Odyssee 2009

von Wien 1180 nach Klosterneuburg, Leopoldgraben

Normalfall: Motorroller oder Auto, ca. 15-20 Minuten

Sonderfall: mit den Öffis. Und dem linken Unterschenkel im Gips. Und folgenden Zwischenstationen der Reise:

(Prolog: Fahrplansuche im Internet – dort spuckt der Computer 5 verschiedene Möglichkeiten aus, ich wähle die schnellste, die ist mit 36 Minuten angegeben und Kosten von 3,60- Euro)
1. Edelhofgasse 31 – kurzer Fußmarsch bis nach vor zur Sternwartestraße. Dort fährt der 37A bis zur Spittelau. Außer am Sonntag, da fährt er gar nicht (und auch nicht am Samstag). Ätsch! Also auf den 40A warten.
2. Mit dem 40A bis zur Volksoper.
3. Mit der U6 bis Spittelau. (Gesamtkosten bis hierher: 1,80- Euronen)
4. Mit dem Lift zwei Stockwerke tiefer zum Bahnsteig der S-Bahn. Dort fährt auch die Regionalbahn. Und es gibt ein nettes Schild, das darauf hinweist, dass es die Fahrkarten in einer Halle einen Stock höher gibt. Ätsch! Leider kommt schon der Zug, also einsteigen, weil der nächste fährt am Sonntag erst irgendwann.
Im Zug gibt es auch Fahrkarten, allerdings nur beim Schaffner und mit Strafaufschlag (heißt offiziell „Bordpreis“), das kostet dann wohlfeile 4,80- (statt 1,80-)
Der Regionalzug 2176 fährt bis Kierling.
5. Umsteigen zum Regionalbus 239, das bleibt allerdings alles in der Regionalzone 230 und so muss ich nicht noch eine Karte kaufen.
6. Beim Marienheim musste ich mich abholen lassen, da ich den Berg hinauf musste und dort gar keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren.

Gesamtkosten: Euro 6,60- (das entspricht ca. 6 Litern Benzin, mit denen ich mit dem Roller ca. 130 km weit komme, aber so darf man das natürlich nicht rechnen).

Kürzlich, im AKH

Wien, Alserstraße, 27. August um ca. 18 Uhr.
Ein stehender Kleintransporter, links überholen, ein Randstein, quergestellt… und einen Augenblick danach am Boden.
Passanten eilen herbei, zwei Herren stellen das Fahrzeug auf, eine Dame fragt mich, ob ich alle Gliedmaßen bewegen oder gar aufstehen kann.
Nach einigen Augenblicken geht das und ich kann die Gilera auf die Parkspur fahren.
Zufällig kommt gerade die Polizei vorbei, fährt aber gleich weiter, als geklärt ist, dass kein Fremdverschulden vorliegt.
Ein freundlicher Herr hat die Rettung gerufen, die auch wenige Minuten später da ist und mich fragt, wie es mir geht.
Das Problem: Woher soll ich das wissen? Bin ich der Herold? Ich kann mit dem linken Fuß nicht gut auftreten und der Rücken schmerzt und es hat mich als Ganzes ziemlich durchgebeutelt.
Wir beschließen, dass sie mich ins Krankenhaus mitnehmen – man weiß ja nie, was da so kaputt ist.

Das AKH liegt nur wenige Minuten entfernt, auf einer fahrbaren Liege (es ist schon mühsam, aber ich kann noch allein draufklettern) werde ich in die Unfallaufnahme gefahren. Dort herrscht reger Betrieb (wie ich später erfahre, ist das AKH das einzige Spital in Wien, das an diesem Abend Betrieb hat).

Plötzlich ein bekanntes Gesicht – „Hallo!“ – „Ja Servus Guido, was machst Du denn da?“ „Motorradunfall“ – „Ah, das trifft sich gut, ich beginne eh gerade meinen Dienst“.
Glück im Unglück, dass ich mit Johannes vor 1,5 Jahren eine Kabine auf Tauchsafari geteilt habe. Nun ist er diensthabender Arzt auf der Unfallaufnahme.

Das Warten beginnt. Vor langer Zeit schon hat man den Menschen, die in Krankenhäusern versorgt werden, den richtigen Namen gegeben: Patienten (vom lateinischen „patientia“, das heißt „Geduld“).

Das Publikum ist gut gemischt – Sturzbesoffene reihern in ein Eck, verletzte Sandler pinkeln in ein anderes, es ist erstaunlich viel Migrationshintergrund im Raum, kleine Kinder, die auf die Herdplatte gegriffen haben, Verrückte, die sich wieder einmal geschnitten haben etc. Die meisten Menschen haben irgendwelche Angehörigen dabei, die beruhigend auf sie einreden, meist über längere Zeit.

Hin und wieder kommt einer der Ärzte aus einem der Aufnahmeräume und versucht, einen Namen so zu brüllen, dass sich die betroffene Person auch angesprochen fühlt. Durch die Betrunkenen, die meist eine andauernde Schimpftirade auf die ganze Welt und noch ein bisschen mehr loslassen, liegt eine leicht aggressive Stimmung in der Luft.
Die Gänge sind samt und sonders voll mit fahrbaren Betten, auf denen Verletzte liegen, die auf irgend einen Teil ihrer Behandlung warten. Ständig kommen neue hinzu, die Rettung rollt ununterbrochen neue Kandidaten herein.

