Die Zero DSR – fast lautlos durch die Landschaft surren.

„Oh, eine Camouflage-Lackierung!“ – so meine erste Reaktion, als ich die neue ZERO in der Garage stehen sehe. Gefolgt von „oh, kein Hauptständer“.
Das verwirrt mich dann doch ernsthaft, denn das Motorrad wurde extra als Europa-Modell aufgebaut und ich frage mich, ob sie in Kalifornien wissen, dass es hier auch Untergründe gibt, auf denen ein Seitenständer blitzschnell einsinkt.
Ich führe diese Entscheidung auf die scheinbar dringende Notwendigkeit zur Gewichtsersparnis zurück, so wie den Verzicht auf eine zweite Bremsscheibe vorne.
Da die ZERO im Touringbereich auf alteingesessenen Mitbewerb stößt, muss hier ein kritischer Blick erlaubt sein, auch wenn man diesem tollen Bike gerne ein paar Vorschusslorbeeren geben möchte.

Im Fahrbetrieb erweist sich die vordere Bremse als fröhlich zupackend und sehr angenehm dosierbar. Dazu kommt noch ein lustiges Surren, wenn in der ECO-Einstellung die Rekuperation aktiviert wird.
Ob sie nennenswert Strom erzeugt, müsste getestet werden. Hier würden mich Leistungszahlen im Realbetrieb wirklich interessieren. In diversen Fahrzeugen gibt es dafür eine Anzeige im Display und das könnte auch für nicht so verspielte Fahrer interessant sein.

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Bild 1: Das Display – neben der Geschwindigkeit ist die Ladestandsanzeige das wichtigste Instrument.

Die Motorleistung kann dreifach verstellt werden. Im ECO-Modus zeigt der Tacho maximal 114 km/h an, die Beschleunigung ist vergleichbar mit einer sehr gut gehenden 250er und für entspanntes Cruisen absolut ausreichend. Man darf nicht vergessen, dass ordentlich Gewicht geschleppt werden muss und hier eine echte Schwachstelle von E-Bikes liegt. Bergauf ordentlich beschleunigen saugt an den Akkus so gewaltig, dass du die Prozente fast sekündlich schmelzen siehst wie Eis in der Sonne. Die Unterschiede zu einem benzingetriebenen Fahrzeug sind hier entweder deutlich größer oder erscheinen zumindest so.

Noch massiver zeigt sich das im SPORT-Modus. Du beginnst irgendwie instinktiv nach der nächsten Steckdose zu suchen und schaust noch einmal nach, ob du das Ladekabel eh nicht daheim vergessen hast. Dafür geht beim Beschleunigen so richtig die Post ab. Die Tachoanzeige kommt nicht mehr mit, vor allem zwischen 60 und 110 braucht die ZERO den Vergleich mit einer 750er-Klasse nicht scheuen, wenngleich genau der Vergleich eigentlich nicht angebracht ist, denn das Fahrerlebnis lässt sich nur beschränkt mit Drehmomenten oder PS-Zahlen ausdrücken.
Auch die oft gehörte und gelesene Aussage, dass bei einem Elektro-Bike das volle Drehmoment gleich von Null weg zur Verfügung steht, hat in der Praxis keinerlei Bedeutung, denn die Kraft wird vom Steuergerät geregelt und das lässt genau das eben nicht zu. Mit einem spontanen Wheelie absteigen will aber ohnehin niemand.

Der SPORT-Modus macht eindeutig süchtig und wird seinem Namen gerecht. Du kannst ordentlich und fast lautlos durch die Landschaft sägen, zumindest bis dir der Akku eine klare Grenze setzt.
Die beiden Modi ECO und SPORT sind meines Erachtens bereits ausreichend und machen aus der ZERO quasi zwei Motorräder.
Der dritte Modus namens CUSTOM lässt eine individuelle Programmierung zu und ist jetzt auch über eine App am Handy steuerbar. Das ist ein sehr nettes Feature und wird bei den hoffentlich zahlreichen Besitzern in Zukunft wohl Verwendung finden.

Die inzwischen elend strapazierte Frage der Reichweite kann bei der neuen ZERO auf zwei Arten beantwortet werden: Entweder nimmt man sich ein zusätzliches Power-Pack oder eine Schnell-Ladestation mit auf die Reise.
Ich würde mich für die Ladestation entscheiden, wenngleich die Herstellerangaben über Reichweite und Ladedauer einer realen Prüfung unterzogen werden müssten, bevor ich daran glaube. Angeblich kann man in einer Stunde 150 km Reichweite nachtanken. Das wäre absolut ausreichend für gute Tagestouren.

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Bild 2: Der Anschluss für das Schnellladekabel.

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Bild 3: Hier wird das normale Ladekabel angeschlossen – mit einem Kaltgerätestecker.

Auch die vollmundige Ansage, dass man das stärkste Akkupack am Markt hat, verlangt einen Realitätscheck. ZERO verbaut nämlich die gleichen Zellen (Rundzellen 18650) wie fast alle anderen Hersteller von Elektrofahrzeugen, BMW und Tesla inklusive. Derzeit ist der nächste Entwicklungsschub noch nicht am Horizont erkennbar und bis dorthin lässt sich punkto Reichweite nicht mehr allzu viel optimieren. Dem Problem, dass Akkuzellen Platz brauchen und schwer sind, kann sich kein Hersteller entziehen.

Der Lenker ist sehr breit, die Sitzposition aber angenehm, zumindest für meine 186 cm. Das Fahrverhalten möchte ich als ordentlich bezeichnen, sie geht recht gut in die Kurve und hat einen ordentlichen Geradeauslauf. Die Federung gefällt mir sogar sehr gut, nicht zu hart, trotzdem fühlt sie sich nicht unsicher an.

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Bild 4: Das zentrale hintere Federbein mit guter Leistung. Das Ding mit den Kühlrippen dahinter ist der Motor.

Das Outfit der „ZERO DSR Black Forest“ ist modern, die GIVI-Koffer sind wuchtig und passen gut zum ebenfalls nicht dezenten Sturzbügel.

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Bild 5: Die drei Koffer wirken nicht nur wuchtig, sie sind es auch.

Vielleicht ist das ja die Antwort auf den fehlenden Hauptständer: Wenn sie dir schon umfällt, dann ist wenigstens nichts kaputt.
Kaputt sollte auch sonst nichts werden – laut Hersteller müssen in den ersten 40.000 Kilometern gerade mal Bremsen und Reifen erneuert werden. Ich habe aber auch berichtet bekommen, dass es in der Vergangenheit mit der Wartung große Probleme gegeben hat, bedingt durch das dünne Servicenetz und mit der Elektronik überforderten Mechanikern. Hoffentlich hat man hier reagiert und die Probleme sind tatsächlich welche aus der Vergangenheit.
Wenn wir schon bei den Schwachstellen sind: drei Givi-Koffer, drei verschiedene Schlüssel. Die Logik dahinter bleibt mir verborgen. Ansonsten wirkt aber alles soweit praktisch und praxisgerecht.

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Bild 6: Sie ist eigentlich recht schlank, sicher weniger wuchtig als viele große Enduros. Die Sonderausstattung zeigt sich mit Zusatzscheinwerfern, einem Gitter vor dem Hauptscheinwerfern, wuchtigen Sturzbügeln, der Camouflage-Lackierung, den Koffern und einer Scheibe plus Handschutz.

Die erste ZERO (damals das Modell DS) habe ich 2012 getestet. Die Kraftentfaltung war damals schon ganz okay, die Reichweite lag bei echten 120 km im Realbetrieb. Die SR drei Jahre später hatte schon mehr Schmalz, aber auch hier war bei ca. 125 Schluss. Die DSR dreht auf der Geraden bis 155 aus, mehr brauche ich persönlich nicht, sie eignet sich sowieso nur bedingt für Autobahnrennen über mehrere hundert Kilometer.

Spaß macht es zwischen 60 und 130 – da ist sie ganz in ihrem Element und ich musste aufpassen, dass ich einige Kurven noch gut erwischen konnte. Durch die extrem geringe Lautstärke ist die Geschwindigkeit schwieriger einschätzbar und so konnte ich auch das ABS ausprobieren. Es bewirkt ein Stampfen und Versetzen des Vorderrads. Das fühlt sich zwar nicht gut an, dafür muss man die DSR aber schon an ihre Grenzen bringen.

