Zur Bundespräsidentenwahl

Ich stimme den Analysten zu, die der Meinung sind, dass es bei dieser Wahl nicht nur um den Bundespräsidenten ging, sondern auch um eine Art Abrechnung mit der Regierung. Punkto Kandidaten gab es früher schon unsympathischere, die trotzdem gewählt wurden – man denke nur an den „Grantscherm“ Waldheim.
Ich möchte diesmal gar nicht so viel schreiben, sondern auf einen für mich sehr wichtigen Artikel meines geschätzten Kollegen Michel Reimon verweisen, der die Ursachen der derzeitigen Politiklandschaft Österreichs gut erklärt:

zum Artikel

Was passiert, wenn Hofer gewählt wird? Wir wissen es nicht – so einfach ist das. Aber die Prognosen haben manchmal schon alptraumhafte Ausformungen, wie etwa Hans Rauscher im Standard ausführt:

http://derstandard.at/2000035797740/Wir-werden-uns-wundern-was-wir-sehen-werden?ref=article

Zur Abrechnung mit der Regierung gibt es eine interessante Analyse von Sybille Hamann:

zum Artikel

Und für das, was passieren kann, wenn wir einen Rechtsextremen wie Hofer wählen, gibt es ebenfalls schon ein Szenario. Es ist ein Artikel auf Facebook, und da nicht alle in diesem sozialen Medium unterwegs sind, habe ich es kopiert und stelle es hier zur Verfügung. Es ist von Peter Pilz:

DAS BLAUE WUNDER
Clemens Jabloner ist als ehemaliger Präsident des Verwaltungsgerichtshofs ein hoch angesehener, überparteilicher Jurist. Profil zitiert ihn: „Es braucht nur das politische System ins Wanken zu geraten, und schon stehen die Kompetenzen des Bundespräsidenten im Brennpunkt des Geschehens. Sie sind so gewichtig, dass er die Republik jederzeit mit vier aufeinanderfolgenden Entschließungen in eine ganz andere Lage bringen kann. Dazu hätte er bloß mit der ersten Entschließung die gesamte Bundesregierung zu entlassen, mit der zweiten eine ihm genehme Person als Bundeskanzler zu bestellen, mit der dritten auf Vorschlag dieses Bundeskanzlers die übrigen Bundesminister und mit der vierten auf Vorschlag dieser neuen Bundesregierung die Auflösung des Nationalrats zu verfügen.“
Norbert Hofer ist als Kandidat der FPÖ ein weithin bekannter Amtsanwärter. Vor dem ersten Wahlgang sagte er es in aller Offenheit: „Sie werden sich noch wundern, was einem Bundespräsidenten alles möglich ist!“
Wer die Bundesverfassung mit freiheitlichen Augen liest, findet die Elemente eines möglichen Plans in sechs Monaten und neun Stufen:

1. 22. Mai 2016: Norbert Hofer wird zum Bundespräsidenten gewählt.

2. September 2016: Bundespräsident Hofer zitiert den Kanzler zu sich und fordert ihn auf, die Flüchtlingskrise zu lösen.

3. Oktober 2016: Bundespräsident Hofer stellt fest, dass die Regierung in der Flüchtlingskrise weiter versagt und stellt dem Kanzler ein Ultimatum.

4. November 2016: Bundespräsident Hofer erklärt, dass die Regierung in der Flüchtlingskrise handlungsunfähig sei und entlässt gemäß Art. 70 B-VG die gesamte Bundesregierung.

5. November 2016: Daraufhin beauftragt Bundespräsident Hofer seinen Parteichef HC Strache mit der Regierungsbildung.

6. November 2016: Die ÖVP weigert sich, mit Strache und dem Rest des Teams Stronach auf diesem Weg eine Regierung zu bilden.

7. Dezember 2016: Daraufhin schlägt Strache eine rein freiheitliche „Expertenregierung“ vor.

8. Diese Regierung wird nur einmal tätig: Sie schlägt dem Bundespräsidenten vor, die Auflösung des Nationalrats zu verfügen.

9. Bundespräsident Hofer löst nach Art 29 Abs 1 B-VG den Nationalrat auf.

Hofer selbst hat in einem Gespräch mit den Vorarlberger Nachrichten bereits am 3. März 2016 genau diesen Plan begründet:

VN: Wenn Sie die Wahl gewinnen, werden Sie die Regierung „wegen Unfähigkeit“ entlassen, wie Sie es angedeutet haben?
HOFER: Das wird nicht notwendig sein. Wenn ich in die Stichwahl komme, werden sich Neuwahlen abzeichnen.
VN: Sollte es keine Neuwahlen geben, würden Sie die Bundesregierung entlassen?
HOFER: Das hängt davon ab, ob sie in der Lage ist, in den nächsten Monaten ihren Kurs komplett zu ändern.
VN: Würde sie bei ihrem Kurs bleiben, würden Sie sie entlassen?
HOFER: Wenn die Regierung bei ihrem Kurs bleibt, in der Flüchtlingsfrage, bei der Pflege, der Wirtschaft und den Spitälern, würde ich ein Gespräch mit ihr führen. Wenn das nicht taugt, steht am Ende die Entlassung an.
Ein freiheitlicher Bundespräsident und ein freiheitlicher Parteichef lösen gemeinsam einen für fünf Jahre gewählten Nationalrat gegen den Willen der Mehrheit vor der Zeit auf. Auf diesem Weg haben Hofer und Strache die Tapetentüren der Bundesverfassung genützt – und dabei kein einziges Gesetz gebrochen.
Am 22. Mai wird nicht nur zwischen zwei Kandidaten abgestimmt. Da geht es nicht nur um Europa, Menschenrechte und eine politische Kultur des Dialogs und der Integration. Die Schlüsselfrage lautet: Soll die FPÖ am 22. Mai die Möglichkeit zur Auflösung des Nationalrats bekommen?
Wer das will, wird Hofer wählen und dafür sorgen, dass bald beide Seiten des Ballhausplatzes in den Händen der FPÖ sind. Dann erleben wir unser blaues Wunder, ganz demokratisch, im Rahmen unserer Verfassung.

Wer das nicht will, hat ja schließlich die Wahl. Zumindest noch am 22. Mai.

Saturday Night Freezing

Ein tadelloser Abend – ich treffe mich mit Bernhard im Bettler um ein wenig über die letzten zwei Wochen zu plaudern und ein Bierchen zu trinken. Die Honda bringt mich problemlos wie immer in die Johannesgasse, abstellen, Zeug ins Topcase, rein in´s Lokal.

Moment, wo ist der Honda-Schlüssel? Ich hab ihn abgezogen und das Topcase aufgesperrt und ihn dann dort auch abgezogen und eigentlich müsste er in der Hosentasche sein, dort steck ich ihn nämlich immer ein.
Ist er aber nicht.
Wo dann?
Shit.

Im Topcase. Und das ist zu. Wie krieg ich das jetzt auf? Mit dem Schlüssel. Shit.
Allerdings lass ich mir davon den Abend nicht verderben, denn ich kann ja morgen die Honda abholen und außerdem kann ich dann heute entweder mit Car2Go heimfahren oder mit der Bim – die Öffis funktionieren ja immer vorbildlich, Dank an die rot-grüne Stadtregierung.
So muss ich auch nicht darauf achten ob ich ein Bier mehr oder weniger trinke. Fast bin ich mir selbst dankbar, dass ich den depperten Schlüssel eingesperrt habe.

Was ich allerdings noch eingesperrt habe, sind der Haus- und der Wohnungsschlüssel. Die sind nämlich in der Jacke. Und die ist im Topcase. A pro pos Jacke – es ist Dezember und ich hab grad mal ein dünnes Hemd an. Mehr brauch ich auch nicht. im Lokal.
Geh leck!

Auch davon lass ich mir den Abend nicht verderben, denn meine Nachbarin hat einen Schlüssel von meiner Wohnung und den kann ich von ihr abholen, wenn ich heim komme. Oder sie legt ihn mir im Haus irgendwo hin und ich sperre mit dem Hausschlüssel auf, der im Schlüsselsafe ist. Alles kein Problem. Außer die Nachbarin ist bei ihrem Freund in Scheibbs.
„Servus Erika. Bist du in Wien?“
„Nein, in Scheibbs.“
(Ich wollte jetzt schon „Scheiße“ schreiben, aber die Political-Correctnes-Green-App hat das verhindert und statt dessen „Scheibbse“ vorgeschlagen. Auch recht.)

Erika könnte auch in Nebraska sein – wurscht, auf jeden Fall hab ich jetzt keinen Wohnungsschlüssel, denn den anderen hat mein Vater. Der ist nicht in Scheibbs, sondern in Kenia.
Wurscht, mit so was lass ich mir den Abend nicht verderben.

Glücklicherweise gehen immer Türen auf wenn andere zu gehen. Erika meint, dass ihr Sohn Bernhard heute noch vielleicht im Haus vorbei schauen würde. Also rufe ich ihn an und tatsächlich: er fährt noch vorbei und legt mir den Schlüssel im Haus so hin, dass ich ihn finde.
Vaterland gerettet, Schlacht gewonnen, der Abend ist gerettet.