„Ein sehr stressiger Abend heute“, seufzt Johannes, als er ein paar Augenblicke für mich Zeit hat. Ich habe Glück und er kann mich noch vor Schichtwechsel zum Röntgen bringen. „Das dauert sonst allein drei Stunden“ höre ich.
Der Röntgenapparat ist von unglaublicher Dimension und spielt alle Stückeln, ich bin dort blitzschnell fertig.
Weniger blitzschnell geht dann der Rest. Während ich auf das Ergebnis des Befunds warte (ich konnte dank meiner Protektion den Gang bekommen, der weder vollgepinkelt noch vollgebrochen ist), kommt Thomy vorbei und hilft mit guten Worten („da hätt mehr passieren können“) und konkreten Taten (Abholen der abgebrochenen Top-Box von der Gilera aus der Alserstraße, bevor sie Füße bekommt).
Dann kommt eine Ärztin und berichtet von zwei gebrochenen Mittelfußknochen und einer Woche Spaltgips sowie zwei weiteren Wochen Gehgips. Auf meine Frage nach Alternativen meint sie säuerlich, ich könne ja ein Revers unterschreiben und heimgehen und ob ich das will… ich wähle den Gips.

Dann wieder Warten am Gang. Als Johannes wieder einmal vorbeischaut, kollabiere ich das erste Mal. Er beschließt daraufhin, dass ich wegen Verdacht auf innere Blutungen nun nicht nur die ohnehin routinemäßige Harnprobe brauche (auf die ich mittels mehrerer Becher Wasser bereits seit zwei Stunden hinspare), sondern eine Ultraschalluntersuchung.

Mein Bruder kommt vorbei und bringt mir ein paar Krücken – die sind im AKH an diesem Abend nämlich gut, aber aus. Für den Kreislauf bringt er mir eine Flasche Cola, die ich aber nicht wirklich runter kriege.

Der Rücken schmerzt zusehends mehr und schwillt ordentlich an. Ich beginne zu vermuten, dass der Aufprall gegen irgendeinen Pfeiler doch mehr kaputt gemacht hat, als ich dachte. Mir dämmert, dass es mit dem Heimgehen heute eher schlecht aussieht. Werde ich jetzt geschluckt von dem monströsen Apparat des AKH?

Eine Blutabnahme soll auf die Hämatokritwerte untersucht werden, da könnte man innere Blutungen feststellen, meint Johannes. Als er mir Blut abzapft, kollabiere ich zum zweiten Mal. Besonders unangenehm ist daran immer der Zustand des Aufwachens, zumindest bei mir herrscht komplette Orientierungslosigkeit: Wer bin ich? (das war schnell geklärt), wo bin ich und wer zum Teufel sind diese Leute, die mich freundlich-routiniert anstarren?

Dann wieder warten, warten und dann der Ultraschall. Eine sehr fesche Ärztin schmiert meinen Bauch mit kaltem, glitschigem Gel ein und untersucht mich mit sorgenvoller Miene. Dann holt sie noch eine Kollegin dazu und beide sinnieren über den Bildern meines Bauches. Uneinigkeit, Unsicherheit – ist das was zu sehen oder nicht? Mein Verdacht, dass ich da heute nicht mehr wegkomme, erhärtet sich.

Die Frage eines Patienten, warum bei der Aufnahme mehrere Herren in Security-Uniformen herumstehen, beantwortet sich von selbst. Ein Betrunkener randaliert und attackiert einen der Herren mit einem Schraubenzieher. Das führt zu einer ordentlich blutenden Fleischwunde im Arm und Gott sei Dank ist man bereits dort, wo man in solchen Fällen hingehört, nämlich in der Unfallaufnahme. Ein Patient mehr oder weniger ist auch schon egal.

Nach einiger Wartezeit erfolgt dann meine Aufnahme auf Station 19C (Unfallchirurgie) plus der Ankündigung, dass das Riesenhämatom (eine Art gigantischer blauer Fleck, siehe Bild von heute, 5 Tage später) möglicherweise operiert werden muss (was bedeutet das? Wegschneiden? Aussaugen?)
Beim Umbetten auf das Stationsbett dann der nächste Kollaps, diesmal aufgrund der Schmerzen am Rücken.

hematom.jpg

Bild: großes Hematom am Rücken

Auch auf der Station wurde ich am Gang geparkt, allerdings in erster Linie, um die bereits schlafenden Patienten im Zimmer nicht aufzuwecken (Dreibettzimmer, die sogenannte „Normalklasse“ für die Leute ohne Zusatzversicherung).

Der häufigste Satz im AKH (und wahrscheinlich auch in anderen Krankenhäusern) lautet auf Seiten der Angestellten „Wie geht es Ihnen?“ „WIE GEHT ES IHNEN?“ (das zweite Mal wesentlich lauter, das liegt an den vielen alten Patienten, die nicht so gut hören) Dieser Satz wird oft noch durch eine von drei Endungen ergänzt, die da lauten 1) heute, 2.) so, 3.) denn.
Seitens der PatientInnen lautet der bei weitem häufigste Satz „Wann werde ich entlassen?“ bzw. „Werde ich heute entlassen?“ bzw. „Ich will nach Hause.“

Im Nebenbett am Gang lag ein Rumäne, der einen Bruder hat und gemeinsam hatten sie Streit mit einem anderen Brüderpaar. Einer der anderen Brüder hatte ihm 3x mit einem Hammer auf den Schädel geschlagen, mein Nachbar war somit nicht gerade topfit.
In gebrochenem Deutsch schilderte er der sehr geduldigen und sehr netten Ärztin, dass er ein sehr friedfertiger Mensch sei. Ob er was getrunken hätte? Nein, er trinke nie und sei sehr stolz darauf. Er hätte aber an diesem Abend 3 Krügerl und 1-2 Schnäpse getrunken, das wisse er noch und außerdem wolle er jetzt nach Hause gehen.
Er konnte nicht und die erstaunlich geduldige Ärztin erklärte ihm und seiner Frau wie das so aussehe mit Hammer am Kopf und Gehirnerschütterung und plötzlicher Kollaps und dass das im Krankenhaus wesentlich ungefährlicher wäre. Er bleibt da, basta, und zwar 24 Stunden unter Beobachtung, dann dürfe er wieder gehen.

