Wie sich Menschen täuschen lassen

Wer kennt noch Vance Packard?
Er hat das berühmte Buch „Die geheimen Verführer“ geschrieben und das ist jetzt schon lange her. 1971 wurde „Der Griff nach dem Unbewußten in Jedermann“ (so der Untertitel) bereits mit anschaulichen Beispielen beschrieben.
Nach mehr als einem halben Jahrhundert haben die Marketingstrategen deutlich dazugelernt und es gibt neben den alten Tricks – die immer noch funktionieren – jede Menge neue.
Und die Konsumentinnen und Konsumenten spielen brav mit, manchmal wirkt es sogar, als wollten sie getäuscht werden.
Dabei ist deutlich zwischen dem Magier im Zirkus und dem Supermarkt zu unterscheiden. Nehmen wir gleich ein aktuelles Beispiel.
In Österreich ist der Lebensmittelhandel in den Händen von drei großen Anbietern: SPAR, REWE und ALDI (der bei uns HOFER heißt).
Der Rest spielt eine untergeordnete Rolle.

Neulich bei SPAR

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Bild: Preiselbeerstapel bei SPAR

Ich sehe einen großen Stapel Preiselbeerkompott, beworben wird die Köstlichkeit auf einem Schild mit dem rot unterlegten Spruch „JETZT ZUGREIFEN!“ (in Blockbuchstaben). Die Menge beträgt 600g und kostet 5,99 Euro.
Vor ein paar Jahren wurden die Supermarktketten dazu gezwungen, bei bestimmten Produkten den Kilopreis dazuzuschreiben, in diesem Fall wurde das so winzig gedruckt, dass man es nur mit sehr guten Augen lesen kann: (= per kg 9,98)
Gleich daneben steht ein anderer Stapel, ebenfalls Wildpreiselbeeren der gleichen Marke (d´arbo) in einem etwas kleineren Glas (450g).
Auf diesem Stapel hängt leider kein Preisschild, aber im Regal lässt sich das dann finden: Diese Preiselbeeren sind in Aktion und kosten statt 3,99 nur 3,29 Euro. Hier ist der Kilopreis deutlicher lesbar. 7,31 per kg.

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Bild: Der Preiselbeerstapel 1x ums Eck bei SPAR

Selbst mit dem ursprünglichen Preis von knapp 4 Euro ist das noch deutlich günstiger als das 600g-Glas.
Die Täuschung entsteht durch die Aufmachung als Sonderangebot, obwohl es keines ist – ganz im Gegenteil. Der Vorteil liegt ausschließlich auf Seiten des Handels, der Nachteil ganz bei der Kundschaft, außer man sucht genau nach so einer Glasform und will dafür gerne mehr bezahlen.

Täuschung passiert auf vielen Ebenen. Die größte ist wohl das Glücksversprechen der Konsumindustrie.
Das baut auf einem wahren Kern auf: Wir alle sind bedürftige Wesen, von Natur aus sozusagen. Wir müssen konsumieren, sonst sterben wir.
Die Frage ist nur: Was und wie viel?
Der Kabarettist Christoph Sieber hat das sehr gut in einem seiner Auftritte zusammengefasst: Unser Gehirn hat die moderne Welt noch nicht mitbekommen, es lebt quasi in der Vergangenheit der letzten 100.000 Jahre oder noch länger zurück: Wenn der Neandertaler an einem Strauch mit Beeren vorbeigekommen ist, dann hat ihm sein Gehirn gesagt: Iss sie alle, das ist Zucker, das ist Energie, die brauchen wir, iss so viel wie möglich, denn vielleicht gibt es jetzt länger keine mehr.
Unser Gehirn sagt das heute noch, es kennt keine Überflusswelt. Das Ergebnis kennen wir: Zu viel Zucker, zu viel Kalorien, der Körper wird fett, weil das Gehirn das nicht steuern kann.
Als historisches Mangelwesen nehmen wir, was wir bekommen können. Ein „zu viel“ gibt es für unser Gehirn nicht.
Auch wenn diese Darstellung etwas verkürzt sein mag, das Ergebnis ist überall sichtbar. Die Konsumindustrie lebt nun davon, dass wir keine natürlichen, instinktgesteuerten Grenzen kennen. Um von den Beeren möglichst viel essen zu können, gibt es die Gier. Sie enthemmt die Begrenzung, vor allem die soziale: Wenn wir etwas sehen, das uns gefällt, wollen wir es haben, und zwar möglichst viel davon, am besten alles. Unser Sozialverhalten hält dagegen: Lass den anderen auch was, teile es mit Menschen, die du magst und mit denen du in einem Sozialverband lebst.
Die Gier sagt: Nimm dir alles, wenn es morgen nichts mehr gibt, dann überlebst wenigstens du. Kümmere dich vor allem um dich selbst. Modern gesprochen ist das der „Self-made-man“, der uns als Ideal angepriesen wird: Er kümmert sich um sich und seine Karriere, er strebt nach grenzenlosem Erfolg, er ist möglichst unabhängig, im Idealfall komplett. Das Bild dazu ist die „Leck-mich-Million“ – das ist der Betrag, der es uns ermöglicht zu allen Menschen jederzeit „leck mich“ sagen zu können. Den Begriff kenne ich aus dem Roman „Noble House“ von James Clavell. Dort ist er das Leitmotiv einer jungen, attraktiven Frau, die als Lebensziel nicht nur das Verdienen von möglichst viel Geld hat, sondern ein Leben ohne räumliche Bindung. Sie zieht von Hotel zu Hotel, von Land zu Land, mit nicht viel mehr als ihrer Kreditkarte, mit der überall auf der Welt unbeschränkt Geld zu bekommen ist.
Hier erkennen wir auch den darin enthaltenen Freiheitsbegriff: Unabhängig von Raum (einem Ort als Lebensmittelpunkt) und Zeit (mit dem Flugzeug überall schnell sein können). Das bedeutet aber auch, dass die Beziehungen höchst eingeschränkt vorhanden sind. Paarbeziehungen sind One-Night-Stands an der Hotelbar. Familie gibt es nicht bzw. man hat keinen Kontakt, Kommunikation findet in erster Linie online statt.

Das ist eine Welt der maximalen Freiheit, zugleich aber eine der maximalen Einsamkeit. Auf den Beginn des Lied-Refrains „I´m free“ folgt sogleich die zweite Strophe „free fallin´“. Der Halt, den dieses Leben bietet, findet sich nur mehr auf dem Bankkonto. Menschen, die so ein Lebensziel haben, vertrauen der Sicherheit des Geldes. Inzwischen wissen wir, dass diese Sicherheit trügerisch ist: Ein Bankkonto lässt sich mit einem einzigen Klick auf Null stellen. Konten können auf der Stelle eingefroren werden, manche russischen Oligarchen können davon ein Lied singen, auch wenn mir hier das Mitleid zur Gänze fehlt.

Zurück zum Thema. Auch die Gier nach Geld ist für unser Steinzeitgehirn ein lustvolles Ziel und wie überall gibt es auch hier keine Grenzen. Diese finden wir dann in der realen Welt, in erster Linie durch die endlichen Ressourcen unseres Planeten. Für unser Gehirn darf es das aber nicht geben, denn in seiner Entwicklung über die letzten zwei Jahrmillionen gab es keine Grenzen. Wenn ein Gebiet abgeweidet war, ist man mit der Viehherde einfach ein Stück weitergezogen. Hinter jedem abgeweideten Gebiet gab es ein frisches, und dahinter noch eins usw.
Auch die Ackerbauern konnten einfach ein Stück Wald roden und einen neuen Acker anlegen, um die steigende Kinderanzahl zu versorgen, abgesehen davon, dass sich die Bevölkerung über sehr lange Zeit nicht relevant vermehrt hat. Durch Überdüngung ausgelaugte Böden gab es auch nicht, lediglich die Bergbauern in den Alpentälern kannten Ressourcenknappheit. Auch für alle anderen gab es Dürre oder Überschwemmungskatastrophen, aber die waren relativ selten. Die Bergbauern mussten immer schon mit Knappheit umgehen, die Beschränkung war aber immer nur räumlich und temporär, nicht prinzipiell, wie im Anthropozän.

Die Konsumindustrie greift die Schwäche unseres Gehirns auf und zeigt uns eine schöne Welt des dauerhaften Überflusses. Darauf reagiert das Gehirn mit einer Art Dauergier auf alles. Dazu kommt noch das Angebot sofortiger Lustbefriedigung. „Ich will alles und das jetzt gleich“ ruft eine junge Frau in einem Werbespot.
Das beworbene Produkt verspricht ihr alles und das jetzt gleich zu geben – sie muss es nur kaufen. Unser Gehirn reagiert mit Glücksbotenstoffen, die allerdings immer nur kurz ausgeschüttet werden. Nach relativ kurzer Zeit ist das Glücksgefühl zu Ende und das Gehirn sucht nach Wiederholung.
Das ist der Trick des Ultra-Fast-Shoppings: Menschen gehen in das Geschäft, kaufen Kleidung, die sie sofort nach dem Kauf entsorgen, damit Platz ist, um ins Geschäft zu gehen und neue Kleidung zu kaufen. Angezogen wird diese Kleidung nicht, denn darum geht es nicht. Es geht um die Sekunden Dopaminausschüttung im Gehirn. Die Kleidungsstücke müssen daher auch nicht zum Tragen gemacht werden, sie sind aus billigen Materialien, die billig erzeugt werden, unter maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur.
Dem Gehirn ist es egal, wo das Glücksgefühl herkommt. Es möchte in seinem Glück auch nicht gestört werden, daher blendet es die Informationen, die Botschaften aus, die sein Glück stören könnten.
Die Ultra-Fast-Shopper wollen nicht wissen, unter welchen Bedingungen ihre Mode erzeugt wird. Sie wollen einzig und allein eine ständige Wiederholung ihres Glücksgefühls mit möglichst wenig Energieaufwand.

Das Gleiche sehen wir bei der Nahrung: Eine leichte Berührung des Bildschirms unseres Handys führt dazu, dass kurze Zeit später die Türglocke klingelt und ein Bote das fertige Essen bringt. Wir brauchen dafür nicht auf die Jagd zu gehen und wir müssen auch kein Essen kochen, ein einziger Klick reicht.
Diesen Verlockungen kann das Gehirn schwer widerstehen. Es kann mit extrem wenig Energieaufwand ein Maximum an Energiezufuhr erhalten. Auch hier spielt die Herkunft des Zuckers (Energie) keine Rolle, die Qualität ebenso wenig, denn das Gehirn kann nicht in die Zukunft schauen, es lebt von der Energiezufuhr des Augenblicks.
Es ist ein Steinzeitgehirn, das über Jahrhunderttausende gelernt hat, dass das Hier und Jetzt zählt und dass das Morgen sowieso nicht planbar ist.

