Die jungen Männer

Die geneigten Leserinnen und Leser mögen sich auf einen längeren Artikel einstellen, da ich die Problematik von mehreren Seiten beleuchten muss, in guter philosophisch-kritischer Tradition.
Dies ist kein wissenschaftlicher Artikel, sondern ein Weblog-Beitrag und soll auch als solcher verstanden werden: als Anreiz zu diskutieren und sich seine eigene Meinung zu bilden.

Die Ideen dazu habe ich schon seit Jahren, bekam aber erst durch einen Artikel den Fokus darauf. Ein weiterer Auslöser war eine Diskussion mit meinem lieben Freund Allan, der meinte, der Islam per se sei eine echte Bedrohung für unsere Kultur – ein bisschen übertrieben könnte man sagen: In ein paar Jahren gibt es keine Kirchen mehr, sondern nur mehr Moscheen und wir werden alle gezwungen zum Islam zu konvertieren.

Ich habe da so meine Zweifel und war eher instinktiv der Meinung, dass da etwas ganz anderes dahinter steckt. Und dann kam der Artikel, der vieles, wenn auch nicht alles recht brauchbar zusammenfasst. Hier ist der Link dazu:

http://www.nzz.ch/articleeo5x7-1.76650

Zusätzlich habe ich den Artikel (er ist eigentlich ein Interview) ans Ende dieses Beitrags gehängt (u.a. weil ich nicht weiß, wie lange der Artikel online bleibt) und empfehle, nach dem akademischen Prinzip (zuerst lesen, dann mitreden) vorzugehen und ihn jetzt gleich zu lesen (also einfach runterscrollen bis zur Überschrift).
Für alle, die das nicht gleich lesen wollen, hier eine Zusammenfassung:

Heinsohns These zu Krieg und Gewalt

Sind in einer Gesellschaft mehr als 30 Prozent aller Männer zwischen 15 und 29 Jahre alt, so kommt es mit grosser Wahrscheinlichkeit zu Gewalt, in Form von Bandenkriminalität, Revolutionen, Bürgerkriegen, Genoziden oder Eroberungskriegen. So lautet die These des deutschen Völkermordforschers Gunnar Heinsohn. «Youth Bulge» nennt er das Phänomen. Das englische Wort bulge steht für die entsprechende Beule in der Bevölkerungspyramide.
Heinsohn wendet die These auch historisch an: Europas Mütter hätten zwischen 1500 und 1914 so viele Söhne gehabt wie heute die Mütter Afrikas. Deshalb hätten sich die Europäer neben ihren Kriegen daheim auch noch gewalttätig 90 Prozent der Erde geholt. Ein Youth Bulge sei auch die Ursache gewesen für die Phase der Diktaturen und Guerillas in Lateinamerika. Die überschüssigen Söhne hätten sich damals weggetötet – als Guerilleros für die Freiheit oder Soldaten für das Gesetz. Und zur Situation in den islamischen Ländern sagt Heinsohn: «Seit 1950 haben Mütter in islamischen Ländern drei bis vier Söhne, die oft als Islamisten für einen noch reineren Glauben vorwiegend andere Muslime töten, aber – wie zuvor die Europäer – auch Imperien aufbauen wollen.»

Grob zusammengefasst enthält der Artikel folgende These: Der Islam ist nur ein Vehikel zur Radikalisierung junger Männer. Sie sind das eigentliche Problem, wenn sie in zu großer Zahl auftreten – egal wo, wann und warum.

Zu Beginn möchte ich meinen eigenen Zugang darstellen. Er setzt sich aus einer Vielzahl von Beobachtungen zusammen, die ich in den letzten Jahren beruflich und privat gemacht habe.

1.) Die Betriebsübergabe von Familienunternehmen
Ein Betrieb wurde aufgebaut und es kommt der Zeitpunkt der Übergabe. Drei Söhne und zwei Töchter sind vorhanden, alle haben das gleiche Recht auf ein Erbe. Wenn es neben dem Betrieb noch entsprechend viel Vermögen gibt, ist eine Einigung meistens möglich. Wenn dies nicht der Fall ist, müsste der (unteilbare) Betrieb verkauft und der (teilbare) Erlös aufgeteilt werden. Dann ist aber die bisherige Ernährungsgrundlage fort.
Töchter kann man oft noch verheiraten, Söhne bleiben da, außer man kann für sie eine Alternative finden, bei der sie nichts erben. Früher hat man sie z.B. in ein Kloster geschickt oder eben in den Krieg.
Auf dieses Problem stoße ich immer wieder und es hat schon oft zum Scheitern der Betriebsübergabe geführt.

2.) Die Grundwidersprüche
Es gibt für uns Menschen vier Grundwidersprüche, die nicht auflösbar sind und unser Leben beeinflussen: männlich-weiblich, Eines-Vieles, Leben-Tod und alt-jung.
Alle vier spielen in unserem Thema eine Rolle: Es geht um junge Männer, die im Gegensatz zu Frauen ein spezielles Problem darstellen, es geht um Individuum versus Gemeinschaft, denn die jungen Männer sind nur ein Problem, wenn sie in einer Vielzahl auftreten, und es geht auch fast immer um die Existenz, also um den Grundwiderspruch zwischen Leben und Tod.
Vor allem aber geht es um das Thema alt – jung. Als ich vor vielen Jahren in Niederösterreich am Begräbnis eines Onkels war, konnte ich zwei Schilder entdecken, die links und rechts vom Friedhofseingang angebracht waren. Auf einem stand geschrieben „Ihr seid, was wir waren“ und am anderen „Wir sind, was ihr werdet.“
Mich haben diese Sprüche berührt und zum Nachdenken gebracht. Das Junge und das Alte können nicht miteinander, sie sind einander in ewiger Feindschaft zugetan. Die Jungen beneiden die Alten für das, was sie haben (Geld, Macht, Recht, Erfahrung) und die Alten können den Gedanken schwer ertragen, dass den Jungen die Zukunft gehört. Dieser Widerspruch ist aus meiner Wahrnehmung umso stärker, je patriarchaler eine Gesellschaft ist. Mit anderen Worten: Je mehr Macht alte Männer haben, desto mehr Angst gibt es vor jungen Männern.
Wenn dann die Eigentumsschere noch stark auseinander klafft, so wirkt dies noch als zusätzlicher Verstärker: Es gibt wenige, sehr reiche alte Männer und sehr viele arme, junge Männer. Wobei – das stimmt nicht ganz, sie sind auch reich: an Zukunft, an Potenz, an Energie und an Veränderungsbereitschaft – all das haben die alten Männer nicht mehr.
Das führt dazu, dass die alten Männer ihre Macht noch weiter absichern wollen. Am besten gelingt das, wenn sie möglichst viele junge Männer töten. Da sie das nicht selbst tun können, erschaffen sie Strukturen, um sie gegeneinander aufzuhetzen, bis sie sich gegenseitig umbringen. So ziemlich alle Kriege der letzten 10.000 Jahre haben so funktioniert. Es geht dabei oft überhaupt nur mehr darum, die jungen Männer loszuwerden. Das beste Beispiel ist die „Blutpumpe von Verdun“. Auf dem Schlachtfeld von Verdun starben im 1. Weltkrieg im Zeitraum von 1,5 Jahren täglich im Schnitt 1.000 junge Männer, ohne dass dies auch nur irgendeinen anderen Effekt hatte – kein Schlachtensieg, kein Land- oder Territoriumsgewinn, kein Strategievorteil für irgendeine Seite – gar nichts, absolut nichts, außer junge, tote Männer.
Irgendwo, stets hinter den Linien in Sicherheit entscheiden ausschließlich alte Männer über das Schicksal der jungen Männer – da kann ich nur schwer an Zufall glauben. Mir fällt immer der alte Löwe ein, dessen letztes Stündlein naht, wenn er den Kampf gegen einen jungen Rivalen verliert. Hier wie dort geht es um die Weibchen/Frauen.
Der alte Löwe hat nicht die Möglichkeit zu verstehen, dass er sich bereits erfolgreich fortgepflanzt hat und dass es jetzt sinnvoll wäre, einem jungen Platz zu machen. Er versucht so lange an der Macht zu bleiben, bis es nicht mehr geht. Alte Männer verhalten sich hier meistens genauso, obwohl sie die Fähigkeit hätten, diese Muster zu verstehen und ihrem Alter einen anderen Sinn zu geben.
Also versuchen sie ihre Potenz zu erhalten so lange es geht – entweder mit Viagra oder mit der von ihnen erschaffenen Ersatzpotenz, dem Geld. Damit können sie sich – vorausgesetzt, sie besitzen genug davon – jede Menge junge Frauen kaufen und sich mit diesen umgeben. Das bringt ihnen zwar keine Potenz zurück, sehr wohl jedoch gesellschaftliche Bewunderung und somit Status bzw. Macht.