Es muss sehr frustrierend sein, sich einen ganzen (Nacht-)Dienst lang mit Menschen herumärgern zu müssen, die nur sehr wenig oder gar kein Deutsch können und denen man auch noch medizinische Details erklären muss und die immer alle nur gleich weg wollen.
Nachdem ich noch einen weiteren sportlich wertvollen Kollaps zustande gebracht hatte, wurde es der Ärztin zu gefährlich und sie schickte mich in den sogenannten „Schockraum“ (das ist mehr oder weniger die Intensivstation), um mich aufpäppeln und genauer untersuchen zu lassen.
Im AKH bedeutet das eine sehr schräge Fahrt durch viele viele Gänge und ebenso viele Kurven, es gibt jede Menge Neonröhren zu bestaunen und die Türen gehen automatisch auf und die Farben sind sehr, äh, medizinisch. Die Atmosphäre ist extrem steril, technisch, metallisch und das ganze Haus ist so gebaut, dass man mit den Betten ständig wo andonnert.
Es ist letztlich nicht für Menschen gebaut, sondern für medizinische Geräte und das notwendige Drumherum, zumindest ist das mein bauliches Fazit.
Die Fenster in den Krankenzimmern etwa können geöffnet werden (also jedes dritte), das ist aber – erstes Ätsch! – nicht erlaubt, sie sind mit einem Schloss versperrt.
Der Fernseher im Zimmer verlangt erstens nach einer kostenpflichtigen Wertkarte und ist zweitens so angebracht, dass nur das Fensterbett was sehen kann (zweites Ätsch!).
Im Bad gab es neben der Waschmuschel keine Glocke (drittes Ätsch!), so dass die Pfleger improvisierend aus Stoffschnüren eine Art Umleitungsseilzug bastelten, den sie dann so anbrachten, dass ich im Kollapsfall die Glocke läuten hätte können.

Auf der Intensivstation wurde ich von zwei jungen, sehr netten und extrem professionellen Ärzten empfangen, die vor allem sehr viel Ruhe ausstrahlten. Binnen weniger Minuten hatten sie aus mir eine Art Cyborg gemacht, gut verkabelt mit vielen Schläuchen und Flüssigkeiten, die in meinen Körper rannen und Monitoren, die das überwachten und hin und wieder „piep“ machten. Dazu verpassten sie mir noch einmal eine Ultraschalluntersuchung, Sauerstoff und was ihnen sonst noch so einfiel, um mich wieder in einen halbwegs brauchbaren Zustand zu bekommen.
Die ursprünglich von Johannes abgenommene Blutprobe war verschwunden und ist es bis zum heutigen Tag. Irgendwo irrt nun ein einsames Röhrchen oder ein Befund durch die unendlichen Weiten des Alls, äh, AKHs, um letztlich irgendwann den Weg allen Mülls zu gehen.

Nachdem die beiden Herren mich stabilisiert hatten, wurde die Rückfahrt auf die Station organisiert. Das ist gar nicht so eine einfache Sache im AKH, denn es müssen täglich sehr viele Patienten transportiert werden und so gibt es eine Art eigene Kaste, Transporteure, die man wie ein Taxi bestellen muss und die auch so pünktlich sind wie Taxifahrer (manchmal sofort da, bei der Schlussuntersuchung hab ich über eine Stunde gewartet). Sie fahren auch wie Taxifahrer, sehen so aus (bis auf die Uniformen) und waren vermutlich einmal Taxifahrer. Taxameter konnte ich zwar keinen entdecken, aber das hat meine Vermutung nicht zerstreut.

Die nun folgende Nacht gehört zu den eher weniger angenehmen Erlebnissen. An Schlaf war nicht heranzukommen, aber fad wurde mir auch nicht – wer Schmerzen hat, dem ist nicht fad.

Wenigstens hatte ich meine Infusionen und mein Mäusekino, den Kontrollmonitor. So konnte ich die ganze Nacht über sehen, dass meine Sauerstoffsättigung zwischen 98 und 100% liegt und mein Ruhepuls zwischen 53 und 65 schwankt. In der Früh konnte ich dann meine Nachbarn erkennen. Links ein 95 Jahre altes Männchen, das beständig vor sich hinfluchte (Orschlöcher, Saugfrasta etc.) und Gott sei Dank zu Mittag entlassen wurde, abgeholt von einem ca. 85-Jährigen, vielleicht ein Fluchkumpan.
Rechts ein pensionierter Turnlehrer, nett, aber auch irgendwie leicht verwirrt, mit gerade ausgeheiltem Knie. Er brauchte etwa eine Stunde, um eine Tasche zusammenzupacken.
Generell findet man auf der Unfallchirurgie sehr viele Sturzopfer, fast immer alte Leute. Hier würde ein österreichweites Präventivprogramm dem Staat sehr viel Geld sparen helfen. Die AUVA macht dahingehend so zarte Versuche, dass sie es gar nicht wirklich ernst meinen kann.

