Wie es mir mit den Asylanten geht

Vorbemerkung: Als ich den Artikel geschrieben habe, fehlte mir eine wichtige Information: Das Wort „Asylant“ ist bereits diskriminierend, weil es bedeutet, dass jemand sozusagen von Beruf im Asylstatus ist. Das ist aber kein Beruf, damit verdient niemand seinen Lebensunterhalt und das sucht sich auch niemand freiwillig aus. Es ist daher ein Begriff, der von der rechten Szene sehr bewusst eingesetzt wird, um zu unterstellen, dass Menschen aus niederen Gründen zu Aslywerbern werden. Daher: Asylwerber ist der richtige Ausdruck.

Ich war vor ein paar Tagen im Votivpark und habe ein paar Säcke mit Kleidung und Decken für die Flüchtlinge vorbei gebracht. Oder soll ich sie Migranten nennen? Oder Wirtschaftsmigranten? Oder Wirtschaftsflüchtlinge oder Asylanten oder Scheinasylanten? Oder gar arbeitsscheue Sozialschmarotzer, wahrscheinlich kriminell?

Leider ist die Sache nicht ganz so einfach und lässt sich auch nicht in wenigen Zeilen erklären oder erfassen. Ich bin übrigens nicht vor Mitleid übergequollen, sondern die Säcke sind mir übrig geblieben, und zwar von einer Sammlung für Afrikaner in Uganda, die dringend warme Sachen brauchen. Das ist aber eine andere Geschichte. Oder halt – eigentlich doch nicht, denn viele der Menschen, die zu uns kommen oder zumindest nach Europa, kommen vom afrikanischen Kontinent. Aus Uganda sind da selten welche dabei und ich hoffe, dass sich das auch nicht ändern wird. Die Menschen leben dort in einem eigentlich sehr reichen Land, es ist fruchtbar und sehr schön. Leider brennen sie den Wald ab, und zwar so ziemlich alles was sie an Wald haben.
Dann wird es auch für sie schwierig, denn sie brauchen den Wald. Dann werden sie merken, dass sie ihr Land kaputt gemacht haben. Und warum tun sie das? Weil sie Feuerholz brauchen um sich Essen zu kochen. Und weil sie das abgebrannte Land für Ackerbau verwenden, um Nahrung zu erzeugen. Allerdings bauen sie nicht nur Feldfrüchte an, sondern erschaffen auch Weideland, denn sie wollen genau so wie wir gerne mehr Fleisch essen. Und sie brauchen das Land für Exportgüter. Sie bekommen allerdings nur wenig Geld für die Dinge, die sie für den Export erzeugen. Mit diesem Geld können sie dann teure Nahrung kaufen, die aus China, Indien oder USA importiert wird.

Das ist idiotisch? Die könnten einfach nur Nahrung für sich anbauen und alles wäre okay? Stimmt, und genau jetzt sind wir bei dem Punkt angelangt, an dem die westliche Welt ins Spiel kommt. Um die Menschen zu verstehen, die zu uns kommen, muss man verstehen, was bei ihnen in der „alten Heimat“ passiert. Man kann natürlich sagen: „Das interessiert mich nicht, die sollen einfach wieder zurück gehen, bei uns ist kein Platz für sie.“

Das kann man sagen. Es ändert aber nichts, sondern genau diese Haltung bewirkt, dass morgen noch mehr kommen. Und übermorgen noch mehr. Und dann müssen wir sie töten, bevor sie zu uns kommen, denn irgendwann kommen dann tatsächlich vielleicht so viele, dass wir sie auch mit gutem Willen nicht mehr aufnehmen können.

Deswegen und zwar zumindest deswegen sollte es uns nicht egal sein, warum die zu uns kommen. Und es sollte uns auch nicht egal sein ob wir etwas mit ihrer Situation zu tun haben und was das genau ist.

Ich beginne mit der Analyse.