Das Gummibandgefühl ist der süchtig machende Faktor, vor allem in Kombination mit der Bequemlichkeit nicht schalten zu müssen. Das erlaubt einerseits volle Konzentration auf die Straße, lässt aber andererseits generell bequem werden. Jederzeit die volle Kraft zu haben ist wie eine Dauererektion – irgendwann will man wieder runter von der Welle. Die Zero im Sportmodus ist das Viagra unter den Motorrädern. Und so schalte ich wieder in den Eco-Modus und genieße das flotte, aber normale Dahingleiten.
Beides zu haben ist toll, will aber bei der Zero auch bezahlt werden und da taucht die Frage des Wertverlusts auf, der eine schnelle Antwort fehlt. Der Markt ist klein und die Akkutechnik entwickelt sich schnell genug weiter um gebrauchte E-Motorräder skeptisch beäugen zu müssen. Vielleicht kann man sich aber die alte Porsche-Philosophie ausborgen: Wer einen günstigen Porsche will, soll einen gebrauchten kaufen.

Die Zero hat sich einen fixen Platz unter den Motorrädern verdient, so viel ist sicher. Möglicherweise bewirkt sie auch Entwicklungsschübe bei anderen Herstellern, die den Kaliforniern den Markt nicht einfach so überlassen wollen. Und irgendwann wird der Lärm in den Wäldern weniger werden und die meisten Benzinbrüder werden zu Strombrüdern. Sogar Harley Davidson arbeitet schon an einem Elektrochopper. Wer darauf nicht warten will, kann ja inzwischen mit der Zero durch die Landschaft surren.

Meine Eudora geb ich nicht her

Als ich vor inzwischen 27 Jahren in die Edelhofgasse gezogen bin hat mir meine Schwester eine Eudora-Waschmaschine empfohlen. Die Wahl fiel auf die „Sparmeister 701“ – eine kleine Waschmaschine, für eine Person aber völlig ausreichend. Robuste Mechanik, meine Schwester hatte die gleiche. Allerdings nicht so lange wie ich, das liegt auch daran, dass sie einen Haushalt mit vier Personen zu waschen hatte.

Im Laufe der Jahre musste ich einmal den Antriebsriemen erneuern und einmal die Trommeldichtung. Beides kann von einem einigermaßen technisch begabten Mensch selbst gemacht werden, die Kosten halten sich in Grenzen und man bekommt auch die meisten Ersatzteile noch, obwohl Eudora vor etlichen Jahren aufgeben musste und gekauft wurde. Seitdem existiert zwar noch der Name, die Maschinen sind aber Standardware aus Fernost.

Meine Eudora rennt noch und vielleicht ist das ja auch der Grund für die Pleite – die Maschinen halten zu lange und das wird in einem auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftssystem bestraft, und zwar mit der höchsten Strafe, der Vernichtung.
Wer „zu gute“ Produkte erzeugt, verkauft weniger und müsste daher teurer anbieten. In einer Geiz-ist-geil-Gesellschaft, die ständig nach neuen Produkten verlangt, lässt sich aber kein höherer Preis durchsetzen, denn es gibt zu wenige KonsumentInnen, denen Langlebigkeit auch einen höheren Preis wert ist.
Zudem bekommen wir alle seit Jahrzehnten eingeredet, dass wir alles besitzen müssen, was uns die bunte Konsumwelt anbietet. Da wir nicht uneingeschränkt Geld zur Verfügung haben, müssen die Dinge billig sein, damit wir sie uns kaufen können. Daher kann die Qualität nicht stimmen, was aber in diesem System nicht weiter schlimm ist, weil sie sowieso nicht lange halten müssen.
Der Kreislauf funktioniert deswegen, weil Umweltkosten nie mit einberechnet werden. Ansonsten gäbe es nicht nur Eudora noch, sondern viele andere Unternehmen, die auf Qualität gesetzt haben.
Weder die Ausbeutung der Natur noch die von Menschen wird einberechnet und somit werden sie zu Gewinnfaktoren. Das heißt, je umweltschädigender und sozial ausbeuterisch ich agiere, desto mehr Gewinn mache ich. Da Gewinn in einem Wirtschaftssystem wie dem unseren inzwischen der einzige Faktor ist, der wirklich zählt, haben wir hier einen Systemverstärker. Wer nicht mitspielt, wird letztlich vom Konsumenten abgestraft.

Als ich noch lange nicht grün oder gar politisch engagiert war, habe ich im Fernsehen eine Szene aus einer Wiener Vorstadtserie gesehen. Sie hieß „Mozart und Meisel“ und spielte in der „Wildsau“, einem Heurigen an der Mauer vom Lainzer Tiergarten, zu dem ich heute noch manchmal hinfahre. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern, aber die eine Szene ist extrem lebendig vor meinem geistigen Auge: Das Lokal wird renoviert und ein Yugo sieht die alten Sessel, die sich vor dem Lokal stapeln. Er nimmt sie und will sie wieder ins Lokal bringen, als der Wirt (gespielt von Andreas Vitasek) kommt und sagt, dass sie weggeschmissen werden. Der Yugo darauf: „Wieso wegschmeissen? Sind doch gut!“
Die Antwort des Lokalbesitzers: „Sind alt. Alt nix gut, nur neu gut.“

Das sagt eigentlich alles, die Serie lief übrigens 1987 und unser Wirtschaftssystem ist in den vergangenen vierzig Jahren immer mehr in diese Richtung gegangen, was im derzeitigen Trend zum „Fast Shopping“ sichtbar wird. Dabei gehen vor allem Jugendliche in Geschäfte und kaufen Dinge, die sie nach dem Kauf sofort entsorgen. Ohne sie ein einziges Mal verwendet zu haben. Die Sachen werden manchmal getauscht, manchmal verkauft, meist aber einfach weggeschmissen. Sie sind schon bei der Erzeugung genau genommen Müll, haben auch keinen Verwendungsanspruch und somit auch keine Qualität, dafür kosten sie wenig.
Was die Jugendlichen danach machen? Sie gehen wieder ins Geschäft um sich das nächste Kauferlebnis (Dauer des Adrenalinschubes angeblich sieben Sekunden) zu holen.
Die Dinge es Fast-Shoppings werden übrigens nicht mehr konsumiert, also ge- oder verbraucht, sondern nur mehr gekauft und dann entsorgt. Es sind eigentlich keine Konsumgegenstände mehr und somit kann man auch nicht mehr von einer Konsumgesellschaft sprechen, das Wort „Wegwerfgesellschaft“ dürfte es eher treffen. Ob wir letztlich damit uns selbst wegwerfen, sollte diskutiert werden.

Begonnen hat dies mit „alt nix gut, nur neu gut“.
Ich konnte schon damals nichts damit anfangen und erinnere mich noch an den Widerstand, den ich empfunden habe. Vielleicht war das die Geburtsstunde meines grünen Engagements.
Somit will ich auch keine neue Waschmaschine so lange die alte gut funktioniert. Die neuen können eigentlich nichts wirklich besser. Sie haben 100 Programme, ich komme seit Jahrzehnten mit 2-3 aus. Sie haben tolle Digitalanzeigen, dadurch wird die Wäsche aber nicht sauberer. Sie brauchen auch nicht weniger Strom, das ist so wie bei den Kühlschränken ein Marketingschmäh, der nach der Methode der Abgastests funktioniert: ein spezieller Testzyklus, der mit dem Realbetrieb genau gar nichts zu tun hat.

Seit ein paar Jahren hüpft meine Eudora beim Schleudern. Das hat langsam begonnen und ich habe mir damals eine spezielle Matte gekauft, die unter die Maschine gelegt wird. Das hat eine Zeit lang geholfen, in den letzten zwei bis drei Jahren musste ich mich aber beim Schleudervorgang immer öfter auf die Maschine setzen, was zwar einer Art Ganzkörpermassage gleich kommt, letztlich aber nicht Sinn der Sache ist und mir auch immer mehr auf die Nerven ging.

