Der Heinz ist nicht mehr

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Bild: Heinz Kittenberger

Es muss Sommer 93 gewesen sein, als ich nach Liesing fuhr, weil dort ein geiles Fest stattfinden sollte. Ich bin bei Festen gerne früh dort, denn dann kann man interessante Menschen kennen lernen und langsam in das Fest hinein wachsen. Leider hatten mir meine Freunde noch dazu eine falsche Startzeit angegeben und so war ich tatsächlich zu früh dort.
Das Fest war eine House-Party und fand in einem Schießkeller statt. Ich wartete in der langen Auffahrt, als plötzlich ein hünenhafter blonder Typ mit etwas schlacksigem Gang vor mir stand und mich begrüßte.

Das war der Heinz und so hab ich ihn kennen gelernt. Wir entdeckten schnell, dass wir gemeinsame Freunde hatten und er lud mich gleich auf einen Stoli ein, denn er hatte gerade zufällig eine Flasche dabei, da er zu den Veranstaltern gehörte.
Beiderseitige Sympathie führte dazu, dass wir noch in diesem Sommer gemeinsam den Rathausplatz unsicher machten und Heinz im Winter 94 mit der Greifenstein-Runde mit nach Kroatien fuhr, über Silvester.

Heinz war das, was man „immer gut drauf“ nennt, und er war für jedes Fest zu haben. Mit der Zeit entdeckten wir, dass er da und dort ein klein wenig zu übertreiben pflegte. Er hatte eine Stahlbaufirma und war auf Inneneinrichtung spezialisiert. In diesem Job war er wirklich gut, bis auf die Zahlen, die mochte er gar nicht. Und Computer auch nicht. Also schrieb ich ihm mehrere Jahre lang die Angebote, und er schickte sie dann an die Auftraggeber.

Nebenbei jobbte er noch als Mitglied einer militärischen Spezialeinheit. Ich weiß bis heute nicht, was daran erfunden und was die Wahrheit war. Auf einer meiner Parties stand er plötzlich in der Eingangstür, mit Natojacke, Jeans, Sportschuhen und Baseball-Kappe und drückte mir eine Tasche in die Hand: „Bring die sofort in dein Schlafzimmer und versteck sie. Ich komm gerade von einem Auftrag und das soll niemand sehen.“
Die Tasche hatte einen offenen Zipp und so sah ich drin seltsame Dinge, wie eine Maschinenpistole mit Laser-Zielgerät und noch andere Waffen. So war der Heinz. Er war Profisurfer und Kickboxer, Fallschirmspringer und Weiberheld, Snowboarder und Trinker. Er war verrückt, liebenswert, manchmal unausstehlich und oft hilfsbereit.

Heinz erschien auf seinem eigenen Geburtstagsfest – nicht. Wir machten es beim Weihrauch und es war ein Überraschungsfest. Die größte Überraschung bestand darin, dass er nicht auftauchte. So blieb sein Platz leer und davor stand eine Torte. Für den Heinz, der nicht da war. Er meinte später, er wäre spontan nach Wr. Neustadt Fallschirmspringen gegangen und hätte sich dann mit Freunden versoffen. Und sein Handy hätte er nicht mit gehabt. Und auf die tolle Party, auf die ich ihn mitnehmen wollte, hätte er einfach vergessen.

Heinz war ein sehr begabter Mensch. Viele aus meinem bzw. unserem Freundeskreis haben Dinge, die er selbst hergestellt hat. Ich habe das Glück, gleich eine ganze Menge zu haben, einen Kasten, Couchtische, einen CD-Ständer und vor allem eine famose Sitzgarnitur.

ES gibt eine Menge Geschichten, die wir alle mit dem Heinz erlebt haben. Sie waren fast immer lustig und immer schräg.

Seine letzte berufliche Anstrengung war der Aufbau einer neuen Selbstverteidigungsmethode. Das Konzept war toll, seine Art zu unterrichten war professionell und gut. Leider konnte er es nicht mehr vermarkten, er war schon zu sehr in eine Welt hinüber gewandert, die nicht mehr die seiner Mitmenschen war. Diese nahmen ihn nicht mehr oder nur mehr zum Teil ernst. Hin und wieder blitzten seine Talente auf und es fanden Begegnungen statt. Leider nur allzu oft flüchtete er in verrückte Geschichten, die keiner mehr glaubte und die ihn als Mensch von uns abrücken ließen. Ob er dies selbst wollte, werden wir nie erfahren. Der Heinz konnte auch sehr verschlossen sein und gut abblocken, er wechselte einfach das Thema oder meinte: „Ich bin ein Blondchen, ich darf das.“
So konnte er seine letzte wirklich gute Idee nicht mehr umsetzen und driftete immer mehr in eine Welt, in die ihm keiner folgen wollte und konnte. Das Fluchtvehikel war letztlich der Alkohol und es war nur mehr selten der Fall, dass man ihn nüchtern sah. Ich selbst habe ihn seit meinem letzten großen Geburtstagsfest nicht mehr gesehen, das war vor fünf Jahren.

Bei unseren Telefonaten hatte ich nie das Gefühl, noch an ihn heranzukommen. Das war auch früher schwierig, aber nicht unmöglich. Seine Themen waren einseitig und immer die gleichen. Sie wiederholten sich und es war schwierig, das Interesse daran auch nur ein wenig aufrecht zu erhalten.

Die meisten Freunde hatten sich schon von ihm entfernt, und das aus gutem Grund. Heinz ließ sich nicht helfen, bis zum Schluss nicht. Er lebte ein einsames Leben, das immer einsamer wurde, mit Hund und alter Mutter, mit seinen Geschichten aus der Vergangenheit, die leider keine Zukunft hatten. In einem schönen Haus, gut gesichert gegen Eindringlinge, so wie der Heinz selbst auch.

Er ist in seinem Haus gestorben, in seiner Welt, zwischen Design und Alkohol.

Ich werde ihn vermissen, Heinz das Blondchen, Heinz den lustigen Kumpel, den Hundebesitzer, den kreativen Menschen, den Sportler, sogar den Aufschneider und Weiberheld.

Er geht uns voraus und irgendwann werden wir ihm folgen. Mach´s gut, lieber Heinz.

Guido geht shoppen

…das ist dramaturgisch irgendwo zwischen „Lola rennt“ und „The Day After“ anzusiedeln.

