Wer das Herz am rechten Fleck hat, wünscht sich keinen Crash

…Das ist das Fazit von Robert Misik, der mir in seinem Podcast ein bisschen den Kopf zurecht gerückt hat. Ich mag nicht alle seine Analysen, aber diesmal hat er quasi ins Schwarze getroffen (nämlich mich, da passt dieses Wortspiel). Wer es sich selbst ansehen will:

http://derstandard.at/1324170167037/Videocast-von-Robert-Misik—Folge-212-Wir-wollen-den-totalen-Finanz-Kollaps

Kurz und knackig herbei geleitet: In einer Zeit, in der Blicke nach vorne weniger lustig sind als Blicke nach hinten und viele Grundsäulen einer Kultur zusammenbrechen oder zumindest wackelig erscheinen, ist es einfach sehr schwer, optimistisch und voller Freude in die Zukunft zu blicken. Zusätzlich sehe ich Entwicklungen, die auf etwas zuzusteuern scheinen und die mir missfallen.
Und dann lese ich noch an jeder Ecke von kommenden oder in Wahrheit schon da seienden Krisen und ähnlichen Gebilden. Und ich sehe hamsterartige Weihnachtseinkäufe und Menschen, die ihr Geld ausgeben, statt es zu sparen. Das tut man übrigens immer dann, wenn man nicht an eine gute Zukunft glaubt und das Vorhandene noch schnell in sich hinein stopfen will. Da das innere Aufnahmevermögen begrenzt ist, dient das erweiterte Konsum-Ich als Reserve-Auffangbehälter.

Der Blick auf die in allen Medien ständig gezeigten Umweltkatastrophen macht es auch nicht einfacher und so taucht irgendwann das Bild auf: Hoffentlich ist das alles bald vorbei. Und natürlich – hier bleiben auch die schlimmsten Pessimisten Optimisten: Danach soll es besser weitergehen. In Form eines Neuanfangs, einer besseren, gerechteren, schöneren, saubereren Welt.

Was sagt die Geschichte? Gab es das jemals? Und vor allem: Gab es das jemals für alle, sprich: für den Großteil einer Bevölkerung, einer Kultur?

Diese Frage ist schon weitaus schwieriger, denn die Geschichtsschreibung ist hier stets verzerrend. Und vor allem wissen wir meist nicht, wie und wie viel verzerrt wurde. Letztlich bleibt aber folgende Frage offen: Lernen Gesellschaften aus Kataklysmen (Katastrophen) und Krisen? Ist das, was danach kommt, in der Entwicklung eine Stufe höher, reifer, besser (im Sinne eines Hegelianischen Idealismus)? Oder beginnt es wieder von vorne, mit den gleichen Dummheiten, den selben Entwicklungen, hin zum nächsten Knaller? Hat die Postmoderne die Wahrheit?
Was wurde aus dem Zusammenbruch des römischen Reichs gelernt? Was aus den Kreuzzügen? Aus der großen Pest? Aus dem dreißigjährigen Krieg? Aus der französischen Revolution? Aus dem ersten und dem zweiten Weltkrieg? Aus dem Finanzkollaps von 2008? Was habe ich selbst aus meinem durchaus schweren Motorroller-Unfall 2009 gelernt?

Was die Mayas, die Azteken, die Inkas, die Babylonier, die Armenier, die Buschmänner und unzählige andere Völker gelernt haben, wissen wir: Nichts, weil es sie nicht mehr gibt. Sie haben nicht einmal gelernt, wie man sich selbst vernichtet, weil es niemand mehr gab, der das lernen und als Wissen weitergeben konnte.

Was wir gelernt haben, ist die Entwicklung von Methoden, mittels derer Wissen weiter gegeben werden kann. Wir haben heute die Medien dazu, das Wissen zu sammeln und zu konservieren, somit auch weiterzugeben.

Die Frage ist nur: Was lernen wir daraus?

