Hauptsache neu, Hauptsache irgendwie originell

…da darf die Funktionalität sich schon mal hinten anreihen. Die dümmste Form dieser Entwicklung habe ich jetzt bei Toyota erlebt. Eigentlich eine Automarke, die ich für hohe Fertigungsqualität und clevere Fahrzeugtechnik kenne. Unser Landcruiser in Afrika ist einfach aufgebaut, hart im Nehmen und hält lange.

Anders die rüschenbesetzten Schnick-Schnack-Kisten, die sie nach Europa bringen. Das neueste Beispiel ist der „Landcruiser 300“, ein Auto, das vor Sinnlosigkeit nur so strotzt. Der Kübel ist riesengroß außen, und kleiner als jeder Golf innen. Noch dümmer ist in dieser Hinsicht nur mehr der Audi Q7 gebaut.
Fast einen halben Meter dick sind die Innenverkleidungen und ich frage mich, was da dahinter steckt. Nur Querstreben und Dämm-Material wird es ja wohl nicht sein. Ich tippe auf heiße Luft. Der Wagen ist übrigens für die Stadt gebaut, dort gehört er hin, auch wenn sein Urahn ein Geländewagen reinsten Wassers war (der J7, das berühmte Buschtaxi, heute noch von allen NGOs weltweit und bei der UNO etc. im Einsatz). Der neue heißt „J15“ und ist nicht mehr vergleichbar. Geländefahren ist strikt verboten, außer man möchte sich alles kaputtmachen.

Design schlägt Funktionalität. Ein paar Beispiele:
1.) Hochglanzlackierte Stoßstangen bei einem Geländeauto. Bei jedem Kratzer darf man das halbe Auto austauschen. Die Werkstätten jubeln, die Kasko-Preise schnalzen gegen unendlich. Braucht kein Mensch, ist ein reines Design-Element, das mir persönlich nicht einmal gefällt.

2.) Bauchige, vielfach gekrümmte und gebogene Karosseriebleche. Das Ende des Autos ist weder vorne, noch hinten, noch auf der Seite auch nur zu erahnen. Deswegen hat sich mein Vater (seit kurzem in Besitz so eines Monsters) auch schon die Seitenflanken zerstört, an der Garagenwand. Auch hier: ein reines Designelement.

3.) Die Scheinwerfer. Undinger, riesig groß, vielfach gebogen, verklebt, jede Menge Plastik. Ein kleiner Steinschlag und man muss seine Kinder als Sklaven verkaufen, um sich eines von den Trümmern neu leisten zu können.

4.) Der Innenraum. Selten was so funktionsbefreites gesehen. Hellbeiges Leder, quasi schon beim ersten Einsteigen automatisch versaut. Alles eng zugebaut, subjektiv fühle ich mich wie in einem Puch 500. Es war mir nicht möglich, einen Platz zu finden, an dem ein Feuerlöscher angebracht werden könnte. Im ganzen Wagen nicht, auch nicht im Kofferraum. Absolut unmöglich, das ist nicht vorgesehen und geht einfach nicht.

5.) Das Mäusekino. Bildschirme wohin man blickt, tausend und eine Anzeige, in allen Farben, alles blinkt und es gibt ein halbes Dutzend Kameras außen, mit denen man die Umgebung betrachten kann. Überall piept es und je nach eingelegtem Gang zeigen die Kameras verschiedene Ausschnitte. Dazu gibt es noch farbige Linien, so dass man erkennen kann, was in der Kamera das eigene Auto und was die Elemente in der Umgebung sind. Ein Overkill an „Features“ und Sinneseindrücken. Die perfekte Ablenkung vom Fahren.

Fahren braucht man mit dem Ding eigentlich nicht mehr, es spielt schon im Stand das gesamte Entertainment-Programm und das verlangt 100% der Aufmerksamkeit. Dann auch noch zu fahren wäre absolut fahrlässig.

6.) Das absolute Highlight: der schlüssellose Zündschlüssel. Damit hat Toyota den größten Bock geschossen. Es ist frei von jeder Funktionalität, ein reines Designelement, in der Praxis völlig unbrauchbar. Zur Erklärung: Man steckt den Schlüssel in die Hosentasche und durch Funksignale erkennt der Bordcomputer, dass ein Schlüssel in der Nähe ist. Dann kann man aufsperren (natürlich mit Druckknöpfchen. Wehe dir, wenn die Batterie leer ist oder kaputt geht, dann bleibt man draußen, denn es gibt keinen Schlüssel und kein Schloss mehr.).
Man kann auch einen Knopf zum Starten drücken und dann wegfahren.

