Fast Food macht depressiv

Auf das Thema bin ich anlässlich eines pressetext-Artikels gestoßen: http://www.pressetext.com/news/20120330018

In einer Studie hat man herausgefunden, dass „wer ständig Fastfood und Fertignahrung konsumiert, hat gegenüber Anhängern einer „gesunden Kost“ ein um bis zu 50 Prozent höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken.“
Das berichten Forscher der Universitäten Las Palmas, Granada und Navarra in der Fachzeitschrift „Public Health Nutrition Journal“: „Fastfood löst keine Depressionen aus. Doch der Lebensstil, zu dem auch die Ernährung gehört, kann ein Faktor der Krankheit sein“, betont Psychiater Manfred Wolfersdorf von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Es geht um das gemeinsame Mahl, das in einer hektischen Zeit, die durch Leistungsdruck und gleichzeitigem Zeitmangel definiert und dominiert wird, langsam aber sicher verloren geht.
Ich blicke dabei auf meinen eigenen Fast-Food-Konsum: Hin und wieder eine schnelle Wurstsemmel oder mit dem Roller einquietschen und ein bis zwei Leberkäs-Semmeln einwerfen.
Allerdings mache ich so etwas nur max. 1x pro Woche. Und das ist gelogen, denn von März bis November habe ich Dienstag Abend „Werkstatt“. Da treffe ich mich mit den Vespa- und Lambrettafreunden gegen 19 Uhr in unserer kleinen Werkstatt zum Zangeln, Schmähführen, Biertrinken und Essen. Wir treffen uns auch, wenn es gerade nichts zu reparieren gibt, was aber selten der Fall ist. Dabei ist folgendes Ritual entstanden:

Nach dem ersten Bier so zwischen 20 und 21 Uhr nehme ich einen kleinen Zettel und damit die Bestellungen auf. Ronny nimmt immer 1x kleine Fritten, manchmal einen Fischmac dazu (der heißt jetzt nicht mehr Fischmac, aber jeder sagt Fischmac und auch beim McDonalds verstehen sie Fischmac).
PeeWee bevorzugt Burger, manchmal ein Menü, Oliver stets einen BicMac, Thomas will einen dicken Burger aber ohne Zwiebel und ich selbst nehme 1-2 Cheeseburger TS und einen normalen Cheeseburger. Meist hängen sich bis auf ein, zwei Freunde alle an die Bestellung an und ich düse los.

Nach einiger Zeit bringe ich dann die Lieferung und verteile die einzelnen Bestellungen. Wenn ich Glück habe, ist mir das depperte Cola von PeeWees Menü im Roller nicht umgefallen. Ich denke auch meistens daran die Fritten von Thomas so zu transportieren, dass sie atmen können (offenes Sackerl). Er will das so, auch wenn der Transport nur zwei Minuten dauert (es widerspricht zwar meiner grün angehauchten Einstellung die paar hundert Meter zum McDonalds mit dem Roller zu fahren, aber zu Fuß wären alle Sachen eiskalt).

Leider hat unsere Pizzeria am Eck zugesperrt, sonst könnten wir die alte Tradition der gemeinsamen Pizzae fortsetzen, aber für die Abende, an denen jemand keine Lust auf McDonalds hat, gibt es nebenan noch die Tankstelle, wo man Leberkäs-Semmeln und Schokoriegel bekommt. Alles auch nicht um Eckhäuser gesünder als das Zeug vom McD.

Für uns steht hier die Gemeinschaft im Vordergrund, es handelt sich um ein gemeinsames Mahl, auch soziologisch betrachtet: Die Atmosphäre ist geschützt, privat und ohne Hektik. Wir verzehren die Beute, die vorher fair aufgeteilt wird. Wir tun das sogar nach einem ziemlich archaischen Muster, wenn auch statt der Feuerstelle in der Mitte ein Gasofen oder ein Autogen-Schweißgerät herhalten muss. Die notwendige Romantik erzeugen wir durch gemeinsames Rülpsen. Und wer zu spät kommt, geht leer aus und muss sich um sein Essen selbst kümmern.
Über die Hygiene sage ich jetzt eher nichts, man müsste uns wahrscheinlich standrechtlich erschießen lassen.

