Wieder ein Strandlauf am Morgen – ein guter Tagesbeginn. Heute gönnen wir uns ein besonders üppiges Frühstück, denn es ist nicht sicher, ob wir ein gutes Abendessen haben werden. Ich habe immer noch Erholung notwendig und bleibe die größte Zeit am Zimmer bzw. setze mich ein wenig zu Thomy an den Pool. Es ist angenehm, wenn es einmal nichts zu tun und zu organisieren gibt. So vergeht der Tag und um 17 Uhr kommt Amos, um uns abzuholen.
Das Zahlen im Hotel gestaltet sich unkompliziert, sie nehmen Euro, Dollar oder Kenia-Schillinge bzw. Kreditkarte – je nachdem, was man gerade hat bzw. womit man zahlen will. Bis zur Stunde ist nicht sicher, ob wir mit der früheren oder späteren Maschine fliegen werden, Kenia Airways streicht manchmal einen Flug, wenn er nicht voll genug ist.
Der Flughafen von Mombasa besitzt innen kein Restaurant, wer einmal durch den Eingang und die dortige Kontrolle gegangen ist, kann sich an einem kleinen Buffet gerade mal ein Eis oder ein Sandwich kaufen. Ansonsten ist der Flughafen angenehm, weil klein und recht entspannt.
Auch der Flug verläuft ohne besondere Vorkommnisse und wir haben die frühere Maschine. Nun geht es nur noch darum, ob die Swiss auch pünktlich ist und vor allem ob ich es schaffe einen Gangplatz zu bekommen. Das ist mir ausgesprochen wichtig und da man Plätze bei der Swiss nur kostenpflichtig reservieren kann, heißt es abwarten und hoffen.
Alles klappt gut und wir schaffen es noch in Nairobi ein gutes Abendessen zu bekommen. Etwas versteckt liegt hinter einer Ecke eine Art Sportcafé mit jeder Menge Bildschirmen, wo man aber ganz brauchbar essen kann.
Ich weiß nicht genau wovon es abhängt, ob ich in einem Flugzeug schlafen kann oder nicht. Selbstverständlich spielt der Platz eine Rolle, ich habe zwar einen Gangsitz, es ist aber in der Touristenklasse generell extrem eng. Leider schaffe ich es diesmal nicht zu schlafen und bin mehr oder weniger die ganze Nacht lang wach. Der Flug geht von 00:20 bis 06:50 Uhr (Zeitverschiebung einberechnet) und das ist eine zähe Angelegenheit, wenn man nicht schlafen kann.
Irgendwann ist es aber vorbei und auch der Heimflug von Zürich nach Wien verläuft unspektakulär. Wien hat uns wieder, alles ist gut gegangen, der Urlaub war nicht nur ein voller Erfolg, sondern auch einfach sehr schön.
Kenia von Nord nach Süd – Tag 14: Die Fahrt nach Mombasa
Meine innere Uhr stellt sich als zuverlässiger heraus als der Wecker, der schlicht und einfach nicht läutet. Es ist 03.59 Uhr und wir trinken einen schnellen Tee. Die am Vortag im Sarit Center gekauften Donuts stellen sich als steinhart heraus, aber ich habe sowieso keinen Hunger. Erstens ist es zu früh, zweitens hat sich doch ein gewisses Reisefieber eingestellt und drittens will ich einfach nur weg. Jede Minute ist eine Verzögerung, von der wir nicht wissen, ob sie sich nicht am Ende bitter rächt.
Schließlich schaffen wir es um 04.40 tatsächlich beim Tor hinaus zu fahren und die kühle, aber angenehme Nachtluft empfängt uns. Es ist ein Erlebnis der anderen Art Nairobi um diese Zeit zu durchqueren und es geht unglaublich schnell.
Zu allem Übel ist uns am Abend noch der Blinker ausgefallen. Wir haben zwar noch am Relais gerüttelt und die Sicherung angesehen, aber wir konnten auch mit Luis Hilfe den Blinker nicht reparieren.
Das ist zwar unangenehm, aber es muss halt ohne gehen.
Um Punkt fünf Uhr fahren wir über den letzten Kreisverkehr am Uhuru-Highway und verlassen Nairobi. Wir haben noch mehr als 1,5 Stunden Fahrt in der Dunkelheit vor uns – etwas, das man nur mit viel Routine auf Kenias Straßen tun sollte. Zu viele Wahnsinnige und Betrunkene sind in der Nacht unterwegs und die Straßen halten das eine oder andere Schlagloch oder sonstige Überraschungen bereit.
Nun wird es spannend: wie viel LKW-Verkehr wird es geben? Wir haben die Information, dass die LKW erst bei Sonnenaufgang Richtung Mombasa aufbrechen. Das stellt sich als grundfalsch heraus, sie fahren die ganze Nacht. Wir befinden uns auf der Hauptverkehrsroute von Mombasa Richung Uganda und manchmal treffen wir auf ganze LKW-Kolonnen.
Das ist mühsam und stressig, denn man muss sie überholen. Viele fahren gerade mal 30 km/h – manche, weil sie nicht schneller können, andere aus welchem Grund auch immer.
Wir haben ein linksgesteuertes Auto und in Kenia ist Linksverkehr. Überholen ist – wenn überhaupt – nur mit einem entsprechend guten Beifahrer möglich, im Idealfall ist man exzellent aufeinander eingespielt.
Da Thomy und ich seit 2000 nun schon das fünfte Mal gemeinsam unterwegs sind, wissen wir wie es läuft: „Langsam raus“ heißt, dass ich etwas nach rechts fahre, so dass Thomy sieht, ob etwas entgegen kommt. „Steig drauf“ heißt: raus und Vollgas!
So kann man ganze Kolonnen überholen, aber es ist sehr sehr anstrengend und nicht ungefährlich: es kann jederzeit ein Auto aus einem Querweg kommen oder ein gerade Überholter schert aus – das Schreckensszenario ist breit gefächert.
Dazu kommt die dauernde Hoffnung, dass es irgendwann weniger LKW werden, leider bleibt sie lange Zeit unerfüllt.
Die Straße ist sehr gut und hat auf beiden Seiten eine Art Pannenstreifen, der jedoch sehr schmal ist und den man vor allem in der Dunkelheit nicht befahren sollte. Es kann jederzeit ein Radfahrer auftauchen oder ein Moped, beide natürlich unbeleuchtet. Oder ein LKW hat eine Panne oder ist aus sonst einem Grund am Rand abgestellt. Auch er unbeleuchtet. Es gibt in Kenia auch nur selten Pannendreiecke. Wer eine Panne hat, reisst ein paar Zweige vom nächsten Baum und dekoriert die Gefahrenstelle rund um das Auto. Wenn es der Fahrer schlau macht, dann legt er noch ein oder zwei Zweige hinter die nächste Kurve.
Die Mombasa-Road ist ab Nairobi eine längere Zeit ziemlich bergig und unübersichtlich. Das ist besonders in der Nacht eine Herausforderung, ich habe sie jedenfalls wesentlich gerader und lang nicht mit so viel auf und ab in Erinnerung. Damals war natürlich wesentlich weniger Verkehr, allerdings war auch die Straße in einem schlechteren Zustand.
Thomy reicht mir immer wieder mal die Wasserflasche, ansonsten machen wir längere Zeit keine Pause. Es ist eine Horrorvorstellung, dass bei einer Pause all die LKW, die wir gerade mühsam überholt haben, wieder an uns vorbei fahren.
Es sind viele LKW, eigentlich sogar sehr viele. Manchmal gibt es ein oder zwei Minuten eine leere Strecke, aber dann fährt man auf die nächste Kolonne auf. Dafür halten die Reifen und wirken sehr vertrauenserweckend. Das beruhigt uns ein wenig.
Dann dämmert es langsam, im Osten zeigt sich ein oranger Lichtschimmer und langsam wird es hell. Das verändert alles, denn jetzt sind die Autos sichtbarer und auch der Straßenrand wird besser überschaubar. So ist das Fahren ein bisschen weniger anstrengend, aber wir haben nach zwei Stunden Fahrt noch immer nicht allzu viele Kilometer zurück gelegt. Die Straße wird jetzt auch flacher, wir kommen langsam aus den Bergen in die Ebene. Leider habe ich keine Augen für die teilweise grandiose Landschaft, der Verkehr verlangt volle Konzentration.

Bild 98: Morgenröte
Irgendwann machen wir eine kurze Pinkelpause und essen zwei Bananen, doch dann treibt uns der Zeitdruck voran und wir hoffen bald die Hälfte des Weges geschafft zu haben.
Besonders gefährlich sind die Overland-Busse. Das sind riesige Fernbusse, in denen jede Menge Menschen sitzen und vorne ein irrer Fahrer. Die Fahrer von Overland-Bussen sind allesamt irre, ich darf das sagen, weil ich hatte mit ihnen zu tun, in diesem Fall 500 Kilometer lang.
Wenn sie entgegenkommen und überholen, dann bleiben sie einfach draußen. Du siehst, dass sich das nicht ausgeht und realisierst: zurück kann er nicht mehr und wenn er am Gas bleibt, geht sich das nie und nimmer aus. Keine Chance, niemals!