1.) Menschen flüchten nicht aus Jux und Tollerei
Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Menschen, die einfach böse sind und anderen aus Gier und ähnlichen niederen Motiven Schaden zufügen. Organisierte Diebesbanden, die systematisch und professionell Häuser plündern oder Juweliere überfallen. Sie wollen sich bereichern und zwar mit wenig Anstrengung. Die meisten davon, die solche Verbrechen begehen, sind übrigens Österreicher. Aber nicht nur, da gibt es schon eine erkleckliche Anzahl vor allem an Osteuropäern.
Die meisten Menschen jedoch, die zu uns kommen, sind keine Verbrecher und sie wären eigentlich ganz gerne daheim geblieben. Sie wurden von dort vertrieben. Und das kann mehrere Gründe haben:

a.) Sie sind tatsächlich politische Flüchtlinge und stehen daheim vor der Aussicht gefoltert oder ermordet zu werden. Diese Menschen stehen bei uns meist ohnehin nicht zur Debatte, leiden aber unter ewig langen Asylverfahren. Das könnte man mit ein wenig gutem Willen leicht lösen. Diese Gruppe ist auch nicht riesig.

b.) Sie sind so genannte Wirtschaftsflüchtlinge und verlassen ihre Heimat, weil sie dort verhungern würden. Sie haben nur die Wahl zwischen Flucht und Tod. Die Ursache ist meist eine Katastrophe klimatischer Natur wie Dürre oder Missernte.
Bei dieser Gruppe wird die Sache schon heikel, denn wir haben meist durchaus Mitleid mit diesen Menschen, kommen aber selten auf den Gedanken, dass wir auch was damit zu tun haben, etwa weil wir extrem viel Fleisch essen, das mit Soja groß gezogen wurde. Das Soja kommt wiederum von Feldern, für die Regenwald abgeholzt wurde und das führt zu klimatischen Veränderungen, die in anderen Teilen der Welt Dürrekatastrophen auslösen.
Das ist kompliziert und wir sagen gerne so Sätze wie „Das kann man ursächlich gar nicht beweisen“ oder „Das könnten auch natürliche Klimaschwankungen sein“ oder „Das gab es immer schon“.

Selbst die größten Skeptiker leugnen heute nicht mehr wirklich, dass sich das Weltklima verändert und auch nicht, dass diese Veränderungen zu Problemen führen.(Update: 2024 gibt es sie wieder oder doch immer noch in größerer Menge und sie verleugnen sogar das, was sie selbst sehen.) Sie leugnen nur, dass die Menschen dafür verantwortlich sind. Sie meinen, dass das der ganz normale Lauf der Natur ist und die Veränderungen aus irgendwelchen Zyklen von irgendwas kommen und wir daher erstens nicht verantwortlich sind und zweitens nichts dagegen tun können. Das ist ein Freibrief die Umwelt nach Belieben zu verpesten. Vielleicht wollen diese Menschen durchaus gerne saubere Flüsse, aber darüber hinaus ist ihnen alles egal.

Ein Grund, weswegen klimatische Veränderungen oftmals das Leben der Menschen gefährden, ist die starke Bevölkerungszunahme der letzten Jahrzehnte. Noch vor hundert Jahren gab es weltweit ca. 1,6 Milliarden Menschen und die Ernährung wäre damals schon kein Problem gewesen, wenn es Verteilungsgerechtigkeit gegeben hätte.
Selbst heute gäbe es keinerlei Hunger auf der Welt, wenn die Nahrungsmittel so verteilt würden, dass alle zumindest genügend hätten um nicht zu hungern.
Ich höre immer wieder das Argument, dass wir unseren Überfluss ja nicht einfach nach Afrika schicken können, sozusagen die Hälfte vom Mittagessen. Das ist ein extrem dummes Argument, denn es impliziert, dass wir unsere Nahrung erstens selbst produzieren und zweitens Überfluss ethisch und rechtlich okay ist.
Und das ist Blödsinn.
Erstens bekommen wir unsere Nahrung aus der ganzen Welt geliefert, es ist also durchaus möglich das Essen nach Afrika zu schicken, denn es kommt ja auch von dort zu uns, etwa in Form von Früchten, Tiernahrung, Gewürzen, Reis, Mais etc.
Aber unser Fleisch kommt doch aus Österreich? Das ist auch falsch, denn das meiste Fleisch kommt aus der Fleischindustrie und die Tiere, die dort gemästet werden, bekommen Tierfutter aus Südamerika, Afrika oder von sonstwo. Das gleiche gilt für die Milch. Und die Eier.
Wir essen also das, was die Menschen dort bräuchten um nicht zu hungern.
Aber warum geben sie uns das, was sie selbst bräuchten?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie dazu gezwungen werden, denn wir nehmen es ihnen einfach weg. Die Bauern, die ihr Land nicht an internationale Großkonzerne verkaufen, werden vertrieben oder einfach umgebracht. Das passiert in Afrika, in Mittel- und Südamerika. Und genau von dort kommen die Exportgüter, die wir verwenden.
Wissen Sie, in welchen unserer Konsumprodukte überall Palmöl enthalten ist? Nein? Fast gar nicht? Falsch! Das Palmöl ist Grundbestandteil sehr vieler Produkte. Man könnte statt des Palmöls auch etwas anderes verwenden, aber das Palmöl ist billiger, weil es von riesigen Plantagen kommt, die entweder automatisiert (mit Landmaschinen aus Europa etwa) betrieben werden oder mittels billiger Arbeitskräfte – oft die Bauern, denen das Land früher gehörte.
Und wir alle mögen billige Produkte, oder?

