Wenn einer eine Reise tut…

…dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist zugegeben erstens nicht gegendert, zweitens nicht neu, drittens nicht von mir und viertens verwende sogar ich ihn nicht das erste Mal. Und? Wurscht! Besser ich fange gleich an:

Es sind die folgenschweren Entscheidungen, die unser Leben prägen. Und den Urlaub. Eine davon war die Entscheidung, statt über Zagreb besser über Ljubljana und Rijeka zu fahren. Unser Ziel war übrigens ein kleiner Ort auf der Vokalkaiserinsel Krk. Der Grund war pure Nostalgie. Und Hunger. Wir wollten die sensationellen Krapfen am Trojane-Pass besuchen und außerdem durch Knezak fahren.

Für diejenigen, die beides nicht kennen, folgt hier eine kurze Erklärung. Ich war das letzte Mal Sommer 1996 in Kroatien und hatte es als schönes Land mit tollen Tauchmöglichkeiten in Erinnerung.
Die Anreise dorthin war immer schon ein wenig abenteuerlich. Wenn man die 1980er Jahre außer acht lässt, als die Südautobahn noch hinter Seebenstein zu enden pflegte und man bis Jugoslawien oder gar Griechenland auf der Autoput 17 Schutzengeln brauchte, dann begann mein Abenteuer im Sommer 1993 mit den neuen Staaten Slowenien und Kroatien und ihren Besonderheiten.
Um nach Istrien zu kommen, fuhr man über Graz bis Spielfeld und dann noch bis Maribor auf der Autobahn. Danach begann und beginnt bis heute der Balkan. Erst kurz nach Laibach gab es dann wieder Autobahn, und die ging nur bis Postojna.
Vor Laibach jedoch galt es den Trojane-Pass zu überwinden. Das war und ist jetzt nicht der Großglockner, aber es handelte sich um eine Landstraße, auf der der gesamte Verkehr dahinrollte. Viel Verkehr, viele Kurven und wenige Überholmöglichkeiten. Am besten fuhr man diese Strecke in der Nacht, denn da konnte man die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos sehen.
Wer die Passhöhe erklommen hatte, konnte bei einer Art früher Evolutionsstufe einer Autobahnraststätte Station machen und dort gab und gibt es die legendären „Trojanski Krofi“. Das sind XXL-Krapfen mit Marillenmarmelade oder Schokolade. Sie sind superfrisch und etwa doppelt so groß wie unsere Krapfen. Sie sehen sonst ganz normal aus, schmecken hervorragend, sind immer ganz frisch gemacht und um 1,20 Euro wohlfeil. Wer sechs Stück nimmt und einen Karton bezahlt, bekommt einen siebenten Krapfen gratis dazu.
Als Plus gibt es noch eine sensationell schnelle Bedienung und ein sauberes Häusl gratis.

