Nennt die Dinge beim Namen!

Als ich neulich mein neuestes Buchprojekt mit dem Verlag verhandelte, kam zum Titel („Trainersorgen“) als reflexartige Reaktion: „Den Titel müssen wir ändern, da ist ja was Negatives enthalten. Können wir nicht stattdessen „Herausforderungen“ sagen?“
Nein, können wir nicht (Hans Krankl würde an dieser Stelle musikalisch „Aus, Schluss und Basta“ anhängen).
Dieser Reflex ist in den letzten drei Jahrzehnten gewachsen. Als ich in der Volksschule war, kam es in Mode, die alten Menschen zu „älteren“ Menschen zu degradieren und die Unterschicht wurde plötzlich zur „unteren Mittelschicht“. Ob die jemals eine Veränderung bemerkt haben? Wohl eher nicht, zumindest nicht durch ihre Umbenennung.
Zu guter letzt veränderte die für diesen Mist verantwortliche „Sozialistische Partei Österreichs“ ihren Namen auch noch in „Sozialdemokratische Partei Österreichs“, ermöglichte aber den Menschen durch die Verwendung von „SPÖ“ der Quälerei einigermaßen elegant zu entgehen.
Die Bedenken des Verlags konnte ich zerstreuen. Ich fand Zustimmung mit dem Argument, dass ich wohl schwer ein Buch über Sorgen schreiben kann, wenn ich bereits im Titel diese Sorgen nicht ernst nehme. Wie kann ich mir anmaßen, Lösungen anzubieten für ein Problem, das ich verschämt nicht einmal beim Namen nenne?
Den alten Menschen und auch der Unterschicht wurde durch diese Umbenennung übrigens ihre Würde genommen, die Verniedlichung macht sie lächerlich. Wer alt ist, soll auch alt sein dürfen. Die Unterschicht kann sich erst weiterentwickeln, wenn sie sich ihrer Position bewusst ist.
Woher kommt diese unerträgliche Reflex, nur ja nichts Negatives in einen Titel zu geben? „Die Menschen kaufen das dann nicht, die wollen nur was Positives hören und lesen, das schreckt ab“, bekomme ich als Antwort und stelle mich ausdrücklich dagegen: Ich will keine Behübschung und keine Schönfärberei. Hoffentlich stehen wir am Beginn eines entsprechenden Gegentrends, der uns wieder ein wenig näher an die Wahrhaftigkeit der Dinge rückt. Hoffentlich ist die Zeit der kollektiven (Selbst-)Täuschung bald zu Ende und der psychologische Armutschkerlverein, der für diesen Trend verantwortlich ist, geht in Pension und darf so alt werden, wie er es verdient (und heute schon aussieht).
Das magische Denken („wenn ich etwas anders benenne, verändert es sich nach meinem Wunsch“) bedarf einer Aufklärung und ich wünsche mir, dass ich in Zukunft nicht mehr „Schwarzafrikaner im Hemd“ bestellen muss, wenn mir nach was Süßem gelüstet.

Gratis ist mir zu teuer!

„Gratis ist nur der Tod und sogar der kostet das Leben!“ – ein alter Spruch meiner Großmutter oder irgendeiner anderen Großmutter.
An allen Ecken und Enden stürmt man auf mich ein und bietet mir mit den Worten „alles gratis“, „heute kaufen und morgen zahlen“, „30% mehr Inhalt zum gleichen Preis“ irgendeinen Schrott an. Das gibt mir zu denken und führt zu folgender, selbstverständlich sehr individueller Erkenntnis:
Jedes Locken mit Gratisangeboten ist in zweifacher Hinsicht ein Schmäh.