In erster Linie scheinbar nur wenig, weil wir das Wissen nicht mit Methode sammeln und vor allem nicht auswerten. Zumindest erscheint mir das so. Selbst das Internet mit Clouds und Terabyte-Speichern etc. sammelt ungeordnet und der allergrößte Teil besteht somit aus Wissen, mit dem wir nur schwer oder gar nicht etwas anfangen können.

Selbst wenn wir das könnten, wenn wir das Wissen von ein paar gescheiten und integren Menschen aufbereiten lassen, bedeutet das noch nicht, dass wir die Ergebnisse verwenden. Sie müssten zuerst durch die politische Mangel und würden durch Einzel- und Gruppeninteressen hindurchgewaschen. Was dann noch übrig bleibt, mag sich jede(r) selbst ausmalen. Und auch wenn dies funktioniert, müssten Entscheidungsprozesse stattfinden und danach die passende Umsetzung. Das erscheint mir noch unwahrscheinlicher als das Lernen durch Katastrophen – die prägen sich wenigstens lange ein und wirken nach.

Die Alternative ist somit das Lernen auf die harte Tour, sprich: durch Notwendigkeiten und Fakten. Das ist aber wiederum das Crash-Szenario. Und selbst hier handelt es sich leider möglicherweise nicht um Lernprozesse, sondern einfach um Zyklen von Wachstum und Niedergang. Das ist zwar ein sehr natürliches Szenario, aber kein besonders erfreuliches, weil es viel Leid inkludiert. Das ist auch ein Fazit von Robert Misik: Wer auf die Krise hofft, ist frivol (im Sinne von leichtfertig und das heißt wiederum, dass es sich jemand leicht macht mit seinen Schlussfolgerungen).

Die Psychologie dahinter ist interessant: Wer auf die Krise hofft, empfindet sich nicht als Teil derselben. Natürlich wissen auch die Krisenpropheten, dass sie mitten drin sind, aber sie fühlen sich in einer Schutzglocke, die sie gerne mit „Wahrheit“ bezeichnen. „Wir haben es gewusst und deswegen kann uns jetzt nichts passieren“ meinen sie. Warum glauben sie das? Haben sie wirklich vorgesorgt, besitzen sie die Rettungskapsel, die möglicherweise einzig und allein aus ihrem Glauben gebaut ist? Haben sie die Weichen so gestellt, dass sie als Sieger, als Überlebende, als Profiteure aus der Krise emporsteigen?

Ich fürchte, so einfach wird es nicht sein. Es gibt keine Inseln der Seligen und auch keine abgelegenen Bauernhöfe, auf denen man in selbst gestrickter Endzeitromantik und eben solchen Pullovern überdauert. Dazu sind wir zu klein, zu global geworden. Es gibt weder Rückzugsgebiete noch genügend hohe Mauern.

Wenn es eine echte Weltwirtschaftskrise gibt, dann trifft sie uns alle. Und selbst diejenigen, die es am wenigsten trifft, sind dann immer noch schlechter dran als jetzt. Das müssten wir in Kauf nehmen. Niemand von uns kann sagen, ob und wie er am Ende rausgespült wird. Und wir müssten auch in Kauf nehmen, dass es kein echtes Happy-End gibt, dass also (und auch das ist sein Fazit von Robert Misik) keine neue Gemeinsamkeit entsteht, auf der man einen neuen Staat aufbaut, der besser und glücklicher ist als der jetzige. Möglicherweise reagieren in der Krise die Menschen so wie immer, nämlich panisch um sich schlagend und alles rundherum in den Abgrund reißend. Krieg wäre vielleicht der totale Krieg, der beim ersten Versuch noch verhindert werden konnte. Nur gibt es diesmal keine Amerikaner, die uns befreien können. Und auch sonst niemand auf dieser Welt. Und auf die Außerirdischen warten ist auch nicht unbedingt erfolgsversprechend, denn die heißen möglicherweise alle Godot.