Gut gestärkt ging es weiter und bei Postojna runter von der Autobahn, die von dort weiter nach Koper führt.
Nur wenige Minuten später im kleinen Ort Pivka gibt es eine scharfe Rechtskurve, bei der man als Auskenner geradeaus weiter fährt, Richtung Knezak.
Ich weiß nicht genau warum, aber diese Strecke wählten wir schon 1993 bei unserer ersten Fahrt und sie blieb mir in dauerhafter Erinnerung. Man fährt damit einen Abschneider, der sowohl Zeit als auch Kilometer spart. Aber das allein ist es nicht, was die Faszination dieser Strecke ausmacht. Es ist die Gegend, der Karst. Ihn sieht und erlebt man auf der normalen Strecke nicht, dazu muss man ausscheren, den kleinen, verwinkelten Weg nehmen, sich eine Auszeit vom Touristenstrom nehmen.
Der Karst ist eine faszinierende Landschaft. Er ist hügelig und trocken, mit Wiesen und kleinen Wäldchen und Buschland und Steinen. Der Karst ist nicht sehr fruchtbar und will erarbeitet werden, was übrigens auch für die Straße gilt. Sie ist genauso eigenwillig wie die Landschaft und fügt sich gut in sie ein. Es gibt auf dieser Strecke, die man in gut zwanzig Minuten durchfahren hat, keine einzige nennenswerte Gerade. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Kurven, die ständig leicht bergauf und bergab führen, unübersichtlich sind und daher das Überholen nicht erlauben.
Vom Karst braucht man quasi für alles eine Erlaubnis, er ist eine Art stiller Herrscher, dem man sich unterzuordnen hat. Wasser ist nicht im klassischen Sinne rar, sondern in sich ein Mysterium. Es gibt im Karst Seen, die alle paar Jahre verschwinden, binnen weniger Stunden. Und dann gibt es sie einfach nicht mehr. Und nach einiger Zeit kommen sie wieder, niemand weiß genau warum. Der Karst ist eigenwillig, er ist quasi der Esel unter den Landschaften. Wenn er nicht will, dann geht gar nichts. Er zwingt sogar die Autofahrer, sich seinem Rhythmus zu unterwerfen. Aber das tut man gerne, denn der Karst belohnt auch. Er tut das nicht reichlich und somit sind die Belohnungen auch mehr wert.
Die Menschen, die dort leben, haben sich dem Karst angepasst. Klassische Profitgeier, die der Landschaft das Letzte herauspressen wollen, gibt es dort nicht, denn der Karst würde sie schnell vertreiben. Nicht weil er nichts zu bieten hat, sondern weil er sich den Gesetzmäßigkeiten der Menschen widersetzt. Er ist nicht planbar, eben eigenwillig.
So wirkt diese Landschaft mystisch, ein bisschen geheimnisvoll, sehr konkret und doch bewegt man sich auf der Straße wie ein tanzendes Irrlicht, vor allem in der Nacht oder in der Dämmerung, wenn der Karst links und rechts nur zu erahnen ist. Wie rasende Derwische preschten wir durch den Karst, die wilde Jagd, Kosaken gewissermaßen, oder besser: Knezaken!
Kurz vor Knezak gibt es eine Kurve, hinter der ein Friedhof liegt plus eine kleine Kirche. Rundherum ist eigentlich nichts, und der Friedhof selbst ist von einer Mauer umzäunt. Die Autofahrer, die diese Kurve nicht packen, kann man gleich direkt über die Mauer werfen, an der sie kleben. Man ist im Karst, da ist alles anders.
Der Ort Knezak ist für sich unspektakulär, wirkt ein wenig verfallen, ruhig und natürlich ist die Straße durch den Ort ebenfalls kurvig. Im Karst weiß man irgendwie nie, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Knezak liegt in der Mitte und ist eigentlich nur deswegen interessant, weil dorthin die Wegweise führen. Es wirkt, als hätte es keine Vergangenheit und keine Zukunft.
Irgendjemand, der damals schon ortskundig war, hat uns den Abschneider über Knezak gezeigt, wahrscheinlich Hannes Hantl.
Immer wieder raunten wir uns an langen Abenden, wenn die Kroatien-Geschichten ausgepackt wurden, den Namen „Knezak“ zu. Es hat etwas Wissendes, Verschwörerisches – wer über Knezak fuhr, der war irgendwie dabei.
Wir sind auch einmal nicht über Knezak gefahren, aber das war irgendwie billig, fad sowieso und wir haben das auch nie wieder getan. Einmal Knezak – immer Knezak! Wir hatten zwar nie vor, uns „Knezakianer“ zu nennen oder Aufkleber auf unseren Autos anzubringen, aber irgendwie war trotzdem immer klar: Knezak rules!
Wir sind übrigens nie in Knezak stehen geblieben.

