Phil Collins

Ich mag die Selbstironie, die Phil Collins zeigt, indem er seine Tournee „Still not dead yet“ nennt. Wobei leider nicht allzu viel zu fehlen scheint, der Altmeister des Schlagzeugs und der unverwechselbaren Stimme humpelt am Stock auf die Bühne und verbringt das gesamte Konzert sitzend.
Aber alles der Reihe nach.

Wie meistens im Happel-Stadion sehe ich die Konzerte aus der Position des Platzanweisers. Viel Geld gibt es dafür nicht, aber ich erspare mir die Konzertkarte und Verpflegung gibt es auch. Die Arbeit ist einfach, hin und wieder zeigt man Leuten wo sie sitzen. Ich mache immer dritten Rang, als älterer Herr ist mir das Rasenareal (wobei da eh kein Rasen ist) zu mühsam und bei dieser Art von Konzert geht es sowieso sehr friedlich und gesittet zu.
Das Stadion ist nicht ausverkauft, ich schätze 15.000 am Rasen und 25.000 auf den Rängen. Das ist beachtlich, denn soo ein Burner ist der Phil Collins heutzutage auch nicht mehr.

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Bild: Kurz nach Konzertbeginn

Das Publikum ist dementsprechend in die Jahre gekommen, junge Leute sieht man eher selten. Und ich bin froh, dass niemand die „Welle“ gemacht hat, geschätzte 25 Bandscheibenvorfälle pro Runde wären wohl nicht zu vermeiden gewesen.

Sehr lustig finde ich beim Einlass die ersten 20-30 BesucherInnen der Rasenplätze, die im Laufschritt nach vorne stürmen und sich an das Absperrgitter stellen. Ganz vorne im Wellenbrecher wäre das noch verständlich, aber im dritten Sektor? Und was machen die, wenn sie auf´s Klo müssen? Gitterplatz weg?
Jedenfalls funktioniert alles wie geschmiert, die Gäste sind ruhig und höflich und freuen sich, wenn man ihnen bei ihrer Sitzplatzsuche hilft.
Die Warterei dauert lange und ich stehe mir die Beine in den Bauch. Es ist ziemlich warm, mehr als ein T-Shirt ist unnötig und ich bin froh, als um 19 Uhr das Konzert beginnt.
Mike and the Mechanics – ich bin gespannt auf die Vorgruppe. Michael Rutherford war ein Teil von Genesis in den 1980ern und ich erinnere mich an meinen ersten Security-Job überhaupt. Das war genau hier, im damaligen Praterstadion, und die Gruppe war Genesis. Viele Erinnerungen an dieses Konzert habe ich nicht mehr, es ist 35 Jahre her. Mike ist gealtert und tritt – vielleicht deswegen – im blütenweißen Anzug auf. Seine Band ist deutlich jünger und sie spielen einige Nummern, die zwar alle kennen, von denen aber viele nicht wissen, wer sie spielt.
Die Vorgruppe spielt eine Stunde, danach folgt eine Pause von ca. 50 Minuten und dann ist es soweit: Phil Collins und Band betreten die Bühne. Sehr viel sehe ich nicht vom dritten Rang und die Video-Walls sind auch nicht gerade heutiger Standard, eher 1990er, zumindest was die Größe betrifft.
Der Sound ist mittelmäßig, wenngleich anzumerken ist, dass der Soundcheck im Happel-Stadion generell den Tontechnikern den Schweiß auf die Stirne treibt. Gerade mal die vom Bruce Springsteen haben das halbwegs gut hinbekommen.

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Bild: Die vielen hellen Punkte sind allesamt Handy-Displays. Der vielleicht größte Unterschied zu vor 35 Jahren.

Schon bei der ersten Nummer denke ich: Aber hallo! Die Stimme ist sehr klar und kräftig und klingt wie vor 30 Jahren. Wie macht er das bloß, noch dazu im Sitzen? Und wieso bleibt die Lautstärke immer gleich, egal wie nahe oder wie weit er vom Mikro entfernt ist?
Spielt er etwa Playback?

Wer jedenfalls absolut echt spielt ist Nick Collins, sein Sohn, ebenfalls Schlagzeuger. Er macht seine Sache gut und darf auch ein langes Solo spielen, Vaterstolz ist absolut gerechtfertigt.
Die Länge des Konzerts beträgt 1 Stunde und 45 Minuten und sie spielen die meisten alten Hits von Phil Collins und Genesis, natürlich mit Highlights wie „Invisible Touch“ oder „In The Air Tonight“.

Dann ist es vorbei und ich finde es immer wieder faszinierend, wie schnell das Stadion leer wird. 40.000 Menschen sind in einer Viertelstunde draußen, alles sehr ruhig und geordnet. Zurück bleiben Erinnerungen und die Gewissheit, dass der Altmeister wohl nicht mehr oft auf Tournee gehen wird. Insofern hat es sich auf jeden Fall ausgezahlt.

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