Okay, so die richtige Mörderstimmung kommt irgendwie nicht auf und um 22.30 beschließe ich den Abend abzubrechen. Mit der App am iPhone ist das nächste Car2Go einfach, bequem und schnell reserviert.
Dem Mailüfterl draußen fehlt es ein wenig an Mai, sprich an Plus-Graden. Ein ordentliches Lüfterl wäre ja vorhanden, eher ein wenig in Richtung schneidig und mit verdammt wenig Mai.
Doch der Weg zum Car2Go ist nur zwei Gassen und ich komme ein wenig unterkühlt dort an. Als ich die Karte an das Lesegerät halte, meint dieses lakonisch „Karte ungültig. Verwenden Sie die App.“

Wieso? Warum? Die Karte hat immer funktioniert! Ihr Ärsche! Was soll das? Ich friere und will heimfahren. Also rufe ich die Notrufnummer und lande in einem Callcenter irgendwo in Norddeutschland. Dort sitzt ein gelangweilter Student und klärt mich auf, dass ich jetzt eine App brauche, die Karte könnte ich mir in die Haare schmieren, sie wäre seit der Umstellung ungültig.
Okay, ich habe die neueste Version der App geladen, sonst hätte ich die Kiste ja gar nicht reservieren können. Außerdem stehe ich in einer Hausecke und friere eher doch ziemlich.
Nach einigem hin- und her meint Norddeutschland, dass ich wohl ein älteres Betriebssystem habe und die notwendige App mit der Funktion „Miete starten“ auf meinem Handy nicht funktionieren würde. Ich könnte ja ein neues Betriebssystem laden und dann die App und dann könnte ich auch Car2Go wieder nützen.
Was mir nix nützt, jetzt hier an der eisigen Hausecke im dünnen Hemd.

In diesem Augenblick hat mich Car2Go als Kunde verloren, denn ich werde mir kein neues Handy kaufen, nur um Car2Go nützen zu können. Norddeutschland bedauert das zwar, kann mir aber leider nicht helfen und ich sattle um auf Öffi-Heimtransport. Rot-grün ermöglicht mir jederzeit auf das teure Taxi zu verzichten und einen Fahrschein hab ich auch eingesteckt, für Notfälle. Also für jetzt.
Der Ring ist nicht weit und ich kann dort in die nächste Bim steigen, die mich zum Schottentor bringt. Von dort geht der 40er oder der 41er bis zum Kutschkermarkt. Dann ist es nur mehr fast so weit wie bis zum Nordpol. Also sommerhemdtauglich. Fast.

Am Ring bemerke ich, dass die einzige Bim, die hier fährt, der „2er“ ist und der fährt nach Ottakring, wo ich eher nicht hin will. Außerdem kommt er erst in 8 Minuten und bis dorthin bin ich ein durchgefrorener Eiszapfen, der umfallen und laut klirrend am Trottoir zerschellen wird.
Und ich muss Lulu. Und zwar bald. Genau genommen eher sehr bald.
Das ist jetzt irgendwie blöd, denn das nächste Beisl mit an Häusl is halt irgendwo, nur ned bei der Linie zwo… (Frei nach der Kurt Gober Band).

Ich betrete das Cafe Schwarzenberg und beschließe „schwarz“ auf´s Klo zu gehen, also ohne im Lokal was zu konsumieren. Das ist deswegen kein Problem, weil ich ja nur ein Hemd anhabe und daher wirke wie ein Gast. Außerdem heiße ich „Schwarz“ und was soll da schon passieren?
Nun, mir könnte z.B. die Brille anlaufen, weil es herinnen warm und draußen sehr kalt ist. Dann finde ich das Klo nicht, denn mit angelaufener Brille sehe ich nix und ohne Brille auch nicht. Und komisch schaut es auch aus, so als Gast, dem urplötzlich die Brille anläuft.
Warten bis die Brille de-kondensiert geht auch nicht, weil dann fährt mir die Bim davon.

Mich beschleicht der Verdacht, dass das irgendwie nicht mein Abend wird und es doch keine sooo gute Idee war den Schlüssel im Topcase einzusperren.
Aber der Klogang verläuft ohne weitere Zwischenfälle und ich erwische auch die Bim, die mich nach einer Station in Richtung U2 entlässt, mit der ich zum Schottentor komme. Es dauert zwar ein wenig, dafür ist es in den U-Bahn-Schächten nicht so eisig und ich erreiche die Umsteigstelle ganz locker und easy. Außerdem entdecke ich, dass ich von dort mit dem 40A fahren kann, der mich fast bis nach Hause bringt.

Das Schild an der Station zeigt „15 Minuten“ Wartezeit an. Shit! Das überlebe ich nicht, schließlich heiße ich weder Amundsen noch Scott und bin nicht polarmäßig ausgerüstet.
Also umdrehen, wieder hinunter zur U-Bahn und die ganze Station zurück latschen bis zum Jonas-Reindl. Dort kündigt sich ein 41er an, der in drei Minuten da sein soll. Ich wähle diese Option und werfe den Passanten böse Blicke zu, weil sie so aussehen, als würden sie sich darüber lustig machen, dass da einer frierend im Hemd steht. Es geht nichts über eine kleine, feine Privatparanoia.

Der 41er bringt mich bis zum Kutschkermarkt, von dem ich es nicht mehr weit nach Hause hab. Also, zumindest bisher war das so, im Mai oder im August. Jetzt pfeift eine steife Brise durch die kalten, grauen Häuserschluchten und ich wäre gern schon daheim.

Aber auch das geht vorbei, ich nehme den Haustorschlüssel aus dem Schlüsselsafe und hole den Wohnungsschlüssel aus dem Versteck, in dem Bernhard ihn deponiert hat. Stiegen hinauf, Gittertüre aufsperren, Wohnungstüre aufsperren und schon bin ich in meiner warmen, gemütlichen Wohnung.

Leider sperrt der Schlüssel nur das Haustor und nicht das neue Gittertor. Es gibt nämlich zwei verschiedene Haustorschlüssel und ich hab den falschen.

Oidaaaaa!
Also rufe ich meinen Nachbarn Christian an, denn der kann rauskommen und mir aufsperren. Außer er ist nicht daheim oder die Mailbox ist aktiv.
Oidaaaaa!

Während ich noch einmal Bernhard anrufe, kommt mir die Idee, dass am Schlüsselsafe-Schlüssel ja auch ein Haustorschlüssel drauf ist, und zwar der, mit dem ich gerade das Haustor aufgesperrt habe.
Jetzt wird es spannend: Sperrt er auch das Gittertor?

Er tut es. Und ich komme in meine warme, gemütliche Wohnung und kann diese Geschichte in die Tasten tippen. Schließlich lass ich mir ja nicht den Abend verderben. Saturday Night Freezing!

Der Währinger Wahlkrimi

Als letztes Jahr im Herbst die ersten Vorüberlegungen zur nahenden und doch noch so fernen Wien-Wahl auftauchten, meinten Silvia und Marcel, dass wir diesmal die Stimmenmehrheit in Währing schaffen könnten. Dieser Gedanke war elektrisierend, wagemutig, hoffnungsvoll und irgendwie geil.
Es wurde aber auch schnell klar, dass wir dazu einen wirklich guten Wahlkampf führen müssen und dass das sehr viel Arbeit bedeutet. Und natürlich ist es mit dem Risiko verbunden, dass wir es eventuell nicht schaffen. Dann wäre der gesamte Aufwand mit einem Schlag umsonst, denn für den zweiten Platz gibt es nichts, rein gar nichts – außer einen Bezirksvorsteher-Stellvertreter, na ja – okay, aber nichts, gar nichts im Vergleich zur mächtigen Bezirksvorstehung.

Es war in den internen Diskussionen auch schnell klar, dass der aktuelle Bezirksvorsteher, Karl Homole, wohl nicht leicht zu besiegen ist. Seit fast 25 Jahren im Amt, ein alter Fuchs, durchaus mit allen Wassern gewaschen und laut Silvia ein guter Wahlkämpfer.
Alles in allem eine echte Herausforderung, die wir nur mit viel Arbeit, noch mehr persönlichem Engagement und einem Quentchen Glück würden bewältigen können.

Wir beschlossen sie anzunehmen und machten uns sofort an die Arbeit. Viele Monate intensiver Vorbereitung folgten und im Frühjahr begann dann der Wahlkampf – zuerst etwas zäh, dann mit einer Sommerpause, in der wir zwar einige „Standln“ und ein paar kleinere Aktionen setzten, mehr aber auch nicht.
Was aber auch kam war die syrische Flüchtlingskrise mitsamt den bekannten Auswirkungen auf ganz Wien. Die Landesorganisation der Grünen fand darauf keine Antwort und wir wussten, dass dies unsere Chancen nicht gerade verbesserte.

September und die wenigen Tage bis zum 10. Oktober waren mit unzähligen Aktionen gepflastert, durchgeführt von einer wirklich guten, ausreichend großen und schlagkräftigen und sehr motivierten Truppe. Wir kämpften bis zum frühen Nachmittag am Samstag, um dann mit flauem Gefühl in den Wahlsonntag zu starten.
Und jetzt steigen wir hier live in den spannendsten Krimi ein, den ich je live erleben durfte.

Es ist Sonntag 16 Uhr und ich steige unter die Dusche, um rechtzeitig um 16:40 in meinem Wahllokal zu sein. Dort werde ich nicht nur wählen, sondern auch Wahlzeuge sein. Ich habe einen Eintrittsschein, der mich dazu berechtigt als Zeuge bei der Wahl und der anschließenden Auszählung in einem (übrigens auch meinem) Sprengel anwesend zu sein. Sonstige Rechte oder Pflichten habe ich nicht.
Also fülle ich meine Stimmzettel aus und melde mich dann bei der Leiterin der Wahlkommission. Diese hat mich nicht mehr erwartet und bereits als „nicht erschienen“ vermerkt. Sie ist aber sehr nett und macht das rückgängig, worauf ich auf einem Sessel Platz nehme und die letzten Wähler beobachte, die kurz vor Wahlschluss noch schnell ihre Stimme abgeben. Die Wahlbeteiligung, so erfahre ich, wäre diesmal ausgesprochen hoch und man erwarte etwa 500 Stimmen, die auszuzählen wären.
Ob die Wahlzeugen zum Auszählen eingeladen werden, liegt an der jeweiligen Leitung der Wahlkommission. Ich biete meine Dienste an (irgendwie wäre nur zuschauen fad und auch sinnlos) und schon geht es los: Urne öffnen, Kuverts schlichten, dann öffnen und mit dem Auszählen beginnen. Die anderen 6 Leute sind allesamt nett und freundlich und es rennt sogar ein guter Schmäh, zu dem ich ein wenig beitragen kann.
Als die Gemeindestimmen ausgezählt werden, wird sehr schnell deutlich, dass die SPÖ extrem vorne liegt. Ein erstes, ganz zart ungutes Gefühl stellt sich ein, aber es handelt sich um die Gemeinderatswahl und dass die an die SPÖ gehen würde, war klar. Das Scheinduell mit der FPÖ war ein ebensolches, nicht nur hier in Währing.

