400 Flüchtlinge ertrunken – was geht uns das an?

Erst neulich hab ich einen Shitstorm in Facebook aushalten müssen, weil ich es gewagt habe, die Toten des abgestürzten German-Wings-Flugzeugs mit der gleichen Menge an ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer zu vergleichen.
Die wichtigsten Argumente gegen mich:

1.) Die Flüchtlinge würden bewusst ein hohes Risiko eingehen – bei den Fluggästen wäre das nicht der Fall.

Das halte ich für eine sehr menschenfeindliche Aussage. Die Flüchtlinge würden auch lieber mit German Wings nach Europa fliegen, nur haben sie dafür nicht die Mittel.

2.) Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge, die zu uns schmarotzen kommen.

Niemand flüchtet aus Jux und Gaudi, sondern weil einem keine andere Wahl mehr bleibt. Das ist für jemand, der Afrika nur aus Kronenzeitungsartikeln, Fernsehnachrichten und dem Badeurlaub in Mombasa kennt, oft nicht verständlich. Von den Medien wird uns gerne das Bild serviert, dass die Afrikaner alle arbeitsscheu wären und uns nur unseren hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen wollen. Sie kämen über´s Mittelmeer, weil sie es bei uns „besser“ haben wollen.
Ja, das stimmt: besser als der Tod und besser als Hunger. Sofern man nicht auf der Überfahrt stirbt oder dann – was meist der Fall ist – zurück geschickt wird.
Sie wollen so wie wir ein gutes Leben führen. Wer jetzt meint, dann bräuchten sie ja nur was arbeiten, soll sich doch bei uns erkundigen, wie reich man mit Arbeit wird. Dazu kommt, dass es dort nicht so viel Arbeit gibt – die Landflucht ist enorm und in den Städten wachsen die Slums. Die Leute flüchten übrigens auch nicht gerne vom Land, sondern tun das nur, weil das Land sie nicht mehr ernähren kann.
Die Gründe dafür ist vielfältig:
Erstens gibt es Klimaveränderungen. Die sind in Afrika deutlich massiver als bei uns. Ob wir sie durch die von uns verursachte Umweltverschmutzung bewirkt haben, möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren.
Zweitens wird ihnen das Land weggenommen. Das funktioniert so: die Menschen leben seit sehr langer Zeit auf dem Land, betreiben Ackerbau und Viehzucht und leben durchaus zufrieden. Dann kommt der neue Distrikt-Verwalter und verlangt eine Besitzurkunde. Da die Menschen dort noch nie eine gebraucht haben und daher so etwas nicht besitzen, werden sie von ihrem Land vertrieben, nicht selten mit Gewalt. Dieses Land wird dann verkauft, meist an Inder oder Chinesen, die das Spiel in ganz Afrika betreiben, vor allem in Ost, aber auch in Zentral- und Westafrika.
Diese Menschen können nur mehr in die Stadt flüchten. Sie sind jetzt schon das, was wir verächtlich als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen.
Ich bin übrigens der Meinung, dass alle Flüchtlinge Wirtschaftsflüchtlinge sind, denn auch in politischen Konflikten geht es um Geld und somit um Wirtschaft.
Drittens kann das Land sie oft nicht mehr ernähren, weil die Ressourcen fehlen. Ein Beispiel: rund um den Mount Kenya ist fruchtbares Land. Das notwendige Wasser kommt vom Berg und daher siedeln dort seit langer Zeit verschiedene Stämme. Dann kamen reiche Politiker und andere Herrschaften, kauften einen Teil des Landes und legten riesige Farmen an. Fast alles, was dort produziert wird, geht in den Export und macht die Großfarmer sehr reich. Unsere Rosen kommen z.B. zu einem Teil von dort. Damit sie bei uns billig sind, muss der Anbau billig sein. Deswegen leiten die Großfarmer, nachdem sie sich die Genehmigung dafür geholt haben (und ein wenig Bestechungsgeld mag dabei auch fließen), das Wasser auf ihre Farmen. Die kleinen Farmer rund herum gehen kaputt. Sie werden zu Wirtschaftsflüchtlingen.
Viertens macht Europa die afrikanische Wirtschaft kaputt. Eine der bekanntesten Geschichten ist die mit den Hühnern: in Deutschland und Holland essen die Menschen fast nur mehr Hühnerfilet, also das Brustfleisch. Der Rest des Huhnes ist uninteressant und wird daher anderwertig verarbeitet. Man presst die Hühnerteile in große Blöcke (1x1x1 Meter) und exportiert sie nach Westafrika. Dort werden sie spottbillig auf den lokalen Märkten verkauft, weil sie von der EU subventioniert sind (Exportsubvention).
Das macht die lokale Hühnerwirtschaft kaputt. Glücklicherweise konnten sich die Westafrikaner dagegen ein wenig wehren, weil die Qualität der mehrfach aufgetauten und wieder eingefrorenen Hühnerstücke entsprechend mies war. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen.

3.) Die Fluggäste sind uns ähnlicher als die ertrunkenen Afrikaner – daher gilt unser Mitgefühl nur ersteren

Hier dürfte ein Lernschritt notwendig sein. Selbst wenn man das psychologisch irgendwie hinbiegen kann, zeigt es nicht gerade eine heroische Seite unserer als so hoch eingestuften Zivilisation. Erst heute kam die Meldung, dass ein Boot mit angeblich 550 Flüchtlingen gekentert sei, nachdem es gerade mal 80 Seemeilen geschafft hatte. Die italienische Küstenwache konnte 150 Menschen retten, die anderen werden „vermisst“.
Das mag sein, dass sie jemand vermissen wird. Europa gehört jedoch nicht dazu. Vielleicht erfahren Angehörige irgendwann, dass ihre Söhne, Väter, Brüder, Töchter, Enkel etc. ertrunken sind. Wahrscheinlich erfahren sie es nicht, denn oft flüchten hier ganze Familien – laut Fernsehbericht sind unter den Ertrunkenen viele Kinder.
Es flüchten also ganze Familien und nicht nur junge, männliche Drogendealer, wie uns gerne gesagt wird. Außerdem ist jeder ertrunkene Flüchtling ein Schmarotzer weniger, der hier bei uns ankommt und uns unseren hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen will. Es ist also ausgesprochen praktisch, wenn möglichst viele ersaufen.
Besser wäre es natürlich, wenn sie erst gar nicht flüchten würden. Aber das steht nun einmal nicht zur Diskussion, und wir sollten uns angewöhnen unsere Worte sorgsamer zu wählen. Diese Menschen flüchten nicht gerne, sondern sehen keine andere Chance.
Es mag unter diesen Flüchtlingen auch böse Menschen geben, aber deswegen sind gleich alle böse? Wie kommen wir zu dieser Anmaßung?
Mitgefühl wäre jedoch gefährlich, denn es führt zu einem Nachdenkprozess, vielleicht sogar zu schlechtem Gewissen. Dann könnte man die Kräfte, die uns diese Flüchtlinge vom Hals halten sollen (Frontex), nicht mehr bedingungslos gut finden. Im Extremfall müsste man sogar sehen, dass wir unseren Wohlstand zum Teil auf deren Armut aufbauen. Dann müsste man eigentlich etwas ändern, und wer tut das schon gern?