Was bleibt nun übrig? Das friedliche Evolutions-Szenario scheint unmöglich, das Crash-Modell hingegen unerwünscht.

Ich versuche, eine Entwicklung zu skizzieren, durchaus in dem Bewusstsein, dass sie unglaublich viele unbekannte Variablen enthält.

Die Erderwärmung kommt, aber sie lässt uns noch so viel Zeit, dass wir die wichtigsten Maßnahmen treffen können. Öl geht so langsam zu Ende, dass Alternativen entwickelt und ausgebaut werden können. Da Geld in erster Linie ein virtuelles Glaubensinstrument ist, kann es als solches ohne echten Realwirtschaftscrash reformiert und repariert werden. Etliche Maßnahmen greifen und wir kommen dem Zusammenbruch gefährlich nahe, schlittern aber daran vorbei. Eine Weltwirtschaftswährung entsteht, auch wenn das noch dauert.
Die Schwellen- und Entwicklungsländer profitieren so stark von den neuen Technologien, dass ihre Kaufkraft unsere marode Wirtschaft rettet. Zugleich geht dies mit wesentlich grüneren Methoden, als wir jetzt noch glauben. Auch die aufkeimende Demokratieentwicklung greift und zieht die übrig bleibenden Diktaturen mit sich. Die Korruption sinkt, der Wohlstand steigt und die Bevölkerungsexplosion kommt zu einem Stillstand. Wir können die 10 Milliarden Menschen gerade noch so lange ernähren, bis sich die Menschheit auf einem niedrigeren Niveau einpendelt.

Alles in allem wäre das erstens ein reizvolles, zweitens ein friedliches und drittens ein durchaus herausforderndes Szenario. Und eigentlich auch ein Lerneffekt. Sogar für die ganze Menschheit.

Kleine Wunder

In Namibia wird an die Menschen das so genannte BIG (Basis Income Grant) ausgezahlt – umgerechnet 8 Euro. Dieses Geld steht jedem Menschen ab seiner Geburt zu, jedoch leider nicht in ganz Namibia, sondern nur in einem Ort namens Otjivero. Mittels einer Karte und des Fingerabdrucks kann man sich das Geld jeden Monat auszahlen lassen. Nicht alle geben es für vernünftige Dinge aus.

Hochgerechnet würde es 5,7% des Namibischen Budgets kosten und mit sofortiger Wirkung 30% aller Menschen aus der Armut emporheben.

Interessant ist die Grundidee dahinter: Jeder Mensch hat von Geburt an ein Recht zu leben. Diejenigen, die vorher schon da waren, sind die einzigen, die ihm dieses Recht geben oder verweigern können. Sie bilden zusammen die Gemeinschaft und die ist es auch, die das BIG auszahlt. Da der Staat in Namibia jedoch in seiner Entwicklung noch nicht so weit ist, übernimmt eine evangelische Kirche plus europäischen Sponsoren das BIG.

Das Problem: Es handelt sich hier wiederum um Almosen, die von den Reichen an die Armen verteilt werden. Die haben kein Anrecht darauf. Der evang. Bischof kommentiert das so: Es sollte nie Geld für die Armen zuerst durch die Hände von Reichen gehen.
Das hat was.
Aber was ist die Alternative? Die Reichen sind ja eben deswegen reich, WEIL sie das Geld haben. Das führt uns zur „Im-Zentrum-Diskussion“ von neulich. Mit dem Mörtel und mit dem Chef von Berndorf. Alle dort versammelten Reichen stellten sich als totale Wohltäter dar, sozial bis in die Knochen, jeden Cent re-inverstierend, natürlich zum Wohl der gesamten Menschheit. Nur sie selbst wären geknechtet und würden ohnehin schon fast alles in Form von Steuern abgeben. Jetzt noch 0,3 % mehr Grundsteuer? Unmöglich! Sie wären sofort pleite, denn in Wahrheit wäre all das Geld, das sie haben, ja bei genauer Betrachtung nur Schulden und sie würden… ach egal, die Reichen wollen sich nichts wegnehmen lassen, das ist ja nicht neu.