Die Anzahl der Menschen auf unserer Erde wächst und somit auch die Anzahl der zu befriedigenden Steinzeitgehirne. Somit muss die Konsumindustrie ständig wachsen, um die Gier möglichst vieler Menschen zu befriedigen.
Sie täuscht uns vor, dass wir zum Lebensglück nur die ständige Dopaminausschüttung des Gehirns brauchen. Die schöne Welt ist eine, in der wir uns sozusagen ständig unter Drogen befinden. Manche Menschen leben das tatsächlich mit Drogen, die sie dem Körper zuführen, sie gehen einen ähnlichen Weg und stürzen nur schneller und gründlicher in ihr Unglück.

Letztlich muss dieser Weg ins Unglück führen, weil man kann sich recht gut ausrechnen, was es für unsere Welt bedeutet, wenn viele Milliarden Menschen danach streben im Überfluss zu leben.

Eine beliebte Variante der Täuschung ist die Selbsttäuschung. Auch dafür gibt es unzählige Beispiele, die besten stammen aus dem Lieblingsfetisch der Österreicher, dem Auto.
Es ist schon wirklich viele Jahre her und ich hatte damals noch keinen Fotoapparat, aber das Bild immer noch in meinem Kopf: Ein VW Golf 1. Serie, ein 50-PS-Auto, der Besitzer hätte aber gerne einen GTI gehabt, also mit 110 PS und breiteren Reifen und roten Streifen rund um den Kühlergrill und selbstverständlich mit einem „GTI“-Schild auf der Heckklappe, damit alle wissen, dass er den schnellsten Golf besitzt, den es gibt.
Damit er es selbst glauben konnte, hatte er ca. ein Dutzend GTI-Schilder gesammelt und oben aufs Armaturenbrett geklebt.
Das Täuschungsmanöver ist auch bekannt unter „drei Faul ein Elfer“ (Fußballersprache) und scheint bei manchen Menschen zu funktionieren. Er wusste zwar, dass er keinen GTI hat, aber ab einer gewissen Anzahl an kleinen Schildchen, die er beim Fahren ständig vor Augen hatte, konnte er sich einreden, doch einen zu haben.

Diese kleinen Selbsttäuschungsmanöver ziehen sich durch viele Lebensbereiche. Wenn Menschen ihren Kindern Namen von Prominenten geben, die reich und schön sind, dann ist ihnen schon klar, dass die Chance, dass die Kinder einmal reich und schön werden, ausgesprochen gering ist. Aber vielleicht klappt es ja doch, und der 50-PS-Golf ist eines Morgens auf einmal ein GTI und das Kind gewinnt im Lotto.
Vielleicht wird die kleine Samantha Krcal ja einmal ein blondes Busenwunder wie das Vorbild Samantha Fox oder die kleine Gwyneth Huber einmal eine schöne, reiche Schauspielerin wie das Vorbild Gwyneth Paltrow.
Dummerweise passen die eigenen Nachnamen oftmals so gar nicht zu den amerikanischen oder sonstigen Vornamen, aber das tritt in den Hintergrund, zu stark dürfte der Wunsch nach einer Tochter sein, die gesellschaftlichen Aufstieg schafft.

Übrigens – wir haben auch noch andere Anteile in unserem Steinzeitgehirn. Wir können auch an die Gemeinschaft denken und uns in einen Verband eingliedern. Neben dem Egoismus gibt es auch das soziale Element und auch das hat einen evolutionären Hintergrund: Überlebt haben diejenigen Menschen, die eine Gemeinschaft gebildet haben, nicht die „Selektionisten“. Die starben oft stark, aber allein und dadurch doch nicht mehr so stark.
Stärke war nämlich die Stärke der Gemeinschaft, die gegenseitige Hilfe ermöglichte. Wir finden das glücklicherweise auch in den modernen Menschen, etwa wenn sie sich ehrenamtlich engagieren oder einem gestürzten Menschen aufhelfen, obwohl sie ihn nicht kennen.
Die Kooperation stellt sich gegen die Konkurrenz, die Nächstenliebe gegen die Egozentrik, die Empathie gegen die Soziopathie.
Welche Seite von einem neoliberalen Kapitalismus jeweils bevorzugt wird, brauche ich wohl nicht mehr zu erläutern.

Welche Seite letztlich gewinnen wird – mindestens durch eine gute Ausbalancierung, die derzeit leider nicht in Sicht ist, wird die Zukunft zeigen.
Dazu passt die alte Geschichte von den Wölfen, deren Ursprung wohl nicht zu finden ist, auch wenn sie gern den Cherokee-Indianern zugeschrieben wird.

Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt.
Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.
Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego.
Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.“
Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: „Welcher der beiden Wölfe gewinnt?“
Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

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Eines Abends erzählte ein alter Indianer seinem Enkel vom Kampf, der in jedem Menschen tobt:
„In unserem Herzen leben zwei Wölfe. Sie kämpfen oft miteinander. Der eine Wolf ist der Wolf der Dunkelheit, der Ängste, des Misstrauens und der Verzweiflung. Er kämpft mit Zorn, Neid, Eifersucht, Sorgen, Schmerz, Gier, Selbstmitleid, Überheblichkeit, Lügen und falschem Stolz.
Der andere Wolf ist der Wolf des Lichts, des Vertrauens, der Hoffnung, der Freude und der Liebe. Er kämpft mit Gelassenheit, Heiterkeit, Güte, Wohlwollen, Zuneigung, Großzügigkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl und Zuversicht!“
Der kleine Indianer dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach und fragte ihn dann: „Und welcher Wolf gewinnt?“ Der alte Indianer antwortete: „Der, den du fütterst.“

„Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Angst, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“

Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“ Der Häuptling antwortet ihm: „Der, den du fütterst.“

Ein alter Cherokee saß schon eine Weile mit seinem Enkelsohn schweigend am Lagerfeuer. Dann begann der Alte mit sanfter Stimme:
„In meinem Inneren kämpfen zwei Wölfe.“
Der Junge blickte ihn neugierig an.
„Der eine ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Neides, des Misstrauens und der Verzweiflung.“
Stille. Dann fuhr er fort:
„Der andere Wolf ist jener des Lichtes, der Liebe, der Lebensfreude und des Vertrauens.“
„Und wer von beiden gewinnt?“, wollte der Enkel wissen.
Der Großvater sah ihn an und lächelte: „Der, den ich füttere!“

Die Legende besagt, dass ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkel die Lebensweisheit weitergab, die er selbst von seinem Grossvater erhalten hatte. Er erzählte seinem Enkel von einem inneren Kampf, der in jedem von uns stattfindet.
„Mein Sohn, in jedem von uns gibt es einen Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse – er ist Wut, Neid, Eifersucht, Kummer, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuld, Groll, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut – er ist Freude, Frieden, Liebe, Hoffnung, Gelassenheit, Bescheidenheit, Güte, Wahrheit, Mitgefühl und Glaube.“
Der Enkel dachte einen Moment nach und fragte dann: „Schön und gut, aber welcher Wolf gewinnt den nun von den beiden?“
Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Enkel folgendes Märchen:
„Mein Enkel, in jedem von uns tobt ein ewiger Kampf zwischen zwei Wölfen.
Denn, der eine Wolf ist böse. Er steht für das Negative in uns: Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Trauer, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst und vieles mehr.
Der andere Wolf jedoch ist gut. Er steht für Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit und alles Gute in uns.
Dieser Kampf zwischen den beiden findet in jedem von uns statt, denn wir haben alle diese beiden Wölfe in uns.““
Der Enkel fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“
Der Häuptling antwortet ihm: „Der, den du fütterst.“

Die Reste vom Überfluss

Dezember 2025 – in der Kanalisation von London hat sich ein über hundert Meter langer Fettberg gebildet, aus einer Mischung von Speiseresten, entsorgten Hygienetüchern und eben Fett.
Für die Verwaltung ist das nichts Neues, 2017 war so ein Fettberg 250 Meter lang und es hat Wochen gebraucht ihn zu beseitigen.
Die Kanalisation ist für viele Dinge ein guter Indikator, in den Gedärmen der Stadt findet sich quasi unser Leben bzw. die Reste davon. In der Coronazeit konnte man dort Viren-Hotspots lokalisieren und die Polizei findet auf diese Art heraus, wo besonders viele Drogen konsumiert werden.
Die Reste vom Überfluss finden sich nicht nur dort – leider, sonst wären die Probleme leichter lösbar.

Unsere Konsumgesellschaft lebt vom Überfluss – das ist jetzt keine neue Erkenntnis. Ich möchte trotzdem einmal die Folgen und das beleuchten, was dahinter verborgen scheint.
Früher war Fett ein wertvoller Stoff, heute spülen wir ihn im Klo hinunter. Wir haben einfach zu viel davon.

A pro pos zu viel – da gibt es die Theorie, dass jeder Mensch im Durchschnitt 10.000 Dinge besitzt. Ob das jetzt eine valide Zahl ist, kann ich nicht beurteilen, aber es sind in jedem Fall viele. Bei mir geht es sich mit 10.000 wahrscheinlich nicht aus. Allein Bücher und CDs sind schon ein paar tausend, und wenn man jedes Blatt Papier einzeln zählt oder jede Schraube in meinem Vespa-Hobbyraum, kommt sicher deutlich mehr zusammen.