Nach der Entlassung des Turnlehrers kam ein junger Mann, dessen Geburtsjahr nicht schwer zu erraten ist, er heißt „Kevin Bauer“ und hatte ebenfalls einen Motorradunfall, sein Knöchel hatte eine Art Umspannwerk drauf sitzen, das im Laufe des Vormittags entfernt wurde.
Links kam dann Herr Tullner, ein alter Mann, der wahrscheinlich ein Schlagl hatte (später stellte sich heraus, Parkinson), auf jeden Fall konnte er nicht sprechen, maximal ein „nga aule“ kam heraus (das konnte von den Schwestern zweifelsfrei als „nach Hause“ identifiziert werden, ein bekannter Wunsch). Die Geduld der Schwestern und Pfleger mit diesen und anderen Fällen ist bewundernswert, denn die Patientinnen und Patienten sind oft dumm, aggressiv, wehleidig (au, au, auweh, auwehgerl… noch bevor sie angehoben werden) oder einfach nur mühsam.

Es war mir zuvor zwar schon bekannt, aber in dieser Deutlichkeit doch ein eigenes Erlebnis wert, die Krankenhaushierarchie zu bestaunen:
Ganz unten sind die Putzen, allesamt weiblich und mit deutlichem Migrationshintergrund. Sie wischen und leeren Mistkübel aus, haben braune Kittel und nichts sonst zu sagen.
Darüber kommen die Essensbringerinnen. Sie haben grüne Kittel, nehmen gewisse Wünsche auf („bitte dorthin stellen, Danke“) und sind meist sehr freundlich.
Darüber stehen die Transporteure, die den ganzen Tag Betten von A nach B und wieder zurück schieben. Sie sind sehr wichtig für den Betrieb, haben aber sonst nichts mitzureden.
Dann kommen die Schwestern. Sie sind das Herzstück des Stationsbetriebs, können und dürfen viel machen, antworten aber auf die meisten medizinischen Fragen („Wann werde ich entlassen? Brauche ich noch eine Infusion? Mir tut es da so weh… etc.“) mit der Standardantwort „Das muss ein Arzt entscheiden.“
Darüber ist die Oberschwester (oder der Oberpfleger), sozusagen der Vizeleutnant des Krankenhauses. Sie hat schon viel zu sagen und ist leicht zu erkennen, denn alle anderen fragen sie um Rat, lassen sie entscheiden etc. Sie macht auch die Entlassung und Verabschiedung, zumindest die Formalitäten.
Dann kommen die PhysiotherapeutInnen, die für die Einschulung im Krückengehen und andere Beweglichkeitsfragen zuständig sind. Sie sind eine Art Fachpersonal und rangieren eher seitlich über dem Pflegepersonal.
Nun kommt der Adel. Ganz unten, sozusagen im Rang des Fähnrichs, sind die Turnusärzte. Darüber die Stationsärzte, diverse Fachärzte, die nach Operationen vorbeischauen, dann der Oberarzt und schließlich der Primarius.
Wenn ein Oberarzt Visite macht, dann erhält man die Gelegenheit, Hierarchie in all ihren Auswüchsen live zu erleben. Die Ärzte und die Oberschwester scharwenzeln um ihn herum (eine der seltenen guten Gelegenheiten, das wunderschöne alte Wiener Wort noch zu verwenden).
Selbst baumlange Jungärzte werden zu Zwergen, man duckt sich unterwürfig, murmelt „Jawohl“ und „sehr richtig“ und lacht, wenn der Oberarzt einen Witz reisst, egal ob der lustig ist oder nicht. Körperliche und geistige Unterordnung ist oberste Pflicht.
Das geschieht auch, wenn der Oberarzt sehr jung ist oder ein junger Arzt statt dem Oberarzt die Visite macht. Dann schlüpft er sofort in die Rolle und hat das gleiche Gehabe (zwei Tage später war der gleiche Jungarzt so klein und devot wie alle anderen).
Nur Primarien sind noch weiter oben, sie werden regelrecht hofiert, man räumt eventuell im Weg stehende Gegenstände weg, putzt die Station durch etc.
Rund um die Oberärzte gibt es folgende Rituale:
1. Man hört ihn schon von weitem, er ist außerdem vom Reden der lauteste auf der Station.
2. Meist ein gönnerhaftes, aber streng-väterliches Gehabe
3. Die Visite wird (nicht immer) per Lautsprecher in alle Zimmer angekündigt, damit man sich vorbereiten, alles herrichten kann etc.
4. Er hat ein Monopol auf Scherze, Witze, lehrreiche Geschichten etc. – und selbstverständlich eines auf die medizinische Wahrheit.
5. Andere Ärzte fragen ihn um Rat.
6. Er kann Bestimmungen erlassen oder aufheben.

Dann gibt es noch das Ritual der Bestäubung: Der Oberarzt (samt Gefolge) hüpft von Blüte zu Blüte (Zimmer zu Zimmer, Patient zu Patient) und nimmt Informationen auf (über ihr Befinden, „na, wie geht es uns heute?“) und teilt Anordnungen aus („entlassen,“ – „absetzen“, „erhöhen“ etc.). Dadurch steuert er das Leben/Wachstum/die Veränderung auf der Station und hinterlässt gründliche Duftmarken.
Jeder neue Oberarzt, der durchgeht, bestäubt neu.