Mein Vater hat mich noch eingewiesen in die vielen Besonderheiten und ich fuhr los. Am Zielort angekommen stellte ich den Wagen ab, das geht auch mittels des Starterknopfes. Ein paar Minuten später wollte ich ihn wieder starten – keine Chance, der Knopf verfärbte sich nicht wie notwendig grün und ein schnarrendes Signal zeigte mir an: do geht jetzt nix!

Den Schlüssel hatte ja mein Vater in der Hosentasche. Während des Startens war er in meiner Nähe, daher hat das funktioniert. Danach nicht mehr. Glücklicherweise war ich nicht weit weg und konnte zurück eilen, um meinem Vater den Schlüssel abzuknöpfen.

Einem Freund meines Mechanikers war das Upgrade dieser Blödheit zuteil geworden. Er stieg in sein Auto und fuhr auf Geschäftsreise nach Tirol. Nach einigen Stunden Fahrzeit fuhr er in Tirol zur Tankstelle und als er vom Bezahlen zum Auto kommt, ist dieses abgesperrt. Manche dieser neuen Kübel haben zu dem saublöden Schlüsselsystem noch ein zusätzliches „Sicherheitsfeature“ – wenn man die Türen zuwirft, versperren sie sich automatisch nach ein paar Sekunden. Wofür das gut ist, weiß ich nicht, ich habe keine Angst vor Dieben und wenn, dann sperre ich mein Auto ab.
So hatte das zur Folge, dass der gute Mann draußen stand und auch dort blieb. Der Schlüssel war im 500 km entfernten Wien, das Handy lag natürlich im Auto und im Handy waren die Nummern für den Notfall. Bei den ständig wechselnden Nummern merkt sich das kein Mensch mehr und es ist eh im Telefonbuch am Handy gespeichert. Das im versperrten Auto liegt. Das war sicher eine gaudige Geschäftsreise.

Bewerben tut Toyota dieses Auto übrigens mit den Worten „Alles andere als Spielzeug“. Was genau sonst, erklären sie leider nicht.

Zahltag für die Engländer

Nanu, was ist denn da los? Wenn ich an London denke, dann fallen mir distinguierte Herren in Tweed-Sakkos ein, die mit einer Melone am Kopf und einem Schirm auf der Straße flanieren, um 17 Uhr Teatime abhalten und gerne und oft „indeed“ und „Well“ sagen.
Okay, das ist nicht alles, London ist auch eine große Stadt mit vielen schnuckeligen Gärten und Backsteinhäusern, es gibt Guinness und höfliche Menschen lassen dir in der Schlange gerne den Vortritt, indeed.

Gut, London ist auch tolles Shopping, viele Sehenswürdigkeiten, Künstler, Carnaby Street und Toast. Alles sehr nett, alles sehr gepflegt.

Irgendwas stimmt da nicht mit meinem London-Bild. Schlägerbanden und Plünderer? Angezündete Fabriken und kaputte Geschäfte? Gut, es gibt in den Vororten ein paar Arbeitslose und man kennt die Fußball-Hooligans, aber bitte was ist da auf einmal los?

Wenn ich ein wenig genauer nachdenke und mir meine Mod-Zeit in Erinnerung rufe, dann kommen schon noch ein paar Facetten dazu: Sowohl die Mods wie auch die Rocker waren meist Unterschicht-Jugendliche, die in tristen Verhältnissen aufwuchsen, wenig Geld und viel Protestpotenzial hatten, viel Wut und wenig Perspektiven. Schon in den späten 1960er Jahren brach dies das erste Mal hervor und die Schlachten im noblen Seebad Brighton sind Legende (der Film „Quadrophenia“ handelt davon).

Aus London stammt auch die harte Rockmusik der Rolling Stones, The Who und einigen anderen. Warum denn das? Brodelte da etwas, das irgendwann raus musste? Findet sich unter der nobel-höflichen Fassade noch etwas anderes?

Die Fakten zeigen sich jetzt in London: Alle Macht den City Boys, keine Macht den arbeitslosen Jugendlichen in den schlechten Wohnvierteln. Das öffnet die Schere und geht eine Zeit lang gut. Dann gibt es zu viele Menschen, die zu wenig haben. Auf der anderen Seite fließt der Champagner in Strömen und man kann sich selbst gar nicht genug Bonuszahlungen verpassen. Ein einziger Spekulant kann mit einem einzigen Knopfdruck in Asien eine Hungersnot auslösen. Das klingt verrückt, aber genauso ist es. Wenn er dafür noch einen fetten Bonus bekommt – was soll ihn abhalten? Gesetze dagegen gibt es nicht, die Moral ist letzte Nacht im Kaviar erstickt und Bangladesh ist weit weg und dort will man ohnehin nicht auf Urlaub fahren. Wenn man Menschen den roten Knopf vor die Nase setzt und sie wissen, dass sie persönlich nicht für die Resultate verantwortlich gemacht werden können – da kann es schon passieren, dass der eine oder andere schwach wird. Und wirklich voraussagen, was am anderen Ende der Welt dann passieren wird, das kann doch bitt schön niemand.
Also wurden die Knöpfe gedrückt, und in USA saßen ein paar Zehntausend Familien auf der Straße. Selber schuld, sie hätten sich ja die Kredite für das Eigenheim nicht aufnehmen müssen!

