Armut ist ansteckend

Eine spannende Sendung in 3sat über die Armut der Mittelschicht hat mich zu diesen Gedanken inspiriert.

Die soziale Mittelschicht, die in Europa eigentlich Trägerin des Wohlstandes ist, wird dünner, und zwar deutlich und immer schneller. Das gilt für Deutschland ganz besonders, aber natürlich auch für Österreich und etwa Frankreich.
Gut ausgebildete Menschen mit bisher guten Jobs und gutem Einkommen sitzen plötzlich auf der Straße, oft mit fünfzig Jahren am Buckel und damit in einer heiklen Situation: laufende Kredite, verwöhnte Kinder und ein Lebensstandard, an den man sich gewöhnt hat.

Eine Französin sagt: „Meine neue Situation wirkt auf meine Umgebung als hätte ich Krebs.“ Das ist erstaunlich und in meinen Augen ein Warnsignal. Sobald jemand arbeitslos ist oder in Gefahr gerät sozial abzusteigen, verliert er seine Freunde. Das wirkt wie ein Nachbrenner auf dem Weg nach unten. Die Menschen haben Angst, dass ihnen das auch passieren könnte und meiden die Person, der es gerade passiert oder schon passiert ist. So als hätte er/sie eine ansteckende Krankheit.

Was läuft da falsch? Mir wurde und wird ständig erzählt, dass durch unser Wirtschaftssystem plus Politik etc. die Mittelschichte wachsen würde und auch die unteren Schichten immer weiter hinauf wandern würden. Man hat sogar aus der „Unterschicht“ in den 1970ern die „Untere Mittelschicht“ gemacht. Der Reichtum der Oberen wird als Segen für die Unteren gepriesen.

Und jetzt geht das in die Gegenrichtung? Obwohl die Wirtschaft boomt, die Börsenkurse steigen und die glitzernde Konsumwelt geradezu gestürmt wird? Kann es sein, dass da was nicht stimmt?

Ist es notwendig, sich das Wertesystem, das dahinter gut verborgen ist, auf seine Brauchbarkeit zu durchleuchten? Machen uns die vielen Dinge, die wir besitzen (ich habe neulich meiner Schwester beim Umzug geholfen, ja, es sind sehr viele Dinge), wirklich glücklich und zufrieden?

Viele Fragen und ich habe noch keine guten Antworten.

Jedenfalls bröckeln einige der bürgerlichen Werte:

Fleiß und Anstrengung zahlen sich aus – das stimmt nur mehr sehr bedingt. Es gibt genügend Menschen, die enorm viel arbeiten und immer tiefer sinken.
Bildung zahlt sich aus – es gibt Absolventen mit mehreren Titeln, die Taxi fahren. Nein, keine Verrückten, ganz normale Menschen.
Mit einem guten Job alt werden – in immer weniger Branchen und Firmen ist das möglich bzw. überhaupt denkbar.

Was somit wegfällt ist die Steuerbarkeit und Planbarkeit. Man ist hilflos ausgeliefert – nur wem oder was eigentlich? Der Politik? Der „Wirtschaft“ oder der „Globalisierung“? Dem Glück?
Vielleicht nehmen deswegen die Glückspiele zu?
Viele schielen nicht mehr hoffnungsvoll nach oben, sondern eher ängstlich nach unten.

Es ist an der Zeit darüber zu reden, was wir falsch machen.

