Tommy – in der Wiener Stadthalle

Eine kurze Rückschau auf das gestrige Musical von The Who.

Es hat ja schon Tradition bei Heinz, Andreas und mir: gemeinsame The Who-Konzerte, etwa am 1. Mai 97 in der Stadthalle oder im August 2002 in Amstetten – damals auch die Rockoper „Tommy“, die von Pete Townshend 1969 geschrieben wurde.
Ja, es ist eigentlich eine Rockoper und ein Musical. Das dürfte dem Regisseur des gestrigen Spektakels jedoch entgangen sein. Aber alles der Reihe nach.

Die Kartenbestellung

Das lief alles problemlos, bis auf den durchaus geschmalzenen Preis von 78 Euro. Aber alte The-Who-Fans zahlen sowas gerne. Ich hatte meine Karte für Mittwoch bei Andreas mitbestellt und mir den Termin schön fett im Kalender angestrichen. Andreas und Heinz gingen an beiden Tagen, also auch am Donnerstag.
Mittwoch Nachmittag dann der Anruf bei Andreas:
„Du wann treffen wir uns denn heute und wo?“
„Äh, Guido, Du hast eine Karte für Donnerstag.“
„Na sicher ned, ich hab eine für Mittwoch, da bin ich mir 100% sicher.“
„Schau einmal nach.“
„…“
„…“
„Geh leck!“
Also flexibel sein, umdisponieren auf Donnerstag. Ist ja kein Problem für einen alten The-Who-Fan.

Die „neue“ Stadthalle

Mehr oder weniger frisch renoviert, für mich ist kein Unterschied erkennbar. Halle F ist mittelprächtig groß und komplett bestuhlt, mit roten Plüschpolstern. Da kommt bei bestem Willen kein Rockopern-Flair auf. Man sitzt brav in seinem Sessel und sieht sich an, was auf der Bühne passiert.
Meine Gratulation des Tages geht jedoch an den Manager der Gastronomie. Da wir eine Pause hatten, strömten die Gäste hinaus, denn es wurde nicht gesagt, wie lange diese ist. Ein Drittel geht aufs WC, ein weiteres Drittel hinaus rauchen und das dritte Drittel hätte gerne was zu trinken.
Wie es bei den WCs war, weiß ich nicht, aber die Ausschank war eher ein Desaster. Die Buffets rechneten scheinbar nicht damit, dass Gäste kommen würden. Es bildete sich sofort eine lange Schlange mit den üblichen Vordrängern („der blade Franz“ vom Georg Danzer lässt grüßen) und leicht überforderten Kellnern, die es nur mit Mühe schafften, ein Bier zu zapfen. Genau dieses Bier ging ihnen dann auch aus (Fass und Flaschen), und auf meine Frage, ob sie denn nicht mit Gästen gerechnet hätten, bekam ich ein fröhliches „Nein“ zur Antwort.
Wer bitte macht das Management der Gastro in der Stadthalle? Ich hätte auch den Wunsch, dass man bei Beginn der Pause bekannt gibt, wie lange diese dauert. Dann weiß ich, ob Zeit für Bier und WC ist oder ob ich anders disponieren muss.

Die Show

Eine gute Bühnendekoration, die aber ein wenig an die Westside-Story erinnerte. Dieser Eindruck bestätigte sich während der Show, die für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Herumgehupfe hatte (man kann auch „Tanzeinlage“ dazu sagen). Dazu gehörte auch das extrem ausdrucksvolle und stets ein wenig zu kraftvolle Herumgehen auf der Bühne, ein bisschen wir im Balett. Da wäre weniger mehr gewesen. Das ist Musical und nicht Rockoper, das wurde vor 10 Jahren im Amstetten deutlich besser gelöst. Natürlich stellt sich die Frage, was man mit den Leuten auf der Bühne denn sonst tun sollte und man darf es auch nicht am Film messen, denn dort bestehen ganz andere Möglichkeiten.
Ich war trotzdem ein wenig enttäuscht, vor allem weil es nach der Pause abflaute. Dabei hatten sie gute Ideen: Tommy in dreifacher Darstellung war toll, „Fiddle about“ war interessant inszeniert, die Luftschlacht mit kleinen Flugzeugen auf Stangen ein witziger Einfall.
Dann kam Sally Simpson und es kippte ins Kitschige. Aus Tommy und Sally wurde ein Liebespaar gemacht und dafür musste das Lied um das letzte Drittel gekürzt werden („Sally got married to a Rock Musician she met in California“ – das hätte nicht gepasst).
Musikalisch muss ich ein „bemüht“ attestieren. Tommys Mutter hatte eine tolle Stimme, Tommy als Erwachsener wirkte immer an der Grenze seiner Möglichkeiten. Seine Stimme war recht dünn, aber natürlich ist das eine sehr schwere Aufgabe, denn man muss stets gegen das übermächtige Vorbild von Roger Daltrey ankämpfen. Am deutlichsten wurde das bei „I´m free“, das für mich einfach nicht gut gebracht war.