3.) Die Flüchtlingskrise 2015
Im Sommer 2015 kamen ziemlich viele Menschen aus Krisengebieten in Afrika und dem Nahen Osten. Darunter waren viele Familien, der Großteil bestand jedoch aus jungen, kräftigen Männern. Die schwachen waren schon irgendwo am Weg nach Europa zugrunde gegangen oder gar nicht erst losgezogen. Die Medien erklärten sogleich die jungen Männer zur Gefahr und versuchten die Angst vor ihnen zu schüren. Das funktionierte hervorragend, ein Freund erzählte mir etwa, dass er Angst hätte mit seinen Kindern auf die Straße zu gehen. Wir reden hier nicht von den Slums in Sao Paolo, sondern vom friedlichen Aumannplatz in Wien Währing. Und er hatte auch keine Angst vor jungen Männern auf ebendiesem Aumannplatz (die gab und gibt es da nämlich gar nicht), sondern vor denen, die angeblich zu Silvester in Köln Frauen begrapscht hatten. Er hatte also Angst vor etwas, was angeblich 1.000 Kilometer weit weg stattgefunden hatte. Später stellte sich übrigens heraus, dass das meiste davon frei erfunden war.
Das spielt für ihn aber keine Rolle, er fürchtet sich seit über einem Jahr vor diesen jungen Männern, die irgendwann kommen könnten. Er ist selbst ein sportlicher, kräftiger Riese von über zwei Metern, beruflich erfolgreich und abgesichert und kein Flüchtling wird ihm voraussichtlich jemals irgend einen Nachteil bringen oder Schaden zufügen. Die Angst ist also komplett irreal und doch hat er sie. Vielleicht erwachen hier archaische Muster, die seit Jahrzehntausenden in uns schlummern – das ist meines Wissens noch nicht wirklich erforscht.

4.) Die realen Ereignisse
Sämtliche Attentäter und Amokläufer sind ohne Ausnahme junge Männer oder zumindest solche im besten Alter (damit ist übrigens das beste Alter zur Fortpflanzung gemeint). Meist sind sie jedoch zwischen 17 und 35. Das lässt sich nicht leugnen und muss einen Grund haben. Übrigens werden auch sie von alten Männern in den Tod geschickt, meines Wissens auch hier ohne Ausnahme.
Diese Fakten sind bekannt und auch wenn sich die Frage der Fortpflanzung bei diesen Männern nicht mehr stellt, so eignen sie sich bestens als Angstverstärker. Plötzlich erscheint jeder junge Mann mit arabischem Aussehen wie ein potenzieller Attentäter. Diese Angst schleicht sich sehr subtil ein und ich kann hier sogar ein eigenes Erlebnis beisteuern. Als ich letztes Jahr eine Nacht lang in einer Erstaufnahmestelle in einem Pavillon der Baumgartner Höhe aushalf, gab es auch dort einige junge Männer. Einer davon fiel mir besonders auf, ein hagerer Typ mit finsterem Gesicht. Ich versuchte zu ihm besonders freundlich zu sein, doch er wirkte misstrauisch und abweisend.
Mein Gedanke war plötzlich: Was will der überhaupt hier? Alle wollen ihm helfen und er schaut finster drein. Und vor allem: Sind seine Ziele so finster wie sein Gehabe?
Ich werde nie erfahren, was in ihm vorgegangen ist, all diese Flüchtlinge wollten nur möglichst schnell nach Deutschland weiterreisen, aber in mir blieben zwei mulmige Gefühle zurück: eines ihn betreffend und ein zweites mich selbst betreffend: Wie konnte ich so schnell der Propaganda anheim fallen? Wie muss es erst Menschen gehen, die in einer viel engeren Welt als der meinen leben? Die wenig Bildung und noch weniger interkulturelle Erfahrungen haben. Die in einer xenophoben Umgebung leben und vielleicht selbst Existenzängste haben, etwa durch Armut und Arbeitslosigkeit.
Dass diese Menschen für die Demagogen leichte Beute sind, ist nicht schwer zu verstehen.

5.) Der Umgang mit den jungen Männern
Derzeit werden sie als Asylwerber in Lagern interniert und dürfen nicht arbeiten und sich auch nicht weiterbilden. Meiner Meinung nach ist das einer der schwersten Fehler, den wir derzeit begehen. Man zwingt diese jungen Männer dazu den ganzen Tag lang herumzusitzen und nichts zu tun. Sie sind aber jung, kräftig, voller Energie und halten das nicht lange durch. Zumindest ein Teil von ihnen bricht aus dieser Gefangenschaft aus und dann kommt es zu genau den Szenen, vor denen die Menschen Angst haben, nämlich zu kriminellen Taten aller Art. Wahrscheinlich ließe sich deren Zahl sogar ausrechnen, wenn sich jemand die Mühe antun würde.
Wer also in Österreich Angst und Sorge schüren will, etwa um seine eigenen Ziele durchzusetzen, braucht nur dafür sorgen, dass viele junge Männer auf engem Raum zum Nichtstun gezwungen werden und braucht dann nur darauf warten, bis das Pulverfass explodiert.
Diese jungen Männer sind irgendwann nach einigen Wochen oder Monaten der Internierung für jeden Strohhalm dankbar, der sich ihnen bietet. Dies kann nun ein guter oder ein schlechter sein und genau hier liegt das Problem.
Wir dürfen nicht vergessen, dass sie nahezu alle eine schlimme Zeit hinter sich haben. Entweder mussten sie Krieg, Elend und Terror oder Hunger und Repressalien erdulden, viele flohen vor Bomben, andere vor der völligen Perspektivenlosigkeit, die Heinsohn in seinem Artikel beschreibt und die viele Millionen junger Männer in den bevölkerungsreichen Staaten Afrikas betrifft. Das ist wahrscheinlich das größte Pulverfass, das es derzeit auf dieser Welt gibt.
Dazu kommt noch, dass sie aus ihren Kulturen herausgerissen wurden und mit der Kultur des neuen Landes wenig anfangen können. Viele haben einen geringen Bildungsgrad und sehr viele von ihnen sind in muslimischem Glauben aufgewachsen. Ich möchte einmal behaupten, dass die meisten dieser jungen Männer daheim mit ihrer Religion nicht sehr viel mehr anfangen konnten als es die jungen Männer bei uns können.
Wenn aber jetzt in dieser aussichtslosen Situation jemand kommt und ein Heilsversprechen abgibt, wenn er ihnen geistigen Halt und eine Perspektive bietet, dann ist der Schritt, den sie gehen müssen, möglicherweise nur ein ganz kleiner.
Dies kann nun a.) ein islamischer Hassprediger sein oder b.) eine Patenfamilie. Diese Wahl haben wir und derzeit sieht es nicht aus, als ob unsere Politik die Variante b.) unterstützen würde.

Zum Artikel von Gunnar Heinsohn:

Was Heinsohn in seinen Ausführungen nicht anspricht ist die Frage, was mit den vielen jungen Frauen passiert, die es bei starker Geburtenrate natürlich auch gibt – nämlich genauso viele wie junge Männer.
In vielen Gesellschaften wurde das in der Vergangenheit so geregelt, dass Mädchen verschiedene Karrieremöglichkeiten hatten: als Sklavin, Magd oder in einem Harem. All das setzt natürlich voraus, dass es die dafür notwendigen Ressourcen gibt. Alle drei „Berufe“ sind einkommensfrei, der Patriarch brauchte also die Arbeitskraft nur mit Kost und Logis vergelten und das war meist ökonomisch möglich.
In manchen Gesellschaften wurden die Mädchen auch einfach getötet, unauffällig gleich nach der Geburt, weil sie dort als „Schande“ galten, schließlich wollte der Vater einen gesunden Sohn und Mädchen waren teuer, weil man sie zuerst großziehen und dann mit großem Aufwand verheiraten musste. Diese Überbleibsel dieses kulturellen Drucks merken wir heute auch bei uns noch (wenngleich auch selten), wenn sich Paare ein ganz bestimmtes Geschlecht wünschen und bitter enttäuscht sind, wenn das nicht funktioniert („Jetzt haben wir schon drei Mädchen und hätten total gerne noch einen Buben“- oder umgekehrt.).