Ein Beispiel: Zimt – wir lieben ihn im Glühwein und in den verschiedenen Mehlspeisen und Weihnachtsbäckereien. Und die sind in den letzten Jahren immer billiger geworden. Warum wohl? Vielleicht weil der Zimt aus Madagaskar kommt und dort von Kindern geerntet und sortiert wird. Das ist keine lustige Arbeit und die Kinder bekommen auch fast keinen Lohn und sie gehen nicht in die Schule, weil sie arbeiten müssen. Dafür haben wir billigen Zimt.
Niemand fragt beim Kauf im SPAR oder beim BILLA, wo der Zimt herkommt und ob Kinderarbeit im Spiel ist. Es würde auch nichts bringen, der Handel schottet uns extrem gründlich von diesen Informationen ab. Das fällt unter Betriebsgeheimnis und ist rechtlich geschützt.

Die gleichen Menschen, die gerne billige Weihnachtsbäckerei wollen, weil sie dann mehr davon kaufen und essen können, regen sich furchtbar auf, wenn die Flüchtlinge keine Ausbildung haben und nicht einmal lesen oder schreiben können. „Die wollen ja nur schmarotzen“ heißt es dann. Sie vergessen dabei großzügig auf die Frage, warum die keine Ausbildung haben. Vielleicht weil sie als Kinder arbeiten mussten und nicht in die Schule gehen konnten? Damit wir billige Weihnachtsbäckerei haben?
Das hört niemand gerne und lesen tut man es auch nicht so gerne.

Offen ist jetzt die brennende Frage, warum die Menschen dort so viele Kinder bekommen. Das ist ganz einfach zu erklären: Sie haben über Jahrzehntausende gelernt, dass die einzige Altersversorgung aus Kindern besteht. Je mehr man bekommt, desto mehr überleben und können die Eltern im Alter ernähren.
Dann kamen die Europäer und brachten erstens das Christentum, das ihre alten Kulturen zerstörte. Da sie aber die neue Kultur noch nicht (so wie wir) gewohnt waren, stürzten sie in ein Loch, aus dem sie sich bis heute nicht befreien konnten. Und dann kommt da noch der weiß gekleidete Herr und predigt, dass Verhütungsmittel Sünde sind.
In ihren alten Kulturen hatten sie Verhaltensweisen, die Überbevölkerung verhinderten. Dann brachte man ihnen mit Feuer und Schwert das Christentum und zwang sie ihre alte Kultur aufzugeben.
Zweitens brachten wir ihnen die Medikamente. Wir brauchen sie, um unsere Kinder am Leben zu erhalten, denn wir haben meistens zu wenige, um uns Kindstod leisten zu können.
Und wir verwenden unser Geld oft lieber für mehr Konsumartikel als für mehr Kinder. Das ist bei den Menschen in der dritten Welt anders.