Wir arbeiten gut und flott und dann sind wir schon bei der Bezirksvertretungswahl. Jetzt wird es spannend, und zwar richtig. Die Stapel wachsen, die FPÖ fällt immer weiter zurück, auch die ÖVP schwächelt ein wenig, aber SPÖ und Grüne wachsen beständig. Dann werden die Stapel ausgezählt. Grün, rot, grün, rot – beide Stapel erscheinen – in Zehnerblöcke sortiert – gleich hoch. Die Auszählung ergibt eine Abweichung zur Liste, also muss noch einmal nachgezählt werden. Die Spannung bei mir steigt, ich zähle vorsichtshalber die SPÖ aus und nicht die Grünen, um jeden Unregelmäßigkeitsverdacht auszuräumen (den es eh nicht gibt, man vertraut sich hier, was sehr angenehm ist und nicht in allen Wahlkommissionen so abläuft).

Schließlich ist das Ergebnis da und ich notiere es auf einem kleinen Kartonstück:

karton.jpg

Stimmengleichheit mit der SPÖ. Na prack. Und das in einem Sprengel, der bei der letzten BV-Wahl 2010 grün war – ich weiß zwar nicht wie viel, aber grün. Und jetzt das.
Ich greife zum Telefon und rufe Silvia an, denn wir haben vereinbart, dass alle Wahlzeugen ihre Sprengel-Endergebisse abliefern, damit wir eine erste Einschätzung bekommen.
Andreas ist am Telefon und meint, auch in den anderen Sprengeln sei die SPÖ sehr stark, eigentlich sogar ziemlich vorne. Ich bekomme wackelige Knie und kann es nur schwer fassen. Die Roten waren im Wahlkampf nahezu nicht präsent und im Bezirk die letzten fünf Jahre auch nicht wirklich. Ich hatte schon im oben erwähnten Herbst bei den ersten Vorgesprächen meine Sorge geäußert, dass die Roten die lachenden Dritten sein könnten. Dem wurde heftig widersprochen: das würde nicht passieren, sie wären so schwach, dass da keine Gefahr vorhanden wäre.
Doch jetzt ist alles anders, der Spin der SPÖ, die Gewissheit, dass wir Stimmen an die Roten verlieren würden, und möglicherweise nicht zu knapp.
Ich wanke nach Hause und beschließe, gleich zur Wahlparty der Grünen in den Volksgarten zu fahren. Fahrrad oder Roller? Ich entscheide mich für den Roller, ich bin einfach zu müde zum Radfahren und irgendwie auch zu bequem.

Im Volksgarten erwartet mich eine seltsame Stimmung, laute Musik und ich bin so ziemlich der Einzige mit einer grünen Jacke. Alle anderen in „zivil“ und ich beginne zu ahnen, dass das nicht mein Abend wird – nicht hier, nicht heute.
Andreas und noch ein paar andere aus Währing erscheinen, überall lange Gesichter. Wir wissen zwar noch nicht wirklich was konkretes, aber es dürfte die SPÖ vorne liegen. Ich erkundige mich nach der Einschätzung von Silvia und höre, dass sie noch vorsichtig optimistisch ist. Das beruhigt mich aber nicht und auch die Tatsache, dass das kleine Bier hier um 4,80- Euro ausgeteilt wird und es auch nur ein teures Buffet gibt, bessert meine Laune nicht gerade. Hier treffen sich heute all die Kämpferinnen und Kämpfer aus 23 Bezirken, die wochen- oder sogar monatelang unbezahlt geschuftet haben, und dann gibt es nicht einmal ein paar Würstl oder einen Willkommensdrink.
Die ersten Hochrechnungen sind schon da und ich bin mit dem Ergebnis der Grünen auf Gemeindeebene gar nicht unzufrieden – interne Prognosen hatten etwas von „Abfallen bis 10%“ geraunt, nun würde es ungefähr ein Prozent Verlust geben. Das halte ich für okay, den Umständen folgend sogar für sehr okay.
Hier ist übrigens das Gemeinde-Endergebnis (Quelle alle Statistiken: wien.gv.at)

krimi01.jpg

Aber eigentlich interessiert es mich nicht sehr, denn meine Sorge gilt Währing. Dann treffen Alexander aus der Josefstadt und Barbara aus Wieden ein. Sie wissen schon, dass sie im Bezirk verloren haben. Beide waren auf Bezirksebene unsere stärksten Hoffnungsbezirke und es war irgendwie klar, dass sie die Bezirksvorstehung holen. Und jetzt ist es aus und vorbei. Für beide. Mir tut das sehr leid, denn ich mag sie und habe sehr gehofft, dass sie es schaffen.
Auch die anderen Hoffnungsbezirke würden es wohl nicht schaffen: Mariahilf und Alsergrund liegen hinten, von der Inneren Stadt ganz zu schweigen.

Meine Stimmung sinkt rapide und mich ärgert die laute Diskomusik und dass ein Haufen junger Grüner auf der Bühne stehen und eine halbe Stunde lang auf das Eintreffen der Chefin warten. Sie stehen da im Scheinwerferlicht und langweilen sich. Ich rede noch mit ein paar Freunden, aber die Stimmung wird nicht besser. Ich hasse den Volksgarten seit dreißig Jahren und jedes Mal, wenn ich herkomme, steigert sich das noch.
Ich jammere noch ein paar arme Opfer mit meinem Frust über den scheinbaren Gewinn der SPÖ in Währing an und beschließe dann nach Hause zu fahren. Marcel fragt, ob ich nicht wenigstens die erste Bezirkshochrechnung abwarten möchte, aber ich habe dazu eigentlich keine Lust mehr. Alles rund um mich herum ist irgendwie unfreundlich und ich will auch mit meiner Stimmung nicht über Gebühr abfärben.
Also steige ich auf den Roller und bekomme am Ring eine SMS von Marcel. Ich habe keine Lust sie anzusehen und beschließe eine satte Konderdependenzhandlung zu setzen und mir ein paar fette, garantiert ungrüne Burger beim Schachtelwirt zu holen.

Daheim entdecke ich, mehr oder weniger genussvoll meine Burger und Fritten lutschend, das erste Bezirksergebnis von Währing. Und auf einmal sieht die Sache ganz, ganz anders aus. Währing ist grün, die SPÖ ziemlich geschlagen und auch die ÖVP schon merkbar hinter uns.

krimi02.jpg

Das ist überraschend, das ist komplett jenseits von dem, was ich befürchtet hatte, und es ist jenseits all der Infos, die ich bis dahin hatte.
Hoffnung keimt auf – das könnten wir doch noch schaffen!
Soll ich noch einmal in den Volksgarten fahren? Nein, das ist heute dort nicht meine Party, warum auch immer. Ich beschließe hier zu bleiben und im Internet die weitere Entwicklung zu beobachten. Noch sind erst 14 von 41 Sprengel ausgezählt, und da die Ergebnisse wahlsprengelweise eintrudeln, ist hier noch überhaupt nichts entschieden, auch wenn meine Hoffnung ständig wächst.
Auf Facebook treffen die ersten Gratulationen ein, die ich nur mit „zu früh“ beantworte.

Und dann kippt es auf einmal. Mit jeder neuen Grafik wächst der Balken der ÖVP, sie zieht unaufhaltsam an uns vorbei.

krimi03.jpg

Ich bin geschockt und frage mich, was da los ist. Ein SMS an Marcel soll helfen. Der schreibt zurück „Geduld“ – aber ich habe keine Geduld. Wofür soll ich Geduld haben? Ich bin ungeduldig, wenn es um solche Dinge geht.
Der Abstand beginnt wieder zu schmelzen, aber er bleibt auf einem Niveau, das in mir keine guten und schon gar keine hoffnungsfrohen Gefühle auslöst. Warum kann das nicht noch einmal drehen, das hat doch vorher zu unseren Ungunsten auch funktioniert?

Irgendwann so gegen ein Uhr nachts beschließe ich schlafen zu gehen. Ich bin müde und heute würde sich nichts mehr verändern. Die Wahlkarten würden das Rennen morgen entscheiden. Gute Nacht!

Der nächste Morgen. Ich hab nicht gut geschlafen. Als ich den Computer aufdrehe, plötzlich die Überraschung: Wir sind vorne!

krimi04.jpg

Ich habe keinen blassen Tau, wie das funktionieren konnte. Als ich schlafen ging, waren 40 von 41 Sprengel ausgezählt. Die Frage, warum das überhaupt so unglaublich lange gedauert hat, wurde mir erst viel später beantwortet (spannend, vor allem weil wir selbst mit der Bezirksstimmenauszählung um 19 Uhr fertig waren): Es hängt vom jeweiligen Leiter der Wahlkommission ab. Manche sind locker, andere pingelig. In diesem Fall hatte ich eine sehr lockere Dame, Robert hatte in der großen Wahlkommission einen schwer überforderten Pedanten und daher mussten sie manche Arbeitsschritte mehrfach tun, sinnloserweise.
Nun keimt wieder Hoffnung auf. Das können wir schaffen. Allerdings fehlen noch die Wahlkartenstimmen und da hat uns die ÖVP das Ergebnis bei der Nationalratswahl noch umgedreht – so um ca. 90 Stimmen. Das ist nichts, das ist gar nichts für einen Bezirk mit über 30.000 EinwohnerInnen, und genau deswegen tut es umso mehr weh.
Jetzt heißt es warten und zwar ziemlich lange. Robert hat gemeint, die Auszählung würde um 12 Uhr beginnen und so ca. 2,5 bis 3 Stunden dauern. Allerdings hat er das vorgestern gesagt und da wusste er noch nix vom Wahlkommissionsleiter.
Ich hasse warten. Deswegen suche ich mir sinnvolle und weniger sinnvolle Beschäftigungen: Ein wenig Vespazangeln, Geschirrwaschen oder Bügeln. So vergeht die Zeit und Robert schickt irgendwann die Nachricht, dass sie jetzt mit der Auszählung beginnen.
Die Spannung steigt. Ich sage mir mehrfach, dass ohnehin alles schon gelaufen ist, denn das Ergebnis steht ja seit gestern 17 Uhr fest. Wir wissen es halt noch nicht, aber es gibt genau genommen überhaupt keinen Grund zur Nervosität. Das ist logisch und leuchtet mir ein.
Leider zählt Logik für den Bauch, wo die Emotionen entstehen und damit auch die Nervosität, genau original überhaupt nichts. Rein gar nichts. Daher werde ich immer nervöser, esse ein wenig, habe aber keinen Appetit und beschließe, den Sonnenschein auszunützen und einen Spaziergang zu machen. Am besten in den Türkenschanzpark, das ist nicht allzu weit und mein Handy nehme ich mit. So kann ich jederzeit die entscheidende SMS oder den entsprechenden Anruf bekommen.