Bild 99: LKW überholen
Was tun? Du hast eigentlich keine Zeit um eine Entscheidung zu treffen, sondern musst einfach handeln. Das bedeutet, du musst rechtzeitig seinen Überholvorgang bemerken und sofort runter vom Gas gehen, manchmal auch bremsen. Wenn du langsam genug bist, schleichst du dich nach links runter von der Fahrbahn. Sofern dort etwas ist, wo du dich hinschleichen kannst.
Dann donnert er vorbei und du kannst deine Fahrt wieder fortsetzen. Die Fahrer wissen genau, dass sie stärker sind und können dich damit zwingen von der Straße zu weichen. Wer das mit 80 probiert, ist wahrscheinlich um ein paar Überschläge reicher.
Ich möchte nirgends auf der Welt einen Unfall haben, aber hier ganz besonders nicht. Es gibt zwar eine Ambulanz, aber ob die kommt und wann und was die dann mit dir tut oder wohin sie dich bringt, das findet man besser nicht heraus.
Somit ist vorausschauendes Fahren das Gebot der Stunde und für uns des ganzen Tages.
Dann erreichen wir den Tsavo-Nationalpark, den die Mombasa-Road in „Tsavo East“ und „Tsavo West“ teilt. Der Park ist der größte in Kenia und besteht aus einer einzigen, riesigen Ebene. Für Safari kann ich ihn nicht so wirklich empfehlen, trotzdem ist er beliebter Zielort für billige Safaris von Mombasa aus.
Hier entdecken wir auch das nächste Großprojekt. Ich weiß nicht was die Chinesen hier bauen, aber es wird gewaltig. Sie schütten Unmengen rote Erde zu einer hohen, breiten Trasse auf, die neben der Straße verläuft. Wird das ein neuer Mombasa-Highway? Die Menge des Verkehrs würde das erfordern. Auf jeden Fall wird hier eine Unmenge an Material bewegt.
Leider setzt Kenia voll auf den Autoverkehr. Die alten Bahnverbindungen wurden entweder stillgelegt oder sie werden wenig benützt. Wir sehen auf der gesamten Strecke gerade mal einen Güterzug mit Containern, der Rest fährt auf der Straße. Dass die Eisenbahnstrecke nicht elektrifiziert wurde, brauche ich nicht extra erwähnen.
Immer wieder stehen am Straßenrand Crash-Denkmäler. Das sind vollkommen zerstörte Unfallautos, die auf ein Podest gestellt werden, meist garniert mit einem Sinnspruch gegen Raserei.
Ich schätze, dass die genauso viel wirken wie die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen. Wir jedenfalls sind uns der Gefahren durchaus bewusst und fahren mit 80, maximal 90 Richtung Mombasa.
Irgendwann erreichen wir Mtito Andei, dann Voi und jetzt wird es punkto Tanken interessant. Wir dürfen maximal 25% Tankinhalt haben, wenn wir das Auto abgeben. Also gilt es die Liter zu berechnen, denn wir wollen noch genug Sprit für meinen Bruder drin lassen, vor allem, weil der hier ja deutlich billiger ist als in Europa. An jedem Stop sieht man natürlich LKW ohne Ende.

Bild 100: LKW
Die erste Tankstelle, die wir ansteuern, hat keinen Diesel. Die zweite hat zwar Diesel, aber eine lange Warteschlange. Wir stellen uns hinten an und beobachten, wie die LKW, die wir gerade mühsam überholt haben, an uns vorbei ziehen, einer nach dem anderen. Kurz bevor wir an der Reihe sind, meint der Tankwart, dass der Diesel leider aus wäre.
Glücklicherweise ist gleich daneben noch eine weitere Tankstelle und sie haben Diesel, dafür aber keine Warteschlange.
Irgendwann verändert sich die Straße und wird schlechter. Das ist jetzt die Mombasa-Road, wie ich sie von früher kenne: eng und mit Schlaglöchern.
Besonders prickelnd wird es, wenn man einen LKW überholt, der genau dann einem Schlagloch ausweicht. Da es viele LKW gibt und auch jede Menge Schlaglöcher und alle LKW allen Schlaglöchern ausweichen, fahren wir etliche Kilometer Schlangenlinie. Das ist noch anstrengender als sonst und ich merke, wie die 7 Stunden fahrt ohne nennenswerte Pause langsam an meinen Kräften zehren. Auch Thomy geht es nicht viel besser, denn er muss sich fast genauso konzentrieren. Wir merken es daran, dass wir langsam aggressiv werden und uns gegenseitig da und dort sinnlose Vorwürfe machen.
Glücklicherweise sind wir ein wirklich gut eingespieltes Team und können diese kleine Krise bewältigen.
Irgendwann wird die Ebene noch flacher und wir ahnen, dass Mombasa nicht mehr fern ist. Die Landschaft hat sich auch verändert, seit einiger Zeit sieht man die berühmten Baobab-Bäume und es wird auch ständig heißer.

Bild 101: Baobab-Bäume
Dann ist es soweit, wir merken, dass wir uns Mombasa annähern, weil der Verkehr dichter wird. Er wird sogar sehr dicht und wir fahren langsam durch die Vororte. Diese sind im Laufe der letzten zwanzig Jahre sehr gewachsen und so dauert es relativ lang.
Wir sind trotzdem guter Dinge, denn es ist erst 12.30 Uhr und wir haben noch genügend Zeit um Mombasa zu durchqueren.
Das stellt sich allerdings als gar nicht leicht heraus. Wir befinden uns in einer Art Donnerstag-Mittag-Stau und der ist nicht von schlechten Eltern: LKW, Minibusse, PKW und jede Menge Motorräder und natürlich Tuk-Tuks. Das sind die kleinen Motor-Rikschas, die aus dem asiatischen Raum kommen und ursprünglich in Italien erfunden wurden. Dort hat sie die Firma Piaggio als „Ape“ gebaut, als Lastendreirad, das auch menschliche Last befördern kann.
Hier haben sie sich auch durchgesetzt und es gibt Millionen davon. Sie haben kleine, nicht allzu abgasfreundliche Zweitakter, sind robust und mit sehr einfacher Technik ausgestattet. Die Fahrer sind so wie die meisten Taxifahrer bei uns nicht die Eigentümer der Tuk-Tuks. Sie drängen sich in jede kleinste Lücke und sind wahre Meister im Lückenfinden. Selbst wenn es beim besten Willen keine Lücke mehr gibt, ist noch Platz für ein Tuk-Tuk. Oder auch zwei. Bei drei ist dann allerdings wirklich Schluss, vor allem, nachdem sich das vierte und fünfte hineingedrängt hat.
Wir bewahren die Nerven, unser Toyota hat vorne einen Rammschutz, der auch von Tuk-Tuk-Fahrern problemlos respektiert wird.