So einfach kommt Bevölkerungswachstum zustande. Dieses hat fatale Folgen: Es gilt mehr Mäuler zu stopfen, daher braucht man mehr Nahrung und muss diese kochen. Daher muss man die Wälder roden, um Holzkohle zu erzeugen und Plantagen anzulegen. Mit den schon erwähnten Folgen: Es gibt irgendwann zu wenig zu essen für alle. Dann ensteht ein so genannter „Dichteschaden“ und die Menschen reagieren:
a.) Bürgerkrieg – man bringt sich gegenseitig um
b.) Seuchen dezimieren die Bevölkerung
c.) Man flüchtet

„Das ist alles überhaupt nicht unsere Schuld, sondern die der Afrikaner/Mexikaner/Indonesen etc., weil die haben korrupte Regierungen, die das Land in Armut halten, obwohl wir ohnehin so viel Entwicklungshilfe leisten.“
Auch dieses oft gehörte Argument ist schwachsinnig, denn erstens unterstützen unsere Regierungen die dortigen korrupten Regierungen, weil es nur so die von uns dringend benötigte Armut gibt. Reiche Menschen arbeiten nicht zu Hungerlöhnen, so einfach ist das. Und dann hätten wir beim H+M keine Hosen um 19.90 Euro. So einfach ist das.

Was bedeuten „Freunde“ bei Facebook?

Jetzt bin ich seit ca. 4,5 Jahren auf Facebook und habe in dieser Zeit ca. 890 „Freunde“ gesammelt. Zeit für eine Bilanz.

Meine Kategorisierung lautet wie folgt:
1.) Echte Freunde (56). Das sind Menschen, die mir im Falle eines Problems ungefragt helfen. Vielleicht springen nicht alle um drei Uhr in der Früh sofort aus dem Bett, aber ich glaube, dass ich mich an sie wenden kann, wenn es wirklich notwendig ist. Ich kenne sie alle gut bis sehr gut, manche sind Teil meiner Familie (7), andere alte Schulfreunde oder Menschen aus meiner Vespa-Clique. Selbstverständlich kommen da noch einige hinzu, die nicht auf Facebook sind. Es sind auch Menschen, denen ich meine Sorgen anvertrauen kann und sie hören mir zu.

2.) Gute Bekannte (226). Hier findet sich der erweiterte Kreis der Vespa-Clique sowie Menschen, mit denen ich derzeit viel Zeit verbringe – aus der Grünen Wirtschaft oder aus meinem Klosterneuburger und Greifensteiner Freundeskreis. Manche mag ich einfach gerne, andere sind beruflich wichtig (meist auf Gegenseitigkeit beruhend) und wieder andere sind alte Freunde, die ich nur selten sehe, mit denen mich aber gemeinsame Erlebnisse verbinden.

3.) Bekannte (ca. 590) Alte Schulbekanntschaften oder solche aus Freundeskreisen, die sich längst aufgelöst haben. Teilweise berufliche Kontakte, obwohl ich diese lieber in XING parke. Bei diesen Leuten glaube ich, dass sie sich für meine Postings interessieren oder ich mich für die ihrigen. Alle diese Menschen kenne ich insofern persönlich, als ich mindestens einmal mit ihnen länger geplaudert habe und sie mir sympathisch waren.

4.) Nicht persönlich Bekannte (17). Da gehört etwa Carlo dazu, mit dem ich regen Kontakt in Sachen Vespa habe. Er lebt in der Schweiz und wir haben uns noch nie getroffen, was sich sicher in Zukunft einmal ändern wird. Ein paar „Nicht-Personen“ sind auch dabei, meist Vespa-Clubs oder so. Bei einigen ist ein Kennenlernen nur noch nicht passiert, aber wir haben es sozusagen vor.

Im letzten halben Jahr sind ca. 70 neue Kontakte dazu gekommen und 30 weggefallen. Ich habe zusätzlich ca. 12 gestern entfernt, weil ich mich an sie überhaupt nicht erinnern kann.

Ca. 30 Personen warten derzeit auf die Bestätigung ihrer Freundschaftsanfrage. Sie werden wahrscheinlich lange warten müssen, weil ich sie entweder nicht kenne oder nicht mag.