Ich plane den Spaziergang auf ein bis 1,5 Stunden und marschiere los. Mit flottem Gehen müsste sich die immer stärker anwachsende Nervosität beseitigen lassen, sie kann quasi meinen schnellen Schritten nicht folgen.
Das funktioniert gar nicht so schlecht. Die Sonne scheint und ich marschiere durch das Cottage bis zum Park. Es ist ein traumhafter Herbsttag, die Luft ist kühl und klar, die Blätter auf den Bäumen beginnen sich einzufärben, nachdem sie Währing den ganzen Sommer über grün eingefärbt haben. Grün eingefärbt – da ist sie wieder, die Nervosität.
Ich erinnere mich, dass ich vor einem Jahr eine schamanische Reise durch den Türkenschanzpark gemacht habe und beschließe, das noch einmal zu tun. Man braucht dazu nur ein Eingangstor (gibt es reichlich im Park) und einen Wunsch, den man für sich formuliert.
Ich wünsche mir, dass Silvia gewinnt. Das ist ein ziemlich fetter Wunsch, aber ich will ihn nicht abschwächen. Plötzlich merke ich, dass meine schamanische Reise schon begonnen hat, obwohl ich noch gar nicht durch das Eingangstor gegangen bin. Das ist so, schamanische Reisen haben ein Eigenleben und lassen sich nur bedingt beeinflussen.
Der Park ist schön wie immer und ich lasse mich einfach treiben. Es gibt gefühlte hundert Abzweigungen, der ganze Park ist ein gestalterisches Meisterwerk mit unglaublicher Vielfalt, für mich der schönste Park in Wien.
Bei einer schamanischen Reise verändert sich die eigene Wahrnehmung. Dinge bekommen plötzlich eine Bedeutung, stechen ins Auge, lassen sich riechen oder ändern schlagartig die eigene Stimmung. Ich versuche an den Gesichtern und Typen der Menschen, die mir entgegen kommen, einen Hinweis auf unseren Wahlsieg zu erkennen. Das funktioniert eher schlecht als recht, aber die die Menschen wirken samt und sonders entspannt und freundlich. Ich beschließe, das einfach als gutes Zeichen einzustufen und marschiere weiter.
Ich bin noch nie so viele Abzweigungen und Runden gegangen, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Die Stimmung ändert sich ständig und auch die Wahrnehmungsformen, von sehen über hören bis riechen – alles ist da und mir durch die letzte schamanische Reise vor einem Jahr auch schon bekannt.

Dann komme ich zum größten Teich im Park und sehe am Springbrunnen einen Regenbogen. Das ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe. Vielleicht ist dieser Regenbogen ja öfter zu sehen, aber für mich ist es das erste Mal. Ich zücke das Handy und mache sofort ein Foto.

regenbogen.jpg

Genau genommen mache ich eher fünf oder sechs Fotos, was mein Handy damit quittiert, dass es sich spontan ausschaltet. Ich weiß, dass das am schwachen Akku liegt, der mit drei Jahren seine beste Zeit schon hinter sich hat.
Okay, dann bekomme ich die entscheidende SMS erst daheim, auch egal. Ich lasse mir die wunderschöne Reise nicht vermiesen und setze sie noch ein wenig fort. Dann ist die Zeit gekommen um nach Hause zu gehen.
Als ich daheim das Handy wieder an den Strom anstecke, bekomme ich keine Entwarnung, auch sonst keine Nachricht. Das gibt es doch nicht! Die Stimmen müssten längst ausgezählt sein!
Ich werde wieder nervös und merke, dass ich noch eine Stunde Zeit habe, bevor ich zu unserer Steuerungs-Sondersitzung muss, bei der wir das Ergebnis und die daraus entstehenden Konsequenzen diskutieren wollen. Das funktioniert übrigens nur, wenn es schon ein Ergebnis gibt und das ist noch nicht der Fall.
Also gönne ich mir eine Dusche und denke mir, dass ich ohnehin nichts außer warten tun kann.

Dann wird es Zeit in unser Lokal zu gehen – eine Pizzeria in der Schulgasse. Ich beschließe noch eine ganze Ladung meiner selbstgemachten Marmeladen mitzunehmen, damit ich im Falle eines Sieges ein Geschenk an alle meine KollegInnen habe und im Falle einer Niederlage einen kleinen Trostspender. Mit ca. 25 Gläsern im Rucksack mache ich mich auf den Weg, der ja nicht lang ist.
Dort befindet sich bereits ein Haufen nervlicher Wracks, also bin ich in guter Gesellschaft. Wir besprechen lustlos die einzelnen Programmpunkte für unser Treffen nach der Wahl und für das heutige BO-Treffen, das hier ab 19 Uhr stattfindet. Spätestens dann müssen wir ein Endergebnis haben. Wobei – was heißt „müssen“ – wir müssen genau genommen gar nichts haben, denn die Auszählung dauert so lange wie sie eben dauert.
Und wie lange dauert so eine Auszählung? Das kann doch nicht wahr sein, es wird langsam 17 Uhr und vor 24 Stunden haben die Wahllokale geschlossen, und zwar alle. Und die Sch…Wahlkarten, wie viele können das sein und wie lange kann das dauern, die einfach zu zählen? Wir pfeifen sowieso auf die unnötigen Vorzugsstimmen, es geht jetzt darum, ob wie Währing grün machen, ob wir das schaffen, ob die nächsten fünf Jahre elende Oppositionsarbeit bedeuten oder ein grünes Währing.

Ich will endlich ein Ergebnis! Dummerweise bleibt das ein frommer Wunsch und Silvia legt ihr Handy vor sich auf den Tisch, um die entscheidende SMS gleich sehen zu können. Jede Sekunde zählt. Jede Minute dauert eine Stunde. Irgendwann ruft Robert an und meint, es wären insgesamt ca. 5.500 gültige Stimmen, die ausgezählt werden müssen.
Wir diskutieren, wie viel das ist und wie lange das dauern kann. Unser Ergebnis: schon vor 2-3 Stunden oder länger hätte es nach Menschenermessen ein Ergebnis geben sollen.
Dummerweise geht es nicht nach Menschenermessen sondern nach dem Ermessen des Wahlkommissionsleiters, und der will nicht. Inzwischen ist es 19 Uhr geworden und die meisten BO-Mitglieder sind schon da, allesamt nervös bis auf die Knochen. Das gemeinsame Leid macht es dummerweise nicht besser, meine Wahlkalauer und mehr oder weniger seichten Schmähs nutzen irgendwie nicht viel.
Der Kellner bringt Pizza und Bier, ich nuckle aber an einem kleinen Apfelsaft, weil ich sonst irgendwie noch keinen Appetit auf ein gutes Bierli habe.

Minuten werden zu Stunden, Stunden werden zu Ewigkeiten. Der entscheidende Anruf von Robert kommt nicht. Dafür kommen noch mehr nervöse BO-Mitglieder, um sich mit uns gemeinsam in einen ordentlichen Thrill hineinzuhypen (ein grauenvolles Wort, aber nicht so grauenvoll wie das Warten).
Ich versuche mit kleinen Scherzen die Runde aufzulockern, was teilweise gelingt. Wir fragen uns ständig gegenseitig, warum es wohl so lange dauert. So lang kann das bitte wirklich nicht dauern. Warum ruft Robert nicht an?

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kommt eine SMS von Robert. Er schreibt, dass die Stimmen der Grünen ausgezählt sind und die der ÖVP teilweise. Und es gäbe noch einen Reststoß von geschätzten 650 Stimmen. Silvia und ich schnappen uns je einen Zettel und einen Stift und versuchen auszurechnen, wie es theoretisch ausgehen müsste. Wir kommen auf einen Unterschied von ca. 40 Stimmen, die wir noch vorne liegen. Das ist knapp, das ist sogar verdammt knapp. Wenn Robert sich verschätzt hat, ist es aus.
Jetzt wird das Warten noch einmal unglaublich spannend. Die Minuten vergehen und wir ahnen, dass auch diesmal die Zählung mehrfach durchgeführt werden könnte. Hoffentlich nicht, das stehen wir irgendwie nicht mehr durch.
Die Zeit vergeht und auch wieder nicht. Minuten werden zu Stunden, die Luft knistert vor Spannung, der Kellner traut sich schon fast nicht mehr zu uns herein. Die Scherze werden weniger.