Wenn man den Banken und Investmentgesellschaften
a.) jede Menge Macht gibt
b.) sie ihre Regeln selbst aufstellen lässt und
c.) den Profit an jeder Ecke als einzig erstrebenswertes Ziel hinausplärrt,
dann darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann Zahltag ist.

Eine durchprivatisierte Verwaltung, die zwar nicht funktioniert, bei der aber im Gegenzug jede Menge Menschen entlassen wurden, ein Bildungssystem ohne Budget bzw. nur mit Budget für die Reichen, garniert mit einer größeren oder kleineren Wirtschaftskrise – all das ergibt eine sich immer weiter und schneller öffnende Schere. Die öffnet sich übrigens nur bis zu einem bestimmten Punkt. Was sich jetzt auf den Straßen von England abspielt, sind die Vorboten des Zusammenklappens.

Jahre- bis Jahrzehntelang wurde den Menschen an jeder Ecke eingetrichtert: Du bist nur ein Mensch, wenn Du dir alle Wünsche erfüllen kannst. Du sollst alles wollen, und das jetzt gleich!
Und dann wundert man sich, wenn sie sich das nehmen, was sie sich wünschen sollen: das Auto, den Flatscreen, den Computer – all die Ikonen unserer modernen Gesellschaft. „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ lautet ein alter Revolutionsspruch. Genau das tun sie: Sie zerstören die Geschäfte, die ihnen das anbieten, was sie kaufen sollen aber nicht können.

„Gerade in England haben sie so ein tolles Sozialsystem“ höre ich ständig als Argument. Stimmt das, ist das wirklich so toll? Michael Moore hat es in einem seiner Filme so dargestellt. Aber ein Sozialsystem ist nicht alles. Was habe ich davon, wenn das Krankenhaus gratis ist, ich mir aber kein Essen leisten kann? Oder keine Perspektive auf einen Job habe.

„Das sind nur die faulen Schwarzafrikaner, die da randalieren.“ Leider kenne ich die Statistik nicht, aber angeblich sind es nicht nur die. Und wenn – jahrhundertelange Kolonialherrschaft bringt nun einmal die eine oder andere Spätfolge.

War es vielleicht doch die unheilige Allianz Thatcher/Reagan, die zu unserem heutigen Wirtschaftssystem geführt hat? Nun, das hat sich bald erledigt, ähnlich dem Realsozialismus, nur ein paar Jahre später.

Ich glaube, dass der Kapitalismus derzeit ungefähr so viel mit seiner Grundidee zu tun hat wie die katholische Kirche mit den Lehren von Jesus von Nazareth.

Es wird spannend, in den nächsten zwei bis drei Jahren.

Das Dilemma der Rating-Agenturen

Sie sind im Gespräch, derzeit mehr als je zuvor. Die meisten Menschen inklusive meiner Wenigkeit schüttelten schon bei der 2008er-Finanzkrise den Kopf und fragten sich, wieso diese Firmen erstens so viel Macht haben und zweitens so ungeschoren davon kommen.
Jetzt ist es wieder so weit. Die Ratingagentur Standard&Poors hat die USA von AAA auf AA+ zurückgestuft. Ganz abgesehen davon, dass das den kleinen Bürger vorerst nicht interessiert, hat das doch etwas zu bedeuten.

Wieso dürfen Rating-Agenturen eigentlich Staaten bewerten? Hier liegt meiner Ansicht nach der erste Fehler im System. Ganz abgesehen davon, dass ich auf ihre sonstigen Bewertungen genau gar nichts gebe, etwa weil sie seinerzeit Lehman Brothers in den Olymp gehoben haben und die waren kurz danach einfach pleite, sollten die Agenturen nur Firmen bewerten, und nicht Staaten. Ich glaube nämlich, dass sie das nicht können. Erstens weil sie es – auf wienerisch gesagt – nicht derheben, zweitens weil Staaten nach anderen Gesetzmäßigkeiten funktionieren als Firmen. Sie können nicht pleite gehen, weil sie kein betriebswirtschaftliches Unternehmen sind. Daher macht es auch keinen Sinn, sie im gleichen Schema wie einen Autohersteller oder eine Softwarefirma zu bewerten.