Bild 102: Stau in Mombasa
Nach langer Zeit im heißen Auto kommen wir bei einem Gebäude an, das uns als Treffpunkt von Frank genannt wurde. Leider kann man davor nicht anhalten und schon gar nicht parken, daher fahren wir einmal rundherum bis an die Rückseite des Hauses. Dort befindet sich eine kleine Straße, in der wir provisorisch parken können. Das ist zwar sicher nicht erlaubt, aber wir sind müde, erschöpft, durstig und verschwitzt. Wir bleiben hier jetzt einfach stehen. Sie können uns ja wegtragen, wenn sie wollen.
Es kommt aber niemand und die Wächter des Parkhauses daneben meinen nur, wir sollten zwei Meter weiter nach vorne fahren, dann kämen alle Parkenden vorbei und niemand hätte ein Problem damit.
Ich rufe Frank an und er meint, er wäre in zwanzig Minuten da. Ich rechne daher nicht vor einer halben Stunde mit ihm, eher in 45 Minuten.
Es ist heiß und wir finden glücklicherweise heraus, dass doch noch etwas Wasser im Tank ist. Einmal Banane essen und Hände waschen löst durchaus Entzücken aus. Noch viel schöner wäre es allerdings, wenn uns Frank nicht warten ließe, inzwischen ist eine knappe Stunde vergangen und ich frage mich, warum wir wie die Verrückten LKW überholt haben, wenn wir jetzt in einer staubigen, heißen Nebengasse auf Frank warten müssen.
Ich rufe ihn an und er meint, er wäre gleich da und wo wir denn seien.
Na, auf der Rückseite des ausgemachten Hauses, exakt auf der Rückseite, nicht zu verfehlen. Was soll die Frage?
Frank meint, dass alles klar wäre und ich ihm noch die Autonummer sagen solle, damit er anhand des Autos uns finden könne.
Ich denke mir, dass ich es mit einem Irren zu tun habe. Was ist an „Backside“ nicht verständlich? Der Idiot wird wohl in der Lage sein die Rückseite eines ihm gut bekannten Hauses zu finden. „Backside, do you know what a backside is?“ frage ich ihn und er bejaht.
Dann fragt er noch einmal nach der Autonummer und ich beschließe, ihn langsam zu meucheln, vorausgesetzt er kommt auf die Backside.
Frank dürfte ein gutes Gespür haben und beschließt sich dumm zu stellen. Ich schicke Thomy aus um ihn zu suchen, was vor allem deswegen schwierig ist, weil wir ja keine Ahnung haben wie der Typ aussieht. Okay, er dürfte Afrikaner sein, aber das reicht hier als Erkennungsmerkmal nicht wirklich aus.
Ich rufe ihn noch einmal an und frage ihn, wo er denn sei, denn wir würden bei ihm vorbei kommen, egal wo er ist, das wäre einfacher.
Er meint, dass er fast bei uns wäre, es könne sich nur mehr um Augenblicke handeln. Ich glaube ihm kein Wort und bestehe darauf, dass er mir verrät, wo er sich aufhält. Hätte ich jetzt eine Cruise Missile und seinen Standort, er wäre geliefert.
Leider habe ich weder das eine noch das andere und so überlebt Frank diesen Tag. Irgendwann reiche ich entnervt dem netten Parkwächter das Handy und er verspricht, dem wahnsinnigen Frank zu erklären, wo wir denn seien.
Das funktioniert tatsächlich und Frank taucht auf. Ich bin glücklich und beschließe, ihn ein anderes Mal zu lynchen.
Sein Office ist nur wenige Schritte entfernt, wir fahren trotzdem mit dem Auto hin und parken uns auf der Straße ein.
„Hatschieh“ ist der übliche Gruß in Häusern mit Klimaanlage. Wir betreten genau so ein Haus und werden auf der Stelle schockgefroren. Ich halte so etwas nicht sehr gut aus und hasse daher Klimaanlagen. Draußen hat es 36 Grad, herinnen 16 – das ist nicht lustig.
Wir werden seinem Chef vorgestellt und ich hoffe, dass jetzt alles gut und reibungslos verläuft. Wir überreichen das Carnet und er macht ein paar Telefonate.
Dann erfahren wir, dass alles soweit okay sei und wir nun bestimmte Kosten begleichen müssten. Das ist okay, denn darauf hat mich mein Bruder vorbereitet. Frank meint, dass wir das Auto dann in zwei Tagen abliefern sollten.
Moment, Halt, Stop: es war ausgemacht, dass wir das Auto heute abliefern. Erstens wollen wir nicht mehr damit herumfahren, zweitens sind wir wie zwei Wahnsinnige gerade acht Stunden über eine der gefährlichsten Straßen der Welt gefahren, nur um hier zu erfahren, dass wir erst in zwei Tagen da sein müssten?
Ich beschließe, meine Mordpläne wieder auszupacken. Frank beruhigt und meint, ihnen wäre es nur um das Original des Carnets gegangen, das Auto wäre sozusagen egal.
Frank hat Glück an diesem Tag, großes Glück sogar. Ob er das weiß?
Wir erklären ihm unmissverständlich, dass wir genau original keinen Meter mehr mit dem Toyota fahren würden. Das überzeugt ihn und er meint, wir müssten dann nur drei Tage Parkgebühr zahlen, das wären 1.050 Khs, also umgerechnet zehn Euro.
Außerdem würde er uns gerne das Carnet zukommen lassen und zwar durch einen Boten. Das wäre deswegen möglich, weil der Zoll das Carnet nicht mehr brauchen würde, nämlich ab Morgen Nachmittag.
Wir vereinbaren, dass er es gleich direkt an meinen Bruder in Österreich schickt, was noch einmal 50 Dollar kostet.
Dann passiert das Unerwartete: Frank meint, wir wären fertig. Wir müssten nur noch die persönlichen Sachen aus dem Auto holen und dann würde er uns helfen ein Taxi zu finden, das uns nach Kilifi führt.
Ich hatte schon mehrfach mit Johanna telefoniert, sie erwartet uns schon und hat uns außerdem verraten, dass wir ins „Bofa Beach Resort“ gehen sollten, das würde sie kennen und es wäre sehr nett.
Wir holen unsere Taschen aus dem Toyota und ich schenke einem der Parkwächter meine Schuhe. Vielleicht passt er ja dann besser auf das Auto auf, einen Versuch ist es wert.
Frank organisiert uns ein Tuk-Tuk, mit dem wir zum Taxi fahren können. Es gibt zwei verschiedene Größen von Tuk-Tuks und wir brauchen ein größeres, das auch nach kurzer Zeit verfügbar ist.
Die Tuk-Tuks bestehen eigentlich nur aus lackierten Rohren mit einem Motor und glücklicherweise einer Plane, die vor der Sonne schützt. Sie sind billig, aber einen Unfall darf man damit auf keinen Fall haben.
Wir erreichen die Taxi-Firma und erklären, dass wir nach Kilifi wollen. Ich habe von Johanna in weiser Voraussicht den üblichen Fahrpreis erfragt und kann daher verhandeln, denn sie wollen 7.000 KHS bis nach Kilifi und ich weiß, dass wir maximal 5.000 zahlen müssen. Einige Leute stecken einige Zeit die Köpfe zusammen und raunen Dinge, die ich nicht wissen will. Dann kostet es auf einmal 5.000 Khs und wir marschieren los zum Auto.
Der Fahrer heißt „Amos“ und hat die üppigste Unterlippe, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Er hat außerdem eine sehr tiefe Stimme und spricht langsam und nicht sehr laut. Aber er ist ein guter Fahrer und wir genießen es sehr, nicht selbst fahren zu müssen.
Natürlich ist auch jetzt sehr viel Verkehr und Amos kämpft sich durch.
Mombasa hört im Norden an der Küste nicht einfach auf, sondern es setzt sich in kleinen, aneinander gereihten Orten fort. Es gibt nur eine Küstenstraße und sie ist überlastet. Wir fahren an den ersten Hotels vorbei, die irgendwie alle den Namen „Beach“ haben. Wir müssen aber noch weit in den Norden, ca. 80 Kilometer. Amos fährt bedächtig und wir haben es nicht sehr eilig. Ich war noch nie hier an der Nordküste von Mombasa und sauge die Eindrücke auf.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt kommen wir in Kilifi an. Rechts an der Küstenstraße entlang, gleich müssten wir da sein.
Dann biegen wir links ab und Thomy ist enttäuscht, denn er hat sich ein Hotel direkt am Strand erwartet, mit weißem Sandstrand, Palmen und jeder Menge Gin Tonics, die ihm an den Liegestuhl serviert werden.
Das Bofa Beach Resort liegt auf der anderen Seite der Straße und hat nur ein kleines Swimmingpool. Die Anlage ist nett, aber unspektakulär und die Dame, die uns empfangt, ist nicht allzu motiviert.
Wir bekommen ein Zelt und bemerken, dass wir die einzigen Gäste sein dürften. Ich bin fix und foxi und falle erst mal ins Bett, um ein wenig auszuruhen.
Unser Quartier besteht aus einem riesigen Zelt mit zwei großen Betten, von denen das eine leider viel zu kurz ist und selbst mit Querliegen eigentlich nicht bequem. Es gibt gute Moskitonetze und die Duschen sind auch in Ordnung.
Thomy sucht den Strand und findet ihn nicht. Das hat einerseits damit zu tun, dass es hier keinen breiten, klassischen Strand gibt und zweitens damit, dass gerade Flut ist.
Das frustriert ihn über die Maßen und er meint, wir sollten hier schnellstens wieder abhauen. Ich beschwichtige und meine, dass wir heute genau überhaupt nirgends mehr hinfahren würden und morgen könnten wir das dann diskutieren.
Heute brauchen wir noch ein gutes Essen und ein gutes Bett.
Während ich Johanna anrufe, organisiert Thomy sich ein Gin Tonic. Also er versucht es, leider haben sie an der Bar zwar Gin, aber kein Tonic. Daher kauft er eine kleine Flasche Gin in der Hoffnung, dass wir irgendwo noch Tonic auftreiben würden.
Wir fahren zu Johanna ins Pub. Das liegt in Tuk-Tuk-Reichweite und ist irgendwie ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Es liegt nämlich nicht am Strand, sondern ein paar hundert Meter im Hinterland. Nach einer eher abenteuerlichen Fahrt quer um etliche Häuser auf Wegen, die in der Regenzeit eher nicht befahrbar wären, erreichen wir das „Danube Pub“, fühlen uns allerdings nicht wie an der Donau.
Johanna ist sehr nett und freut sich riesig über Besuch aus Österreich. Ich habe eine Kiste mit hausgemachten Marmeladen quer durch Afrika transportiert und kann diese jetzt los werden.
Das Pub ist geschmackvoll eingerichtet und wir bestellen Oktopus und Curry. Als das Essen kommt, sind wir mehr als nur positiv überrascht. Wir bekommen so ziemlich das beste Essen, das ich in Afrika je gegessen habe. Die Portionen sind riesig und die Beilagen exzellent. Wir können alles mit einem guten, kalten Tusker runterspülen und unseren Bärenhunger befriedigen.
Dann sitzen wir satt im Pub und tauschen Geschichten mit Johanna und ihrem afrikanischen Mann Evan aus. Er hat das Pub selbst gebaut, vor allem hat er den tiefen Brunnen geschlagen, den alle anderen rundherum nicht haben. Das führt leider zu Neid bei den Nachbarn, denn sie hätten alle gerne so einen Brunnen, der Zugang zu frischem Wasser ermöglicht.
Dieses fließt in Form eines kleinen Baches rund um das Lokal und ist viel weniger kitschig als man es sich genau jetzt vorstellt.
Wir plaudern bis lange in die Nacht hinein und nehmen uns dann ein Tuk-Tuk zu unserem Quartier.
Der bisher längste und anstrengendste Tag neigt sich dem Ende zu.
Kenia von Nord bis Süd – Tag 5: Marsabit
Die Nacht war ausgesprochen windig – man hatte es uns schon gesagt, aber jeden Abend frischt es hier ordentlich auf, wenngleich die Nächte nicht so kühl sind wie am Mount Kenya. Einerseits befindet man sich hier schon in der Halbwüste, andererseits doch in einer gewissen Höhe (1.700 m) und der Wind bläst meist von Osten und über die Vulkankegel des Mount Marsabit. Dort befindet sich ein Nebelwald und der schafft ein Kleinklima, von dem die ganze Gegend lebt.
Tau gab es hier keinen und die Nacht war sehr angenehm.
Heute war Nationalpark angesagt. In der Diskussion kamen Thomy und ich zu der Erkenntnis, dass wohl ein Tag genügen würde. Aber wenn es schön ist, bleiben wir halt zwei.
Der Weg zum Nationalparkeingang war nicht schwer zu finden und so marschiere ich frohen Mutes in das Büro, um Tickets zu kaufen. Glücklicherweise hat das Kenya Wildlife Service seine vor ein paar Jahren ersonnene Blödheit (Eintritt in die Parks nur mit einer speziellen Karte, die man nur in Nairobi bekommt) wieder aufgegeben und außerdem sind wir hier so weit weg von der Hauptstadt, dass sowieso alles anders läuft.
Zu meinem Erstaunen geht das hier extrem einfach und entspannt: Zwei Tickets zahlen (sehr günstig mit je 25 Dollar – okay, der Park ist klein, aber immerhin) plus die Fee für den Toyota plus eine Karte vom Park und schon kann es los gehen.