Nachtrag am 20. April: gerade kam die Meldung, dass noch einmal ca. 700 Flüchtlinge ertrunken sind. Es überrascht mich nicht, denn es werden immer mehr Menschen versuchen dem Tod zu entkommen und dabei doch nur den Tod finden.
Zur gleichen Zeit wurden im Parlament die Asylgesetze verschärft, nachdem man kurz davor große Betroffenheit geheuchelt hat. Unsere Regierung ist eine Schande.

Konsumgesellschaft im Abverkauf

Gleich zur Sache: Vor ein paar Wochen bekam ich einen Anruf einer Telefonmarketingfirma namens „Swedex“. Eine nette deutsche Stimme überschüttete mich mit einstudierten Sätzen, hohlen Phrasen und Suggestivfragen („Herr Schwarz, günstige Gelegenheiten darf man doch nicht vestreichen lassen, Herr Schwarz“), auf die sie die Antwort gar nicht erst abwartete.
Ich wäre ausgesucht worden und total exklusiv bekäme ich ein universelles Wundergerät frei Haus zugestellt, mit dem ich meine bisher miesen Präsentationen ab nun in sensationeller Qualität erstellen könnte, so dass die Kunden reihenweise um Aufträge betteln würden, schon demnächst – ich bräuchte nur damit einverstanden sein, dass mir das Gerät kostenfrei zur Ansicht vorbeigebracht würde. Schon bald, mit einem Botendienst. Wenn ich es nicht für so toll befinden würde, so käme der Botendienst wieder und würde es abholen.
Meine Einwände wurden gekonnt abgeblockt.

Ich sagte ja. Mit einem miesen Gefühl, aber ich sagte ja. Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich das Gerät nicht in Betrieb nehmen würde, und zwar einfach deswegen, weil ich es nicht brauche, nicht gebraucht habe und auch in Zukunft sicher nicht brauchen würde.

Warum ich „ja“ gesagt habe? Weil mir die nette Dame leid tat – sie tut nur ihren Job und bekommt hoffentlich Provision wenn ich mir das Gerät vorbeibringen lasse. Außerdem ist das für mich eine gute Möglichkeit Beispiele zu sammeln – mehr dazu weiter unten.

Wenige Tage später kam ein Anruf mit der Frage, ob denn das Gerät schon da wäre. Ich verneinte. Am nächsten Tag wurde es jedoch tatsächlich geliefert. Ich öffnete den Karton, sah mir die Anleitung an und verschloss das Ganze wieder. Dann wartete ich auf einen Anruf, der auch kam: Wie mir denn das Gerät gefallen hätte?
Ich erklärte der netten Dame, dass es sich sicher um ein tolles Gerät handelt, ich es jedoch nicht brauchen könnte. Nach ein paar Minuten Überredungsversuch wurde ihr klar, dass ich es nicht kaufen würde. Also wurde vereinbart, dass es wieder abgeholt würde.

Am Tag danach kam der nächste Anruf. Man hätte noch eine einzige Frage. Dann kam allerdings keine Frage, sondern die Dame erklärte mir, dass sie mir ein spezielles Angebot machen möchte: das Gerät könnte ich gratis behalten. Warum? Weil es „die Produktion ja schon verlassen hätte, somit ein Gebrauchtgerät wäre und wertlos.“ Ich könnte dem netten Botendienst einfach sagen, er könnte ohne das Gerät wieder abrauschen.

Daraufhin stellte ich der Dame eine Frage: ob sie wüsste, was ein „Universal-Harvester“ ist. Sie verneinte und ich erklärte ihr, dass das ein riesiges, ganz tolles Gerät ist, mit dem man in einem Arbeitsgang Bäume fällen, entasten und zerteilen kann. Eine Super-Maschine, leider mit dem Nachteil, dass sie nur für Menschen brauchbar ist, die einen Wald haben und Bäume fällen müssen. Und ich kann das Laminiergerät (darum handelt es sich nämlich tatsächlich) einfach nicht brauchen, weil ich nicht laminieren muss.
Also willigte sie ein, dass das Gerät abgeholt wird. Die Enttäuschung in ihrer Stimme war unverkennbar: wie kann man so ein tolles Gratisgerät ablehnen? (Exakt als ich diese Zeilen schreibe, läutet es an der Tür und ein freundlicher Schwarzafrikaner holt das Gerät ab, sein Telefonat – über Ohrenstöpsel – in einer mir unbekannten Sprache hat er dabei übrigens nicht unterbrochen.)

Was bedeutet das alles? Ich möchte das aus mehreren Perspektiven beleuchten.

a.) Marketing

Ich sammle seit Jahren schlechte Beispiele für meine Lehrveranstaltung auf der Fachhochschule und habe wahrlich keinen Mangel. Das ist wieder so ein Beispiel, und zwar ein bussifeines. Eine Dame ruft unerwartet und unverlangt an – das ist schon der erste schwere Fehler, denn ich werde oft angerufen und bin von vorneherein schon negativ eingestellt. Außerdem weiß ich schon, was da jetzt kommt und kenne all die Sprüche und Tricks auswendig: die mehrmalige Betonung meines Namens, die Suggestivfragen etc.
Das Problem besteht darin, dass die Dame nicht auf meine Interessen und Bedürfnisse eingehen kann, ganz im Gegenteil: sie DARF nicht darauf eingehen und mich etwa fragen, ob ich Präsentationen mache und ob ich dafür laminierte Unterlagen brauche. Dann würde nämlich nur ein ganz kleiner Teil der Angerufenen übrig bleiben – viel zu wenig für ihr Marketingmodell, das darauf beruht, dass sich möglichst viele Menschen das Gerät zuschicken lassen.
Dahinter steckt die Hoffnung, dass einige von diesen potenziellen Kunden a.) das Gerät wirklich gut finden und kaufen oder b.) es nicht gut finden, aber aus verschiedenen Gründen nicht zurück schicken. Es kann etwa sein, dass die Sekretärin, die es entgegen nimmt oder sich darum kümmern muss, den Aufwand zu hoch findet und da es eh die Firma zahlt und man es irgendwann schon für irgendwas brauchen kann…
Wie hoch der Prozentsatz solcher Firmen bzw. Kunden ist, kann ich schwer abschätzen, aber ich glaube nicht, dass er hoch genug ist, damit sich das rechnet.