DER LÖSUNGSANSATZ

Genau genommen gibt es keine triviale Lösung, außer der, die Heinsohn vorschlägt: Lasst sie sich einfach umbringen, das Problem löst sich von selbst. Das war in Zeiten nicht vorhandener Mobilität möglich, wird aber in Zukunft nicht mehr funktionieren. So lange es Menschen gibt, die mit Motorbooten gutes Geld verdienen können, werden Kriege und deren Folgen zu uns kommen, zumindest nach Europa, die USA ist hier wesentlich besser geschützt. Wir werden daher fast die gesamte Migration aus Afrika abbekommen und einen Großteil des Nahen Ostens.
In vergangenen Jahrhunderten kannten die Menschen dort Europa gar nicht und hatten auch keinerlei Möglichkeit dorthin zu gelangen. Jetzt gibt es Internet, Fernsehen, Handy, LKWs und Motorboote. Und deswegen werden sie kommen, einfach weil es möglich ist. Menschen sind Fluchtwesen, sie hauen ab, wenn es brenzlig wird. Und die ersten, die abhauen, sind die jungen Männer – wer sonst?
Die Menschen sind seit ihrer Entstehung migriert und haben schon vor 500.000 Jahren fast die ganze Welt erobert – warum soll es plötzlich anders sein? Das dürfte als archaisches Gesellschaftsmuster ganz tief in uns stecken.
Es ist jetzt egal, welche Lösungen wir hier für die Flüchtlinge finden – wenn zu viele nachkommen, dann funktioniert es irgendwann nicht mehr, und zwar nicht wegen des Islam, sondern weil die fehlende Logistik und die dann noch mehr aufgeheizte Stimmung gute Lösungen verhindern werden.

Somit ergeben sich logische notwendige Schritte:

a.) Stopp der Ausbeutung
Speziell die afrikanischen Länder werden von Europa derzeit immer stärker ausgebeutet. Wir nehmen ihnen ohne Gegenleistung die Rohstoffe weg und zwingen sie für uns Produkte zu erzeugen – es ist schlimmer als im Kolonialismus, weil zu dieser Zeit wurde dort wenigstens Infrastruktur aufgebaut, die den Menschen zumindest teilweise zugute kam.
Heute drücken wir Freihandelsabkommen durch, die ihnen jede Entwicklungsmöglichkeit nehmen. Dabei nehmen wir ihnen die Rohstoffe weg und verwenden dann ihre Länder als Exportmärkte für unseren Müll. Dass auch Indien und China das so machen, entschuldigt gar nichts von dem, was wir als EU tun.
Wir müssten mit dieser Politik radikal aufhören und die afrikanischen Länder schlicht und einfach in Ruhe lassen bzw. Handel auf Augenhöhe treiben. Derzeit fördern wir dort nur die korrupten Eliten und holen uns was möglich ist. Österreich zahlt meines Wissen nach immer noch Budgethilfe, das ist die finanzielle Unterstützung korrupter afrikanischer Regime ohne jede Kontrolle, was mit dem Geld geschieht.

b.) Weltweite Waffenexportregelung
Derzeit verdienen vor allem die USA, China, Russland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland hervorragend am Waffenexport in Krisenregionen. Das ist ein unglaublich lukratives Geschäft, denn im Gegensatz zu friedlichen Regionen werden die Waffen dort schnell verbraucht und es besteht somit ständige Nachfrage.
Auch Österreich mischt hier fleißig mit. Hier ein Link dazu:

https://netzfrauen.org/2016/07/04/die-maerkte-des-todes-handel-mit-henkern-milliarden-ruestungsdeal-mit-saudi-arabien-und-katar-2

Das größte Problem sind hier die USA und China, weil die verdienen nicht nur am meisten, sondern haben auch keinerlei Interesse damit aufzuhören, da sie von den Folgen nicht direkt betroffen sind.
Würde man der Argumentation von Heinsohn folgen, dann wäre diese Politik sogar logisch: je mehr Waffen man ihnen schickt, desto schneller werden sie sich gegenseitig umgebracht haben und das Problem ist gelöst. Ich persönlich glaube nicht, dass diese Rechnung aufgeht, denn die dazu notwendige Abschottung Europas wird nicht funktionieren. Mir ist dabei ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview mit einem Westafrikaner in guter Erinnerung, der vor weit über zehn Jahren gesagt hat, dass er uns viel Glück beim Bau einer zigtausend Kilometer langen Mauer rund um Europa wünscht, dass uns diese aber auch nichts nützen würde. Die sonst noch denkbare Alternative (systematisches Bombardement aller Flüchtlingsboote) würde uns wohl endgültig in die Barbarei zurückwerfen, und zwar genau dorthin, wo wir derzeit den Islam so gerne vermuten.

c.) Aufnahme der Flüchtlinge
In einer durchökonomisierten Welt, in der die Politik weltweit von der Wirtschaft gesteuert wird, ist jeder Flüchtling ein Wirtschaftsflüchtling – so einfach ist das. Wir werden wohl keine Alternative haben, als die Menschen, die zu uns kommen, ordentlich aufzunehmen. Platz haben wir in Europa genug, ganze Landstriche sind schon halb entvölkert, ich denke dabei nicht nur an Thüringen oder Sachsen-Anhalt, sondern auch an das Waldviertel.
Je besser wir ihnen Perspektiven und Lebensmöglichkeiten geben, desto eher werden sie friedlich bleiben und wahrscheinlich sogar zu unserem Wohlstand beitragen. Wer ein sinnerfülltes Leben führt, braucht keine radikale Religion.

DER ARTIKEL AUS DER NZZ:

«Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet»

Nicht Religionen oder Hunger sind die Ursachen für Kriege. Zu Gewalt komme es dort, wo es einen Überschuss an jungen Männern gebe, sagt der Völkermordforscher Gunnar Heinsohn. So gesehen bleiben die islamischen Länder auch ohne Islam noch einige Zeit brandgefährlich.

Interview 19.11.2006, 09:01 Uhr

NZZ am Sonntag: Sie haben eine Art Weltformel der Geschichte entwickelt. «Youth Bulge» heisst die Theorie, die Sie auch zur Analyse der Gegenwart benutzen. Wie lautet sie?

Gunnar Heinsohn: Ich habe den Versuch einer Weltformel aufgegriffen, die der Franzose Gaston Bouthoul 1970 vorgelegt hat. Ich habe sie weiterentwickelt und an über 70 Ländern empirisch überprüft. Das Resultat: Immer dort, wo Mütter über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte im Schnitt 6 bis 8 Kinder haben, also 3 bis 4 Söhne, da wird es brenzlig. Nur ein, höchstens zwei Söhne können mit gesellschaftlichen Positionen versorgt werden. Die überschüssigen dritten und vierten Brüder, ehrgeizig und im besten Kampfesalter, emigrieren – oder holen sich ihre Position mit Gewalt. Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet. Das führt zu Kriminalität, zu Bürgerkriegen, zu Genoziden an Minderheiten, Revolutionen, internationalen Kriegen oder Kolonisierungen. So lange, bis der Überschuss an Jünglingen weggetötet ist und die Geburtenzahl sinkt.

Wieso heisst die Theorie Youth Bulge?