Glücklicherweise kenne ich den Sepp Eisenziegler vom RUSZ (Reparatur- und Servicezentrum in 1140, www.rusz.at), den ich für sein Engagement bewundere. Er hat mir schon vor längerer Zeit gesagt, dass ich den Rüttelsensor austauschen soll. Der hilft das Schütteln zu verringern.
Als er neulich bei einer Veranstaltung zu Gast war, habe ich ihn darauf angesprochen und die Telefonnummer eines Betriebes bekommen, der Ersatzteile für alte Eudora-Waschmaschinen hat.(Haushaltsgeräte Hildegard Maier, Hasenweg 2, A-8141 Premstätten, service_eudora@aon.at, 0664 1360849, 0316 252800)
Dort bekomme ich nicht nur den Rüttelsensor (heißt offiziell „Unwuchtregler), sondern auch noch eine gute Beratung. Herr Maier meint, dass ich nachschauen soll, ob auch die Rollen kaputt sind. Daran hätte ich gar nicht gedacht, aber sie sind tatsächlich vollkommen hinüber und das macht viel aus, meint Herr Maier. Also kaufe ich auch die Rollen und komme inkl. Versand auf Gesamtkosten von Euro 85,80-

Um 200 Euro bekommt man schon eine neue Waschmaschine, muss diese 200 Euro aber alle drei Jahre investieren, denn so lange hält so eine Waschmaschine – wenn man Glück hat. Reparieren kann man die nicht, nämlich gar nicht, das ist bei der Konstruktion nicht vorgesehen bzw. es ist vorgesehen, eventuelle Reparaturmöglichkeiten schon von vornherein zu unterbinden. Daher wird verklebt statt geschraubt, dann hat sich die Sache erledigt und ein Ersatzteillager braucht auch niemand. Wenn innerhalb der Garantiezeit etwas kaputt wird, tauscht man die Waschmaschine gegen eine neue und die alte wird weggeworfen, auch wenn nur ein Widerstand um 0,15- Euro kaputt ist.

Was ich noch vergessen habe: Die neuen Waschmaschinen machen die Wäsche nicht sauberer. Das ist ebenfalls ein Marketingschmäh, ähnlich wie der mit den Waschmitteln.

Nach ein paar Tagen bekomme ich die Teile und schiebe meine Waschmaschine ins Wohnzimmer, wo ich sie auf ein altes Tuch lege, um nichts zu beschädigen.
Für die gesamte Reparatur braucht man einen Kreuzschraubendreher, ein 5-Cent-Stück, einen Durchschlag und einen Hammer. Weil sich eine der Rollenachsen ein wenig verklemmt hat, dauert die Reparatur eine Stunde, ansonsten wäre es in 30 Minuten erledigt gewesen.

Spannend war der erste Waschvorgang. Glücklicherweise ist alles gut gegangen, die Maschine hüpft nicht mehr und ich bin gespannt, wie lange sie noch halten wird. Sepp hat mir geraten, sie möglichst lange zu behalten, weil die Mechanik ziemlich schwer kaputtzukriegen ist und er mit der modernen Elektronik fast aller Marken (Miele hat angeblich noch eine qualitativ hochwertige Produktlinie, alle anderen sind mehr oder weniger Schrott schon beim Kauf) sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat.

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Bild 1: Die Rückseite der Waschmaschine lässt sich mit einem Schraubendreher und einem 5-Cent-Stück abschrauben. Dann kommt man überall gut dazu.

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Bild 5: Hier sieht man den Unwuchtregler und die alten Rollen, deren Gummis schon brüchig und eckig waren.

Der Stein des Schmerzes

Die folgende Geschichte ist leider weder lustig noch erfreulich. Vielleicht kann sie aber den geschätzten LeserInnen dieses Weblogs die eine oder andere Erkenntnis liefern.

Es begann letzten Freitag, am 25. Mai 2018 in der Früh, kurz nach dem Aufstehen. Auf einmal verspürte ich ein Ziehen in der linken Nierengegend, wie ich es noch nie gespürt hatte.
Dann schlug der Blitz ein. Absolut unerwartet und mit voller Härte. Ich hatte solche Schmerzen bisher nur einmal erlebt, nämlich in Form von schwerem Zahnweh.
Und ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Ich krümmte mich am Boden, einfach hoffend, dass der Schmerz verschwinden würde. Ein brutales Stechen, das sich in den Unterleib ausbreitete, vor allem in die Hodengegend. Ich versuchte eine Stellung zu finden, in der die Schmerzen weniger würden, blieb aber erfolglos. Auch der Kreislauf drohte zusammenzubrechen, ich musste mich auf den Boden legen.
Irgendwann, das Zeitempfinden ist in solchen Fällen gestört, wurden die Schmerzen weniger und hörten fast auf. Ich musste zu einem Termin und konnte nur hoffen, dass sie nicht mehr auftreten würden.
Das war glücklicherweise auch so, beim Termin gab es noch da und dort ein Zwicken, aber es schien überstanden zu sein. Ich hatte immer noch keine Ahnung womit ich es zu tun hatte, aber da es weg war, vergaß ich es – nicht ohne dass eine kleine Sorge zurück blieb. Was mag das wohl gewesen sein? Eine Darmschlinge, die sich verirrt hatte?

Am Abend ging es mir prächtig, ich fuhr zum Heurigen und am nächsten Tag zu einem Vespa-Treffen. Alles war wie immer, bis ich am frühen Abend bei mir auf der Couch saß und auf einmal das Ziehen wieder kam.
Und dann wieder der Blitz. Mindestens genauso brutal wie beim ersten Mal am Tag davor. Eindeutig aus der Nierengegend, linke Seite. Es dauerte diesmal länger und ich dachte, ich müsste verrückt werden. Die Schmerzen waren eigentlich nicht auszuhalten.
Doch es ging auch diesmal vorüber. Nur war mir inzwischen klar, dass ich zu hoch gepokert hatte. Und ich musste ins alte AKH zu einem Festival, 3 Stunden einen Stand betreuen.
Also stieg ich auf den Roller und fuhr hin. Kurz nach der Begrüßung meiner Kollegen ging es dann wieder los. Fast so schlimm wie zuvor, nur dass ich dort kein Bett hatte, auf das ich mich legen konnte. Stehen ging aber nicht, also legte ich mich auf den nackten Asphaltboden und meine Kolleginnen schoben ihre Jacken drunter.
Ich konnte noch immer nicht erklären, was da los war, aber sie holten sicherheitshalber die Rot-Kreuz-Sanitäter, die am Festival sowieso Dienst taten.
Denen schilderte ich die Schmerzen und da kam von irgendwo auch das erste Mal der Begriff „Nierenkolik“ auf. Die Sanis beschlossen mich zu einem Sanitätsraum zu bringen, wo auch eine Notärztin anwesend war. Also wurde ich auf eine Art Rollstuhl geschnallt und durch die neugierige Menge abtransportiert.
Mir war das aber weitgehend egal, die Schmerzen bestimmten mein gesamtes Dasein in diesen Minuten.

Bei der Notärztin angekommen begann die Anamnese. Ein kurzer Schlag auf die linke Niere und der Verdacht erhärtete sich: eine Nierenkolik. Also bekam ich eine Infusion mit Schmerzmitteln und die Sanis riefen die Rettung, die an diesem schönen Abend allerdings noch einige dringendere Fahrten zu erledigen hatten und sich somit verspätete. Das war aber okay, denn die Schmerzmittel wirkten schnell und ich hatte durch einen der sehr netten Sanis eine gute Ansprache – er war AHS-Lehrer für Religion und Ethik.