Ich halte Telefonmarketing für eine veraltete Methode. Das war in den Anfangszeiten interessant, als man noch wichtig war oder sich wichtig fühlen konnte, wenn man angerufen wurde. Es konnte in einer Zeit funktionieren, in der es noch ganz selten praktiziert wurde und der Reiz des Neuen noch da war.

b.) Geschäftsmodell

Was bringt es mir ein Gerät gratis anzubieten?
Irgendwer muss damit verdienen, sonst würden sie es nicht machen. Also mache ich mich auf die Suche und finde gleich eine ganze Menge an Menschen, die daran verdienen:
1.) Die Firma Swedex, die das Marketing betreibt. Sie verdient natürlich an den wenigen verkauften Geräten, aber auch an denen, die geliefert und wieder abgeholt werden. Sie verdient sogar an den durchgeführten Anrufen – all das wird nämlich an die Produktionsfirma weiterverrechnet. Nach einiger Zeit geht die Firma zwar Pleite, aber bis dahin haben alle verdient: die netten Damen im Callcenter, die Manager der Firma, die Reinigungskraft etc.
2.) Die Produktionsfirma, die das Gerät herstellt. Sie wurde mit Bankkrediten finanziert und produziert eine gewisse Zeit eine Menge Geräte, und zwar nicht aufgrund irgend eines Bedarfs, sondern einfach so. Der Bedarf wird durch die Marketingfirma geweckt, und wenn nicht, dann ist das auch kein Problem, denn die Manager der Firma haben fette Gehälter bezogen, die niemand von ihnen zurückfordern kann.
3.) Die Bankmanager haben auch verdient, denn sie haben fette Provisionen erhalten und dazu noch ihr Gehalt.
4.) Die eigentlichen Hersteller, also die Arbeiter der Firma haben auch verdient, denn sie haben ebenfalls eine gewisse Zeit Gehalt bekommen.
5.) Die Botendienste, welche die Geräte liefern und wieder abholen.
6.) Die Telefonfirmen, über deren Produkte das Telefonmarketing abläuft.
7.) wahrscheinlich noch einige andere.

Wohlgemerkt: all diese Personen haben eine Menge Geld verdient ohne dass ein einziges Gerät verkauft werden muss. Wie kann das funktionieren? Wer bezahlt das alles?
Nun, die Sache ist ganz einfach: bezahlen tun folgende Personen:
1.) Die wenigen Käufer der Geräte. Einige davon verwenden das Gerät tatsächlich im Sinne ihrer Bestimmung und für sie ist es ein gutes Geschäft. Viele stellen es in ein Eck. Das schmälert ihren Geschäftserfolg und wird im Idealfall irgendwie abgefangen, etwa wenn sie es sich einfach leisten können, weil sie ohnehin woanders mehr verdienen.
2.) Die Steuerzahler, und zwar auf mehrere Arten:
a.) Wenn die Firmen, die alle gut verdient haben, nach einiger Zeit pleite gehen, dann beschäftigt das jede Menge Gerichte, deren Angestellte aus Steuergeldern finanziert werden.
b.) Die pleite gegangenen Firmen hinterlassen Gläubiger, die ihrerseits die Verluste auffangen müssen, etwa indem sie ihre eigenen Preise erhöhen oder selbst pleite gehen.
c.) Die Banken haben dieses Modell erst durch ihren Kredit ermöglicht und werden selbst, wenn sie durch viele solche Geschichten krachen, vom Staat – also von den Steuerzahlern – „gerettet“. Sie brauchen sich daher keine Sorgen machen und können wild drauflos finanzieren und tun das auch. Die Verschärfung der Kreditrichtlinien gilt de facto nur für den kleinen Steuerzahler, Privatkunden oder kleinen Geschäftskunden. Alle anderen werden scheinbar weiter finanziert, sonst gäbe es solche Geschäftsmodelle nicht.
d.) Die Anleger: Dort, wo es tatsächlich nicht mehr über einen normalen Kredit funktionierte, bastelt man ein Finanzierungsmodell über ein Finanzprodukt. Dann wird etwa ein Fonds eröffnet wird, in dem ganz viele Unternehmen zwecks Risikostreuung zusammengefasst werden. Diese Fonds werden in Form von Anteilen an Kunden verkauft, als lukrative Anlagemöglichkeiten ohne jedes Risiko.
Dann gehen diese Fonds von Zeit zu Zeit pleite und die Anleger verlieren ihr eingesetztes Geld. Meistens können sie noch froh sein, wenn sie nicht nachschießen müssen, wie dies etwa bei den geschlossenen Schiffsfonds passiert ist und in Zukunft mit den Flugzeugfonds passieren wird.
Die Banken können das völlig bedenkenlos verkaufen, denn sie haften nicht für pleite gegangene Fonds, ganz im Gegenteil: sie haben umso mehr verdient, je riskanter der Fonds war. Man kann auch sagen: je mehr Fonds pleite gehen, desto mehr verdienen die Banken, und zwar ohne jedes eigene Risiko, denn eine Haftungsklage geht nur in so wenigen Fällen durch, dass sie sich das locker leisten können und sowieso in ihr Modell einpreisen.
Das funktioniert übrigens immer, denn gierige bzw. dumme Kunden, die gerne ohne eigene Arbeit viel Geld verdienen wollen („lassen Sie Ihr Geld arbeiten“), finden sich zuhauf. Auch eine Finanzkrise wie 2008/2009 mit vielen pleite gegangenen Fonds hat daran nichts geändert, die Kunden investieren sogar noch riskanter als früher. Die Banken werden sich daher hüten ihr Geschäftsmodell zu ändern.

