Alte Schulfreunde bleiben in Erinnerung

Gleich vorweg: Neulich habe ich eine Handvoll alter Schulkollegen getroffen und wir hatten einen großartigen Abend.
Leider musste ich von drei weiteren Todesfällen erfahren:

Rainer „Bauxi“ Kempf
Auch mit ihm war ich in der Unterstufe, ich habe immer noch seine Stimme im Ohr und ein Bild von ihm in Erinnerung. Er ist 2024 verstorben, nach einem Leben mit Höhen und Tiefen. Vom guten Job mit gutem Einkommen bis zum Alkohol.

Harald Löscher
Auch ein Klassenkamerad aus der Unterstufe. Ihn habe ich noch zur Schulzeit aus den Augen verloren. Meine stärkste Erinnerung ist die an einen sehr selbstbewußten Typ, der beim Fußball immer hinten in der Verteidigung stand und die Bälle nach vorne verteilte. Zu seinem Tod weiß ich leider nichts.

Vladimir Vaverka
Er hat uns auch nach der Unterstufe verlassen, auch von ihm weiß ich wenig, nur dass er noch in seiner Jugend irgendwie ins Drogenmilieu abgerutscht ist und das nicht überlebt hat. Meine intensivste Erinnerung: Er war schon damals an Chemie interessiert – ich glaube mich zu erinnern, dass sein Vater Chemiker war. Ich bekam damals einen Chemiebaukasten und gemeinsam mit Vladimir habe ich mit chemischen Stoffen experimentiert – auf niedrigem Niveau, aber es hat großen Spaß gemacht – stinkender Schwefel, violett werdendes Kalium-Permanganat etc.
Von seinem Tod wußte ich schon lange, aber mehr als die angeführten Infos habe ich auch nicht.

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Bild: Die Unterstufenklasse Maroltingergasse 1980. Bisher haben uns nur die Burschen verlassen.

Um die drei tut es mir sehr leid. Genauso wir um den Michi.
Und auch noch um den Helmut.

Helmut Benedek
Ein Freund aus Jugendtagen, eine Zeitlang Pächter meines ehemaligen Stammlokals „Slupinski“. Ein witziger und immer ein wenig schräger Typ, unverkennbar durch seine Hakennase. Wir sind uns alle paar Jahre irgendwo über den Weg gelaufen und ich hab mich immer gefreut ihn zu sehen. Zu mehr Kontakt ist es aber nicht mehr gekommen.
Auch über seine Todesumstände weiß ich leider nichts.

Der Michi Fink, ein Freund aus lang vergangenen Tagen.

Ich war mit dem Michi vier Jahre in der Unterstufe im Gymnasium und er war immer ein wenig schräg. Vom Typ her kräftig gebaut und von Beginn an mit einer viereckigen Krankenkassabrille ausgestattet (siehe Bild oben), die gefühltermaßen nie mitgewachsen ist.

In der Oberstufe war er dann in der Parallelklasse, wir hatten aber immer Kontakt, der sich nach der Schule noch intensiviert hat. Michi begann mit anderen Freunden ein Jus-Studium, kam aber nicht sehr weit.
Dann erhielt er – ich glaube über seinen Vater oder Onkel – die Möglichkeit bei der Justizwache einzusteigen. Das war ein sicherer Beamtenjob, der ihm zu Beginn einigermaßen taugte.
Damals hatte er noch etwas größere Pläne, etwa eine Dienstprüfung machen, die ihm einen Karrieresprung ermöglicht. Und wir gingen ein paar Mal Mountainbiken, wobei ich mich an eine Tour noch sehr gut erinnere: Wir sind auf den Troppberg bei Purkersdorf gefahren, von der Gablitzseite aus, haben ihn sozusagen überquert und dann hinein in die Pfalzau und hinauf auf den Pfalzberg. Michi kannte die Strecke, vor allem der letzte Anstieg auf den Troppberg war durchaus anspruchsvoll.
Am Pfalzberg gab es damals eine kleine Jausenstation, wo wir uns Brote mit Eiaufstrich hineinwarfen.
Das war irgendwie die konkreteste Geschichte mit Michi, weil sie so besonders war. Alle anderen Treffen spielten sich meistens in Beisln ab, wo wir am Abend und ein Bierchen genehmigten oder zwei.
Michi machte damals irgendwie keine persönlichen Fortschritte, sondern versank in einen Alltagstrott aus Dienst im Gefängnis und Bierbeisl. Dazwischen ging er noch hin und wieder auf ein Hardrockkonzert, das war seine zweite Leidenschaft.
Mit dem Mountainbiken hörte er auf, was ich damals schade fand, denn ich wäre gerne noch weitere Touren mit ihm gefahren.
Zu dieser Zeit hatte er noch Pläne, von deren Umsetzung er sich aber immer weiter entfernte. Das Bier wurde mehr und auch der Michi wurde mehr. Dazu kam noch, dass er nie wirklich Erfolg bei Frauen hatte. Das war insofern schade, als er durchaus nett und witzig war und man mit ihm gute Gespräche führen konnte, wenngleich auch das mit der Zeit immer schwieriger wurde.