Irgendwann kam die Rettung und wir fuhren zu meinem Glück ins AKH. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Rettungswägen werden dorthin geleitet, wo gerade Platz ist bzw. Dienst getan wird.
Sie nahmen gleich die Abkürzung durch die AKH-Akademie und so waren wir keine zwei Minuten später schon in der Notaufnahme. Dort gibt es eine Erstbegutachtung und da ich mit der Rettung geliefert wurde, kam ich auch gleich dran. Ein Harntest, dann zur Leitstelle (6D), von dort die Info, dass ich vor einem Zimmer auf einem langen Gang warten solle, bis der Urologe käme um sich das anzuschauen.
Das dauerte, denn der Arzt hatte Nachtdienst auf der Station und kam nur auf Anfrage, die leider nicht stattfand, weil – wie er später meinte – er keinen Anruf erhalten hätte. Neben mir saßen noch diverse andere Patientinnen und Patienten, viele davon mit Begleitung, alle mit ganz unterschiedlichen Problemen. Bei mir wirkte noch das Schmerzmittel von der Notärztin und so ging es einigermaßen.
An diesem Ort würden Experten der neuen Datenschutz-Grundverordnung sofort einen Kollaps bekommen – die Namen der PatientInnen werden laut durch die Gänge gebrüllt, so dass jeder, absolut jeder hören kann, dass die Frau Novak oder der Herr Schwarz jetzt in der Urologie dran wären.

Irgendwann war er dann da und ich war sehr erleichtert. Endlich sieht sich jemand mein Problem an, der was davon versteht. Einen kurzen Ultraschall später kam die Diagnose „Nierenstein“ und der Arzt meinte, er würde mich jetzt gleich zum CT schicken, weil er sicher sein wolle. Dazu noch eine Blutabnahme, die er gleich sofort und selbst durchführte. Jetzt ging was weiter.
Das Röhrchen mit dem Harntest hatte er übrigens sofort in den Mülleimer geschmissen. Auf meine Nachfrage bekam ich zur Antwort: „Was soll ich damit anfangen? Wir verwenden hier ein anderes System.“
Das war interessant und erinnerte mich an die Blutabnahme seinerzeit bei meiner Einlieferung wegen des Rollenunfalls. Die war auch verschwunden und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Krankenhäuser sind schon ein seltsamer Ort.

Die CT ist nur zwei Gänge weiter (das AKH als voll ausgestattetes Krankenhaus hat hier so seine Vorteile) und ich kam auch fast gleich dran, lediglich ein älterer Herr war noch vor mir, aber rein in die Röhre und wieder raus aus der Röhre dauert nicht lang.
Die Röhre selbst ist unspektakulär. Du bekommst erklärt, dass dir eh alles erklärt werde und dann verschwindet der Bediener hinter der Schutztüre. Eine Computerstimme sagt dir, wann du den Atem anhalten sollst und wann nicht. Summend rein, ein paar Mal hin und her – fertig.

Dann wieder zurück und warten. Irgendwann kam der Arzt wieder und meinte, er hätte jetzt auch schon den Blutbefund, der aber unauffällig wäre. Er zeigte mir den Nierenstein am CT und meinte, der wäre ca. 4 mm groß und würde normalerweise durch den Harnleiter in die Blase abgehen und damit wäre der Fall erledigt.
Dazu würde er mir schmerzstillende Medikamente verschreiben plus eines, das den Abgang unterstützen solle. Und ich müsste halt warten und Geduld haben.

Da „patientia“ bei den alten Lateinern die Geduld war, blieb mir als Patient auch nichts anderes übrig und ich fuhr zur Nachtapotheke. Die nahm mir zwar gepflegte 23 Euro ab, das war aber mein geringstes Problem.
Die Nacht war aushaltbar, der Sonntag dann so lala. Ich schluckte brav meine Medikamente und hoffte, dass der Stein abgehen würde. Im Internet war zu lesen, dass Bewegung und auch Treppen hüpfen helfen würde, den Stein los zu werden. Also hüpfte ich die Treppen in meinem Stiegenhaus hinunter und auch in meiner Wohnung herum. Viel trinken sollte ich auch. Allerdings hat das den Nachteil, dass die Niere mehr arbeiten muss und die Harnleiter dann ihre Kontraktionen erhöhen. Das treibt zwar den Nierenstein hinaus (wenn er sich hinaustreiben lässt, bewirkt aber die mir inzwischen bekannten höllischen Schmerzen.
Sie bewirkten wiederum dass ich keinen Hunger hatte. Am Abend war ich bei einer Kollegin zum Essen eingeladen, wusste aber nicht, ob ich das ohne neue Kolik schaffen würde. Die Vorstellung, am Motorroller von diesen Schmerzen überrascht zu werden, von denen ich nie wusste, wann sie kommen würden, war weniger erbaulich.
Irgendwann fuhr ich aber hin (es sind nur wenige Minuten) und konnte auch was essen – wenngleich nur vergleichsweise wenig.

In der Nacht kamen die Schmerzen wieder und ich begann langsam Angst davor zu bekommen. Ängste sind ja nie angenehm, aber die Angst vor unerwartetem Schmerz ist eine besonders unangenehme.
Besonders schlimm ist es in der Früh, wenn die Niere zu arbeiten anfängt. Dummerweise hatte ich am Montag mehrere wichtige Termine. Den ersten konnte ich verschieben, der zweite bestand aus zwei schwierigen und langen Interviews bei einem Kunden. Ich wollte sie nicht verschieben, hatte aber um fünf Uhr morgens wieder eine so starke Kolik, dass ich keinen Ausweg mehr wusste als wieder ins AKH zu fahren.

Um 07:30 machte ich mich auf den Weg und wusste, dass ich gleich zur Urologie-Ambulanz gehen konnte. Die befindet sich auf 8D und hat die schon bekannte Leitstelle.
Dummerweise war ich nicht der einzige, die Sesselreihen im Wartebereich waren schon halbvoll. Ich konnte mir ausrechnen, wie lange ich hier warten müsste und wusste: das stehe ich nicht durch!
Also griff ich zu einem Trick, der zwar alt, aber bewährt ist. Und ich musste genau genommen gar nicht schummeln, denn ich hatte ja Schmerzen und es ging mir tatsächlich nicht sehr gut.
Also durfte ich mich auf ein bereit stehendes Bett legen und dann warten, bis die Ärzte aus der Morgenbesprechung kamen.
Das dauerte nicht lange und ich wurde aufgerufen. Ein junger Arzt begleitete mich in sein Behandlungszimmer und hörte sich meine Geschichte an.
Eine Ultraschall-Untersuchung zeigte: Stark gestaute Niere. Der Stein war definitiv noch nicht weg. Okay, das hätte ich auch so gewusst.
Trotzdem meinte der Arzt, er würde gerne noch bei der konservativen Therapie bleiben. Leider könne man nicht sagen, wie weit sich der Stein schon fortbewegt hätte, denn es gäbe keine Möglichkeit das im Ultraschall zu sehen und noch ein CT wolle er mir wegen der Strahlenbelastung nicht antun.
Das mit der Strahlenbelastung erschien mir komisch, ich war aber nicht kräftig genug um Widerstand zu leisten und wollte den Stein ja auch durch natürlichen Abgang loswerden.
Er würde mir die Novalgin-Tabletten in einer großen Packung verschreiben, ich müsse dazu aber ein paar Minuten warten, weil sie chefarztpflichtig wären.
Also warten. Glücklicherweise dauerte es nur ca. 30 Minuten, dann bekam ich mein Rezept und ging wieder, da und dort hüpfend und mit sehr gemischten Gefühlen.

Das erste Interview konnte ich machen, wenngleich ich es auch nach einer guten Stunde abbrechen musste. Das zweite ging gar nicht mehr, ich musste nach Hause fahren um mich auszuruhen. Auch zum Abendtermin musste ich mich entschuldigen.

Das Gemeine ist das Auf und Ab. Manchmal war ich fast schmerzfrei und dachte mir: Hurra, der Stein hat den Harnleiter durchwandert, ist in der Blase angekommen und wartet jetzt nur darauf ausgespült zu werden. Ich pinkelte ja schon seit dem Krankenhaus brav durch ein Sieb, bisher war aber noch kein Stein erschienen.
Das blieb leider auch den ganzen Montag so und machte mir einigermaßen zu schaffen. Es tauchen ständig Fragen und Phantasien auf, die ins Leere gehen: Ist der Stein vielleicht doch zu dick, obwohl der Arzt gesagt hatte, dass er mit 3 mm oder 4 mm durchpassen müsste?
Was ist, wenn die Koliken öfter kommen? Und wenn sie stärker werden? Kann da sonst noch was passieren? Die grauenvolle Vorstellung einer überstauten und platzenden Niere kommt einem nur in solchen Situationen.
Die Hauptfrage war und blieb aber: Wann kommt der blöde Stein raus? und wo befindet er sich schon? Ich war am Vortag eine Runde im Türkenschanzpark spazieren gegangen, das hatte nichts geholfen. Jetzt hüpfte ich wieder herum und hoffte ständig auf den entscheidenden Ruck. Der kam aber nicht und ich aß die Reste vom Vorabend, die ich von meiner Kollegin mitbekommen hatte.