Ich versuche daher immer wieder die Zahl zu reduzieren, immerhin mit dem Erfolg, dass es nicht mehr wird.
Das „Reduzieren“ bedeutet aber, dass ich vorhandene Dinge entweder verkaufe, verschenke oder wegwerfe. Unsere Konsumindustrie könnte aber vom Verkaufen und Verschenken nicht existieren, sie braucht das Wegwerfen, und zwar in großem Stil.
Daher dürfen viele Dinge nicht allzu lange halten. Häuser gehören auch zu diesen Dingen und das wird wohl der Hauptgrund sein, warum sie so gebaut werden, wie sie eben gebaut werden. Verglichen mit römischen Bauwerken aus der Antike halten sie nur 1/20 der Zeit.
Auch alle anderen Dinge müssen quasi ein Ablaufdatum haben, zumindest aber eine grobe Zeitperiode, innerhalb derer sie kaputt gehen.
Weil manche Dinge trotzdem länger halten als es der Industrie lieb ist, serviert sie uns diverse andere Gründe, um sie wegzuwerfen.
Bei Kleidung ist das die Mode, bei Autos und Freizeittechnik der technische Fortschritt, auch wenn es den gar nicht wirklich gibt.
Oft ist die Technik so ausgereift, dass sinnvolle Verbesserungen nicht mehr möglich sind. Dann muss auf eine andere Ebene umgeschwenkt werden, etwa das Design oder – beim PKW – das Entertainment.
Eigentlich möchte man mit einem Auto nur möglichst sicher und bequem von A nach B kommen – das wäre zumindest der normale Anspruch. Das ursprüngliche Bedürfnis war die Mobilität. Dann wurde der private PKW um einige weitere Bedürfnisdimensionen angereichert, etwa Status oder Sportlichkeit oder Freizeitartikel (das „Sports Utility Vehicel“).
Heute bekommen wir jedoch ein vielfältiges Unterhaltungsangebot mitgeliefert, das sich jedes Jahr verändert bzw. umfangreicher wird.
Da gibt es riesige Bildschirme, auf denen man fernsehen, spielen, Musik hören, im Internet surfen und in sozialen Medien aktiv sein kann.
Der Nachteil besteht darin, dass man eigentlich mit dem Auto fahren und nicht auf den Bildschirm konzentriert sein sollte, zumindest als Fahrer:in.
Daher wäre es sinnvoll das riesige Entertainmentprogramm nur im Stillstand oder auf der Rückbank nutzen zu können, was theoretisch ja auch so sein müsste, weil vom Gesetzgeber so definiert.

In der Praxis sieht das anders aus, es wird gespielt, gehört, gesehen, getippt, gewischt und gedrückt was das Zeug hält. Der Grund ist einfach: Es ist da, es funktioniert ganz leicht und bequem, also wird es gemacht.
Wer hält es aus, eine Whatsapp-Nachricht erst bei der nächsten Pause anzusehen? Vor allem, wenn dann noch ein Anruf kommt, ob man die Whatsapp eh bekommen hat. Oder eine zweite Whatsapp und wenig später eine dritte, die auf die vermeintliche Dringlichkeit hinweist.
Heutzutage ist man gewohnt, dass solche Nachrichten sofort gelesen werden. Und daher erwartet man auch sofort eine Antwort. Die Schreibenden wissen ja nicht, ob man gerade im Auto fährt oder daheim auf der Couch sitzt. Und es ist ihnen auch egal.

Bei Unfällen wird das meist etwas verschämt umschrieben: Aus ungeklärter Ursache…
Die Strafen, wenn man erwischt wird, sind milde und die Wahrscheinlichkeit, überhaupt erwischt zu werden, geht nahezu gegen Null.
Es gibt also keine Notwendigkeit das anders zu handhaben, obwohl die Ablenkung ungefähr einer Alkoholisierung von 0,8 Promille entspricht (das wurde in einer Masterarbeit erforscht, die ich betreut habe).
Für die Alkoholisierung bekommt man den Führerschein abgenommen, für die gleichwertige Ablenkung durch das Handy… keine Ahnung. Kennen Sie jemand, der dafür bestraft wurde? Ich nicht.

Zurück zum Thema. Wir werden erzogen, ständig das Neueste haben zu wollen, unabhängig davon, ob wir es brauchen oder nicht.
Wobei „brauchen“ erst definiert werden muss. Es gibt nämlich immer eine Form des Brauchens, und sei es nur, um die Nachbarn zu beeindrucken oder sich selbst (siehe Artikel über Täuschung).
Wenn wir etwas Neues kaufen, muss etwas Altes weg, sonst ersticken wir bald in Dingen. Das gilt für fast alle Lebensbereiche, bis hin zu den Lebensmitteln. Es gibt heute in unserer Konsumwelt ein unfassbar riesiges Angebot an Nahrungsmitteln, ein Vielfaches von dem, was noch vor einem halben Jahrhundert angeboten wurde.
Die Lebensmittelindustrie hilft sich hier mit sogenannten „Ablaufdaten“, denen die Menschen meistens brav folgen. Sie unterscheiden nicht zwischen einem Mindesthaltbarkeitsdatum und einem Ablaufdatum, selbst wenn man sie darauf oft und intensiv hinweist.
Das betrifft natürlich nicht alle Konsument:innen, aber ausreichend viele, um den Rest getrost vergessen zu können. Er spielt statistisch und somit in den Berechnungen der Lebensmittelindustrie keine Rolle.
Ich sehe hier auch noch keinen Gegentrend, im Gegenteil.

Bleibt das Problem, was wir mit den weggeworfenen Dingen machen. Sie werden zu Müll und der muss verschwinden. Das funktioniert, indem man ihn verbrennt, vergräbt, versenkt, weit weg transportiert oder der Wiederverwertung zuführt.
Letzteres ist der Industrie leider ein Dorn im Auge, weshalb sie sich mit allen vorhandenen Kräften dagegen wehrt. Entsprechende Gesetzesvorschläge werden abgeschmettert und wenn man ihnen aus Marketinggründen formell zustimmt, dann werden sie hintenrum so sehr verwässert, dass nichts übrigbleibt.
Manchmal sind diese Gesetzesvorschläge auch so schlecht gemacht, dass es sogar gute Gründe gibt, ihnen nicht zuzustimmen. Dann wurde im Vorfeld schon sehr gründliche Arbeit geleistet.
Die Verschmutzung der Umwelt sowie der enorme Ressourcen- und Energieverbrauch spielt auch nicht wirklich eine Rolle.
Das lässt sich wohl nur verstehen, wenn wir in das Wesen der Menschen hineinblicken. Dann finden wir folgende Gründe:

1.) Als Mangelwesen suchen wir den Überfluss. Weil es den in der Vergangenheit nie lange und nur in beschränktem Ausmaß gab, haben wir nie gelernt, selbst Grenzen zu setzen.

2.) Selbstverständlich gibt es Menschen, die Grenzen kennen. Sie werden aber zu Außenseitern oder/und Spinnern erklärt. Dann hört man Sätze wie „willst du, dass wir wieder auf den Bäumen leben?“ oder „geh doch in den Wald und lebe dort als Eremit!“. Auch die philosophischen Ansätze eines reduzierten Lebens haben sich – zumindest bisher – nicht durchgesetzt.

3.) Wir können schlecht in die Zukunft schauen und Entwicklungen nur sehen, wenn sie schlagartig passieren und uns massiv betreffen. Dass unsere Enkel durch unsere Lebensweise höchstwahrscheinlich ein Problem bekommen werden, das ihr Leben bedrohen könnte, sehen wir nicht, wenn in der bunten Auslage ein glänzender Gegenstand um 299,- statt um 349,- angeboten wird.
Noch schwieriger ist das bei Online-Angeboten, wo ein einziger Mausklick oder ein Fingertipser reicht, um den Gegenstand am nächsten Tag wie durch ein Wunder an der Wohnungstür in die Hand gedrückt zu bekommen. Die Schuldnerberatungen dieser Welt können ein Lied davon singen, welche Konsequenzen das irgendwann hat.
Ja, irgendwann, in der Zukunft, die wir sehr gerne ausblenden, wenn wir geblendet werden.

Ich habe neulich eine Bildergalerie mit Autos auf einem Schrottplatz gesehen. Sie symbolisieren sehr gut, was ich meine.

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Bild: Alte Autos und Autoteile, gesammelt auf irgendeinem Hinterhof. (Quelle: Kurt Satzer)

Manchmal werden einzelne Stücke sogar noch gebraucht, etwa um ein altes Auto zu reparieren oder für eine Restaurierung. Das ist aber sehr selten und wird bald der Vergangenheit angehören, auch wenn es immer noch eine beachtliche Anzahl an Oldtimer-Liebhabern gibt. Sie sind – wie schon oben erwähnt – für das Konsummodell statistisch nicht relevant. Letztlich sind sie Freaks, die sich gegen den Trend stemmen – liebenswert, schrullig, aber nicht ernst zu nehmen.
Viele dieser Menschen haben zusätzlich auch ein neues Auto, mit dem sie im Alltag fahren und bei dem sie über die Erhaltung gar nicht nachdenken.

Jedes dieser Autos hat eine Geschichte, jedes wurde mit hohem Aufwand erzeugt. Und alle enden sie nach mehr oder weniger langer Zeit auf so einem Schrottplatz, irgendwo im Wald oder in einer Schrottpresse. Dann wird wenigstens ein Teil wiederverwertet, wenn auch nur kein kleiner, und zwar das brauchbare Metall.
Gegen die sinnvolle Zerlegbarkeit und Wiederverwertung sträubt sich die Autoindustrie mit allen verfügbaren Kräften. Es gibt zwar Ausnahmen wie aufbereitete Teile (Lichtmaschinen, Wasserpumpen und noch eine Handvoll mehr), der Großteil ist aber nicht wieder verwendbar, vor allem, weil es sich um verklebte Verbundstoffe handelt, die man nur verbrennen, shreddern, in ein fernes Land exportieren oder vergraben kann.
Recycling oder gar Upcycling gibt es nur in extremen Ausnahmefällen und auch das oft nur für die Medien, klassisches Greenwashing sozusagen.
Manchmal erfolgt noch Downcycling (aus einem hochwertigen Gegenstand wird ein niederwertiger), aber das beschränkt sich auf einen winzigen Teil der Gesamtmenge.

Sehen wir uns noch ein Beispiel an, um weitere Aspekte zu erkennen.

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Bild: Der Scheinwerfer eines alten Ford (Quelle: Kurt Satzer)

Hier sehen wir die Front eines Ford Taunus 17M aus den 1960er-Jahren. Die Teile wurden zwar schon maschinell am Fließband erzeugt, aber die Qualität und das eigenständige, liebevolle Design ist immer noch bemerkenswert. Der aufwändig produzierte Kühlergrill aus Metall, einstmals verchromt, oder die Umrahmung des Scheinwerfers mit Riffelmuster. Das alles war für die Besitzer trotzdem nicht erhaltenswert.
Meine Theorie dazu: Je automatisierter die Teile erzeugt werden, desto wertloser sind sie. Je weniger menschliche Handarbeit dabei ist, desto leichter werden sie weggeworfen. Je weniger sorgfältig sie erzeugt werden, desto kürzer ist ihre Existenzdauer.