Heutiges Transportmittel: Fahrrad.
Temperatur: angenehm.
Erstes Ziel: die Visitkartendruckerei meines Vertrauens. Oder besser: die, zu der ich bis jetzt ein paar Mal hingegangen bin. Der neue Mitarbeiter versprach, meine Karten tip-top zu setzen. Erstens weiß dort die rechte Hand nicht, was die linke tut („im Expedit find ich amal nix, ich verbind sie zum Druck“) und der junge Mann hatte meinen Namen ca. 0,7 mm an den Rand gedruckt. Leider wurde den Mitarbeitern scheinbar eingeprügelt, dass sie ja keine Fehler zugeben dürfen. Sie schauen auf die fehlerhaft gedruckten Karten, leicht betreten, und meinen: das ist eh okay, das ist ganz normal so…
Wie auch immer, ich muss noch einmal hinfahren, in ein paar Tagen, um die dann frisch ausgedruckten und hoffentlich besser gemachten Karten zu holen.

Zweiter Stop: beim GEOX-Shop in der Alser Straße. Meine Schuhbänder sind durchgewetzt und da die immer reissen, wenn ich es gerade überhaupt nicht brauchen kann, will ich neue kaufen. Ich betrete den Laden und störe einen Verkäufer, der gerade mit einer Verkäuferin hinter der Kasse plaudert:
„Grüß Gott, ich brauche für meine Geox-Schuhe neue Schuhbänder.“
Betretenes Schweigen.
Der Verkäufer schaut die Verkäuferin an.
Die Verkäuferin schaut den Verkäufer an.
Beide beginnen zu lachen, immer lauter, fast schon hysterisch.
Ich verstehe irgendwie nichts, kann auch nicht mitlachen. Dann werde ich, sobald die beiden sich die Tränen aus den Augen gewischt haben, aufgeklärt:
„Wir haben doch keine SCHUH-BÄN-DER“ (hi hi hi…)!!!

Ich blicke mich um. Was ist passiert? Bin ich des Wahnsinns fette Beute, im letzten Stadium vor der Einlieferung, wie Friedrich Nietzsche, als er in Turin ein Fiaker-Pferd weinend umarmte und daraufhin die Männer mit der Weißen Jacke kamen?
War ich gar nicht in einem Schuhgeschäft, sondern vielleicht bei einem Fleischhauer? Oder in der Moloko-Milchbar? War das Geschäft nur als Schuhgeschäft getarnt? Vielleicht ein Sado-Maso-Porno-Ring? Obwohl, dann hätten sie wenigstens Riemen aus Leder für mich gehabt.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass es wesentlich profaner war: „Wir haben so was überhaupt nicht, nein, auch nicht für Geox-Schuhe. Wir produzieren so was gar nicht“ meinte der Verkäufer mit voll Stolz geschwellter Brust. Ich soll nebenan zum DELKA gehen, dort würden sie alle hinschicken, die mit so seltsamen Anfragen in ein Schuhgeschäft kommen. Schuhbänder, ha!

Leicht beschämt schlich ich von Dannen – wie konnte mir auch nur so ein Faux pas passieren? In einem Schuhgeschäft nach Schuhbändern fragen, dz dz dz…

Ich besorgte mir beim Delka die notwendigen Schuhbänder („die komische Länge für 7-Loch hamma aber nicht in beige, da müssens kürzere nehmen“) und fuhr zur dritten Station, dem Schrauben-Spezialgeschäft Clausen in der Neubaugasse. Die ältere Dame in dem Steinzeitladen war urlaubsreif wie ein Schweizerhauskellner Ende Oktober und entsprechend entspannt. Aber sie hatte die notwendigen Beilagscheiben und Sprengringe und ich verließ schnell-schnell wieder das Geschäft, während sie hinter mir herbrummte („scho wieder alles in der falschen Kistn…“)

Letzte Station, der Zanoni. Ein herrlicher Septembernachmittag, da kommt so ein Stanitzel (heißt jetzt nach der bundesdeutschen Invasion „Tüte“) gerade richtig. Der italienische Verkäufer ist super, ich bekomme eine Riesenportion Malaga und After Eight („Prego“) und beim Hinausgehen ein freundliches „Ciao“.

Eigentlich ein guter Tag. Nur die Lust am Shopping anderer Leute werde ich wohl nie verstehen.

57er Chevy, blade Gitarrn und Zaunpinkeln

Das Deja-vu

Legendär die Szene am Ostbahn-IX-Platz im Sommer vor 20 Jahren. Damals spielte der Ostbahnkurti mit der Chefpartie und die Organisation war genauso mies wie diesmal. Derselbe Veranstalter? Wäre möglich. Jedenfalls gab es damals schon keine Häusln, was für die Damen elendslange Schlangen bedeutete und eine Art überirdische Körperbeherrschung und -früherkennung erforderte.
Die Herren hatten es leichter, sie gingen zu einer großen Böschung und pinkelten einfach hinunter in die Buschreihe. Feine Sache, bis auf den leicht alkoholisierten Herrn, der ein wenig die Balance verlor und die Böschung hinunter stürzte, hinein in besagte, gut durchtränkte Büsche. Gratulation im Nachhinein.

Die Organisation

Diesmal gab es keine Böschung, aber auch keine Klos. Es war tatsächlich nur eine Handvoll Mobilklos vorhanden und die waren beim Eingang aufgestellt, genau am weitesten Punkt von der Bühne entfernt. Da tausende Menschen dicht gedrängt standen, keine ganz einfache Koordinationstätigkeit.

Glücklicherweise mussten die Herren nicht so oft aufs Klo, weil auch der Biernachschub überhaupt nicht funktionierte. Die leicht überforderten Ausschschenksklaven hatten eine Handvoll Durchfluss-Kühlanlagen, aus denen in erster Linie Schaum rauskam. Offensichtlich wussten sie nicht, dass man die Fässer trotzdem einen Tag vorher anliefern und ruhen lassen muss. Auch ein wenig Kühlung hätte dem Bier nicht geschadet, es war lauwarm mit wenig Kohlensäure.
Die armen Damen und Herren hatten zudem nur eine Handkassa in Form einer Blechbüchse, in der alles Wechselgeld ungeordnet herum lag. Ewiges Stöbern war die Folge, ganz abgesehen davon dass sie untereinander nicht organisiert waren. Dabei wurden gerade bei diesem Konzert die meisten Karten im Vorverkauf ausgegeben und der Veranstalter wusste sehr genau, wie viele (sehr viele!) Menschen kommen würden. Und wenn er nicht ganz deppat ist, dann wusste er auch, dass Ostbahnkurti-Fans jede Menge Bier und Spritzwein trinken (Thomy: „Am besten ich nehm gleich vier Bier“ – Ich: „Gut, dann nehm ich auch vier…“).
Auch die Rückgabe der Pfandbecher war eine Katastrophe, denn dafür musste man sich genauso lange anstellen wie für ein Bier.

Auch am Eingang gab es Stress. Alles dauerte ewig, bis auf das Schlange-Bilden. Die wuchs schnell und es wurde klar: der Veranstalter hatte offensichtlich auch hier gespart („Oh, so viele Leute, und die wollen alle jetzt vor Beginn des Konzerts rein…“) oder ist einfach unfähig.