Wenn man nach einigen Serpentinen wieder hinunter in das gewöhnliche Land kommt, trifft man auf die Hauptstraße und findet sich im Ort Illica Bistrica. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur kroatischen Grenze und wir fanden uns auf einmal mitten im Ort in einer Autoschlange wieder. Ich überlegte, ob hinter der nächsten Kurve eine Ampel wäre, konnte mich aber an keine erinnern. Da uns der Gegenverkehr immer schubweise entgegen kam, vermuteten wir bald eine Baustelle, die demnächst auftauchen würde, so mit Ampel und blockweiser Abfertigung. Wir wussten ja, dass es bis zur Grenze noch etwa zehn Kilometer waren und das daher nicht der Rückstau von dort sein konnte.
Blöderweise war auch hinter der nächsten Kurve keine Baustelle und auch nicht hinter der übernächsten. Wir standen nur herum, es war sauheiß, vor uns Piefke, hinter uns Italiener, was man sich so eigentlich nicht wünscht. Manchmal ging es 100 oder auch 300 Meter vorwärts, dann wieder Stillstand.
Peter erwog, Blumen pflücken zu gehen, Mario fand eine Kinder-DVD für sein Navi, das übrigens alle europäischen Länder eingespeichert hat außer Slowenien und Kroatien. Eine Ausweichstrecke zu wählen, war also nicht möglich, ganz abgesehen davon, dass wir ja hofften, dass jeweils hinter der nächsten Kurve der Stau zu Ende wäre, zu Ende sein müsste.
Irgendwann dämmerte uns, dass es sich tatsächlich um den Grenzrückstau handeln musste und es wurde klar, dass wir einen Samstag gewählt hatten, an dem in Deutschland und Italien Ferien begannen bzw. endeten. Zehn Kilometer Schritttempo. Besonders weh tun die Motorradfahrer, die locker nach vor fahren. Aber das geht nicht mit Tauchgepäck, leider.
Irgendwann nach gefühlten Äonen erreichten wir den Grenzübergang. Mario beschleunigte zügig in unsere neue kroatische Freiheit, die neu gebaute Autobahn wirkte beflügelnd, das Meer war in Sicht, die Erlösung war da.

Bis zur nächsten Kurve. Dann waren wir im Stau vor der Mautstelle, dreispurig, mit Piefke und Italienern. Es war zum verzweifeln. Die Zeit verging nicht und nicht, aber irgendwann war auch das geschafft. Mario beschleunigte noch zügiger Richtung Stadtautobahn Rijeka und meinte scherzend, wir könnten ja in Opatja abfahren und dann die Küstenstraße wählen („so wie früher“). Die Küstenstraße! Was für eine Schnapsidee, dort kriecht man dann hinter ein paar Urlaubern her, die gerade vom Sonnenbaden kommen.
Da bleiben wir natürlich auf der Autobahn. Die Stadtautobahn von Rijeka ist quasi deren Südost-Tangente. Leider ist sie auch so verstaut wie die Südost-Tangente, und wir standen schon wieder. Diesmal war das ein richtig fetter Stau mit viel Piefke und Italienern plus einer Menge genervter Einheimischer. Vor uns ein riesiges Wohnmobil, neben uns ein riesiges Wohnmobil, hinter uns ein riesiges Wohnmobil. Unser Ziel rückte in weite Ferne.
Dann forderte ich abzufahren. Es war gerade eine Abfahrt da und ich wollte einfach nicht mehr im Stau stehen. Besser schlecht gefahren als gut gestanden. Peter drohte mir mit Steinigung („mindestens“), falls uns die Abfahrt in einer Schleife wieder hinten zum Ende des Staus führen würde. Ich akzeptierte das.

Glücklicherweise erreichen wir so tatsächlich die Küstenstraße und nach einiger Zeit die Brücke nach Krk. Nach acht Stunden Fahrt (normal: fünf bis fünfeinhalb) war das Martyrium zu Ende. Glaubten wir.
Da wir von faszinierender Schlauheit reich beschenkt waren, hatten wir sowohl ein Tauchpaket als auch ein tolles Apartement reserviert, beides bei Silvia, der Assistentin der lokalen Tauchschule mit dem ausgefallenen Namen „Divesport“. Der Ort heißt Kornic und ist eine Art Feriensiedlung mit Strand. Dort befindet sich auch die Basis, gleich neben einem Restaurant.
Der neue Kreuzweg begann für uns, als wir zu unserem Apartment fuhren. Die nette Dame von der Tauchbasis schickte uns zu einer netten Dame der Agentur, die nicht da war, sondern nur ihr Assistent (auch nett) und der wiederum schickte uns zu der netten Dame, die unsere Zimmerwirtin war. Gebucht hatten wir ein Apartement mit Wohnzimmer (plus einem Zusatzbett) und zwei Schlafzimmern. Bekommen haben wir ein Apartment mit Wohnzimmer plus Zusatzbett und einem Schlafzimmer.
Ein anderes hätte sie nicht, meinte die nette Dame, und es wäre Hauptsaison und alles übervoll belegt.