Dann kommt der Anruf von Robert. Wir liegen nach fertiger Auszählung 117 Stimmen vorne. Doch es ist noch nicht zu Ende, denn die EU-Wahlkarten müssen noch ausgezählt werden. Wie viele sind das? Angeblich ca. 500. Aber genau wissen wir es auch nicht. Der Vorsprung könnte reichen, aber sicher ist das nicht. Es ist überhaupt nicht sicher, aber die Chance lebt, es könnte sich ausgehen. Es muss sich ausgehen. Es darf jetzt nicht mehr schief gehen. Bitte nicht!
Wir diskutieren kurz darüber, wie es denn jetzt den Leuten von der ÖVP geht. Die sitzen sicher genau so wie wir um einen Tisch herum und warten auf das Ergebnis. Und ihr Verhalten wird genau das Gegenteil von unserem sein, so viel ist sicher.

Jetzt steigt die Spannung einerseits ins Unerträgliche, andererseits breitet sich fast eine Art fatalistische Ruhe aus. Etwas von der Spannung ist quasi vor die Türe gegangen eine rauchen.
Wie lange kann die Auszählung von nebbichen 500 Stimmen dauern? Das mach ich mit einer Hand in 15 Minuten, locker. Und dazwischen ess ich noch was. Dummerweise zähle ich aber nicht aus, sondern irgendwelche Schleicher in der Kommission. Ich beginne ihre Langsamkeit zu hassen, ich will endlich ein Ergebnis, mehr als 24 Stunden nach der Wahl, das muss doch möglich sein.

Wieder kommen Anrufe, jedes Mal schrecken wir hoch, ein lauter Schrei wird im Ansatz erstickt, es ist nur Ute, die schon bei der Landeskonferenz ist. Oder irgendwer, der gratulieren will. Wir beginnen die Anrufer zu hassen. Und jetzt steigt auch wieder die Spannung.

Dann eine kurze SMS. Was Silvia genau sagt, höre ich nicht mehr, denn es geht unter in einer wahnwitzigen Kaskade an ca. 25 Jubelschreien, die genau genommen Brüller sind, verdammt laute Brüller. Wer in der Nachbarschaft noch nicht wusste, wie die Wahl ausgegangen ist, der weiß es jetzt. Einige fallen sich um den Hals, andere sitzen einfach da und grinsen, einige packen es gar nicht.
Ich gehöre irgendwie zu allen Fraktionen, aber die pure Freude überwiegt. Es ist interessanterweise keinerlei Triumph über den Sieg gegen einen starken Gegner dabei, sondern nur die reine Freude für Silvia. Sie ist das größte Risiko eingegangen, für sie haben wir wochenlang gekämpft, eigentlich monatelang.

Dann wird es wieder ruhiger, denn das Ergebnis ist noch nicht offiziell. Leichtes Bangen macht sich breit: haben wir zu früh gejubelt? Wir alle wollen jetzt die Bestätigung, doch Robert schreibt, dass das noch ein wenig dauern wird.
Wie fix ist es? Ist es wirklich fix? Robert, sag was!

Er sagt kurz nix, doch dann kommt irgendwie schon die Bestätigung, dass nichts mehr schief gehen kann. Wir liegen mit 212 Stimmen vorne. Das ist nicht anfechtbar, das ist deutlich genug, da kann sich auch bei 100x auszählen nichts mehr verändern.

Wenn im TV irgend ein Sportler meint, er könne es noch gar nicht fassen, lächle ich immer mitleidig. Jetzt weiß ich selbst, wie das ist, denn ich kann es auch noch nicht fassen. Es sind so Erkenntnisfragmente, die unzusammenhängend im Raum schweben und keine gemeinsame, ganze Gewissheit ergeben.
Das ist aber auch irgendwie egal, denn jetzt ist es Zeit für ein großes, kühles Bier als Belohnung. Angelika teilt Cupcakes aus, die sie am Nachmittag selbst gebacken hat. Dazu gibt es Schaumwein auf Haus (also eigentlich nicht auf Haus, sondern von der Silvia) und ich teile Marmeladen aus: für jede(n) hier gibt es ein Glas selbst gemachter Marmelade, sozusagen als Versüßung des Ergebnisses. Ich habe ordentlich geschleppt an den schweren Gläsern, aber das war es wert.
Hier sieht man meine Berechnungen:

Sekt.jpg

Schließlich ist jeder jedem einmal um den Hals gefallen und die Szenerie wird wieder ruhiger. Nach einiger Zeit kommt auch unser erschöpfter Held Robert aus der Wahlkommission und wird mit richtig viel Applaus empfangen. Wir sind jetzt unter uns, das wahlkämpfende Kernteam, und wir haben uns das Feiern redlich verdient.
Auf den nächsten beiden Bildern sieht man Silvia, die eine Gratulations-SMS empfängt sowie einige von uns, entspannt herumfacebookend oder twitternd.

silvia.jpg

BO.jpg

So geht der spannendste Real-Life-Krimi zu Ende, den ich je erlebt habe.

NACHTRAG

Der alte Bezirksvorsteher Karl Homole ist Geschichte und darf seine wohlverdiente Pension mit 74 endlich antreten. Hier ist sein faires Abschiedsstatement (Quelle: Facebook)

krimi05.jpg

Es gibt zum ersten Mal seit über 60 Jahren eine nicht-schwarze Bezirksvorstehung, noch dazu eine Frau und eine Grüne. Die Grünen haben mit Währing als einzigen Bezirk eine grüne Bezirksvorstehung erobert, die schon existierende und verteidigte in Neubau nicht mitgezählt.
Hier sieht man, wie die Bezirke aussehen:

krimi06.jpg

Auf der nächsten Grafik (alle: wien.gv.at) sieht man das knappe Ergebnis der Währinger Bezirkswahl.

krimi07.jpg

Spannend ist noch der Unterschied zur Gemeindewahl in Währing. Manche Bezirke – wie Ottakring – haben hier ein fast deckungsgleiches Ergebnis zur Bezirkswahl, bei uns ist es sehr verschieden:

krimi08.jpg

Kenia von Nord bis Süd – Tag 4: Die Fahrt zum Marsabit

TAG 4 – DIE FAHRT ZUM MARSABIT

Ein strahlender Morgen empfängt uns nach einer klaren, kalten Nacht. Wir befinden uns immerhin auf 2.000 Metern Seehöhe und in der Nacht bläst ein kühler Wind vom Berg. Der afrikanische Sternenhimmel ist hier so hell, dass man in der Nacht ohne Lampe auf´s Klo gehen kann, bei Mondlicht kann man ein Buch lesen. Noch extremer ist es nur weiter oben am Berg oder im nördlichen Drittel Kenias, weil dort sowohl Licht- wie auch Luftverschmutzung gering bis nicht vorhanden sind.

Nach einem kurzen Frühstück marschieren wir hinauf zum Bauernhaus. Dort – es ist 8 Uhr – versammeln sich schon die ersten Führer und Träger, alle in freudiger Erwartung der Spenden.
Ich habe ein wenig Sorge: werden sie sich wie wild auf die Sachen stürzen oder wird es geordnet zugehen? Ich vertraue Judy, dass sie das alles managen wird.
Ca. um halb neun sind etwa 25 Personen versammelt und ich bin mir nicht sicher, ob alle davon mit dem Berg zu tun haben. Nachdem ich aber auch hier letzte Nacht erleben konnte wie kalt es sein kann, sind die warmen Sachen – vor allem Jacken und Pullover – auf jeden Fall bei diesen Leuten besser aufgehoben als in irgendwelchen Kellern in Österreich.

Meine Befürchtungen erweisen sich als grundlos, alles läuft sehr gesittet ab: man probiert, tauscht, reicht herum und freut sich. Alle bekommen etwas und es gibt keinen einzigen Streit. Selbst als später noch eine Handvoll Leute daher kommen, ist auch für sie noch etwas da.

charity.jpg

Bild 14: Verteilung der Kleidung

Nach ca. einer halben Stunde haben alle mindestens ein nettes Stück und wir machen Gruppenfotos mit den Trägern, den Führern und Köchen. Die meisten sind Männer, aber es gibt zunehmend auch Frauen, die diesen gar nicht leichten Job ausüben. Wahrscheinlich wird es nicht das letzte Mal sein, dass wir dort hinauf fahren, denn es gibt in Österreich noch jede Menge warme Kleidung, die nutzlos irgendwo herumliegt, weil sich ihre Besitzer längst das nächste oder übernächste Stück gekauft haben.
Hier sind sie glücklich über jedes einzelne Stück, egal was sie bekommen können. Ganz besonders froh sind sie über die vielen Polizei-Uniformen, die mein Bruder bei seinen Kollegen eingesammelt hat. Sie sind meist von exzellenter Qualität und immer in einem sehr guten Zustand, weil oft wenig getragen.

polizei.jpg

Bild 15: Polizeipullover, gut passend

Der Abschied fällt nicht leicht, aber ich dränge ein wenig zur Abfahrt. Vor allem die kleine Heather heult Rotz und Wasser und will uns nicht gehen lassen. Sie und noch zwei Buben dürfen eine Runde mit dem Toyota mitfahren, das lindert den Schmerz ein wenig.
Dann sind wir wieder auf der Straße und fahren Richtung Nanyuki. Der Mount Kenia ist komplett frei von Wolken und schenkt uns so zum Abschied ebenfalls einen netten Gruß.
Wir umrunden ihn und sehen die zahlreichen Blumenfarmen, die hier in den letzten Jahren gebaut wurden. Von ihnen stammen die Rosen und Tulpen, die wir im Holland-Blumenmarkt und in anderen, ähnlichen Märkten um wenig Geld kaufen. Sie sind deswegen so billig, weil sie hier in Kenia (und auch in Tanzania) sehr günstig wachsen können. Erstens bekommen die Arbeiter wenig Lohn und zweitens sind die Besitzer meist sehr reiche Geschäftsleute, oft Politiker, die sehr gute Verbindungen zur lokalen Distriktverwaltung haben. So können sie das Wasser vom Mount Kenia in riesige Auffangbecken leiten, die der Bewässerung der Gewächshäuser dienen. Die Leidtragenden sind die Farmen der kleinen Bauern, die jetzt weniger oder gar kein Wasser mehr bekommen. Sie müssen meist ihre Farmen aufgeben und dann werden diese zusammen gelegt und ein reicher Großbauer besitzt wieder eine riesige Farm mehr.

rosenfarm.jpg

Bild 16: Rosenfarm, davor Ackerland

Rund um den Mount Kenia wird auch viel Getreide angebaut, die Felder sind riesig und das Korn steht hoch, als wir daran vorbei fahren. Der Anblick wirkt seltsam: Weizenfelder rund um kleine, grüne Vulkankrater. Vor ein paar Jahren war hier noch Wildnis.
Leider gibt es noch weitere Nachteile durch die riesigen Farmen: nordwestlich des Mount Kenya liegt das Laikipia-Plateau, eine wildreiche Hochebene, in der sich zahlreiche private Naturreservate befinden. Sie haben sich zusammengeschlossen, um den Tieren große Korridore für ihre Wanderungen zu bieten. Ihre Gegenspieler sind die mächtigen Farmer, die meist auch lokale Politgrößen sind und versuchen, die meist weißen Betreiber der Wildparks zum Aufgeben zu zwingen. Dieser Kampf dauert an und ich kann noch nicht sagen, wer ihn gewinnen wird: Profitgier oder Naturschutz?

mount.jpg

Bild 17: Der Mount Kenia in voller Pracht.