Es war übrigens gar nicht so leicht eine Liste der Freunde zu erstellen. Facebook will das aus irgend einem Grund nicht. Hier ist die Anleitung, wie man es trotzdem schafft eine alphabetische Liste zu bekommen (Danke an meinen FB-Freund Igor):

„Allgemeine Kontoeinstellungen“ klicken (rechts-oben). Dann öffnet eine Seite wo man Name, Nutzername, E-mail-Adresse, Passwort, Netzwerke und Sprache umändern kann. Da gut schauen (weil schwer zu sehen): „Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter.“ klicken.. Nachdem alles ausgefüllt ist wird Facebook dir am nächsten Tag alle Details deines Kontos zum Download bereit stellen.

UPDATE FEBRUAR 2024

Gute 11 Jahre später bin ich immer noch auf Facebook, obwohl es zusehends mühsamer wird. Die extremen Ansichten nehmen zu, jede(r) ist auf einmal Experte für eigentlich eh alles, Wissenschaft wird nicht mehr verstanden oder verlacht.
Die Anzahl meiner Facebook-Freunde ist auf über 1.700 angewachsen und über 300 Leute warten auf die Bestätigung der Freundschaftsanfrage. Ich bin aber wesentlich selektiver geworden und habe alle Freunde in „Freunde“ oder „Bekannte“ eingeteilt – das geht inzwischen auf Facebook. Heikle – vor allem politische – Postings gebe ich manchmal nur für „Freunde ohne Bekannte“ frei. Das erspart mir einen großen Teil der Hasspostings.
Eine kleine Anmerkung noch zu Punkt 4.) – Carlo habe ich leider nie persönlich kennengelernt. Er ist 2014 plötzlich und sehr unerwartet an einem Gehirnschlag gestorben.

Die Abgehobenheit

Philosophen gelten als abgehoben von der Realität der Welt und sitzen angeblich im gläsernen Palast über den Wolken und ein Flugzeug gilt als abgehoben, wenn es sich in die Luft erhoben hat.

Ich stelle eine andere Frage: Wo finden wir Abgehobenheit in der gesellschaftlichen Entwicklung? Zur Diskussion stehen folgende Punkte:

1.) Die Finanzindustrie
Finanz- und Realwirtschaft haben sich schon so weit getrennt, dass die Frage nach einer Verbindung inzwischen gestellt werden kann ohne auf großes Kopfschütteln zu stoßen. Durch die Entkoppelung des Dollars vom Gold unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher fand hier ein entscheidender Schritt statt. Durch die fast vollständige Aufhebung der Kontrolle des Staates über die Finanzindustrie unter Bill Clinton konnte diese ohne jegliche Grenzen wachsen. Eine winzige Eigenkapitalquote und zugleich die Möglichkeit Gelder fast nach Belieben hebeln zu können haben zum Aufbau von Finanzblasen und etwa Systemen geführt, die wir heute als „Derivatehandel“ und „Hedgefonds“ kennen.
Provokant gesagt: Die einzige Verbindung der Finanzwirtschaft zur Realwirtschaft besteht darin, dass erstere der zweiteren schaden kann und dafür keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat (Welches Gesetz regelt, dass ein 22-jähriger Investmentbanker irgendwo in London auf den Knopf drücken kann und in Indien eine Hungersnot auslöst? Eben.).

2.) Die Ernährung
Der Großteil der Menschen in der westlichen Industriewelt hat nichts mehr mit der Kultur zu tun, aus der wir stammen, nämlich der Agri-Kultur. Wir sehen Fleisch nur in Plastiktassen eingeschweißt oder überhaupt fertig gebraten und hübsch angerichtet. Wir bekommen Brot aus dem Schnellbackofen im Supermarkt und sehen auch hier nicht, woher es stammt. Das gilt für fast alle Lebensmittel. Wir haben abgehoben von der Natur. Was bleibt ist Sport (meist im Fitnesscenter) oder die Fahrt ins Grüne (mit dem Auto bis auf den hoffentlich asphaltierten Parkplatz vor dem Wirtshaus im Wald).