c.) Konsumgesellschaft

Fabriken bauen Produkte, die niemand braucht und schenken diese dann her. Ressourcenausbeutung, -verschwendung und Umweltzerstörung sind kein Teil des volkswirtschaftlichen Berechnungsmodells und können daher für eigene Zwecke genutzt werden. Da ich immer öfter mit solchen Geschäftsmodellen konfrontiert bin, nehme ich an, dass ihre Anzahl zunimmt.
Wie lange kann das gut gehen? Die Dame von Swedex erklärt mir wie wertvoll und toll das Produkt ist und im nächsten Atemzug bietet sie mir an es herzuschenken, weil es Müll ist, wertlos ab dem Zeitpunkt seiner Produktion – nicht nach langem Gebrauch, sondern ab der Fertigstellung!
Es wird somit Müll produziert, der nicht für den Gebrauch gedacht ist und auch nicht so verwendet wird. Das wieder abgeholte Gerät landet auf der Halde und wird nach Afrika verschifft, wo es von Kindern auseinandergenommen wird. Aus den so gewonnenen Materialien wird dann neuer Müll erzeugt.
Da die Kunden inzwischen gar nicht mehr konsumieren wollen, müssen die Geschäftsmodelle so aufgebaut werden, dass sie ohne Kunden funktionieren. Das erinnert an die Kartoffelmaschine von Otto Waalkes: Sie sät die Kartoffeln aus, düngt sie, jätet sie, erntet sie, wäscht sie, kocht sie, schält sie und isst sie auf.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich übertreibe. Ich habe aber sehr wohl das Gefühl, dass dieses Modell nicht lange funktionieren kann. Ganz im Gegenteil: ich hoffe, dass es bald zu Ende geht, denn es richtet mehr Schaden an als es Nutzen erzeugt. Deswegen bin ich ein durchaus glühender Verfechter der Postwachstumsökonomie.

Charlie ging zu seiner Hinrichtung

Als die Mitarbeiter von Charlie Hebdo heute früh einer nach dem anderen in ihr Büro kamen, wussten sie nicht, dass sie zu ihrer eigenen Hinrichtung gingen.

Derzeit spricht man von zwölf Toten, ermordet von drei Männern mit Maschinenpistolen, mitten in Paris, der Stadt der Liebe. Ich kannte Charlie Hebdo bis heute nicht, obwohl ich Karikaturen und Cartoons sehr schätze und in meiner Jugend selbst gerne Karikaturist geworden wäre – leider fehlt mir die nötige Begabung, daher habe ich mich auf´s Schreiben verlegt.
Diese Menschen mussten sterben, weil sie Kritiker waren. Sie haben auf ihre eigene Art Kritik an Systemschwächen geäußert und gepflegt. Seit der Aufklärung hat der politische Cartoon in Frankreich Tradition und ist ein durchaus wichtiger Teil der Kultur. Mit „Kultur“ ist die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen gemeint.
Ihre letzte Karikatur haben die Redakteure, Cartoonisten und Angestellten von Charlie Hebdo in Form einer Skulptur gebildet: die blutigen Leichen geben ihrer Arbeit einen tragischen, aber würdevollen Abschluss. Ihr Tod zerstört ihre Arbeit genauso wenig wie die Bücherverbrennungen der Nazis den Widerstand brechen konnten.
Der Grund dafür liegt in der Menschlichkeit der Menschen, die ohne Kritik und Kritiker keine solche wäre. Die Mörder der Kritiker müssen sich den Vorwurf der Unmenschlichkeit gefallen lassen, er klebt an ihren Händen bis zum Ende ihres Lebens.

Wikipedia ist enorm schnell, hier ein Auszug aus der Aktualisierung vom 7. Jänner 2015:
„Bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo wurde am 7. Januar 2015 fast die gesamte Redaktion der Zeitschrift getötet. Der Radiosender Radio France, die Tageszeitung Le Monde und die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt France Télévisions kündigten daraufhin in einem gemeinsamen Statement an, das Überleben der Satirezeitschrift durch Mitarbeiter und andere Mittel zu sichern.[4] Es sei ein gemeinsamer Akt notwendig, um Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit und die Grundprinzipien der Demokratie zu verteidigen.“

Die „kritiké techné“ (griechisch) ist die Kunst der „Unterscheidung, Trennung“ und somit eine Grundkategorie des Denkens überhaupt. Wenn sie zerstört wird, gibt es auch kein Denken und somit keine Menschlichkeit mehr. Erst Kritik ermöglicht die Urteilsbildung.
Die Kritik als politische Kategorie ermöglicht die Trennung des einen vom anderen und macht somit Politik als Kunst des Managements von Interessensunterschieden überhaupt erst denkbar und durchführbar. Immer dann, wenn „eh alle Parteien“ gleich sind, muss die Unterscheidung umso deutlicher vorgenommen werden, sie muss also mit dem Mittel der Übertreibung arbeiten. Die Karikatur ist dafür eine von vielen guten Methoden.

Heute wurden mehrere gute „Unterscheider“ getötet. Ihre Lebenskraft ist erloschen, ihre politische Kraft lebt in ihrem Vermächtnis weiter, und zwar auch in der Unsterblichkeit des Humors. Dieser wiederum geht ihren Mördern ab, die dadurch keinerlei dauerhaftes Vermächtnis hinterlassen werden.

Zum Abschluss möchte ich noch den Link zu den Reaktionen vieler anderer Cartoonisten anbieten, die zur Feder gegriffen haben und in beeindruckender Weise auf den Angriff antworten:
http://www.buzzfeed.com/ryanhatesthis/heartbreaking-cartoons-from-artists-in-response-to-the-ch?bftw&utm_term=4ldqpfp#.tr3K5xg05

Beim Penny-Markt einkaufen. Warum eigentlich nicht?

Die Penny-Märkte gehören zur Rewe-Gruppe und der kann man in Österreich nur schwer entkommen, außer man ist autarker Bio-Bauer im Waldviertel oder so. In der Stadt sind sie Teil der Supermarktkettenlandschaft, die von den beiden Big Playern (SPAR, Rewe-Group) plus Hofer beherrscht wird.
Penny gilt als Unterschichtsupermarkt und in gewisser Weise mag das sogar stimmen. Ich gehe trotzdem manchmal dort einkaufen, weil sie genauso freundlich oder unfreundlich sind wie sonst überall und weil man dort jede Menge Markenprodukte bekommt.

Am Samstag war mir nach einem ordentlichen Rindsgulasch. Ich koche das gern in einer größeren Menge und friere Portionen ein. Und genau an diesem Samstag hatte der Penny-Markt eine Aktion: Rindsgulaschfleisch um ca. 50% billiger als sonst.
Also marschiere ich dorthin und beschließe fünf Kilo Fleisch einzukaufen. Ich besitze seit einiger Zeit einen wirklich großen Kochtopf und das würde sich ausgehen.
In der Fleischecke treffe ich eine Verkäuferin und sie meint, ich müsse den Fleischhauer suchen, der könnte mir das Gulaschfleisch aus der Aktion geben.