Wir schlingen das Essen auch nicht runter, sondern haben alle Zeit, die wir brauchen, um es zu genießen. Wir tun das regelmäßig und auch nicht übermäßig. Nun stellt sich die Frage, was ist daran noch Fast food? In erster Linie, dass wir es nicht selbst kochen.

Vielleicht sind wir auch nicht typisch für die Mehrzahl der ÖsterreicherInnen, denn der „echte“ Fastfood-Konsum steigt beständig. Dabei geht es nicht um McDonalds und Co, sondern um die immer voller werdenden Supermarktregale mit Fertiggerichten, die nur mehr kurz in die Mikrowelle gestellt und dann auf einen Teller gepampt werden. Dabei geht nicht zur der Bezug zu den Inhaltstoffen (wer liest sich das Kleingedruckte durch?), sondern auch zur Zubereitung der Nahrung gänzlich verloren. Übrig bleibt ein Nährstoffbrei, vorgekocht, erhitzt, chemisch konserviert und schnell hinuntergeschlungen. Ein Freund von mir bezeichnet diese Form von Essen auch als „Ruhigsteller“, weil man danach weder sehr leistungsfähig noch sonstwie fit ist.

Ich bin schon gespannt auf den Gegentrend, den ich zwar noch nicht sehe, der aber sicher irgendwann auftauchen wird. Bis dahin werde auch ich noch von Zeit zu Zeit meine Cheeseburger einwerfen. Mahlzeit!

Guido und Thomy am Ende der Welt – eine Reise in die Mondberge des Ruwenzori / Tag 1

Was jetzt folgt ist eine Mischung aus Reisebericht, Tagebuch, sozialkritischer Analyse und wahrscheinlich noch mehr. Hier Tag 1 von 18.

Zu meinem Erstaunen ist der Abflug in Wien pünktlich und so erreiche ich problemlos den Anschlussflug nach Nairobi, der wieder fast bis auf den letzten Platz ausgebucht ist. Glücklicherweise ist der Hinflug ein Tagflug (mit Tag-Wache um 5 Uhr irgendwas) und so muss ich mich zwar in die engen Sitze knechten, aber nicht schlafen.
Die obligate Verspätung fangen wir uns beim Flug Zürich-Nairobi ein, erstaunlicherweise nur 35 Minuten, ich bin fast ein wenig enttäuscht. Dafür hat sich die SWISS bemüht, die Sitze noch ein wenig enger zu machen, ganz nach der Logik „je länger der Flug, desto kürzer der Platz“. Der neueste Schrei ist dabei nicht die Kniefreiheit, sondern die Breite. Da ich in den letzten 25 Jahren keine Zunahme meiner Schulterbreite verzeichnen konnte, muss es wohl an den Sitzen liegen.
Leider fehlt der SWISS die Modernität anderer Fluglinien und so bietet sie keine aufpreispflichtige Klasse mit ein wenig mehr Platz an. Der nächste Schritt ist schon die dreimal so teure Business-Class.
So habe ich Zeit das SWISS-Journal zu lesen und erfahre etwas über die Jobanforderungen von Stewards und -essen, die heute „FlugbegleiterInnen“ heißen. Sie müssen mindestens 158 cm groß sein (sonst reichen sie nicht bis zu den Overhead-Bins hinauf) und Normalgewicht haben (sonst passen sie nicht durch die Gänge und sehen nicht so adrett aus).
Sie müssen schwimmen können (was mich ein wenig irritiert) und dürfen keine sichtbaren Tatoos haben. Kleine blade gepeckte Nichtschwimmer können sich somit die Bewerbung sparen, übrigens auch die zum Piloten, obwohl ich da nichts über die Tatoo-Beschränkung gelesen habe.