Zur Heeresdebatte

Weil schasaugat war ich „7-er-tauglich“. Mittels Vitamin P kam ich zu den Kraftfahrern, leider bei der Garde. Wie mühsam das werden sollte, konnte ich bei meiner Einrückung noch nicht erahnen. Eigentlich hätte ich kein Kraftfahrer werden dürfen, weil ich eine Brille hatte. Mein Wunsch war es jedoch den LKW-Schein beim Bundesheer zu machen und ihn dann auf einen Zivilführerschein umzuschreiben. Das war damals möglich.
Leider steckten sie mich dann zu den PKW-Fahrern und ich wurde Kommandantfahrer. So habe ich alle Arschlöcher in weitem Umkreis persönlich kennen gelernt: Sadisten, Kriecher, Dummköpfe.
Und ich habe einiges gelernt:
Ich kann ohne Zurückrollen am steilen Berg anfahren, mit einem alten Typ-2-VW-Bus und in riesigen Militärstiefeln.
Ich kann Betten machen und Häusel putzen.
Ich kann ein Fahrwerk abschmieren und weiß, was eine 15er-Klemme ist. Und wo sie ist. Und dass ein Auto nach einiger Zeit abstirbt, wenn hinterhältige Kameraden die Klemme gelöst haben.
Ich konnte ein 58er Sturmgewehr zerlegen, putzen und wieder zusammenbauen. Das kann ich heute nicht mehr, es geht mir aber auch nicht ab. Ich zerlege, putze und baue lieber Vespas zusammen. Das erscheint mir wesentlich sinnvoller.

Ansonsten habe ich nicht viel gelernt in den acht Monaten. Ich habe keine Ahnung von Landesverteidigung und war nur einmal schießen. Das war ein Glück damals, weil man nach dem Schießen das Gewehr putzen musste und später aus der Kaserne kam.
Und das war das Schlimmste, was passieren konnte: Am Wochenende in der Kaserne bleiben müssen, wenn (fast) alle anderen nach Hause fahren dürfen.

Ich war ein äußerst ungezogener Soldat. Und musste mit sehr vielen Wochenenden in der Kaserne dafür bezahlen. Sehr vielen. Gehorsam lernte ich nicht, sondern eher die Verachtung von Vorgesetzten. Insofern habe ich doch was für mein Leben gelernt, nämlich Menschen, die mir unterlegen sind, nicht als Autoritäten bzw. Chefs zu akzeptieren.
Die einzigen Vorgesetzten, vor denen ich Respekt hatte, waren die Fahrlehrer in der Heeresfahrschule. Die konnten mir etwas beibringen und die mussten auch nicht ständig den Sadisten raushängen lassen, weil sie respektiert wurden. Alle anderen Offiziere ohne Ausnahme taten das. Zumindest bei der Garde.
Seitdem habe ich für Offiziere entweder Spott, Mitleid, Verachtung oder Geringschätzung übrig. Ich habe keine anderen kennen gelernt. Leider? Vielleicht. Ich verachte seitdem zutiefst Menschen, die andere quälen, nur weil sie selbst eine höhere hierarchische Position haben. Und ich habe eine ganze Menge davon kennen gelernt.
Die Quälereien hatten immer nur den einen Sinn: Gehorchen, egal was befohlen wurde. Etwa eine Stunde in einer Ecke stramm stehen. Das hat keinen Sinn für irgend etwas, außer um zu lernen, das zu tun, was ein anderer sagt, weil er es sagt. Egal ob das gescheit oder blöd ist. Und ganz definitiv auch dann, wenn es klarerweise blöd ist. Gerade dann zeigt sich blindes Gehorchen. Deswegen heißt es ja so.
Heute wird gerne argumentiert, dass junge Männer den Wehrdienst brauchen um irgendwie für das Leben was zu lernen oder reif oder zum Manne zu werden oder so ähnlich. „Zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.“ Ich weiß jetzt, was diese Leute (derzeit etwa der Spindelegger) damit meinen: Sie brauchen Menschen, die blind gehorchen, egal was man von ihnen verlangt.
Das dürfte das Menschenwunschbild der ÖVP sein, oder zumindest das vom Spindelegger.