Die Nacht war wieder mittelprächtig. Da die Niere in der Nacht auch ruht konnte ich einigermaßen gut schlafen. Am Dienstag Vormittag ging ich noch einmal eine Runde in den Türkenschanzpark, was aber ebenfalls nichts bewirkte.
Zu Mittag hatte ich einen wichtigen Akquisitionstermin für ein neues Projekt gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne. Den konnte ich einigermaßen würdevoll absolvieren und danach sogar noch nach Traiskirchen fahren, um die neue Kurbelwelle für die Crank-E-Vespa abdrehen zu lassen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, waren aber immer da. Und ich wusste natürlich nicht, wie stark sie ohne die Tabletten wären. Das ist auch ein beunruhigender Faktor.

Am Abend wurde es schlimmer und bei mir setzte langsam eine gewisse Verzweiflung ein. Wie lang könnte das noch dauern? Wo ist dieser verdammte Stein und wann geht er endlich ab? Bei jedem Mal pinkeln die Hoffnung, bei jedem Mal die Enttäuschung und die Gewissheit, dass die nächste Kolik wohl nicht mehr fern wäre.
Auch die Qualität der Koliken veränderte sich – sie wurden stärker, wenngleich ich mich psychisch schon darauf einstellen konnte, wenn das Ziehen begann. Dafür hielten sie länger an – was zu Beginn noch in 20 Minuten erledigt war, dauerte jetzt zwei Stunden. Das begann mich langsam aber sicher zu zermürben.

Mittwoch Mittag war es dann soweit. Ich hielt die Schmerzen einfach nicht mehr aus und fuhr ins AKH. Ich lebe in der komfortablen Situation das größte Spital Österreichs quasi vor der Haustüre zu haben. Die beiden riesigen Türme des größten Skandalbaus der 1970er sind allgegenwärtig, weshalb mein Großvater schon meinte: Die beiden Türme sind der schönste Ort in ganz Wien, denn nur von dort sieht man die beiden Türme nicht.
Das war mir aber heute herzlich egal, ich brauchte Hilfe. Auf der Notfall-Ambulanz wollte man mich aber nicht zum Urologen lassen, sondern schickte mich eine Schleife zur Erstbegutachtung. Dort hieß es warten, lange warten. In einer Schlange stehend warten – wobei ich nicht wusste, wie lange ich es aushalten würde.
Rettungen kamen und gingen, brachten Patientinnen und Patienten, die (mein alter Trick) sofort dran kamen. Ich erinnerte mich an die Patientia und konnte mich durch die ältere Frau ablenken lassen, die im Rollstuhl saß und sich lautstark beschwerte, dass sie entführt worden sei. Die Rettung habe sie entführt, sie wollte eigentlich auf die Baumgartner Höhe, aber die Rettung hätte sie gegen ihren Willen ins AKH geführt.
Man ging mir ihr genauso routiniert um wie mit allen Patienten. Dann war ich endlich an der Reihe, – Fieber messen, Blutdruck und wieder ein Harntest.
Dieser konnte aber nicht ordentlich ausgewertet werden, weil die Maschine streikte. Also meinte die Ärztin zur Pflegerin, sie solle „manuell auswerten“, was sich aber zu einem mittleren Missverständnisdrama entwickelte. („Leuko negativ, bei 4“ – „Was, Leuko?“ „Nein, das dritte da…“ usw.)

Mir war das herzlich egal, ich wusste eh, was und wohin ich wollte. Dann also zur Anmeldung, wieder eine grüne Mappe ausfassen (man hätte die andere weiterverwenden können, sie war noch wie neu und ich hatte sie ja dabei), wieder warten vor dem Raum „G“.
Dann kam der junge Arzt von Montag Morgen wieder. Das war für mich erfreulich, weil er mich schon kannte und wir gleich zur Sache kamen. Ich dachte, man könnte jetzt mit einem neuen CT zumindest Klarheit schaffen, ob der Stein kurz vor dem Abgang ist oder nicht. Doch das wurde abgelehnt, jetzt müsse eine Schiene gelegt werden – kein großer Eingriff. Man würde mich stationär aufnehmen und ich bekäme die Schiene noch am gleichen Tag und könnte am nächsten Tag wieder heim gehen.
Der Stein müsste dann allerdings bei einem weiteren Termin ein paar Tage später herausoperiert werden, wenn er nicht zufällig dazwischen abgehen würde. Aber die Nierenstauung wäre beseitigt.
Mir erschien das zwar okay, aber ich erlaubte mir sicherheitshalber noch nach einer Alternative zu fragen. Der Arzt dachte nach und meinte dann, doch, es gäbe vielleicht noch eine andere Möglichkeit. Sie würden gerade eine Studie machen über Schiene ja oder nein nach einer Steinentfernung. In diese Studie könnte er mich eventuell aufnehmen, aber das würde davon abhängen, was die Anästhesisten sagen, die nur auf Notfallbetrieb eingestellt wären. Er käme später auf der Station zu mir und würde mir das sagen.

Das waren grundsätzlich einmal keine schlechten Nachrichten: Auf jeden Fall weniger Schmerzen, vielleicht sogar eine größere Lösung.
Also wanderte ich zur Urologiestation auf 17C, jetzt schon wieder mit wirklich starken Schmerzen.
Die Schwester machte die Aufnahme und ich kam in ein Zimmer. Dort gab es dann das ersehnte Fläschchen mit Schmerzinfusion und die Schwester versprach mir, dass die Schmerzen in 15 Minuten vorbei wären.
Das war eine Perspektive, mit der ich gut leben konnte. Glücklicherweise hatte ich außer einem winzigen Stück Striezel in der Früh nichts gegessen und auch nur wenig getrunken (aus Angst vor zu starken Koliken). Eine Operation wäre also möglich.

Ich bekam dann noch einen riesigen Tropf, damit der Durst nicht zu groß werden sollte, dem ich geduldig beim Tropfen zusah.
In dem Zimmer lag noch ein alter Inder mit Turban und langem, weißem Bart samt Frau, Tochter und Enkelin, die alle irgendwie gleich aussahen, nur unterschiedlich alt.
Und ein älterer Herr, der eine Prostataoperation aufgrund von Krebs gerade hinter sich hatte. Sie war allerdings schon so lange vorbei, dass er sehr energiegeladen mit seiner Frau und seiner Tochter streiten konnte, und zwar laut und ohne Pause. Es war eine Unterhaltung, die ich nicht wiedergeben kann und will. Dann kam noch der Sohn, der ebenfalls Arzt sein dürfte und man unterhielt sich gemeinsam über die Professoren und wer gut und wer schlecht wäre und über noch sehr vieles andere. Die Inder verstand ich wenigstens nicht, das war ein Segen.

Es dauerte eine Zeit, aber dann kam der junge Arzt und meinte, die Chancen für die große Lösung ständen gut, ich müsste nur mehr hier und hier und hier und hier unterschreiben und dann könnte ich heute noch operiert werden. Wann genau könne er mir nicht sagen, das hinge von den Anästhesisten ab und wann sie einen Slot für unsere Geschichte hätten.