Das ist verständlich und erschreckend zugleich. Und es ist eine direkte Konsequenz der Überflussgesellschaft, denn in allen anderen Gesellschaften ist das absolut nicht der Fall. Wer in ein Industriegebiet am Stadtrand von Nairobi geht und sich ansieht, wie dort kaputte Gegenstände liebevoll wieder aufbereitet werden, erkennt das sofort.
Meistens mitten auf der Straße wird repariert, improvisiert, ersetzt, ergänzt und wiederhergestellt. Das funktioniert allerdings nur mit Autos oder anderen Gegenständen, die noch zerlegbar bzw. reparierbar sind. Moderne Autos können so nicht mehr behandelt werden. Dort sind die einzelnen Bauteile nicht mehr aufbereitbar, weil verklebt, verschweißt oder sonst wie behandelt, damit das nicht möglich ist.
Die Front eines modernen Ford besteht aus Plastik, das nicht oder nur mit großem Aufwand repariert werden kann. Der Scheinwerfer ebenso, dort kann nicht einmal mehr das Leuchtmittel getauscht werden. Einen modernen LED-Scheinwerfer kann man nur als Ganzes austauschen, selbst wenn nur ein winziger Teil wie die LED-Diode kaputt ist. Der Rest wird weggeworfen. All das Drumherum eines komplexen Gegenstandes ist nicht zerlegbar und somit auch nicht reparierbar.
Wenn man auf das obere Foto schaut, sind zwei kleine Schrauben im Scheinwerferrahmen sichtbar. Damit konnte der Rahmen abgeschraubt werden und der Scheinwerfer war reparabel. Stören die Schrauben im Design? Ich finde nicht, ganz im Gegenteil, sie zeigen das, was Design eigentlich sein sollte: Ausdruck durchdachter Konstruktion. Heute bedeutet Design einfach nur oberflächliche Behübschung nach der neuesten Mode.

Sehen wir uns auf einem letzten Foto noch ein paar weitere Aspekte an.

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Bild: Ein Auto auf einem Schrottplatz – das Moos erobert sich die Armaturen. (Quelle: Kurt Satzer)

Zuerst war mir nicht klar, warum ich bei diesem Bild hängengeblieben bin. Aber es ist die Kombination aus vielen Aspekten.
Das ist ein typisches Armaturenbrett eines Autos aus der Zeit, in der fast alles Wesentliche fertig entwickelt war, späte 1970er-Jahre etwa. Die Kippschalter waren funktionell, mit klarer, guter Haptik und tauschbar, falls sie einmal kaputt gingen, was sehr selten der Fall war. Das doppelte Rundinstrument gab es in fast allen Autos, ob groß oder klein, das Lenkrad mit Hupknopf in der Mitte, später maximal durch den Airbag verbessert, ebenso. Die Schieberegler für Heizung und Lüftung, das Zündschloss an der Lenksäule rechts vom Lenkrad, die beiden Hebel für Blinker und Licht – all das war weitgehend ausgereift. Ab da gab es keine echte Innovation mehr – okay, andere Materialien, leicht andere Formen und diverse Kleinigkeiten. Es blieb aber ähnlich über Jahrzehnte, bis die Touchscreens alles veränderten. Aber selbst in der Digitalarmaturenzeit wurden die Rundinstrumente (Tacho und Drehzahlmesser) noch simuliert, als wären es noch analoge Zeiger. Reparierbar ist heute fast gar nichts mehr, die Funktionalität ist auch nicht besser geworden und über das Design kann man streiten. In einem Tesla gibt es zwar noch ein Lenkrad, sonst aber fast nur mehr einen riesigen Bildschirm, über den alles gesteuert wird. Diese Entwicklung hat sich inzwischen auch in den Motorradmarkt hineingezogen, die neue BMW GS (Enduromotorrad) hat auch einen Bildschirm, über den fast alles gesteuert wird. Deswegen kann man mit ihr auch keine Fernreisen abseits der perfekten Serviceinfrastruktur mehr machen. Wenn eine Kleinigkeit in der Elektronik nicht passt, steht die Kiste. Da braucht man für die Reparatur einen Softwareprogrammierer, keinen Mechaniker.

Heute sind Autos Computer auf vier Rädern. Einzelne Komponenten sind tauschbar, ähnlich einem Computer. Alles ist verklebt, fast alles aus Verbundmaterialien. Wiederverwertbarkeit wird vorgegaukelt, weil die Hersteller daran kein echtes Interesse haben. Die wollen möglichst viele Neuwagen verkaufen.
In der Ära der Elektroautos wird sich daran nur wenig ändern. Es gibt noch einige mechanische Komponenten wie Fahrwerk und Bremsen, die auch in Zukunft ein Service brauchen, wobei sogar die Bremsen heute bereits an die Bordelektronik angeschlossen sind. Demnächst wohl nur mehr über ein Diagnosegerät wartbar.

Wie hat es soweit kommen können?
Letztlich ist eine Kombination mehrerer Faktoren dafür verantwortlich:

Die massive Besteuerung auf Arbeit bei gleichzeitiger Steuerentlastung für Maschinen
Reparieren ist deswegen deutlich teurer als wegzuwerfen und neu zu kaufen. Zugleich ermöglicht es den Aufbau pervers hoher Vermögen durch Maximierung der Maschinenleistung. Mit anderen Worten: Menschen durch Maschinen ersetzen maximiert den Profit.

Die Nicht-Besteuerung von Abfall
Es gab einmal in Wien eine Gebühr für die Rückgabe von Kühlschränken, damit diese ordentlich entsorgt werden können. Das hast nicht funktioniert, weil viele Menschen ihre Kühlschränke dann einfach im Wald entsorgt haben. Das war gratis und die Gefahr erwischt zu werden gleich null.
Man darf den Menschen nicht die Wahl lassen, ob sie für etwas bezahlen wollen oder nicht, das dem Gemeinwohl dient. Sie entscheiden sich immer für den egoistischen Weg, das bringen Jahrzehnte entsprechender Erziehung plus entsprechende gesellschaftliche Werte so mit sich.
Wertvolle Rohstoffe zu entsorgen müsste so teuer sein, dass es sich rechnet sie wiederzuverwerten. Wenn der Coffee-to-go-Becher 30 Euro kostet, wird er nicht mehr achtlos aus dem Autofenster in die Landschaft geworfen. Wenn eine Red-Bull-Dose (das am häufigsten am Straßenrand zu findende Müllstück) das kosten würde, was ihre Erzeugung wirklich kostet, also inklusive aller Umweltbelastungen, wäre sie äußerst wertvoll.
Diese Nicht-Besteuerung von Abfall ist die Nicht-Besteuerung von Umweltkosten und müsste schleunigst abgeschafft werden. Sie ist aber ein so großer Hebel, dass das derzeitige Wirtschaftssystem zusammenbrechen würde, weil es ja genau auf dieser Nicht-Besteuerung aufbaut.

Das Lohngefälle zwischen erster und dritter Welt
So lange es wesentlich billiger ist irgendwo produzieren zu lassen und der Transport ebenfalls fast gratis ist, wird sich nichts ändern. Bilder oder Berichte von halbverhungerten Näherinnen in Bangladesch hindern niemand am Fast-Shopping. Freiwillig verzichtet niemand auf billige Konsumwaren und das Dahinter wird wirkungsvoll abgeschottet und verborgen.

Menschliche Bequemlichkeit
Es ist bequemer sich nur auf die eigene Lustmaximierung im Hier und Jetzt zu kümmern anstatt um eine gute Zukunft für alle oder zumindest für die eigenen Nachkommen. Daher macht man Flugreisen, kauft überflüssige Dinge – das ist gut für die momentane, individuelle Lustbefriedigung. Der Coffee-to-go im Plastikbecher, der sofort wieder weggeworfen wird, ist fast schon ein Symbol unserer Zeit. Es ist bequem, mögliche Konsequenzen für die Zukunft einfach auszublenden – selbst, wenn sie einen persönlich noch betreffen werden.

Unsere Gier nach Luxus in der Freizeit
Wir folgen dabei vorgegebenen, klar definierten sozialen Normen. In den 1960er-Jahren fuhr man im Urlaub mit dem Auto nach Italien. Heute fliegt man möglichst weit weg. Wer das nicht tut, hat das Gefühl nicht dabei zu sein, nicht dazuzugehören. Das halten die meisten Menschen nicht oder nur sehr schlecht aus.

Das beste Symbol dafür sind die Ferieninseln der Malediven. Sie basieren auf der radikalsten Ausbeutung von Mensch und Natur, die ich kenne.
Die Inseln sind aus Korallenriffen entstanden und bestehen großteils aus Sand. Darauf wachsen Palmen und noch ein paar andere Pflanzen. An Produkten gibt es Kokosnüsse, Fische und Meeresfrüchte. Sonst nichts.
De facto kann man dort alles bekommen, was es an Urlaubs-Luxusartikeln auf dieser Welt gibt.
Der Preis dafür ist ein unfassbar hoher ökologischer Fußabdruck von allem, was es dort gibt. Die über tausende Kilometer eingeflogenen Erdbeeren symbolisieren nur den Rest des Wahnsinns.
Und weil auf diesen Inseln enorm viel Abfall produziert wird, es aber keine Möglichkeit der sinnvollen Entsorgung gibt, wurde eine eigene, inzwischen riesige Müllinsel erschaffen. Sie besteht nur aus Müll.
Das alles bekommen die Gäste nicht zu sehen. Auch die Nebengebäude der Hotels und Bungalowanlagen sind gut hinter hohen Zäunen versteckt und der Zutritt ist nicht erlaubt. Außer mir hat sich dafür aber ohnehin niemand interessiert, so mein Eindruck.
Das Süßwasser für die mehrfach am Tag genossenen Duscherlebnisse muss mühsam aus Salzwasser erzeugt werden. Der Energieaufwand für die mit Diesel betriebenen Entsalzungsanlagen ist enorm, die Abgase nicht gerade gefiltert.

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Bild: Der gut versteckte, nicht so malerische Teil auf einer typischen Insel.

Durch den steigenden Meeresspiegel und die inzwischen nahezu vollständig zerstörten Korallen wird sich das Thema Malediven in den nächsten Jahrzehnten ohnehin erledigen. Die Touristen werden dann woanders hinfliegen.
Eine Zeit lang werden die künstlich betonierten Mauern noch helfen, dann holt sich die Natur zurück, was wir ihr streitig gemacht haben.

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Bild: Das Meer erodiert die ohnehin ganz flachen Inseln einfach weg.