Drittens sind die Rating-Agenturen selbst politisch interessiert und zwar mindestens wirtschaftspolitisch. Sie gehören jemandem und derjenige, der Eigentümer der Rating-Agentur, hat ganz bestimmte Eigeninteressen. Die Ratings richten sich daher nach den Interessen des Eigentümers, das sollte jedem klar sein. Diese Interessen sind in erster Linie pekuniärer Natur, sprich: der Eigentümer will möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Genau genommen hat er sonst keine weiteren Interessen. Eine Rating-Agentur ist eine betriebswirtschaftlich geführte Firma mit dem Ziel, Profit zu machen. Daher tun sie genau das, was ihre Geldgeber wollen.
Sie bewerten etwa die Firmen, denen sie gehören und von denen sie bezahlt werden. Natürlich bewerten sie diese gut, denn sonst bekommen sie vom Eigentümer eine aufs Dach. Das ist mehr als logisch.

Leider oder Gott sei Dank – je nachdem, von welcher Seite aus man es betrachtet – leben die Rating-Agenturen auch davon, dass sich jemand für ihre Ratings interessiert, mit anderen Worten: Andere Firmen (Investmentbanken etwa) richten ihre Entscheidungen nach den Ergebnissen der Ratings. Das ist viel praktischer, als sich selbst um die Anlagen zu kümmern: man kauft, was von der Agentur für gut befunden wird, und verkauft, was herabgestuft wird. Das geht einfach und schnell und man muss sich nicht viel antun. Dass dies so ist, hat man etwa an der Lehman-Pleite gesehen, die niemandem aufgefallen ist, bevor es zu spät war. Milliarden versenkt? Das hat niemand bemerkt, weil man gebannt auf die Ratings geschaut hat – und die waren ja hervorragend, also wozu noch nachfragen, stöbern, Geld und Zeit investieren?

Nun kommen die Agenturen in ein Dilemma. Wenn sie nämlich wirklich objektiv bewerten würden (ganz abgesehen davon, dass man bezweifeln kann, ob sie das überhaupt beherrschen, die richtigen Werkzeuge dafür haben, bisher mussten sie das ja nicht), dann hätten ihre Eigentümer ein Interessenproblem. Wenn sie es nicht tun, haben sie ein Akzeptanzproblem.

Bisher konnten sie dieses Dilemma elegant umschiffen, indem sie vor der glücklichen Lage standen, dass ihnen die relevanten Kunden blind geglaubt haben, ganz egal wie viel Mist sie verzapft haben. Damit konnten sie den Widerspruch bewältigen. Bisher hat niemand von ihnen verlangt, dass sie sauber bewerten.

Warum glauben die Leute eigentlich dem, was die Rating-Agenturen so von sich geben? Der erste Grund ist oben schon angeführt, das ist die Bequemlichkeit. Man erspart sich eigene Recherche und damit Arbeit und Geld. Der zweite Grund ist schon etwas diffiziler: Menschen glauben gerne an etwas. Das ist beruhigend und angenehm und man kann damit Verantwortung abwälzen. Man glaubt gerne, dass die großen, reichen und mächtigen Agenturen mit ihren Glaspalästen sehr genau wissen, was sie tun. Man glaubt gerne, dass sie die tollen komplexen und natürlich streng geheimen Computerprogramme haben, die ihnen sagen, wie es wirklich ist. Man glaubt gerne, dass die smarten, feschen Herren in ihren teuren Anzügen Fachleute sind, redlich und ehrlich. Man glaubt gerne, dass sie unabhängig und objektiv bewerten und dass diese Bewertungen daher das ausdrücken bzw. sind, was wir alle wollen: die Wahrheit.

Noch ein weiterer Aspekt spielt hinein: die großen vier Agenturen haben quasi ein Oligopol, denn außer ihnen bewertet niemand oder zumindest niemand, dem man glaubt. Diese Position haben sie sich über die Jahre erarbeitet und dafür entsprechendes Lobbying betrieben. Was wäre, wenn es staatliche Rating-Agenturen gäbe, mit denen sie konkurrieren müssten? Sie hätten vielleicht mehr Geld, aber sicher weniger Akzeptanz, weil sie keinerlei Unabhängigkeit vorweisen können. Daher haben sie dafür gesorgt, dass es keine staatlichen Agenturen gibt. Braucht noch irgendwer einen zusätzlichen Beweis für Macht?

Wer also irgendwelche Zahlen braucht, um vor seinem Chef das Investment rechtfertigen zu können, greift gerne bei den Rating-Agenturen zu, und zwar ganz egal, was sie liefern.