Positiv ist hervorzuheben, dass die Dame mit dem quengeligen Baby hinter mir einen anderen Sitzplatz wollte und auch bekam. Vielflieger wissen um den Wert ungewaschener Füße sowie der strategischen Bedeutung der Waffe des Schuhe-Ausziehens.
Die Sitze haben jetzt USB-Slots und Bildschirme mit frei wählbarem Filmprogramm. Lieber wäre mir ein bisschen mehr Platz.

Der Flug verläuft ohne Zwischenfälle und bei der Einreise nach Kenia haben sie Fingerprint-Geräte aufgestellt und Kameras und ich merke, dass die alten Zeiten irgendwie vorbei sind, wenn auch nur bis hinter die Passkontrolle. Nairobi wurde in den letzten Jahren zum Verkehrsmoloch mit Dauerstau, auch wenn die Chinesen eine Ringautobahn bauen. Wir kommen spät genug an um das zumindest an diesem Tag nicht mehr zu erleben.

Es ist warm in Nairobi und die Luft ist duftend (Diesel) und laut (Grillen und noch mehr). Die erste Winterlast fällt ab, nach einer viel zu langen dreijährigen Pause bin ich wieder da. Herrlich!

Die Wahrheit über die Ratingagenturen

Die größeren, sichtbareren, dramatischeren Ausprägungen von Entwicklungen kommen oft aus einem Land, das selbst sehr groß und sichtbar ist: USA. Die großen Ratingagenturen stammen fast alle von dort, kleine gibt es entweder nicht mehr oder sie spielen keine Rolle. Oder kennt jemand noch andere außer Standard & Poors, Moodys und Fitch?

Die urspüngliche Idee, dass es Agenturen gibt, die nach allen Regeln der Volks- und Betriebswirtschaft Unternehmen und in Folge auch Staaten untersuchen und dann einstufen, dürfte schon in den Frühzeiten verloren gegangen sein. Zu groß war die Versuchung, sie zum Profitmachen zu missbrauchen. Die Agenturen wurden also von großen Banken bzw. Investmentfirmen gekauft und ab diesem Zeitpunkt für ihre Zwecke verwendet.

Das war nur möglich, indem man mittels politischem Lobbying die US-Regierung dazu brachte, Zwangsratings einzuführen. Das bedeutet, großen Unternehmen und Institutionen wird verordnet, dass sie sich von einer der großen Ratingagenturen prüfen und einstufen lassen – natürlich auf ihre Kosten. So waren sowohl Machtzuwachs als auch Finanzierung der Agenturen gewährleistet, sie wurden quasi per Regierungsbescheid institutionalisiert.

Ab diesem Zeitpunkt war es möglich, viel Geld damit zu machen, denn die Investmentfirmen brauchten den ihnen gehörenden Agenturen nur mehr sagen, was sie hinauf- bzw. hinabstufen sollten, weil es dann ihre eigenen Fonds etc. entsprechend profitabel beeinflusste. Ob diese Einstufungen seriös waren, interessierte niemanden mehr. Und wer hätte es auch überprüfen sollen? Eine Rating-Agentur? Eben.

Es dürfte zwischen den Agenturen auch nicht besonders schwer gewesen sein sich den großen Kuchen zum Wohle aller aufzuteilen. An ihm zehren sie bis heute und es ist noch kein Ende in Sicht. Sie werden weiter ganz nach den Vorgaben ihrer Besitzer so agieren, dass diese möglichst viel Profit machen. Da sie weder für Seriosität bezahlt werden noch für richtige Einstufung (Lehman Brothers hatte Triple-A) und es auch nicht ihr Job ist, Staaten oder gar Staatengemeinschaften einen Dienst zu tun, haben sie nichts zu befürchten.
Sie agieren quasi im unkontrollierten und grenzenlosen Raum. Warum sollten sie es anders machen oder damit aufhören?

CO2 – der große Klimaschwindel?