Das lehne ich aus obigen Erfahrungen heraus zutiefst ab. Mein Menschenwunschbild ist das von freien Menschen, die lernen, wie man sich zwischen zwei Alternativen entscheiden kann und was man dafür tun muss. Das ist das exakte Gegenteil von blindem Gehorsam. Es gibt übrigens Militärsysteme, in denen diese andere Form auch schon praktiziert wird, etwa in den USA. In Situationen, die schnelle Entscheidungen verlangen, werden diese auch durch einen Kommandant getroffen. Nur vertrauen ihm seine Kameraden, weil sie ihn kennen und wissen, dass hinter seinen Entscheidungen genaue Überlegungen stehen, die auch in ihrem Sinne sind.

Eigentlich will ich weder ein Milizheer (das habe ich kennen gelernt) noch ein Berufsheer, sondern gar keines. Da das aber nicht zur Debatte steht, will ich ein Heer, in dem die Soldaten ihren Vorgesetzten vertrauen können, weil diese keine Sadisten sind.
Die Sadisten, die ich kennen gelernt habe, waren übrigens alles Berufssoldaten. Beim österr. Bundesheer sind das ja heute schon alle außer den Präsenzdienern. Und die kann man sich getrost sparen. Sie wären in einem Ernstfall nichts als Kanonenfutter. Sie lernen normalerweise nicht mehr als ich gelernt habe. Und das war punkto Landesverteidigung genau gar nichts. Null, nicht einmal die grundlegendsten Dinge. Ein wenig im Schlamm kriechen und Exerzieren, das war es. Und blind gehorchen, damit ich im Ernstfall drauf los stürme. Wohin eigentlich? Normalerweise ausschließlich in den Tod. Zumindest lehren mich das die Geschichtsbücher, wo im Krieg die einfachen Soldaten stets willkürlich verheizt wurden. Wie Spielfiguren hin- und hergeschoben und dann geopfert. „And the Anzio Bridgehead was hold for the price of a few hundred ordinary lifes. singen Pink Floyd (When the tigers broke free).

Berufssoldaten bekommen eine militärische Ausbildung, die denen der Milizsoldaten automatisch überlegen ist, weil die haben gar keine. Vielleicht lassen sie sich dann nicht blindlings opfern, weil sie selbst eine Ahnung von der Sache haben.

Wie es mir mit den Asylanten geht

Vorbemerkung: Als ich den Artikel geschrieben habe, fehlte mir eine wichtige Information: Das Wort „Asylant“ ist bereits diskriminierend, weil es bedeutet, dass jemand sozusagen von Beruf im Asylstatus ist. Das ist aber kein Beruf, damit verdient niemand seinen Lebensunterhalt und das sucht sich auch niemand freiwillig aus. Es ist daher ein Begriff, der von der rechten Szene sehr bewusst eingesetzt wird, um zu unterstellen, dass Menschen aus niederen Gründen zu Aslywerbern werden. Daher: Asylwerber ist der richtige Ausdruck.

Ich war vor ein paar Tagen im Votivpark und habe ein paar Säcke mit Kleidung und Decken für die Flüchtlinge vorbei gebracht. Oder soll ich sie Migranten nennen? Oder Wirtschaftsmigranten? Oder Wirtschaftsflüchtlinge oder Asylanten oder Scheinasylanten? Oder gar arbeitsscheue Sozialschmarotzer, wahrscheinlich kriminell?

Leider ist die Sache nicht ganz so einfach und lässt sich auch nicht in wenigen Zeilen erklären oder erfassen. Ich bin übrigens nicht vor Mitleid übergequollen, sondern die Säcke sind mir übrig geblieben, und zwar von einer Sammlung für Afrikaner in Uganda, die dringend warme Sachen brauchen. Das ist aber eine andere Geschichte. Oder halt – eigentlich doch nicht, denn viele der Menschen, die zu uns kommen oder zumindest nach Europa, kommen vom afrikanischen Kontinent. Aus Uganda sind da selten welche dabei und ich hoffe, dass sich das auch nicht ändern wird. Die Menschen leben dort in einem eigentlich sehr reichen Land, es ist fruchtbar und sehr schön. Leider brennen sie den Wald ab, und zwar so ziemlich alles was sie an Wald haben.
Dann wird es auch für sie schwierig, denn sie brauchen den Wald. Dann werden sie merken, dass sie ihr Land kaputt gemacht haben. Und warum tun sie das? Weil sie Feuerholz brauchen um sich Essen zu kochen. Und weil sie das abgebrannte Land für Ackerbau verwenden, um Nahrung zu erzeugen. Allerdings bauen sie nicht nur Feldfrüchte an, sondern erschaffen auch Weideland, denn sie wollen genau so wie wir gerne mehr Fleisch essen. Und sie brauchen das Land für Exportgüter. Sie bekommen allerdings nur wenig Geld für die Dinge, die sie für den Export erzeugen. Mit diesem Geld können sie dann teure Nahrung kaufen, die aus China, Indien oder USA importiert wird.