Aber es gab noch einen Anknüpfungspunkt: Ostafrika. Genauer gesagt Kenia, das ihn faszinierte. Er fuhr zwar nie mit mir, dafür aber mit meinem Bruder hinunter. Die überbordende Exotik, die wilden Abenteuer, die sie dort gemeinsam verbrachten, waren ein Aufwecker, der leider nicht nachhaltig war.
Dort hatte er auch die Möglichkeit Frauen kennenzulernen. Die wollten zwar in erster Linie sein Geld, man darf sich das allerdings nicht wie normale Prostitution vorstellen. Die Mädchen waren darauf aus einen (mehr oder weniger) reichen Weißen kennenzulernen und im Idealfall eine Beziehung aufzubauen. Das haben gar nicht wenige geschafft, etwa die Lydia vom Erich, einem Freund und Geschäftspartner meines Bruders.
Wenn das nicht klappte, nahmen sie zumindest Geschenke an, meist in Form von Geld, aber auch andere. Einen alten Freund von mir hat eine damals gebeten, dass er ihr das Schwimmen beibringt, weil sie alleine nicht ins Hotel zum Schwimmbecken durfte und außerdem niemand kannte, der das konnte.
Das war quasi die Gegenleistung für eine Woche Begleitung.

Also fuhr Michi in den darauffolgenden Jahren ein paar Mal nach Kenia, um dort das zu bekommen, was er hier nicht bekam.
Er hatte die Gelegenheit mit meinem Bruder und anderen „Haberern“ Safaris zu machen, eine sogar hinauf zum Turkana-See. Das war damals eine andere Zeit, die modernen Straßen von heute waren noch Schotterpisten oder noch schlechter, viele Reisen sind absolut als Abenteuer einzustufen.

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Bild: Michi bei einem Bootsausflug am Lake Baringo. Der ist durch den Anstieg aller Seen im Rift Valley heute weitgehend uninteressant geworden. Damals gab es einen feinen Campingplatz und man konnte mit einem Boot Nilpferde beobachten.

Und es gibt eine Menge lustiger Geschichten.
Die Beste ist zweifellos sein erster Kontakt mit einem Corner-Man. Das sind Männer, die einem an einer Straßenecke auflauern (daher der Name) und versuchen irgendwie betrügerisch tätig zu werden.
Die Jungs wollten nach Tansania und dafür braucht man ein Visum. Michi hatte noch keins und daher schickten sie ihn in die City zur Tansanianischen High-Commission. Nachdem er dort das Visum beantragt hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass er in zwei oder drei Stunden wiederkommen sollte.
Also setzte Michi sich unten in ein Kaffeehaus, um sich die Zeit zu vertreiben. Auf einmal kommt ein Mann und fragt, ob er sich zu ihm setzen darf, er würde auf ein Visum warten und ihm wäre fad.
Sie plaudern ein wenig, plötzlich kommen zwei Männer in Trenchcoats, der Mann bei Michi springt auf und rennt weg. Einer der beiden Trenchcoat-Männer läuft ihm nach, der andere bleibt bei Michi und fragt ihn, was er mit dem Typen zu tun hätte.
Sie wären nämlich von der Kriminalpolizei und zuständig für die Bekämpfung von Falschgeld. Der Mann, der weggelaufen war, sei so ein lange gesuchter Geldfälscher und es sei nicht auszuschließen, dass Michi sein Komplize ist.
Dem Michi geht der Reis, wie man so schön sagt, und er beteuert, dass er nur auf ein Visum warte und sich der Typ einfach dazugesetzt hätte.
Der Trenchcoat-Typ meint, das klinge plausibel und er glaube ihm durchaus. Allerdings müsse er sicher gehen, dass Michi nicht doch ein Geldfälscher wäre und daher müsste Michi ihn zum Büro der Kriminalpolizei begleiten.
Michi geht noch mehr der Reis und er meint, dass er auf sein Visum warten müsse und außerdem hätte er noch was vor etc.
Der Typ ist milde gestimmt und meint, sie könnten es auch anders machen: Michi solle ihm einfach nur all seine Dollar geben, er würde sie überprüfen und falls sie echt sind, ihm gerne vorbeibringen. Michi müsse ihm nur seine Adresse geben und er würde so schnell wie möglich vorbeikommen.
Einige Zeit später kommt Michi erleichtert ins Hotel zurück und erzählt, dass er jetzt warten müsse, bis der Kriminalpolizist vorbeikommen und ihm seine Dollar wieder bringen würde.

Mein Bruder meint, darüber lachen sie bis heute.

Die zweite, und wahrscheinlich typischste Geschichte spielte sich bei einem späteren Kenia-Besuch ab. Peter hatte einen Geschäftspartner, den Erich, und der war mit einer weißen Südafrikanerin liiert, der Wendy.
Sie war das, was man bei uns eine „Keiffn“ nennt und die beiden pflegten regelmäßig zu streiten, also eigentlich fast immer.
Eines schönen Nachmittags kamen die beiden streitend ins Hotel Boulevard, wo Michi gerade im Schatten am Pool saß und Bier trank. Genau genommen saß er schon den ganzen Tag da und trank Bier.
Er war bei dieser konzentrierten Tätigkeit nie sehr redsam und das Einzige, was er hin und wieder sagte, war „waiter, one more beer please“.
Mehr nicht.
Und dann kamen Erich und Wendy und streiteten und streiteten. Irgendwann hatten sie genug und gingen nach Hause um dort weiterzustreiten.
Michi saß da und hatte noch kein Wort gesagt.
Zeit verging. Dann meinte Michi „die g´heart eam gonz allaa“.
Das war es dann auch schon. Mehr sagte er nicht.
Es war aber auch genug.