Das Grundprinzip des Kapitalismus in seiner neoliberalen Form
Möglichst große Spreizung von Arm und Reich durch Konzentration des Kapitals bei einer kleinen Elite, zugleich das Credo ewigen Konsumwachstums und die politische Durchsetzung kostenfreier Ausbeutbarkeit von Mensch und Natur. Dazu gibt es das Glücksversprechen durch ständig steigenden Konsum.

All das führt wohl dazu, dass wir den Wert der Dinge nicht mehr richtig einschätzen und uns in eine Spirale begeben haben, die scheinbar immer aufwärts, in meiner Wahrnehmung aber schon seit Jahrzehnten abwärts führt.

Wenn wir nicht lernen anders glücklich zu werden, wird es ein bitteres Erwachen brauchen, damit wir unser Verhalten ändern.
Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt.

Alte Schulfreunde bleiben in Erinnerung

Gleich vorweg: Neulich habe ich eine Handvoll alter Schulkollegen getroffen und wir hatten einen großartigen Abend.
Leider musste ich von drei weiteren Todesfällen erfahren:

Rainer „Bauxi“ Kempf
Auch mit ihm war ich in der Unterstufe, ich habe immer noch seine Stimme im Ohr und ein Bild von ihm in Erinnerung. Er ist 2024 verstorben, nach einem Leben mit Höhen und Tiefen. Vom guten Job mit gutem Einkommen bis zum Alkohol.

Harald Löscher
Auch ein Klassenkamerad aus der Unterstufe. Ihn habe ich noch zur Schulzeit aus den Augen verloren. Meine stärkste Erinnerung ist die an einen sehr selbstbewußten Typ, der beim Fußball immer hinten in der Verteidigung stand und die Bälle nach vorne verteilte. Zu seinem Tod weiß ich leider nichts.

Vladimir Vaverka
Er hat uns auch nach der Unterstufe verlassen, auch von ihm weiß ich wenig, nur dass er noch in seiner Jugend irgendwie ins Drogenmilieu abgerutscht ist und das nicht überlebt hat. Meine intensivste Erinnerung: Er war schon damals an Chemie interessiert – ich glaube mich zu erinnern, dass sein Vater Chemiker war. Ich bekam damals einen Chemiebaukasten und gemeinsam mit Vladimir habe ich mit chemischen Stoffen experimentiert – auf niedrigem Niveau, aber es hat großen Spaß gemacht – stinkender Schwefel, violett werdendes Kalium-Permanganat etc.
Von seinem Tod wußte ich schon lange, aber mehr als die angeführten Infos habe ich auch nicht.

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Bild: Die Unterstufenklasse Maroltingergasse 1980. Bisher haben uns nur die Burschen verlassen.

Um die drei tut es mir sehr leid. Genauso wir um den Michi.
Und auch noch um den Helmut.

Helmut Benedek
Ein Freund aus Jugendtagen, eine Zeitlang Pächter meines ehemaligen Stammlokals „Slupinski“. Ein witziger und immer ein wenig schräger Typ, unverkennbar durch seine Hakennase. Wir sind uns alle paar Jahre irgendwo über den Weg gelaufen und ich hab mich immer gefreut ihn zu sehen. Zu mehr Kontakt ist es aber nicht mehr gekommen.
Auch über seine Todesumstände weiß ich leider nichts.

Der Michi Fink, ein Freund aus lang vergangenen Tagen.

Ich war mit dem Michi vier Jahre in der Unterstufe im Gymnasium und er war immer ein wenig schräg. Vom Typ her kräftig gebaut und von Beginn an mit einer viereckigen Krankenkassabrille ausgestattet (siehe Bild oben), die gefühltermaßen nie mitgewachsen ist.

In der Oberstufe war er dann in der Parallelklasse, wir hatten aber immer Kontakt, der sich nach der Schule noch intensiviert hat. Michi begann mit anderen Freunden ein Jus-Studium, kam aber nicht sehr weit.
Dann erhielt er – ich glaube über seinen Vater oder Onkel – die Möglichkeit bei der Justizwache einzusteigen. Das war ein sicherer Beamtenjob, der ihm zu Beginn einigermaßen taugte.
Damals hatte er noch etwas größere Pläne, etwa eine Dienstprüfung machen, die ihm einen Karrieresprung ermöglicht. Und wir gingen ein paar Mal Mountainbiken, wobei ich mich an eine Tour noch sehr gut erinnere: Wir sind auf den Troppberg bei Purkersdorf gefahren, von der Gablitzseite aus, haben ihn sozusagen überquert und dann hinein in die Pfalzau und hinauf auf den Pfalzberg. Michi kannte die Strecke, vor allem der letzte Anstieg auf den Troppberg war durchaus anspruchsvoll.
Am Pfalzberg gab es damals eine kleine Jausenstation, wo wir uns Brote mit Eiaufstrich hineinwarfen.
Das war irgendwie die konkreteste Geschichte mit Michi, weil sie so besonders war. Alle anderen Treffen spielten sich meistens in Beisln ab, wo wir am Abend und ein Bierchen genehmigten oder zwei.
Michi machte damals irgendwie keine persönlichen Fortschritte, sondern versank in einen Alltagstrott aus Dienst im Gefängnis und Bierbeisl. Dazwischen ging er noch hin und wieder auf ein Hardrockkonzert, das war seine zweite Leidenschaft.
Mit dem Mountainbiken hörte er auf, was ich damals schade fand, denn ich wäre gerne noch weitere Touren mit ihm gefahren.
Zu dieser Zeit hatte er noch Pläne, von deren Umsetzung er sich aber immer weiter entfernte. Das Bier wurde mehr und auch der Michi wurde mehr. Dazu kam noch, dass er nie wirklich Erfolg bei Frauen hatte. Das war insofern schade, als er durchaus nett und witzig war und man mit ihm gute Gespräche führen konnte, wenngleich auch das mit der Zeit immer schwieriger wurde.

Aber es gab noch einen Anknüpfungspunkt: Ostafrika. Genauer gesagt Kenia, das ihn faszinierte. Er fuhr zwar nie mit mir, dafür aber mit meinem Bruder hinunter. Die überbordende Exotik, die wilden Abenteuer, die sie dort gemeinsam verbrachten, waren ein Aufwecker, der leider nicht nachhaltig war.
Dort hatte er auch die Möglichkeit Frauen kennenzulernen. Die wollten zwar in erster Linie sein Geld, man darf sich das allerdings nicht wie normale Prostitution vorstellen. Die Mädchen waren darauf aus einen (mehr oder weniger) reichen Weißen kennenzulernen und im Idealfall eine Beziehung aufzubauen. Das haben gar nicht wenige geschafft, etwa die Lydia vom Erich, einem Freund und Geschäftspartner meines Bruders.
Wenn das nicht klappte, nahmen sie zumindest Geschenke an, meist in Form von Geld, aber auch andere. Einen alten Freund von mir hat eine damals gebeten, dass er ihr das Schwimmen beibringt, weil sie alleine nicht ins Hotel zum Schwimmbecken durfte und außerdem niemand kannte, der das konnte.
Das war quasi die Gegenleistung für eine Woche Begleitung.

Also fuhr Michi in den darauffolgenden Jahren ein paar Mal nach Kenia, um dort das zu bekommen, was er hier nicht bekam.
Er hatte die Gelegenheit mit meinem Bruder und anderen „Haberern“ Safaris zu machen, eine sogar hinauf zum Turkana-See. Das war damals eine andere Zeit, die modernen Straßen von heute waren noch Schotterpisten oder noch schlechter, viele Reisen sind absolut als Abenteuer einzustufen.

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Bild: Michi bei einem Bootsausflug am Lake Baringo. Der ist durch den Anstieg aller Seen im Rift Valley heute weitgehend uninteressant geworden. Damals gab es einen feinen Campingplatz und man konnte mit einem Boot Nilpferde beobachten.

Und es gibt eine Menge lustiger Geschichten.
Die Beste ist zweifellos sein erster Kontakt mit einem Corner-Man. Das sind Männer, die einem an einer Straßenecke auflauern (daher der Name) und versuchen irgendwie betrügerisch tätig zu werden.
Die Jungs wollten nach Tansania und dafür braucht man ein Visum. Michi hatte noch keins und daher schickten sie ihn in die City zur Tansanianischen High-Commission. Nachdem er dort das Visum beantragt hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass er in zwei oder drei Stunden wiederkommen sollte.
Also setzte Michi sich unten in ein Kaffeehaus, um sich die Zeit zu vertreiben. Auf einmal kommt ein Mann und fragt, ob er sich zu ihm setzen darf, er würde auf ein Visum warten und ihm wäre fad.
Sie plaudern ein wenig, plötzlich kommen zwei Männer in Trenchcoats, der Mann bei Michi springt auf und rennt weg. Einer der beiden Trenchcoat-Männer läuft ihm nach, der andere bleibt bei Michi und fragt ihn, was er mit dem Typen zu tun hätte.
Sie wären nämlich von der Kriminalpolizei und zuständig für die Bekämpfung von Falschgeld. Der Mann, der weggelaufen war, sei so ein lange gesuchter Geldfälscher und es sei nicht auszuschließen, dass Michi sein Komplize ist.
Dem Michi geht der Reis, wie man so schön sagt, und er beteuert, dass er nur auf ein Visum warte und sich der Typ einfach dazugesetzt hätte.
Der Trenchcoat-Typ meint, das klinge plausibel und er glaube ihm durchaus. Allerdings müsse er sicher gehen, dass Michi nicht doch ein Geldfälscher wäre und daher müsste Michi ihn zum Büro der Kriminalpolizei begleiten.
Michi geht noch mehr der Reis und er meint, dass er auf sein Visum warten müsse und außerdem hätte er noch was vor etc.
Der Typ ist milde gestimmt und meint, sie könnten es auch anders machen: Michi solle ihm einfach nur all seine Dollar geben, er würde sie überprüfen und falls sie echt sind, ihm gerne vorbeibringen. Michi müsse ihm nur seine Adresse geben und er würde so schnell wie möglich vorbeikommen.
Einige Zeit später kommt Michi erleichtert ins Hotel zurück und erzählt, dass er jetzt warten müsse, bis der Kriminalpolizist vorbeikommen und ihm seine Dollar wieder bringen würde.

Mein Bruder meint, darüber lachen sie bis heute.