Sehr fein auch der Hinweis auf der Eintrittskarte, dass man nicht mit Stöckelschuhen zum Konzert kommen darf. Also:
1.) Ostbahnkurtifans tragen eher selten Stöckelschuhe beim Konzert.
2.) Schon gar nicht, wenn wettermäßig ein Inferno angekündigt ist
3.) Es war weder Zeit noch Möglichkeit, das am Eingang zu kontrollieren.
4.) Die Kaiserwiese hat keinen Parkettboden. Deswegen heißt sie auch „Wiese“ und nicht „Salon“.

Die netten, schlecht bezahlten und als Security verkleideten Studenten, die die Zäune absicherten, konnten irgendwann den Andrang aus Harndrang nicht mehr zurückweisen und erkannten, dass man einen gerade an den Zaun pinkelnden Herrn in Ostbahnkurti-Stimmung besser nicht von hinten zur Ordnung weist. Dann dreht er sich nämlich um, während dem Pinkeln. So geschah es und die Reihe der Zaunpinkler wurde immer größer. Es war übrigens kein Zaun, sondern ein großmaschiges Gitter und somit eher eine Art Orientierungshilfe, um nicht irgendwo hin zu lullen. Was auch irgendwie egal gewesen wäre, weil es ohnehin in Strömen regnete.
Das wird übrigens lustig für unsere Nachfolger am Tag danach, beim zweiten Konzert. Da wird es nämlich trocken sein. Aber vielleicht treiben sie ja noch irgendwo ein paar Klos auf. Rechts vorne gab es zwar einen Klowagen, aber soll sich der gesamte linke Teil vor der Bühne ganz nach rechts durchquetschen? Bei 50 Euro mal 10.000 macht das eine halbe Million Einnahme, da sollte sich die Miete ausgehen.

Wer sich übrigens beim zweiten Konzert die 50 Euro Eintritt ersparen will: Der besagte Zaun war nicht abgedeckt und die berühmten Zaungäste konnten das Konzert von draußen in der absolut gleichen Qualität wie die zahlenden Gäste ein paar Meter weiter genießen. Mit selbst mitgebrachtem Bier, ohne Schlange stehen.
Generell war aber der Standort Kaiserwiese gut gewählt: die richtige Größe, gute Sicht auf die Bühne, U-Bahn daneben, gute Akustigk – da gibt es nichts zu meckern.

Des Wetter wird umschlogn, do ziagt si schee wos zsam

Ein strahlend schöner, heißer Sommertag. Dann ab 17 Uhr starker Wind und pünktlich zu Konzertbeginn fing es zu regnen an. Auf der Facebook-Seite wurde gerätselt, ob das Konzert abgesagt wird, um 18 Uhr sollte es angeblich eine Entscheidung des Veranstalters geben. Ob es sie offiziell gab, weiß ich nicht, aber das Konzert fand statt.
Fast alle Menschen waren vorgewarnt und hatten Regenpellarinen mit. Ich hatte die Grundausstattung für Ostbahnkurti-Konzerte mit (Leiberl, fette alte Lederjacke, Stiefel, Jeans, Wayfarer), aber nur die Schuhe kamen zur Geltung, weil die Sonnenbrille sinnlos war und die Regenjacke den Rest zuhüllte.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Es wurde erstaunlich frisch, vor allem gegen Ende des Konzerts, als es bereits 3,5 Stunden durchregnete. Nicht extrem stark, aber das reichte. Nur wenige Hartgesottene (bzw. Weichgesoffene) waren in kurzer Hose und T-Shirt gekommen. Thomy hatte mit Converse die deutlich falsche Schuhwahl getroffen. Früher heimgehen? Das war für so ziemlich keinen der mehr als 10.000 BesucherInnen (laut ORF) eine Option.

Das Publikum

Der Altersschnitt lag sicher über 40, jede Menge Silberrücken und so ziemlich niemand unter 25, vielleicht ein paar der Söhne und Töchter der alten Kurti-Fans. Textfest bis fast ins Detail. Gute Stimmung trotz miesem Wetter. Der gut gelaunte Kurti und die tollen Musiker waren nicht allein für den Erfolg eines Konzerts verantwortlich, das in die Wiener Rock-Geschichte eingehen wird (zumindest für Ostbahnkurti-Fans). 3,5 Stunden im Regen durchhalten, das ist nicht selbstverständlich.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Wenig Drängerei trotz dichtem Bewuchs – das gesetztere Alter zeigt Wirkung.

Kurti, Band und Programm

Gutgelaunt war er, der Herr Ostbahn. Natürlich merkt man ihm an, dass 25 Jahre vergangen sind (ich war 1987 auf meinem ersten Kurti-Konzert). Auch an der Band ist das Alter nicht spurlos vorüber gegangen. Wenn man jedoch die Augen schloss, dann war das der alte Dr. Kurt Ostbahn und die Chefpartie. Plus der Kombo, mit der ich aber schon seinerzeit nicht mehr viel anfangen konnte. Egal – allesamt gute Musiker, und sie waren alle da, auf der Bühne hat es fast gewurlt: Josef Havlicek, Lilli Marschall, Mario Adretti, Wild Willy Brunner und der geniale Leopold „Prinz“ Karasek, den ich lang nicht erkannt habe: graue kurze Haare, seinerzeit lange blonde Federn. Großartig auch Karl Horak, der eigentlich Leo Bei heißt, so wie auch die anderen Musiker in der Chefpartie immer mit ihrem Künstlernamen aufgetreten sind. Und es hat niemand je gestört, die Inszenierung war stets perfekt.

Aus meiner Sicht ließ auch das Programm nichts zu wünschen übrig. Gefühlt hat mir keiner der Klassiker gefehlt und ich bin selbst erstaunt, wie ich bei Liedern textfest bin, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gehört habe. Gefehlt hat mir lediglich der „Stern vom Praterstern“, den ich eigentlich erwartet hätte, denn die Kaiserwiese liegt direkt daneben. Und „Chili con Carne“ hat mir auch gefehlt.
„Das Konzert ist hiermit offiziell zu Ende… oba mir spüln eh glei weida“ – der Kurti weiß, was er seinen alten Fans schuldig ist und dass er gar nicht erst probieren muss, ohne entsprechende Zugabenmengen davonzukommen.
Legendär die Gröhlstrecke bei „Überstar“, die das Publikum auch diesmal viele Minuten lang durchhielt, während der Kurti sich eine kleine Erfrischung gönnte. Und am Schluss natürlich „Tequila Sunrise“, einer der Höhepunkte, schlichtweg genial die Kombi aus Kurti, Kombo, Chefpartie und Publikum.