Ich hatte Michi irgendwann aus den Augen verloren. Es muss schon zwanzig Jahre her sein, dass ich mit ihm das letzte Mal auf ein Bier war – in Breitensee, wo er gewohnt hat. Es war keine Absicht, aber die alte Freundschaft verging, die Gesprächsstoff wurde weniger, Michi redete nur mehr von Hardrock, Bier und sonst nichts mehr. Seine Karrierepläne hatte er längst aufgegeben und lebte nur noch zur Pension hin. Möglicherweise hatte er es auch aufgegeben eine Frau zu finden.
Vielleicht hat er irgendwann sich selbst aufgegeben. Durch Zufall erfuhr ich von einem alten Schulkollegen, dass er 2024 verstorben ist.

Mir bleiben ein paar schöne Erinnerungen, ein bisschen Wehmut und das Bier, das ich gerne auf ihn hebe, auch wenn gerade das sein Untergang war.

PeeWee hat uns verlassen

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Bild: PeeWee 2006 (Bild Jörg)

Er ist so gestorben wie er gelebt hat – zurückhaltend und ohne jemandem auf die Nerven zu gehen.
Diesmal war es kein Krebs und kein Unfall, er hatte zwar immer wieder mal Blutdruckprobleme und etwas Asthma, aber keine bekannte, große Krankheit. Er ist einfach in der Früh nicht mehr aufgewacht.
So einen Tod wünschen wir uns zwar alle, aber nicht im Alter von 51. Das ist früh, zu früh.

Ich habe PeeWee in der Galleria kennengelernt. Er war mir auf den ersten Blick sympathisch, ich mochte seine Stimme, seine coole Art, seine Zuverlässigkeit und seinen guten Schmäh.

Die Galleria war eine Schrauberwerkstatt für Roller, genauer gesagt für alte Vespas und Lambrettas.
Jörg, PeeWee und Ronny waren die Betreiber, die Stamm-Mannschaft sozusagen. Der normale Tag war der Dienstag, da trafen wir uns so gegen 18 Uhr, tranken das eine oder andere Bier und schraubten an den Rollern herum.

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Bild: PeeWee, Philipp, Jörg und Christian, der ebenfalls 2014 verstorben ist (Bild Jörg)

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Bild: PeeWee flext an einer Vordergabel herum

Die Galleria war unaufgeräumt, nicht sehr sauber und im Winter musste man einen alten Ölofen starten. Das war alles okay, es zählte die Gaudi und das gemeinsame Erlebnis.

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Bild: PeeWee im oberen Stock der Galleria, wo alle möglichen und unmöglichen Teile gelagert wurden.

Ich selbst bekam die Galleria samt Ronny (er hat uns schon 2014 verlassen) von einem inzwischen ebenfalls alten Freund vermittelt. Allan meinte, ich könne dort einfach vorbeischauen, weil ich mit meiner Vespa irgendein Problem hatte. Gesagt, getan – so lernte ich Ronny kennen und da wir beide Alt-Mods waren, passte die Chemie gut.

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Bild: Guido, Ronny (2014 gestorben), PeeWee und Klaus in der Werkstatt von Jörg, selbstverständlich mit einem Werkstattbier (Bild Jörg)

PeeWee war kein Mod, er war einige Jahre jünger als wir und kam über zwei Ecken dazu: Vespas und Northern Soul.
Daher sahen wir uns nicht nur beim Zangeln, sondern auch bei gemeinsamen Ausfahrten und Festen. Es entwickelte sich eine kleine Freundschaft, sprich: Es war immer schön, sich zu treffen.
Zentraler Treffpunkt blieb aber die Galleria. Beim Zangeln lernt man sich gut kennen. Als ich meine 200er-Vespa neu aufbaute, bekam ich von PeeWee die beste Sitzbank geschenkt, die ich jemals gefahren bin. Sie ist bis heute auf der Vespa und hält die Qualität. „Das ist eine englische“ meinte PeeWee. Das war nur wenige Monate vor Ronnys Tod, nachdem die Galleria aufgegeben wurde.
Ich kaufte einen Teil der Einrichtung und baute mir in unserem Souterrain eine kleine, private Werkstatt auf. Dort trafen wir uns noch einige Zeit auf einen Werkstattabend, irgendwann hörte das aber auf. Der alte Spirit war vorbei, der Geist der Galleria hatte sich verflüchtigt.

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Bild: PeeWee und Hörnchen bei mir in der Werkstatt, kurz nachdem ich sie bekommen und eingerichtet hatte

PeeWee – er hieß eigentlich Michael Pichler – sah ich immer seltener, weil ich auch nicht mehr so oft auf die Feste ging und daher liefen wir uns nur mehr bei Geburtstagen oder anderen Gelegenheiten über den Weg. Nachdem 2014 nicht nur Ronny, sondern auch Christian Höfer (und Oliver Jorns) gestorben waren, gab es auch die Ausfahrten immer seltener.
Wir fahren auch heute noch – in alter Tradition – am 26. Oktober mit den Vespas die Gräber unserer Freunde besuchen, sofern es das Wetter erlaubt.
Jetzt haben wir eines mehr, das wir anfahren müssen. Seines ist am Simmerringer Friedhof.

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Das Bild wurde anlässlich eines Kurier-Artikels über Vespisti aufgenommen. Drei von den sechs Galleria-Freunden sind nicht mehr am Leben. Den anderen geht es glücklicherweise noch gut.

PeeWee drängte sich nie in den Vordergrund, er war aber immer deutlich präsent. Er hatte nur selten Streit (obwohl er auch störrisch und stur sein konnte) und war bei lustigen Aktionen immer dabei. Er fuhr eine blaue Vespa Sprint (namens Mathilda) und hin und wieder mit der roten Primavera (Antonio) seiner langjährigen Lebenspartnerin Eva. Die war es auch, die mit ihm noch am meisten Kontakt hatte – genau genommen hat sie bis Anfang des Jahres noch mit ihm zusammen gelebt – gute Freunde, quasi für immer. Sie hat auch versucht, ihn wieder in unsere Runde zu motivieren, das war aber leider erfolglos.
PeeWee hatte sich verändert. Ronny war sein bester Freund, als der starb, war für ihn auch das Rollerfahren gestorben.

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Bild: PeeWee und Eva auf einer Party

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Bild: Ein altes Bild aus 2007, eine Osterausfahrt auf die Dopplerhütte. Rechts sieht man ein Stück von PeeWees blauer Sprint-Vespa, die Herren neben PeeWee sind Karl und Andi, links Tamara und Martina (Bild Jörg)

Ich weiß bis heute nicht, warum er sich schon vor einigen Jahren zurückgezogen hat. Es gab meines Wissens keinen Streit oder sonst einen speziellen Anlass. Aber das war der PeeWee, er konnte auch stur sein. Auf seine Gesundheit hat er nie besonders geachtet, da musste Eva ihn immer wieder mal motivieren, auf sich zu schauen.
Er redete auch selten über seine Arbeit und daher habe ich nicht einmal mehr in Erinnerung, was er gearbeitet hat oder wo. Die Recherche ergab: Er war technischer Zeichner und hat als solcher auch bis zum Schluss in der Baubranche gearbeitet. Am meisten Spaß hat ihm die Arbeit an Projekten der erneuerbaren Energie gemacht.
Er kam selten von sich aus mit einem Thema, war aber gerne bei Diskussionen dabei.
Und bei einem guten Bier war er auch immer dabei. Nicht zu vergessen seine Hilfsbereitschaft. Er war einer von den Typen, die konnte ich anrufen, wenn ich ein Problem hatte. Es gibt Leute, die würden einem auch helfen, aber die ruft man nicht an. Bei PeeWee war das anders, bei ihm wusste ich, dass ich da keine Hemmungen haben musste. Solche Freunde sind sehr wertvoll.

PeeWee tanzte gern und gut. Der Northern Soul ist auch was ganz Spezielles, keine Frage. Mein Talent ist hier nicht sehr ausgeprägt, aber die Feste waren immer leiwaund und sind es bis heute. Die Szene ist nicht groß, aber lebendig. PeeWee hatte samt Eva keinerlei Scheu eine flotte Sohle hinzulegen.

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Bild: Auf einer Geburtstagsparty – der DJ legt auf, es wird getanzt

In diesem Zusammenhang habe ich ihn heuer im Frühjahr (am 32. Mai) das letzte Mal gesehen. Er kam mir auf der Straße entgegen, als wir zur Sargfabrik marschierten, wo es eine Spezialaufführung eines Northern-Soul-Films gab, eine extrem lustige und kurzweilige Doku, die leider aufgrund fehlender Musikrechte nicht öffentlich gezeigt werden darf.
Ich freute mich riesig ihn wieder zu sehen. Wir tranken ein paar Bierchen und vereinbarten ein hoffentlich baldiges Treffen – wieder einmal im Holländer oder bei mir in der Werkstatt.

Dieses Bier werde ich jetzt nicht mehr mit ihm, sondern nur mehr mit Freunden auf ihn trinken können.
PeeWee, es ist schad um dich. Echt.

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Bild: Klaus, PeeWee, Eva, Jörg und Thomas

KI – der neue Zauberspiegel?

Mein Vater Gerhard Schwarz schrieb 1980 über die „Anthropologie des Fernsehens“ (Berichte zur Medienforschung, Band 22, anlässlich 25 Jahre Fernsehen in Österreich, Herausgeber: ORF). Das ist jetzt 45 Jahre her und inzwischen hat sich technisch und sozial einiges getan.
Was ist von seiner Grundthese noch übrig?