3.) Die sozialen Kontakte
Wer setzt sich heute noch eine Woche mit KollegInnen zusammen und bespricht, wie es läuft und wie es allen geht? Oder nur einen Tag lang. Vielleicht eine Stunde? Meist nicht einmal das.
Freunde hat man auf Facebook und wenn man sie doch trifft, dann für sehr kurze Zeit, denn man muss an diesem Abend noch zu zwei anderen Festen oder kann nur gemeinsam einen Stehkaffee trinken, weil dann schon der nächste Termin ruft. Meetings werden kürzer und mit mehr Themen vollgestopft.
Wer bespricht ein Thema noch ohne Zeitdruck bis in die Tiefe, in der beide Gesprächspartner sagen können: Wir haben es vollständig bearbeitet.
Freundschaften und sogar Familien tendieren auch in diese Richtung. Wir haben abgehoben.

Abheben tut man letztlich immer von der Erde, deswegen stellt sich auch die Frage nach einer neuen „Erdung“ der Menschen. Wie soll diese aussehen und was soll sie auslösen?
Ich glaube, dass uns die globale Entwicklung, in der wir uns befinden, dorthin bringen wird. Es könnte allerdings ein schmerzhafter und teurer Weg sein und dafür sind wir dann selbst verantwortlich.
Felix Baumgartner wurde vom UNO-Generalsekretär plus den Medien als „mutigster Mann der Welt“ gefeiert. Das ist nun doppeldeutig: Für das Abheben oder für das wieder Zurückkommen? Vielleicht ja für beides.
Ich glaube, wir werden noch längere Zeit in diesem Widerspruch verweilen müssen, eventuell gehört das auch zu unserem Menschsein.

So sieht perfekte Täuschung aus: El Gouna soll umweltfreundlich sein

Ich weiß schon, dass medianet von niemandem außer mir gelesen wird, aber die dort veröffentlichten Artikel erscheinen auch anderorts. Heute gibt es einen online-Artikel mit dem Titel „Umweltfreundlichste Stadt in Ägypten“. Ich bin bass erstaunt, als sich herausstellt, dass es sich um El Gouna handelt.

Zur Info: El Gouna ist eine künstlich aus der Wüste herausgestampfte Stadt, so echt und authentisch wie ein Potjemkinsches Dorf. Einer der reichsten Ägypter hat einige Kilometer Küste gekauft und dort eine Stadt angelegt, wo früher ein kleiner alter Fischerhafen war.
Jetzt gibt es dort mehrere Hotels, eine riesige Marina und Privatwohnungen sowie eine gewisse Infrastruktur. Dazu noch einen Golfplatz etc.

Umwelttechnisch eine absolute Katastrophe, weil es gibt dort weder Strom noch Wasser. Letzteres muss mittels riesiger Meerwasser-Entsalzungsanlagen gewonnen werden. Besonderes Low-Light ist hier der Golfplatz, der überhaupt nur funktioniert, weil er mit gentechnisch verändertem Rasen angelegt wurde. Der verträgt salzigeres Wasser als normaler Rasen.
Es sieht pervers aus, mitten in der trockensten Wüste bilden sich die Leute ein, dass sie genau hier Golf spielen müssen.

Aber es sind die vielen verschiedenen Punkte, die in Summe eine unglaubliche Bilanz ergeben. Es werden Unmengen Erdöl verbrannt, um das Wasser sowie den notwendigen Strom aus riesigen Generatoren zu gewinnen.
Nur wenige Kilometer weit haben die G8-Staaten Ägypten einen Windpark geschenkt. Als ich damals vorbei gefahren bin, war dieser halb verfallen. Auf meine Nachfrage fand ich heraus, dass die Ägypter aus Stolz auf ihr Erdöl den Windpark ganz bewusst nicht in Betrieb nehmen. Billig ist sowas übrigens nicht, da waren Dutzende Windräder aufgestellt, bei einigen fehlten schon Rotorblätter…

El Gouna ist generell ein Alptraum. Man hat dort versucht – so wie in anderen ägyptischen künstlich angelegten Küstenstädten – moderne europäisch-amerikanische Verhältnisse zu schaffen. Die Häuser sind aus Stahlbeton in einem pseudo-arabischen Stil, alles wirkt wie aus Plastik, selbst die Palmen, die nur sehr schlecht wachsen.
Alles muss ununterbrochen gegossen werden, die Pflanzen gehören dort überhaupt nicht hin, die Stadt wird sozusagen ständig künstlich beatmet, mit enormem Aufwand. All das gehört dort nicht hin, es ist wie am Mond, wo man alles, was man dort braucht, erst mit großer Anstrengung hinschaffen muss. Die Häuser haben alle Klimaanlagen, weil sie in der völlig falschen Technik gebaut wurden und somit sich nicht selbst regulieren können, wie das die alten Bauwerke in der Gegend sehr wohl konnten und können, wo es sie noch gibt.