Ich werde fündig und er meint: Uijeeh, das ist zu viel, so viel kann er mir nicht geben.
Ich wusste gar nicht, dass ich so enttäuscht dreinschauen kann, auf jeden Fall deutet er mir mit einem verschwörerischen Blick, ich solle doch mitkommen. Gesagt – getan, er führt mich zur Fleischhauerei.
Ich wusste gar nicht, dass jeder Penny-Markt eine eigene Fleischhauerei hat, sondern dachte eher, das käme alles irgendwo aus einer Zentrale und würde verkaufsfertig angeliefert.
Doch dem ist nicht so und ich betrete den Ort der Fleischzerteilung. Es riecht nach gar nichts und sieht auch ausgesprochen sauber aus. Der Fleischhauer verschwindet in einem Kühlraum und kommt mit einem riesigen Stück Rind zurück. Dann legt er es auf den Tisch, wetzt das Messer und meint, ich solle doch das nächste Mal ein bis zwei Tage vorher bestellen, dann könne er mir das entsprechend herrichten.
Da ich ihm nicht zu viel Arbeit machen möchte, erkläre ich ihm, dass er mir das Fleisch ruhig in einem Stück geben könne, ich würde es mir dann selbst schneiden.

„Sind 6,5 kg zu viel?“ fragt er nachdem er ein Stück dieses Gewichts herunter gesäbelt hat. Ich sinniere kurz über die Größe meines Topfes und beschließe, den Rest notfalls als Fleisch einzufrieren. Er packt mir das Stück ein und betont noch einmal, dass es ihm leid tue, aber die bestellte Großlieferung wäre in eine andere Penny-Filiale geliefert worden.
Dann druckt er mir den Beleg aus und bringt ihn selbst zur Kasse, damit ich nach meinem Einkauf dort keine Probleme hätte.
Alles funktioniert bestens und daheim sehe ich mir das Etikett näher an:

penny

Das Fleisch ist etikettiert mit „Ich bin 100% Österreich.“ Hoffentlich heißt das, dass das Rind hier geboren wurde und aufgewachsen ist. Laut Etikett stimmt das, und zwar stammt es aus „A 3842 Thaya, Eggmanns 9“ vom Bauernhof der „Altschach GmbH“ und es wurde in Österreich geschlachtet und zerlegt.

Ich beschließe die Firma im Internet zu suchen und komme auf die Website www.altschach.com
Hier ein Auszug aus der Firmenphilosophie:

„Die Kernpunkte der Tätigkeit sind die optimale Vermarktung von Schlachtvieh aller Kategorien, Beschaffung von Nutztieren sowie eine beratende Funktion bei Betriebsoptimierungen und -umstellungen.
Die langjährige Erfahrung in Sortierung und Logistik der Schlachttiere ermöglicht in Verbindung mit den umgesetzten Mengen einen optimalen Verkaufserlös für die Landwirtschaft.
Lohn- und Notschlachtungen führen wir im eigenen Schlachtbetrieb durch.
Aufgrund der gestiegenen Mengen im Bio-Bereich sind wir seit 2006 auch Bio-zertifiziert.
Langjähriges Vertrauen unserer Landwirte und Zahlungssicherheit machen uns zu einem starken Partner der waldviertler Landwirtschaft.“

Es stellt sich heraus, dass es sich hier um einen echten Familienbetrieb handelt, der 1945 gegründet wurde. Man erfährt auch, dass sie sehr bemüht sind Transport und Schlachtung der Tiere sorgfältig durchzuführen. Die Nachvollziehbarkeit der Fleischherkunft ist gut, wenngleich noch nicht klar ist, wo die Tiere tatsächlich gehalten wurden: der angegebene Ort Thaya ist auf jeden Fall ganz in der Nähe von Windigsteig, der Heimat der Altschach GmbH.
Der Gesamteindruck ist zumindest bei mir ein guter und das Fleisch hat hervorragend geschmeckt. Ob der niedrige Preis auf eine ungesunde Tierhaltung hinweist, kann ich hier schwer beurteilen, möglich wäre es. Um das herauszufinden, müsste man dorthin fahren und „investigieren“.

Fazit: Wer Fleisch isst, wird nie verhindern können, dass Tiere gemästet und geschlachtet werden. In den „nobleren“ Supermärkten bekomme ich auch kein besseres Fleisch und der Penny-Markt wird mich wieder als Kunden begrüßen dürfen.

Das Rote Meer bald ein Totes Meer?

Nun, so schlimm wird es hoffentlich nicht sein. Aber trotz eines traumhaften Tauchurlaubs komme ich auch nachdenklich zurück.
Bereits vor drei Jahren habe ich hier einen Bericht geschrieben. Auch damals sind wir mit einem Safariboot von Port Ghalib gestartet, jedoch eine andere Tour gefahren. Diesmal ging es in den tiefen Süden – das bedeutete St. Johns Reefs, Rocky Island und dann noch zum Daedalus-Reef, was für mich ganz besonders spannend war, da es das einzige größere Riff im ägyptischen Roten Meer ist, bei dem ich noch nie war.

Aber ich habe ein wenig vorgegriffen. In Wien starteten wir mit einem AirBerlin/Fly Niki Charterbomber und 45 Minuten Verspätung (ein Problem mit den Bildschirmen – das musste behoben werden, denn gerade im Charter will man bitte seine Tom & Jerry Filmchen sehen).
Die meisten Gäste an Bord sind übrigens Badegäste, die in ein Ressort fahren und dort am Pool abhängen und sich bräunen lassen. Aber sie haben dazu gelernt und niemand hat bei der Landung geklatscht.
Marsa Alam ist mir als kleiner Flughafen deutlich lieber als Hurghada, ganz abgesehen davon, dass wir von dort nur 10 Minuten mit dem Bus zur Marina in Port Ghalib hatten. Und unser Gepäck war auch da – das ist nie garantiert und bei einem Tauchurlaub ganz besonders heikel, da man ohne Gepäck auch keine Tauchausrüstung hat.