Wenn von allen Männern einer Gesellschaft mindestens 30 Prozent der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren oder mindestens 20 Prozent der Altersgruppe von 15 bis 25 Jahren angehören, dann ist das ein Youth Bulge. Bulge bedeutet auf Englisch Ausbuchtung, gemeint ist die Beule in der Bevölkerungspyramide. Europa wies von 1500 an vier Jahrhunderte lang fortwährend einen Youth Bulge auf. Nachdem die Pest die Bevölkerung dramatisch reduziert hatte, wurde in Europa demographisch aufgerüstet. Die beginnende Hexenverfolgung rottete Hebammen und so das meiste Wissen über Verhütung aus. Die Geburtenrate stieg von 2 bis 3 Kindern pro Frau im Mittelalter auf konstant 7 bis 8 Kinder.

Mit welchen Folgen?

Europas Geschichte wurde ungemein blutig. Der Sohnesüberschuss erklärt, wieso jährlich in den Krieg gezogen wurde, wieso es ohne Unterlass zu Bürgerkriegen, Revolutionen, Ausrottungen kam und wieso Europa in dieser Zeit die Welt eroberte und christlich motiviert in 400 Jahren 90 Prozent der Erde ausmordete und unterwarf. In Spanien wurden Kolonisatoren sogar «secundones» genannt, Zweitgeborene. Gemeint waren auch dritte oder vierte überschüssige Brüder, die in Südamerika Gemetzel und Genozid veranstalteten. Die Schweiz wiederum exportierte überschüssige Söhne als Söldner nach halb Europa.

Und was tun die Töchter?

Überzählige Töchter haben sich erstmals im 20. Jahrhundert an Gewalt beteiligt. Als Lateinamerika seine Phase von Diktaturen und Guerillas durchlief, von 1950 bis 2000, und so seinen Youth Bulge abtrug, da haben zum ersten Mal auch Mädchen als Guerilleras mitgetötet. Quantifiziert man ihren Tötungsanteil, so betrug der aber nicht mehr als 5 Prozent. Das deckt sich etwa mit dem Frauenanteil an den wegen Tötungen verurteilten Häftlingen in den Gefängnissen.

Friedensforscher sehen die Ursache von Krieg eher in Hunger und Elend.

Das wäre schön, weil wir dann mit Sättigung eine Lösung hätten. Aber die von einem Youth Bulge befeuerte Gewalt hat nichts mit Hunger zu tun. Im Gegenteil: Wer sich an Tötungen beteiligt, ist meist gut genährt. Um Brot wird gebettelt, um gesellschaftliche Positionen wird geschossen.

Es geht also bloss um Testosteron?

Überschüssiges Testosteron hat auch der einzige Sohn, wenn er in die Pubertät kommt, die Eltern verachtet und mit dem Vater streitet. Und Wettbewerb gibt es auch in vergreisenden Ländern wie in Deutschland oder der Schweiz, um den besseren Job, den besseren Gedanken, das schönere Bild – aber: Er wird unblutig ausgetragen. Neben Testosteron und Konkurrenz braucht es für einen gewalttätigen Youth Bulge zusätzlich die Situation, dass es für zehn junge Männer nur eine Position gibt. Auch sexuelle Frustration kann eine Rolle spielen, wenn es in der betreffenden Gesellschaft Sex nur als Fortpflanzungsakt in der Ehe zu haben gibt, für eine Eheschliessung aber zuerst eine gesellschaftliche Position errungen werden muss.

Und irgendwelche Ideen sind Ihrer Ansicht nach für politische Bewegungen und Konflikte völlig irrelevant?

Zunächst kommen junge Männer in Bewegung, es treibt sie mächtig voran. Sie wollen an Positionen ran, und das geht nur, wenn andere weggeschafft werden. Im Zweifelsfall mit Töten. Das macht ihnen Angst. Denn es sind junge Leute mit einem normalen moralischen Gerüst. Die wissen, was gut und was böse ist. Sie brauchen für ihr Tun – unbewusst – eine Idee, einen Vorwand, im Englischen pretext genannt. Und passende Texte und Ideen finden sich immer. Sei es die Bibel, der Koran, sei es Marx. Ideologien und Religionen lösen das Problem, weil sie sagen: Du tötest nicht, du richtest. Da ist etwas Böses, Ungläubiges, das ausgetilgt werden muss. Und die jungen Männer töten für ein frommes Land, für ein gerechtes Land, für ein grosses Land.

Islamismus, Sozialismus – das ist, marxistisch gesprochen, der Überbau? Die alles gestaltende Triebkraft ist die demographische Situation?

So ist es. Eine passende Idee für die Gewalt junger Männer hat sich noch immer gefunden. Auch die Bibel taugt dazu. Als die Spanier damals für Gold, Ruhm und Evangelium nach Südamerika gingen, hielten sie dem Inka-Führer Atahualpa die Bibel hin und sagten: Das ist das Wort Gottes, nimm es an, sonst stehst du im Krieg mit dem Hause Habsburg. Er horcht am Buch und schmeisst es in den Staub, worauf 180 Spanier ziemlich selbstmörderisch 5000 Inkas niedermetzeln. Ja glauben Sie denn, wenn Atahualpa übergetreten wäre zum Katholizismus, wären die Spanier mit seligem Lächeln über die Bekehrung nach Hause gesegelt?

Und heute sind es nicht Bibel-, sondern Koran-Schändungen, die als Anlass für Youth-Bulge-motivierte Gewalt und Tötungen dienen?

Hier ist die Parallele sehr auffällig. Als damals über Koran-Schändungen berichtet wurde, hat ja die gesamte westliche Presse sofort gesagt: Wenn ein heiliges Buch so geschändet wird, dann müssen die im Irak und in Afghanistan natürlich nochmals verschärft Attentate und Morde begehen, das ist ja selbstverständlich. Es wird einfach nicht erkannt, dass der Islamismus nur Vorwand ist.

Sie glauben also, der heutige Nahe Osten wäre auch ohne Öl, ohne Islam und ohne koloniale Vergangenheit eine unruhige Gegend?

Natürlich. Usama bin Ladin erwähnt ja neuerdings nur noch die Jugend Allahs. Er hat auch mitgekriegt, dass die Muslime sich von 1,5 Millionen auf 1,5 Milliarden verzehnfacht haben – innerhalb von 100 Jahren. In der islamischen Welt gab es etwa um 1950 herum durchschnittlich 6 bis 8 Kinder pro Frau. Das heisst, 3 bis 4 Söhne pro Frau. Wenn die 1950 geboren worden sind, sind sie 1970 zwanzig Jahre alt. In diesem Zeitraum, zwischen 1970 und 1990, da beginnen in diesen Ländern die grossen internen Unruhen, da beginnt das Töten in den islamischen Ländern. Libanon zeigt dies geradezu klassisch: Da gibt es zwischen 1975 und 1990 einen Bürgerkrieg mit 150 000 Toten in einem Land mit 3 Millionen Einwohnern. Klar existieren dort rund sechs verschiedene Religionsgruppen, welche die Jungmännerwut noch zusätzlich zugespitzt haben. Aber die gab es vorher, und die gibt es nachher. Wieso kommt das Töten 1990 an ein Ende? Die hohen Sohneszahlen gingen zurück. Die Geburtenrate ist von fast 6 auf heute 1,95 Kinder pro Frau gesunken. Es ist kein Personal mehr da zum Toben und Kriegen.

In den palästinensischen Gebieten ist dagegen das Personal weiterhin da?

Der palästinensische Youth Bulge ist einer der heftigsten überhaupt. Aus einem Sondergrund: Alle Palästinenser, die in Lagern wohnen, sind Flüchtlinge. Und alle ihre Kinder, die dort geboren werden, ein erstes oder ein zehntes, sind automatisch auch Flüchtlinge und werden vom Flüchtlingswerk der Weltgemeinschaft gefüttert, ausgebildet und medizinisch versorgt. Aber was der Westen bei seiner freundlichen Haltung nicht bedenkt: Dass er zwar die Entbindungskliniken bezahlt, aber keine Strukturen besorgen kann, wo die jungen Männer unterkommen können. Das heisst, es stehen dort junge Männer bereit, gut gebildet und genährt, die in einer aussichtslosen Lage sind. Der interne Konflikt blieb bis jetzt relativ unblutig, weil das Gewaltpotenzial zwar gegen Israel gelenkt werden kann, Israel aber nicht wahllos draufschlägt, sondern einigermassen gezielt. Mit dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen gibt es bereits Anzeichen, dass die Gewalt sich künftig vermehrt intern in einem Bürgerkrieg unter Palästinensern entladen könnte.