Fazit

Eine fast volle Halle zeigte, dass es gut war, diese Produktion nach Wien zu holen. Engagierte Schauspieler bzw. Tänzer verdienten den Applaus. Für echte Tommy-Fans vielleicht ein bisschen zu wenig originell, sängerisch Durchschnitt. Gut, es gesehen zu haben. Zwei Abende wären für mich aber einer zu viel gewesen.

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Bild 1: Lichtspiele

Warum ich mir kein „Schwimmcenter“ kaufe

Gerade frisch eingetroffen – der neue Sonderangebotsprospekt von SPAR. Und meine speziellen Freunde haben wieder besondere Schmankerln eingekauft und versuchen diese nun zu verscherbeln.

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Bild 1: Werbung

Höhepunkt ist diesmal ein Planschbecken, das sie großzügig „Schwimmcenter“ nennen. Dort gäbe es „Platz für die ganze Familie“. Ich frage mich bloß, wo dieser Platz sein soll. Außerhalb? Oder ist damit gemeint, dass die Familie hintereinander hinein steigt, einer nach dem anderen, wie in der Sixtinischen Kapelle die Reisegruppen?

Ich habe sogar vor kurzem eine gute Doku gesehen, bei der die Entstehung des aufrechten Ganges beim Menschen unter anderem damit erklärt wurde, dass die Menschen seit uralten Zeiten am Wasser leben, das ihnen als Rückzugsgebiet vor Feinden gedient hat (Krokodile und Haie sind hier zwecks Theoriegültigkeit ausgenommen).
Also, meint die Studie, suchen die Menschen immer und überall Plätze nahe dem Wasser oder auch darin. Keine Seite in einem beliebigen Urlaubsprospekt, auf der kein Wasser zu sehen wäre.

Trotzdem, bei diesem Angebot von SPAR stimmt das alles hinten und vorne nicht. Es fängt beim Preis an: 34,90- ist eine Kampfansage, aber man bekommt noch mitgeteilt, dass man 5- Euro gespart hätte („statt empf. Preis des Herstellers von 39,90-). Noch nie auf dieser Welt hat jemand etwas zum empfohlenen Herstellerpreis gekauft. Das ist der Preis für Vollidioten, den kein normaler Mensch bezahlt.

Das Bild der Werbung ist auch irreführend: Wer so einen Garten besitzt, hat auch meist einen riesigen Pool, oder aber gar nichts derart, schon gar nicht dieses Planschbecken.

Die so genannten „Aufbaumaße“ betragen 305cm x 183 cm x 56 cm. Die verwendbaren Innenmaße entsprechen einem langen, aber schmalen Doppelbett. Natürlich kann man da die ganze Familie hineinpacken. Aber dann kann sich keiner mehr rühren. Wer gerne auf Sardine macht, ist mit diesem Ding gut bedient.
Und darin soll jemand „schwimmen“? Wie bitte soll das funktionieren? Unter einem Schwimmcenter stelle ich mir eine Art riesige Halle vor, in der sich ein halbes Dutzend 50-Meter-Bahnen befindet.

Warum rege ich mich darüber eigentlich auf? Ich muss es ja nicht kaufen und wenn jemand Lust auf so ein Sardinenerlebnis hat, dann soll man ihn nicht daran hindern. Aber diese Werbung hinterlässt bei mir eine Botschaft, die mich auch etwas angeht: Wer kein Geld hat, um sich einen echten Traum zu erfüllen (Großer Swimming-Pool, Karibik-Urlaub am Strand etc.), der muss mit Ersatzträumen auskommen. Planschbecken statt Pool. Da ist auch Wasser drin. Es ist Teil unserer Konsumwelt und Zeichen für die derzeitige Entwicklung: Ich will alles und das sofort und billig. Auf der Strecke bleibt die Qualität, das eigentliche Erlebnis. Statt sich von Zeit zu Zeit Luxus zu gönnen (den Sonntagsbraten, den tollen Urlaub), der dann auch tatsächlich als solcher wahrnehmbar ist, versuchen viele Menschen eine Art Dauer-Grundrauschen herzustellen: viel Luxus immer und überall. Das nivelliert letztlich das ganze Leben, der Luxus ist nicht mehr als solcher erkennbar und so versucht man eine Steigerung: noch mehr desselben. Statt 5 Schwarzbrotsorten will man jetzt 20 haben, das symbolisiert gesteigerten Luxus und simuliert gestiegene Wertigkeit der eigenen Person.
Tatsächlich geschieht genau das Gegenteil. Wenn man sich die Leute ansieht, die eng geschlichtet in ihrem bunten Plastik-Planschbecken hocken, Lichtjahre entfernt von jeglicher Art des Schwimmens, die ihnen ja versprochen wurde, dann wird das nur allzu deutlich: Was hier geschieht, ist eine Abwertung des eigenen Lebens: kleine, billige Planschbecken in kleinen Gärten für letztlich kleine Menschen. Gerade mal bei Kleinkindern sieht es nicht peinlich aus.