Unser Schiff war da und unser Tauchguide Talaat empfing uns mit den Worten „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch.“

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Bild: Tauchguide Talaat

Die schlechte bestand darin, dass die restlichen Gäste in Stuttgart am Flughafen feststecken würden, weil ihr Flugzeug ein Kerosinleck hätte. Ankunft morgen Nachmittag, hoffentlich. Aber wir würden am nächsten Tag schon zu zwei Tauchgängen hinausfahren und dann nur kurz in den Hafen zurück kommen um die elf Stuttgarter an Bord zu nehmen. Dann sollte es über Nacht direkt in den tiefen Süden gehen, um in der Früh bereits auf Rocky Island tauchen zu können. Also eigentlich sehr gute Aussichten.

Die Golden Dolphin III ist das neueste und schönste Schiff der Flotte. Ich war schon mit der I und mit der II unterwegs und eine Steigerung war ohnehin nur mehr schwer vorstellbar, aber möglich, wie sich zeigte: unser Schiff hatte den Salon samt Küche im Untergeschoss und damit war das Oberdeck für Kabinen frei. Diese bestehen in der modernsten Klasse eigentlich aus Zimmern, mit je eigenem Badezimmer inkl. WC.

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Bild: Eine Kabine

Diese Schiffe sind alle zwischen 38 und 42 Meter lang, haben insgesamt 4 Decks und sind nahezu perfekt für eine Tauchsafari ausgestattet: 2 Dieselmotoren mit je 750 PS (gut für ca. 25 km/, was ziemlich flott ist), zwei große Generatoren, die abwechselnd je 12 Stunden laufen und zwei große Kompressoren, die unsere Tauchflaschen in Windeseile auffüllen können.

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Bild: Golden Dolphin III

Beste Voraussetzungen, vor allem, weil auch die Decks mit viel Vernunft gestaltet sind: Auf Deck Nr. 3 ist das Schattendeck und ganz oben das Sonnendeck für diejenigen, die sich gerne rösten lassen. Und die Küche ist meist auch hervorragend. Wir hatten noch dazu das Glück auf einem Schiff zu sein, das seit vielen Jahren mit dem selben Kapitän und einer fast gleich bleibenden Crew unterwegs ist. Das ist nicht nur stets ein gutes Zeichen, sondern auch deutlich spürbar, weil die Matrosen sehr entspannt sind und alles an Bord reibungslos abläuft.

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Bild: Am Sonnendeck vor Rocky Island

Es gibt zwar noch tollere Schiffe etwa mit einem Whirlpool an Deck und 46 Metern Länge für 26 Taucher, aber eigentlich braucht man das nicht. Jeglicher Luxus über dem unseres Schiffes muss extrem teuer erkauft werden und wird letztlich nicht benützt, da es an Bord eigentlich nur vier Aggregatszustände gibt: tauchen, über das Tauchen reden, essen und schlafen. Und all das ist auf der Golden Dolphin III perfekt möglich, etwa weil auch das Tauchdeck groß und gut strukturiert ist. Alles in allem kann man das Schiff uneingeschränkt weiterempfehlen.

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Bild: Tauchdeck

Ein Holzschiff kostet übrigens 1,5 Mio Euro und wird in Hurghada gebaut, ein gleich großes Stahlschiff (ich bin 2x mit einem gefahren) kostet das Dreifache und hat nur den Vorteil, dass es etwas ruhiger im Wasser liegt. Die Stahlschiffe werden übrigens in Alexandria gebaut.
Die Kalkulation funktioniert übrigens nur, weil die Crew extrem billig ist und der Sprit ebenso. Auf 20 Gäste kommen 10 Mann Crew und wir haben insgesamt ca. 7.000 Liter Diesel verbraucht, davon 1.400 Liter für die Generatoren.
Jedes gute Schiff kommt 1x im Jahr für ein paar Wochen ins Trockendock und wird dort generalüberholt, manchmal etwas umgebaut und läuft dann wieder möglichst ohne Pause ein knappes Jahr. Nur dann können nach ein paar Jahren die Investments einen Return schaffen, als Gast merkt man es übrigens, ob das Trockendock schon länger her ist.

Dann erfuhren wir noch, dass am kommenden Tag unser lieber alter Freund Rudi mit den Deutschen zu uns stoßen würde.

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Bild: Rudi hält eine kleine Ansprache und die Stuttgarter hören dem Nordlicht aus Hamburg zu.

Er ist einer der lustigsten Tauchguides und wir hatten vor ein paar Jahren schon das Vergnügen. Damals war Rudi ein armer Hund: er ließ sich von meinem Bruder und seinen Freunden zu einer Pokerpartie überreden. Dann war er seinen gesamten Wochenlohn los. Als ich ihn ein Jahr später in einem Hafen am Nachbarschiff sah und freudig meinte, mein Bruder würde sich wieder über etwas Gesellschaft beim Pokern freuen, sprang er fast ins Wasser. Jedenfalls konnte er sich aus dieser Verpflichtung lösen indem er uns für den letzten Abend eine Palette Bier organisierte, das uns wie immer auf der Safari ausgegangen war.

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Bild: ein kleinerer Teil der Biervorräte, die diesmal gebunkert wurden. (500 Dosen wurden getrunken, laut Rudi ein Rekord, wenn man die Safaris mit Russen nicht einberechnet)

Port Ghalib ist eine künstlich gebaute Stadt, ähnlich wie El Gouna. Alle Häuser sehen mehr oder weniger gleich aus und man kann sie kaufen – wenn man den dortigen Immobilienfirmen vertraut, die einem die Wohnungen als sensationelle und zukunftssichere Anlageform verkaufen. Und natürlich um hier Urlaub zu machen. Für mich ist das der blanke Horror, denn da stimmt überhaupt nichts: die Häuser sind ganz sicher nicht lange haltbar, das Meer ist ziemlich kaputt und nur die Nähe zum Flughafen alleine macht aus dem Ort noch kein zukunftsträchtiges Investment.
Vielleicht bin ich aber auch nur zu weit weg von dem Denken, das man dazu braucht.
Jedenfalls ist die Marina groß genug für jede Menge Safarischiffe und Tagesboote. Es gibt eine Hafenpromenade und man hat vor Jahren geplant einen Kanal bis zum Flughafen zu graben, so dass die Passagiere direkt auf die Safariboote gehen können. Davon umgesetzt wurde eine eher brackige Lagune, in der man Jetski fahren kann plus eine Menge Brücken, die venezianisch aussehen sollen, letztlich aber ihre Stahlbetonseele nicht verheimlichen können. Es gibt eine Handvoll Lokale, in denen hin und wieder gelangweilte Gäste aus dem benachbarten Hotel herumsitzen, ein paar Souvenirläden, einen kleinen Tauchshop (sicher praktisch, wenn man etwas daheim vergessen hat und sie gerade offen haben) und ein protziges Gebäude mit der Hafenkommandantur. Dort herrscht der Hafenkommandant und er bestimmt wann ein Safariboot auslaufen oder einlaufen darf. Diese Macht bekamen wir auch zu spüren, als wir 15 Minuten warten mussten bevor wir in den Hafen einfahren durften.
Und es gibt eine Schiffstankstelle, die allerdings ziemlich wichtig und praktisch ist.

