkeit von Mensch und Natur. Dazu gibt es das Glücksversprechen durch ständig steigenden Konsum.
All das führt wohl dazu, dass wir den Wert der Dinge nicht mehr richtig einschätzen und uns in eine Spirale begeben haben, die scheinbar immer aufwärts, in meiner Wahrnehmung aber schon seit Jahrzehnten abwärts führt.
Wenn wir nicht lernen anders glücklich zu werden, wird es ein bitteres Erwachen brauchen, damit wir unser Verhalten ändern.
Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt.