57er Chevy, blade Gitarrn und Zaunpinkeln

Das Deja-vu

Legendär die Szene am Ostbahn-IX-Platz im Sommer vor 20 Jahren. Damals spielte der Ostbahnkurti mit der Chefpartie und die Organisation war genauso mies wie diesmal. Derselbe Veranstalter? Wäre möglich. Jedenfalls gab es damals schon keine Häusln, was für die Damen elendslange Schlangen bedeutete und eine Art überirdische Körperbeherrschung und -früherkennung erforderte.
Die Herren hatten es leichter, sie gingen zu einer großen Böschung und pinkelten einfach hinunter in die Buschreihe. Feine Sache, bis auf den leicht alkoholisierten Herrn, der ein wenig die Balance verlor und die Böschung hinunter stürzte, hinein in besagte, gut durchtränkte Büsche. Gratulation im Nachhinein.

Die Organisation

Diesmal gab es keine Böschung, aber auch keine Klos. Es war tatsächlich nur eine Handvoll Mobilklos vorhanden und die waren beim Eingang aufgestellt, genau am weitesten Punkt von der Bühne entfernt. Da tausende Menschen dicht gedrängt standen, keine ganz einfache Koordinationstätigkeit.

Glücklicherweise mussten die Herren nicht so oft aufs Klo, weil auch der Biernachschub überhaupt nicht funktionierte. Die leicht überforderten Ausschschenksklaven hatten eine Handvoll Durchfluss-Kühlanlagen, aus denen in erster Linie Schaum rauskam. Offensichtlich wussten sie nicht, dass man die Fässer trotzdem einen Tag vorher anliefern und ruhen lassen muss. Auch ein wenig Kühlung hätte dem Bier nicht geschadet, es war lauwarm mit wenig Kohlensäure.
Die armen Damen und Herren hatten zudem nur eine Handkassa in Form einer Blechbüchse, in der alles Wechselgeld ungeordnet herum lag. Ewiges Stöbern war die Folge, ganz abgesehen davon dass sie untereinander nicht organisiert waren. Dabei wurden gerade bei diesem Konzert die meisten Karten im Vorverkauf ausgegeben und der Veranstalter wusste sehr genau, wie viele (sehr viele!) Menschen kommen würden. Und wenn er nicht ganz deppat ist, dann wusste er auch, dass Ostbahnkurti-Fans jede Menge Bier und Spritzwein trinken (Thomy: „Am besten ich nehm gleich vier Bier“ – Ich: „Gut, dann nehm ich auch vier…“).
Auch die Rückgabe der Pfandbecher war eine Katastrophe, denn dafür musste man sich genauso lange anstellen wie für ein Bier.

Auch am Eingang gab es Stress. Alles dauerte ewig, bis auf das Schlange-Bilden. Die wuchs schnell und es wurde klar: der Veranstalter hatte offensichtlich auch hier gespart („Oh, so viele Leute, und die wollen alle jetzt vor Beginn des Konzerts rein…“) oder ist einfach unfähig.

Sehr fein auch der Hinweis auf der Eintrittskarte, dass man nicht mit Stöckelschuhen zum Konzert kommen darf. Also:
1.) Ostbahnkurtifans tragen eher selten Stöckelschuhe beim Konzert.
2.) Schon gar nicht, wenn wettermäßig ein Inferno angekündigt ist
3.) Es war weder Zeit noch Möglichkeit, das am Eingang zu kontrollieren.
4.) Die Kaiserwiese hat keinen Parkettboden. Deswegen heißt sie auch „Wiese“ und nicht „Salon“.

Die netten, schlecht bezahlten und als Security verkleideten Studenten, die die Zäune absicherten, konnten irgendwann den Andrang aus Harndrang nicht mehr zurückweisen und erkannten, dass man einen gerade an den Zaun pinkelnden Herrn in Ostbahnkurti-Stimmung besser nicht von hinten zur Ordnung weist. Dann dreht er sich nämlich um, während dem Pinkeln. So geschah es und die Reihe der Zaunpinkler wurde immer größer. Es war übrigens kein Zaun, sondern ein großmaschiges Gitter und somit eher eine Art Orientierungshilfe, um nicht irgendwo hin zu lullen. Was auch irgendwie egal gewesen wäre, weil es ohnehin in Strömen regnete.
Das wird übrigens lustig für unsere Nachfolger am Tag danach, beim zweiten Konzert. Da wird es nämlich trocken sein. Aber vielleicht treiben sie ja noch irgendwo ein paar Klos auf. Rechts vorne gab es zwar einen Klowagen, aber soll sich der gesamte linke Teil vor der Bühne ganz nach rechts durchquetschen? Bei 50 Euro mal 10.000 macht das eine halbe Million Einnahme, da sollte sich die Miete ausgehen.

Wer sich übrigens beim zweiten Konzert die 50 Euro Eintritt ersparen will: Der besagte Zaun war nicht abgedeckt und die berühmten Zaungäste konnten das Konzert von draußen in der absolut gleichen Qualität wie die zahlenden Gäste ein paar Meter weiter genießen. Mit selbst mitgebrachtem Bier, ohne Schlange stehen.
Generell war aber der Standort Kaiserwiese gut gewählt: die richtige Größe, gute Sicht auf die Bühne, U-Bahn daneben, gute Akustigk – da gibt es nichts zu meckern.

Des Wetter wird umschlogn, do ziagt si schee wos zsam

Ein strahlend schöner, heißer Sommertag. Dann ab 17 Uhr starker Wind und pünktlich zu Konzertbeginn fing es zu regnen an. Auf der Facebook-Seite wurde gerätselt, ob das Konzert abgesagt wird, um 18 Uhr sollte es angeblich eine Entscheidung des Veranstalters geben. Ob es sie offiziell gab, weiß ich nicht, aber das Konzert fand statt.
Fast alle Menschen waren vorgewarnt und hatten Regenpellarinen mit. Ich hatte die Grundausstattung für Ostbahnkurti-Konzerte mit (Leiberl, fette alte Lederjacke, Stiefel, Jeans, Wayfarer), aber nur die Schuhe kamen zur Geltung, weil die Sonnenbrille sinnlos war und die Regenjacke den Rest zuhüllte.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Es wurde erstaunlich frisch, vor allem gegen Ende des Konzerts, als es bereits 3,5 Stunden durchregnete. Nicht extrem stark, aber das reichte. Nur wenige Hartgesottene (bzw. Weichgesoffene) waren in kurzer Hose und T-Shirt gekommen. Thomy hatte mit Converse die deutlich falsche Schuhwahl getroffen. Früher heimgehen? Das war für so ziemlich keinen der mehr als 10.000 BesucherInnen (laut ORF) eine Option.

Das Publikum

Der Altersschnitt lag sicher über 40, jede Menge Silberrücken und so ziemlich niemand unter 25, vielleicht ein paar der Söhne und Töchter der alten Kurti-Fans. Textfest bis fast ins Detail. Gute Stimmung trotz miesem Wetter. Der gut gelaunte Kurti und die tollen Musiker waren nicht allein für den Erfolg eines Konzerts verantwortlich, das in die Wiener Rock-Geschichte eingehen wird (zumindest für Ostbahnkurti-Fans). 3,5 Stunden im Regen durchhalten, das ist nicht selbstverständlich.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Wenig Drängerei trotz dichtem Bewuchs – das gesetztere Alter zeigt Wirkung.

Kurti, Band und Programm

Gutgelaunt war er, der Herr Ostbahn. Natürlich merkt man ihm an, dass 25 Jahre vergangen sind (ich war 1987 auf meinem ersten Kurti-Konzert). Auch an der Band ist das Alter nicht spurlos vorüber gegangen. Wenn man jedoch die Augen schloss, dann war das der alte Dr. Kurt Ostbahn und die Chefpartie. Plus der Kombo, mit der ich aber schon seinerzeit nicht mehr viel anfangen konnte. Egal – allesamt gute Musiker, und sie waren alle da, auf der Bühne hat es fast gewurlt: Josef Havlicek, Lilli Marschall, Mario Adretti, Wild Willy Brunner und der geniale Leopold „Prinz“ Karasek, den ich lang nicht erkannt habe: graue kurze Haare, seinerzeit lange blonde Federn. Großartig auch Karl Horak, der eigentlich Leo Bei heißt, so wie auch die anderen Musiker in der Chefpartie immer mit ihrem Künstlernamen aufgetreten sind. Und es hat niemand je gestört, die Inszenierung war stets perfekt.

Aus meiner Sicht ließ auch das Programm nichts zu wünschen übrig. Gefühlt hat mir keiner der Klassiker gefehlt und ich bin selbst erstaunt, wie ich bei Liedern textfest bin, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gehört habe. Gefehlt hat mir lediglich der „Stern vom Praterstern“, den ich eigentlich erwartet hätte, denn die Kaiserwiese liegt direkt daneben. Und „Chili con Carne“ hat mir auch gefehlt.
„Das Konzert ist hiermit offiziell zu Ende… oba mir spüln eh glei weida“ – der Kurti weiß, was er seinen alten Fans schuldig ist und dass er gar nicht erst probieren muss, ohne entsprechende Zugabenmengen davonzukommen.
Legendär die Gröhlstrecke bei „Überstar“, die das Publikum auch diesmal viele Minuten lang durchhielt, während der Kurti sich eine kleine Erfrischung gönnte. Und am Schluss natürlich „Tequila Sunrise“, einer der Höhepunkte, schlichtweg genial die Kombi aus Kurti, Kombo, Chefpartie und Publikum.

„Wenn die Musik vurbei is“

Im kurzen Interview heute in der ZIB hat der Kurti angekündigt, dass dies ein einmaliges Ereignis war (also halt die zwei Auftritte gestern und heute), während der Veranstalter natürlich davon schwärmt, das jährlich zu machen.
Hoffentlich hält der Kurti sein Wort.

3 Gedanken zu „57er Chevy, blade Gitarrn und Zaunpinkeln

  • 29. August 2011 um 07:49
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    hallo,

    also was den veranstalter betrifft, so ist das echt ein absoluter witz gewesen!

    zum ersten die pseudo security – hatte ein kleines tascherl, gerade groß genug dass geldbörserl und taschentücher platz haben. security druchsucht die tasche und fragt – haben sie getränke in der tasche? in einer 15×15 großen tasche????? hätte ich ein schweizermesser oder eine pistole mitgehabt, so wär´s wahrscheinlich egal gewesen – hauptsache keine getränke! als ich dann drinnen die getränkepreise gesehen habe wusste ich auch warum man so happig war. ein bier € 3,50 und ein AF Getränk € 4,00, wobei auch gleich der schraubverschluss abgenommen wird, dass man relativ rasch alles austrinken muss. tja und dann zu guter letzt die zaungäste die du schon erwähnt hast. bin beim konzert eher hinten gestanden und habe größtenteils über die videowall gesehen. da ich schon früher gegangen bin habe ich gemerkt dass die zaungäste eigentlich genauso viel gesehen haben wie ich – nur mit dem unterschied dass ich € 60,- bezahlt habe. ein hoch dem veranstalter!

  • 4. September 2011 um 19:15
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    Auf meinem Iphone sieht deine Seite irgendwie seltsam aus.

  • 6. September 2011 um 15:57
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    Wirklich Super! Gefaellt mir! Wo ist denn der Facebook-Like-Button?

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