„Wenn die Musik vurbei is“

Im kurzen Interview heute in der ZIB hat der Kurti angekündigt, dass dies ein einmaliges Ereignis war (also halt die zwei Auftritte gestern und heute), während der Veranstalter natürlich davon schwärmt, das jährlich zu machen.
Hoffentlich hält der Kurti sein Wort.

Wenn einer eine Reise tut…

…dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist zugegeben erstens nicht gegendert, zweitens nicht neu, drittens nicht von mir und viertens verwende sogar ich ihn nicht das erste Mal. Und? Wurscht! Besser ich fange gleich an:

Es sind die folgenschweren Entscheidungen, die unser Leben prägen. Und den Urlaub. Eine davon war die Entscheidung, statt über Zagreb besser über Ljubljana und Rijeka zu fahren. Unser Ziel war übrigens ein kleiner Ort auf der Vokalkaiserinsel Krk. Der Grund war pure Nostalgie. Und Hunger. Wir wollten die sensationellen Krapfen am Trojane-Pass besuchen und außerdem durch Knezak fahren.

Für diejenigen, die beides nicht kennen, folgt hier eine kurze Erklärung. Ich war das letzte Mal Sommer 1996 in Kroatien und hatte es als schönes Land mit tollen Tauchmöglichkeiten in Erinnerung.
Die Anreise dorthin war immer schon ein wenig abenteuerlich. Wenn man die 1980er Jahre außer acht lässt, als die Südautobahn noch hinter Seebenstein zu enden pflegte und man bis Jugoslawien oder gar Griechenland auf der Autoput 17 Schutzengeln brauchte, dann begann mein Abenteuer im Sommer 1993 mit den neuen Staaten Slowenien und Kroatien und ihren Besonderheiten.
Um nach Istrien zu kommen, fuhr man über Graz bis Spielfeld und dann noch bis Maribor auf der Autobahn. Danach begann und beginnt bis heute der Balkan. Erst kurz nach Laibach gab es dann wieder Autobahn, und die ging nur bis Postojna.
Vor Laibach jedoch galt es den Trojane-Pass zu überwinden. Das war und ist jetzt nicht der Großglockner, aber es handelte sich um eine Landstraße, auf der der gesamte Verkehr dahinrollte. Viel Verkehr, viele Kurven und wenige Überholmöglichkeiten. Am besten fuhr man diese Strecke in der Nacht, denn da konnte man die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos sehen.
Wer die Passhöhe erklommen hatte, konnte bei einer Art früher Evolutionsstufe einer Autobahnraststätte Station machen und dort gab und gibt es die legendären „Trojanski Krofi“. Das sind XXL-Krapfen mit Marillenmarmelade oder Schokolade. Sie sind superfrisch und etwa doppelt so groß wie unsere Krapfen. Sie sehen sonst ganz normal aus, schmecken hervorragend, sind immer ganz frisch gemacht und um 1,20 Euro wohlfeil. Wer sechs Stück nimmt und einen Karton bezahlt, bekommt einen siebenten Krapfen gratis dazu.
Als Plus gibt es noch eine sensationell schnelle Bedienung und ein sauberes Häusl gratis.

Gut gestärkt ging es weiter und bei Postojna runter von der Autobahn, die von dort weiter nach Koper führt.
Nur wenige Minuten später im kleinen Ort Pivka gibt es eine scharfe Rechtskurve, bei der man als Auskenner geradeaus weiter fährt, Richtung Knezak.
Ich weiß nicht genau warum, aber diese Strecke wählten wir schon 1993 bei unserer ersten Fahrt und sie blieb mir in dauerhafter Erinnerung. Man fährt damit einen Abschneider, der sowohl Zeit als auch Kilometer spart. Aber das allein ist es nicht, was die Faszination dieser Strecke ausmacht. Es ist die Gegend, der Karst. Ihn sieht und erlebt man auf der normalen Strecke nicht, dazu muss man ausscheren, den kleinen, verwinkelten Weg nehmen, sich eine Auszeit vom Touristenstrom nehmen.
Der Karst ist eine faszinierende Landschaft. Er ist hügelig und trocken, mit Wiesen und kleinen Wäldchen und Buschland und Steinen. Der Karst ist nicht sehr fruchtbar und will erarbeitet werden, was übrigens auch für die Straße gilt. Sie ist genauso eigenwillig wie die Landschaft und fügt sich gut in sie ein. Es gibt auf dieser Strecke, die man in gut zwanzig Minuten durchfahren hat, keine einzige nennenswerte Gerade. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Kurven, die ständig leicht bergauf und bergab führen, unübersichtlich sind und daher das Überholen nicht erlauben.
Vom Karst braucht man quasi für alles eine Erlaubnis, er ist eine Art stiller Herrscher, dem man sich unterzuordnen hat. Wasser ist nicht im klassischen Sinne rar, sondern in sich ein Mysterium. Es gibt im Karst Seen, die alle paar Jahre verschwinden, binnen weniger Stunden. Und dann gibt es sie einfach nicht mehr. Und nach einiger Zeit kommen sie wieder, niemand weiß genau warum. Der Karst ist eigenwillig, er ist quasi der Esel unter den Landschaften. Wenn er nicht will, dann geht gar nichts. Er zwingt sogar die Autofahrer, sich seinem Rhythmus zu unterwerfen. Aber das tut man gerne, denn der Karst belohnt auch. Er tut das nicht reichlich und somit sind die Belohnungen auch mehr wert.
Die Menschen, die dort leben, haben sich dem Karst angepasst. Klassische Profitgeier, die der Landschaft das Letzte herauspressen wollen, gibt es dort nicht, denn der Karst würde sie schnell vertreiben. Nicht weil er nichts zu bieten hat, sondern weil er sich den Gesetzmäßigkeiten der Menschen widersetzt. Er ist nicht planbar, eben eigenwillig.
So wirkt diese Landschaft mystisch, ein bisschen geheimnisvoll, sehr konkret und doch bewegt man sich auf der Straße wie ein tanzendes Irrlicht, vor allem in der Nacht oder in der Dämmerung, wenn der Karst links und rechts nur zu erahnen ist. Wie rasende Derwische preschten wir durch den Karst, die wilde Jagd, Kosaken gewissermaßen, oder besser: Knezaken!
Kurz vor Knezak gibt es eine Kurve, hinter der ein Friedhof liegt plus eine kleine Kirche. Rundherum ist eigentlich nichts, und der Friedhof selbst ist von einer Mauer umzäunt. Die Autofahrer, die diese Kurve nicht packen, kann man gleich direkt über die Mauer werfen, an der sie kleben. Man ist im Karst, da ist alles anders.
Der Ort Knezak ist für sich unspektakulär, wirkt ein wenig verfallen, ruhig und natürlich ist die Straße durch den Ort ebenfalls kurvig. Im Karst weiß man irgendwie nie, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Knezak liegt in der Mitte und ist eigentlich nur deswegen interessant, weil dorthin die Wegweise führen. Es wirkt, als hätte es keine Vergangenheit und keine Zukunft.
Irgendjemand, der damals schon ortskundig war, hat uns den Abschneider über Knezak gezeigt, wahrscheinlich Hannes Hantl.
Immer wieder raunten wir uns an langen Abenden, wenn die Kroatien-Geschichten ausgepackt wurden, den Namen „Knezak“ zu. Es hat etwas Wissendes, Verschwörerisches – wer über Knezak fuhr, der war irgendwie dabei.
Wir sind auch einmal nicht über Knezak gefahren, aber das war irgendwie billig, fad sowieso und wir haben das auch nie wieder getan. Einmal Knezak – immer Knezak! Wir hatten zwar nie vor, uns „Knezakianer“ zu nennen oder Aufkleber auf unseren Autos anzubringen, aber irgendwie war trotzdem immer klar: Knezak rules!
Wir sind übrigens nie in Knezak stehen geblieben.