Nun fangen sie jedoch an, mit ihrem Image zu kämpfen. Je mehr Mist sie bauen und je klarer ihre Abhängigkeit und Parteilichkeit wird, desto mehr sinkt ihr Stern. Dadurch geraten sie in ein neuerliches Dilemma:
Wenn wir so weiter tun, gibt es uns vielleicht bald nicht mehr, weil keiner mehr unseren Ratings glaubt und daher auch nichts bezahlt.
Wenn wir nicht so weiter tun, gibt es uns vielleicht bald nicht mehr, weil dann kann man gleich staatliche (oder auch eine europäische…) Agenturen gründen und beauftragen.

Damit nicht genug, eröffnet sich ein weiteres Dilemma:
Wenn wir zugeben, dass wir uns für die Ratings bezahlen lassen (wie möglicherweise bei Lehman Brothers), verlieren wir an Glaubwürdigkeit.
Wenn wir es nicht zugeben, dann waren wir scheinbar zu unfähig und verlieren an Glaubwürdigkeit.

Die haben es nicht leicht, die Rating-Agenturen. Mein Mitleid hält sich trotzdem in Grenzen, und ich bin dafür sie aufzulösen und durch staatliche Agenturen zu ersetzen, die den Job unabhängig machen können. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die genauso viel Kompetenz haben.

Breivik – ein Cyber-Krimineller?

Was mir sofort aufgefallen ist: Der hat sich nicht hamdraht! Alle Amokläufer der letzten Jahre haben sich selbst erschossen. Gestern wurde mir auf die Frage danach geantwortet: Die Linken bringen sich danach um, die Rechten nicht.
Ich bezweifle das, ohne hier irgend eine Statistik zu kennen. Aber darum geht es gar nicht. In der aktuellen Sendung „Runder Tisch“ wurde es schon angesprochen: Wir leben in einem Internet-Zeitalter und das spielt eine zunehmend immer größere Rolle. Möglicherweise auch für diesen Fall.

Davor musste man (Mann – Amokläufer sind meines Wissens immer männlich) sich in die entsprechende Gesellschaft begeben, ob dies nun eine politische Partei oder ein Jugendlager war. Mann musste in der realen Welt Kontakte knüpfen und etwa irgendwo von irgendwem lernen, wie man eine Bombe baut oder auch mit einer Waffe umgeht.

Jetzt ist das nicht mehr unbedingt so. Heute kann Mann zum Amokläufer werden und alle Vorbereitungen treffen, ohne Mitglied einer Gruppe zu sein oder auch nur irgend jemand zu treffen. Anders Breivik hat sich nicht nur die notwendigen technischen Informationen aus dem Internet geholt, sondern auch die vielen hasserfüllten Manuskripte, die er scheinbar brauchte, um sich in seinen Wahn hineinzuleben. Er dürfte sich von der realen Welt entkoppelt haben. Schade, dass er nicht in seiner Welt geblieben ist, sondern leider zurückkehren musste.

Die Ballerspiele mit täuschend echter Grafik heißen nicht umsonst „Ego-Shooter“ oder auch „First-Person-Shooter“. Darin versucht man möglichst realgetreu zum Amokläufer zu werden und alles niederzuknallen, was sich bewegt. Das Skript für sein reales Massaker schrieb ihm das „Game“. Irgendwann dürften die Menschen auf der Insel für ihn auch nur mehr virtuelle Gestalten gewesen sein, die er umbringen musste. Im Spiel muss man sie ja auch umbringen.

Ist es ein Glück, dass er bis zu seiner Verhaftung nicht mehr in die Realität zurück gefunden hat? So wird sich zumindest die Möglichkeit ergeben, diesen Menschen (auch wenn das hart klingt: er ist ein Mensch und kein Tier, denn Tiere machen so etwas nicht) genau zu studieren. Die Frage ist nur, ob das was hilft. Den Toten hilft es nichts. Kann wenigstens die Gesellschaft daraus lernen?

Bisher hatten die meisten Amokläufer noch einen gewissen Bezug zur realen Welt. Das ist für mich die beste Erklärung, warum sie sich selbst aus ebendieser entfernten. Anders Breivik hat sich eine komplett virtuelle Welt aufgebaut, mit einer virtuellen Gefahr (Islam), mit Guten und Bösen. Diese klare, eigentlich schon radikale Einteilung in Gut und Böse macht ihn zum Psychopath der gefährlichsten Sorte: vorher nicht erkennbar, extrem gefährlich, kaltblütig, ohne Reue und ohne Emotionen. So stellen sich die meisten Militärs den idealen Soldaten vor: ohne Familie und daher ohne Bindungen und ohne Kontrolle durch andere Menschen.