Wozu dient diese ausgeprägte Hierarchie?
Sie ist auf jeden Fall notwendig, sonst gäbe es sie in dieser Form nicht. Allerdings ist sie eine doch sehr patriarchal geprägte, also eine männliche Variante, mit ein paar Besonderheiten, die der Funktion im System sicher nicht förderlich sind.
Die Notwendigkeit besteht darin, schnelle Entscheidungen in einem großen Apparat zu gewährleisten. Hierarchien machen das, indem sie einer Person die Verantwortung und Entscheidungskraft geben: Operieren oder nicht – das kann für das Leben bzw. die Gesundheit eines Patienten entscheidend sein. Wenn nun eine Einzelperson diese Entscheidung treffen muss, dann braucht sie entsprechende Absicherung vom System, und zwar einerseits durch klare Zuständigkeiten (wer darf was – unhinterfragbar und somit Gesetz), durch klare Positionen (ober sticht unter) und andererseits durch Rituale, die im System und den dort befindlichen Personen den Mechanismus noch bestärken.
Mit anderen Worten: Je öfter die Ärzte dem Oberarzt seine Kompetenz und Unfehlbarkeit versichern, je höher sie ihn heben, desto weniger zweifelt er im Augenblick einer wichtigen Entscheidung daran.
Da Krankenhäuser (vor allem so große) sehr stark normierte Systeme sind, müssen die dort Tätigen gut eingepasst werden. Das funktioniert über die Rituale – jedem wird schnell klar, was er/sie hier zu tun und zu lassen hat.

Noch ein paar Beobachtungen: Die Worte des Oberarztes sind sehr bedeutsam, er bespricht anhand von grauen Mappen, in denen die Krankengeschichte für jeden Patienten vermerkt ist, mit den Stationsärzten und Schwestern, was zu tun ist. Das passiert sehr oft am Gang, die Patienten können von ihren Betten aus mithören, was so über sie gemurmelt bzw. wie über sie entschieden wird. So wird klar deutlich gemacht, dass sie selbst nichts mitzureden haben.

Das hätte ich fast vergessen: Ganz unten in der Hierarchie steht der Patient, denn er hat überhaupt allen zu gehorchen. Wer sich weigert, wird nicht entlassen, darf nicht nach Hause. Das ist meines Wissens die einzige Gelegenheit, bei der sich Menschen ärgern, wenn sie NICHT entlassen werden.

Ein Auflehnen gegen die Beschlüsse des Oberarztes findet zu 99% nicht statt und wird, wenn es passiert, sanktioniert.
Ein weiteres Merkmal sind die Gespräche, die geführt werden, wenn die Visite das Zimmer betritt. Es geht fast ausschließlich um Dinge, die nichts mit den Patienten zu tun haben. Dadurch wird deutlich…
…dass der Patient sich nicht wichtig nehmen soll;
…dass man selbst den Patienten nicht so wichtig nimmt, maximal seine Krankengeschichte, und die kennt man eh aus der Akte;
…dass man die Patientenangelegenheiten ohnehin im kleinen Finger hat und daher gut über andere Dinge reden kann, übers Golfspielen oder was auch immer.
…dass die Welt der Ärzte sich deutlich von der der Patienten unterscheidet.

Ein paar weitere Erlebnissplitter

Das Radio. Irgendwo links neben meinem Bett haben die Kerle ein Radio eingebaut, das ganz, ganz leise vor sich hinspielt. Es ist so leise, dass ich es meistens gar nicht höre, manchmal kann ich aber doch verstehen, welches Lied gerade gespielt wird oder ob irgendein Moderator quasselt (was genau verstehe ich nicht). Ich konnte bis zum Schluss nicht herausfinden, wo dieses Radio versteckt ist. Es genau so hörbar, dass es einen fesselt, wie die Party, die man von der Nachbarinsel herüberhört (und auf der eigenen Insel ist nichts los).

Der Herr Tullner. Er liegt neben mir, kann nur lallen, krächzen und ein wenig Grunzen. Er versucht ständig aus dem Bett zu klettern. Die Schwestern haben ihm die Grifftriangel, die vom Bettgalgen herunterhängt, ohnehin schon raufgehängt, damit er sich nicht aufrichten kann. Er ist aber hartnäckig genug, um trotzdem aus dem Bett kriechen zu wollen. Er ist alt, hilflos, schwach und versucht ständig, diese Triangel doch zu erreichen, obwohl das völlig sinnlos ist.
Manchmal frage ich ihn, ob er Hilfe braucht. Wenn er „aarghh“ krächzt, dann weiß ich, dass das „ja“ bedeutet und drücke den Knopf für die Schwester. Wenn er selbst den Knopf drückt, dann nutzt das nix, denn wenn sich die Schwester über die kleine, eingebaute Gegensprechanlage meldet und fragt, was denn los sei, kann er maximal krächzen.
Irgendwann an diesem Abend haben sie dann den Herrn Tullner rausgeschoben, um ihn direkt in ihrer Nähe betreuen zu können.

Die neue Nachtschwester. Sie ist hantig. Nein, eigentlich ist sie schiach, blad und hantig und sie redet nichts mit mir oder zumindest nur das Allernotwendigste. Sie nimmt meine volle Harnflasche und tauscht sie einfach aus. Die anderen Schwestern haben immer was Nettes gesagt, wie etwa „Das haben Sie aber sehr schön vollgemacht, Herr Doktor!“
Ich mag die neue Nachtschwester nicht.