Gerhard Schwarz baut seine Analyse historisch auf: Von der Erfindung der Schrift über das Foto bis zum Fernsehen.
Die Schrift konnte das vergängliche Wort unsterblich machen, der Preis dafür war die Trennung des lebendigen Wortes vom Redner.
Das Foto bewirkt ähnliches, der lebendige Anblick wird getötet, das fotografierte Bild dafür unsterblich.
Der Weg zum Fernsehen führt uns über den uralten Wunschtraum der Menschen, fliegen zu können. Dadurch lassen sich ferne Orte in kurzer Zeit erreichen.
Noch schöner wäre es, wenn man ferne Orte ohne Zeitverzögerung und mühsame Reise zu sich holen könnte.
Dazu bräuchte man einen Zauberspiegel: Damit kann man gleichzeitig sehen, was sich an verschiedenen Orten abspielt. Wer einen solchen Zauberspiegel (in verschiedenen Völkern als Kristalle, Metall oder Tieraugen verwirklicht) beherrschte, war ein Magier.

Gesucht wurde in den Zauberspiegeln übrigens stets die Wahrheit. Mit ihnen konnten die Magier Diebe überführen oder Feinde erkennen. Der Spiegel selbst war dafür nur das Medium, mit dem man die Gegenwart, die Vergangenheit und auch die Zukunft sehen konnte.

Mit dem Fernseher konnte der Mensch sich diesen Wunschtraum erfüllen, er konnte fern-sehen.
Die „Dauerfernseher“ waren in allen Mythologien die Götter, die allwissend sind und daher auch alles sehen können. Christian Morgenstern hat dazu ein Gedicht geschrieben:

Ein Hase saß auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.
Doch im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll verhaltnen Fleißes
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.
Doch diesen sieht hinwiederum,
ein Gott von fern an, mild und stumm.

Götter waren immer schon dazu da, menschliche Schwächen zu kompensieren.
Mit dem Fernseher ist eine dieser Schwächen – alles überall sehen und somit beherrschen zu können – kompensiert worden, wenn auch nicht zur Gänze.
Besonders beliebt sind seit jeher „Live“-Sendungen, bei denen man tatsächlich in Echtzeit ein sehr weit entferntes Ereignis beobachten kann.
Der Nachteil: Man sieht immer nur einen Ausschnitt, nämlich den, den die Kamera erfasst. Durch die Weiterentwicklung der Technik konnte das zumindest teilweise kompensiert werden: Zahlreiche Kameras erfassen heute die großen Sportereignisse dieser Welt, man kann im Split-Screen zugleich mehrere Ausschnitte betrachten und im Falle der Aufnahme (beginnend mit der Ära der Videorekorder) einer Sendung diese beliebig oft sehen, vor- und zurückspulen, also Vergangenheit und Zukunft sehen.
Ich bin dadurch dabei und auch nicht, weil ich physisch ja immer noch daheim bin. Ich habe das ganze Universum in meinem Wohnzimmer, bin aber de facto auch nur in meinem Wohnzimmer.
In unserem Kopf verschwimmen Phantasie und Wirklichkeit, etwa wenn wir uns bei Krimis fürchten oder bei Science-Fiction-Filmen in die Zukunft flüchten.

Der Fernseher hat sich im Laufe der Zeit zum Massenmedium entwickelt, es gibt ihn inzwischen in den hintersten Winkeln dieser Welt, man kann durchaus sagen, er hat die gesamte Menschheit erfasst.
Er hat sich aber auch zum Herrschaftsmedium entwickelt, denn durch die konkrete Steuerung des Gesendeten lässt sich eine eigene Wirklichkeit bzw. Wahrheit erschaffen. Deswegen versuchen Autokraten auch immer die Sender ihres jeweiligen Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Ähnlich ist es heute mit dem Internet in verschiedensten Formen.

Die nächste Stufe war die Erfindung ebendieses Internets. Im ersten World-Wide-Web konnte man noch nicht fernsehen („streamen“), dafür hat die Technik noch nicht ausgereicht.
In den ersten Jahren waren die Übertragungsgeschwindigkeiten und Bandbreiten für die enormen Bilddaten noch nicht ausreichend, das berühmte „Pixeln“ kennzeichnet diese Zeit.

Inzwischen gibt es immer mehr technische Lösungen, aber auch seltsame Veränderungen, die in gewisser Weise einen Rückschritt darstellen.
Mit einem Videorekorder konnte man Sendungen aufnehmen und zu einem beliebigen Zeitpunkt ansehen. Durch die Funktion des Vorspulens konnte man die lästigen Werbeblöcke umgehen.
Heute wird „gestreamt“, d.h. man sieht sich eine Fernsehsendung nicht mehr über eine Funk- oder Kabelübertragung an, sondern über eine Internetleitung und/oder W-LAN. Die alte Fernsehantenne hat endgültig ausgedient, ebenso die SAT-Schüssel.
Die neuen Medienkonzerne beeinflussen über die Technik unsere Möglichkeiten, sie stellen die neuen Autokraten, die neuen Machthaber dar.
Viele Sender unterbinden das Vor- oder Rückspulen und so ist man gezwungen, sich die Werbeblöcke zur Gänze anzusehen. Man kann maximal auf Pause drücken um aufs WC zu gehen oder sich etwas zu Essen zu holen.
Den alten Videorekorder ersetzt die „TV-Thek“, allerdings mit einem Haken: Ich kann mir nicht mehr aussuchen, wann ich welche Sendung ansehen möchte, sondern bin auf die Speicherdauer in der TV-Thek angewiesen und auch auf eine gut funktionierende Internetverbindung.
Mit dem Videorekorder konnte ich etwas nach einer Woche oder erst nach 1,5 Jahren ansehen. Das erlauben heute nur die wenigsten Streaming-Dienste und wenn, dann nur für ausgewählte Sendungen.
Das ist in gewisser Hinsicht ein Rückschritt um ca. 40 Jahre.
Es ist erstaunlich, dass sich die Menschen diese Freiheit nehmen lassen, es gibt keinen nennenswerten Widerstand dagegen.