Bild 26: Nationalparkeingang in Marsabit
Nein, doch nicht. Der Game Ranger kramt in einer Lade und zieht ein schwarzes Plastiksackerl heraus. Darin wären, so meint er, ein paar frisch aufgeladene Handys und ob wir die nicht seinen Kollegen im Park mitnehmen könnten. Die würden beim Lake Paradise auf uns warten. Und nein, wir müssten nicht genau wissen wo, denn sie würden uns finden.
Gut, warum nicht? Wir schnappen das Sackerl und fahren los.
Der Weg ist in gutem Zustand und wir kommen sofort in dichten Bergwald. Würzige Luft, tolle Bäume, aber hier würden wir wohl keine Tiere zu Gesicht bekommen. Außerdem war es inzwischen 10.30 Uhr und die Mittagshitze beginnt sich schon bemerkbar zu machen.
Nach kurzer Fahrt erreichen wir einen Krater mit See und sehen gegenüber eine Lodge.

Bild 27: See im Krater mit Lodge
Nun muss man wissen, dass der Park klein ist und es daher nur eine einzige Lodge gibt.
Wir besuchen sie und sehen uns an, wie das dort so abläuft. Gäste dürften keine da sein, aber man erwarte welche, morgen oder in ein paar Tagen.

Bild 28: See
Das ist das Problem von Marsabit, aber auch von den anderen Parks: Es gibt zu wenige Touristen. Die Parks kosten viel Geld und stehen unter gewaltigem Druck, denn sie müssen sich gegen die wachsende Bevölkerung rundherum wehren. Das betrifft alle Reservate in Kenia und in ganz Ostafrika generell.
Je mehr Menschen, desto mehr Ressourcen werden gebraucht: Essen und Feuerholz, d.h. Land um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Das beste Land gibt es in den Nationalparks und die Menschen rundherum verstehen nicht, warum sie diese nicht abholzen dürfen. Sie könnten das Holz gut gebrauchen und wer heute hungrig ist, der denkt nicht an morgen. Das Problem verschärft sich noch, wenn zu wenige Touristen kommen. Die Bevölkerung rund um einen Park profitiert nämlich von diesem, etwa durch Beteiligung an den Einnahmen oder dadurch, dass einige Leute aus den Dörfern rundherum im Park Arbeit finden.
Wenn zu wenig Touristen da sind, funktioniert das nicht. Und die Bevölkerung sieht noch viel weniger ein, warum man einen leeren Park nicht in Ackerland verwandeln und den Wald verbrennen kann.
Gerade Marsabit steht unter Druck, denn in den letzten Jahrzehnten ist der Ort neben dem Park massiv gewachsen und die Felder wandern immer näher und näher zum Wald.
Das konnten wir auch beobachten, denn unsere Fahrt führte uns auf der Hauptroute eine Runde um den Park. Im Süden und Südosten werden die Berghänge flacher und trockener, es gibt eigentlich keine echte Parkgrenze und so treiben die Hirten ihre Herden in den Wald. Der südliche Teil des Parks ist eigentlich schon Kulturland und die im Park lebenden Tiere können dort nicht mehr hinaus. Sie sind inzwischen mehr oder weniger eingesperrt, was natürlich für den Park nicht gut ist.
Wie soll man das Problem lösen? Irgendwann ist der Park so klein, dass sich die Artenvielfalt und der Tierbestand generell nicht mehr aufrecht erhalten lässt. Dann ist es nur mehr ein kleiner Schritt zur Aufgabe und kompletten Abholzung des Waldes. An seiner Erhaltung sind die dort lebenden Menschen bis auf wenige Ausnahmen nicht interessiert.

Bild 29: Mittagsrast am Lake Paradise
Am Lake Paradise machen wir Mittagspause und so eine Art Mini-Picknick. Wir wissen nicht genau, ob Aussteigen hier erlaubt ist, aber die Game Ranger dürften schon am Weg in ihre Unterkünfte sein, gemeinsam mit ihren frisch geladenen Handys, die wir ihnen am Aussichtspunkt hoch über dem See gegeben haben.

Bild 30: Lake Paradise, Blick von der Klippe hinunter
Tiere lassen sich keine blicken und Thomy ist ein wenig enttäuscht. Außer viel Gegend gibt es nicht viel zu sehen und wir fahren weiter.
Der südliche Weg ist nur für Geländeautos befahrbar, zweimal müssen wir mit der Untersetzung über Felsen klettern, der Rest der Straße ist aber gut und bequem befahrbar.
Rund um den Park ist alles Farmland.

Bild 31: Farmland
An einer Kreuzung bleiben wir stehen um nach dem Weg zu fragen. Ein Mann fragt uns, ob er mitfahren darf. Thomy ist nicht begeistert, aber wir nehmen ihn mit, da wir sowieso schon am Rückweg sind.
Im Ort lassen wir ihn aussteigen und entdecken, dass wir an keinem Gate vorbei gekommen sind. Theoretisch könnte man den Park auch besichtigen ohne durch ein Gate zu fahren – allerdings dürfen sie einen dann im Park nicht ohne Tickets erwischen und außerdem muss man den Trick erst einmal wissen.
Uns ist es aber nicht leid um die 25 Dollar, denn wir haben damit zur Erhaltung des Parks beigetragen.
Wir kaufen noch ein paar Paradeiser und haben im Ort endlich wieder Internet-Empfang. Ein zweiter Krater im Norden von Marsabit am Weg nach Moyale erweist sich als öd und wir fahren zu Henrys Camp zurück.

Bild 32: noch ein Krater
Eines ist klar: mehr als einen Tag braucht man hier nicht wirklich bleiben und wir werden morgen wieder fahren.
Wie wird das sein, wenn der Afrika-Highway fertig ist? Dann kann man Marsabit von Isiolo aus in 2,5 Stunden erreichen. Werden dann mehr Touristen kommen?
Wir verbringen den zweiten Abend geruhsam und ohne die Kanadier, die heute schon Richtung Süden aufgebrochen sind. Henry haben wir nicht zu Gesicht bekommen.
Marsabit war aus meiner Sicht einen Besuch wert – nur Tiere darf man sich hier nicht viele erwarten. Aber die werden wir woanders noch zu sehen bekommen.
Am Rückweg kommen wir noch an einer Kreuzung vorbei, die für Kenia-Reisende mit Hang zum Abenteuer eine Tafel mit besonderem Inhalt bereit hält: North Horr! Das ist von hier „nur 190 Kilometer, allerdings absolute Rough Road. Da braucht man schon einen Tag, wenn man Glück hat. Wer weiß, ob ich dort irgendwann hin komme?