Wenn man nach einigen Serpentinen wieder hinunter in das gewöhnliche Land kommt, trifft man auf die Hauptstraße und findet sich im Ort Illica Bistrica. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur kroatischen Grenze und wir fanden uns auf einmal mitten im Ort in einer Autoschlange wieder. Ich überlegte, ob hinter der nächsten Kurve eine Ampel wäre, konnte mich aber an keine erinnern. Da uns der Gegenverkehr immer schubweise entgegen kam, vermuteten wir bald eine Baustelle, die demnächst auftauchen würde, so mit Ampel und blockweiser Abfertigung. Wir wussten ja, dass es bis zur Grenze noch etwa zehn Kilometer waren und das daher nicht der Rückstau von dort sein konnte.
Blöderweise war auch hinter der nächsten Kurve keine Baustelle und auch nicht hinter der übernächsten. Wir standen nur herum, es war sauheiß, vor uns Piefke, hinter uns Italiener, was man sich so eigentlich nicht wünscht. Manchmal ging es 100 oder auch 300 Meter vorwärts, dann wieder Stillstand.
Peter erwog, Blumen pflücken zu gehen, Mario fand eine Kinder-DVD für sein Navi, das übrigens alle europäischen Länder eingespeichert hat außer Slowenien und Kroatien. Eine Ausweichstrecke zu wählen, war also nicht möglich, ganz abgesehen davon, dass wir ja hofften, dass jeweils hinter der nächsten Kurve der Stau zu Ende wäre, zu Ende sein müsste.
Irgendwann dämmerte uns, dass es sich tatsächlich um den Grenzrückstau handeln musste und es wurde klar, dass wir einen Samstag gewählt hatten, an dem in Deutschland und Italien Ferien begannen bzw. endeten. Zehn Kilometer Schritttempo. Besonders weh tun die Motorradfahrer, die locker nach vor fahren. Aber das geht nicht mit Tauchgepäck, leider.
Irgendwann nach gefühlten Äonen erreichten wir den Grenzübergang. Mario beschleunigte zügig in unsere neue kroatische Freiheit, die neu gebaute Autobahn wirkte beflügelnd, das Meer war in Sicht, die Erlösung war da.

Bis zur nächsten Kurve. Dann waren wir im Stau vor der Mautstelle, dreispurig, mit Piefke und Italienern. Es war zum verzweifeln. Die Zeit verging nicht und nicht, aber irgendwann war auch das geschafft. Mario beschleunigte noch zügiger Richtung Stadtautobahn Rijeka und meinte scherzend, wir könnten ja in Opatja abfahren und dann die Küstenstraße wählen („so wie früher“). Die Küstenstraße! Was für eine Schnapsidee, dort kriecht man dann hinter ein paar Urlaubern her, die gerade vom Sonnenbaden kommen.
Da bleiben wir natürlich auf der Autobahn. Die Stadtautobahn von Rijeka ist quasi deren Südost-Tangente. Leider ist sie auch so verstaut wie die Südost-Tangente, und wir standen schon wieder. Diesmal war das ein richtig fetter Stau mit viel Piefke und Italienern plus einer Menge genervter Einheimischer. Vor uns ein riesiges Wohnmobil, neben uns ein riesiges Wohnmobil, hinter uns ein riesiges Wohnmobil. Unser Ziel rückte in weite Ferne.
Dann forderte ich abzufahren. Es war gerade eine Abfahrt da und ich wollte einfach nicht mehr im Stau stehen. Besser schlecht gefahren als gut gestanden. Peter drohte mir mit Steinigung („mindestens“), falls uns die Abfahrt in einer Schleife wieder hinten zum Ende des Staus führen würde. Ich akzeptierte das.

Glücklicherweise erreichen wir so tatsächlich die Küstenstraße und nach einiger Zeit die Brücke nach Krk. Nach acht Stunden Fahrt (normal: fünf bis fünfeinhalb) war das Martyrium zu Ende. Glaubten wir.
Da wir von faszinierender Schlauheit reich beschenkt waren, hatten wir sowohl ein Tauchpaket als auch ein tolles Apartement reserviert, beides bei Silvia, der Assistentin der lokalen Tauchschule mit dem ausgefallenen Namen „Divesport“. Der Ort heißt Kornic und ist eine Art Feriensiedlung mit Strand. Dort befindet sich auch die Basis, gleich neben einem Restaurant.
Der neue Kreuzweg begann für uns, als wir zu unserem Apartment fuhren. Die nette Dame von der Tauchbasis schickte uns zu einer netten Dame der Agentur, die nicht da war, sondern nur ihr Assistent (auch nett) und der wiederum schickte uns zu der netten Dame, die unsere Zimmerwirtin war. Gebucht hatten wir ein Apartement mit Wohnzimmer (plus einem Zusatzbett) und zwei Schlafzimmern. Bekommen haben wir ein Apartment mit Wohnzimmer plus Zusatzbett und einem Schlafzimmer.
Ein anderes hätte sie nicht, meinte die nette Dame, und es wäre Hauptsaison und alles übervoll belegt.