Die zweite, und wahrscheinlich typischste Geschichte spielte sich bei einem späteren Kenia-Besuch ab. Peter hatte einen Geschäftspartner, den Erich, und der war mit einer weißen Südafrikanerin liiert, der Wendy.
Sie war das, was man bei uns eine „Keiffn“ nennt und die beiden pflegten regelmäßig zu streiten, also eigentlich fast immer.
Eines schönen Nachmittags kamen die beiden streitend ins Hotel Boulevard, wo Michi gerade im Schatten am Pool saß und Bier trank. Genau genommen saß er schon den ganzen Tag da und trank Bier.
Er war bei dieser konzentrierten Tätigkeit nie sehr redsam und das Einzige, was er hin und wieder sagte, war „waiter, one more beer please“.
Mehr nicht.
Und dann kamen Erich und Wendy und streiteten und streiteten. Irgendwann hatten sie genug und gingen nach Hause um dort weiterzustreiten.
Michi saß da und hatte noch kein Wort gesagt.
Zeit verging. Dann meinte Michi „die g´heart eam gonz allaa“.
Das war es dann auch schon. Mehr sagte er nicht.
Es war aber auch genug.

Ich hatte Michi irgendwann aus den Augen verloren. Es muss schon zwanzig Jahre her sein, dass ich mit ihm das letzte Mal auf ein Bier war – in Breitensee, wo er gewohnt hat. Es war keine Absicht, aber die alte Freundschaft verging, die Gesprächsstoff wurde weniger, Michi redete nur mehr von Hardrock, Bier und sonst nichts mehr. Seine Karrierepläne hatte er längst aufgegeben und lebte nur noch zur Pension hin. Möglicherweise hatte er es auch aufgegeben eine Frau zu finden.
Vielleicht hat er irgendwann sich selbst aufgegeben. Durch Zufall erfuhr ich von einem alten Schulkollegen, dass er 2024 verstorben ist.

Mir bleiben ein paar schöne Erinnerungen, ein bisschen Wehmut und das Bier, das ich gerne auf ihn hebe, auch wenn gerade das sein Untergang war.

PeeWee hat uns verlassen

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Bild: PeeWee 2006 (Bild Jörg)

Er ist so gestorben wie er gelebt hat – zurückhaltend und ohne jemandem auf die Nerven zu gehen.
Diesmal war es kein Krebs und kein Unfall, er hatte zwar immer wieder mal Blutdruckprobleme und etwas Asthma, aber keine bekannte, große Krankheit. Er ist einfach in der Früh nicht mehr aufgewacht.
So einen Tod wünschen wir uns zwar alle, aber nicht im Alter von 51. Das ist früh, zu früh.

Ich habe PeeWee in der Galleria kennengelernt. Er war mir auf den ersten Blick sympathisch, ich mochte seine Stimme, seine coole Art, seine Zuverlässigkeit und seinen guten Schmäh.

Die Galleria war eine Schrauberwerkstatt für Roller, genauer gesagt für alte Vespas und Lambrettas.
Jörg, PeeWee und Ronny waren die Betreiber, die Stamm-Mannschaft sozusagen. Der normale Tag war der Dienstag, da trafen wir uns so gegen 18 Uhr, tranken das eine oder andere Bier und schraubten an den Rollern herum.

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Bild: PeeWee, Philipp, Jörg und Christian, der ebenfalls 2014 verstorben ist (Bild Jörg)

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Bild: PeeWee flext an einer Vordergabel herum

Die Galleria war unaufgeräumt, nicht sehr sauber und im Winter musste man einen alten Ölofen starten. Das war alles okay, es zählte die Gaudi und das gemeinsame Erlebnis.

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Bild: PeeWee im oberen Stock der Galleria, wo alle möglichen und unmöglichen Teile gelagert wurden.

Ich selbst bekam die Galleria samt Ronny (er hat uns schon 2014 verlassen) von einem inzwischen ebenfalls alten Freund vermittelt. Allan meinte, ich könne dort einfach vorbeischauen, weil ich mit meiner Vespa irgendein Problem hatte. Gesagt, getan – so lernte ich Ronny kennen und da wir beide Alt-Mods waren, passte die Chemie gut.

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Bild: Guido, Ronny (2014 gestorben), PeeWee und Klaus in der Werkstatt von Jörg, selbstverständlich mit einem Werkstattbier (Bild Jörg)

PeeWee war kein Mod, er war einige Jahre jünger als wir und kam über zwei Ecken dazu: Vespas und Northern Soul.
Daher sahen wir uns nicht nur beim Zangeln, sondern auch bei gemeinsamen Ausfahrten und Festen. Es entwickelte sich eine kleine Freundschaft, sprich: Es war immer schön, sich zu treffen.
Zentraler Treffpunkt blieb aber die Galleria. Beim Zangeln lernt man sich gut kennen. Als ich meine 200er-Vespa neu aufbaute, bekam ich von PeeWee die beste Sitzbank geschenkt, die ich jemals gefahren bin. Sie ist bis heute auf der Vespa und hält die Qualität. „Das ist eine englische“ meinte PeeWee. Das war nur wenige Monate vor Ronnys Tod, nachdem die Galleria aufgegeben wurde.
Ich kaufte einen Teil der Einrichtung und baute mir in unserem Souterrain eine kleine, private Werkstatt auf. Dort trafen wir uns noch einige Zeit auf einen Werkstattabend, irgendwann hörte das aber auf. Der alte Spirit war vorbei, der Geist der Galleria hatte sich verflüchtigt.

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Bild: PeeWee und Hörnchen bei mir in der Werkstatt, kurz nachdem ich sie bekommen und eingerichtet hatte

PeeWee – er hieß eigentlich Michael Pichler – sah ich immer seltener, weil ich auch nicht mehr so oft auf die Feste ging und daher liefen wir uns nur mehr bei Geburtstagen oder anderen Gelegenheiten über den Weg. Nachdem 2014 nicht nur Ronny, sondern auch Christian Höfer (und Oliver Jorns) gestorben waren, gab es auch die Ausfahrten immer seltener.
Wir fahren auch heute noch – in alter Tradition – am 26. Oktober mit den Vespas die Gräber unserer Freunde besuchen, sofern es das Wetter erlaubt.
Jetzt haben wir eines mehr, das wir anfahren müssen. Seines ist am Simmerringer Friedhof.

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Das Bild wurde anlässlich eines Kurier-Artikels über Vespisti aufgenommen. Drei von den sechs Galleria-Freunden sind nicht mehr am Leben. Den anderen geht es glücklicherweise noch gut.

PeeWee drängte sich nie in den Vordergrund, er war aber immer deutlich präsent. Er hatte nur selten Streit (obwohl er auch störrisch und stur sein konnte) und war bei lustigen Aktionen immer dabei. Er fuhr eine blaue Vespa Sprint (namens Mathilda) und hin und wieder mit der roten Primavera (Antonio) seiner langjährigen Lebenspartnerin Eva. Die war es auch, die mit ihm noch am meisten Kontakt hatte – genau genommen hat sie bis Anfang des Jahres noch mit ihm zusammen gelebt – gute Freunde, quasi für immer. Sie hat auch versucht, ihn wieder in unsere Runde zu motivieren, das war aber leider erfolglos.
PeeWee hatte sich verändert. Ronny war sein bester Freund, als der starb, war für ihn auch das Rollerfahren gestorben.

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Bild: PeeWee und Eva auf einer Party

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Bild: Ein altes Bild aus 2007, eine Osterausfahrt auf die Dopplerhütte. Rechts sieht man ein Stück von PeeWees blauer Sprint-Vespa, die Herren neben PeeWee sind Karl und Andi, links Tamara und Martina (Bild Jörg)

Ich weiß bis heute nicht, warum er sich schon vor einigen Jahren zurückgezogen hat. Es gab meines Wissens keinen Streit oder sonst einen speziellen Anlass. Aber das war der PeeWee, er konnte auch stur sein. Auf seine Gesundheit hat er nie besonders geachtet, da musste Eva ihn immer wieder mal motivieren, auf sich zu schauen.
Er redete auch selten über seine Arbeit und daher habe ich nicht einmal mehr in Erinnerung, was er gearbeitet hat oder wo. Die Recherche ergab: Er war technischer Zeichner und hat als solcher auch bis zum Schluss in der Baubranche gearbeitet. Am meisten Spaß hat ihm die Arbeit an Projekten der erneuerbaren Energie gemacht.
Er kam selten von sich aus mit einem Thema, war aber gerne bei Diskussionen dabei.
Und bei einem guten Bier war er auch immer dabei. Nicht zu vergessen seine Hilfsbereitschaft. Er war einer von den Typen, die konnte ich anrufen, wenn ich ein Problem hatte. Es gibt Leute, die würden einem auch helfen, aber die ruft man nicht an. Bei PeeWee war das anders, bei ihm wusste ich, dass ich da keine Hemmungen haben musste. Solche Freunde sind sehr wertvoll.

PeeWee tanzte gern und gut. Der Northern Soul ist auch was ganz Spezielles, keine Frage. Mein Talent ist hier nicht sehr ausgeprägt, aber die Feste waren immer leiwaund und sind es bis heute. Die Szene ist nicht groß, aber lebendig. PeeWee hatte samt Eva keinerlei Scheu eine flotte Sohle hinzulegen.

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Bild: Auf einer Geburtstagsparty – der DJ legt auf, es wird getanzt

In diesem Zusammenhang habe ich ihn heuer im Frühjahr (am 32. Mai) das letzte Mal gesehen. Er kam mir auf der Straße entgegen, als wir zur Sargfabrik marschierten, wo es eine Spezialaufführung eines Northern-Soul-Films gab, eine extrem lustige und kurzweilige Doku, die leider aufgrund fehlender Musikrechte nicht öffentlich gezeigt werden darf.
Ich freute mich riesig ihn wieder zu sehen. Wir tranken ein paar Bierchen und vereinbarten ein hoffentlich baldiges Treffen – wieder einmal im Holländer oder bei mir in der Werkstatt.

Dieses Bier werde ich jetzt nicht mehr mit ihm, sondern nur mehr mit Freunden auf ihn trinken können.
PeeWee, es ist schad um dich. Echt.

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Bild: Klaus, PeeWee, Eva, Jörg und Thomas

KI – der neue Zauberspiegel?

Mein Vater Gerhard Schwarz schrieb 1980 über die „Anthropologie des Fernsehens“ (Berichte zur Medienforschung, Band 22, anlässlich 25 Jahre Fernsehen in Österreich, Herausgeber: ORF). Das ist jetzt 45 Jahre her und inzwischen hat sich technisch und sozial einiges getan.
Was ist von seiner Grundthese noch übrig?