Erstens gibt es nie irgendwas gratis, denn dann könnte der jeweilige Erzeuger eines Produktes keinen Gewinn machen bzw. seine Ausgaben nicht decken und es gäbe ihn nicht lange.
Somit zahlt man das Produkt über einen Umweg, den Ausgleich für das billige Flugticket zahlt etwa der Sitznachbar, der das tolle Sonderangebot nicht mehr bekommen hat, oder auch der Steuerzahler, weil die Fluglinie, die jahrelang superbillige Flüge angeboten hat, auf einmal pleite ist und ein paar Milliarden verlangt, weil sonst würden ja Arbeitsplätze verloren gehen (die ohnehin verloren gehen, halt mit etwas Verspätung).
Manchmal zahlt auch einfach die Umwelt die Gratisangebote.

Der zweite Schmäh liegt in der brüchigen Vereinbarung. Wenn ich ein Produkt kaufe, dann erkaufe ich mir mit dem gezahlten Geld eine Ware, die für mich einen gewissen Wert haben muss, weil ich sie für meine Zwecke zu verwenden gedenke.
Wenn ich etwas gratis bekomme, habe ich keinerlei Anspruch auf Qualität – „einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ heißt der nächste alte Spruch aus einer Zeit, in der man die schlechte Qualität des Fahrzeugs noch daran erkennen konnte, dass man ihm ins Maul schaute: schlechte Zähne = alter Gaul.

Fazit: Ich möchte nichts gratis, weder die U-Bahnzeitung, die mir für ihren Null-Preis auch Null Qualität gibt und somit nicht mehr gratis ist, weil sie meine Zeit kostet.
Ich möchte keinen wie auch immer gearteten Bonus, denn ich muss ihn auf irgend eine Art und Weise wieder zurückzahlen – ich weiß aber noch nicht wo und wie und wann, und das stört mich, denn dadurch lastet eine Hypothek auf mir.
Ich will keine wie auch immer gearteten Rabatte, denn die zerstören mein Gefühl für den Wert einer Sache, eines Produkts, von was auch immer.
Was ich schon gar nicht will, sind Kredite, denn die verführen mich zur Selbsttäuschung, dass ich mir etwas leisten kann, für das ich das Geld gar nicht habe. Auch das fällt mir später auf den Kopf, und der hat bekanntlich eh schon wenig Haare.

Also, verehrte Anbieter, lasst mich bitte damit in Ruhe. Sagt mir, was es kostet, und lasst mich Manns genug sein, selbst zu entscheiden, ob ich mir etwas leisten kann oder will. Erspart mir das entwürdigende Schauspiel des Feilschens.
Und bitte schenkt mir nichts! Gratis ist mir nämlich zu teuer!

Der nicht ganz so passende Werbebrief

Folgenden Brief fand ein Freund von mir neulich in seinem Postkasten:

brief.jpg

Bild: Brief

Nett gemeint – und das Gegenteil erreicht, weil:
1. er feiert seinen 43. Geburtstag („was ist daran rund??“)
2. er ist nicht ganz so zufrieden und sein Vertrauen ist eigentlich nicht mehr vorhanden („der hat mich mehrmals schlecht beraten“)
3. er hätte lieber eine geringere Kontoführungsgebühr als solche Briefe.

Kleiner Tipp an die Marketingabteilung der BankAustria: Denkt euch was Neues aus! Vielleicht mehr Kundenkontakt und bessere Beratung!!

Die Natur hilft sich selbst

endlich einmal ein gutes Zeichen und ein erfreuliches Thema:

Bei Reizüberflutung ist der menschliche Körper in der Lage, Wahrnehmungen wegzuschalten. Die Erinnerung an einen schrecklichen Unfall, die Verklärung früherer Zeiten sind Hinweise darauf, aber auch das unbemerkte Vorüberrauschen immer penetranterer Werbungen, die uns überall zumüllen.
Nachdem es den Menschen immer mehr auf die Nerven geht und die Konkurrenz immer größer wird, kommen die Fachleute auf die grandiose Idee, den Menschen die Werbung dort unterzujubeln, wo sie sich nicht wehren können: etwa im Supermarkt. Man könnte sich zwar Kopfhörer aufsetzen, aber die meisten KonsumentInnen wollen das nicht. Bei Interspar und Merkur haben sie jetzt eine Rundumbeschallung, mit noch mehr Lautsprechern und noch mehr Werbung, mit einer Art eigenem „Werbe-Sender“, moderiert von einer der penetranten Fernseh-Ladies (Gott sei Dank weiß ich gerade nicht welche, das habe ich erfolgreich verdrängt).