Also zurück zur Tauchbasis, denn die letzte der netten Damen hatte keine Ahnung von unseren Buchungen und war somit nicht zuständig. Zurück zum Start, wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht, nach acht Stunden Autofahrt.
„Ui, das kann jetzt dauern“ meinte Silvia von der Tauchbasis. So war es auch, aber irgendwann hatten wir zwar kein neues Apartment, aber immerhin ein zusätzliches Zimmer.
Leider war dieses Zimmer einige wenige Autominuten und einige viele Gehminuten vom Apartment entfernt und selbst nur eine Notkammer, welche die nette Dame von der Agentur irgendwie in einem privaten Ferienhaus organisiert hatte. Dort wohnte eine sehr nette Familie aus Zagreb, die so wie die meisten hier auch Zimmer vermietet. Der Raum war winzig, aber viel mehr als ein Bett brauchte ich ja auch nicht, ich war schließlich zum Tauchen da und nicht zum Schlafen. Das Zimmer lag im zweiten Stock, ganz im Gegensatz zum Badeklo, das im Erdgeschoß lag, echt winzig und vor allem sensationell verbaut war. Irgendwie hatte man den Abfluss zum Kanal falsch berechnet und so befand sich die Klomuschel direkt neben der Wand. Da das gesamte Bad unter der Treppe eingebaut war, war die Decke schräg und ich darf voller Stolz mitteilen, dass ich jetzt die Technik des Beine-überkreuz-Scheißens perfekt beherrsche. Mit nur vier Tagen Übung! Wer weiß, wofür ich das in Zukunft brauchen kann.

Ich hatte ein so kleines Bad schon einmal gesehen, und zwar in einem U-Boot-Film aus dem Weltkrieg. Aus dem ersten Weltkrieg, genauer gesagt.

Ich bleibe noch kurz beim Tauchen. Das ist im Norden Kroatiens immer so lala. Es gibt ein paar nette Wracks (Lina, Peltastis, Baron Gautsch…), von denen wir diesmal wegen Reichweitemangel nur die Peltastis erreichen konnten (Autofahrt quer über Krk). Für alle anderen und noch weitere gute Plätze war das Boot einfach nicht schnell genug. Die Tauchbasis besitzt zwar ein Speedboot, mit dem kann aber nur eine Handvoll TaucherInnen fahren und somit ist es auch eher witzlos. Die von der Basis gecharterten Boote sind alte Kähne mit schwachen Motoren und fahren vielleicht 5-10 km/h. Von Krk direkt hinüber nach Crès zu einer Steilwand braucht man 1,5 Stunden. Eine Steilwand ist nett, aber kennst du eine, kennst du alle.
Zusätzlich waren wir in der Hochsaison dort und die Boote waren notorisch überladen. Schattensitzplätze gab es etwa fünf für insgesamt 25 Personen, entsprechend wenig Platz gab es auch zum Umziehen.
Dafür hatten wir sehr gutes Wetter und können die Summe der fünf Tage positiv bilanzieren.
Enorm viel zu dieser Bilanz trägt das Abendessen bei, das wir an vier von fünf Tagen im „Saloon“ zu uns nahmen. Das Lokal im Ort Baska würde einem gar nicht auffallen, aber darum geht es auch nicht.
Wer am Abend vor dem Saloon vorbei fährt, der sieht eine Menschentraube draußen stehen. Das schreckt ab, aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass es da drinnen offensichtlich etwas gibt, das das Warten lohnt.

Wir waren erst am zweiten Abend dort, etwas früher und somit erlebten wir etwas ganz Außergewöhnliches. Ein wirklich kräftiger Herr so um die 50 kommt auf uns zu und weiß aus irgend einem Grund, dass wir Deutsch sprechen. Er ruft mit lauter Stimme „Drei Personen?“, wir nicken kurz und er führt uns sofort zu einem Tisch. Wir scheinen Glück zu haben, denn das ganze Lokal ist voll. Nach einiger Zeit und durch Beobachtung des Wirts und des Treibens eröffnet sich ein fast magischer Mechanismus. Obwohl nichts frei zu sein scheint, weist der Chef keinen Gast ab. Und es kommen ständig Gäste. Es gibt noch 2-3 leere, weil reservierte Tische, aber alle anderen sind voll. Und trotzdem bekommen ständig Gäste einen Tisch. Wie er das genau macht, habe ich nicht herausfinden können. Es ist aber klar, dass er jeden Tisch pro Abend mehrfach besetzt. Die Gäste haben sich daran gewöhnt, nicht stundenlang sitzen zu bleiben. Es gibt aber kein Drängen, man kann bleiben so lange man will, der Wirt würde niemals auch nur einen schrägen Blick auf Gäste werfen, die nach einem guten Essen noch länger da bleiben. Das ist wie in guten Wiener Kaffeehäusern.
Das allein war schon faszinierend, aber bei weitem noch nicht alles.

Die treibende Kraft ist der Wirt. Er rennt die ganze Zeit herum, hat auf Wienerisch gesagt eine „Wampn“ und wirkt, als würde es ihn jede Minute mit Herzinfarkt oder Schlaganfall umwerfen. Vielleicht ist das auch irgendwann einmal so, aber bis dorthin ist er Wirt mit Leib und Seele. Er hat Spaß daran den Menschen einen Platz in seinem Lokal zu verschaffen, sich dann ständig und gut um sie zu kümmern und dazu noch den ganzen Betrieb zu organisieren. Er ist freundlich zu den Gästen und sehr bestimmt zu seinen Angestellten. Die wiederum arbeiten wie verrückt, das ist sicher einer der anstrengendsten Jobs auf ganz Krk. Wahrscheinlich auch einer der bestbezahlten.
Der Wirt spricht mehrere Sprachen, zumindest Kroatisch (und damit auch Bosnisch, Serbisch, Slowenisch, Russisch etc.), Deutsch, Italienisch und Englisch. Wahrscheinlich noch ein paar mehr.
Wenn es ihn einmal umprackt, dann weiß er genau, wofür er gelebt hat. Der Beruf Wirt ist seine Berufung. Ich habe selten jemand getroffen, bei dem dies mehr zutrifft. Er weiß wofür er da ist und wie man den Laden schupft. Sollten alle anderen Lokale aufgrund eines massiven Einbruchs des Tourismusgeschäfts pleite gehen, der Saloon wird bestehen. So lange es den Wirt gibt, denn ich habe auch noch selten ein Lokal gesehen, bei dem so viel von der Person und dem Engagement des Wirts abhängt.
Er ist so und er kann gar nicht anders.

Wer auch nur kurze Zeit warten muss, bekommt auf der Stelle einen Begrüßungsschnaps. Und die Damen einen Likör. Und die Kinder einen Schlecker. Seine Schleckergrenze liegt übrigens bei 17 Jahren, alle darüber bekommen einen Schnaps. Das führt zu lustigen Begebenheiten, denn es kam etwa eine bundesdeutsche Familie vom Typ „Wohnmobil aus Wuppertal“ und musste kurz vor dem Lokal warten. Der Wirt fragte die beiden baumlangen Söhne, wie alt sie wären. Der eine knapp 17 und der andere ein Jahr jünger. Dann bekamen die beiden feierlich je einen Schlecker und den sozialen Tod gleich mitgeliefert. Aber so ist er, der Wirt.
Er hat auch ein unglaubliches Gedächtnis, denn er merkt sich, wer am Vorabend da war und zu wievielt man war. Wir hatten ständig den Eindruck, privilegiert zu sein, sozusagen ganz besonders willkommene Gäste. Vor allem am zweiten Abend, als ich durch die fette Traube durchmarschierte, seinen Blick aufnahm und ihm „drei“ zurief, mit drei erhobenen Fingern als Verstärkung. Keine zehn Sekunden später saß ich an einem Zweiertisch mit Zusatzsessel. Hätte ich „fünf“ gesagt, wäre uns eine lange Wartezeit und eine Menge Schnaps bevorgestanden.
Der Wirt trägt nämlich ständig Schnaps vor das Lokal, das man sich als komplett offen vorstellen darf. Die Tische stehen direkt neben dem Gehsteig, nur durch ein hüfthohes Mäuerchen getrennt, auf dem die leeren Schnapsgläser abgestellt werden.