Kann ein Youth Bulge nicht einfach auch unblutig absorbiert werden, etwa wenn durch Wirtschaftswachstum genügend neue Positionen entstehen?

Meist geht es umgekehrt. Die wirtschaftliche Entwicklung führt zu einem Rückgang der Geburtenrate. Es gibt kein effektiveres Verhütungsmittel als die Verlohnarbeiterung – der Männer, aber auch der Frauen.

Sie sprechen kommende Woche vor britischen Militärspitzen zu den strategischen Herausforderungen bis 2020. Was werden Sie ihnen sagen?

In den islamischen Ländern gibt es heute 300 Millionen Söhne, die unter 15 sind. Die sind alle schon geboren, das ist keine Prognose. Die werden in den nächsten 15 Jahren 15 bis 30 Jahre alt. Von denen werden im besten Fall 100 Millionen zu Hause unterkommen. 200 Millionen bilden aber ein Gewaltpotenzial. Höchstwahrscheinlich in den Ländern selbst, eventuell aber auch international. Das ist die Lage in den nächsten 15 Jahren. Danach wird sich die Lage entspannen.

Wenn die Geburtenrate sinkt.

Natürlich, dafür gibt es Anzeichen. Ein säkularer Trend hat die Geburtenrate auch in einigen islamischen Ländern gedrückt. In Tunesien etwa. Oder in Algerien, wo die Rate von 7 auf 2 Kinder pro Frau gesunken ist – übrigens ein Grund dafür, wieso der Youth-Bulge-befeuerte Bürgerkrieg in Algerien zwischen Islamisten und Militärregierung zu Ende ging. Auch in Iran ist die Geburtenrate von 7 auf 2 gesunken. Im Irak noch nicht. Da liegt sie bei 5, in Afghanistan bei 7, in Pakistan bei knapp 5 Kindern pro Frau. Diese Länder bleiben neben Jemen und Saudiarabien vorderhand die heissen Gebiete.

Was raten Sie den britischen Generälen denn konkret?

Sich ja nicht einzumischen, wenn irgendwo ein Youth-Bulge-Konflikt abgeht. Das tut der Westen ja bereits. In Darfur etwa, wo viele meinen, es laufe ein Rassenkrieg, Schwarz gegen Arabisch. Die Trennungen in Rassen und Religionen sind jedoch Vorwand. Auch aus Liberia und Sierra Leone hat man sich eisern rausgehalten. In einem Youth-Bulge-Konflikt können die Guten von heute schnell die Bösen von morgen sein. Man müsste zur Beruhigung der Lage dauerhaft sehr viele Soldaten hinstellen – und die hat der Westen nicht. Er hat pro Familie maximal einen Sohn, und den kann er überhaupt nicht, nicht eine Sekunde, entbehren. Wenn der stirbt, hat er keinen mehr. Aber die Dritte Welt erwartet, dass die Erste Welt ihren einzigen Sohn schickt, um dort dritte und vierte Brüder vom Töten abzuhalten. Eine kühne Forderung.

Das klingt ziemlich zynisch.

Das klingt nicht nur zynisch. Es ist sogar gefährlich, weil die Menschheit seit 1948 ein internationales Gesetz gegen Völkermord kennt, das jede einzelne Nation verpflichtet, einen Völkermord zu verhindern. Ein Abseitsstehen ist streng genommen sogar eine Rechtsverletzung. Deshalb werden Genozide lieber als Bürgerkriege bezeichnet und laut, aber folgenlos verurteilt.

Im Irak und in Afghanistan ist der Westen einmarschiert. Es sollten auch Staaten repariert und Demokratien errichtet werden. Bis heute sieht es danach aus, als ob das scheitern würde. Warum?

Man hatte die schöne Politik des runden Tisches vor Augen, so wie in der Ukraine, in Georgien oder in andern osteuropäischen Ländern. Dort gab es ermutigende Fortschritte, und man dachte: Mensch, wir brauchen nur einen deutschen Philosophen wie Habermas mit seiner Dialog-Theorie, dann geht das. Es lag aber nicht an Habermas und auch nicht an der Mentalität oder der Klugheit der Osteuropäer. Es lag daran, dass dies implodierende und vergreisende Völker sind. Jeder, der dort an den runden Tisch kam, der hatte später auch einen Spitzenjob im Land. Im Irak oder in Afghanistan kämpfen aber schon fünf junge Männer darum, überhaupt am runden Tisch zu sitzen. Hat sich ein Youth Bulge aber einmal abgebaut, dann kommt die Demokratie fast wie von selbst. Das hat man gut in Lateinamerika gesehen, nachdem sich Marxisten und Faschisten gegenseitig dezimiert hatten und die Geburtenrate wieder gesunken war.

Wie sieht es denn in Europa aus? Ist Europa derzeit nur so friedlich, weil es so wenige junge Männer gibt?

Wenn wir uns in Deutschland vermehrt hätten wie die Palästinenser im Gazastreifen, gäbe es heute 550 Millionen Deutsche. Und es wären 80 Millionen Jünglinge zwischen 15 und 30 Jahren. Glauben Sie denn, die 80 Millionen jungen deutschen Männer wären zehnmal so pazifistisch wie die 7 Millionen, die wir heute haben? Oder würden die nicht viel eher in Prag und Danzig und Breslau Bomben werfen und – ähnlich wie die Palästinenser – sagen: Das ist doch unser Gebiet, das hat man uns weggenommen wegen historischer Ereignisse, für die wir nichts können?

Dann haben Sie also keine Angst vor deutschen Neonazis?

Nein, gar nicht. Die sorgen zwar für Schlagzeilen auf der ganzen Welt. Aber das liegt daran, dass man den alten Faschismus schon nicht verstanden hat. Man meinte, der sei durch böse Gedanken entstanden. Obwohl es der letzte deutsche Youth Bulge von 1900 bis 1914 war, der die Ereignisse auf den Strassen der Weimarer Republik befeuerte. Heute gibt es in Deutschland etwa 7000 aktive Neonazis und 270 000 Mann bei der Polizei, da kann nicht mehr viel passieren.

Sie haben den letzten deutschen Youth Bulge von 1900 bis 1914 erwähnt. Gab es denn nicht noch später einen Youth Bulge, der die 1968 ausgelöst hat?

Natürlich waren es 1968 auch junge Männer, die auf Positionen vorrücken wollten. Und ein kleines bisschen wurde auch getötet, etwa bei den Baader-Meinhof-Leuten. Aber es war ein Babyboom, nur ein ganz kleiner Youth Bulge. Die zornigen jungen Männer von 1968 haben schnell gemerkt, dass es für alle genügend akzeptable Positionen im gesellschaftlichen Geflecht gibt. Sie haben das Kämpfen eingestellt – und das Töten erst recht.

Ende

Gunnar Heinsohn, 63, promovierte mit Bestnote sowohl in Soziologie und Wirtschaftswissenschaften. 1984 wurde er für eine Professur auf Lebenszeit an die Universität Bremen berufen, wo er 1993 mit dem Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung die vergleichende Völkermordforschung in Europa etablierte. Heinsohn beschäftigt sich mit Theorie und Geschichte der Zivilisation, in neuerer Zeit vor allem mit dem Phänomen des Youth Bulge. Der Franzose Gaston Bouthoul (1970), der Amerikaner Jack Goldstone (1991) und der Deutsche Hartmut Diessenbacher (1998) waren Pioniere dieser Denkrichtung. Heinsohn hat sie mit reichem empirischem Material weiterentwickelt.
Gunnar Heinsohns Buch «Söhne und Weltmacht» (bei Orell Füssli) von 2003 gewinnt an Schuss. Es hat jüngst in sechs Wochen vier neue Auflagen erfahren. Heinsohns Auftritt vom Oktober in der TV-Sendung «Das philosophische Quartett» mit Peter Sloterdijk dürfte da mitgeholfen haben. (tis.)