Ein weiterer Aspekt kennzeichnet die heutige Zeit: die Reizüberflutung.
Bis in die 1980er-Jahre gab es nur eine sehr beschränkte Anzahl an Sendern, deren Programm man sich ansehen konnte. In Österreich war das „FS1“ und „FS2“. Nur wer damals schon eine Sat-Schüssel hatte, konnte deutlich mehr Sender empfangen.
In den USA gab es auch damals schon wesentlich mehr Sender, die allerdings privat waren und somit mit Werbeblöcken vollgepumpt.
Heute gibt es auch in Europa bei den staatlichen Sendern sehr lange Werbeblöcke, im Internet-TV sind diese auch nicht überspringbar, man wird zum Ansehen gezwungen, wie vor 40 Jahren.

Durch neue, private Sender, die inzwischen ja nicht mehr klassisch „senden“, sondern TV im Internet anbieten, ist auch die Propaganda im großen Stil wiedergekehrt. Parteien bieten ihr eigenes Fernsehen an und wer einen funktionierenden Internetanschluss samt entsprechendem Datenvertrag hat, kann all das ohne Gebühren genießen. Der österr. Staat kassiert trotzdem mit, Haushalte müssen inzwischen eine Abgabe leisten, ob sie einen Fernseher besitzen oder nicht.

Dort erzeugen und verbreiten Parteien und andere Interessensgruppen ihre eigene Wahrheit. Das führt zu skurrilen und teilweise beängstigenden Phänomenen, eines darf als Beispiel dienen:
Eine gute Bekannte ist nicht sehr technik-affin und hat in der Corona-Zeit fast ausschließlich ein einziges Medium konsumiert, nämlich „Servus-TV“. Dieser Sender vertritt eine politische Linie, die sehr weit rechts angesiedelt ist. Daher propagierten sie eine eigene Kampagne: Impfen ist schlecht und gefährlich, da man einen Chip injiziert bekommt, der die Aufgabe hat einen zu töten.
Meine Bekannte glaubte das, da sie keine Gegenargumente sehen konnte, sie nütze als Informationsquelle ja nur Servus-TV. Sie bekam große Angst vor der Impfung und verlor so fast ihren Job als Stewardess. Lediglich die Flucht in eine Karenz ermöglichte ihr die Zeit zu überbrücken, bis die Fluglinie die Impfpflicht wieder aufhob.
Sie war der Meinung, dass ihr bei Servus-TV die Wahrheit vermittelt wurde und wollte daher auch von mir keine Argumente hören, da diese ja keine Wahrheit mehr enthalten konnten – sie hatte die Wahrheit ja schon. Georg Danzer hat das in seinem Lied „Der Kniera“ gut beschrieben: „I glaub ollas, was in der Zeitung steht…“
Das Fernsehen scheint noch mehr Wahrheit als die Zeitung zu vermitteln, schließlich sieht man dort Bilder, die ja stimmen müssen.

Dieser etwas seltsame Wahrheitsbegriff wird seit einiger Zeit noch deutlich mehr strapaziert. Schon seit vielen Jahrzehnten ist es möglich Bilder zu fälschen. Früher war dies ein sehr aufwändiger Vorgang und erforderte eine Menge differenzierter Fähigkeiten. Durch die Erfindung spezieller Computerprogramme (Photoshop etc.) wurde dies dann wesentlich einfacher und auch für den Hausgebrauch möglich.
Seitdem wird die Welt mit ver- oder gefälschten Bildern milliardenfach geflutet.
Doch auch dafür musste man bis vor kurzem mit den Programmen einigermaßen arbeiten können.
Durch neue Internetprogramme gibt es den nächsten Schub, den nächsten Technologiesprung.
Jetzt ist es möglich durch die Eingabe von wenigen Parametern ein Bild zur Gänze künstlich erzeugen zu lassen. Bezeichnet werden diese Programme als „KI“ also „Künstliche Intelligenz“, was auch wieder irreführend ist, weil sie nur rechnen können, allerdings sehr schnell und unter Zuhilfenahme des Scannens des Internets.
Diese Programme sind derzeit (Stand 2025) noch leicht fehlerhaft, die künstlichen Bilder sind als solche noch recht gut erkennbar, die Programme schaffen etwa die Darstellung von Händen und Fingern noch nicht sehr gut.