Das AKH ist ein gutes Krankenhaus, wenn auch ein Moloch. Gegenüber früher haben sich einige Dinge verändert:
1. Man darf telefonieren. Nicht überall, aber in den Wartebereichen und vor allem auf den Zimmern. Scheinbar beeinflussen die Handys doch nicht die wichtigen medizinischen Geräte. Die Störungen durch das Telefonieren sind aushaltbar und den PatientInnen ist es wichtig, mit Freunden und Angehörigen reden zu können.
2. Die Besuchszeiten sind liberal. Das ist ganz anders als früher, als man sich entweder an einer strengen Oberschwester heimlich vorbeischleichen musste und ständig schauen, dass man nicht erwischt wird (hatte auch seinen Reiz). Früher musste man zu bestimmten Zeiten (Di und Do von 15 bis 15:30) erscheinen, was ein gewisses Gedränge verursacht hat.
Nun sollte der Besuch nicht gerade während der Visite (die ist ja heilig) anwesend sein, sonst aber ist es recht egal und geht bis spät in den Abend hinein. Wenn der Besuch leise und nicht störend ist, hat niemand was dagegen.
Auch die früher häufig praktizierte Variante, sich mittels diverser Geschenke bei der Oberschwester einzuweimperln (meine Großmutter war wahre Meisterin) ist heute nicht mehr notwendig.

Ein neuer Gast, ein gewisser Herr Schwarz, wurde auf die Station gerollt. Das sorgte für kurzfristige Konfusion und man beschloss, ihn auf eine andere Station zu bringen, zur Sicherheit und zur Vorbeugung von Dialogen wie dem folgenden:
„Morgen, sind Sie der Herr Schwarz?“
„Ja“
„Karl, das ist der, dem die Niere entfernt wird. Bringen wir ihn runter!“
„Was, nein, das stimmt nicht…“
„Sind Sie der Herr Schwarz oder nicht?“
„Ja schon, aber…“
„Ruhe, entspannen Sie sich, vor so einer Operation ist jeder nervös…los, Karl, schieb an…“

Es ist Sonntag und meine Hoffnung, heute schon rauszukönnen, hat sich in Luft aufgelöst. Aber ich konnte einen einigermaßen guten Draht zum Oberarzt aufbauen und er hat gemeint, wenn ich kacken kann, darf ich morgen raus. Vielleicht habe ich sogar die Chance auf einen Gehgips, das wäre toll! Ich wollte ja einen Laufgips, aber da hat der Oberarzt so komisch geschaut und was zu den anderen Ärzten gesagt, ich konnte nur Wortfetzen verstehen wie „Hirn“ und irgendwas mit „ampu…“
Hoffentlich kann ich morgen raus, hoffentlich.

Seit kurzem hat der Herr Tullner keinen Verband mehr am Kopf und bekommt Medikamente gegen Parkinson. Er stöhnt ein wenig, will wieder nach Hause und kackt sich genau dann an, wenn mein Abendessen am Tisch neben seinem Bett steht. Debreziner mit Schenf.
Er ist ein netter alter Mann, der nie Besuch bekommt. Die Schwestern hören ihm zu, sind aber oft auch leicht genervt, wenn ich sie mehrmals direkt hintereinander wegen ihm rausläute. Manchmal kommen sie dann mit Verspätung, manchmal gar nicht. Sie haben es nicht leicht mit ihm und ich wundere mich, warum sie ihm nicht z. B. eine Tafel geben, auf die er seine Wünsche aufschreiben kann, oder mit Magnetbuchstaben oder irgendwie so. Vielleicht wollen sie seine Wünsche auch nicht so ganz genau kennen.

Da ist dieses kleine Batzerl Gips auf meiner vierten Zehe, das geht mir seit drei Tagen auf die Nerven. Jetzt endlich kann ich mich genug bewegen, um es zu erwischen. Ein Spitzenerfolg!

Ganz deutlich sind mir die Worte des Oberarztes im Ohr, dass ich kacken können muss, um rauszudürfen. Den genauen medizinischen Hintergrund kenne ich nicht (man darf einem Oberarzt auch nicht zu viele Fragen stellen, er hat schließlich immer wichtigere Dinge zu tun als das, dazu noch später), aber das ist auch egal, das Ergebnis zählt.
Nun stellt sich das Problem, wie ich das bewerkstelligen soll.
Erste Methode: Warten, irgendwann kommt alles von allein.
Das ist nicht so eine brillante Idee, weil auf irgendwann kann ich nicht warten, ich will ja nach Hause.
Zweite Methode: Ein orales Mittel, schlucken und ca. 7 Stunden später geht dann eventuell was.
Das ist auch nicht so super, weil das wäre dann um ein Uhr früh und ich müsste noch mehr trinken und dann wäre es nicht sicher.
Dritte Methode: NeinneinneinichwillkeinZapferlHilfekeinZapferlflutsch…au!
Nie oder fast nie ist eine Schwester anwesend, wenn man gerade eine braucht. Und nun, bei der Erörterung der verschiedenen Methoden der Stuhlgangsbeschleunigung stehen gleich drei Stück kichernd in der Türe.
Mit einem Handschuh bewaffnet mache ich mich an die Arbeit, nachdem ich die Schwestern überreden konnte, die Türe zu schließen.