Rudi hat mir erzählt, dass vor ein paar Jahren die Anzahl der Safaribootlizenzen auf 500 begrenzt wurde, was prinzipiell eine sinnvolle Maßnahme ist, weil erstens das Rote Meer sowieso übertaucht ist und zweitens so die Billiganbieter etwas eingebremst wurden – die haben nämlich auch billige Boote, die dann ev. nicht sehr sicher sind.
Selbstverständlich sind die Lizenzen seitdem sehr gefragt, obwohl vor zwei Jahren mit der politischen Krise eine Entspannung eingetreten ist, die 2013 ihren HÖhepunkt hatte, als das Business mehr oder weniger zum Erliegen kam.
Uns hat das letztes Jahr auch getroffen, wir hatten gebucht und bezahlt und dann wurden die Flüge storniert. Auf dem Meer hätte es zwar keine Terrorgefahr gegeben und in Marsa Alam am Flughafen wahrscheinlich auch nicht, aber wenn kein Flug geht, steht das Business. Das haben einige Anbieter nicht überlebt.
Inzwischen hat sich der Tauchtourismus erholt, ist aber noch immer nicht auf dem früheren Niveau, was für uns natürlich gut war, da wir vor allem im tiefen Süden manchmal alleine am Riff waren. Kein Vergleich mit den 5-15 Safaribooten, die da noch vor drei Jahren überall neben uns gelegen sind. Diesmal war nur rund um Port Ghalib und auf Daedalus viel los.

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Bild: Am Daedalus-Riff, diesmal mit einer Menge anderer Safari-Boote

Rudi schätzt, dass 80% des Tauchtourismus wieder da ist. Für die Riffe ist das keine gute Nachricht, für die Ägypter im Tauchbusiness schon.

Es gibt eigentlich nur eine Handvoll verschiedener Touren:
1.) Die Nordtour – von Hurghada hinüber an die Halbinsel Sinai, meist als Wracktour und im Winter zu kalt.
2.) Brothers, meist in Kombi mit Elphinstone und ein paar kleineren Riffen.
3.) Die Südtour mit vielen Riffen von Hurghada bis südlich von Marsa Alam, manchmal mit Daedalus.
4.) Tiefen Süden mit St. Johns Riffen und Zabargad bzw. Rocky Island.

Alle Touren haben ihren Reiz, der jedoch in den letzten Jahren eindeutig verblasst ist, da die Riffe zunehmend kaputt gegangen sind und auch der Fischbestand kontinuierlich zurück ging, mit einer kleinen Erholung letztes Jahr. Das merkt man an partiellem Fischreichtum, jedoch nur mit kleinen Fischen. Die Riffe hatten nicht genug Zeit sich zu erholen und werden nach wie vor mit Unmengen an Tauchern bombardiert sowie massiv durch Abwässer und sonstigen Dreck vergiftet.
Die unglaubliche Schönheit der Korallenriffe ist für sehr lange Zeit verloren und wenn der Klimawandel weiter geht, dann wird es bald überhaupt keine mehr geben. Sie können einer Vielzahl von Schädigungen, die alle zur gleichen Zeit auftreten, nichts entgegensetzen, weil sie die Zeit zur Regeneration nicht haben. Wir zerstören sie schneller als sie nachwachsen können.

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Bild: Cave Reef an St. Johns

Leider ist der Tauchsport daran nicht unbeteiligt. Die einzigen Menschen, die wirklich von der Schönheit unberührter und noch nicht verdreckter Riffe erzählen könnten (Hans Hass und Jacques-Yves Cousteau) sind inzwischen selbst gestorben. Sie haben miterleben müssen wie der von ihnen selbst erfundene Tauchsport immer schneller zu wuchern begann und letztlich die Riffe verwüstete. Vor 15 Jahren wurde wenigstens das Ankern verboten, sonst gäbe es heute bereits keine Riffe mehr.

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Bild: Zwei Matrosen fahren mit dem Zodiac zum Riff um dort die Leine an fixen Halteleinen zu befestigen, die ins Riff gebohrt wurden.

Wie bitter muss es für die beiden – vor allem für Hans Hass, der ja erst kürzlich gestorben ist – gewesen sein, als sie im Alter den Vergleich zu früher hatten. Hans Hass hat sich vielleicht auch deswegen schon vor vielen Jahren vom Tauchen zurückgezogen. Er hat die Zerstörungen bereits in den 1970er Jahren sehen können.
Wer die Farbenpracht und Vielfalt kennt und das rege Leben an einem (halbwegs) intakten Riff gesehen hat, den macht der Anblick der Riffe heute nur mehr traurig. Ich habe sie im Abstand von je 5 Jahren gesehen: Shaab Claude, St. Johns, Elphinstone und viele andere.
Und ich bin selbst auch ein wenig daran schuld. Ich gehöre zwar nicht zu den Tauchern, die rücksichtslos durchs Riff fräsen, aber unser Schiff verbraucht auch jede Menge Diesel und hat Abgase und lässt Fäkalien ins Meer. Und auch mir passiert es, dass ich – selten, aber doch – von einer Welle gegen eine Koralle gedrückt werde und etwas beschädige.
Ich habe noch immer keine Lösung auf die Frage, ob ich deswegen den von mir geliebten Tauchsport aufgeben sollte. Kann mein grün-politisches Engagement die Schäden etwas kompensieren? Ich weiß es nicht. Ist seltener tauchen eine Lösung? Segelschiffe sind leider nur sehr bedingt geeignet und ohne Flugzeug ist das Rote Meer auch nicht ohne extremen Zeitaufwand zu erreichen. Flugmeilen kompensieren – funktioniert das? Auch da bin ich mir nicht sicher, vor allem, weil das CO2 maximal ein Teil des Problems ist.