Wir fahren weiter und erreichen Isiolo. Jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir – wir ursprünglich geplant – in den Samburu Nationalpark fahren oder die wesentlich weitere Strecke nach Marsabit.
Ich rufe Henry an und erreiche eine junge Dame, die mir ausrichtet, dass Henry nicht da wäre und auch heute eher nicht erreichbar sei. Auf meine Frage betont sie jedoch, dass der Weg sicher wäre und dass es auch in Marsabit keine Security-Probleme gäbe.
Ich bin beruhigt und auch Thomy willigt ein dort hinauf zu fahren.
In Isiolo tanken wir voll und es zeigt sich, dass der Diesel nur etwa 76 Cent kostet. Das macht lange Etappen durchaus günstiger als geplant.
Jetzt geht es Richtung Norden und ein Hinweisschild verkündet, dass es 277 km bis Marsabit sind und ca. 500 bis Moyale an die äthiopische Grenze. In ein paar Jahren wird diese Strecke wahrscheinlich fertig asphaltiert sein und dann geht der Transafrica-Highway von Kapstadt bis Kairo.
Noch ist es aber nicht so weit und wir fahren sowieso „nur“ bis Marsabit. Ich bin schon sehr gespannt wie viele Kilometer es tatsächlich sind und wie viel davon „Tamark“ und nicht „Maram“ (Asphalt oder Schotter).

Die Landschaft ist bizarr, wilde Felsformationen stehen in einer weiten Ebene, die Straße führt mittendurch Richtung Nord-Nordost.

bizarr.jpg

Bild 18: Felsformationen

Und sie ist unglaublich gut, wahrscheinlich die beste Straße, die ich in Afrika je gefahren bin. Das liegt daran, dass sie brandneu ist und ich bin gespannt, wie lange sie halten wird.

superstraße.jpg

Bild 19: exzellente Straße Richtung Marsabit

Bisher war es so, dass die kenianischen Straßen ein paar Jahre gehalten haben, dann bekamen sie Schlaglöcher, die anfangs noch repariert werden, später dann nicht mehr. In Folge werden die Schlaglöcher immer größer, verbinden sich zu Schlaglochreihen und die Fahrer weichen an den Rand der Straße aus. Dadurch wird auch der Rand kaputt, bröckelt ab und die Straße wird immer schwerer befahrbar. Nach einiger Zeit besteht die Straße nur mehr aus unzusammmenhängenden Asphaltstücken, durchsetzt mit riesigen „Pot-Holes“. Das ist dann mühsamer zu fahren als eine einigermaßen gute Schotterpiste. Wenn dann noch ein paar Jahre vergehen, verschwinden die letzten Asphaltreste und es entsteht eine meist unglaublich schlechte Piste mit vielen Wannen und Löchern, die sich in der Regenzeit in eine Schlammgrube verwandelt und manchmal gar nicht mehr befahrbar ist.
Irgendwann wird sie dann wieder eingeebnet, es kommt Schotter drauf und manchmal wird sie asphaltiert. Dann beginnt das Spiel von vorne.
Das Problem ist einerseits die mangelnde Instandhaltung, andererseits die von Anfang an schlechte Bauweise. In Afrika kosten Straßenkilometer nur einen Bruchteil von dem, was sie in Europa kosten. Das liegt daran, dass sie oft durch lange Ebenen führen und keine besonderen Bauwerke notwendig sind. In der Regenzeit fließen aber überall ganz plötzlich wilde Flussläufe, die alles mitreißen, was ihnen im Weg ist. Sie unterspülen die Straßen und dann entstehen Schlaglöcher. Außerdem gibt die enorme Kraft der Sonne dem Asphalt irgendwann den Rest und das begünstigt ebenfalls die Entstehung von Schlaglöchern.

Seit die Chinesen die Straßen bauen, funktioniert es viel schneller als je zuvor. Man sagt allerdings, dass die chinesischen Straßen nicht lange halten. Sie werden von den Chinesen ja nicht aus Nächstenliebe gebaut, sondern um Geschäfte zu machen, sprich: um den Weg zu wertvollen Rohstofflagerstätten befahrbar zu machen. Dann holen sich die Chinesen die Rohstoffe und wenn sie gar sind, braucht auch die Straße nicht länger zu existieren.
Das machen sie recht schlau, aber die Straße nach Marsabit könnte etwas anders sein. Sie dürfte mit viel Sorgfalt gebaut werden, denn es gibt an allen wichtigen Stellen Brücken, unter denen die Flussläufe durchfließen können. Die Ränder der Straße sind gut aufgebaut und haben so etwas wie einen Pannenstreifen, der ebenfalls asphaltiert ist und die eigentliche Fahrbahn schützt. Außerdem ist die Straße überall gut drainagiert und könnte einem Regen durchaus standhalten. Ich bin gespannt, der Aufwand ist jedenfalls enorm. Und bezahlt wird das Ganze von der EU – gebaut aber von den Chinesen und den Türken.

eu.jpg

Bild 20: bezahlt von der EU

Es gibt in Ostafrika ein Phänomen, das für mich seit fast dreißig Jahren ungeklärt ist. Du fährst auf einer Straße durch eine absolut menschenleere Gegend, meist Dornstrauchsavanne. Viele Kilometer lang gibt es kein Dorf, nicht einmal eine Hütte irgendwo. Dann bleibst du am Straßenrand stehen, etwa um eine kurze Pause zu machen oder auch nur um zu pinkeln, und plötzlich sind Leute da. Sie tauchen hinter einem Busch auf, kommen dahergelaufen, sind einfach da. Als würden sie aus dem Boden entstehen, der Erde entwachsen, sich einfach materialisieren, wo vorher nichts und niemand war.
Ich weiß nicht wie sie das machen, aber es funktioniert immer und überall. Auch diesmal war es wieder so, meist sind es junge Burschen und meist wollen sie etwas. Hier auf der Straße zum Marsabit wollen sie Wasser und zeigen das ganz deutlich. Wenn man wegfährt, sind sie meist enttäuscht, einer schmiss uns einen Stein nach.
Ich weiß nicht, warum das so ist. Auf jeden Fall wissen sie sofort, dass es sich bei uns um Touristen handelt – das schon beschriebene Hochdach tut sein übriges. Und sie wissen, dass Touristen immer Wasser dabei haben. Also muss man ihnen entweder Wasser geben oder schnell abhauen.

kamele.jpg

Bild 21: Kamele unter einer Akazie mit Webervögelnestern

Meine Vermutung, dass die Kilometerangabe typisch afrikanisch nichts wert ist, bestätigt sich bei Kilometer 192. Bisher waren alle paar Kilometer Schilder am Straßenrand, die – ähnlich wie bei uns auf Autobahnen – anzeigen, wie viele Kilometer es noch bis Marsabit sind. Bei 193 folgte dann aber nicht etwa 192, sondern 152. Vierzig Kilometer hatten sich in Luft aufgelöst, oder auch nicht. Trauen kann man nur dem eigenen Kilometerzähler im Auto und der sagt einem erst am Ziel wie weit es wirklich war bzw. ist.

strassenschild.jpg

Bild 22: Kilometerangaben sind relativ

Ich darf das Geheimnis hier lüften: Es sind von Isiolo bis Marsabit genau 235 Kilometer. Das ist eine machbare Distanz, wenngleich der Asphalt nicht, wie von Chris behauptet, „fast bis Marsabit“ geht, sondern ca. 100 km davor aufhört. Dann folgt eine durchaus gute Schotterpiste, die neben der neuen Trasse verläuft. Am Fertigausbau der Straße wird eifrig gearbeitet und man kann auf dieser Strecke sehr schön beobachten, wie die Straße gebaut wird, denn man sieht alle Bauabschnitte, von der Trassenbaggerung bis zur fertigen Straße, auf der nur mehr die Bodenmarkierungen fehlen.

straßenbau.jpg

Bild 23: Die neue Straße ist mit Plastikfolie abgedeckt – wozu auch immer.