Gerhard Schwarz baut seine Analyse historisch auf: Von der Erfindung der Schrift über das Foto bis zum Fernsehen.
Die Schrift konnte das vergängliche Wort unsterblich machen, der Preis dafür war die Trennung des lebendigen Wortes vom Redner.
Das Foto bewirkt ähnliches, der lebendige Anblick wird getötet, das fotografierte Bild dafür unsterblich.
Der Weg zum Fernsehen führt uns über den uralten Wunschtraum der Menschen, fliegen zu können. Dadurch lassen sich ferne Orte in kurzer Zeit erreichen.
Noch schöner wäre es, wenn man ferne Orte ohne Zeitverzögerung und mühsame Reise zu sich holen könnte.
Dazu bräuchte man einen Zauberspiegel: Damit kann man gleichzeitig sehen, was sich an verschiedenen Orten abspielt. Wer einen solchen Zauberspiegel (in verschiedenen Völkern als Kristalle, Metall oder Tieraugen verwirklicht) beherrschte, war ein Magier.

Gesucht wurde in den Zauberspiegeln übrigens stets die Wahrheit. Mit ihnen konnten die Magier Diebe überführen oder Feinde erkennen. Der Spiegel selbst war dafür nur das Medium, mit dem man die Gegenwart, die Vergangenheit und auch die Zukunft sehen konnte.

Mit dem Fernseher konnte der Mensch sich diesen Wunschtraum erfüllen, er konnte fern-sehen.
Die „Dauerfernseher“ waren in allen Mythologien die Götter, die allwissend sind und daher auch alles sehen können. Christian Morgenstern hat dazu ein Gedicht geschrieben:

Ein Hase saß auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.
Doch im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll verhaltnen Fleißes
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.
Doch diesen sieht hinwiederum,
ein Gott von fern an, mild und stumm.

Götter waren immer schon dazu da, menschliche Schwächen zu kompensieren.
Mit dem Fernseher ist eine dieser Schwächen – alles überall sehen und somit beherrschen zu können – kompensiert worden, wenn auch nicht zur Gänze.
Besonders beliebt sind seit jeher „Live“-Sendungen, bei denen man tatsächlich in Echtzeit ein sehr weit entferntes Ereignis beobachten kann.
Der Nachteil: Man sieht immer nur einen Ausschnitt, nämlich den, den die Kamera erfasst. Durch die Weiterentwicklung der Technik konnte das zumindest teilweise kompensiert werden: Zahlreiche Kameras erfassen heute die großen Sportereignisse dieser Welt, man kann im Split-Screen zugleich mehrere Ausschnitte betrachten und im Falle der Aufnahme (beginnend mit der Ära der Videorekorder) einer Sendung diese beliebig oft sehen, vor- und zurückspulen, also Vergangenheit und Zukunft sehen.
Ich bin dadurch dabei und auch nicht, weil ich physisch ja immer noch daheim bin. Ich habe das ganze Universum in meinem Wohnzimmer, bin aber de facto auch nur in meinem Wohnzimmer.
In unserem Kopf verschwimmen Phantasie und Wirklichkeit, etwa wenn wir uns bei Krimis fürchten oder bei Science-Fiction-Filmen in die Zukunft flüchten.

Der Fernseher hat sich im Laufe der Zeit zum Massenmedium entwickelt, es gibt ihn inzwischen in den hintersten Winkeln dieser Welt, man kann durchaus sagen, er hat die gesamte Menschheit erfasst.
Er hat sich aber auch zum Herrschaftsmedium entwickelt, denn durch die konkrete Steuerung des Gesendeten lässt sich eine eigene Wirklichkeit bzw. Wahrheit erschaffen. Deswegen versuchen Autokraten auch immer die Sender ihres jeweiligen Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Ähnlich ist es heute mit dem Internet in verschiedensten Formen.

Die nächste Stufe war die Erfindung ebendieses Internets. Im ersten World-Wide-Web konnte man noch nicht fernsehen („streamen“), dafür hat die Technik noch nicht ausgereicht.
In den ersten Jahren waren die Übertragungsgeschwindigkeiten und Bandbreiten für die enormen Bilddaten noch nicht ausreichend, das berühmte „Pixeln“ kennzeichnet diese Zeit.

Inzwischen gibt es immer mehr technische Lösungen, aber auch seltsame Veränderungen, die in gewisser Weise einen Rückschritt darstellen.
Mit einem Videorekorder konnte man Sendungen aufnehmen und zu einem beliebigen Zeitpunkt ansehen. Durch die Funktion des Vorspulens konnte man die lästigen Werbeblöcke umgehen.
Heute wird „gestreamt“, d.h. man sieht sich eine Fernsehsendung nicht mehr über eine Funk- oder Kabelübertragung an, sondern über eine Internetleitung und/oder W-LAN. Die alte Fernsehantenne hat endgültig ausgedient, ebenso die SAT-Schüssel.
Die neuen Medienkonzerne beeinflussen über die Technik unsere Möglichkeiten, sie stellen die neuen Autokraten, die neuen Machthaber dar.
Viele Sender unterbinden das Vor- oder Rückspulen und so ist man gezwungen, sich die Werbeblöcke zur Gänze anzusehen. Man kann maximal auf Pause drücken um aufs WC zu gehen oder sich etwas zu Essen zu holen.
Den alten Videorekorder ersetzt die „TV-Thek“, allerdings mit einem Haken: Ich kann mir nicht mehr aussuchen, wann ich welche Sendung ansehen möchte, sondern bin auf die Speicherdauer in der TV-Thek angewiesen und auch auf eine gut funktionierende Internetverbindung.
Mit dem Videorekorder konnte ich etwas nach einer Woche oder erst nach 1,5 Jahren ansehen. Das erlauben heute nur die wenigsten Streaming-Dienste und wenn, dann nur für ausgewählte Sendungen.
Das ist in gewisser Hinsicht ein Rückschritt um ca. 40 Jahre.
Es ist erstaunlich, dass sich die Menschen diese Freiheit nehmen lassen, es gibt keinen nennenswerten Widerstand dagegen.

Ein weiterer Aspekt kennzeichnet die heutige Zeit: die Reizüberflutung.
Bis in die 1980er-Jahre gab es nur eine sehr beschränkte Anzahl an Sendern, deren Programm man sich ansehen konnte. In Österreich war das „FS1“ und „FS2“. Nur wer damals schon eine Sat-Schüssel hatte, konnte deutlich mehr Sender empfangen.
In den USA gab es auch damals schon wesentlich mehr Sender, die allerdings privat waren und somit mit Werbeblöcken vollgepumpt.
Heute gibt es auch in Europa bei den staatlichen Sendern sehr lange Werbeblöcke, im Internet-TV sind diese auch nicht überspringbar, man wird zum Ansehen gezwungen, wie vor 40 Jahren.

Durch neue, private Sender, die inzwischen ja nicht mehr klassisch „senden“, sondern TV im Internet anbieten, ist auch die Propaganda im großen Stil wiedergekehrt. Parteien bieten ihr eigenes Fernsehen an und wer einen funktionierenden Internetanschluss samt entsprechendem Datenvertrag hat, kann all das ohne Gebühren genießen. Der österr. Staat kassiert trotzdem mit, Haushalte müssen inzwischen eine Abgabe leisten, ob sie einen Fernseher besitzen oder nicht.

Dort erzeugen und verbreiten Parteien und andere Interessensgruppen ihre eigene Wahrheit. Das führt zu skurrilen und teilweise beängstigenden Phänomenen, eines darf als Beispiel dienen:
Eine gute Bekannte ist nicht sehr technik-affin und hat in der Corona-Zeit fast ausschließlich ein einziges Medium konsumiert, nämlich „Servus-TV“. Dieser Sender vertritt eine politische Linie, die sehr weit rechts angesiedelt ist. Daher propagierten sie eine eigene Kampagne: Impfen ist schlecht und gefährlich, da man einen Chip injiziert bekommt, der die Aufgabe hat einen zu töten.
Meine Bekannte glaubte das, da sie keine Gegenargumente sehen konnte, sie nütze als Informationsquelle ja nur Servus-TV. Sie bekam große Angst vor der Impfung und verlor so fast ihren Job als Stewardess. Lediglich die Flucht in eine Karenz ermöglichte ihr die Zeit zu überbrücken, bis die Fluglinie die Impfpflicht wieder aufhob.
Sie war der Meinung, dass ihr bei Servus-TV die Wahrheit vermittelt wurde und wollte daher auch von mir keine Argumente hören, da diese ja keine Wahrheit mehr enthalten konnten – sie hatte die Wahrheit ja schon. Georg Danzer hat das in seinem Lied „Der Kniera“ gut beschrieben: „I glaub ollas, was in der Zeitung steht…“
Das Fernsehen scheint noch mehr Wahrheit als die Zeitung zu vermitteln, schließlich sieht man dort Bilder, die ja stimmen müssen.

Dieser etwas seltsame Wahrheitsbegriff wird seit einiger Zeit noch deutlich mehr strapaziert. Schon seit vielen Jahrzehnten ist es möglich Bilder zu fälschen. Früher war dies ein sehr aufwändiger Vorgang und erforderte eine Menge differenzierter Fähigkeiten. Durch die Erfindung spezieller Computerprogramme (Photoshop etc.) wurde dies dann wesentlich einfacher und auch für den Hausgebrauch möglich.
Seitdem wird die Welt mit ver- oder gefälschten Bildern milliardenfach geflutet.
Doch auch dafür musste man bis vor kurzem mit den Programmen einigermaßen arbeiten können.
Durch neue Internetprogramme gibt es den nächsten Schub, den nächsten Technologiesprung.
Jetzt ist es möglich durch die Eingabe von wenigen Parametern ein Bild zur Gänze künstlich erzeugen zu lassen. Bezeichnet werden diese Programme als „KI“ also „Künstliche Intelligenz“, was auch wieder irreführend ist, weil sie nur rechnen können, allerdings sehr schnell und unter Zuhilfenahme des Scannens des Internets.
Diese Programme sind derzeit (Stand 2025) noch leicht fehlerhaft, die künstlichen Bilder sind als solche noch recht gut erkennbar, die Programme schaffen etwa die Darstellung von Händen und Fingern noch nicht sehr gut.