Ich war definitiv erfreut, sehr erfreut sogar. Vom sehr netten Nachtpfleger (es war inzwischen ca 21 Uhr) bekam ich ein Operationshemd (hinten offen) und die Nachricht, dass es jetzt irgendwann losgehen würde.
Diese jetzt irgendwann kam keine Minute später. Ein Pfleger kam („i bin des Taxi“) und nahm mich mit. Meine Stimmung war ob der Aussicht auf baldige endgültige Schmerzfreiheit exzellent.
Wir fuhren durch die Gänge in den Vorbereitungsraum, wo eine sehr nette OP-Schwester auf mich wartete. Ich erklärte, dass ich mit absolut allem einverstanden wäre, was sie von mir wolle.
Es musste noch entschieden werden, ob die Anästhesistin bei einer Geburt dabei sein würde oder ob ich gleich dran wäre, der Arzt schätzte die Dauer meiner Operation auf eine halbe Stunde und schon ging es los.
Auf die Frage, ob ich eine Vollnarkose bekäme, grinste der Arzt und meinte: ja, das würde ich mir bewusst nicht anschauen wollen.

Der Aufwachraum. Ich kannte so etwas schon von meiner Siebbeinhöhlen-Operation. Es ist ein komisches Gefühl, aber ich war irgendwie bester Laune und als ein Pfleger einen Sack mit Eiswürfeln brachte (um wen oder was auch immer zu kühlen), orderte ich ein Gin Tonic.
Das bekam ich zwar nicht, aber die Stimmung im Aufwachraum war okay.

Irgendwie bekam ich noch mit, dass die Operation offenbar gut verlaufen war. Das ist übrigens eine irre Sache – sie fahren mit einem Endoskop durch die Harnröhre in die Harnblase und von dort weiter in den Harnleiter. Auf diesem Endoskop befinden sich neben der Kamera und einer Lampe noch ein Greifarm, um den Stein packen zu können und eine Laserkanone, um ihn zu zertrümmern. Und das alles passt da durch – mir eigentlich unbegreiflich.
Ich bin der Schulmedizin in vielen Dingen durchaus kritisch gegenüber eingestellt, aber in ebenso vielen Dingen wissen die schon, was sie tun und können es auch sehr gut. Auch der Stand der Technik ist bewundernswert. Ich stelle mir vor mit dem Nierenstein bei einem Schamanen in Behandlung zu sein und es kommt mir absurd vor. Wobei ich nichts gegen Schamanismus habe – letztlich hat alles seine Berechtigung, aber auch seine Grenzen.

In der Früh ging es mir dann plötzlich gar nicht gut. Ich hatte zwar keine Koliken mehr, aber starken Harndrang. Doch das war es nicht. Ich brauchte eine Zeit um drauf zu kommen, was mein Problem war. Mir ging es irgendwie hundeelend und ich wusste nicht warum. Ich war sehr schwach, der Kreislauf ließ noch nicht zu, dass ich aufstand und als ich auf´s Klo ging, konnte ich einen Zusammenbruch gerade noch vermeiden. Das war zwar scheußlich, aber noch keine Erklärung für meinen Zustand.
Dann entdeckte ich, dass mein Problem psychischer Natur war. Ich hatte plötzlich keinen Halt, irgendwie nur negative Gedanken, die sich ineinander verwoben, um sich drehten, wuchsen, intensiver wurden. Es war keine Angst, keine Panik, aber ein Unwohlsein an der Grenze des Erträglichen.
Ich wusste, dass ich positive Gedanken bräuchte – konnte sie aber nicht fassen. Zukünftige Vespa-Touren durch sonnendurchflutete Landschaften – funktionierte nicht. Fast am schlimmsten war, dass ich keine Ahnung hatte, was da los war.

Dann kam der Arzt, der mich operiert hatte. Er brachte die gute Nachricht, dass die Operation gut verlaufen wäre und man den Stein zertrümmern hätte können. Danach wurden die Fragmente entfernt und ich bekam die Schiene in den Harnleiter (übrigens 26 cm lang). In die Studie wurde ich nicht aufgenommen, da bei den Verletzungen meines sehr engen Harnleiters diese sowieso obligat gewesen wäre.
Und es war klar: Der Stein wäre von alleine nie und nimmer abgegangen – er war zu groß für meinen Harnleiter und steckte immer noch dort, wo er fünf Tage zuvor diagnostiziert worden war.
All das Hüpfen und Hoffen waren umsonst gewesen – aber wer hätte das wissen können?
Ich würde wohl noch einige Tage Blut im Urin haben und die Schiene könnte zwicken – aber sonst sollte ab jetzt alles okay sein, meinte er. Und ich könnte heute noch nach Hause gehen oder aber noch eine Nacht da bleiben – sie hätten gerade genügend Betten und das wäre kein Problem.

Meine Stimmung besserte sich, ich vergaß aber leider noch einige wichtige Fragen zu stellen – was ich später bereuen sollte.
Auch bei der Visite, die durch einen mir unbekannten Oberarzt durchgeführt wurde, hatte ich die richtigen Fragen nicht parat – etwa woher die Koliken kommen könnten, die der Oberarzt als mögliche Nachwirkungen erwähnte. Er meinte aber auch, dass all die Schmerzen, die jetzt kommen würden, kein Vergleich mit dem wären, was ich durchgemacht hätte. Das war beruhigend.

Ich blieb noch einige Stunden, genau genommen bis zum Mittagessen, von dem ich aber nur ein paar Bissen runterbrachte. Immerhin, ein wenig Appetit kam langsam zurück, ich hatte in der Früh nur die Banane gegessen und fühlte mich insgesamt noch sehr schwach.
Dann war es Zeit zu gehen. Dummerweise war die Schwester grad so beschäftigt, dass sie mir keine Entlassungspapiere vorbereiten konnte. Auch die Ärztin, von der noch Papiere fehlten, war gerade nicht verfügbar.
Also ging ich so – aus ärztlicher Sicht war ich ja (mündlich) entlassen worden. Mit etwas wackeligen Beinen, aber ohne Schmerzen. Dafür mit dem Gefühl als müsste ich ständig pinkeln. Die Papiere, so meinte die Schwester, könnte ich irgendwann abholen, da ging es vor allem um den Patientenbrief für den Urologen, der mir in zwei Wochen die Schiene entfernen sollte.

Es war ein traumhafter Tag und ich war fertig. Der Heimweg hatte viel Kraft gekostet und wahrscheinlich hatte ich auch noch Nachwirkungen von der Narkose.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag konnte ich ganz gut schlafen und hatte einiges aufzuholen. Auf jeden Fall jedoch eine wichtige Projektbesprechung, zu der ich in den dritten Bezirk fahren musste. Das klappte aber, wenngleich ich mich bei der Besprechung sehr konzentrieren musste.
Aber der Appetit kam wieder und mit dem Essen auch die Kraft. Die Schiene drückte, Harnlassen schmerzte und auch ganz generell fühlte ich mich alles andere als gesund und war froh, als ich wieder daheim war.

Dann kam ein leichtes Ziehen links hinten. Nur ganz leicht, aber das löste sofort ein deutlich spürbares Angstgefühl aus. Angst vor den Schmerzen, die ich schon kannte. Wobei – ein wenig Ziehen macht noch nichts.
Doch das Ziehen wurde stärker und stärker. Ich musste mich wieder ins Bett legen, doch auch da wurden die Schmerzen wieder stärker. Zu meiner riesigen Enttäuschung wurde klar: Das ist der alte Schmerz, das ist die linke Niere, das ist der totale Frust. Meine Stimmung entwickelte sich zu einer Mischung aus Ärger auf alles, Enttäuschung, Frust, Hilflosigkeit und ein Rest von Hoffnung, dass das irgendwie schnell vorbeigehen würde.

Es ging nicht vorbei, ganz im Gegenteil. Die Schmerzen wurden stärker und stärker, ich schluckte zwei Novalgin (eigentlich hatte ich gehofft ohne Schmerzmittel über die Runden zu kommen) und nahm später noch Novalgin-Tropfen.
Doch es nutzte nichts. Die Schmerzen wurden mehr und mehr, nicht ganz so stechend wie der Blitz, der vor der Operation immer wieder eingeschlagen hatte, aber in Summe nicht viel leichter. Und vor allem gingen sie nicht mehr weg, sondern nahmen kontinuierlich zu, so wie meine Angst, dass es von vorne losgehen würde.
Ich erinnerte mich an die Worte des Arztes bei der Visite, dass Koliken durchaus noch möglich wären und ärgerte mich, dass ich ihn nicht gefragt hatte, woher die kommen würden. Das freundliche Nicken auf meine Frage, ob die Schmerzen eh lange nicht so stark sein würden wie vor der Operation, erschien mir jetzt wie blanker Hohn.
Ganz besonders schlimm war die Ungewissheit nicht zu wissen, wo die Schmerzen herkamen. Der Stein war doch draußen – was veranlasste den Harnleiter zu diesen schmerzhaften Kontraktionen? Und wieso waren die so stark, wenn sie doch nur leichte Nachwehen hätten sein sollen?