Ein Hoch auf die Verdrängung! Aus einer Untersuchung, die ich gerade mache, weiß ich wie gründlich das Wegschalten funktionieren kann. Bei einer Website werden etwa 5 verschiedene Bereiche angeboten. Diejenigen, die sich nur für einen der Bereiche interessieren, nehmen die anderen 4 erstaunlich oft gar nicht wahr, es ist ihnen unmöglich zu sagen, was ihnen da noch entgegenflimmert – auch wenn der Anbieter sein Bestes tut, um die Kunden dazu zu bewegen, auch die anderen Bereiche anzusehen (damit verdient er Geld) und zu benützen.

Der letzte hilflose Aufschrei der Werbeindustrie: Auch wenn jemand sich nicht an die Werbung erinnert, hat er sie trotzdem bemerkt und rennt in den nächsten Markt, um das unbewusst registrierte Produkt sofort zu kaufen!

Ups, das könnte sich als falsch erweisen!

Der Haken daran: Der Schneckenhaus-Effekt wird nicht lange auf sich warten lassen. Schon jetzt sieht man immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche, mit Ohrstöpseln auf der Straße und in der U-Bahn etc.
Sie blenden das Unangenehme so gut wie möglich aus – aber auch die sinnvollen, angenehmen Wahrnehmungen gelangen dann nicht mehr zu ihnen.
Führt die selektive Wahrnehmung auch zu einer Verarmung unserer Wahrnehmung generell? Blenden die dunklen Sonnenbrillen auch das aus, was wir sehen sollten, was uns gut tut?
Aus meiner Sicht eine spannende Frage, auf die ich noch keine Antwort habe.
Kommentare erwünscht!

Fin de siecle – es wird immer deutlicher

Ob man nun an Wirtschaftskrise oder Klimawandel glaubt oder nicht, mit dem Geld aus unseren Steuerkassen produziert die Leitindustrie (Auto, was sonst) jetzt noch größere, noch stärkere, noch schnellere Autos, ganz nach dem Motto: Wenn Ihr so blöd seid und uns das Geld gebt, machen wir in unserer Einfallslosigkeit einfach so weiter wie bisher: größer, schneller, stärker, teurer.
Hier die neuesten Beispiele:

BMW baut den stärksten Serien-BMW aller Zeiten!!
Das Gelände-Coupe X6 übertrifft Porsche und Mercedes, die genaue PS-Anzahl wird geheim gehalten.

Der neue E-Klasse Kombi von Mercedes hat über 500 PS und ist größer als sein Vorgänger.

Audi baut den „stärksten TT aller Zeiten“ und bringen noch den neuen A4 als „RS-Version“ – noch stärker mit V10-Motor und ebenfalls über 500 PS.

Der neue Porsche 911 wird über 350 PS haben (in der Basisversion, noch mehr als S und als Turbo)

Die anderen Hersteller werden ganz sicher nachziehen – dass die anderen stärker sind, kann man ja wirklich nicht auf sich sitzen lassen!

Ja, gebt es uns! Ganz nach Falco: „Sorgen? Hamma morgen!“
Meine Hoffnung: Bleibt auf euren Kisten sitzen! Pro 10 PS mehr 10% weniger Absatz. Und keine Steuergelder mehr für dumme Menschen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen.
Nach dem letzten Fin de siecle, als man in Champagner badete und immer protzigere Villen (Semmering etc.) errichtete, folgte der 1. Weltkrieg.
Dem 3. können wir davonfahren, genug PS hätten wir ja.