Das ist idiotisch? Die könnten einfach nur Nahrung für sich anbauen und alles wäre okay? Stimmt, und genau jetzt sind wir bei dem Punkt angelangt, an dem die westliche Welt ins Spiel kommt. Um die Menschen zu verstehen, die zu uns kommen, muss man verstehen, was bei ihnen in der „alten Heimat“ passiert. Man kann natürlich sagen: „Das interessiert mich nicht, die sollen einfach wieder zurück gehen, bei uns ist kein Platz für sie.“

Das kann man sagen. Es ändert aber nichts, sondern genau diese Haltung bewirkt, dass morgen noch mehr kommen. Und übermorgen noch mehr. Und dann müssen wir sie töten, bevor sie zu uns kommen, denn irgendwann kommen dann tatsächlich vielleicht so viele, dass wir sie auch mit gutem Willen nicht mehr aufnehmen können.

Deswegen und zwar zumindest deswegen sollte es uns nicht egal sein, warum die zu uns kommen. Und es sollte uns auch nicht egal sein ob wir etwas mit ihrer Situation zu tun haben und was das genau ist.

Ich beginne mit der Analyse.

1.) Menschen flüchten nicht aus Jux und Tollerei
Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Menschen, die einfach böse sind und anderen aus Gier und ähnlichen niederen Motiven Schaden zufügen. Organisierte Diebesbanden, die systematisch und professionell Häuser plündern oder Juweliere überfallen. Sie wollen sich bereichern und zwar mit wenig Anstrengung. Die meisten davon, die solche Verbrechen begehen, sind übrigens Österreicher. Aber nicht nur, da gibt es schon eine erkleckliche Anzahl vor allem an Osteuropäern.
Die meisten Menschen jedoch, die zu uns kommen, sind keine Verbrecher und sie wären eigentlich ganz gerne daheim geblieben. Sie wurden von dort vertrieben. Und das kann mehrere Gründe haben:

a.) Sie sind tatsächlich politische Flüchtlinge und stehen daheim vor der Aussicht gefoltert oder ermordet zu werden. Diese Menschen stehen bei uns meist ohnehin nicht zur Debatte, leiden aber unter ewig langen Asylverfahren. Das könnte man mit ein wenig gutem Willen leicht lösen. Diese Gruppe ist auch nicht riesig.

b.) Sie sind so genannte Wirtschaftsflüchtlinge und verlassen ihre Heimat, weil sie dort verhungern würden. Sie haben nur die Wahl zwischen Flucht und Tod. Die Ursache ist meist eine Katastrophe klimatischer Natur wie Dürre oder Missernte.
Bei dieser Gruppe wird die Sache schon heikel, denn wir haben meist durchaus Mitleid mit diesen Menschen, kommen aber selten auf den Gedanken, dass wir auch was damit zu tun haben, etwa weil wir extrem viel Fleisch essen, das mit Soja groß gezogen wurde. Das Soja kommt wiederum von Feldern, für die Regenwald abgeholzt wurde und das führt zu klimatischen Veränderungen, die in anderen Teilen der Welt Dürrekatastrophen auslösen.
Das ist kompliziert und wir sagen gerne so Sätze wie „Das kann man ursächlich gar nicht beweisen“ oder „Das könnten auch natürliche Klimaschwankungen sein“ oder „Das gab es immer schon“.