Was Macht bewirkt

Als Grüner hat man es nicht immer lustig, vor allem nicht, wenn man eine Wahl verliert, was bei den Grünen meistens der Fall ist. Dann gibt man allen möglichen Menschen und sonst noch allem (inklusive sich selbst) auf dieser Welt die Schuld und bekommt das Gefühl, dass die ganze Welt den edlen grünen Ideen feindlich gesinnt ist.
Das ist nicht besonders angenehm.
Was aber passiert, wenn man eine Wahl gewinnt, möchte ich hier kurz berichten.

Ich habe letztes Jahr zwei Wahlen gewonnen, und zwar zwei für mich besonders wichtige: die Wirtschaftskammerwahl, wo wir als Grüne Wirtschaft jetzt fast um die Hälfte mehr Mandate haben und die Bezirkswahl in Währing, wo wir jetzt Bezirksvorsteherinpartei sind.

Zuerst konnten wir es kaum fassen, dass wir die ÖVP nach 69 Jahren als stärkste Partei im Bezirk abgelöst hatten. Dann kam der Alltag und mit ihm die Arbeit. Sehr viel Arbeit, die nicht immer lustig ist, manchmal anstrengend, sehr oft interessant (weil neu) und hin und wieder sogar schon Routine. Als Bezirksrat wird man zu Ortsverhandlungen geschickt, bekommt Anrufe von engagierten oder sonstwie emotionalisierten BürgerInnen und hockt in Sitzungen, Kommissionen und Ausschüssen. Man geht zu Empfängen, wird gegrüßt, beschimpft und bekommt Sekt.

Doch da ist noch etwas anderes. Etwas, das ich vorher nicht kannte und das eine Entwicklung bei mir verursacht. Ich kannte es bisher in kleiner Dosierung von Vorträgen, wenn ich in einem Saal fünfzig oder gar hundert Menschen dazu bewegen konnte aufmerksam zuzuhören. Ein wenig auch wenn Freunde oder Bekannte Dinge taten, die ich ihnen vorgeschlagen hatte.
Meist war ich erstaunt und dachte mir: Wie hast du das geschafft? Was war das jetzt?
Das Gefühl dazu war und ist immer ein Gutes, vielleicht nicht gerade euphorisch, aber doch sehr gut.

Es ist Macht, die ich spüre. Die Möglichkeit etwas so zu beeinflussen, dass das geschieht, was ich will. Damit können Grüne normalerweise nicht gut umgehen, weil sie ihre Kraft aus dem Widerstand zu ziehen pflegen und den findet man in der Politik nun einmal in erster Linie in der Oppositionsrolle. In dieser Hinsicht bin ich ein echter Grüner.
Dass die Tradition und damit die eigenen Wurzeln aus dem Widerstand kommen, merkt man bei den Grünen heute zwar immer weniger, aber sie gehen nach wie vor gerne demonstrieren, kommen bei Sitzungen und Seminaren notorisch zu spät und rauchen wie die Schlote. All das ist konterdependentes Verhalten, hat stets einen pubertären Touch (die Pubertät ist eine in der menschlichen Entwicklung notwendige Konterdependenzphase, in der es darum geht, gegen den Willen der Autorität zu sein ohne zu wissen, was man selbst will) und sollte eigentlich irgendwann überwunden sein.

Wenn es Grünen nun passiert, dass sie an die Macht kommen, dann entwickeln sie unterschiedliche Methoden damit umzugehen. Eine Möglichkeit besteht darin die Macht abzulehnen. Dann versucht man jede Entscheidung basisdemokratisch zu legitimieren und trifft viele nicht, weil das nicht funktioniert. Man weist sie von sich, wirft sie herum wie ein glühendes Stück Kohle und findet sie irgendwie schlecht. Wer das Stück aufgreift, wird verschmäht.
So geht nix weiter und man scheitert so lange, bis man die Macht erfolgreich wieder los geworden ist.
Eine andere Variante ist der Machtrausch, in dem eiskalt agiert wird, stets aber mit dem Hinweis, dass man es eh viel besser macht als die eigentlichen Machtmenschen – oder sogar eigentlich eh ganz anders als diese.
So geht was weiter, es spaltet aber meistens die Anhänger- und Mitstreiterinnenschaft. Und es hinterlässt das flaue Gefühl, dass man den Verdacht nicht mehr zurückweisen kann, so zu sein wie alle anderen, wenn sie Macht haben.

Ich weiß nicht, ob es noch weitere Umgangsformen für Macht gibt. Ich möchte aber noch über eine Auswirkung berichten, die für mich neu, interessant und betrachtenswert erscheint:
Macht öffnet Gedanken und Räume. Sie macht frei für Zukunftszuversicht, für konstruktive Energie und auch Glücksgefühle. Auf einmal werden Veränderungen möglich, Weiterentwicklung ist nicht mehr ein Wunsch, sondern Tatsache. Ich merke das bei der Arbeit im Bezirk, wenn Projekte umgesetzt werden können und man dafür Lob bekommt. Plötzlich ist Anerkennung da, manchmal sogar gewürzt mit einem Schuss Bewunderung.
Bei Ortsverhandlungen drehen sich g´standene Herren verschiedener Magistratsabteilungen alle zu mir um und warten gespannt darauf, was ich sage. Davon hängen nämlich gar nicht so unwichtige Entscheidungen ab, zumindest für das zu verhandelnde Projekt.
Natürlich ist das oft nur die Markierung einer Garageneinfahrt und die Macht hält sich in Grenzen, aber so etwas passiert oft und in ganz unterschiedlichen Bereichen.
Und doch – etwas ist anders. Die Ideen und Visionen, die Pläne und Konzepte, die ich jetzt entwickle, haben mehr Kraft und Selbstbewusstsein. Ich denke sie weiter, höher und um einen Hauch kühner als noch vor einem Jahr. Vielleicht liegt das an der Zustimmung, die ich an vielen Ecken und bei sehr unterschiedlichen Gelegenheiten bekomme. Ich bin etwas mutiger geworden und Rückschläge treffen mich nicht so hart.
Ich hatte vorher schon ein sehr vielfältiges und großes Netzwerk, aber jetzt kommen nicht nur viele neue wichtige und weniger wichtige Kontakte dazu, sondern auch noch eine Position, die dem Netzwerk eine zusätzliche Qualität gibt. Das System wirkt selbstverstärkend: Weil ich die Position (Bezirksrat einer Bezirksvorstehungspartei plus Nahversorgungsbeauftragter) habe, hören mir Menschen zu, die glauben, dass die Position wichtig ist. Und weil sie mir zuhören, wird sie erst wichtig.
Die Macht entsteht quasi aus dem Nichts und durch sie wird aus dem Nichts ein Etwas, auch wenn ich trotzdem nur ein Schoitl (oder Gneisser) bin.

Ich werde das weiter beobachten und berichten.

Die große Mauer

Auf chinesisch heißt die Mauer „10.000 Li lange Mauer“, was für „unendliche Mauer“ steht. Nur in der Ming-Zeit wurden 8.800 km gebaut, allerdings stammen die ersten Teile schon aus dem 7. Jhd. v.Chr. und insgesamt wird auf Wikipedia eine Gesamtlänge von 21.196,18 km angegeben.

Es muss unfassbare Kraftanstrengungen gekostet haben diese Mauer zu bauen, Historiker sprechen von bis zu einer Million Toten. Sie ist heute ein Nationalheiligtum und für Touristen sicher einen Besuch wert.
In der Ming-Dynastie hatte sie die größte Ausdehnung und wurde von 300.000 Soldaten ständig bewacht, auf insgesamt 25.000 Türmen plus weiteren 15.000 Signaltürmen.
In ihrer höchsten Ausbaustufe war die Mauer ein durchaus effizientes Instrument um Angriffe v.a. der Mandschuren bzw. Mongolen abzuhalten. Spezielle Waffensysteme waren vorhanden und die Mauer selbst war sehr stabil gebaut.
Trotzdem erfüllte sie nie ihren eigentlichen Zweck, allerdings nicht aus technischer Schwäche, sondern weil ihr Bau und Unterhalt so viele Ressourcen verbrauchte, dass im Land Hunger und Elend einkehrten. Das schwächte letztlich auch die Verteidigung und die Invasoren hatten irgendwann leichtes Spiel.