Schon vor ein paar Jahren gab es zu dem wohl bekannten Film von Al Gore („An unconvenient truth“ – Eine unbequeme Wahrheit) einen Gegenfilm: „The Great Global Warming Swindle“ – leider nur auf Englisch und nur im Internet. Ich hab ihn mir damals auf DVD gebrannt und jetzt noch einmal angesehen.

Die zentrale Aussage: Ja, es gibt eine globale Erwärmung, und nein, sie ist nicht vom Menschen verursacht oder zumindest nicht durch die CO2-Zunahme. Das ist jedoch das Argument der Klimaapokalyptiker.

Wer hat nun Recht? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. In einem sind sich alle Seiten einig: Es gab im Laufe der Erdgeschichte schon jede Menge Wärme- und Kältephasen. Schon nicht so einig sind sich die Experten in der Frage, wer oder was diese verursacht hat. Vulkane sind eine Theorie, mitsamt ihrer Verschmutzung der Atmosphäre.

Die herkömmlichen Argumente sind bekannt:

Der stark gestiegene CO2-Ausstoß der Industrialisierung verursacht ein wesentlich schnelleres Ansteigen der Erdtemperaturen als je zuvor. Daher ist der jetzige Anstieg „man-made“ und wird zu eine Folge von Katastrophen führen, weil sich Fauna und Flora inkl. Menschen nicht so schnell darauf einstellen können.

Die Gegentheorie behauptet:

1.) Der Anstieg der CO2-Konzentration hinkt der Erwärmung immer hinterher (um mehrere hundert Jahre) und ist somit eine Folge und kein Auslöser von Erderwärmung. Der Grund: Die Ozeane sind so groß und tief, dass sie diese Verzögerung bewirken.
2.) Wärmeperioden in der Vergangenheit haben weder die Menschheit noch die Tierwelt umgebracht und es war wesentlich wärmer als heute oder auch in der prognostizierten Zukunft.
3.) Vulkane und Meere stoßen CO2 in weitaus größeren Mengen aus als die gesamte Industrie – um mehrere Potenzen höher. Was wir dazu tun, spielt keine Rolle für das Klima.
4.) Die derzeitige Erwärmung ist somit eine Folge von etwas, das vor Jahrhunderten die Meerestemperaturen beeinflusst hat. Dafür spricht auch, dass zwischen 1940 und 1975 die Temperaturen weltweit gesunken sind, obwohl sich die Industrieausstöße massiv erhöht haben.
5.) Die wahren Auslöser für Wärme- und Kälteperioden sind die Sonnenflecken. Wenn sie abnehmen, sinkt die Erdtemperatur. (Etwas genauer: Wolken entstehen durch kosmische Strahlung. Wenn die Sonne hochaktiv ist, lenkt sie diese Strahlen von der Erde ab, es bilden sich weniger Wolken und es wird heißer.)

Nun stellt sich die Frage, wieso die halbe Welt wegen der Erderwärmung in Aufruhr gerät. Der Film behauptet:

1.) Dies wäre eine künstliche Aufregung, die von Kräften gesteuert wäre, die tausende Arbeitsplätze sicher will – nämlich diejenigen, die sich mit der Globalen Erwärmung, ihren Ursachen und Folgen beschäftigen. Außerdem könne man so die Entwicklung der Entwicklungsländer (speziell die der afrikanischen) bremsen.
2.) Die Gelder, die seitdem in die Klimaforschung bzw. in das Thema Globale Erwärmung fließen würden, wären gigantisch und würden auch auf wissenschaftlicher Ebene verhindern, dass Gegentheorien eine Verbreitungschance hätten.
3.) Über Katastrophen zu berichten wäre auch für die Medien interessanter als über periodische Vorgänge ohne besondere Bedeutung.
4.) Ausgangspunkt wären die Studien gewesen, die Margaret Thatcher in den 1980ern in Auftrag gegeben hätte, aus Angst vor Abhängigkeit von der arabischen Welt wollte sie Alternativen zum Öl finden (Atomkraft).
5.) Nach Zusammenbruch des Kommunismus wandten sich die linksgerichteten politischen Kräfte mittels Umweltthemen gegen den Kapitalismus.