Also zurück zur Tauchbasis, denn die letzte der netten Damen hatte keine Ahnung von unseren Buchungen und war somit nicht zuständig. Zurück zum Start, wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht, nach acht Stunden Autofahrt.
„Ui, das kann jetzt dauern“ meinte Silvia von der Tauchbasis. So war es auch, aber irgendwann hatten wir zwar kein neues Apartment, aber immerhin ein zusätzliches Zimmer.
Leider war dieses Zimmer einige wenige Autominuten und einige viele Gehminuten vom Apartment entfernt und selbst nur eine Notkammer, welche die nette Dame von der Agentur irgendwie in einem privaten Ferienhaus organisiert hatte. Dort wohnte eine sehr nette Familie aus Zagreb, die so wie die meisten hier auch Zimmer vermietet. Der Raum war winzig, aber viel mehr als ein Bett brauchte ich ja auch nicht, ich war schließlich zum Tauchen da und nicht zum Schlafen. Das Zimmer lag im zweiten Stock, ganz im Gegensatz zum Badeklo, das im Erdgeschoß lag, echt winzig und vor allem sensationell verbaut war. Irgendwie hatte man den Abfluss zum Kanal falsch berechnet und so befand sich die Klomuschel direkt neben der Wand. Da das gesamte Bad unter der Treppe eingebaut war, war die Decke schräg und ich darf voller Stolz mitteilen, dass ich jetzt die Technik des Beine-überkreuz-Scheißens perfekt beherrsche. Mit nur vier Tagen Übung! Wer weiß, wofür ich das in Zukunft brauchen kann.

Ich hatte ein so kleines Bad schon einmal gesehen, und zwar in einem U-Boot-Film aus dem Weltkrieg. Aus dem ersten Weltkrieg, genauer gesagt.

Ich bleibe noch kurz beim Tauchen. Das ist im Norden Kroatiens immer so lala. Es gibt ein paar nette Wracks (Lina, Peltastis, Baron Gautsch…), von denen wir diesmal wegen Reichweitemangel nur die Peltastis erreichen konnten (Autofahrt quer über Krk). Für alle anderen und noch weitere gute Plätze war das Boot einfach nicht schnell genug. Die Tauchbasis besitzt zwar ein Speedboot, mit dem kann aber nur eine Handvoll TaucherInnen fahren und somit ist es auch eher witzlos. Die von der Basis gecharterten Boote sind alte Kähne mit schwachen Motoren und fahren vielleicht 5-10 km/h. Von Krk direkt hinüber nach Crès zu einer Steilwand braucht man 1,5 Stunden. Eine Steilwand ist nett, aber kennst du eine, kennst du alle.
Zusätzlich waren wir in der Hochsaison dort und die Boote waren notorisch überladen. Schattensitzplätze gab es etwa fünf für insgesamt 25 Personen, entsprechend wenig Platz gab es auch zum Umziehen.
Dafür hatten wir sehr gutes Wetter und können die Summe der fünf Tage positiv bilanzieren.
Enorm viel zu dieser Bilanz trägt das Abendessen bei, das wir an vier von fünf Tagen im „Saloon“ zu uns nahmen. Das Lokal im Ort Baska würde einem gar nicht auffallen, aber darum geht es auch nicht.
Wer am Abend vor dem Saloon vorbei fährt, der sieht eine Menschentraube draußen stehen. Das schreckt ab, aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass es da drinnen offensichtlich etwas gibt, das das Warten lohnt.