Bild 33: Schild nach North Horr
Kenia von Nord bis Süd – Tag 4: Die Fahrt zum Marsabit
TAG 4 – DIE FAHRT ZUM MARSABIT
Ein strahlender Morgen empfängt uns nach einer klaren, kalten Nacht. Wir befinden uns immerhin auf 2.000 Metern Seehöhe und in der Nacht bläst ein kühler Wind vom Berg. Der afrikanische Sternenhimmel ist hier so hell, dass man in der Nacht ohne Lampe auf´s Klo gehen kann, bei Mondlicht kann man ein Buch lesen. Noch extremer ist es nur weiter oben am Berg oder im nördlichen Drittel Kenias, weil dort sowohl Licht- wie auch Luftverschmutzung gering bis nicht vorhanden sind.
Nach einem kurzen Frühstück marschieren wir hinauf zum Bauernhaus. Dort – es ist 8 Uhr – versammeln sich schon die ersten Führer und Träger, alle in freudiger Erwartung der Spenden.
Ich habe ein wenig Sorge: werden sie sich wie wild auf die Sachen stürzen oder wird es geordnet zugehen? Ich vertraue Judy, dass sie das alles managen wird.
Ca. um halb neun sind etwa 25 Personen versammelt und ich bin mir nicht sicher, ob alle davon mit dem Berg zu tun haben. Nachdem ich aber auch hier letzte Nacht erleben konnte wie kalt es sein kann, sind die warmen Sachen – vor allem Jacken und Pullover – auf jeden Fall bei diesen Leuten besser aufgehoben als in irgendwelchen Kellern in Österreich.
Meine Befürchtungen erweisen sich als grundlos, alles läuft sehr gesittet ab: man probiert, tauscht, reicht herum und freut sich. Alle bekommen etwas und es gibt keinen einzigen Streit. Selbst als später noch eine Handvoll Leute daher kommen, ist auch für sie noch etwas da.

Bild 14: Verteilung der Kleidung
Nach ca. einer halben Stunde haben alle mindestens ein nettes Stück und wir machen Gruppenfotos mit den Trägern, den Führern und Köchen. Die meisten sind Männer, aber es gibt zunehmend auch Frauen, die diesen gar nicht leichten Job ausüben. Wahrscheinlich wird es nicht das letzte Mal sein, dass wir dort hinauf fahren, denn es gibt in Österreich noch jede Menge warme Kleidung, die nutzlos irgendwo herumliegt, weil sich ihre Besitzer längst das nächste oder übernächste Stück gekauft haben.
Hier sind sie glücklich über jedes einzelne Stück, egal was sie bekommen können. Ganz besonders froh sind sie über die vielen Polizei-Uniformen, die mein Bruder bei seinen Kollegen eingesammelt hat. Sie sind meist von exzellenter Qualität und immer in einem sehr guten Zustand, weil oft wenig getragen.

Bild 15: Polizeipullover, gut passend
Der Abschied fällt nicht leicht, aber ich dränge ein wenig zur Abfahrt. Vor allem die kleine Heather heult Rotz und Wasser und will uns nicht gehen lassen. Sie und noch zwei Buben dürfen eine Runde mit dem Toyota mitfahren, das lindert den Schmerz ein wenig.
Dann sind wir wieder auf der Straße und fahren Richtung Nanyuki. Der Mount Kenia ist komplett frei von Wolken und schenkt uns so zum Abschied ebenfalls einen netten Gruß.
Wir umrunden ihn und sehen die zahlreichen Blumenfarmen, die hier in den letzten Jahren gebaut wurden. Von ihnen stammen die Rosen und Tulpen, die wir im Holland-Blumenmarkt und in anderen, ähnlichen Märkten um wenig Geld kaufen. Sie sind deswegen so billig, weil sie hier in Kenia (und auch in Tanzania) sehr günstig wachsen können. Erstens bekommen die Arbeiter wenig Lohn und zweitens sind die Besitzer meist sehr reiche Geschäftsleute, oft Politiker, die sehr gute Verbindungen zur lokalen Distriktverwaltung haben. So können sie das Wasser vom Mount Kenia in riesige Auffangbecken leiten, die der Bewässerung der Gewächshäuser dienen. Die Leidtragenden sind die Farmen der kleinen Bauern, die jetzt weniger oder gar kein Wasser mehr bekommen. Sie müssen meist ihre Farmen aufgeben und dann werden diese zusammen gelegt und ein reicher Großbauer besitzt wieder eine riesige Farm mehr.

Bild 16: Rosenfarm, davor Ackerland
Rund um den Mount Kenia wird auch viel Getreide angebaut, die Felder sind riesig und das Korn steht hoch, als wir daran vorbei fahren. Der Anblick wirkt seltsam: Weizenfelder rund um kleine, grüne Vulkankrater. Vor ein paar Jahren war hier noch Wildnis.
Leider gibt es noch weitere Nachteile durch die riesigen Farmen: nordwestlich des Mount Kenya liegt das Laikipia-Plateau, eine wildreiche Hochebene, in der sich zahlreiche private Naturreservate befinden. Sie haben sich zusammengeschlossen, um den Tieren große Korridore für ihre Wanderungen zu bieten. Ihre Gegenspieler sind die mächtigen Farmer, die meist auch lokale Politgrößen sind und versuchen, die meist weißen Betreiber der Wildparks zum Aufgeben zu zwingen. Dieser Kampf dauert an und ich kann noch nicht sagen, wer ihn gewinnen wird: Profitgier oder Naturschutz?

Bild 17: Der Mount Kenia in voller Pracht.
Wir fahren weiter und erreichen Isiolo. Jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir – wir ursprünglich geplant – in den Samburu Nationalpark fahren oder die wesentlich weitere Strecke nach Marsabit.
Ich rufe Henry an und erreiche eine junge Dame, die mir ausrichtet, dass Henry nicht da wäre und auch heute eher nicht erreichbar sei. Auf meine Frage betont sie jedoch, dass der Weg sicher wäre und dass es auch in Marsabit keine Security-Probleme gäbe.
Ich bin beruhigt und auch Thomy willigt ein dort hinauf zu fahren.
In Isiolo tanken wir voll und es zeigt sich, dass der Diesel nur etwa 76 Cent kostet. Das macht lange Etappen durchaus günstiger als geplant.
Jetzt geht es Richtung Norden und ein Hinweisschild verkündet, dass es 277 km bis Marsabit sind und ca. 500 bis Moyale an die äthiopische Grenze. In ein paar Jahren wird diese Strecke wahrscheinlich fertig asphaltiert sein und dann geht der Transafrica-Highway von Kapstadt bis Kairo.
Noch ist es aber nicht so weit und wir fahren sowieso „nur“ bis Marsabit. Ich bin schon sehr gespannt wie viele Kilometer es tatsächlich sind und wie viel davon „Tamark“ und nicht „Maram“ (Asphalt oder Schotter).
Die Landschaft ist bizarr, wilde Felsformationen stehen in einer weiten Ebene, die Straße führt mittendurch Richtung Nord-Nordost.

Bild 18: Felsformationen
Und sie ist unglaublich gut, wahrscheinlich die beste Straße, die ich in Afrika je gefahren bin. Das liegt daran, dass sie brandneu ist und ich bin gespannt, wie lange sie halten wird.

Bild 19: exzellente Straße Richtung Marsabit
Bisher war es so, dass die kenianischen Straßen ein paar Jahre gehalten haben, dann bekamen sie Schlaglöcher, die anfangs noch repariert werden, später dann nicht mehr. In Folge werden die Schlaglöcher immer größer, verbinden sich zu Schlaglochreihen und die Fahrer weichen an den Rand der Straße aus. Dadurch wird auch der Rand kaputt, bröckelt ab und die Straße wird immer schwerer befahrbar. Nach einiger Zeit besteht die Straße nur mehr aus unzusammmenhängenden Asphaltstücken, durchsetzt mit riesigen „Pot-Holes“. Das ist dann mühsamer zu fahren als eine einigermaßen gute Schotterpiste. Wenn dann noch ein paar Jahre vergehen, verschwinden die letzten Asphaltreste und es entsteht eine meist unglaublich schlechte Piste mit vielen Wannen und Löchern, die sich in der Regenzeit in eine Schlammgrube verwandelt und manchmal gar nicht mehr befahrbar ist.
Irgendwann wird sie dann wieder eingeebnet, es kommt Schotter drauf und manchmal wird sie asphaltiert. Dann beginnt das Spiel von vorne.
Das Problem ist einerseits die mangelnde Instandhaltung, andererseits die von Anfang an schlechte Bauweise. In Afrika kosten Straßenkilometer nur einen Bruchteil von dem, was sie in Europa kosten. Das liegt daran, dass sie oft durch lange Ebenen führen und keine besonderen Bauwerke notwendig sind. In der Regenzeit fließen aber überall ganz plötzlich wilde Flussläufe, die alles mitreißen, was ihnen im Weg ist. Sie unterspülen die Straßen und dann entstehen Schlaglöcher. Außerdem gibt die enorme Kraft der Sonne dem Asphalt irgendwann den Rest und das begünstigt ebenfalls die Entstehung von Schlaglöchern.
Seit die Chinesen die Straßen bauen, funktioniert es viel schneller als je zuvor. Man sagt allerdings, dass die chinesischen Straßen nicht lange halten. Sie werden von den Chinesen ja nicht aus Nächstenliebe gebaut, sondern um Geschäfte zu machen, sprich: um den Weg zu wertvollen Rohstofflagerstätten befahrbar zu machen. Dann holen sich die Chinesen die Rohstoffe und wenn sie gar sind, braucht auch die Straße nicht länger zu existieren.
Das machen sie recht schlau, aber die Straße nach Marsabit könnte etwas anders sein. Sie dürfte mit viel Sorgfalt gebaut werden, denn es gibt an allen wichtigen Stellen Brücken, unter denen die Flussläufe durchfließen können. Die Ränder der Straße sind gut aufgebaut und haben so etwas wie einen Pannenstreifen, der ebenfalls asphaltiert ist und die eigentliche Fahrbahn schützt. Außerdem ist die Straße überall gut drainagiert und könnte einem Regen durchaus standhalten. Ich bin gespannt, der Aufwand ist jedenfalls enorm. Und bezahlt wird das Ganze von der EU – gebaut aber von den Chinesen und den Türken.