Selbst die größten Skeptiker leugnen heute nicht mehr wirklich, dass sich das Weltklima verändert und auch nicht, dass diese Veränderungen zu Problemen führen.(Update: 2024 gibt es sie wieder oder doch immer noch in größerer Menge und sie verleugnen sogar das, was sie selbst sehen.) Sie leugnen nur, dass die Menschen dafür verantwortlich sind. Sie meinen, dass das der ganz normale Lauf der Natur ist und die Veränderungen aus irgendwelchen Zyklen von irgendwas kommen und wir daher erstens nicht verantwortlich sind und zweitens nichts dagegen tun können. Das ist ein Freibrief die Umwelt nach Belieben zu verpesten. Vielleicht wollen diese Menschen durchaus gerne saubere Flüsse, aber darüber hinaus ist ihnen alles egal.

Ein Grund, weswegen klimatische Veränderungen oftmals das Leben der Menschen gefährden, ist die starke Bevölkerungszunahme der letzten Jahrzehnte. Noch vor hundert Jahren gab es weltweit ca. 1,6 Milliarden Menschen und die Ernährung wäre damals schon kein Problem gewesen, wenn es Verteilungsgerechtigkeit gegeben hätte.
Selbst heute gäbe es keinerlei Hunger auf der Welt, wenn die Nahrungsmittel so verteilt würden, dass alle zumindest genügend hätten um nicht zu hungern.
Ich höre immer wieder das Argument, dass wir unseren Überfluss ja nicht einfach nach Afrika schicken können, sozusagen die Hälfte vom Mittagessen. Das ist ein extrem dummes Argument, denn es impliziert, dass wir unsere Nahrung erstens selbst produzieren und zweitens Überfluss ethisch und rechtlich okay ist.
Und das ist Blödsinn.
Erstens bekommen wir unsere Nahrung aus der ganzen Welt geliefert, es ist also durchaus möglich das Essen nach Afrika zu schicken, denn es kommt ja auch von dort zu uns, etwa in Form von Früchten, Tiernahrung, Gewürzen, Reis, Mais etc.
Aber unser Fleisch kommt doch aus Österreich? Das ist auch falsch, denn das meiste Fleisch kommt aus der Fleischindustrie und die Tiere, die dort gemästet werden, bekommen Tierfutter aus Südamerika, Afrika oder von sonstwo. Das gleiche gilt für die Milch. Und die Eier.
Wir essen also das, was die Menschen dort bräuchten um nicht zu hungern.
Aber warum geben sie uns das, was sie selbst bräuchten?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie dazu gezwungen werden, denn wir nehmen es ihnen einfach weg. Die Bauern, die ihr Land nicht an internationale Großkonzerne verkaufen, werden vertrieben oder einfach umgebracht. Das passiert in Afrika, in Mittel- und Südamerika. Und genau von dort kommen die Exportgüter, die wir verwenden.
Wissen Sie, in welchen unserer Konsumprodukte überall Palmöl enthalten ist? Nein? Fast gar nicht? Falsch! Das Palmöl ist Grundbestandteil sehr vieler Produkte. Man könnte statt des Palmöls auch etwas anderes verwenden, aber das Palmöl ist billiger, weil es von riesigen Plantagen kommt, die entweder automatisiert (mit Landmaschinen aus Europa etwa) betrieben werden oder mittels billiger Arbeitskräfte – oft die Bauern, denen das Land früher gehörte.
Und wir alle mögen billige Produkte, oder?