Und vor allem: Was kann ich jetzt tun? Die Schmerzen waren eigentlich nicht aashaltbar, vor allem, weil die Schmerzmittel gefühltermaßen überhaupt nicht (mehr) ansprachen.
Bei einem kurzen Telefonat empfahl mir Susanne doch den Ärztefunkdienst anzurufen und um Rat zu fragen. Ich hatte sonst ja nur mehr die Option mich mit der Rettung wieder ins AKH bringen zu lassen – keine angenehme Vorstellung: wieder die gleiche Prozedur, wieder das Warten – ich hatte einfach keine Lust.
Die nette Ärztin vom Ärztefunkdienst war jedoch ein Lichtblick. Sie meinte, es könnte sein, dass ein kleiner Rest des Nierensteins noch irgendwo steckte und diese Schmerzen – ja, auch starke Schmerzen – verursachte.
Allein diese Erklärung half mir schon und auch die Tatsache, dass mir jemand zuhörte, der kompetent war. Sie meinte, dass sie mir einen Kollegen vorbei schicken könnte, der mir ein stärkeres Schmerzmittel geben könnte und ob ich es noch so lange aushalten würde, denn die Wartezeit würde etwa eine Stunde betragen.
Ich antwortete ihr, dass das völlig in Ordnung wäre und dass es mir ohnehin unangenehm sei, einen Arzt von vielleicht wichtigeren Einsätzen abzuhalten.
Ihre Reaktion war deutlich: „Wir wissen, wie Nierenkoliken sind. Da wird der leichte Schnupfen von jemand anderem halt warten müssen.“

Also wartete ich und beschloss, in der Zwischenzeit eine Dusche zu nehmen. Als ich gerade das Wasser aufdrehte, läutete es an der Türe. Es war bereits der Notarzt, der mich auch sofort untersuchte: Bauch abtasten, schauen, wo es schmerzt – Ergebnis: Bauch weich, Schmerzen wahrscheinlich von einem Nierensteinrest – gleiche Diagnose wie von der Ärztin am Telefon.
Der Arzt empfahl mir eine Novalgin-Spritze intramuskulär – hinein in den Hintern und nach ca. 45 Minuten würde dann die volle Wirkung einsetzen. Das wäre insofern gut, weil ich dann beim gleichen Schmerzmittel bleiben könnte.

Also hinein mit dem Jauckerl! Und dann warten. Lange warten, denn nach 45 Minuten geschah leider erst einmal gar nichts und meine Verzweiflung nahm langsam wieder zu. Was, wenn das Mittel nicht wirkt? Und was ist mit dem Nierensteines – geht der diesmal von alleine ab?
Es dauerte 75 Minuten, dann aber setzte die Wirkung fast schlagartig ein und die Schmerzen ließen deutlich nach, gingen fast ganz weg. Unterstützend wirkte, dass ich mich langsam entspannte, als die Schmerzen weniger wurden, auch durch die Gewissheit, dass zumindest das Mittel jetzt wirken würde.
Als ich etwas später pinkeln ging, sah ich auf einmal ein kleines, schwarzes Ding in der Muschel, das aber wenige Sekunden später hinunter rutschte, noch bevor ich es bergen konnte.
Meine Hoffnung war, dass dies das letzte Reststück vom Nierenstein war, das bei der Operation übersehen wurde. Da gebe ich die Schuld nicht dem Operateur, denn es war irgendwie einleuchtend, dass in diesem geschwollenen Harnleiterchaos mit der kleinen Endoskopkamera keine Garantie inkludiert sein konnte, dass alle Teile restlos entfernt werden konnten.

Hoffentlich war es das. Hoffentlich. Ein bisschen Glück hätte ich jetzt verdient.
Also die Nacht abwarten. Glücklicherweise ohne Schmerzen, nur mit starken Schweißausbrüchen, die aber als Nebenwirkung von der Spritze angekündigt waren und kein Problem darstellten.
Nach einer durchschwitzten Nacht wachte ich Samstag früh schmerzfrei auf. Das Gefühl in der Nierengegend war gut, es war keinerlei Ziehen mehr da, wobei ich natürlich nicht wusste, wie das ohne Schmerzmittel aussehen würde und auch nicht, ob und wie stark die Spritze noch wirkte.
Zur Sicherheit beschloss ich noch ein oder zwei Novalgin einzuwerfen, denn ich hatte einfach überhaupt keine Lust auf neue Schmerzen, auch nicht auf schwache.
Doch es kamen keine Schmerzen, und zwar auch nicht, als ich zu Mittag keine weiteren Tabletten mehr nahm. Und auch nicht am Nachmittag oder am Abend. Nur das unangenehme Gefühl des dauernden Harndrangs, das ich darauf zurück führte, dass die Schiene (ein 26 cm langer Plastikschlauch) in der Harnblase Druck verursachte, was diese als Harndrangsgefühl weiterleitete.
Das war unangenehm, aber auszuhalten. Der Urin entsprach farblich in etwa einem gepflegten Rotwein, das war jedoch normal, wie der Arzt mir versichert hatte.

So überstand ich den Samstag und die Chancen stiegen, dass die Nierensteingeschichte jetzt überwunden war. Ich beschloss noch auf den Sonntag zu warten, der jedoch auch ohne neue Schmerzen ablief. Alles inzwischen ohne Schmerzmittel und somit quasi „real“.
Meine Lebensgeister kamen langsam zurück, denn jeder neue Tag vergrößerte die Chance, dass es überstanden war. Der Blasendruck war und blieb unangenehm, der Urin wurde langsam gelb, dann wieder rötlicher, dann wieder gelb, wieder rötlicher – wahrscheinlich eine normale Entwicklung. Ich würde das den Urologen fragen, mit dem ich mir ja einen Termin für die Schienenentfernung ausmachen musste.

In der Ordination wurde mir bestätigt, dass der Urologe die Schiene ambulant entfernen könnte, einen Termin gäbe es aber erst wieder Mitte August.
Auf meine Frage, was ich denn dann tun könnte, antwortete die nette Sprechstundenhilfe, dass ich einfach zur Ordinationszeit vorbei kommen könnte, aber es würde halt eher lange dauern und ich sollte eine Menge Geduld mitbringen.
Mein Gedanke: Wenn schon vorher eine ewige Wartezeit angekündigt wird – wie sieht das dann in der Praxis aus?

Glücklicherweise fiel mir bei meiner Internetrecherche der Jörg auf, ein alter Bekannter, bei dem ich vergessen hatte, dass er ja Urologe ist. Ich hatte beim Aufbau der Vespa seines Sohnes mitgeholfen und irgendwie war es da dann doch leichter einen echten Termin zu bekommen.

Jörg empfahl mir die zwei Wochen auf jeden Fall abzuwarten, damit der Harnleiter ordentlich ausheilen könnte. Sehr angenehm war diese Vorstellung nicht, aber der Gedanke, dass es danach zu Komplikationen kommen könnte, war noch weniger erfrischend.

Die nächsten Tage würde ich als mittelprächtig beschreiben. Nierenschmerzen gab es keine mehr, doch der ständige Blasendruck war nervig. Dazu kam die weiterhin wechselnde Urinfarbe, die ebenfalls demotivierend wirkte: Jöö, kein Blut mehr… und dann, meist am Abend: alles wieder rot.
Was wirklich half: Bier trinken. Vielleicht nur wegen der vermehrten Flüssigkeitsaufnahme und der beruhigenden Wirkung des Alkohols, aber das war mir herzlich egal – es wirkte.