Gestern hat Christian Felber im Club 2 die Idee eingebracht, Vermögen von über einer Million Euro mit 1 % zu besteuern. Wilde, etwas hilflos wirkende Aufregung – das könne man doch nicht machen, die hätten sich das alles hart erarbeitet und das würde letztlich zu einer vollkommen ungerechten Umverteilung (bei diesem Wort heulen manche Menschen noch viel viel mehr auf) führen. Selbstverständlich wäre das ab-so-lut indiskutabel, niemals, wir geben nichts her (der Niki Lauda sagt es uns eh täglich in der Werbung: Ich habe doch nichts zu verschenken!). Und außerdem. Und überhaupt. Da könne ja jeder kommen!

Und dann war ich gestern noch in einer Arbeitsgruppe, in der ein Banker (Bank Austria, Bereich Lobbying) meinte: Die meisten Unternehmer wären ohnehin komplett altruistisch und würden sich maximal ein paar Cent da und dort für eigene Bedürfnisse aus dem Topf nehmen, den Rest des Profits jedoch in Lohnerhöhungen ihrer Mitarbeiter investieren. Fazit: lauter Heilige, weder gierig noch sonst irgendwas. Und es gäbe auch keine reichen Griechen, die ihr Geld in die Schweiz gebracht hätten – vielleicht ein paar kleinere Beträge, aber sonst nicht, das wäre doch aufgefallen!

Je mehr ich darüber nachdenke, desto interessanter wird es: Eat the Rich! Das ist immer noch ein Ausweg, wenn man sonst nichts mehr zu Fressen hat, auch wenn die wahrscheinlich nicht sehr gut schmecken. Leider betrifft das auch mich, denn im Vergleich zum Mörtel bin ich arm wie eine Kirchenmaus (punkto Geldvermögen und Grund etc.), aber im Vergleich mit den meisten Menschen auf dieser Welt bin ich reich. Und ich will keine Mauern bauen, um das zu schützen, was ich angehäuft habe.

Da muss es eine bessere Lösung geben. Gegen das bedingungslose Grundeinkommen spricht bei uns vor allem, dass dieses Geld dann nicht mehr durch die Hände der Reichen fließen würde und sie eines starken Machtmittels beraubt würden. Verständlich, dass sie das nicht wollen.

Was heißt das jetzt? Wir werden auf das eine oder andere spannende Ereignis warten müssen, nach dem uns sowieso keine Alternative mehr bleibt. Scheinbar brauchen wir Menschen das, ohne starken Leidensdruck gibt es keine Veränderung.

Gebannt starren wir auf den Euro

In der heutigen Ausgabe von Medianet erklärt uns Erich Streissler (er wird dort als „Doyen der österr. Volkswirtschaft“ tituliert, was auch immer das heißen mag) gemeinsam mit Christian Helmenstein von der Industriellenvereinigung, dass der Euro uns mit 90 % Wahrscheinlichkeit bleibt.

Das ist aber beruhigend! Griechenland könnte vielleicht austreten oder werde austreten müssen – der genaue Wortlaut ist dem Artikel nicht zu entnehmen. Es wird nur geschrieben, dass immer mehr Volkswirte ein Scheitern des Euro „nicht mehr ausschließen“. Da wird von einem „Nord-Euro“ gefaselt und davon, dass dieser dann „eine sichere Sache“ wäre.

Spontan fallen mir da die „Gated Communities“ ein, die rund um die Welt gerade wie Schwammerln aus dem Boden wachsen. Das sind Hochsicherheits-Wohngebiete, in denen reiche Menschen im Luxus hausen. Blöd daran ist nur, dass sie sich erstens dort gegenseitig auf die Nerven gehen, zweitens zum Arbeiten rausfahren müssen (meist in ihren Hochsicherheits-SUVs) und drittens im Fall einer Krise dort ohnehin um nichts sicherer sind als woanders.