Die Marina hat nur einen Vorteil: Segler, die dort vor Anker gehen, um auf Südwind zu warten, damit sie den Golf von Suez hinauf segeln können, dürfen ein paar Tage gratis dort liegen (sofern das nicht geändert wurde) und ersparen sich die horrenden Marina-Gebühren.

Für mich ist das ein Endzeit-Szenario, wenn man gegen die Umwelt kämpft, die völlig falsche Art, sich die Erde untertan zu machen. All das wird ausschließlich durch billiges Erdöl möglich, das in Ägypten massiv staatlich gesponsert ist – quasi im Gegensatz zu unserem Modell.

Diese Städte hängen ständig am Tropf, sie sind allein nicht lebensfähig und zu 100 % auf das Öl angewiesen. Mein Tipp: verwendet das wertvolle Öl für was anderes und lasst diese Städte in Frieden sterben. Sie sollten dort nie sein und werden in Zukunft dort auch nicht mehr sein. In der Wirtschaftskrise haben sie ohnehin das erste Mal gekracht, weil sich die Mieter und Eigentümer ihre teuren Ferienhäuser und Appartements nicht mehr leisten konnten.

El Gouna ist die umweltfeindlichste Stadt Ägyptens, also das genaue Gegenteil von dem, was medianet schreibt.

Die neuen Sicherheiten

In Zeiten der Krise (ein Wort, das aus dem Griechischen kommt…) gehen Sicherheiten flöten. Und das ist schlimm für die Menschen, die viel Energie dazu verwenden, sich ein sicheres Leben zu organisieren. Planbarkeit ist etwa ein Faktor und genau die geht ziemlich verloren. Das gilt vor allem für berufliche Karrieren, aber auch für private Beziehungen. Früher (wann war das genau?) konnte man nach der Matura einen Job etwa in einer Bank annehmen und wusste: da bleib ich bis zur Pension, stehle keine goldenen Löffel, mein Gehalt steigt und ich komme gut aus. Daneben konnte man heiraten und Kinder bekommen und viele Ehen hielten bis zu ihrem Planungsende, nämlich dem Tod als einzigen Scheidungsgrund.

Das hat sich alles deutlich geändert. Das mit den lebenslangen Partnerschaften ist zum Wunschtraum verkommen und in manchen Branchen wechselt man jährlich den Arbeitgeber. Das hat alles Vor- und Nachteile, aber die Sicherheit der Planbarkeit ist verloren gegangen.

Daher suchen sich die Menschen neue Sicherheiten und hier finden wir die wirklich echten Trends:

1.) Hunde bzw. Haustiere
Da gelernte ÖsterreicherInnen Hunde haben und lieben, ist die Basis schon gelegt. Dieser Trend gilt interessanterweise auch für die USA, also einem Land, von dem wir glauben, dass die Menschen viel freier und flexibler sind als wir, ständig umherziehen und nicht so viel Sicherheit brauchen. Mag sein, dass wir unser Bild ein wenig korrigieren müssen.
Hunde statt Beziehungen. Alten Weiblein sagt man es ja schon lange nach, dass sie ihren Hund mehr lieben als etwa schreiende Kinder in der Straßenbahn. Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern das nun: In manchen Familien (sozusagen den Trendsettern) wird mehr für Hundefutter ausgegeben als für das Essen der Kinder (Deutschland: 2,6 Mrd. Euro – dreimal so viel wie für Babynahrung). Sinkende Geburtenraten korrelieren indirekt proportional zur Anzahl der Hunde. Die Viecher haben einen eigenen Fitnesstrainer, Frisör, in natürlich eher seltenen Fällen sogar einen Koch, werden modisch gekleidet und angeblich bezeichnen 80 % der Amerikaner ihren Hund als echtes Mitglied der Familie (haha, da lachen wir doch nur hier in Österreich, wir erreichen in diesem Fall 100 %).
Hunde werden in Hochzeiten als wichtiger Bestandteil integriert („Wedding Dogs“) und werden wie selbstverständlich zum Kinderersatz. Natürlich bekommen sie dann auch Menschennamen, die alten Hundenamen haben ausgedient.
36 % der Amerikaner schenken ihrem Hund etwas zum Geburtstag und bezeichnen sich selbst als „Hundeeltern“ und die Köter bekommen das zu (fr)essen, was sie selbst auch gerne essen.