Wir waren erst am zweiten Abend dort, etwas früher und somit erlebten wir etwas ganz Außergewöhnliches. Ein wirklich kräftiger Herr so um die 50 kommt auf uns zu und weiß aus irgend einem Grund, dass wir Deutsch sprechen. Er ruft mit lauter Stimme „Drei Personen?“, wir nicken kurz und er führt uns sofort zu einem Tisch. Wir scheinen Glück zu haben, denn das ganze Lokal ist voll. Nach einiger Zeit und durch Beobachtung des Wirts und des Treibens eröffnet sich ein fast magischer Mechanismus. Obwohl nichts frei zu sein scheint, weist der Chef keinen Gast ab. Und es kommen ständig Gäste. Es gibt noch 2-3 leere, weil reservierte Tische, aber alle anderen sind voll. Und trotzdem bekommen ständig Gäste einen Tisch. Wie er das genau macht, habe ich nicht herausfinden können. Es ist aber klar, dass er jeden Tisch pro Abend mehrfach besetzt. Die Gäste haben sich daran gewöhnt, nicht stundenlang sitzen zu bleiben. Es gibt aber kein Drängen, man kann bleiben so lange man will, der Wirt würde niemals auch nur einen schrägen Blick auf Gäste werfen, die nach einem guten Essen noch länger da bleiben. Das ist wie in guten Wiener Kaffeehäusern.
Das allein war schon faszinierend, aber bei weitem noch nicht alles.

Die treibende Kraft ist der Wirt. Er rennt die ganze Zeit herum, hat auf Wienerisch gesagt eine „Wampn“ und wirkt, als würde es ihn jede Minute mit Herzinfarkt oder Schlaganfall umwerfen. Vielleicht ist das auch irgendwann einmal so, aber bis dorthin ist er Wirt mit Leib und Seele. Er hat Spaß daran den Menschen einen Platz in seinem Lokal zu verschaffen, sich dann ständig und gut um sie zu kümmern und dazu noch den ganzen Betrieb zu organisieren. Er ist freundlich zu den Gästen und sehr bestimmt zu seinen Angestellten. Die wiederum arbeiten wie verrückt, das ist sicher einer der anstrengendsten Jobs auf ganz Krk. Wahrscheinlich auch einer der bestbezahlten.
Der Wirt spricht mehrere Sprachen, zumindest Kroatisch (und damit auch Bosnisch, Serbisch, Slowenisch, Russisch etc.), Deutsch, Italienisch und Englisch. Wahrscheinlich noch ein paar mehr.
Wenn es ihn einmal umprackt, dann weiß er genau, wofür er gelebt hat. Der Beruf Wirt ist seine Berufung. Ich habe selten jemand getroffen, bei dem dies mehr zutrifft. Er weiß wofür er da ist und wie man den Laden schupft. Sollten alle anderen Lokale aufgrund eines massiven Einbruchs des Tourismusgeschäfts pleite gehen, der Saloon wird bestehen. So lange es den Wirt gibt, denn ich habe auch noch selten ein Lokal gesehen, bei dem so viel von der Person und dem Engagement des Wirts abhängt.
Er ist so und er kann gar nicht anders.

Wer auch nur kurze Zeit warten muss, bekommt auf der Stelle einen Begrüßungsschnaps. Und die Damen einen Likör. Und die Kinder einen Schlecker. Seine Schleckergrenze liegt übrigens bei 17 Jahren, alle darüber bekommen einen Schnaps. Das führt zu lustigen Begebenheiten, denn es kam etwa eine bundesdeutsche Familie vom Typ „Wohnmobil aus Wuppertal“ und musste kurz vor dem Lokal warten. Der Wirt fragte die beiden baumlangen Söhne, wie alt sie wären. Der eine knapp 17 und der andere ein Jahr jünger. Dann bekamen die beiden feierlich je einen Schlecker und den sozialen Tod gleich mitgeliefert. Aber so ist er, der Wirt.
Er hat auch ein unglaubliches Gedächtnis, denn er merkt sich, wer am Vorabend da war und zu wievielt man war. Wir hatten ständig den Eindruck, privilegiert zu sein, sozusagen ganz besonders willkommene Gäste. Vor allem am zweiten Abend, als ich durch die fette Traube durchmarschierte, seinen Blick aufnahm und ihm „drei“ zurief, mit drei erhobenen Fingern als Verstärkung. Keine zehn Sekunden später saß ich an einem Zweiertisch mit Zusatzsessel. Hätte ich „fünf“ gesagt, wäre uns eine lange Wartezeit und eine Menge Schnaps bevorgestanden.
Der Wirt trägt nämlich ständig Schnaps vor das Lokal, das man sich als komplett offen vorstellen darf. Die Tische stehen direkt neben dem Gehsteig, nur durch ein hüfthohes Mäuerchen getrennt, auf dem die leeren Schnapsgläser abgestellt werden.