Wenn man jedoch Internetforen durchstöbert, fällt etwas auf: Sehr viele Menschen, oft die Mehrheit in einem Forum, glauben an die Echtheit der gefälschten Bilder, auch wenn diese offensichtlich nicht der Realität entspringen. Sie wollen die Hinweise auf die Fehler gar nicht hören, lieber glauben sie an die Illusion.
Was ist daran so faszinierend? Letztlich dürfte es funktionieren, weil den Menschen die Erfüllung ihrer Träume versprochen wird. Sie wollen daran glauben, so wie Menschen an Horoskope glauben wollen.
Sie sehen etwa Bilder von perfekt schönen Frauen. Dass es diese gar nicht gibt, wird nicht zu Kenntnis genommen. Wer die Echtheit anzweifelt, wird erbittert bekämpft, beschimpft oder ignoriert.
„D´Leit woin d´Woarheit hoid ned wissen und so wer i hochkant ausseg´schmissn“ hat Georg Danzer gesungen.

Das ist jetzt der neue Zauberspiegel: Ich kann mir von Midjourney oder ähnlichen Programmen Wünsche erfüllen lassen. In der Pornoindustrie hat das letztlich sogar einen skurrilen Vorteil, sofern dieser auch realisiert wird: Es ist nicht mehr notwendig echte Frauen zu missbrauchen, man kann sie jetzt künstlich erzeugen.
Die Faszination des neuen Zauberspiegels ist für manche Menschen fast grenzenlos, vor allem, weil er inzwischen im Handy gelandet ist. Immer mehr Menschen starren in die kleinen Bildschirme und nehmen ihre Umwelt eingeschränkt oder gar nicht mehr wahr. Wenn sie dann noch Kopfhörer tragen (das ist inzwischen überall zu beobachten), sind sie fast zur Gänze von der Umwelt entkoppelt.

Das ermöglicht auch neue Formen der Manipulation. Künstlich erzeugte Videosequenzen von Politikern, die irgendetwas Schändliches tun, werden nicht auf ihre Echtheit überprüft. Wenn die Menschen dann auch noch ihr Wahlverhalten danach ausrichten, ist die Manipulation perfekt, weil sie von den Manipulatoren direkt in die echte Welt transferiert wird.

Das funktioniert aber nur, weil sehr viele Menschen inzwischen in einer Bequemlichkeitswelt leben. Sie sitzen daheim am Computer oder Handy, lassen sich alle benötigten Waren liefern und konsumieren viele Stunden am Tag das grenzenlose Angebot im Internet.
Die technische Entwicklung ist inzwischen so rasant, dass die Sozialforschung nicht mehr nachkommt und eventuelle Gefahren nicht mehr rechtzeitig erkannt werden.
Ein Beispiel sind Videos für Kinder am Handy. Sie sind so einfach und praktisch zu handhaben, dass immer mehr Eltern ihre Kinder damit ruhigstellen, um ihren eigenen, oft sehr stressigen Alltag bewältigen zu können. Das betrifft vor allem Eltern, die selbst schon in der Bequemlichkeitswelt aufgewachsen sind und gar nichts anderes mehr kennen.

Über bestimmte Programme (YouTube, Tiktok etc.) lässt man die Kinder Videos sehen. Im Laufe der letzten Jahre sind diese Videos immer kürzer geworden, weil die Kinder ihre Aufmerksamkeitsspanne verringert haben. Noch 2023 waren die Videos zwischen fünf und zehn Sekunden lang, heute stehen wir bei ca. 1,5 Sekunden.
In dieser Zeit lassen sich keine Inhalte mehr vermitteln, es sind einfach schnell wechselnde, bunte Bilder.
Die Anbieter dieser Bilder scannen die Verweildauer, bis ein Kind zum nächsten Video weiterwischt. Dieser Vorgang ist maximal vereinfacht worden, eine kleine Bewegung mit dem Finger reicht.
Wenn die Kinder schneller wegwischen, also ein 30-Sekunden-Video nur bis zur Sekunde 15 ansehen, dann werden ihnen nach einiger Zeit nur mehr 15-Sekunden-Videos angeboten.
Wie weit diese Entwicklung noch geht, lässt sich schwer abschätzen. Vielleicht ist es in ein paar Jahren nur mehr ein flimmernder Brei, der von den Kindern mit den Augen gefressen wird.
Besonders erstaunlich wäre das wohl nicht, in anderen Lebensbereichen gibt es diese Entwicklung auch. Ein Beispiel ist das Ultra-Fast-Shopping. Jugendliche gehen in ein Bekleidungsgeschäft und kaufen sich neue Sachen. Die werden kurz anprobiert und dann bezahlt. Nach dem Kauf werden sie entweder sofort entsorgt oder – im Idealfall – mit anderen getauscht.
Danach gehen sie wieder in das Geschäft und kaufen die nächsten Sachen. Das klingt absurd, ist aber das gängige Modell und auch Ziel der Bekleidungsindustrie. Sie verdient damit unfassbare Mengen an Geld.
Die Frage, woher die Jugendlichen das Geld dafür haben, ist sinnlos. Die Bekleidung wird unter maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur extrem billig hergestellt und kann daher auch sehr billig verkauft werden – eine Hose etwa ist um 4,90- Euro erhältlich, T-Shirts noch wesentlich billiger. Die Transportkosten sind niedrig und die Firmen müssen auch keine Entsorgungskosten zahlen, da dies auf die Allgemeinheit abgewälzt wird. Industrie und Handel befeuern diesen Trend noch zusätzlich, indem sie die Frequenz der neuen Kollektionen immer mehr verkürzen, ähnlich wie die Dauer der angesprochenen Videos. Wenn es früher eine jahreszeitlich gestaffelte Mode gab, bieten manche Hersteller inzwischen wöchentlich oder sogar noch öfter neue Kollektionen an.
Diese Kleidungsstücke müssen auch keinerlei Qualitätskriterien genügen, da sie sowieso nie getragen werden.
Die Ausbeutung der Menschen und der Natur spielt keine Rolle, der Trend geht derzeit sogar in die Gegenrichtung, gut gesteuert durch die Industrielobbies und in Folge durch Politik und Medien. Es sieht so aus, dass die Wegwerfgesellschaft gewonnen hat, zumindest vorübergehend.