Eine Bekannte hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass die Tierarztbesuche ihres Hundes in Summe mehr gekostet haben als ihr VW Golf, der nun schon in die Jahre gekommen ist, aber mangels Geld keinem Neuwagen weichen muss. Hunde besuchen Wellnesscenter, bekommen Diabetes und Übergewicht und dürfen/müssen im Hundefitnesscenter in den Fernseher gaffen. Dafür bekommen sie Massagen und Aromatherapie, das Gassigehen kommt aus der Mode, ähnlich wie bei den BesitzerInnen, die sich auch nur mehr im Fitnesscenter bewegen und die freie Natur als unbequem ablehnen.

Pervers? Das ist noch lange nicht alles: Inzwischen gibt es Tourismusbüros für Hunde, denen man Sightseeingtouren anbietet, „Pet Airways“ transportiert ausschließlich Tiere.

Was passiert da? In einer Zeit steigender Unsicherheit suchen Menschen nach neuen Sicherheiten – vor allem in Beziehungen. Ein Hund redet nicht zurück, denn Bellen sind keine Worte, auf die man sich eine Antwort überlegen muss. „Hör sofort auf damit“ funktioniert seit 10.000 Jahren weder bei Hunden noch bei kleinen Kindern, genauso wie „Aus, Ausss!“
Und trotzdem: Bei einem Hund kann man sich zumindest einbilden, dass er einem gehorcht. Man kann ihn abrichten und sich als „Herrl“ oder „Frauerl“ fühlen – auch wenn man sonst auf der sozialen Leiter schon ganz unten steht. Das halten Menschen nicht gut aus, daher schimpfen eingesessene Einwanderer auf neue, Yugos auf Türken, Türken auf Usbeken, Usbeken auf irgendwen etc. Einen Hund kann man immer tiefer als man selbst ansiedeln. Er ist persönlicher Besitz, was Menschen seit einiger Zeit nicht mehr sind und manchmal sagen sie das auch, dann zerplatzen die letzten Illusionen. Das kann mit Hunden nicht passieren. Wenn ein Hund nicht gehorcht, dann kann man zumindest so tun, als ob das nicht so wäre und er „eigentlich“ eh tut, was man will.
Hunde lieben ihre Besitzer oder tun zumindest so, das ist bei Kindern nicht immer der Fall. Hunde kann man füttern und sie sind dafür dankbar oder tun zumindest so. Kurz: Hunde geben Sicherheit.

2.) Vereinzelung
Der „Vereinzelte“ ist übersetzt der „Idiot“. Viele von uns werden zu Idioten, zumindest was Paarbeziehungen betrifft. Das kann in gewisser Weise durch andere soziale Beziehungen kompensiert werden, aber es bleibt stets die Tatsache, dass Singles eben keine klassische Beziehung haben. Ob sie darunter leiden? Das hängt wahrscheinlich ganz vom Typ ab. Unter meinen Freunden und Bekannten (und auch bei mir) beobachte ich, dass man (frau) immer mehr auf der Suche nach „der/dem Richtigen“ ist. Hypothese dazu: Wenn andere Sicherheiten flöten gehen (Job, Umwelt, Statussymbole etc.), dann bekommt die Partnerbeziehung einen ungleich höheren Stellenwert. Ich weiß natürlich nicht, ob das früher wirklich so anders war und vor hundert oder noch vor fünfzig Jahren man halt einfach geheiratet und Kinder bekommen hat, große Liebe hin oder her. Aber irgendwie erscheint das heute komplizierter, man möchte Kinder in einer sicheren Umwelt zur Welt bringen und aufziehen – und die scheint nicht vorhanden. Also soll zumindest die Partnerschaft sicher und stabil sein und das geht nur mit der „richtigen“ Frau oder dem „richtigen“ Mann.