Heute ist der große Tag, heute komme ich ans Ziel!
Nach dem fantastischen Essen gestern erwartete mich ein weiterer wolkenloser und sehr heisser Tag auf der Via Appia Antica. Das war mein Ziel, der Ausgangspunkt der ganzen Reise: den Ort wieder sehen, an dem ich vor 28 Jahren war und dessen Bild sich mir bis heute eingeprägt hat.
Ich wollte früh starten um noch ein wenig Morgenfrische mitzunehmen. Leider geht am Sonntag zu dieser Zeit noch kein Zug von der kleinen Station Aqua Acetosa und so hatsche ich zum Bahnhof in Ciampino. Dadurch erwischte ich den 08:16 Uhr Zug, der pünktlich um 08:21 abfuhr, aber schneller war als der Bummelzug vom Vortag.
An dem Supermarkt mit den Mortadella-Panini marschierte ich vorbei, ohne es zu bemerken. Am Vortag hatte der Verkäufer noch gemeint, dass sie am Sonntag auch geöffnet hätten, aber das darf man offensichtlich in Italien nicht so ernst nehmen. Oder er sperrt erst um 09 Uhr auf. Ich wollte jedoch nicht warten und ging weiter zur U-Bahn-Station, um zum Circus Maximus zu fahren.
Der Fahrkartenkauf erwies sich als schwierig, weil ich nicht die nötigen Münzen dabei hatte. Also wieder hinauf und in Richtung der Geschäfte, die beim Supermarkt in der Via Cavour liegen. Dort würde ich Geld wechseln können.
Zum Circus Maximus wäre es auch zu Fuß nicht allzu weit gewesen, aber ich wusste, dass ich an diesem Tag noch sehr viele Kilometer gehen würde. Der Fuß war zwar wieder okay und ich spürte die Schmerzen schon am Vortag fast nicht mehr, aber ich war schon die knappe halbe Stunde nach Ciampino gegangen und wollte mir die U-Bahnfahrt gönnen.
Inzwischen war es kurz nach neun und der Supermarkt hatte offen. Jubel! Doch leider gab es an diesem Tag keine Panini und somit auch keine Mortadella-Panini. Meine Entscheidung vom Vortag hatte sich als richtig erwiesen.
Also kaufte ich zwei große Wasserflaschen und im Geschäft gegenüber zwei Sandwiches. Das würde als Wegproviant ausreichen.
Ich ahnte, dass es den kleinen Alimentari meiner Jugend nicht mehr geben würde oder dass er am Sonntag nicht offen hätte. Ich wusste ja nicht einmal mehr ungefähr, wo er sich befunden hatte. Ich habe bis heute das Bild des Geschäfts vor mir – ziemlich dunkel, klein, und sehr italienisch. Aber ich hatte keine Ahnung mehr, ob dieser kleine Greißler wirklich neben der Appia Antica war oder ob wir die Panini schon drei Busstationen vorher gekauft hatten.
Egal, ich hatte meine Sandwiches und mein Wasser und die Münzen für die U-Bahn. Der Tag konnte beginnen.

Bild: Beginn der Via Appia Antica
Die Appia Antica beginnt genau hier, an der Porta Capena, wenngleich auch recht unspektakulär, weil sie hier eine große Verkehrskreuzung bildet. Man kann aber über die kleine Seitengasse ausweichen und ist sofort in einer anderen Welt. Riesige alte Bäume, die den Asphalt aufgebrochen hatten, protzige Villen und einige Jogger, die den Sonntag mit Frühsport begannen. Ein guter Beginn für eine Wanderung.
Zwei US-Pärchen, ein deutsches Ehepaar und eine alte, weißhaarige Dame haben ab den Caracalla-Thermen den gleichen Weg und so schlendern wir über den am Sonntag menschenleeren Abschnitt bis zur Porta San Sebastiano. Ich empfehle auf jeden Fall den Sonntag für eine Wanderung, da sich die Straße in einem gänzlich anderen Flair zeigt.

Bild: Zwischen hohen Mauern
Hinter hohen Mauern bzw. dichten Hecken wohnen reiche Römer, es ist mitten in der Stadt und doch sehr ruhig. Die Tore wirken alt und gebrechlich, aber fast überall lauern moderne Kameras.

Bild: verborgen liegen riesige Grundstücke und Villen
Bis zur Porta San Sebastiano geht es schattig und ruhig dahin, erst dahinter bekommt die Via Appia Antica auch ihren echten Namen.