Und genauso geht es uns mit dem Euro bzw. dem Nord-Euro. Letztlich wird es niemanden geben, der in einer echten Weltwirtschaftskrise seine Schäfchen ins Trockene bringen kann. Hohe Mauern haben noch nie was genützt und Währungen kommen und gehen.

Sich mit diesem oder ähnlichen Gedanken anzufreunden fällt den meisten Menschen schwer, auch den Experten. Währungsstürze gab es immer und wird es in Zukunft auch geben. Sie führen meist zum Verlust der Ersparnisse, sofern diese in Geldwerten angelegt sind. Deswegen flüchten derzeit so viele Bankmanager in reale Werte wie Grundstücke, Wald, Immobilien – sie ahnen bereits, was sich abspielen wird.

Steht und bald der Tag bevor, an dem unerwartet der Herr Bundespräsident am Sonntag Abend eine förmliche Ansprache an die lieben Österreicherinnen und Österreicher hält, in der er ihnen erklärt, dass die Regierungen im Euro-Raum es zwar sehr bedauern, aber leider aufgrund von blablabla keine andere Möglichkeit sehen, als einen „Euro Neu“ zu erschaffen? Man könne diesen Euro neu ab kommenden Montag bei jeder Bank um zwei Euro alt kaufen. Der Euro alt sei übrigens ab jetzt nichts mehr wert, leider. Aber der Euro neu hätte einen tollen Wert, nämlich so viel wie der Euro alt. Wie EIN Euro alt, wohlgemerkt.

Ich darf die geschätzten Leserinnen und Leser beruhigen, es gibt noch andere Szenarien. Wenn uns eine Krise trifft, und ich rede nicht von so einem Mailüfterl wie 2008/2009, dann wird sie wahrscheinlich hart sein. So hart, dass ich nicht sicher bin, ob ich sie nicht lieber früher als später hätte, weil sie auf jeden Fall umso härter wird, je später sie uns trifft. Warum? Weil wir derzeit mit leichtem Wahnsinn die Blasen aufpumpen und die Entwicklungen fast überall exponentiell sind.
Dann werden die Konsequenzen auch entsprechend hart sein.

Kurz noch zurück zu einer möglichen Krise. Was könnte sie auslösen? Ein paar Hypothesen:
1.) Peak Oil wirkt sich aus. Die OPEC-Staaten schweigen beharrlich über ihre tatsächlichen Vorräte, in Texas pumpt J.R. schon lange kein Öl mehr und der größte Ölfund der letzten 10 Jahre ist ein Ölfeld im Golf von Mexico, das bei Vollausbeutung den Weltbedarf sechs Tage lang decken würde. Für das Schürfen von zwei Litern Öl aus Ölsand muss man einen Liter Öl verbrennen. Und doch wird überall mantrahaft nachgebetet: Wir haben viel Öl, wir haben noch lange sehr viel Öl, es gibt Öl ohne Ende. Das ist sehr bequem. Ob es stimmt, ist eine andere Frage.

2.) Eine Blase platzt. Anbieten würde sich etwa die chinesische Immo-Blase. Derzeit stehen in China ca. 60 Millionen Spekulationswohnungen leer, ähnlich wie die in den Geisterstädten an der spanischen Küste oder in Dubai. Hauptinvestoren sind die chinesischen Banken, die im Falle eines Problems ihre Unmengen US-Staatsanleihen verkaufen müssten. Zu einem miesen Preis, wie das halt so ist, wenn es plötzlich ein riesiges Angebot und wenig Nachfrage gibt. Dann krachen die US-Staatsanleihen und nicht nur die. Es könnte aber auch die US-Immoblase platzen oder die fondsgebundenen Lebensversicherungen, die in den gleichen Schrott investiert haben wie alle anderen. Oder die Kreditkartenblase: sehr viele Menschen leben derzeit auf Pump, vor allem was ihren Privatkonsum betrifft.