Der Wirt schafft es, dass mehr Leute hinein als hinauswandern. „Wait here to be seated“ ist bei ihm in Perfektion umgesetzt. Und die Leute kommen wieder. Am dritten Tag saß plötzlich das junge Paar neben uns, das am Vorabend auch neben uns saß. Und dann kamen noch die beiden Italiener, die auch gestern neben dem Paar saßen und fanden auch wieder exakt den gleichen Platz daneben. Wir begrüßten uns wie alte Freunde und freuten uns kurz, bevor wir reinhauten. Wer dorthin kommt, wird automatisch Teil einer Community. Bei uns gäbe es schon längst eine Facebook-Gruppe, dort gibt es das reale Leben.
Wer dorthin essen geht, der kommt wieder. Da hat nicht nur mit dem Wirt und dem blitzschnellen, freundlichen und perfekt organisierten Service zu tun, sondern auch mit dem fantastischen Essen. Ich habe in Kroatien noch nie so gut gegessen. Das betrifft mehrere Bereiche:
1.) Qualität. Alles was wir aßen, war hervorragend. Von Scampi Buzzara bis zum Risotto, vom Drachenkopffilet bis zu den gegrillten Kalamari, von den Pljeskavica bis zum Salat. Die unglaublich großen Pizze haben wir nicht ausprobiert, aber wir vermuten, dass sie ebenfalls exzellent sind.
2.) Quantität. Jede Portion ist mehr als ausreichend. Wir aßen danach stets noch eine Portion Palatschinken, die wir uns aber teilen mussten. Mehr ging nicht mehr rein.
3.) Preis. Wir hauten rein, als ob es kein Morgen gäbe und tranken dazu jeder mehrere Biere und Verdauungsschnäpse und Aperitive (Pelinkovac). Das Maximum waren 55 Euro zu dritt. Das ist eine Ansage.
4.) Service. Die Kellner haben ihre Stationen, es gibt eigene Abräumkräfte und man kann auf Wunsch getrennt zahlen. Das dürfte sich aufgrund des touristischen Drucks verändert haben, denn das ist scheinbar jetzt generell schon üblich. In den 90ern ging das noch nicht. Der Kellner hat ein elektronisches Bestellsystem und kann sofort in seinem umgehängten Kästchen die Rechnung ausdrucken. Sie reagieren auf jede Handbewegung mehr oder weniger sofort und das bestellte Bier ist keine zwei Minuten später da. Der Pizzakoch arbeitet wie ein Derwisch und die Küche hat einen enormen Output. Das Besondere sind jedoch die Kleinigkeiten. Wenn man etwa Miesmuscheln Buzzara bestellt, bekommt man zwei zusätzliche Suppenteller mitgeliefert. Wenn man etwa die Hälfte der Muscheln gegessen hat, ist der erste Suppenteller voll mit Schalen und wird auf der Stelle abserviert. Dann fängt man den zweiten an.

Der Saloon ist etwas Besonderes. Am zweiten Abend kam der Wirt ganz plötzlich mit einem riesigen Topfdeckel und schmiss ihn neben den Tisch hinter uns, an dem ein junges Pärchen saß, auf den Boden. Das machte einen Riesenschepperer und das ganze Lokal drehte sich um. Dann zog der Wirt ein kleines Kästchen heraus und überreichte es der Dame mit feierlichen Worten (auf Kroatisch, aber es war eh klar, worum es ging). Es war ein Heiratsantrag des jungen Mannes, und wer könnte den besser unterstützen als der Wirt? Tosender Applaus im Lokal und die junge Dame hatte keine andere Wahl als anzunehmen. Zweiter tosender Applaus, dann noch eine langstielige rote Rose vom Wirt (wo zum Teufel er die auch immer her hatte), fröhliche Gesichter rundherum.

Hoffen wir, dass es diesen Wirt und sein Lokal noch lange gibt. Das ist einer der Hotspots für lukullischen Genuß und soziale Gesundheit. Dort geht niemand unzufrieden raus und das ist für jeden eine bleibende Erinnerung an den Urlaub auf der schönen kroatischen Insel Krk.

Glück und Leid – beim Vespafahren immer in der Kombi zu haben

Mein letzter Zusammenbruch mit einer Vespa – schon drei Tage her. So geht das nicht. Also startete ich einen neuen Versuch, mit der frisch restaurierten GS, bei der ich den Tacho zum Laufen gebracht habe, so als Sonntag-Vormittagsarbeit.

Das Ziel war Rekawinkel, wo wir den 18. Geburtstag meines Neffen Matthias feiern wollten. Die GS lief prächtig, leider nur bis kurz vor Rekawinkel. Kurz vor der Bahnunterführung ein seltsames Stottern, leider bei genau diesem Motor nur allzu bekannt.

Bitte nicht! Nicht dieser Defekt! Nicht schon wieder ein undefinierbarer Schaden, der von der Zündspule, der Zündgrundplatte, dem Kondensator, dem Polrad, dem Vergaser, den Vergaserdüsen, der Schwimmerkammer, der Benzinzufuhr, dem Tank, den Simmerringen, dem Zylinderkopf, der Batterie, dem Kabelbaum, dem Gleichrichter oder von sonstwo kommen kann.

Einen halben Kilometer weiter dann die Klarheit: sie nimmt kein Gas mehr an, ich rette mich über den Rekawinkler Berg bis zum Haus meiner Schwester und ihrer Familie.

Irgendwie mochte bei mir keine rechte Feierlaune aufkommen und ich entschloss mich, die Heimreise noch bei Tageslicht anzutreten. Die GS sprang tadellos an und hatte wieder ihre Leistung. Bis zum Kreisverkehr in Pressbaum. Dann war es wieder da, das Problem. Ich rief bei meiner Schwester an und bat meine Mutter noch etwas zu warten, ich käme wieder zurück. Da sie auf ihrem Heimweg ohnehin bei mir vorbeifährt, könnte sie mir quasi Schützenhilfe leisten.

Ich schaffte es auch bis Rekawinkel, langsam, aber doch.