Die Maschine. Man könnte sie auch als Moloch, Mechanismus oder Organismus beschreiben, Maschine passt aber ganz gut.
Bei der Ankunft wird man durch eine Schleuse aufgenommen und dann mittels verschiedener Vorgänge in die Maschine integriert.
1. Einstufung, z. B. als Arzt, Patient, Zulieferer etc.
2. Datenerfassung, ich z. B. war der Fall Nr. 109S081777. Man bekommt ein Armband und behält es bis zum Schluss.
3. Die Anamnese: Problem, Versicherung, Akutheit etc. Dadurch wird man in einen bestimmten Maschinenweg gepresst, z.B. Unfallaufnahme – Röntgen – Gipszimmer – Entlassung. Oder es geht weiter – wie in meinem Fall – mit Ultraschall – Station – Schockraum – Station – CT – Station – Gipszimmer – Röntgen – Station – Entlassung.
Am Ende wird man von der Maschine wieder ausgespuckt, nach unzähligen Formalitäten. Bei mir zog sich das über den gesamten Vormittag hin, ich bekam nach der Visite einen Gehgips und noch ein Röntgen und wartete dann fast eine Stunde auf meinen Rücktransport. Irgendwann kam der Oberarzt vorbei und erbarmte sich meiner. Dann war der Transport binnen einer Minute da und auch die Entlassungspapiere waren binnen knapp 2 Stunden fertig.

Wieder draußen zu sein war gar kein schlechtes Gefühl.
Außerdem hab ich einen ganz tollen „Scotchcast“-Gips bekommen:

gips.jpg

Bild: Gips

Todesurteil für Anlagebetrug in China

Ich zitiere die Kleine Zeitung vom 6. August 2009:
„Wegen Anlagebetrugs in Millionenhöhe sind zwei Geschäftsleute in der Volksrepublik China zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die beiden hatten laut einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua hunderte Anleger insgesamt um umgerechnet rund 90 Millionen Euro betrogen. Der Betrug habe nach Erkenntnis der Justiz die „soziale Stabilität“ des Landes schwer beeinträchtigt, hieß es in der Pekinger Agenturmeldung vom Donnerstag. Die Urteile seien am Mittwoch vollstreckt worden.“

Darunter gibt es einige Leser-Kommentare, die von „traurig“ bis „bei uns wird so ein Gesindel noch mit einer fetten Abfertigung belohnt“ reichen.

Übrig bleibt die Frage, was bei uns in der „westlichen“ Welt tatsächlich bestraft wird und auch wie. Diese Diskussion wird es wahrscheinlich noch bis zum so genannten „St. Nimmerleinstag“ geben.

Einen Vorschlag hätte ich: Statt Tötung wäre „soziale Tötung“ eine Möglichkeit. Damit meine ich, dass diejenigen, die uns aus Gier und Arroganz das Geld aus der Tasche ziehen und nachher auch noch behaupten, sie hätten nichts gewusst und auch nichts geahnt und sich auch nichts dabei gedacht, zumindest nicht noch gefeiert und belohnt werden. Lasst sie den Schaden wieder gutmachen, auf irgend eine Art abarbeiten, aber gebt ihnen bitte keine Möglichkeit mehr, auf unser Geld zuzugreifen, in keinster Weise!

Ich bin auch dafür, die Namen derer zu nennen, die aus unserem Steuergeld den Herren Huber, Ötsch (stellvertretend genannt für viele andere) die Millionen zuschaufeln (tun die das immer noch? Ich vermute – warum sollten sie auch aufhören damit?) Wo sitzen die, in welchem Ministerium, in welcher Gesellschaft? Dort liegt die eigentliche Fahrlässigkeit. Die Gier derer, die nehmen, was sie bekommen können, kann ich noch eher verstehen als die vollständige Verantwortungslosigkeit dieser Herren.

Wie würden die dreinschauen, wenn sie sich einmal dem Volkszorn der Geschädigten aussetzen müssten, und sei es nur „modern-zivilisiert-human“ (warum schreibe ich das nur so ungern?) auf mediale Art und Weise?

Sustainable World Congress – Eine Rückschau

Letzte Woche Donnerstag und Freitag fand in Schloss Grafenegg bei Krems der Kongress statt, der vom Betreiber des „Save the world-Award“ Georg Kindel ins Leben gerufen und von Debbie Grumberg hervorragend organisiert wurde.

Gleich zu Beginn gab es eine Ansprache des Landeshauptmanns Erwin Pröll und es war wieder sehr erstaunlich, wie pointiert, staatstragend und ausdrucksvoll er sprach – ohne auch nur das Geringste zu sagen. Das war Politiker pur, sein Umweltlandesrat Dr. Stephan Pernkopf tat es ihm wenig später nach, auch hier keine Festlegungen, kein Funke an Selbstkritik oder Ähnliches.
Ich erlaube mir hier generell für Reden anzumerken: Sie gefallen mir nicht, wenn sie 1.) zu tragend-pathetisch sind, 2.) zu allgemein und 3.) ohne jegliche Selbstkritik.