Bild 20: bezahlt von der EU
Es gibt in Ostafrika ein Phänomen, das für mich seit fast dreißig Jahren ungeklärt ist. Du fährst auf einer Straße durch eine absolut menschenleere Gegend, meist Dornstrauchsavanne. Viele Kilometer lang gibt es kein Dorf, nicht einmal eine Hütte irgendwo. Dann bleibst du am Straßenrand stehen, etwa um eine kurze Pause zu machen oder auch nur um zu pinkeln, und plötzlich sind Leute da. Sie tauchen hinter einem Busch auf, kommen dahergelaufen, sind einfach da. Als würden sie aus dem Boden entstehen, der Erde entwachsen, sich einfach materialisieren, wo vorher nichts und niemand war.
Ich weiß nicht wie sie das machen, aber es funktioniert immer und überall. Auch diesmal war es wieder so, meist sind es junge Burschen und meist wollen sie etwas. Hier auf der Straße zum Marsabit wollen sie Wasser und zeigen das ganz deutlich. Wenn man wegfährt, sind sie meist enttäuscht, einer schmiss uns einen Stein nach.
Ich weiß nicht, warum das so ist. Auf jeden Fall wissen sie sofort, dass es sich bei uns um Touristen handelt – das schon beschriebene Hochdach tut sein übriges. Und sie wissen, dass Touristen immer Wasser dabei haben. Also muss man ihnen entweder Wasser geben oder schnell abhauen.

Bild 21: Kamele unter einer Akazie mit Webervögelnestern
Meine Vermutung, dass die Kilometerangabe typisch afrikanisch nichts wert ist, bestätigt sich bei Kilometer 192. Bisher waren alle paar Kilometer Schilder am Straßenrand, die – ähnlich wie bei uns auf Autobahnen – anzeigen, wie viele Kilometer es noch bis Marsabit sind. Bei 193 folgte dann aber nicht etwa 192, sondern 152. Vierzig Kilometer hatten sich in Luft aufgelöst, oder auch nicht. Trauen kann man nur dem eigenen Kilometerzähler im Auto und der sagt einem erst am Ziel wie weit es wirklich war bzw. ist.

Bild 22: Kilometerangaben sind relativ
Ich darf das Geheimnis hier lüften: Es sind von Isiolo bis Marsabit genau 235 Kilometer. Das ist eine machbare Distanz, wenngleich der Asphalt nicht, wie von Chris behauptet, „fast bis Marsabit“ geht, sondern ca. 100 km davor aufhört. Dann folgt eine durchaus gute Schotterpiste, die neben der neuen Trasse verläuft. Am Fertigausbau der Straße wird eifrig gearbeitet und man kann auf dieser Strecke sehr schön beobachten, wie die Straße gebaut wird, denn man sieht alle Bauabschnitte, von der Trassenbaggerung bis zur fertigen Straße, auf der nur mehr die Bodenmarkierungen fehlen.

Bild 23: Die neue Straße ist mit Plastikfolie abgedeckt – wozu auch immer.
Es werden unglaubliche Mengen Material bewegt und man hat ca. 30 km vor Marsabit ein eigenes Zementwerk gebaut.
Der Asphalt hört vor dem Ort Merille auf, ab da geht es als Schotterpiste weiter, allerdings gibt es dazwischen, in der letzten großen Ebene, bevor es hinauf in die Vulkanberge geht, noch einmal zwanzig fertige Asphaltkilometer. Das härteste Stück, nämlich durch die Berge, folgt erst später.
Lustigerweise geht ab Marsabit noch ein Stück Asphalt in Richtung Norden, wir wissen allerdings nicht, wie weit – angeblich nur ein paar Kilometer. Dann gibt es Schotterpiste bis Moyale.
Das Problem bei der Schotterpiste ist das Wellblech. Ich weiß nicht genau, wie es entsteht, aber es schüttelt dich gnadenlos durch. Unser Auto war leicht und hatte harte Reifen, aufgepumpt auf 4 bar.

Bild 24: Wellblechpiste
Das bedeutet, man braucht eine gewisse Mindestgeschwindigkeit, um über das Wellblech drüber zu kommen, nämlich ca. 70 km/h. Darunter ist es unfahrbar und ab 80 fängt das Auto so zu schwimmen an, dass es lebensgefährlich wird. Das liegt an den Reifen und ließ sich in unserem Fall nicht ändern.
Ansonsten ist der Toyota das perfekte Auto für Afrika und nicht umsonst eines der meist verwendeten. Eigentlich halten nur zwei Autos dort durch: der Land Rover Defender, der jetzt 2015 ausläuft, und der Toyota Landcruiser Serie 7, der zwar nach wie vor gebaut wird, aber leider inzwischen in mieser Qualität.
Wirklich geeignet sind letztlich nur Autos mit Starrachsen, Blattfedern und einem Leiterrahmen. Alles andere fährt sich zwar komfortabel, wird aber ziemlich bald kaputt.
Wir hatten also das richtige Auto und verfahren konnte man sich auch nicht. Also erreichten wir nach ein paar Stunden Fahrt Marsabit (nur die letzten 40 km sind ein wenig mühsam zu fahren) und fanden auch Henrys Camp. Henry war tatsächlich nicht da, aber eine hübsche junge Mulattin namens Elisabeth begrüßte uns. Sie stellte sich als die nette Stimme am Telefon heraus und außerdem als Henrys Tochter. Das Camp lag zwar unter Akazien, die nicht wirklich viel Schatten spendeten, war aber sonst tadellos: es gibt ausgezeichnete Duschen mit einem echten Wasserstrahl (im Gegensatz zum üblichen Tröpferlbad) und tief in die Börse greifen muss man auch nicht: 3 Euro pro Person pro Nacht ist eine faire Ansage.
Allerdings stellte sich heraus, dass es außer uns nur zwei weitere Gäste gab: Brandon und Lauren, eine junges Pärchen aus Kanada, das von Kairo nach Kapstadt fuhr. Sie hatten sich in London einen Land Rover Discovery 1. Serie gekauft und von einem älteren Ehepaar ein Dachzelt bekommen, das diese nach ihrer langen Afrikareise nicht mehr brauchten. Ich war durchaus überrascht, dass der Discovery diese lange Fahrt problemlos durchgehalten hatte, aber so war es.
Sie kamen direkt aus Äthiopien und waren wesentlich schlechtere Straßen gefahren als wir. Am Abend spendierten wir ihnen ein eiskaltes Bier und mussten leider feststellen, dass der Kühlschrank zu stark aufgedreht war. Viel Sonne den ganzen Tag, dazu die kräftige Lichtmaschine – ein Bier war gefroren und aufgeplatzt, dazu etwa die Hälfte unserer zwei Dutzend Eier. Alles nicht weiter tragisch, so würden wir in den kommenden Tagen halt mehr Eier als geplant essen.
Die Tropfen an der Vorderachse des Toyota konnte ich als Differenzialöl identifizieren, das aus einem Überlaufschlauch ausgetreten war – kein Grund zur Besorgnis. Sonst war der Toyota sehr gut in Schuss.
Am Abend saßen wir an einem kleinen Feuer und tauschten Geschichten aus. Wir erfuhren von Brandon und Laura einiges über die Straßen in Äthiopien und sie bekamen von uns viele Tipps für Kenia.