Ich finde, dass wir von der Geschichte der chinesischen Mauer einiges lernen können: Mauern können Bauwerke oder kleinere Gebiete gegen ganz bestimmte Gefahren sichern, aber sie können kein ganzes Land wirksam abschotten, außer eine Gesellschaft steckt all ihre Kräfte in eine solche Mauer. Das birgt dann jedoch die Gefahr der Selbstvernichtung.

Derzeit gibt es in Europa starke Kräfte, die wie seinerzeit in China das Heil und die Lösung in der Abschottung von ganz Europa sehen. Allein Griechenland hat 14.000 km Küstenlinie. Selbst wenn man dort eine ca. 20 m hohe Mauer bauen würde, wäre das ein ähnlich großes Unterfangen wie die chinesische Mauer. Auch fortgeschrittene Technik würde nichts nützen, ganz abgesehen davon, dass man unglaubliche menschliche und materielle Ressourcen benötigen würde.

Ich finde, wir sollten nicht den Fehler der alten Chinesen wiederholen. Sie konnten damals nicht auf historische Erfahrungen zurück greifen, wir können das schon.

Wenn wir rund um Europa eine Mauer (oder irgend eine andere Form von Befestigungsanlage) bauen, werden wir genau so zugrunde gehen wie die mächtige chinesische Ming-Dynastie.

„A erstickter Schrei“ (Zur Flüchtlingsdebatte)

Vor nicht langer Zeit spielte eine meiner Lieblingsbands, die „Feinen Leute“, eine mir bis dato unbekannte Nummer vom Georg Danzer, bei der ich schlagartig verstand, was in Menschen vorgeht, die aus ihrer Heimat vertrieben werden, sei es durch Krieg, Hunger, Perspektivenlosigkeit oder sonstwie.

Er spürt die Sunn in seine Augen, er spürt den Wind in seine Haar, er riecht des Wasser drunt am Ufer und alles ist so nah und klar.
Er siecht die Hügel und die Felder, des grüne Land in seine Tram.
Was is von alldem no übrig? Verbrannte Erd‘, verkohlte Bam.

Er spürt a grenzenlose Panik wie ana, der im Fluss ertrinkt. Umgeb’n von Menschen, die nur zuaschaun und eam wird schwarz und er versinkt.
Ka Mensch geht freiwüllich so afoch fuat vo dort, wo seine Wurzeln san.
Ka Mensch wü sterben an an fremden Ort – verkauft, verraten und allan.

Ka Mensch verlasst sei Heimat ohne Grund, ka Mensch wü gern a Fremder sei.
Und sei Verzweiflung in der letzten Stund‘ is stumm wie a erstickter Schrei.

Hier ein Link zum Konzert der „feinen Leute“ am 11. März 2016 im Cafe Kriemhild. (Wessen Herz dadurch nicht gerührt wird, sollte sich überlegen, ob er/sie es nicht verloren hat):

Hier ein Link zum Konzert von Georg Danzer auf der Donauinsel 2005:

Und hier ein Konzert von Austria 3:

Das Lied vom „Schurli“ stammt aus 1999 und ist heute aktueller denn je. Die Profiteure unserer Angst versuchen uns einzureden, Flüchtlinge wären keine Menschen, sondern böse Kreaturen, die nur zu uns kommen, um uns das wegzunehmen, was wir besitzen.
Vielleicht nehmen sie uns ja unsere Angst, von der besitzen wir nämlich reichlich.

Es mag unter den Menschen, die zu uns kommen, auch böse geben, aber unsere eigene Menschlichkeit werden wir nur daran erkennen können, wie wir bereit sind zu differenzieren. Da auch die besten unter uns nicht an der Nasenspitze erkennen können, ob jemand gut oder schlecht ist, werden wir uns mit diesen Menschen auseinandersetzen müssen, indem wir uns mit ihnen zusammensetzen.
Dort, wo wir das schon tun, erkennen wir stets, dass die meisten gut sind und Menschen wie wir. Die schlechten waren und sind immer in der Minderzahl und können einer gesunden Gesellschaft nichts anhaben, so wie Krankheitserreger einem gesunden Körper nichts anhaben können.
Also dürfen wir uns als Gesellschaft nicht krank machen lassen. Die Erreger kommen übrigens in diesem Fall nicht von außen, sondern von innen, wir haben sie selbst produziert und zugesehen, wie sie sich vermehren konnten. Sie infizieren gesunde Teile unserer Gesellschaft, vor allem jene, die schon geschwächt sind, also Angst haben. Je mehr, desto leichteres Spiel haben sie.
Dagegen hilft als Medizin der Mut. Er entsteht in der Gemeinschaft, die an sich selbst glaubt und ein attraktives Ziel vor Augen hat.

Ich war im September 2015 am Hauptbahnhof und wollte meine Hilfe anbieten. Allerdings bin ich nach kurzer Zeit wieder gefahren, denn um die ankommenden Flüchtlinge gab es ein richtiges „G´riss“, wie man auf Wienerisch so schön sagt. Ich stand eigentlich nur im Weg herum und hatte keine Ahnung wo und wie ich helfen sollte. Es schien alles wie am Schnürchen zu laufen, meine Unterstützung wurde schlicht und einfach nicht gebraucht. Vielleicht nur heute, eventuell sieht es morgen ganz anders aus. Und ich wollte dann auch nicht dort bleiben ohne sinnvolle Beschäftigung. „Flüchtlinge schaun“ liegt mir nicht.

Was ich gesehen habe: Alles läuft in ruhiger Ordnung ab. Ein junger Mann ruft auf Arabisch Infos durch einen Volksverkünder, in der Halle sind jede Menge Kojen abgetrennt (das ist von gestern auf heute passiert), wo die Menschen sich umziehen können, ausruhen oder essen. Es ist weder schmutzig noch stinkt es, alle Leute wissen scheinbar, was sie wollen und was zu tun ist. Überall flitzen HelferInnen herum und tun irgendwas. ÜbersetzerInnen haben Schilder auf der Brust, auf denen geschrieben steht, in welchen Sprachen sie helfen können. Angeblich gibt es auch genug davon. Sehr viel Essen wird herumgetragen, es gibt eine Krankenstation und eine Kleiderausgabe sowie einen eigenen Bereich für Hygieneartikel. In den sozialen Medien wurde bereits durchgesagt, dass von allem genug vorhanden ist, zumindest zurzeit. Die Stimmung ist ruhig und nicht hektisch und ich habe das Gefühl, dass alle Flüchtlinge gut versorgt sind. Ständig kommen Züge an und fahren wieder ab. Außerhalb des Bahnhofs merkt man fast nichts, nur ein paar Zelte stehen herum und einige Krankenwägen. Ständig kommen Menschen zum Bahnhof, die irgend etwas mitbringen, spenden bzw. abgeben wollen. (Auf einer Website hab ich gesehen, dass jemand seine alten Eislaufschuhe gespendet hat. Nun ja.)

Das war irgendwie nicht meine Veranstaltung. Auch okay. Zur Sache habe ich allerdings etwas zu sagen und werde versuchen, das einigermaßen systematisch aufzuarbeiten. Ich möchte bei Adam und Eva beginnen (das hat sich immer schon bewährt), bekanntermaßen die ersten Flüchtlinge der Welt, Vertriebene aus dem Paradies, Opfer des alttestamentarischen Gottes Jahwe. Asylantrag mussten sie keinen stellen und damals waren auch weder Schlepper schon erfunden noch das Geld, um sie zu bezahlen.
Sie mussten dort weg, obwohl sie gerne geblieben wären – das ist wohl die einzige Gemeinsamkeit mit den heutigen Flüchtlingen. Wobei – auch Syrien war bis vor kurzem schön und die meisten Menschen haben sicher gerne dort gelebt. Es gab auch meines Wissens keine Flüchtlinge vor dem Krieg, obwohl man Syrien sicher nicht als Paradies bezeichnen kann, dafür gab es auch dort schon zu viele Spannungen.
Die Bilder, die von dort zu uns kommen, zeigen einen der Gründe, warum die Menschen flüchten. Hier ist eines davon, es zeigt angeblich eine Straße der syrischen Stadt Homs vor dem Krieg und jetzt (ich habe keine Quellenangabe):