Sollte das Öl teurer werden, so würde das alles verändern. Dann wären Tauchreisen auf einmal empfindlich teurer und würden zurück gehen. Aber dann müssten sich auch die vielen Ägypter, die im Tauchbusiness beschäftigt sind, neue Jobs suchen, die es aber dort nicht wirklich gibt. Dattelpalmen, Kamele und ein wenig Fischfang wird die Menschen dort nicht ernähren können.
Sind TaucherInnen generell eher bereit sich für den Schutz der Meere einzusetzen? Auch das kann ich nicht beantworten und ich kenne auch keine Statistik darüber. Auf unserem Schiff gibt es erste Bemühungen etwas für die Umwelt zu tun:
1.) Es gibt keine oder fast keine Plastikflaschen mehr. An mehreren Stellen stehen die bekannten Container mit den Wasserspendern, daneben sind Becher verfügbar, die immer wieder ausgewaschen werden.

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Bild: Das Schattendeck mit Bar und links im Eck der Wasserspender

Allerdings ist das Wasser das berüchtigte „Pure Life“ von Nestlé und somit wieder Teil der Industrie, die unseren Planeten kaputt macht.

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Bild: das in einer Woche verbrauchte Wasser – zum Trinken und Kochen

2.) Sie sammeln den Müll und dieser wird im Hafen von einem LKW abgeholt. Was allerdings dann passiert, weiß ich auch nicht. Ich schätze, dass es irgendwo hinten in der Wüste einfach abgeladen wird. Fetzen von Plastiksackerln sieht man in der Wüste jedenfalls jede Menge.

Bei dieser Art von Urlaub geht es mir nicht nur um das Tauchen, es sind noch einige andere Aspekte beteiligt. Es handelt sich um Ur-laub ohne Uhr. Ich habe selbst keine mit und das Handy drehe ich in Wien ab und erst in Wien wieder auf. Ich habe es nur für Notfälle mit. Die Zeit verändert sich dadurch ein wenig. Da man nach dem Tauchen relativ müde ist und ich immer die Maximalzahl an Tauchgängen mache (bis zu 4 pro Tag), gehe ich früh schlafen, also zwischen 22 und 24 Uhr. Früher geht nicht, denn da bin ich noch nicht müde genug. Am Abend sitzt man noch ein wenig an Deck, trinkt ein Deko-Bier und plaudert über die Taucherlebnisse des Tages. Ich war meist einer der ersten, der sich in die Kabine verzogen hat.

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Bild: Am Abend relaxen an Deck – manche lesen, andere trinken ihr Deko-Bier und plaudern.

Dafür wache ich schon vor dem Gebimmel der Glocke für den Early-Morning-Dive auf. Dann liege ich noch ein wenig im Bett und lasse den Tag langsam beginnen. Um 5.30 ist Wecken und um 6 Uhr (manchmal etwas später) gibt es den ersten Tauchgang. Das ist meistens einer, den alle Taucher mitmachen, auch diejenigen, die am Vorabend mehr als nur ein Bier hatten. Der Grund sind die Haie, die man oft in der Früh am besten zu sehen bekommt.

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Bild: die Schule von 21 Hammerhaien, die wir diesmal bei Daedalus hatten. Fast eine Sensation.

So steuern Müdigkeit, Schiffsglocke und der Sonnenstand den Tagesrhythmus. Dazu kommt noch, dass man an Bord normalerweise nur eine Short trägt und manchmal ein Shirt, vor allem, wenn im Salon noch die Klimaanlage rennt und die Ägypter wieder versucht haben die Luft zu frieren.

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Bild: Relaxen auf dem Schattendeck (hier noch im Hafen)

Ansonsten ist nur die Short angesagt und man geht prinzipiell barfuß. Die Böden werden ständig gereinigt und es ist an Bord generell sehr sauber. So kann man wunderbar ausspannen, und zwar über und unter Wasser. Das Tauchen unterscheidet sich vom Zustand ober Wasser so radikal, dass man unter Wasser alles vergisst, was oben eine Rolle spielt. Wenn man im Roten Meer eine Tauchsafari macht, dann kann man meistens lange unter Wasser bleiben, sofern man genügend Luft hat. Daher schaffe ich manchmal vier Stunden unter Wasser pro Tag. Da verschwinden die Probleme des Lebens doch recht vollständig, zumindest für die Zeit unter Wasser. Aber auch am Schiff ist es deutlich anders als daheim im Büro. Man ist mitten auf dem Meer und legt nur für Tauchgänge an einem Riff oder einer Insel an. Und natürlich in der Nacht, wenn nicht gerade eine Nachtfahrt angesagt ist. Dann kann es bei hohem Wellengang schon ein wenig schaukeln, was mir jedoch nichts ausmacht, weil ich nicht anfällig für Seekrankheit bin, glücklicherweise.

Unter Wasser ist es übrigens nicht still. Man hört ein ständiges Rauschen und Knistern, eine Mischung aus einer Vielzahl von Einzelgeräuschen, etwa wenn Papageienfische Korallen zermalmen. Und man hört natürlich den eigenen Atem und das Blubbern der Luftblasen. Durch die Schwerelosigkeit und das eigene Atmen entsteht oft ein kontemplativer Zustand, der manchmal ins Meditative hinüber gleiten kann.

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Bild: Guido am Riff

Dann ist die Außenwelt weit weg und das ist sehr angenehm. All das hängt natürlich vom Design des Tauchgangs ab, wenn man mit der Strömung an einem Riff entlang gleitet und manchmal alle Hände (eher: Füße) voll zu tun hat, gibt es keine Entspannung. Aber die gemütlichen Flachwassertauchgänge oder auch spezielle Nachttauchgänge sind hier ein besonderes Erlebnis. Am schönsten ist es, wenn man in 10 Metern Tiefe unter dem Boot auf einem Sandboden sitzt, die Tauchlampe ausschaltet und ein paar Minuten einfach da sitzt. Manche machen bei dieser Gelegenheit sogar ein kleines Nickerchen, aber ich finde es am schönsten, wenn man im silbrigen Licht des Mondes einfach die Ruhe genießt, die so eine Szenerie bietet. Zu Ende ist so ein Tauchgang ohnehin früh genug.

Am Boot nervt zumindest nicht die Zivilisationskrankheit Handy. Es gibt am Meer draußen keinen Empfang und manche Zeitgenossen halten das nur sehr schwer aus. Für mich ist es ein Traum, daheim werden sie schon eine Woche ohne mich zurecht kommen, das hat sich bisher immer noch gezeigt.

So ging eine traumhafte Woche zu Ende und ich möchte wiederkommen, sehr gerne sogar.

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Bild: Das Abschiedsfoto, als Talaat laut „Scheiiiiiisssseeeeee“ gerufen hat. Wir hätten aber auch so gelacht.