So vergingen die Tage ohne nennenswerte Veränderung bis zum Dienstag, den 12. Juni. Ich fuhr mit dem Roller nach Baden, wo es nach nicht einmal fünf Minuten Wartezeit zur Sache ging: Hose runter, auf eine Liege legen und schon kam Jörg samt Assistentin mit einem seltsamen Gerät. Sein Versprechen das möglichst sanft zu versuchen klang durchaus glaubwürdig und ich war mir außerdem sicher, dass die Schmerzen im Vergleich zu dem, was ich durchgemacht hatte, maximal Kinderfaschingsqualitäten haben würden und zudem noch sehr kurz andauern sollten.

„Jetzt muss ich an der Prostata vorbei“ klang weniger verlockend, aber auch das war aushaltbar. Vor allem, weil keine zwei Minuten später die Schiene heraußen war – ein dünner Plastikschlauch mit eingekringelten Enden. Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie das alles durch die Harnröhre passt, aber es ist nun einmal so.
Hose anziehen, mit herzlichem Dank verabschieden und schon ging es (nach einem kurzen Besuch am WC) wieder ab nach Hause. Das Brennen würde nicht lange anhalten, meinte Jörg, ein wenig Blut im Urin als Nachwirkung könnte es schon geben. Und ich hätte ja sicher noch Schmerzmittel daheim.

Mein Ehrgeiz war erwacht und ich wollte versuchen ohne Schmerzmittel die Nachwirkungen zu überstehen. Der Blasendruck war leider immer noch da und am späten Nachmittag kam auch noch ein leichtes Ziehen in der linken Nierengegend dazu. Ich kannte dieses Ziehen nur allzu gut, als aber Jörg am Abend noch einmal anrief, konnte er mich beruhigen: Da könnte nichts passieren, ein Nierenstau wäre auszuschließen und ich solle noch die Nacht abwarten.

Am nächsten Morgen war das Gefühl gut – keine Schmerzen, ein sehr leichtes Brennen und klarer Urin. Wenn das so bleibt – alles bestens.

Fazit: Auch einige Tage später blieb alles im grünen Bereich und es sieht so aus, als wäre die Sache endgültig überstanden. Ich hoffe, dass ich zu den 50% der Menschen gehöre, die keine weiteren Nierensteine mehr bekommt, denn diese Tortur möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Echt nicht. Und ich wünsche sie auch niemandem, nicht einmal meinem schlimmsten Feind.

Max

„Ich hab eh einen Brief geschrieben an Martin (gemeint ist der Koordinator für Wahlbeisitz), damit ich wieder dabei sein kann“, meinte Max auf meine Frage, ob er wieder gemeinsam mit mir Wahlbeisitzer bei der Nationalratswahl sein wird.
Erzählt hat er mir das letzten Donnerstag auf seinem Geburtstagsfest, das er recht spontan und wild für seine Freunde organisiert hat. Ich hatte ebenso spontan Lust hinzugehen, denn ich mag ihn – ein ruhiger, intelligenter, sozial höchst engagierter junger Grüner, den ich nur aufgrund eines Administrationsfehlers bei der Bundespräsidentenwahl kennengelernt habe.
Damit er sich noch besser engagieren könne, wäre er jetzt auch der Partei beigetreten – so berichtete Max mir von seinen Zukunftsplänen.
Die kleine Feier war bunt gemischt, jede(r) hatte eine Kleinigkeit zu Essen oder zu Trinken mitgebracht und Max stapfte ständig im flachen Wasser des Brunnens am Karlsplatz herum, sichtlich entspannt, fast ein wenig übermütig und gut gelaunt.
Sein Engagment für den Train of Hope 2015 zeigte sich auch in der illustren Schar der Gäste – viele aus dem arabischen Raum, Syrer, Iraker, jüngere und ältere – wobei ich wahrscheinlich der Älsteste überhaupt war, im Schnitt passten alle zu Max, der seinen 27. Geburtstag feierte.

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Bild 1: Selfie mit Max, letzte Woche.

Einige gemeinsame Biere später fuhr ich heim, durchaus in der Freude, Max sicher bald wieder zu sehen.

Seit gestern weiß ich, dass das nie wieder sein wird. Ich kam eine halbe Stunde nach Mitternacht aus Deutschland nach Hause, nach einem äußerst anstrengenden Workshop im Kleinwalsertal und 7,5 Stunden Heimfahrt. Ein Blick ins Internet. Häää? „Abschiedsfeier für Max“ – geh bitte…

Das war jetzt der zweite Selbstmord eines lieben Freundes binnen drei Monaten. Und wieder vollkommen überraschend, schockierend, Leere und Ratlosigkeit hinterlassend. Wie ein Schlag in die Magengrube, nur ohne zurückschlagen zu können.
Natürlich frage ich mich, ob ich etwas hätte tun können. Irgendwas, einfach irgendwas, ein spezielles Gespräch, ganz egal. Aber selbst mein Bauchgefühl hat mir nichts signalisiert, gar nichts. Der Scheissdrauf, mit dem Max samt Schuhen im Teich herumgestapft ist als Zeichen des Abschieds von den Nebensächlichkeiten dieser Welt – wohl überinterpretiert.

Die Echten erkennst du nicht – das ist wohl die bittere Erkenntnis und ich fürchte mich schon vor dem Moment, wenn ich in das Wahllokal gehe und mir so richtig bewusst wird, wer hier nicht mehr sitzt. Nie mehr sitzt. 27 dürfte wirklich ein beschissenes Alter sein, keine Ahnung warum.

Lebwohl, lieber Max, auch wenn ich weiß, dass du nicht mehr lebst.

Clemens

Kennt ihr das? Du triffst jemand das erste Mal und weißt sofort: das passt. Manchmal schon bevor du das erste Wort wechselst.
Clemens war so jemand. Ich hätte ihm jederzeit 100.000 Euro in die Hand gedrückt und gewusst: die bekomme ich zurück. Ohne irgendwas Schriftliches.

Als ich ihn kennenlernte (ca. 2006) war er gerade frisch ernannter Geschäftsführer von Dale Carnegie Österreich. Das geschah noch als ich selbst bei Pentalog war, der Kontakt mit ihm blieb aber auch nach meinem Ausstieg erhalten und 2008 beschlossen wir gemeinsam ein Buch zu schreiben. Das war schnell entschieden und noch schneller umgesetzt. Ich hatte noch nie eine so unkomplizierte Kooperation wie mit Clemens.
Ein Buch gemeinsam zu schreiben ist keine ganz triviale Sache und ich hatte diesbezüglich nicht nur erfreuliche Erlebnisse. Mit Clemens hingegen war es leicht, locker, unheimlich effizient, lustig – einfach nur gut.

Zielorientiert, offen, ehrlich, reflektiert und vor allem unglaublich unkompliziert – wir mussten uns keine fünf Mal treffen um alles abzuwickeln, was das gemeinsame Projekt brauchte. Nach nicht einmal einem halben Jahr war das Buch („55 Trainerfallen“) geschrieben und veröffentlicht, der Linde Verlag hatte es sofort genommen.

Das Buch wurde zwar kein Mega-Erfolg, denn dafür ist die Zielgruppe zu klein, aber wir waren zufrieden.
Der Kontakt blieb herzlich aber locker, wir liefen uns etwa halbjährlich über den Weg und hin und wieder ging sich ein gemeinsames Bier aus.

Als ich ihn das letzte Mal (vor ein paar Monaten) traf, sah er nicht besonders gesund aus, aber auch nicht besorgniserregend krank. Eher überarbeitet.
Und dann, letzte Woche, bekomme ich die schreckliche Nachricht: Clemens ist tot.
Mir fehlen genau genommen noch jetzt die Worte. „Warum immer die Besten, die Leiwaunden?“ Diese und noch mehr Fragen sind da und bleiben.

We watched our friends grow up together
and we saw them as they fell.
Some of them fell into heaven
and some of them fell into hell.

Diese Strophe aus „Rainy Night In Soho“ von den Pogues passt leider nur allzuoft. Clemens hat die Hölle gegen den Himmel getauscht. Zumindest hoffe ich das für ihn.

Unser geplantes Buch („55 Fallen mit Trainern“) als Follow-up wird es nun nicht mehr geben.

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Quelle: Facebook