Ein Beispiel: Zimt – wir lieben ihn im Glühwein und in den verschiedenen Mehlspeisen und Weihnachtsbäckereien. Und die sind in den letzten Jahren immer billiger geworden. Warum wohl? Vielleicht weil der Zimt aus Madagaskar kommt und dort von Kindern geerntet und sortiert wird. Das ist keine lustige Arbeit und die Kinder bekommen auch fast keinen Lohn und sie gehen nicht in die Schule, weil sie arbeiten müssen. Dafür haben wir billigen Zimt.
Niemand fragt beim Kauf im SPAR oder beim BILLA, wo der Zimt herkommt und ob Kinderarbeit im Spiel ist. Es würde auch nichts bringen, der Handel schottet uns extrem gründlich von diesen Informationen ab. Das fällt unter Betriebsgeheimnis und ist rechtlich geschützt.

Die gleichen Menschen, die gerne billige Weihnachtsbäckerei wollen, weil sie dann mehr davon kaufen und essen können, regen sich furchtbar auf, wenn die Flüchtlinge keine Ausbildung haben und nicht einmal lesen oder schreiben können. „Die wollen ja nur schmarotzen“ heißt es dann. Sie vergessen dabei großzügig auf die Frage, warum die keine Ausbildung haben. Vielleicht weil sie als Kinder arbeiten mussten und nicht in die Schule gehen konnten? Damit wir billige Weihnachtsbäckerei haben?
Das hört niemand gerne und lesen tut man es auch nicht so gerne.

Offen ist jetzt die brennende Frage, warum die Menschen dort so viele Kinder bekommen. Das ist ganz einfach zu erklären: Sie haben über Jahrzehntausende gelernt, dass die einzige Altersversorgung aus Kindern besteht. Je mehr man bekommt, desto mehr überleben und können die Eltern im Alter ernähren.
Dann kamen die Europäer und brachten erstens das Christentum, das ihre alten Kulturen zerstörte. Da sie aber die neue Kultur noch nicht (so wie wir) gewohnt waren, stürzten sie in ein Loch, aus dem sie sich bis heute nicht befreien konnten. Und dann kommt da noch der weiß gekleidete Herr und predigt, dass Verhütungsmittel Sünde sind.
In ihren alten Kulturen hatten sie Verhaltensweisen, die Überbevölkerung verhinderten. Dann brachte man ihnen mit Feuer und Schwert das Christentum und zwang sie ihre alte Kultur aufzugeben.
Zweitens brachten wir ihnen die Medikamente. Wir brauchen sie, um unsere Kinder am Leben zu erhalten, denn wir haben meistens zu wenige, um uns Kindstod leisten zu können.
Und wir verwenden unser Geld oft lieber für mehr Konsumartikel als für mehr Kinder. Das ist bei den Menschen in der dritten Welt anders.

So einfach kommt Bevölkerungswachstum zustande. Dieses hat fatale Folgen: Es gilt mehr Mäuler zu stopfen, daher braucht man mehr Nahrung und muss diese kochen. Daher muss man die Wälder roden, um Holzkohle zu erzeugen und Plantagen anzulegen. Mit den schon erwähnten Folgen: Es gibt irgendwann zu wenig zu essen für alle. Dann ensteht ein so genannter „Dichteschaden“ und die Menschen reagieren:
a.) Bürgerkrieg – man bringt sich gegenseitig um
b.) Seuchen dezimieren die Bevölkerung
c.) Man flüchtet

„Das ist alles überhaupt nicht unsere Schuld, sondern die der Afrikaner/Mexikaner/Indonesen etc., weil die haben korrupte Regierungen, die das Land in Armut halten, obwohl wir ohnehin so viel Entwicklungshilfe leisten.“
Auch dieses oft gehörte Argument ist schwachsinnig, denn erstens unterstützen unsere Regierungen die dortigen korrupten Regierungen, weil es nur so die von uns dringend benötigte Armut gibt. Reiche Menschen arbeiten nicht zu Hungerlöhnen, so einfach ist das. Und dann hätten wir beim H+M keine Hosen um 19.90 Euro. So einfach ist das.

Der Vespa-Vater ist nicht mehr

Am 10. Dezember 2012 um 14 Uhr hat Albert Kudlicka der Welt Adieu gesagt.