3.) Eine Umweltkatastrophe. So etwas wie ein überdimensionales Fukushima. In stabilen Zeiten locker handhabbar. In einer angeheizten, labilen Situation möglicherweise der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

4.) Ein Finanzcrash, der tatsächlich von einer Staatspleite ausgeht und nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, weil es zu schnell geht. Die meisten Finanztransaktionen sind heute computergesteuert und automatisiert. Da passieren Milliardenverkäufe in Millisekunden – wir hatten das schon vor einiger Zeit, und man hat damals nichts dagegen unternommen, dass dies nicht wieder passiert. Erst vor ein paar Tagen hat ein Händler der UBS 1,6 Milliarden Euro mit einem Knopfdruck in den Sand gesetzt. Vier-Augen-Prinzip? Viel zu teuer!

Wie funktioniert eigentlich Entschuldung? Kennt jemand eine andere Methode als den Crash, wo die Zähler wieder auf Null gestellt werden? Gab es jemals schon einen langsamen Abbau von so etwas? Ich wüsste kein Beispiel.

Was wäre ein Alternativszenario? Wenn der politische Wille da ist, wäre gegen ein duales System nichts einzuwenden, auch wenn die Experten derzeit noch jammern, dass das nicht geht. Nach der Krise geht es dann doch. Das wäre eine Weltwährung für den internationalen Handel, die z. B. „Energo“ heißt. Da unsere derzeitige Weltwährung ohnehin schon die Energie in Form des Erdöls ist, wäre der Sprung gar nicht so groß. Und er würde bei einer Ölkrise ein schnelles Umsteigen auf alternative Energieformen bringen, denn: Windenergie ist dann Geld in Form des Energo, Wasserenergie auch, Sonne natürlich etc. Weil der Energo aber nicht das kleine, lokale Alltagsleben abfangen kann, gibt es zumindest für eine Übergangszeit regionale Komplementärwährungen (komplementär weil sie die zentral ausgegebene Fiat-Währung, die ja auch der Energo wäre, ergänzen). Es gibt sie übrigens schon und viele stehen in den Startlöchern. Sie basieren oft auf Zeittauschsystemen und wären so eine gute Basis für die Verabschiedung des Wertmonopols der Erwerbsarbeit. Ab da hat auch etwas anderes Wert. Verlierer sind dann übrigens die Herrschaftssysteme, weil sie das Druckmittel Geld für Erwerbsarbeit nicht mehr besitzen. Weniger Herren bedeutet auch weniger Knechte.
Der Energo wäre anfangs eher Buchgeld, um die Verhältnisse zwischen Staaten zu regeln, die Menschen brauchen aber konkretes Geld, mit dem sie ihr Leben organisieren. Da in einer Ölkrise der Welthandel (Transport) ein Riesenproblem hat, muss sich die dann stattfindende Regionalisierung auch in der Form des dazu passenden Geldes ausdrücken.

Es ist ein unangenehmes Gefühl, eine Krise zu ahnen und nichts dagegen tun zu können. Und dass aus Krisen auch immer etwas Neues entsteht, ist auch nur bedingt beruhigend. Es ist letztlich genauso nichts mehr oder weniger als die Hoffnung, dass der Euro eh keine Probleme bekommen wird. Womit wir bei der Frage sind, was wir tun können. Etwas fällt mir ein: Wir können das fassungslose Staunen schon mal üben, das wir anhand der schieren Größe der nächsten Krise ganz sicher haben werden. Immerhin, besser als nichts tun.

Warum Wegwerfen sexy ist

1.) Die meisten Menschen fahren mit dem Auto zum Lebensmittelgeschäft und müssen schwere Sachen nicht mehr nach Hause tragen.
2.) Die meisten Menschen kaufen Mineralwasser in Plastikflaschen, weil diese leichter zu tragen sind.

Der Spruch ist altbekannt: Wir leben in einer bequemen Wegwerfgesellschaft.