Stimmt die Behauptung, dass Wolken durch kosmische Strahlung entstehen? Wikipedia sagt uns dazu folgendes:

„Eine Wolke ist eine Ansammlung von sehr feinen Wassertröpfchen (Nebel) oder Eiskristallen. Die Wassertröpfchen bilden sich um Kondensationskerne herum, wenn die relative Feuchtigkeit der Luft 100 % geringfügig, um höchstens 1 % übersteigt. Dies kann entweder durch Abkühlung der Luft beim Aufsteigen (Thermik, Aufgleiten an anderen Luftschichten oder am Berghang) oder durch Durchmischen zweier Luftmengen geschehen (Richard Mollier). Beim Kondensieren wird die Verdampfungswärme des Wassers frei, welche das Abkühlen bei weiterem Aufsteigen der Luft abschwächt. Dadurch kann die Luft in größere Höhen steigen. Bei ruhiger Luft und wenigen Kondensationskernen kann es zu einer Übersättigung der Luft mit Wasserdampf kommen. Obwohl der relative Wassergehalt dann deutlich mehr als 100 % beträgt, kommt es noch zu keiner Kondensation. Der Wassergehalt muss erst weiter zunehmen, bevor er kondensiert. Bei einer Lufttemperatur unter ?10 °C können sich an den Kondensationskernen Eiskristalle (Schneeflocken) durch Resublimation bilden. Kondensationskerne sind elektrisch geladen und haben eine Größe von 1 nm bis 1000 nm. Sie entstehen durch private Haushalte, Industrie, Landwirtschaft, die Natur und kosmische Strahlung (Beispiel Nebelkammer). Nach Beginn der Kondensation kondensiert immer mehr Wasserdampf an dieser Stelle, bis er zu einem sichtbaren Nebeltröpfchen wird.
Neben ihren optischen Eigenschaften und ihrer Schönheit, die schon immer die Phantasie der Menschen angeregt hat, sind Wolken bei zahlreichen Fragen in der Wissenschaft wichtig. Dies gilt insbesondere für den Strahlungshaushalt der Erde, die Niederschlagsverteilung und die Atmosphärenchemie.“

Was hier nicht herauskommt: Wie viel Anteil an der Wolkenbildung hat die kosmische Strahlung? Das ist für mich noch nicht nachvollziehbar.

Was sind die Konsequenzen?

Eigentlich ist es zwar nicht egal, aber zweitrangig, ob die globale Erwärmung man-made ist oder nicht. Selbst wenn das Abholzen der Wälder keine Klimaauswirkungen hat, gibt es viele gute Gründe, das nicht zu tun.
Auch die Überfischung der Meere und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen sind nicht direkt an das Klima gebunden. Und die Zunahme der globalen Bevölkerung auch nicht, ebenso wenig die Verrücktheiten der Finanzindustrie.

Wir können somit den Widerspruch zwischen den beiden Theorien stehen lassen. Wir haben dringendere Probleme und wichtigere Aufgaben zu lösen.

Einst lehnte er im Stoll am Fassl…

…heut lehrt er an der Uni Kassel.

Dieser Spruch stammt von meinem lieben Freund Peter Bachmann und gehört leider seit gestern der Vergangenheit an (das „Stoll“ ist ein Lokal in Klosterneuburg und unser Stammplatz war rund um ein altes Holzfass zwischen Bar und DJ-Pult). Nach den ersten drei Semestern gab es letztes Sommersemester schon eine Pause, und dann jetzt noch ein letztes Aufflackern, bevor die Flamme meines Lehrauftrags endgültig erlischt.
Obwohl schlecht bezahlt und mit viel Mühe verbunden, hinterlässt es doch ein bisschen Wehmut, und ich frage mich, wieso.

Die Antwort liegt in den StudentInnen, ihre Freude an meinen Geschichten wird mir fehlen. Daher ist ein Blick zurück angebracht, jetzt, wo die Eindrücke noch frisch sind.