Der Wirt schafft es, dass mehr Leute hinein als hinauswandern. „Wait here to be seated“ ist bei ihm in Perfektion umgesetzt. Und die Leute kommen wieder. Am dritten Tag saß plötzlich das junge Paar neben uns, das am Vorabend auch neben uns saß. Und dann kamen noch die beiden Italiener, die auch gestern neben dem Paar saßen und fanden auch wieder exakt den gleichen Platz daneben. Wir begrüßten uns wie alte Freunde und freuten uns kurz, bevor wir reinhauten. Wer dorthin kommt, wird automatisch Teil einer Community. Bei uns gäbe es schon längst eine Facebook-Gruppe, dort gibt es das reale Leben.
Wer dorthin essen geht, der kommt wieder. Da hat nicht nur mit dem Wirt und dem blitzschnellen, freundlichen und perfekt organisierten Service zu tun, sondern auch mit dem fantastischen Essen. Ich habe in Kroatien noch nie so gut gegessen. Das betrifft mehrere Bereiche:
1.) Qualität. Alles was wir aßen, war hervorragend. Von Scampi Buzzara bis zum Risotto, vom Drachenkopffilet bis zu den gegrillten Kalamari, von den Pljeskavica bis zum Salat. Die unglaublich großen Pizze haben wir nicht ausprobiert, aber wir vermuten, dass sie ebenfalls exzellent sind.
2.) Quantität. Jede Portion ist mehr als ausreichend. Wir aßen danach stets noch eine Portion Palatschinken, die wir uns aber teilen mussten. Mehr ging nicht mehr rein.
3.) Preis. Wir hauten rein, als ob es kein Morgen gäbe und tranken dazu jeder mehrere Biere und Verdauungsschnäpse und Aperitive (Pelinkovac). Das Maximum waren 55 Euro zu dritt. Das ist eine Ansage.
4.) Service. Die Kellner haben ihre Stationen, es gibt eigene Abräumkräfte und man kann auf Wunsch getrennt zahlen. Das dürfte sich aufgrund des touristischen Drucks verändert haben, denn das ist scheinbar jetzt generell schon üblich. In den 90ern ging das noch nicht. Der Kellner hat ein elektronisches Bestellsystem und kann sofort in seinem umgehängten Kästchen die Rechnung ausdrucken. Sie reagieren auf jede Handbewegung mehr oder weniger sofort und das bestellte Bier ist keine zwei Minuten später da. Der Pizzakoch arbeitet wie ein Derwisch und die Küche hat einen enormen Output. Das Besondere sind jedoch die Kleinigkeiten. Wenn man etwa Miesmuscheln Buzzara bestellt, bekommt man zwei zusätzliche Suppenteller mitgeliefert. Wenn man etwa die Hälfte der Muscheln gegessen hat, ist der erste Suppenteller voll mit Schalen und wird auf der Stelle abserviert. Dann fängt man den zweiten an.

Der Saloon ist etwas Besonderes. Am zweiten Abend kam der Wirt ganz plötzlich mit einem riesigen Topfdeckel und schmiss ihn neben den Tisch hinter uns, an dem ein junges Pärchen saß, auf den Boden. Das machte einen Riesenschepperer und das ganze Lokal drehte sich um. Dann zog der Wirt ein kleines Kästchen heraus und überreichte es der Dame mit feierlichen Worten (auf Kroatisch, aber es war eh klar, worum es ging). Es war ein Heiratsantrag des jungen Mannes, und wer könnte den besser unterstützen als der Wirt? Tosender Applaus im Lokal und die junge Dame hatte keine andere Wahl als anzunehmen. Zweiter tosender Applaus, dann noch eine langstielige rote Rose vom Wirt (wo zum Teufel er die auch immer her hatte), fröhliche Gesichter rundherum.

Hoffen wir, dass es diesen Wirt und sein Lokal noch lange gibt. Das ist einer der Hotspots für lukullischen Genuß und soziale Gesundheit. Dort geht niemand unzufrieden raus und das ist für jeden eine bleibende Erinnerung an den Urlaub auf der schönen kroatischen Insel Krk.

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