Und, hat das Emotionen ausgelöst? Etwa: Buh, das kann nicht sein, das gehört sofort geändert… Nein, hat es nicht, weil es zu einer wertfreien Beschreibung geworden ist, weil es alle tun, weil ein guter Teil des Reichtums der Reichen und auch derer, die die Macht haben, darauf beruht. Wir alle profitieren davon, zumindest eine Zeit lang. Es dient unserer Bequemlichkeit, und diese wiederum ist Zeichen unseres Wohlstands.
Schon vor Jahrtausenden wurden diejenigen Menschen bewundert, die sich Bequemlichkeit (nicht hart arbeiten müssen, sich von hübschen Frauen an heißen Tagen Luft zufächern lassen etc.) leisten konnten. Das war ein Zeichen für Macht, Einfluss und Reichtum.

Wer will nicht gern mächtig, einflussreich und wohlhabend sein? Daher gilt die Gleichung: Bequemlichkeit = Wohlstand. Die einen sind bequem, weil es so einfach ist, die anderen, weil es für sie gesellschaftlichen Aufstieg oder zumindest Erhalt der Stellung bedeutet. Der Ostbahn-Kurti hat in seinem Lied „Arbeit“ folgende Strophe gesungen:

„Vorbei an die grauen Häuser, voller z´samg´stauchte Leut, z´erscht mit´n Radl, dann mit´n Moped, aufs Auto spart er bis heut…“

Das ist gesellschaftlicher Aufstieg, mit dem Moped ist es bequemer als mit dem Fahrrad und mit dem Auto bequemer als mit dem Moped. Ich leite daraus eine vorsichtige Arbeitshypothese ab: Der Mensch strebt nach maximaler Bequemlichkeit, sofern sich kein höheres Ziel bietet, für das er bereit ist, einen Teil der Bequemlichkeit aufzugeben. Wenn ich heute auf den Kilimandjaro steige, dann muss ich einiges an Bequemlichkeit aufgeben. Ich werde mich etwa 6 Tage lang nicht duschen können und in keinem ordentlichen Bett schlafen. Auch hier gibt es Abstufungen: Wer bereit ist, die so genannte „Coca Cola Route“ zu gehen, gemeinsam mit knapp 18.000 anderen Touristen jährlich, der erhält dafür die Bequemlichkeit von Hütten mit Betten. Wer eine schönere Route wählt, muss in Zelten schlafen.
Das höhere Ziel ist das Erleben der schöneren Route.

Aber was ist das höhere Ziel für denjenigen, der es endlich geschafft hat, sich ein eigenes Auto zu leisten, auch wenn es sich nur mit Ach und Krach ausgegangen ist? Was könnte den bewegen, es nicht oder weniger zu benutzen? Eines ist ganz klar: Umweltschutz ist kein solch höheres Ziel, denn das bedeutet, dass er sein Auto nicht benützt, der Nachbar aber schon, denn dem ist Umweltschutz vollkommen egal. Er würde seine direkt erlebbare Bequemlichkeit gegen ein Zukunftsziel tauschen, das er möglicherweise in der eigenen Erlebenswelt gar nicht mehr erreicht, etwa weil die Auswirkungen erst seine Enkelkinder zu spüren bekommen.
Er würde diesen Schritt also nur tun, wenn es ein direkt erlebbares Ziel gibt, etwa eine neue Freundin, die aus der grünen Ecke kommt und mit der er nur Sex haben kann, wenn er auf die tägliche Autofahrt ins Büro verzichtet. Da dieser Fall wahrscheinlich eher selten eintritt, verändert er unsere Diskussion nicht merklich.