Bild 25: Zubereitung des Abendessens
Das mag ich an diesen Reisen: man trifft fast immer spannende Menschen und kann sich gegenseitig helfen. So profitieren alle vom Wissen der anderen. Was für ein Unterschied zu den vollklimatisierten Hotels, in denen man meist Landsleute am üppigen Buffet trifft. Ob man gerade in Afrika, Dubai oder San José ist, lässt sich maximal an der Hautfarbe des Personals erkennen und oft nicht einmal daran.
Hier plauderten wir unter dem Sternenhimmel von Marsabit, im Hintergrund bizarre Vulkankegel und hin und wieder heulte eine Hyäne.
Wieder ging ein anstrengender Tag zu Ende, aber wir hatten es hierher geschafft und ich hatte mir einen Traum erfüllt, der vor zwanzig Jahren entstanden war.
Kenia von Nord nach Süd – Tag 3: Die Fahrt zum Mount Kenya
Wir haben nur ein ganz kleines Frühstück eingeplant, aber Marion lässt es sich nicht nehmen ein größeres daraus zu machen.
Außerdem entdecken wir, dass der Kühlschrank nicht funktioniert. Das ist allerdings ein Problem, das wir noch lösen müssen, denn ohne Kühlschrank funktionieren die beiden Campingwochen nicht.
Luis zeigt seine Mechanikerkünste, er improvisiert einen Stecker und einen Anschluss und siehe da – der Kühlschrank funktioniert.
So wird es recht spät als wir endlich wegkommen und hoffen, Nairobi ohne allzu große Verkehrsprobleme hinter uns lassen zu können. Bis auf einen kleinen Stau in Westlands funktioniert das sehr gut und wir befinden uns bald auf dem sechsspurigen Thika-Highway. Man darf sich das getrost als sehr breite Straße vorstellen, eine Art Stadtautobahn mit allen Schikanen. Eine dieser Schikanen sind plötzlich auftauchende Fußgängerübergänge. Sie haben zwar an ein oder zwei Stellen Brücken über den Highway gebaut, aber es gibt davon zu wenige und die Leute bevorzugen es über die Bande zu springen und die Autobahn zu überqueren. Daher empfiehlt sich langsames Fahren, zumindest bis zur Stadtgrenze.
Besonders tückisch sind die Zu- und Abfahrten vom Thika-Highway. Sie sind gänzlich anders konstruiert als unsere heimischen Zufahrten, denn es fehlt die Beschleunigungsspur. Luis hat uns gewarnt, dass es hier jede Menge Unfälle gibt, die er oft bis in seine Werkstatt hinüber hört. Die Chinesen bauen schnell, aber ihre Straßen sind oft nicht ganz durchdacht.
Bei den zahlreichen Police-Checks werden wir seltsamerweise durchgewunken und der Verkehr hält sich in Grenzen, weil am Sonntag weniger LKW unterwegs sind.
Wenn wir schon bei der Sicherheit sind: Am Vortag hat mich noch mein Vater angerufen und gemeint, dass das österr. Außenministerium eine Reisewarnung für Marsabit ausgesprochen habe. Ich kann das nicht ganz glauben und tippe eher darauf, dass eine uralte Meldung einfach nicht gelöscht worden war.
Jedenfalls wollen wir uns noch absichern und rufen bei Henry an, dessen Kontaktdaten wir von Luis in Nairobi bekommen haben.
Er ist Schweizer, hat angeblich 15 Kinder und betreibt ein Camp neben dem Marsabit-Park. Er ist zwar „out“, aber eine nette Frauenstimme beteuert, dass der Weg sicher sei und Marsabit sowieso. Wir müssten auch nicht groß reservieren und könnten einfach vorbeikommen.
Nun stellt sich die Frage, wie relevant das für uns ist. Woher hat das Außenministerium diese Information und wie alt ist sie? Ich beschließe bei Henry anzurufen, um seine Einschätzung direkt vor Ort zu bekommen. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die Al-Shabab im Niemandsland auf uns wartet und dort oben gibt es enorm viel Gegend und nur ganz wenige Menschen, die meisten davon Hirten vom Volk der Samburu oder Rendile. Die Terroristen brauchen Öffentlichkeit, deswegen haben sie ja auch ein belebtes Einkaufszentrum der Oberschicht attackiert. Außerdem rede ich noch mit Peter Baumgartner, ebenfalls ein Schweizer und ein guter Freund von Luis, der sich dort oben sehr gut auskennt. Er beschwichtigt: dort wäre noch nie ein Tourist zu Schaden gekommen, es sei so friedlich wie immer.
Wir glauben den lokalen Experten und beschließen hinauf zu fahren. Vorher müssen wir aber noch nach Naro Moru und das – wenn möglich – vor der Dunkelheit.
Die Fahrt verläuft unspektakulär und ich erinnere mich wieder an die Route, die ich das letzte Mal vor 9 Jahren gefahren war.
In einem Ort im Hochland überqueren wir eine alte Schmalspur-Bahnstrecke. Sie ist schon seit Jahrzehnten aufgelassen und erinnert daran, dass Ostafrika früher sehr gut durch die Bahn erschlossen war. Heute sind fast alle Linien stillgelegt und alles setzt auf den ständig wachsenden Autoverkehr.

Bild 6: Buben an einer längst aufgelassenen Bahnstrecke
Der Mount Kenya empfängt uns fast wolkenfrei und in Naro Moru warten sie schon auf uns mit einem üppigen, wenn auch deutlich verspäteten Mittagessen. Wir sind zu Gast auf der Farm der Familie, irgendwo auf einem Grundstück neben einer nicht sehr belebten, staubigen Straße. Aber irgendwie ist es sehr nett hier, wir werden freundlich begrüßt und lernen Heather kennen, die ca. vierjährige Nichte von Judy und Marion. Die Kleine nimmt mich und Thomy sofort an der Hand und beschließt uns nicht mehr loszulassen.
Die Farm ist so wie man sich so eine Farm vorstellt. Hendln rennen herum und fliegen am Abend in einen großen Avocado-Baum, wo jede ihre Schlafstätte hat und in dem sie gegen Raubtiere geschützt sind.

Bild 7: so wachsen Avocados
Es gibt Fließwasser aus einem Schlauch, der Strom ist aufgrund eines Defekts an der Solaranlage ausgefallen und es gibt eine Handvoll Kühe, etliche Schafe und Ziegen und eine Menge Kinder.

Bild 8: In Kenya gibt es jede Menge Kinder
Der Tag ist etwas ganz Besonderes, denn wir sind zu Gast bei einer Bauernfamilie am Fuße des Mount Kenia. Als wir ankommen steht bereits ein gutes Essen parat: Hühnchen, ein Gemüseeintopf, Salat, Fladenbrot und ein für diese Gegend typisches Gericht namens „Mukimo“ aus Erdäpfeln, Erbsen und Mais und Spinat, das zu einer Art festem Brei verarbeitet wird. Wir haben es schon am Vortag im Homeland bekommen und es ist eine sehr gute Beilage, die von den Kikuyu auch gerne als Hauptspeise gegessen wird. Man bekommt sie in keinem Touristenlokal, so wie die meisten kenianischen Speisen. Essen die Touristen das nicht, weil sie es nicht bekommen oder bekommen sie es nicht, weil sie es nicht essen? Diese Frage konnte ich noch nicht klären, aber ich finde es sehr schade, weil es gibt exzellente Gemüsesorten, die ich tw. nicht einmal vom Namen kenne. Vor allem die zahlreichen Knollen sind nahrhaft und – richtig zubereitet – einfach köstlich.
Ich glaube, dass hier zwar kein bewusster Keil zwischen die Essenskulturen getrieben wird, aber die Tourismusindustrie tut auch absolut nichts um den breiten Graben zu überwinden. Davon werde ich später noch berichten.
Natürlich schmeckt es anders und tw. auch ungewohnt. Als uns David, der Bruder von Judy am Abend noch einmal Mukimo zubereitet, warnt er uns vor scharfen Knochensplittern. Er hat – wie hier durchaus üblich – einfach Hühnerteile klein gehackt und das darin enthaltene Fett als Basis für die Zubereitung verwendet. So muss man sehr vorsichtig essen, um die Knochensplitter entfernen zu können.
Ich mache den Vorschlag den restlichen Nachmittag zu nützen und die Straße bis zur Grenze des Nationalparks hinauf zu fahren. Ich war seit neun Jahren nicht mehr dort und der Mount Kenya ist einer meiner Lieblingsberge. Wir werden diesmal zwar nicht hinauf gehen, aber zumindest war ich dann dort, mehr oder weniger halt.
Judy und ihre Schwester fahren mit und wir beschließen, nicht zu spät wieder zurück zu fahren, schließlich muss ich noch mein Zelt aufbauen und das funktioniert bei Licht deutlich einfacher.
Die Fahrt ist einfach, ich kenne die Strecke ja recht gut und wir passieren ein paar Dörfer am Weg bergan.
Auch der Mount Kenya National Park gerät inzwischen unter Druck durch die ständig wachsende Bevölkerung, die Acker- und Weideland braucht sowie viel, sehr viel Holz zum Kochen.
Daher treiben die Hirten ihre Herden hoch hinauf in den Bergwald.

Bild 9: Schafe und Kühe im Bergwald, vor ein paar Jahren noch Dickicht mit Wildtieren
Am folgenden Bild sieht man die Küche unserer Gastgeber – gekocht wird mit Holz und Töpfen, das wäre soweit alles.