Er sieht aus wie einer von uns. Er ist auch einer von uns, und das macht ihn so gefährlich. Er gehört zur Generation Internet – einem Typ Mensch, der sich lieber am Bildschirm einen Sonnenuntergang ansieht als hinauszugehen und sich selbst einen anzusehen. Er hat Beziehungen geknüpft, aber diese waren auch in erster Linie virtuell, also über das Internet.
Warum ist er nicht vor dem Bildschirm geblieben? Das wird sicher das größte Rätsel sein, das es zu klären gilt. Was hat ihn dazu bewogen, zumindest in einem gewissen Maß in die Realität zurückzukehren?
Er mag einer gewisse Veranlagung dazu haben, aber in welchem Ausmaß hat das Internet diese Anlagen verstärkt, heraustreten lassen, gefördert? Ob er ohne Internet auch zum Massenmörder geworden wäre, steht nicht zur Debatte, denn das Internet ist nun einmal da und scheinbar nicht nur ein Segen. Die wirre Sammlung an Ideologien und Verrückheiten, die sich in seinem 1500 Seiten starken Pamphlet findet, ist ein gutes Zeugnis für die Art und Weise, wie uns das Internet beeinflusst: Wir können uns jederzeit einen Cocktail aus allen möglichen Ideen brauen. Eine Doktorarbeit ist genauso schnell geschrieben wie eine Bombe gebaut ist.

Entgleitet uns das Internet? Ist die derzeitige Internet-Generation der 30 bis 40jährigen noch nicht so gut darauf eingestellt, dass sie die schädlichen Seiten abwehren kann?

Jedenfalls ist es gerade in Norwegen leicht, sich automatische Waffen zu besorgen, mit denen man die Computerspiele möglichst realistisch in die Tat umsetzen kann. Wofür brauchen eigentlich Privatpersonen diese Schnellfeuer-Maschinenpistolen, außer um damit Amokläufe zu begehen? Zur Jagd? Zur Selbstverteidigung? Aber gegen wen? Gegen andere Amokläufer?
Hoffentlich gibt es wenigstens eine Waffendebatte im schönen Norwegen. Den Herrn Breivik würde ich die Gräber für all seine Opfer schaufeln lassen. Nicht virtuell, sondern real. Und bitte, gebt ihm im Gefängnis keinen Internet-Anschluss. Zumindest das Recht auf die virtuelle Welt sollte er sich in der Realität verspielt haben.

Warum uns Afrika was angeht

Der ORF verschweigt es beharrlich und müllt uns stattdessen mit Habsburger-Begräbnis zu: In Ostafrika herrscht die schlimmste Dürrekatastrophe seit 60 Jahren. Nur – was geht uns das an?

Wer hier eine ehrliche und die Realität erfassende Analyse machen will, muss einiges an Komplexität bewältigen. Ich werde es versuchen und wahrscheinlich mehrere Teile benötigen.

Im ersten Schritt gehe ich autobiographisch vor: Was ist mein eigenes Bild von Afrika?
Es stammt aus der Kindheit und hat mein Bild genau genommen so lange geprägt, bis ich selbst das erste Mal in Afrika war, und zwar mit jugendlichen 17 Jahren. Davor machte ich mir über Afrika keine Gedanken. Ich hatte ein noch recht kindliches Bild, das war durch Kinderbücher geprägt war, da wir in der Schule auch nie sehr viel über Afrika lernten. Dieses Bild sieht folgendermaßen aus:

Afrika ist ein Kontinent, aber was genau ein Kontinent ist und wie ich ihn mir vorzustellen habe, war nicht so klar, vor allem im Volksschulalter. In Afrika leben die Neger im Urwald. Sie sind nackt bis auf ein paar Bananen, die sie um ihre Hüften tragen. Sie wohnen in Negerkrals (Strohhütten) am Rande des Urwalds. Sie sind pechschwarz, haben wulstige Lippen, lustige rosa Hand- und Fußflächen sowie gekräuselte Haare, in denen ein Knochen steckt. Sie heißen Hotten-Totten, Aschanti-Neger oder sonst wie und sind wild. Sie haben hin und wieder Speere und tanzen herum. Der Urwald hinter ihnen ist hoch und dicht und es schwingen sich lustige Äffchen von Baum zu Baum.