Auf einer anderen Ebene setzt sich ein Pendant zum Zauberspiegel durch: wunscherfüllende KI-Programme, das berühmteste ist ChatGPT.
Man gibt eine Frage ein oder stellt eine Anforderung (in der Fachsprache „Prompt“) und schon bekommt man ein Ergebnis, oft binnen weniger Sekunden, in Zukunft wahrscheinlich noch kürzer.
Die Programme analysieren die Worte, durchsuchen das Internet und erstellen aufgrund von Rechenoperationen ein Ergebnis.
So kann man etwa eine Recherche durchführen oder sich eine Diplomarbeit schreiben lassen. Man muss lediglich ein wenig üben, bis man die Fragen optimal formuliert. Das ist aber auch das Einzige, was man lernen bzw. können muss.

Das ist unglaublich praktisch, vor allem weil es oft Wissenschaft simuliert. Darin liegt auch die größte Gefahr, denn es gibt genau genommen keine echte Recherche mehr, keine Überprüfung auf wahr und unwahr, denn die Rechenprogramme wissen nicht, was „wahr“ und „unwahr“ ist, auch bei „richtig“ und „falsch“ versagen sie. Sie können lediglich zählen, wie oft etwas im Internet vorkommt und dann statistisch nach Wahrscheinlichkeitsrechnung entscheiden. Aber selbst diese Entscheidung ist nur eine Rechenoperation.

In den neuen Zauberspiegeln wird nach wie vor nach der Wahrheit gesucht, allerdings unterliegt man der Herrschaft der Internetkonzerne, die für die Menschen bestimmen, was wahr und was falsch ist.
„Was du auf Google nicht findest, gibt es nicht“ heißt ein – inzwischen schon alter – Spruch. Es war zwar vor der Internetzeit auch nicht immer leicht etwas zu finden, aber damals hat man wenigsten noch verschiedene „Anbieter“ konsultiert – Bibliotheken, Fachjournale, Karteien etc. Man konnte vergleichen, sich ein Bild machen und dann differenziert entscheiden.
Heute schaut man sich die erste Seite einer Google-Recherche an und das war´s.
ChatGPT geht hier noch einen Schritt weiter, das Programm übernimmt die gesamte Suche samt Einschätzung der Ergebnisse. Es lässt keine Recherche mehr zu, keinen Blick nach links oder rechts.
Durch die gefällige Formulierung simulieren diese Programme, dass irgendwo eine Art Mensch sitzt, der das schreibt. Erstaunlich viele Menschen fallen darauf herein, eventuell weil die Bequemlichkeit keine anstrengende Suche nach Alternativen erlaubt, eventuell weil die Täuschung so gut gemacht ist: Wenn es so aussieht, als hätte es ein Mensch gemacht, dann glaubt man das auch gerne, allzu gerne.
Man vertraut der Maschine, weil sie vertrauenerweckend gebaut ist.
Man vertraut der Maschine, weil es so einfach ist.
Man vertraut der Maschine irgendwann, weil man gar nichts anderes mehr kennt.

Das lässt sich gut beim Wandern in der Natur zeigen. Früher musste man sich mit Karten orientieren, heute verwendet man ein Programm am Handy („bergfex“ ist eines davon). Das hat enorme Vorteile, denn am Handy kann ich ständig sehen, wo ich bin. Die Ortung ist auf wenige Meter genau, ich kann damit kleine Pfade und Abzweigungen finden, was äußerst praktisch ist. Es ist auch leichter sich nicht zu verirren, wenngleich dafür Restfähigkeiten von früher durchaus hilfreich sind.
Die Nachteile sehen wir erst, wenn es zu einer Störung kommt. Das Handy fällt runter und ist kaputt. Dann finden wir den Weg nicht mehr und können auch keine Hilfe holen, zumindest wenn wir alleine unterwegs sind oder kein Zweithandy dabeihaben.
Oder der Akku ist leer, oder es gibt keinen Empfang – in all diesen Fällen ergibt sich eine sofortige, manchmal ernste Krise. Die Bergrettungen können Lieder davon singen.
Eine Landkarte braucht keinen Strom und kein Internet. Wer einmal versucht hat im strömenden Regen den Touchscreen seines Handys zu bedienen, kennt die Schwächen des Systems. Eine Karte funktioniert immer, sofern man sie nicht verliert und lesen kann.

Es gibt auch Menschen, die nicht für die Bequemlichkeitsmaschine anfällig sind, aber es werden immer weniger und sind inzwischen so weit, dass sie keine Rolle mehr spielen, weil das Geld mit der Mehrheit verdient wird.
Das Geld, das die Maschinen am Laufen hält.