Bild 10: Küche
An der Parkgrenze sehe ich, dass es den alten Hangar für das Rettungsflugzeug zwar noch gibt, Judy erklärt mir jedoch, dass es schon seit vielen Jahren nicht mehr da sei, sondern jetzt auf der anderen Seite des Berges. Das stimmt mich leicht melancholisch, denn ich habe noch das Dia von Gabor vor mir, als wir 1992 an der gleichen Stelle stehen geblieben und den Hangar samt Flugzeug fotografiert haben.

Bild 11: der leere Flugzeughangar
Es soll nicht das letzte Mal sein, dass ich die Veränderungen von Jahrzehnten leicht schmerzlich zu Gesicht bekomme.
Als wir uns ein wenig die Beine vertreten kommt eine Fuhre Träger von oben – sie sind stets wesentlich schneller als die Touristen und haben wieder eine Tour bewältigt. Ich würde jetzt sehr gerne auf den Berg gehen, auch das Wetter würde passen. Da wir aber weder Ausrüstung noch Zeit mitgebracht und außerdem andere Pläne haben, wende ich mich wieder ab vom Mount Kenia.
Wir fahren wieder hinunter und Judy zeigt uns noch den Betrieb, in dem sie arbeitet. Dort hat ein Amerikaner einen Hochseilgarten gebaut und wir sehen uns das Gelände an. Für eine Übernachtung nahe am Berg wäre das gar nicht übel, es gibt viel Platz um zu campen und auch die notwendige Infrastruktur. Und es ist wie ausgestorben. Judy meint, dass gerade keine Gäste da wären und das stimmt mich nachdenklich.
Wie sieht es aus mit dem Tourismus? Schließlich leben hier sehr viele Menschen davon, ähnlich wie in Österreich.
Die Fahrt zum Grundstück von Judys Eltern ist insofern ein Hallo, als wir von der Hauptstraße, die von der Naro Moru River Lodge zum Parkeingang führt, abzweigen müssen. Das machen Touristen normalerweise nicht und so sind die „Muzungus“ (Weiße) die Attraktion. Es hat sich herumgesprochen, dass wir da sind und wir schauen in viele neugierige, aber freundliche Gesichter.
Luis hat dem Vater seiner Freundin Marion ein Grundstück abgekauft und plant, dort einmal ein Haus zu bauen. Wasser gibt es in Form einer Leitung, die vom Berg kommt. Ansonsten gibt es nichts, zumindest noch nicht. Aber wir können unser Zelt aufschlagen, wobei wir die Aufteilung diesmal so machen, dass Thomy im Auto schläft und ich im Zelt. Der Toyota hat ein Hochdach, in dem theoretisch zwei Personen schlafen können, aber gemütlich ist es nur für eine, zumindest wenn sie so groß ist wie wir.

Bild 12: Unser Zeltplatz
Leider ist der Toyota ziemlich verbaut. Das Hochdach ist unpraktisch, weil es fix ist und nicht, so wie bei unserem anderen Toyota, ein Hubdach, das man für die Fahrt einklappen kann. Von den Mechanikern von Luis wird der Wagen liebvoll „The Egg“ genannt. Außerdem hat das Hochdach keine Fenster und ist nur mit akrobatischen Verrenkungen zugänglich. Die Dachluke hat eine wackelige Schließkonstruktion und muss während der Fahrt gegen spontanes Aufklappen gesichert werden.
Mit dem Auto fällt man immer und überall auf. Den Toyota gibt es dort wie Sand am Meer, aber nicht mit Hochdach. Wir haben außerdem einen großen Österreich-Aufkleber vorne drauf und das mag einer der Gründe sein, warum wir von Zeit zu Zeit bei einem Police-Check aufgehalten werden. Davon später mehr.
Als es dunkel wird marschieren wir wieder die hundert Meter zum Bauernhaus hinauf. Dort werden all die Kleidungsstücke, die wir mitgebracht haben, vorsortiert. Die Familienmitglieder dürfen sich natürlich ein paar besonders schöne Stücke aussuchen, den Vogel schießt eindeutig der Bruder von Judy ab, der ein weißes Gala-Sakko der Wiener Polizeimusik bekommt – es passt ihm übrigens sehr gut. Alle haben eine Riesenfreude, Judy und ihre Schwester bekommen zwei erstklassige Tagesrucksäcke und auch für die Kinder ist etwas da.
Morgen früh werden die Träger, Führer und Köche zusammengetrommelt, die gerade nicht am Berg sind. Jetzt jedoch ist es Zeit für ein gutes Bier und wir versammeln uns in dem Raum, den man mit etwas Phantasie als Wohnzimmer bezeichnen kann. Er ist auch Esszimmer und es finden sich eine Couch und zwei Sofas plus zwei Tische – ausreichend für uns und die Familie plus noch zwei oder drei Freunde.
Der Abend ist gesellig, wenngleich die Solaranlage einen Defekt hat und wir uns das Licht aus einer brustschwachen, stinkenden Petroleumlampe plus unseren Taschenlampen erzeugen müssen.
Bis spät in den Abend werden Geschichten erzählt – einmal wir, dann wieder sie. Es geht um Politik, Kultur und das Leben ganz allgemein. Das ist auch etwas, das man als normaler Tourist schlicht und einfach niemals erlebt, denn das Zusammentreffen mit den hier lebenden Menschen geschieht nur in streng vorgeplanten Formen: beim Besuch einer Touristen-Manyatta (Lehmhüttendorf der Maasai) oder wenn man mit Servierpersonal oder Zimmermädchen zu tun hat – meist jedoch sind auch das nur sehr kurze Begegnungen.
Wir dürfen ein wenig am echten Leben einer kenianischen Familie teilhaben und das ist interessant und lehrreich. Diese Menschen sind sicher nicht unglücklicher als wir, obwohl sie wesentlich weniger materielle Güter besitzen.

Bild 13: Bauernhof
Die Familie von Judy ist nicht reich, nicht einmal kenianischer Mittelstand, aber sie leben ein genügsames Leben in einer fruchtbaren Gegend, die sie mit allem versorgt, was lebensnotwendig ist. Und selbstverständlich hat jeder ein Handy, das ist in Kenia mindestens genauso wichtig wie bei uns.
Durch das Mobiltelefon hat sich unglaublich viel verändert. Die meisten Kenianer haben zwar (noch) kein Smartphone, aber das Telefonnetz ist gut ausgebaut und die Tarife sind niedrig. Kenia und auch die anderen afrikanischen Staaten sind bevölkerungsreich und somit interessante Märkte für die großen Mobilfunkfirmen. Es gibt inzwischen eine ganze Menge davon, die bekannteste ist „Safaricom“. Auch wir haben so ein lokales Mobiltelefon und es funktioniert fast überall gut. Nur die Datenübertragung ist da und dort noch nicht möglich oder funktioniert nur temporär.
Die Menschen in Kenia lachen mehr als die in Österreich, so viel ist klar. Offensichtlich kann man auch ohne Flatscreen und Auto glücklich sein, wenngleich sich die meisten Kenianer auch solche Konsumgegenstände wünschen und durchaus der Meinung sind, dass sie dadurch glücklicher werden könnten. Doch auch dort gilt: mehr zu haben als der Nachbar ist das eigentliche Ziel und so können sie mit wesentlich weniger glücklich werden, weil die anderen auch nicht mehr haben.
Werden sie, sofern es dort irgendwann einen ähnlichen Konsumrausch gibt wie bei uns, dadurch wirklich glücklicher? Oder bauen sie dann auch hohe Zäune und Mauern, um den Besitz gegen andere zu sichern? Diese hohen Mauern gibt es jetzt schon überall in Kenia und gefühltermaßen ein Viertel aller Kenianer arbeitet irgendwo als Security, um Besitz – meist von Firmen – gegen die anderen drei Viertel zu schützen.
Ich hoffe nicht, dass die Zukunft dieses wunderschönen Landes so aussieht. Noch ist es nicht zu spät, die Menschen wirken dort noch glücklich, auch wenn sie nicht so viel Dinge besitzen wie wir.
In Kenia muss man den Tagesrhythmus umstellen, sonst erlebt man keine schöne Zeit. Man geht mit der Sonne schlafen und steht mit der Sonne wieder auf. Das muss man zwar nicht so genau nehmen, aber wir sind meist gegen 22 Uhr schlafen gegangen und lange vor dem Morgengrauen aufgewacht. In Wien gehe ich selten vor Mitternacht schlafen, wache dann aber meist auch nicht so früh auf.
Als wir das Farmhaus verlassen, ist es draußen auf einmal eiskalt. Unter Tags hatte es über dreißig Grad, jetzt vielleicht noch zehn. Wir haben nur T-Shirts an und beeilen uns Richtung Schlafsack. Den brauchen wir diese Nacht auch dringend, ich meinerseits habe aus Bequemlichkeit das Überzelt nicht aufgebaut und hoffe, dass es in der Nacht nicht regnet. Dem ist auch so, aber in der Früh ist trotzdem alles nass, weil erheblich Tau gefallen ist. Sobald jedoch die Sonne heraußen ist, trocknet alles blitzschnell und einem frühen Aufbruch sollte nichts im Wege stehen.