Man beachte: Das ist das Bild, das ein Kind Anfang der 1970er-Jahre hatte, nicht 1870 oder 1770. Dieses Bild veränderte sich aus mehreren Gründen lange Zeit nicht: Erstens weil ich mich nicht mit Afrika beschäftigte – Amerika oder Europa, auch Asien waren spannender. Zweitens hatte ich lange Zeit keine Gelegenheit hinzufahren, obwohl mein Vater bereits seit 1975 dorthin fuhr, aber er redete nie viel darüber und es interessierte mich und meine Geschwister auch nicht sehr. Also dauerte es bis 1984.
Davor war zwar schon klar, dass Afrika sehr groß ist, aus vielen verschiedenen Ländern besteht und auch in sich sehr vielfältig ist. Ägypten, die Sahara, die Sahelzone mit ihren verhungerten Kindern oder auch Südafrika waren mir bekannt, aber trotzdem änderte sich das Bild vom Urwald mit den wilden Negern nicht.
Bis heute vermitteln die Medien durchgängig ein Bild eines Landes namens Afrika, nicht eines Kontinents mit ca. 54 Staaten (seit ein paar Tagen ist ja der Südsudan ein eigener Staat).
Drittens gab es bei uns zu dieser Zeit noch keine Afrikaner, nicht einmal in Ausnahmefällen. Vielleicht sah ich einmal im Jahr einen auf der Straße gehen. Das reichte bei weitem nicht aus, um mein Afrika-Bild zu verändern.

Afrika war so unbekannt wie Atlantis. Und es hatte noch etwas mit Atlantis gemein: Es war wunderbar und geheimnisvoll. Das lässt sich am Urwald am besten erklären. Der Urwald (genauer: der tropische Regenwald Zentralafrikas, also rund um den Äquator) war in meinem kindlichen Bild ein magischer Ort: unendlich groß und undurchdringlich, in diesem Sinne mächtig, weil unerfassbar, ähnlich wie das Meer. Ein grüner Schlund, der einen verschlingen kann. In ihm lebt eine Unzahl an Tieren in einer nicht fassbaren Menge. Der Urwald ist unendlich groß und beherbergt unendlich viele Ressourcen.

Dieses Bild kann man ein wenig mit der psychologischen Brille betrachten und dann entdecken, dass es ein Urmutter-Bild ist. Die Ur-Mutter (als C.G. Jung´scher Archetyp wäre das die Große Mutter) ist unbegreifbar, allmächtig und geheimnisvoll – genauso wie der Urwald. Damit war er aber auch unangreifbar und unzerstörbar, da unendlich groß.

Bis heute ist es fast unvorstellbar, dass der tropische Regenwald in Afrika und im Amazonas gerodet werden könnte. Wir wissen zwar, dass die Menschheit am besten Weg dorthin ist, aber irgendwie erscheint es uns doch nicht wirklich real. Vielleicht spielt uns da das Bild der Urmutter einen Streich. Es ist daher auch nicht notwendig, den Urwald zu schützen, so wie ein kleines Baby die Mutter nicht schützen muss, weil es das auch nicht kann.

Wir können jedoch sehr wohl, und es handelt sich eher um eine Frage des Wollens. Aber auch die „Neger“ haben unser Bild von Afrika geprägt. Manfred Deix hat dies in einem seiner genialsten Cartoons dargestellt: Auf dem linken Bild ein blonder junger Mann mit akkuratem Scheitel, weißem Hemd, Anzug und Krawatte. Daneben ein Neger mit wulstigen Lippen und Knochen in den Haaren, der in der Sprechblase das Wort „Uga-Uga“ von sich gibt. Darunter stand in etwa der Text: „Mit welchem von den beiden wollen Sie einen spannenden Diskussionsabend beim Dinner verbringen?“

Deix hatte immer schon ein gutes Gespür, worum es eigentlich geht. Wer so ein Bild von den Schwarzafrikanern hat, der darf sich nicht wundern, wenn die eigentlichen Geschichten aus der Realität nicht bis über seinen Wahrnehmungshorizont kommen. Wir leben in einer langen Historie mit einem sehr seltsamen Afrika-Bild, das sich von dem über 200 Jahre alten Bild des eigentlich sehr gescheiten Philosophen nicht sehr stark unterscheidet:

„Man kann sagen, daß es nur in Afrika und Neuguinea wahre Neger gibt. Nicht allein die gleichsam geräucherte schwarze Farbe, sondern auch die schwarzen wollichten Haare, das breite Gesicht. die platte Nase, die aufgeworfenen Lippen, machen das Merkmahl derselben aus, ingleichen plumpe und große Knochen. In Asien haben diese Schwarzen weder die hohe Schwärze, noch wollichtes Haar, es sey denn, daß sie von solchen abstammen, die aus Afrika herübergebracht worden. In Amerika ist kein Nationalschwarzer, die Gesichtsfarbe ist kupferfarbig, das Haar ist glatt; es sind aber große Geschlechter, die von afrikanischen Mohrensklaven abstammen. In Afrika nennt man Mohren solche Braune, die von den Mauren abstammen. Die eigentlich Schwarzen aber sind Neger. Diese erwähnten Mohren erstrecken sich längst der barbarischen Küste bis zum Senegal. Dagegen sind von da aus bis zum Gambia die schwärzesten Mohren, aber
auch die schönsten von der Welt, vornehmlich die Ialofs. Die Fulier sind schwarzbraun. An der Goldküste sind sie nicht so schwarz und haben sehr dicke Wurstlippen. Die von Congo und Angola bis Cap Negro sind es etwas weniger. Die Hottentotten sind nur schwarzbraun, doch haben sie sonst eine ziemlich mohrische Gestalt – Auf der andern Seite, nähmlich der östlichen, sind die Caffern keine wahren Neger. Ingleichen die Abyssinier.“ (Immanuel Kant, Physische Geographie, Zweyter Band, Königsberg. 1802)

Bei diesem Bild darf es uns nicht wundern, wenn wir tief in uns drinnen die Afrikaner nicht als gleichwertige Menschen ansehen. Wir wissen nicht, dass sie auch bluten, wenn sie sich schneiden, weil wir haben so etwas noch nie gesehen.
Wie schwierig ist es eigentlich, so ein Bild zu verändern? Ich behaupte einmal, je früher in der Jugend bzw. Kindheit das Bild entsteht, desto schwieriger ist seine Veränderung. Das gefährlichste an diesen Bilder ist, dass sie unsere Wahrnehmung einfärben und somit verändern. Uns fallen bestimmte Dinge, Phänomene, Aussagen, Meinungen dann gar nicht auf oder sie bekommen eine gänzlich andere Bedeutung. Möglicherweise ist es nicht einmal ausreichend, eine Zeit in Schwarzafrika zu leben. Ich kenne eine große Zahl von Österreichern, die seit vielen Jahren in Kenia leben und deren Bild der „Neger“ sich nicht wesentlich verändert, oft sogar ins Negative entwickelt hat. Der größte Brocken dieses „Negativen“ besteht darin, dass wir die „Neger“ für dümmer als andere Menschen halten, ihnen daher viele Dinge nicht zutrauen und sie außerdem nicht als gleichwertige Menschen oder Geschäftspartner ansehen. Das passiert – so meine Beobachtungen – nahezu allen Europäern, die länger in Afrika leben. Sie halten – wenn auch hinter hervorgehaltener Hand – die Afrikaner für dumm bzw. zumindest für dümmer als sie selbst.
In bestimmten Bereichen mag dies da und dort sogar stimmen, aber es stellt sich die Frage, wie es dazu kommt. Ein Schimpanse hat nicht die anatomischen Voraussetzungen um sprechen zu können. Er kann es auch nicht lernen, das ist bei ihm einfach nicht vorgesehen.
Bei den „Negern“ ist das anders. In ihren Erbanlagen ist genau das gleiche vorgesehen wie in unseren, zumindest was ihre Intellektualität und ihre Kulturkomplexität angeht.
Das würde heißen: Dummheit in Form von Nichtwissen und Unvermögen komplexe Zusammenhänge zu erkennen – aufgrund von mangelnder Bildung ja. Dummheit in Form fehlender Grundvoraussetzungen: nein. Und noch etwas: Wer hier noch ein wenig weiter denken möchte, dem darf ich hier eine weitere Definition von Dummheit anbieten: Dummheit heißt, das Wesentliche nicht leben.
Auch die Kulturarmut ist eine Fehlannahme. Es stimmt zwar, dass kein Afrikaner bisher eine Beethoven-Sonate komponiert hat, aber bis auf Beethoven haben das auch bei uns nicht viele getan.
Es geht aber um etwas anderes: Wir glauben fest daran, dass wir die reichere, komplexere, modernere und letztlich bessere Kultur haben. Daher ist es notwenig und moralisch sogar wünschenswert, den Afrikanern unser – besseres – System zu geben. Wenn sie es nicht wollen, dann bezeichnen wir das einfach als Dummheit, Primitivität und Unwissen und sehen gnädig darüber hinweg, anstatt uns mit ihnen und ihrer Kultur und ihrem Denken zu beschäftigen. Und wir zwingen ihnen unser System trotzdem auf, denn wir nehmen ja an, dass es das bessere ist und somit auch der Feind des guten. Wir nehmen ihnen die Rohstoffe weg und reden uns hinaus, dass sie damit ohnehin nicht viel anfangen könnten und wir ihnen besser die komplexen, aus ihren Materialien gefertigten Werkstücke bringen sollten.
Das funktionierte in der ursprünglichen Kolonialzeit gut, um Ausreden war man nie verlegen wenn es darum ging, ein Gebiet zu erobern.

to be continued