Die Uni Kassel ist eine Agglomeration von Backsteinbauten, Anfang der 1970er Jahre errichtet und der Architekt wurde nicht getötet, obwohl er es gleich mehrfach verdient hätte. Ich erwähne als besondere Schmankerln nur die unglaubliche Anordnung von Bauten, Hörsälen und Gängen. Wer sich dort nicht wirklich gut auskennt, gerät in einen Irrgarten, alles scheint gleich auszusehen, es gibt tausende Ecken und Winkel, selbst die zögerlichen Beschilderungen helfen nichts.
In den Gebäuden sieht es nicht viel anders aus. Man sollte an jedem Eingang Ariadne-Fäden verteilen, wobei man dann vor lauter Fäden auch nicht mehr durchkommen würde. Manche Stiegenaufgänge sind offen, andere hinter Türen versteckt, und es gibt keinerlei erkennbare Struktur in der Anordnung der unzähligen Räume und auch nicht in deren Nomenklatur. Ein Beispiel gefällig? Der Hörsaal 1215 befindet sich eine Ecke neben dem Hörsaal 1309. Warum? Das weiß niemand. Manchmal scheint eine Reihenfolge erkennbar zu sein, die ganz plötzlich wieder aufhört. Die Hinweisschilder in jedem Stockwerk teilen mit, dass es bestimmte Räume in genau diesem Stockwerk gibt. Wo man sie findet, sagen die Schilder nicht.

Die Hörsäle selbst sind wahnwitzige Gebilde mit teilweise unbrauchbaren Formen. So gibt es Fenster, die man nur mit akrobatischen Meisterleistungen öffnen kann oder mitten im Hörsaal wurde eine Säule hingebaut. Das ist nicht nur für einen Vortragenden verwirrend, denn bei voller Belegung gibt es eine Art toten Winkel, hinter dem sich dann eine Anzahl Studenten verbirgt. Vielleicht heißt es ja deswegen „Hörsaal“ und nicht „Sehsaal“, weil man von dort aus halt nichts sieht.

Manche Säle sind offen, andere versperrt, wieder andere haben ein Nummernschloss. Und man erlebt jedes Mal eine neue Überraschung, etwas wenn es darum geht, ob man Tische und Sessel vorfindet, und wie viele, und wie sie gerade angeordnet sind. Es gibt in den Hörsälen stets dreckige Tafeln, meist aber keine Kreide und niemals ein Waschbecken, um Wasser für das Säubern der Tafeln zu organisieren.
Der Willkommensgruß letzten Freitag sah so aus:

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Ich hatte wieder einmal ein hartes Wochenende vor mir: Freitag 5.30 Tagwache, dann mit dem ICE ca. 8 Stunden mit 1x Umsteigen bis Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe, dann mit der Straßenbahn quer durch die Stadt bis zur Uni, Seminar bis 20.30 Uhr, Samstag den ganzen Tag, Sonntag früh bis Mittag, dann wieder zurück mit dem ICE und um ca. 22 Uhr in Wien. Wobei das eine sehr optimistische Schätzung ist, denn meist gibt es irgendwo eine Verspätung. Wir hatten diesmal eine Baustelle zu umfahren und bekamen nur eine halbe Stunde aufgebrummt.