Bild: Porta San Sebastiano mit der alten Pforte und dahinter der „neueren“ Stadtmauer.
Es gibt hier auch ein Museum, aber ich beschloss dieses und auch die anderen auszulassen. Sie würden mich nicht nur viel Zeit kosten, sondern sie waren auch nicht mein eigentliches Ziel. Heute war Wandern angesagt, idealerweise würde ich es bis zum Ende der begehbaren Straße schaffen, das wären etwa 18 Kilometer. Danach geht die Straße theoretisch weiter, vereinigt sich aber mit der Appia Nuova zur Staatsstraße Nr. 7. In der Pontinischen Ebene geht sie insgesamt 62 km schnurgeradeaus – bis heute die längste gerade Straße Europas. Würde man sie weiter fahren, käme man bis nach Brindisi, wo die Römer seinerzeit ihren Sklavenhafen hatten. Zwölf bis vierzehn Tage brauchte man vor über 2.000 Jahren für die insgesamt 560 Kilometer. Ich wusste, mir würden die 18 reichen.
Bei den Katakomben zweigten die Amerikaner ab. Ich folgte ihnen und machte eine kleine Jausenpause im Schatten der Katakombenanlage. Auch hier wartete eine lange Schlange an Touristen und ich machte mich wieder auf den Weg.

Bild: Die Straße ist Sonntags nur leicht befahren, sonst ist es hier stressig.
Nach den San-Sebastian Katakomben verändert sich die Straße merklich. Sie wird ruhiger, schöner und ist auch für den Durchzugsverkehr gesperrt. Nur Anrainer dürfen sie benützen und fahren langsam über das mehr als 2.000 Jahre alte Pflaster.

Bild: Altes Pflaster, nix für Stöckelschuhe
Die Appia Antica ist das längste Museum Europas und wird auch entsprechend gepflegt und sauber gehalten. Zwischen den alten Grabsteinen stehen moderne Mistkübel. Dann kommt plötzlich links das Grabmal der Cecillia Metella, vor dem sich schon Goethe malen ließ. Ich verzichtete auch hier auf einen Besuch, der übrigens sportliche 6 Euro Eintritt gekostet hätte. Mir fällt der Spruch meines Großvaters ein: Wieso soll ich mir das anschauen, ist ja eh alles kaputt.
Jetzt wird die Straße ländlicher, offener und auch schöner. Ich weiß noch, dass wir vor 28 Jahren nicht sehr lange über die Appia gegangen sind und eher auch noch in dem Bereich San Sebastiano. Aber ein Stück der Straße, die jetzt beginnt, sind wir auch noch gegangen, diese Erinnerung hab ich noch.

Bild: so sieht sie aus ein Stück weiter draußen
Alle paar Meter gibt es verfallene Grabmäler, manchmal in Form von überwachsenen Hügeln, dann wiederum als Steinhaufen, manchmal mit einer alten Büste davor. Einige sind sehr groß und zylindrisch, andere ganz klein.

Bild: Ein Grabmal
Die Römer durften seinerzeit die Toten nicht innerhalb der Stadtmauern begraben und so haben sich tausende Bürger ihre Gräber entlang der Appia Antica anlegen lassen.
Irgendwann sah ich vor mir ein Pärchen mit einem Hund. Da es auch an der Zeit war, mein „Zielfoto“ zu machen, sprach ich sie an und bat sie um den Gefallen. Es stellte sich heraus, dass sie eine Deutsche war und er ein Amerikaner. Sie wohnten nicht weit von da und machten einen Mittagsspaziergang. Deswegen hatten sie auch kein Gepäck und nicht einmal Wasser dabei.

Bild: Das Pärchen
Sie waren so nett, mein Zielfoto zu machen. Ich hatte es geschafft! Das Zielfoto mit Weckerl und Wasserflasche, an einem der schönsten und klassischsten Plätze der Via Appia Antica.

Bild: Mein Zielfoto
Er meinte noch, die Straße würde in zwei Kilometern dann schattiger werden, was ich mir nicht vorstellen konnte und was sich auch nicht als zutreffend erwies. Den schattigen Teil hatte ich schon hinter mir.
Ich aß mein Mittagessen und beobachtete die beiden, wie sie die Straße weiterschlenderten und langsam immer kleiner wurden. Als ich kurz wegsah und dann wieder hin, waren sie verschwunden.
Ich hatte eine weitere nette Begegnung auf meiner eigentlich einsamen Reise gewonnen. Ich esse fertig und breche wieder auf, folge den Spuren der beiden ein Stück bis zu einer Wegkreuzung, an der es einen Brunnen gibt. Der Italiener, der gerade einen Schluck Wasser trinkt, meint, dass es absolut genießbar wäre – Rom habe ein sehr gutes Trinkwasser, quasi aus Tradition heraus.

Bild: Brunnen an einer Kreuzung
Ein paar Kilometer weiter rastet ein Mountainbiker, von denen es sehr viele gibt. Sie fahren neben der eigentlichen Straße auf den kleinen Trampelpfaden links und rechts der Straße und sind meist in voller Montur. Ich plaudere ein wenig mit Marcello und finde heraus, dass er bei Mercedes Rom arbeitet. Er findet meine Reise toll und wünscht mir noch viel Glück für die Heimfahrt.

Bild: Marcello, der römische Mountainbiker
Hier gibt es noch größere Abschnitte mit dem antiken Pflaster. Die Römerstraße 7 war seinerzeit sehr befahren und so sieht man die im Laufe von Jahrhunderten eingegrabenen Rillen der Räder zahlloser Ochsenkarren und Pferdewagen.