Wenn man jedoch Internetforen durchstöbert, fällt etwas auf: Sehr viele Menschen, oft die Mehrheit in einem Forum, glauben an die Echtheit der gefälschten Bilder, auch wenn diese offensichtlich nicht der Realität entspringen. Sie wollen die Hinweise auf die Fehler gar nicht hören, lieber glauben sie an die Illusion.
Was ist daran so faszinierend? Letztlich dürfte es funktionieren, weil den Menschen die Erfüllung ihrer Träume versprochen wird. Sie wollen daran glauben, so wie Menschen an Horoskope glauben wollen.
Sie sehen etwa Bilder von perfekt schönen Frauen. Dass es diese gar nicht gibt, wird nicht zu Kenntnis genommen. Wer die Echtheit anzweifelt, wird erbittert bekämpft, beschimpft oder ignoriert.
„D´Leit woin d´Woarheit hoid ned wissen und so wer i hochkant ausseg´schmissn“ hat Georg Danzer gesungen.

Das ist jetzt der neue Zauberspiegel: Ich kann mir von Midjourney oder ähnlichen Programmen Wünsche erfüllen lassen. In der Pornoindustrie hat das letztlich sogar einen skurrilen Vorteil, sofern dieser auch realisiert wird: Es ist nicht mehr notwendig echte Frauen zu missbrauchen, man kann sie jetzt künstlich erzeugen.
Die Faszination des neuen Zauberspiegels ist für manche Menschen fast grenzenlos, vor allem, weil er inzwischen im Handy gelandet ist. Immer mehr Menschen starren in die kleinen Bildschirme und nehmen ihre Umwelt eingeschränkt oder gar nicht mehr wahr. Wenn sie dann noch Kopfhörer tragen (das ist inzwischen überall zu beobachten), sind sie fast zur Gänze von der Umwelt entkoppelt.

Das ermöglicht auch neue Formen der Manipulation. Künstlich erzeugte Videosequenzen von Politikern, die irgendetwas Schändliches tun, werden nicht auf ihre Echtheit überprüft. Wenn die Menschen dann auch noch ihr Wahlverhalten danach ausrichten, ist die Manipulation perfekt, weil sie von den Manipulatoren direkt in die echte Welt transferiert wird.

Das funktioniert aber nur, weil sehr viele Menschen inzwischen in einer Bequemlichkeitswelt leben. Sie sitzen daheim am Computer oder Handy, lassen sich alle benötigten Waren liefern und konsumieren viele Stunden am Tag das grenzenlose Angebot im Internet.
Die technische Entwicklung ist inzwischen so rasant, dass die Sozialforschung nicht mehr nachkommt und eventuelle Gefahren nicht mehr rechtzeitig erkannt werden.
Ein Beispiel sind Videos für Kinder am Handy. Sie sind so einfach und praktisch zu handhaben, dass immer mehr Eltern ihre Kinder damit ruhigstellen, um ihren eigenen, oft sehr stressigen Alltag bewältigen zu können. Das betrifft vor allem Eltern, die selbst schon in der Bequemlichkeitswelt aufgewachsen sind und gar nichts anderes mehr kennen.

Über bestimmte Programme (YouTube, Tiktok etc.) lässt man die Kinder Videos sehen. Im Laufe der letzten Jahre sind diese Videos immer kürzer geworden, weil die Kinder ihre Aufmerksamkeitsspanne verringert haben. Noch 2023 waren die Videos zwischen fünf und zehn Sekunden lang, heute stehen wir bei ca. 1,5 Sekunden.
In dieser Zeit lassen sich keine Inhalte mehr vermitteln, es sind einfach schnell wechselnde, bunte Bilder.
Die Anbieter dieser Bilder scannen die Verweildauer, bis ein Kind zum nächsten Video weiterwischt. Dieser Vorgang ist maximal vereinfacht worden, eine kleine Bewegung mit dem Finger reicht.
Wenn die Kinder schneller wegwischen, also ein 30-Sekunden-Video nur bis zur Sekunde 15 ansehen, dann werden ihnen nach einiger Zeit nur mehr 15-Sekunden-Videos angeboten.
Wie weit diese Entwicklung noch geht, lässt sich schwer abschätzen. Vielleicht ist es in ein paar Jahren nur mehr ein flimmernder Brei, der von den Kindern mit den Augen gefressen wird.
Besonders erstaunlich wäre das wohl nicht, in anderen Lebensbereichen gibt es diese Entwicklung auch. Ein Beispiel ist das Ultra-Fast-Shopping. Jugendliche gehen in ein Bekleidungsgeschäft und kaufen sich neue Sachen. Die werden kurz anprobiert und dann bezahlt. Nach dem Kauf werden sie entweder sofort entsorgt oder – im Idealfall – mit anderen getauscht.
Danach gehen sie wieder in das Geschäft und kaufen die nächsten Sachen. Das klingt absurd, ist aber das gängige Modell und auch Ziel der Bekleidungsindustrie. Sie verdient damit unfassbare Mengen an Geld.
Die Frage, woher die Jugendlichen das Geld dafür haben, ist sinnlos. Die Bekleidung wird unter maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur extrem billig hergestellt und kann daher auch sehr billig verkauft werden – eine Hose etwa ist um 4,90- Euro erhältlich, T-Shirts noch wesentlich billiger. Die Transportkosten sind niedrig und die Firmen müssen auch keine Entsorgungskosten zahlen, da dies auf die Allgemeinheit abgewälzt wird. Industrie und Handel befeuern diesen Trend noch zusätzlich, indem sie die Frequenz der neuen Kollektionen immer mehr verkürzen, ähnlich wie die Dauer der angesprochenen Videos. Wenn es früher eine jahreszeitlich gestaffelte Mode gab, bieten manche Hersteller inzwischen wöchentlich oder sogar noch öfter neue Kollektionen an.
Diese Kleidungsstücke müssen auch keinerlei Qualitätskriterien genügen, da sie sowieso nie getragen werden.
Die Ausbeutung der Menschen und der Natur spielt keine Rolle, der Trend geht derzeit sogar in die Gegenrichtung, gut gesteuert durch die Industrielobbies und in Folge durch Politik und Medien. Es sieht so aus, dass die Wegwerfgesellschaft gewonnen hat, zumindest vorübergehend.

Auf einer anderen Ebene setzt sich ein Pendant zum Zauberspiegel durch: wunscherfüllende KI-Programme, das berühmteste ist ChatGPT.
Man gibt eine Frage ein oder stellt eine Anforderung (in der Fachsprache „Prompt“) und schon bekommt man ein Ergebnis, oft binnen weniger Sekunden, in Zukunft wahrscheinlich noch kürzer.
Die Programme analysieren die Worte, durchsuchen das Internet und erstellen aufgrund von Rechenoperationen ein Ergebnis.
So kann man etwa eine Recherche durchführen oder sich eine Diplomarbeit schreiben lassen. Man muss lediglich ein wenig üben, bis man die Fragen optimal formuliert. Das ist aber auch das Einzige, was man lernen bzw. können muss.

Das ist unglaublich praktisch, vor allem weil es oft Wissenschaft simuliert. Darin liegt auch die größte Gefahr, denn es gibt genau genommen keine echte Recherche mehr, keine Überprüfung auf wahr und unwahr, denn die Rechenprogramme wissen nicht, was „wahr“ und „unwahr“ ist, auch bei „richtig“ und „falsch“ versagen sie. Sie können lediglich zählen, wie oft etwas im Internet vorkommt und dann statistisch nach Wahrscheinlichkeitsrechnung entscheiden. Aber selbst diese Entscheidung ist nur eine Rechenoperation.

In den neuen Zauberspiegeln wird nach wie vor nach der Wahrheit gesucht, allerdings unterliegt man der Herrschaft der Internetkonzerne, die für die Menschen bestimmen, was wahr und was falsch ist.
„Was du auf Google nicht findest, gibt es nicht“ heißt ein – inzwischen schon alter – Spruch. Es war zwar vor der Internetzeit auch nicht immer leicht etwas zu finden, aber damals hat man wenigsten noch verschiedene „Anbieter“ konsultiert – Bibliotheken, Fachjournale, Karteien etc. Man konnte vergleichen, sich ein Bild machen und dann differenziert entscheiden.
Heute schaut man sich die erste Seite einer Google-Recherche an und das war´s.
ChatGPT geht hier noch einen Schritt weiter, das Programm übernimmt die gesamte Suche samt Einschätzung der Ergebnisse. Es lässt keine Recherche mehr zu, keinen Blick nach links oder rechts.
Durch die gefällige Formulierung simulieren diese Programme, dass irgendwo eine Art Mensch sitzt, der das schreibt. Erstaunlich viele Menschen fallen darauf herein, eventuell weil die Bequemlichkeit keine anstrengende Suche nach Alternativen erlaubt, eventuell weil die Täuschung so gut gemacht ist: Wenn es so aussieht, als hätte es ein Mensch gemacht, dann glaubt man das auch gerne, allzu gerne.
Man vertraut der Maschine, weil sie vertrauenerweckend gebaut ist.
Man vertraut der Maschine, weil es so einfach ist.
Man vertraut der Maschine irgendwann, weil man gar nichts anderes mehr kennt.

Das lässt sich gut beim Wandern in der Natur zeigen. Früher musste man sich mit Karten orientieren, heute verwendet man ein Programm am Handy („bergfex“ ist eines davon). Das hat enorme Vorteile, denn am Handy kann ich ständig sehen, wo ich bin. Die Ortung ist auf wenige Meter genau, ich kann damit kleine Pfade und Abzweigungen finden, was äußerst praktisch ist. Es ist auch leichter sich nicht zu verirren, wenngleich dafür Restfähigkeiten von früher durchaus hilfreich sind.
Die Nachteile sehen wir erst, wenn es zu einer Störung kommt. Das Handy fällt runter und ist kaputt. Dann finden wir den Weg nicht mehr und können auch keine Hilfe holen, zumindest wenn wir alleine unterwegs sind oder kein Zweithandy dabeihaben.
Oder der Akku ist leer, oder es gibt keinen Empfang – in all diesen Fällen ergibt sich eine sofortige, manchmal ernste Krise. Die Bergrettungen können Lieder davon singen.
Eine Landkarte braucht keinen Strom und kein Internet. Wer einmal versucht hat im strömenden Regen den Touchscreen seines Handys zu bedienen, kennt die Schwächen des Systems. Eine Karte funktioniert immer, sofern man sie nicht verliert und lesen kann.

Es gibt auch Menschen, die nicht für die Bequemlichkeitsmaschine anfällig sind, aber es werden immer weniger und sind inzwischen so weit, dass sie keine Rolle mehr spielen, weil das Geld mit der Mehrheit verdient wird.
Das Geld, das die Maschinen am Laufen hält.