Die erste nette Überraschung erfuhr ich gleich zu Beginn, als ich an der Uni ankam. Mein Hörsaal (der schon erwähnte 1215) war eine Art extended Besenkammer, klein, mit besonders fetter Säule, Fenster nur in Form von seltsamen Oberlichten, vor allem aber viel, viel zu klein, für etwa 20 Personen geeignet, notfalls 30. Ich wusste: ich habe 50. Das wäre nicht nur eng, sondern gänzlich unmöglich. Also neuen Hörsaal suchen. Mein lieber Freund Rudi verriet mir den Zahlencode für 1219, den ich vor zwei Jahren schon einmal hatte. Auch mit prachtvoller Säule, aber größer, knapp ausreichend. Also zog ich wie Moses mit der Karawane aus und brachte meine StudentInnen in das gelobte Land, äh, den gefundenen Hörsaal. Leider war klar, dass ich ihn Samstags und Sonntags nicht haben konnte, da Rudi dort selbst Lehrveranstaltung hatte.
Also zog die Karawane am Samstag weiter. Die Hörsäle 1102 und 1309 waren belegt, und zwar beide durch den mir persönlich unbekannten Kollegen Jurkovsky. Wie das genau funktionieren sollte, war mir nicht klar. Würde er sportlich zwischen beiden Räumen hin- und hersprinten, Gruppenarbeiten beaufsichtigen und kleine Vorträge halten? Meine Hochachtung vor solch famosen Leistungen schwand, als sich herausstellte, dass der Kollege weder den einen noch den anderen Hörsaal brauchte – schlicht und einfach, weil er nicht da war, weder Samstags noch Sonntags. Er hatte nur beide reserviert und somit für mich blockiert. Gab es ihn überhaupt, oder ist der das Phantom der Uni?

So schnappten wir uns die Räume, einen für das Plenum und den anderen für zwei Arbeitsgruppen. Mir ist unbekannt, ob der Kollege für Abwesenheit bzw. Mehrfachbelegung (oder eben Nicht-Belegung) von Hörsälen bezahlt wird. Wenn ja, so einen Job hätte ich auch gerne. Und ich koffere für ein Wochenende von Wien nach Kassel und zurück. Nun gut, es war eh das letzte Mal.

Das administrative System der Uni Kassel hat auch etwas Gutes: Man lernt Selbständigkeit, und zwar als Student wie auch als Dozent. Diese Selbständigkeit fördert die Tatsache, dass ab Freitag Mittag alle Sekretariate fest verschlossen sind, die Dozenten der geblockten Wochenendveranstaltungen dürfen daher improvisieren: Wo bekomme ich Kreide her? Wer sperrt Sonntags den plötzlich abgeschlossenen Hörsaal auf? Man fühlt sich unwillkürlich gewollt, unterstützt, gewertschätzt etc.

Ich will nicht meckern, die von mir bestellten Flipcharts waren samt Papier und Stiften vorhanden. Da man die Hörsäle jedoch nicht zusperren kann, musste ich sie jeden Tag zwei Mal in den Lift hineinquetschen und in den durch Code versperrbaren Postraum bringen, damit sie nicht gestohlen werden, so wie die vielen Beamer in den Hörsälen, von denen nur noch leere Boards und ins Nichts ragende Stecker zeugen. So bleiben alte Professoren jung und junge Dozenten sehen manchmal ein wenig alt aus. Die StudentInnen dürften es gewohnt sein, sie nehmen die Lage recht stoisch hin, ganz im Gegensatz zu der praktizierten Geschäftstüchtigkeit eines meiner (mir ebenfalls unbekannten) Kollegen, der von all seinen TeilnehmerInnen verlangt, dass sie sein Buch kaufen, um die Lehrveranstaltung absolvieren zu können. Zum Sonderpreis von 80 Euro. Deswegen waren sie bei mir so erstaunt, dass sie mein Buch erstens nicht kaufen mussten und wenn sie doch wollten, dann um 15 Euro. Ich gebe nämlich den Autorenrabatt weiter.

So geht eine anstrengende Zeit vorbei. Vielleicht lehne ich ja demnächst wieder einmal im Stoll am Fassl. Und denke an Kassel, an diese seltsame Stadt in Nordost-Hessen, die im Krieg dem Erdboden gleich gemacht wurde (Panzerproduktion) und der man das heute stimmungsmäßig noch immer anmerkt. Die als einzige kulinarische Errungenschaft „Aaale Woarst“ hat, eine Art Kantwurst in einem Weckerl. Wo die Menschen meinen Vornamen „Giiido“ aussprechen und wo ich letzen Samstag Abend eine Kirschplunder und eine Marzipantasche um zusammen nur einen Euro bekam, weil sie von gestern waren. So wie ich inzwischen, an der Uni Kassel.