Wenn das auch für andere Lebensbereiche gilt, dann gibt es nur eine logische Konsequenz: Die Bequemlichkeit wird erst aufgegeben, wenn sie entweder nicht mehr erhältlich ist (es gibt plötzlich kein Erdöl mehr und Elektroautos liegen noch in den Schubladen der Autokonzerne) oder so teuer, dass das zu erbringende Geldopfer zu große andere Opfer fordert. Wir könnten es bei den Fetisch-Produkten (das sind diejenigen, die pervers hohe Notwendigkeit zu besitzen scheinen: Auto, Handy, Fernseher) erleben, dass es zu seltsamen Entwicklungen kommt: Hungernde Menschen sitzen im Auto und fahren mit eingefallenen Wangen am Supermarkt vorbei, in dem sie sich nichts kaufen können, weil das Geld im Tank gelandet ist.

Derzeit verursacht der Drang nach Bequemlichkeit noch weitere perverse Auswüchse: Statt Lebensmitteln wird Biosprit erzeugt. Weil wir das besser nicht sehen wollen, verlagern wir diese Erzeugung an Orte, wo es uns nicht auffällt, etwa nach Südamerika oder nach Afrika. Die dort ansässigen Menschen können sich dagegen nicht wehren und so können die europäischen und amerikanischen Firmen dort machen, was sie wollen. Vertriebene bzw. getötete Menschen oder grässliche Umweltschäden sind belanglos angesichts der Notwendigkeit, unsere Bequemlichkeit zu erhalten.

Wenn ich mit meinen Freunden rede, dann verteidigen diese ihre Bequemlichkeit mit 1.000 Argumenten, die mir vor allem dann nicht einleuchten, wenn ich einen Schritt zurück mache und versuche, das Ganze zu betrachten.
Lebensmittelhandel: „Die Konsumenten wollen das so.“
Konsumenten: „Der Lebensmittelhandel bietet mir nichts anderes an.“
Ich bin es leid, mir von allen Seiten das Gegackere um die Frage nach Henne oder Ei anzuhören.

Ich fürchte, wir werden unsere Bequemlichkeit mit samt der Wegwerfgesellschaft erst aufgeben, wenn wir gezwungen sind, sie selbst wegzuwerfen. Wird es die Natur sein, die uns eine fette Breitseite verpasst, oder schaffen wir das selbst? Das ist nur eine der noch nicht beantwortbaren Fragen.

Ohne Bienen noch fünf Jahre

In einem sehr interessanten Vortrag („Das Kartenhaus Weltfinanzsystem) in der Akademie der Wissenschaften skizzierte Dr. Dirk Solte (Ulm) gestern verschiedene Zukunftsszenarien.

Interessant die Erkenntnis, dass die Natur problemlos ohne uns Menschen auskommt, vielleicht in einem anderen Zustand als jetzt, aber ihr ist es völlig egal, ob wir sie zerstören, denn wir zerstören sie immer nur für UNS.

Er schlägt daher einen gesunden Egoismus vor: den würden wir brauchen, um die Welt und somit uns selbst davor zu bewahren, außer Balance zu geraten. Nachhaltiges Umweltmanagement und Wertschöpfungswachstum (notwendig für knapp 10 Milliarden Menschen in wenigen Jahrzehnten) lassen sich durchaus vereinbaren.

Ein Beispiel dafür, was passiert, wenn wir das mehr oder weniger labile Umweltgleichgewicht stören, sind die Bienen: Würden wir sie auf einen Schlag ausrotten, hätte die Menschheit noch geschätzte fünf (!) Jahre weiterzuleben. Dann würden alle Nahrungsmittel in einer Kettenreaktion verschwunden sein („Versuchen Sie einmal als Mensch die Blütenbestäubung zu übernehmen – Viel Spaß!“).

Sein Fazit: Die stärkste Kraft des Menschen ist sein Wille („Die Menschen wollten fliegen – und haben es geschafft.“). Wir sollten den gemeinsamen Willen aufbringen die notwendigen finanzpolitischen Schritte zu machen, damit es nicht zu einem Kollaps kommt.

Ich darf hier ein altes Zitat von Immanuel Kant bringen: „Der vereinigte Wille aller ist jederzeit gut.“