Bis zur Mitte dieses Jahres stand er wie immer in seinem Geschäft in der Österleingasse und verkaufte Ersatzteile für alte Vespa-Roller. Ein kleiner, alter Mann, dem man seine schwere Krankheit irgendwann dann doch ansah, nachdem er sich Jahrzehnte nach Meinung vieler Kunden „eigentlich gar nicht verändert“ hatte.
Das Leben holt jeden ein, dem Albert Kudlicka hat es deutlich über achtzig Jahre geschenkt.
Es hätte nach Meinung seiner Kunden, Freunde und Familie noch mehr sein dürfen. Aber wer sind wir, dass wir so etwas verlangen?

Ich habe ihn letzte Woche noch besucht, in einem neuen Pavillon, auf dessen Vorderseite groß „Palliativ“ geschrieben steht. Er war hellwach und gab mir eine Videokamera, damit ich mir sein Haus in Kroatien ansehen konnte. Gute 25 Minuten Rundgang durch ein mit Liebe und Leidenschaft gebautes Anwesen, an einem der schönsten Plätze in der Kvarner Bucht, mit direktem Blick aufs Meer. Das war die Heimat unseres Herrn Kudlicka.

Dann erzählte er mir ein paar wundersame Geschichten über seine Jugend, seine vielfältigen und spannenden Berufe, Jobs, Tätigkeiten – wie auch immer man sie beschreiben will. Hin und wieder machte er eine Pause und überlegte danach, wo er stehen geblieben war.
Er war freundlich und sanft und wusste, dass er diesen Ort bald für immer verlassen wird. Natürlich war er auch kämpferisch und ließ sich aus Protest von seinem Mechaniker einen Pott Gulaschsuppe vorbei bringen („Eine echte nach kroatischem Rezept“). Es war ihm vollkommen egal, dass die Ärztin meinte, er solle langsam essen.
Er wäre nicht der alte Kudlicka gewesen, hätte er nicht seinen Sturschädel durchgesetzt. Und doch spürte er wahrscheinlich schon den Hauch des Todes, der ihn langsam zu sich rief, wahrscheinlich auf Kroatisch, vielleicht ein wenig auf Italienisch. Sein Blick war mild und die Gewissheit kämpfte gegen das Leben, wie immer mit dem stumpfen Schwert der Hoffnung.

Es wird eine Weile dauern, aber dann werden wir spüren, wie er uns fehlt. Er war bis zu seinem Tod sehr lebendig und die Vespa-Szene in Wien ist mit dem heutigen Tag eine andere.

Die beliebte Kurzausdrucksform der Trauer R.I.P muss in diesem Fall wohl „Rest In Polini“ heißen. Ich hätte ihm gerne noch mein neues Buch geschenkt, mit der letzten Geschichte aus seinem Geschäft, heuer im Frühjahr.

Machs gut und zeig ihnen, wie man eine Zündung ordentlich einstellt!

Die Ausbeutung Afrikas

Wir tun es jeden Tag und die meisten von uns wissen es gar nicht. Wir leben auf Kosten anderer, ohne wenn und aber. Ein spannender Doku-Film (wie üblich auf ARTE) zeigte die besonders unschönen Seiten.

Er beginnt in Rüschlikon, der reichsten Gemeinde der Schweiz. Es gibt dort keine Arbeitslosigkeit und enorm viele sehr wohlhabende oder reiche Menschen, unter anderem den Chef eines riesigen Bergbaukonzerns (Glencore, 180 Mrd. Dollar Jahresumsatz), der vor zwei Jahren in den Ort zog. Darauf erhöhten sich die Steuereinnahmen um 50 Millionen Franken und der Bürgermeister schlug eine Steuersenkung um 7 % vor.

Ein Bürger wandte ein, dass man doch 5 % machen könnte und das restliche Geld, ca. 2 Millionen Franken, nach Afrika als Entwicklungshilfe schicken könnte. Der Bergbaukonzern ist in Sambia aktiv und beutet dort die Menschen aus. Kein einziger Rappen der 50 Millionen Steuergeld wurde in der Schweiz erwirtschaftet und schon gar nicht in Rüschlikon.