Ganz anders der Einstieg der Nobelpreisträgerin Betty Williams, die ebenfalls einen der Startvorträge hielt und gleich zu Beginn alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufforderte, aufzustehen und den jeweiligen Nachbarn zu umarmen (ein herrliches Bild, wie sie Erwin Pröll innig umarmte, sein leicht gequältes Lächeln…) – gefolgt von ihrem Resümé: „Arms are for hugging, not for killing!“

Der Vortrag von Prof. Kromp-Kolb, einer Klimaforscherin, war sehr interessant, hier ihre zentrale Aussage, die uns alle ein wenig aufrütteln sollte: „Ein Überleben der Menschheit können wir uns im Zuge des notwendigen Wirtschaftswachstums nicht leisten!“

Der Schweizer Biologe Wulf berichtete, dass das Aussterben der Arten 100 bis 1000 Mal schneller vor sich geht als noch vor der Zeit der Menschen. Von 30.000 Reissorten würden heute nur 10 weltweit angebaut – er meint, die zu starke Reduktion der Artenvielfalt aus Gründen des Profits würde uns in Zukunft ernsthafte Probleme bringen, weil nur die Vielfalt eine (von der Natur clever ausgedachte) Möglichkeit der Krisenprävention darstellt.

Dr. Jan Sendzimir, Wissenschafter, berichtete, dass „virtual water“ in Zukunft eine wesentlich größere Rolle spielen werde als bisher – damit ist jenes Wasser gemeint, das tatsächlich zur Herstellung von Ge- und Verbrauchsgütern notwendig ist.
Ein Beispiel: Die Erzeugung eines Hamburgers verbraucht 2.500 Liter, ein T-Shirt 2.000 und ein halber Liter Milch 250 Liter Wasser.
Äußerst interessant seine Ausführungen bezüglich der Re-Kultivierung des Afrikanischen Landes Niger, das direkt an der Sahel-Zone liegt. Dort erholt sich die Natur in erstaunlichem Ausmaß, da man alte Kultivierungs- und Bewässerungsmethoden aus der Zeit vor der französischen Kolonisation wieder aktivieren konnte – mit enormem Erfolg. Bäume wachsen in großer Zahl, der Anbau von Gemüse und Getreide ist wieder möglich sowie Viehzucht – und das alles in einer Gegend, die zunehmend zur Wüste werden sollte…

Robert Slameczka, Vorstandsmitglied von respACT, zeigte uns ein Bild von Schachspielern, grübelnd über ihre Bretter gebeugt, scheinbar nachdenkend. Slameczka: „Das Bild trügt. Kein Schachspieler denkt jemals nach. Die denken alle VOR.“ Sein Appell: Nicht nachdenken, mehr vordenken, und dazwischen ein wenig Umdenken!

Nach einem spannenden Vortrag von Vandana Shiva, der Trägerin des Alternativen NObelpreises, bei dem sie berichtete, wie sie den Agrarmulti Monsanto in die Knie zwingen konnte, kam als Höhepunkt des ersten Tages der tolle Vortrag von Michael Braungart, seines Zeichens Erfinder des Cradle-to-Cradle Systems.
Er zauberte uns pointiert eine tatsächlich neue Sichtweise auf die Frage der Nachhaltigkeit: „Ich halte nichts von Nachhaltigkeit – wenn mich jemals wer fragt, wie die Beziehung zu meiner Frau ist, und ich antworte: nachhaltig! – dann lasse ich mich scheiden!“
Braungart entwirft eine spannende Weltsicht – nicht nur aus seiner Sicht als Chemiker, sondern durchaus gesamtökonomisch und gesamtökologisch gesehen: Aus Abfall werden Rohstoffe, direkt angelehnt an das Vorbild Natur, wo es Abfall in dem Sinn gar nicht gibt. Holland hat diesen Ansatz bereits ins Regierungsprogramm geschrieben und auch in Österreich gibt es eine Anzahl von Betrieben, die modern genug sind und weit genug in die Zukunft zu denken bereit sind, um diese Idee in ihr Denken und Handeln einzubeziehen.
Sein Resümé: Ich will einen MÖGLICHST GROßEN ökologischen Fußabdruck hinterlassen – aber einen NÜTZLICHEN!

Dazu noch abschließend ein Buchtipp: Braungart Michael – „Einfach intelligent produzieren: Cradle to cradle: Die Natur zeigt, wie wir die Dinge besser machen können. Gebrauchsanweisungen für das 21. Jahrhundert“
Mein Kommentar dazu: Dort liegen die Investitionsmöglichkeiten der nächsten Jahre und Jahrzehnte!

Grasser, Molterer… mir ist zum Speiben!

Ich habe die Diskussion der letzten Tage beobachtet und finde es extrem widerlich, dass jeder die Verantwortung auf den anderen schiebt: Grasser meint in der ZIB2, dass es unter ihm keine Verluste gegeben hätte, Molterer wiederum hat nur das fortgesetzt, was Grasser gemacht hat etc.

Es wäre an der Zeit, dass sich die ehrenwerten Herren einmal an der Nase nehmen und eingestehen, dass sie aus Gier, Unwissenheit und Druck von woher auch immer (woher eigentlich?) das Geld der Steuerzahler verspekuliert haben.
Andererseits: Es war ja nicht ihr Geld! Mit dem Geld anderer Leute spekuliert es sich viel einfacher, vor allem, wenn die gar nichts davon wissen.

Mein Vertrauen in die österreichische Finanz und Politik ist nachhaltig gestört. Ich will auch die schmierigen Ausreden der Herren nicht mehr hören!

Ich will, dass die hochbezahlten Politiker endlich Verantwortung übernehmen.

Ich will ein Gesetz, dass es verbietet, mit Steuergeldern zu spekulieren – egal in welcher Form!

Ich sch… auf hohe Zinsen, ich will mein Geld behalten!