Aber vielleicht war das Problem ja auch zu beheben. Es könnte z.B. daran liegen, dass die Entlüftung des Tankdeckels nicht ordentlich funktioniert. Dann entsteht ein Unterdruck und der Vergaser bekommt nicht mehr genug Sprit – das würde das Phänomen erklären und auch, warum sie nach einiger Zeit wieder läuft.

Also versuchte ich mit Hilfe meines Schwagers und meiner beiden Neffen das Entlüftungsloch freizubohren. Das gelang und wir bohrten zur Sicherheit noch ein zweites hinein. Leider war es inzwischen sehr dämmrig und ich musste noch den Sicherungssplint für den Tankdeckel wieder hineinklopfen. Also griff ich zu meiner Jacke und wollte mein Handy herausholen, das ist nämlich ein Outdoor-Modell und nicht nur wasserfest und stoßfest und staubdicht, sondern hat auch noch eine famose Taschenlampe.

Doch mein Schwager Andi winkte ab und bat meinen Neffen die große, fette Mag-Lite zu holen. So war der Splint schnell eingebaut und ich machte mich frohen Mutes auf den Heimweg. Meine Mutter fuhr zur Sicherheit hinter mir her, und so kamen wir bis zu besagtem Kreisverkehr bei der Autobahnauffahrt. Ich blieb stehen und ging zu meiner Mutter, um ihr zu sagen, dass alles wunderbar läuft und ich jetzt wohl gut nach Hause kommen würde – Schaden erkannt, behoben, alles bestens!

Ich fuhr die Bundesstraße und tuckerte durch Pressbaum. Dann wurde aus dem Tuckern ein Stottern. Ich fuhr rechts ran und bemerkte zu meiner Freude, dass meine Mutter doch nicht die Autobahn genommen hatte, sondern aufgrund einer Vorahnung hinter mir hergefahren war. Gemeinsam überlegten wir, wo ich die Kiste abstellen könnte. So eine frisch lackierte GS Baujahr 1960 findet schnell neue Freunde.

Dann kam mir die Idee, noch ein Stückchen weiter zu fahren. Vielleicht ging es ja, langsam und mit der einen oder anderen Pause. Im unteren Drehzahlbereich nahm sie ja Gas an.

So kamen wir bis Hadersdorf-Weidlingau (dem berühmten HaWei), wo ich eine Woche zuvor den Kabelbrand hatte. Dort war es dann endgültig aus. Mit einem letzten Seufzer, garniert mit einer feschen Fehlzündung, verreckte der Motor.

Als ich die Vespa am Straßenrand parken wollte, bemerkte ich, dass mein Handy nicht in der dafür vorgesehenen Jackentasche war. Und leider auch in keiner anderen Tasche. Also rief meine Mutter in Rekawinkel an und rief die Familie auf den Plan, um eine lustige Spätabend-Handysuche zu beginnen. Ich müsste es dort verloren haben, wo wir die Reparatur vorgenommen hatten. Oder auf der Veranda. Oder sonstwo im Garten.

Nach etwa einer halben Stunde war klar: kein Handy. Mein Tagesfazit war somit ein eher durchmischtes mit lustigen Aussichten: eine lange Fehlersuche bei der Vespa, gefolgt von einer mühsamen Reparatur eines gerade erst frisch aufgebauten Motors, garniert mit der Frage, ob die Vespa bis zu ihrer Abholung noch dort stehen würde, wo ich sie abgestellt hatte sowie der Frage, wo ich ein geeignetes Transportmittel zu ihrem Heimtransport herbekommen könnte.
Und natürlich die nette Aussicht die Sim-Karte sperren zu müssen plus Handykauf plus dem Eintippen von ca. 600 Namen plus Telefonnummern etc.

An dieser Stelle gilt mein Dank meiner geduldigen Mutter, die ihren vollkommen entnervten Sohn noch nach Hause chauffieren durfte. Ich kann gar trefflich jammern, wenn mir danach ist!

Am nächsten Tag wurde mein nächtlich entworfener Schlachtplan umgesetzt: Trotz fetter Regenwolken Gilera satteln, Handy von Oliver ausborgen und meine Schwester anrufen, damit sie weiß, dass ich mich jetzt selbst auf die Handysuche mache. Dann die Strecke abfahren und schauen, ob irgendwo ein Handy liegt. In der Nacht hatte es stark geregnet, aber mein Handy ist ein Outdoor-Modell (sagte ich das schon?) und wasserfest. Und stoßfest, also würde es auch ein Herausfallen überlebt haben, ganz abgesehen davon, dass mir vollkommen schleierhaft war, wie das Ding überhaupt herausfallen konnte. Und wieso ich die Jackentasche nicht zugemacht hatte. Und wieso ich überhaupt so deppat bin.

An der Stelle in Pressbaum, an der aus dem Tuckern ein Stottern geworden war und ich meine Mutter hinter mir bemerkte, suchte ich ganz besonders genau.
Und genau da kam der Anruf meines Schwagers: Meine Mutter wurde angerufen, ein ehrlicher Mensch hätte mein Handy gefunden. Also rief ich meine Mutter und danach den ehrlichen Menschen (Danke Herr Strausky aus Dürrwien!) an und erfuhr, dass ich nur 3 Minuten entfernt wäre. Also hinfahren und Handy abholen. Ich erfuhr, dass er es an der Bushaltestelle vor dem Kreisverkehr gefunden hätte, heute früh. Dann hatte er die letzte angerufene Nummer gewählt (bezeichnet mit „Mutti Handy“ und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Es war mir wohl aus der Tasche gefallen, als ich mich zu meiner im Auto sitzenden Mutter runtergebeugt hatte, um ihr zu sagen, dass alles bestens wäre und ich ab jetzt allein gut nach Wien kommen würde. Die Jackentasche war offen, weil ich sie auf-, aber nicht mehr zugemacht hatte, als mein Neffe blitzschnell mit der Mag-Lite daher kam.

Herr Strausky ist ein alter Vespa-Fahrer und gab mir noch ein paar Tipps für die Fehlersuche und die Reparatur mit auf den Weg – übrigens welche, die ich noch nicht kannte. Das Handy selbst stellte sich als doch nicht wasserfest heraus, das Display funktioniert zwar noch, hat aber einige Macken. Nokia 3720 hält nicht, was es verspricht.
Glücklicherweise hatte ich eines meiner Bücher einstecken und konnte es Herrn Strausky verehren. So freudig hab ich noch nie eine Widmung wo hineingeschrieben!

Am nächsten Tag half mir Ronny mit dem Bus die GS abzuholen, die glücklicherweise noch da war.

Fazit: eine kaputte Vespa, ein wiedergefundenes Handy und einen netten Menschen kennen gelernt. Wer weiß, wozu das alles gut ist.