Die Abstimmung im Ort ergab eine extrem hohe Mehrheit gegen die 5 %. Das Geld, so meinte man, solle im Ort bleiben. Was man hat, gibt man nicht mehr her.

Ist diese kleine Schweizer Gemeinde eine Ausnahme? Eine Analyse ergab, dass die meisten der Einwohner von den Zuständen in Afrika keine Ahnung hatten.
Psychologische Experimente haben herausgefunden, dass Menschen umso weniger gerne was hergeben, je mehr sie haben. Um das zu wissen, bräuchte man allerdings nur in der Bibel nachblättern: Eher passt ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in den Himmel kommt.

Sambia gehört zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt, obwohl es enorme Reichtümer an Bodenschätzen hat. Zwischen 2001 und 2008 hat sich der Kupferpreis weltweit vervierfacht. Da die internationalen Großkonzerne, die das Kupfer abbauen, jedoch in Sambia keine Steuern zahlen, profitieren nur einige wenige Privilegierte von deren Reichtum. Das erhöht den Gewinn der Schweizer Firma Glencore und den Preis zahlen die Sambier. Das ist Ausbeutungsfaktor Nr. 1.

Diejenigen, die am meisten von den Reichtümern profitieren, zahlen also keine Steuern. Wieso lässt sich die Bevölkerung das gefallen?
Hier kommt der alte Spruch zum tragen: „The king said to the priest: You keep them stupid, I keep them poor.“
Wer keine Bildung hat, kann das System nur schwer durchschauen und hat auch nicht die Ausdrucksmittel um seiner Stimme Gewicht zu geben – sofern er überhaupt in dem politischen System eine hat.
Wenn die Machthaber auch die Medien beherrschen, ist das System perfekt.

Glencore bekam einen hohen Kredit (50 Mio. Dollar) von der europäischen Investitionsbank und verwendete diesen um die Produktion der Kupferminen zu erhöhen. In den Umweltschutz wurde nichts investiert, daher gibt es verseuchtes Wasser, verseuchtes Land und verpestete Luft. Das erhöht den Gewinn von Glencore und den Preis bezahlen die Sambier. Das ist Ausbeutungsfaktor Nr. 2.

Wie kommt Glencore eigentlich dazu, die Kupferminen Sambias zu besitzen? Vor einigen Jahren waren die Minen staatlich und trotz Verschwendung landete doch einiges an Geld in den Staatskassen. Leider hatte Sambia viele ausländische Kredite und als der Kupferpreis nach unten ging, konnten sie die Kredite nicht mehr zurückzahlen. Also verlangte man (IWF und Weltbank) von ihnen die Privatisierung und den Verkauf der Minen, und zwar um den lächerlichen Betrag von 46 Millionen Dollar. Die jährliche Fördermenge stellt einen Wert von 6 Milliarden Dollar dar. Dazu kam ein korrupter, konsumsüchtiger Präsident und schon hatte Glencore ein Schnäppchen gemacht.

Kredite geben, dann wirtschaftlich unter Druck setzen und wenn sie die Kredite nicht mehr bedienen können: Kaufen und ausbeuten. Das ist Ausbeutungsfaktor Nr. 3.

Wie hat im Film „Let´s make money“ ein Nigerianer gesagt: „Hört auf uns auszubeuten, sonst kommen wir zu euch. Und dann wünsche ich euch viel Glück beim Bau einer Mauer rund um Europa.“

Ja, ein Teil unseres Wohlstandes beruht darauf, dass wir die Afrikaner ausbeuten. Es ist genau der Teil des Wohlstandes, der uns nicht glücklich macht. Er verschafft uns diejenigen Produkte, die wir nicht brauchen, die kein Bedürfnis befriedigen, sondern ein Begehren. Und das wird durch seine Befriedigung größer.