Homs.jpg

In den Foren liest man immer wieder, dass die Syrer doch gefälligst dort bleiben sollen, denn bei uns sind die Menschen nach dem 2. Weltkrieg ja auch nicht weggelaufen.
Dieses Argument ist aus mehreren Gründen falsch. Erstens gab es eine Menge Menschen, die Österreich verlassen haben, viele davon weil sie hier keine Zukunft mehr sahen, und zwar wirtschaftlich. Zweitens war nicht ganz Österreich zerbombt und die Menschen in der Stadt bekamen Hilfe vom Land, wo eine funktionierende Landwirtschaft für die notwendigen Lebensmittel sorgen konnte, zumindest ab 1946, davor gab es Hilfslieferungen, die vor allem aus USA kamen. Die polizeiliche Sicherheit wurde mehr oder weniger durch die Alliierten gewährleistet.
In Syrien ist das anders, die sonst übliche landesinterne Flucht ist fast zum Erliegen gekommen, weil es an den meisten Orten so aussieht (angeblich Kobane, auch hier keine gesicherte Quellenangabe):

Kobane.jpg

Dort kann man nicht leben oder zumindest können das nicht viele. Außerdem ist ein Ende des Krieges nicht in Sicht, das war 1944 und 1945 bei uns anders. Ich persönlich glaube nicht, dass die Menschen dort aus Jux und Tollerei flüchten. Auch dass sie bei der Überfahrt in Schlauchbooten „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“ anstimmen, kann ich mir nicht vorstellen.
Neueste Zahlen sagen, dass von 20 Mio SyrerInnen bisher 6 Mio. geflüchtet sind. Die meisten davon befinden sich in Auffanglagern in den Nachbarländern, also in der Türkei, dem Libanon und Jordanien, einige auch in Ägypten. Nur etwa ein Zehntel (angeblich 350.000) sind nach Europa geflüchtet, die arabischen Bruderstaaten (Saudiarabien, Emirate) nehmen keine Flüchtlinge auf und auch die USA oder Kanada zeigen nicht gerade mit beiden Händen auf, wenngleich Justin Trudeau, der neue kanadische Premierminister, neulich mit einer Aktion eine ganze Partie syrische Flüchtlinge ins Land holte.
Also kommen sie nach Europa, das vielen als gelobtes Land erscheint (also eh nicht ganz Europa, eher Deutschland und Skandinavien und mit Abstand dahinter England und einige andere Länder, darunter auch Österreich).

Wie geht es weiter?

Es werden so lange Flüchtlinge kommen, wie die Ursache der Flucht besteht – so einfach ist das. Im nahen Osten sind das die Kriege und die politischen Unruhen, in Afrika ist dies ebenso, nur kommen auch noch Armutsprobleme dazu. Das bedeutet, dass es so weiter geht, wenn z.B. der Krieg in Syrien weiter befeuert wird. Krieg funktioniert nur mit Waffen, daher befeuert der Waffenhandel den Krieg. Natürlich ist das Problem nicht europäisch lösbar, denn wenn Europa mit den höchst lukrativen Waffenexporten aufhört, steigt Russland ein, oder die USA oder China. Da diese Staaten keine Angst vor syrischen Flüchtlingen haben müssen, können sie risikolos Geld verdienen, sehr viel Geld. Derzeit hat Europa entweder kein Mittel um diese Staaten unter Druck zu setzen oder es will sie nicht verwenden. Dafür haben die europ. Staaten zugestimmt, dass die Hilfe für die Flüchtlingslager in Jordanien und im Libanon gekürzt wird.

Trotzdem müssen sich all die Länder, die Waffen in die Krisengebiete verkaufen (und daran prächtig verdienen) den Vorwurf gefallen lassen, dass sie an den dortigen Verhältnissen mit schuldig sind. Österreich ist eines dieser Länder: Die Lieblingswaffe der IS-Terrorführer ist angeblich die österr. Glock-Pistole und eine österr. Firma hat viele tausend Sprenggranaten über den Umweg Saudi-Arabien nach Syrien geliefert – genehmigt vom Außenministerium unter der Leitung von Außenminister Sebastian Kurz. Auch das Steyr-Sturmgewehr STG 77 (die österr. Antwort auf die Kalaschnikow) wurde dort schon gesichtet.

Flüchtlingshilfe vor Ort kürzen, dafür eigene Waffen liefern und dann jammern, wenn Menschen zu uns flüchten – es gibt wohl nichts scheinheiligeres als das.

Es wird uns das Jammern nichts nützen. Die Menschen werden zu uns kommen und wir werden das, was wir haben, mit ihnen teilen müssen. Da wir in Österreich derzeit ca. 1/3 aller Lebensmittel wegwerfen, wird es uns auch dann an nichts fehlen, außer vielleicht an Xenophobie, die wir gerade so eifrig hegen und pflegen.

Die großen Lügen

Ich bin der Ansicht, dass die Bevölkerung zumindest in Österreich über einige Dinge belogen wird. Warum dies passiert, darüber müsste man diskutieren und könnte mit der Frage „Cui bono?“ beginnen.

1.) Die Wachstums-Lüge
Aus allen Medien tönt der Chor: Wir brauchen mehr Wachstum! Gemeint ist damit Wirtschaftswachstum im Sinne gesteigerter Produktion von Konsumartikeln. Das verlangt natürlich eine gesteigerte Ressourcenausbeutung von Material und Mensch plus eine Steigerung des Konsums.
Das wird aber nicht funktionieren und daher wird es nicht passieren. Und das wissen die Leute, die uns das verkaufen wollen. Also belügen sie uns.

2.) Die Trickle-down-Lüge
In den 1980ern wurde sie von Margret Thatcher und Ronald Reagan verbreitet, als diese einen neoliberalen Wirtschaftskurs einschlugen: Mehr reiche und mehr superreiche Menschen bringen Wohlstand für alle, weil der Reichtum sich quasi automatisch auch nach unten verteilt.
Das ist falsch.

3.) Die Mittelstands-Lüge
Wer hart arbeitet, wird einmal zur Elite gehören, zumindest zur finanziellen Elite.
Das ist aus mehreren Gründen falsch: Erstens ist harte Arbeit keinerlei Garant, denn es gibt ohne Ende Beispiele für sehr hart arbeitende Menschen, die gerade mal ihr Existenzminimum erwirtschaften können. Zweitens können es immer nur einige wenige schaffen. Und das gleicht einem Lotteriespiel.

4.) Die Green Economy-Lüge
Das ist eine ganz besonders perfide Lüge, denn sie schmeckt nach Wahrheit. Leider baut man auch hier auf Produktionswachstum und somit auf Ressourcenausbeutung und das ist um fast nichts besser als die Wachstumslüge. Green Economy ist gut, ändert aber nichts daran, dass das Produktionswachstum nicht mehr funktioniert. Und auch nicht funktionieren wird.

5.) Die New-Technology-Lüge
Die Menschen werden einfach neue, ganz tolle Technologien erfinden und die werden unsere Probleme alle lösen, denn das haben die Menschen in Krisen immer schon getan. Das ist gelogen – erstens haben sie oft keine neuen Technologien erfunden, zweitens sind sie gar nicht selten trotzdem untergegangen und drittens ist die Extrapolation in die Zukunft einfach unzulässig.

6.) Die Klimawandel-Lüge
Selbst die Skeptiker können nicht mehr leugnen, dass es Klimaveränderungen gibt. Aber sie lügen uns vor, das das ganz normal sei, somit auch nicht „man-made“ und somit auch kein Problem. Wenn es eh natürlich ist, brauchen wir an unserem Lebenswandel nichts verändern, denn er hat den Klimawandel ja gar nicht erzeugt. Eine äußerst dreiste Lüge, die aber der spontanen Bequemlichkeit nützt und daher gerne geglaubt wird.

7.) Die Migrations-Lüge
Wenn sich Lebensbedingungen verschlechtern, werden Menschen mobil – das ist seit Jahrhunderttausenden so und wird auch nicht aufhören. Der Grund dafür ist egal – Krieg, Erdbeben, Dürre. Migration war noch nie aufzuhalten, wenngleich wir mit der Atombombe oder chemischen Waffen heute die technische Möglichkeit dazu hätten. Sie kommen und wir werden mit ihnen leben müssen. Zu behaupten, dass dem nicht so sei – das ist eine Lüge.