Bild: Pflaster
Nachdem die Straße anfangs noch ganz leicht hügelig war, wird sie hier immer flacher und ist schnurgerade. Ich marschiere viele Kilometer durch die Mittagshitze und merke, wie das langsam an meinen Kräften zehrt. Es ist ein langer Weg und je weiter man ihn geht, desto weniger Menschen trifft man. Die meisten Touristen kommen gar nicht mehr so weit, sie marschieren nur ein kurzes Stück auf der Straße und steigen dann wieder in ihr Taxi oder ihren Bus. Ich habe andere Pläne, aber werde ich es bis Frattocchie durchhalten?
Noch ist die Straße von Häusern gesäumt, in denen wohlhabende Römer wohnen.

Bild: An der Straße
Dann bin ich irgendwann beim 6. Meilenstein beim Casal Rotondo, dem Grabmal des Messalla Corvinus. Es war mit einem Durchmesser von 35 Metern das größte an der Via Appia, ist aber in Privatbesitz und sowieso nicht leicht zugänglich. Irgendwann wurde außerdem ein Haus drauf gestellt.

Bild: Casal Rotondo
Danach kreuzt wieder eine Straße mit Bushaltestelle und ab hier gibt es nur mehr sehr wenige Menschen, die auf der antiken Straße wandern. Radfahrer gibt es noch einige, aber wenige Fußgänger.
Die Straße selbst ist hier aber noch gut erhalten, links und rechts von einer Steinmauer gesäumt, nur die Mistkübel werden zunehmend weniger.

Bild: Die Straße verändert sich ständig
Irgendwann macht die Straße eine kleine Biegung und überwindet einen winzigen Hügel – kaum als Steigung merkbar. Trotzdem ist das für mich einer der schönsten Plätze der ganzen Straße, irgendwie stimmungsvoll.

Bild: schmäler, ländlicher, trockener, leerer (Dieses Bild ist auch der Hintergrund des Titelbildes meines Buches „Vespa-Geschichten von Wien bis Rom“)
Danach wird sie wieder gerade und bleibt so bis zum Ende der Pflasterung, nach insgesamt 9 Meilen, was ca. 14 Kilometern entspricht.

Bild: die schnurgerade Straße
Nach einer weiteren Kreuzung verändert sich die Via Appia Antica komplett. Sie wird zur sandigen Straße und schmäler. Auch die Steinmauern hören auf und es ist ein etwas seltsamer Ort.

Bild: Ende der freigelegten Pflasterung
Plötzlich kommt ein Typ und verschwindet hinter einem Hügel. Dann kommt er wieder hervor, möglicherweise war er pinkeln. Noch ein Typ auf einem Motorroller kommt und fährt an mir vorbei, dann wieder zurück. Auf einmal kommt ein Auto und wartet, bis ich weiter gegangen bin. Ich möchte nicht wirklich wissen, welche seltsamen Geschäfte die da zu erledigen hatten.
Dann kommt das Ende der Straße, gekennzeichnet durch eine Steinmauer.

Bild: Das Ende ist nah (hinter der Hügelkette im Hintergrund liegt übrigens Castel Gandolfo, die Sommerresidenz des Papstes und derzeitiger Wohnort von Benedikt XVI)
Danach wird die Straße zu einem Trampfelpfad. Es gibt noch Reste der Mauer, die sie schützen. Links und rechts gibt es bereits Lagerplätze für Baumaschinen und Felder. Nur hin und wieder sieht man noch die antike Pflasterung und es stehen nach wie vor kleinere Grabmäler an der Seite. Von links hört man schon das Rauschen des Verkehrs auf der Appia Nuova, die jetzt immer näher kommt. Ein Schild beschreibt die letzten beiden Meilen mit ihren Grabmälern.

Bild: Reste der Pflasterung
Dann ist es vorbei, man ist an einer weiteren Kreuzung, unterquert kurz die Bahn und gleich daneben befindet sich die Bahnstation Santa Maria del Mole.
Hier ist noch einmal ein Stück der Straße freigelegt, quasi wie ein letztes Aufbäumen vor dem Ende.

Bild: Das letzte Stück, rechts ist die Bahnstation
Meine Füße tun mir weh, ich habe bereits Blasen und bin 4,5 Stunden gegangen. Die letzte Meile bis Frattocchie ist unspektakulär und ich beschließe, sie nicht hin- und wieder zurück zu wandern, die letzten 3 Kilometer brauche ich nicht mehr zu meinem Glück. Von hier führt die Bahn nach Ciampino und dann habe ich sowieso noch eine halbe Stunde Fußmarsch zu meinem Quartier, zurück in die Gegenwart. Das Ticket erspare ich mir für die eine Station, es gab hier ohnehin keinen Automaten, die Station ist winzig und nur alle zwei Stunden fährt ein Zug. Ich habe Glück, keine zehn Minuten später sitze ich im Waggon.
So endet diese Wanderung, die für mich zu einem Höhepunkt meiner Reise nach Rom wurde. Eine stille Wanderung mit netten Begegnungen und zugleich eine kleine Reise in meine Jugend.
Ciao Via Appia Antica, es war mir eine Ehre. Nach 28 Jahren habe ich mich mehr verändert als du.