Es werden unglaubliche Mengen Material bewegt und man hat ca. 30 km vor Marsabit ein eigenes Zementwerk gebaut.
Der Asphalt hört vor dem Ort Merille auf, ab da geht es als Schotterpiste weiter, allerdings gibt es dazwischen, in der letzten großen Ebene, bevor es hinauf in die Vulkanberge geht, noch einmal zwanzig fertige Asphaltkilometer. Das härteste Stück, nämlich durch die Berge, folgt erst später.
Lustigerweise geht ab Marsabit noch ein Stück Asphalt in Richtung Norden, wir wissen allerdings nicht, wie weit – angeblich nur ein paar Kilometer. Dann gibt es Schotterpiste bis Moyale.
Das Problem bei der Schotterpiste ist das Wellblech. Ich weiß nicht genau, wie es entsteht, aber es schüttelt dich gnadenlos durch. Unser Auto war leicht und hatte harte Reifen, aufgepumpt auf 4 bar.

wellblech.jpg

Bild 24: Wellblechpiste

Das bedeutet, man braucht eine gewisse Mindestgeschwindigkeit, um über das Wellblech drüber zu kommen, nämlich ca. 70 km/h. Darunter ist es unfahrbar und ab 80 fängt das Auto so zu schwimmen an, dass es lebensgefährlich wird. Das liegt an den Reifen und ließ sich in unserem Fall nicht ändern.
Ansonsten ist der Toyota das perfekte Auto für Afrika und nicht umsonst eines der meist verwendeten. Eigentlich halten nur zwei Autos dort durch: der Land Rover Defender, der jetzt 2015 ausläuft, und der Toyota Landcruiser Serie 7, der zwar nach wie vor gebaut wird, aber leider inzwischen in mieser Qualität.
Wirklich geeignet sind letztlich nur Autos mit Starrachsen, Blattfedern und einem Leiterrahmen. Alles andere fährt sich zwar komfortabel, wird aber ziemlich bald kaputt.

Wir hatten also das richtige Auto und verfahren konnte man sich auch nicht. Also erreichten wir nach ein paar Stunden Fahrt Marsabit (nur die letzten 40 km sind ein wenig mühsam zu fahren) und fanden auch Henrys Camp. Henry war tatsächlich nicht da, aber eine hübsche junge Mulattin namens Elisabeth begrüßte uns. Sie stellte sich als die nette Stimme am Telefon heraus und außerdem als Henrys Tochter. Das Camp lag zwar unter Akazien, die nicht wirklich viel Schatten spendeten, war aber sonst tadellos: es gibt ausgezeichnete Duschen mit einem echten Wasserstrahl (im Gegensatz zum üblichen Tröpferlbad) und tief in die Börse greifen muss man auch nicht: 3 Euro pro Person pro Nacht ist eine faire Ansage.
Allerdings stellte sich heraus, dass es außer uns nur zwei weitere Gäste gab: Brandon und Lauren, eine junges Pärchen aus Kanada, das von Kairo nach Kapstadt fuhr. Sie hatten sich in London einen Land Rover Discovery 1. Serie gekauft und von einem älteren Ehepaar ein Dachzelt bekommen, das diese nach ihrer langen Afrikareise nicht mehr brauchten. Ich war durchaus überrascht, dass der Discovery diese lange Fahrt problemlos durchgehalten hatte, aber so war es.
Sie kamen direkt aus Äthiopien und waren wesentlich schlechtere Straßen gefahren als wir. Am Abend spendierten wir ihnen ein eiskaltes Bier und mussten leider feststellen, dass der Kühlschrank zu stark aufgedreht war. Viel Sonne den ganzen Tag, dazu die kräftige Lichtmaschine – ein Bier war gefroren und aufgeplatzt, dazu etwa die Hälfte unserer zwei Dutzend Eier. Alles nicht weiter tragisch, so würden wir in den kommenden Tagen halt mehr Eier als geplant essen.
Die Tropfen an der Vorderachse des Toyota konnte ich als Differenzialöl identifizieren, das aus einem Überlaufschlauch ausgetreten war – kein Grund zur Besorgnis. Sonst war der Toyota sehr gut in Schuss.

Am Abend saßen wir an einem kleinen Feuer und tauschten Geschichten aus. Wir erfuhren von Brandon und Laura einiges über die Straßen in Äthiopien und sie bekamen von uns viele Tipps für Kenia.

abendessen.jpg

Bild 25: Zubereitung des Abendessens

Das mag ich an diesen Reisen: man trifft fast immer spannende Menschen und kann sich gegenseitig helfen. So profitieren alle vom Wissen der anderen. Was für ein Unterschied zu den vollklimatisierten Hotels, in denen man meist Landsleute am üppigen Buffet trifft. Ob man gerade in Afrika, Dubai oder San José ist, lässt sich maximal an der Hautfarbe des Personals erkennen und oft nicht einmal daran.
Hier plauderten wir unter dem Sternenhimmel von Marsabit, im Hintergrund bizarre Vulkankegel und hin und wieder heulte eine Hyäne.
Wieder ging ein anstrengender Tag zu Ende, aber wir hatten es hierher geschafft und ich hatte mir einen Traum erfüllt, der vor zwanzig Jahren entstanden war.

Kenia von Nord nach Süd – Tag 1: Die Ankunft

Eine afrikanische Reise zweier guter Freunde… Stück für Stück werde ich hier in meinem Weblog davon berichten.

Der Ärger von Thomy war groß als er am ersten Abend im Busch seine nagelneue LED-Campinglampe nicht finden konnte – nur die Batterien waren da, jede einzelne ihn verhöhnend.
Wahrscheinlich hatte er sie in der Hektik beim Umräumen am Flughafenparkplatz in Wien Schwechat aus der Tasche genommen und dann im Auto liegen gelassen.

TAG 1 – DIE ANREISE

Aber ich greife vor. Unsere Reise begann eigentlich erst am Freitag, den 20. Februar 2015 um 05:30 Uhr, als mein Bruder uns abholte und auf den Flughafen führte.
Der Transferflug nach Zürich ging pünktlich und war gänzlich unspektakulär. Wir hatten schon in Schwechat den Luis getroffen, einen in Nairobi lebenden Steirer, seines Zeichens Automechaniker und seit einiger Zeit auch Tour-Operator.
Gemeinsam grinsten wir über die Kuhglocken, die Alphorntöne und die Jodler in der U-Bahn des Flughafens Zürich-Kloten und flogen dann mit dem Langstreckenflug LX 292 nach Nairobi.
Das Ticket gab es diesmal um wohlfeile Euro 490,- und es war damit billiger als der Direktflug mit der AUA vor 23 Jahren. Erkaufen muss man sich diesen günstigen Preis durch enge Sitzreihen. Manche bezweifeln, dass die Sitze im Laufe der letzten Jahre immer kleiner, schmäler und enger beieinander sein würden, aber die Alternative dazu bestünde in der Annahme, dass ich in den letzten zwanzig Jahren ständig gewachsen wäre und das ist auszuschließen.
Trotzdem verging dieser Flug irgendwie ohne spezielle Knechtereien, was durchaus nicht selbstverständlich ist.
Dieser Tagflug startet um 09:25 und ist um 19:05 in Nairobi, inklusive zwei Stunden Zeitverschiebung wegen der Winterzeit, im Sommer ist das nur eine Stunde. Dafür gibt es keinen Jetlag und das ist eine Erklärung für den Reiz dieser Urlaubsdestinationen.
Moderne Kommunikationsmedien haben die Sache vereinfacht und erschwert zugleich. Für mich liegt die Herausforderung darin auf Langstreckenflügen einen Gangsitz zu ergattern. Diesmal bekamen wir vom Computer die Plätze „A“ und „B“ zugeteilt und so hatte Thomy seinen Fensterplatz und ich meinen Gangsitz, alles war perfekt.
Keine brüllenden Kleinkinder und keine Mammys, die ihre dicken Hintern kaum durch die doch recht engen Gänge quetschen können – alles verlief einfach wunderbar.
In Nairobi wartete die nächste Hürde auf uns: das Visum. Man kann sich dieses auch in Wien ganz gemütlich auf der High-Commission holen, aber ich hatte so viel zu tun, dass diese Option nicht gegeben war. Die Kosten sind übrigens annähernd gleich.
Der Trick besteht nun darin, möglichst schnell aus dem Flugzeug draußen zu sein um sich nicht an einer langen Schlange anstellen zu müssen.
Ich kämpfte brav und tauschte noch mit Luis Plätze, weil er zehn Reihen vor uns saß. Diese Taktik bewährte sich und ich war mit der ersten Gruppe draußen. Auf Thomy könnte ich auch noch später warten, jetzt ging es einmal ab Richtung Passkontrolle.
Als ich an einem Bus vorbei kam und mir ein Typ das Wort „Business-Class“ zuwarf, ergriff ich die Chance und stieg einfach ein.
Die neue Ankunftshalle ist leider ein Provisorium, da der Flughafen bzw. ein Teil davon vor einiger Zeit abbrannten und angeblich überhaupt neu gebaut werden soll. Das Provisorium soll allerdings gar keines sein, sondern schon die endgültige Lösung. Gerüchten zufolge hat ein pleite gegangener Betreiber Brandstiftung begangen, aber wie immer konnte man ihm das nicht beweisen.
Ich war somit als einer der ersten beim Visum-Schalter und erledigte gleich die Prozedur: freundlich in die Kamera schauen, Finger auf den Scanner – nicht nur in USA werden die Fingerabdrücke genommen, auch hier in Nairobi und das schon seit einigen Jahren. Dann konnte ich noch ausverhandeln, dass Thomy direkt nach vorne gehen und ich einstweilen auf der Seite warten könnte. Das ersparte uns die lange Schlange.

Nach einiger Zeit waren wir draußen und in der glücklichen Lage alle Gepäckstücke vorzufinden – 4 x 23 kg sind erlaubt, auch bei der SWISS, was unserer Charity-Sache sehr zugute kam. Ein paar rundliche Damen am Zoll wollten unser Gepäck durchstöbern, gaben sich aber mit der Erklärung, dass es sich um gebrauchtes Gewand handeln würde, sofort zufrieden.
Wie immer ließen wir uns von Amicabre Travel abholen. Ich habe bei denen aufgrund guter geschäftlicher Kontakte immer einen guten Preis, auch wenn diesmal das Ziel ein anderes war. Luis fuhr gleich mit uns mit und wir verhandelten einen Aufpreis von KHS 1.000 (umgerechnet 10 Euro) für seinen Weitertransport nach Westlands.

Ah, wie gut das tut: Wärme, die würzige afrikanische Abendluft, selbstverständlich durchsetzt mit Dieselgestank und Motorenlärm, aber das gehört einfach dazu. Ich freue mich jedes Mal auf den Moment, wenn der Fahrer nach der Security-Kontrolle auf den Highway hinaus beschleunigt und ich weiß: Afrika!
Leider wird dieser magische Moment seit ein paar Jahren immer mehr durch den ständig ansteigenden Verkehr entwertet. Früher fuhr man fast ohne Stop quer durch die Stadt und bis zu uns nach Lake View. Das geht jetzt gerade noch zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh, zu allen anderen Zeiten steht man mehr oder weniger lang im Stau. Nairobi ist in den letzten dreißig Jahren mindestens doppelt so groß bzw. einwohnerreich geworden, hat aber keine neuen Straßen und schon gar kein Verkehrskonzept bekommen. Nahezu alle Haupt- und viele Nebenstraßen sind heillos verstopft und in den Stoßzeiten geht überhaupt nichts mehr, da braucht man auf jeden Fall länger als wenn man zu Fuß geht.
Das kann unglaublich nerven, vor allem wenn es für Flüge entscheidend ist. Sie bauen an einer Außenringautobahn in Form von mehreren Teilstücken („Bypass“), die jedoch erst in wenigen Fragmenten fertig gebaut sind. Die Chinesen sind hier eifrig am Werk, sie bauen sehr schnell und angeblich in schlechter Qualität. Das wäre noch nicht schlimm, denn die bisherigen Straßen haben auch nie lange gehalten und jetzt wird wenigstens zügig gebaut. Trotzdem steckt da kein Konzept dahinter, es gibt keinen öffentlichen Verkehr in Form von U-Bahn oder Straßenbahn, lediglich die Matatus (Kleinbus-Sammeltaxis) stehen in Nairobi zur Verfügung und natürlich ständig im Stau.
Die Stadt hat über vier Millionen Einwohner und platzt aus allen Nähten. Ich weiß nicht, ob man sich in ein paar Jahren überhaupt noch wird bewegen können, auf jeden Fall verleidet es mir langsam den Urlaub, da ich dieses Problem ständig mit einplanen muss.

An diesem Abend war es jedoch relativ egal. Wir kamen gut voran und der Stau vor dem ersten Roundabout dauerte nicht länger als 10 Minuten, dann konnten wir nach links Richtung Langata abbiegen.
Vorbei am Wilson Airport ging es Richtung Jungle Junction, unserem heutigen Endpunkt. Leicht wehmütig musste ich auf der linken Seite das Carnivore erblicken, einst ein unverzichtbares Highlight eines Kenia-Urlaubs. Das Carnivore ist ein spezielles Restaurant, das nicht nur bei Touristen bekannt und beliebt war. Dort bekam man viele Jahre lang „Game-Meat“, also afrikanisches Wild serviert: Kuhantilope, Zebra, Krokodil, Strauß, Impala-Steak und noch vieles mehr. All das wurde über riesigen Feuerstellen an dicken Eisenstäben gegrillt und dann direkt auf den Stäben zu den Tischen gebracht. Man konnte dem Kellner zeigen, wie viel und was er runtersäbeln sollte und zahlte eine Pauschale für den ganzen Abend.
In der Mitte des Tisches stand ein Rondeau mit Saucen, an dessen Spitze eine Fahne steckte. Wenn man mit dem Essen fertig war, nahm man die Fahne herunter und zeigte so den Kellnern, dass sie kein weiteres Fleisch vorbei bringen mussten. Dann ging man nach nebenan in den „Simba-Club“ und genehmigte sich einen Dawa oder zwei (die kenianische Form des Caipiroska). Das waren stets tolle Abende.
Leider wurde die Qualität vor ein paar Jahren immer schlechter, es gab immer weniger Wild und heute gibt es angeblich gar nichts mehr – vielleicht noch Strauß, aber den gibt es sonst auch überall auf der Welt. Die Preise stiegen dafür enorm an und ich führe meine Freunde daher nicht mehr dorthin, wenngleich es ein wenig schmerzt. Dazu kommt noch, dass die Heimfahrt quer durch die Stadt aufgrund des Verkehrs nicht mehr funktioniert. So ändern sich die Zeiten und nicht immer zum Vorteil.

Am Weg nach Langata zeigte sich, dass die Veränderungen auch hier nicht Halt gemacht hatten. Riesige Über- und Unterführungen, wo vor einiger Zeit noch eine eher verträumte, wenn auch sehr befahrene Landstraße lag. Alle sieht anders aus, die legendäre Senke wurde begradigt und die scharfe Rechtskurve bei den Bomas ist jetzt ein Geflecht aus Unterführungen.
Wir fuhren zu Chris Handschuh (ja, der heißt wirklich so) und seinem außergewöhnlichen Ort namens „J-J´s“. Das ist ein Globetrotter-Treff, wo mein Bruder den Toyota abgestellt hatte. Chris ist ein Deutscher, der gut vernetzt ist und bei dem die Overlander (so nennt man die Menschen, die meist mit eigenen Autos Afrika durchqueren und an vielen Orten kürzer oder länger verweilen) ihre Autos bzw. Motorräder für eine Zeit abstellen. Er hat ein riesiges Grundstück, auf dem jede Menge Geländewagen stehen, manche expeditionstauglich und abfahrtsbereit, andere schon mit einer dicken Staubschicht.

autos.jpg

Chris bietet auch Accomodation an und wir hatten das letzte Doppelzimmer gebucht, mit riesigem Bad und gutem Moskitonetz. Der Spaß kostete Euro 55 für die Nacht inklusive Frühstück (statt 48 wie im Prospekt, aber das war uns an diesem Abend egal).
Da wir spät dran waren (ca. 21.30) und ohnehin nicht mehr hungrig, freuten wir uns auf das erste kalte Tusker-Bier. Bei Chris gibt es free WLAN und so konnten wir erste Nachrichten nach Hause und nach Facebook schicken. Eine Handvoll anderer Gäste war auch da, eine Schwedin hing an ihrem Laptop und ein netter Däne kam mit mir ins Plaudern. Ich erzählte ihm davon, dass wir das Auto meines Bruders nach dem Urlaub nach Mombasa bringen würden, um es dort nach Europa zu verschiffen. Und dass wir noch keine gute Spedition hätten.
Darauf meinte er, warum wir es noch nicht mit Roll-on-Roll-off versucht hätten und gab mir einen Internet-Kontakt, den ich umgehend an meinen Bruder weiterleitete. Das Problem bestand darin, dass der Toyota ein Hochdach besitzt und daher in keinen normalen Container passt. Man muss einen oben offenen nehmen und der ist sauteuer, weil er speziell – nämlich ganz oben – gestapelt werden muss. Außerdem ist die Fracht dann nicht sicher, schon vor über zwanzig Jahren haben sie uns den Puch Pinzgauer aufgebrochen und alles rausgestohlen, was nicht niet- und nagelfest war.

Das Tusker-Bier war mit 170 KHS (1,70- Euro, alles durch 10 dividieren) günstig und man konnte es sich mittels Stricherlliste selbst aus dem Kühlschrank nehmen. Zu guter Letzt gönnten wir uns noch eine Dusche und ich lernte wieder was dazu: Derzeit ist gerade die Elektro-Dusche in Mode. Das ist ein Duschkopf mit eingebautem Heizmodul. Er wird einfach statt dem normalen Duschkopf montiert und braucht nur eine Stromzuleitung (die in diesem Fall abenteuerlich verkabelt war, mit offenen Blockklemmen im Nassbereich… Afrika!).
Besonders gut funktioniert dieses System leider nicht, denn das Wasser ist entweder – je nach Schalterstellung – brennheiß oder kalt und die Menge entspricht dem üblichen afrikanischen Tröpferlbad. Da wir das aber gewohnt sind, machte es nichts aus.
Es gibt in Afrika kein Erdgas und daher muss alles mit Strom betrieben werden. Das hat Vor- und Nachteile, weil die Menschen einerseits leichter auf alternative Stromsysteme umsteigen können und nicht an ein Gasnetz gebunden sind, andererseits lässt das Angebot an großen Wind- Solar oder Erdwärmekraftwerken noch auf sich warten und daher muss alles mit Strom aus einigen wenigen Wasserkraftwerken bzw. einigen kalorischen Kraftwerken versorgt werden. Das führt dazu, dass die Atomlobby in Afrika einen Boom erhofft, etliche Länder haben schon die Verträge für den Bau neuer Atomkraftwerke unterschrieben und lassen sich das natürlich brav von Europa und USA über die Weltbank finanzieren.
Das ist verständlich, denn für den radikalen Ausbau alternativer Energieformen fehlen Know-How, Geld und politischer Wille. Die Weltbank sponsert nur zu gerne Atomkraftwerke, weil sie nichts anderes als eine Interessensvertretung der großen, weltweit tätigen Energiekonzerne und der daran verdienenden Banken ist.
Die Europäer haben zudem in Afrika immer weniger zu reden, die neue Kraft sind Indien und China und deren Umweltfreundlichkeit mag jeder selbst einschätzen.
Trotzdem muss ich anmerken, dass ich schon seit ein paar Jahren keine Power-Cuts mehr erlebt habe. Das war noch vor zehn und speziell vor zwanzig Jahren an der Tagesordnung, dass der Strom hin und wieder einfach abgedreht wurde: Am Tag bekamen die Fabriken den Strom, in der Nacht die Privathaushalte. Die meisten vermögenden Menschen bauten sich einen Generator in den Keller, der ihnen ein notwendiges Minimum an Strom liefern konnte, etwa für den Kühlschrank.
Besonders schlimm war das immer in der Trockenzeit, weil sie da für die Stromerzeugung zu wenig Wasser hatten. Die vorhandenen Staudämme samt Turbinen waren außerdem nur zu einem Teil im Einsatz, weil die notwendigen Gelder durch die überall verbreitete Korruption verschwunden waren und die Baufirmen daraufhin ihre Tätigkeit einstellten. Ich weiß das aus erster Hand, weil ich seinerzeit einen der österr. Bauingenieure kannte.