Was ist die Alternative? Hinaus in die Natur, eine Wanderung bis zu einem See, in dem man wirklich schwimmen kann. Davon gibt es genug in Österreich und das Auto, um dorthin zu kommen, haben auch die meisten. Da geschehen dann Begegnungen, man lernt andere Menschen kennen oder neue Gegenden, entdeckt ein malerisches Fleckerl Heimat oder erlebt sonst etwas – stets mehr als daheim auf der Terrasse im lauwarmen Plastikwasser.

Was will Facebook mit der Timeline?

Angeblich wird man hineingezwungen und tatsächlich bin auch ich fast schon in die Falle getappt: „Wenn Du diese Anwendung startest, wirst Du auf die Chronik umgestellt“ hieß es.
Ich habe es nicht getan, aber früher oder später wird Facebook alle Benutzer umstellen. Also muss seitens des Betreibers eine Notwendigkeit dahinter stecken – mit anderen Worten: ein Geschäftsmodell.

Aber wie sieht dieses aus? Noch hüllen sich alle in Schweigen, und auch ich kann nur spekulieren. Hier die ersten Ideen und Ansätze:

1.) Facebook ist kein Charity-Verein. Die wollen Geld verdienen, und zwar so viel wie möglich. Daher verändern sie nur etwas, wenn es mehr Geld verspricht.
2.) Sie sagen es ganz offen: Wir ermöglichen euch Freundschaftspflege (wie auch immer die aussehen mag) und bekommen dafür von euch Daten geschenkt. Das ist eine klare Vereinbarung und ich betone es hier explizit: Alle Daten, die auf Facebook eingestellt werden, gehen in deren Eigentum über. Das betrifft Texte wie Bilder, Filmchen und Chats, – einfach alles.
3.) Der Fachausdruck ist „Data Mining“. Facebook geht davon aus, dass die relevanten Rohstoffe der Zukunft nicht mehr Kupfer oder Öl heißen, sondern Daten. Das bedeutet natürlich nicht, dass die „alten“ Rohstoffe nicht mehr gebraucht werden, sondern nur, dass sich mit ihnen nicht so viel Geld verdienen lässt wie mit Daten. Und genau diese Daten sammelt Facebook ein, viele Terabyte täglich.
4.) „In ihr Eigentum übergehen“ bedeutet, dass sie damit machen dürfen was sie wollen. Sie können etwa die privaten Urlaubsbilder der Nutzer verkaufen. Eine kostenpflichtige Bilder-Datenbank wäre etwa denkbar, ähnlich Fotolia oder Dreamtime. Dort könnten wir dann unsere eingestellten Bilder finden, mit einem Preisschild versehen. Ob es so eine Datenbank geben wird, ist fraglich, denn die Qualität der Bilder ist sehr unterschiedlich. Aber es gehört ihnen und sie dürfen alles damit machen, was man mit Eigentum so machen darf.
5.) Besonders wichtig ist der Aufbau von Zielgruppen-Datenbanken, die man dann teuer verkaufen kann. Unsere Konsumwelt sieht derzeit so aus: Es gibt unendlich viele Konsumartikel und wie im Regenwald die Bäume kämpfen die Hersteller bzw. Vertreiber dieser Artikel darum, ans Sonnenlicht zu kommen, sprich gekauft zu werden. Das wird immer schwieriger, denn die KonsumentInnen haben schon viel. Man bringt sie zwar dazu immer noch mehr zu wollen und verkauft ihnen Gegenstände, die schon nach sehr kurzer Zeit erneuert werden müssen, weil sie entweder kaputt oder aus der Mode sind, aber das alles hat Grenzen. Selbst der dümmste Konsumidiot hat irgendwann eine Sättigung erreicht und die Geldbörse spielt hier auch mit. Das versucht man zwar mit Kredit-Lockangeboten zu umgehen („Kaufen Sie heute, zahlen Sie nächstes Jahr), aber auch das hat Grenzen. Keine ethischen, aber quasi natürliche, etwa wenn die erste Kreditkartenblase explodiert.
6.) Daher geht es um die richtige Ansprache der Konsumentinnen. Das Geschäftsmodell sieht so aus: Wer seine Zielgruppe besser erreicht als der Mitbewerb, bekommt letztlich alles, weil der Mitbewerb das nicht überlebt. Wenn in meinem Basilikum-Beet direkt nebeneinander zwei Samen aufgehen, wird der Stärkere von beiden groß und der Schwächere geht ein. Somit hoffen alle auf generelles Wachstum, das aber wie überall in der Welt irgendwann auch an seine Grenzen gerät. Bei entsprechendem Wachstum überleben auch die Schwachen. Aber was ist, wenn die Spitze erreicht ist, wenn die Bäume im Urwald 35 Meter hoch sind und die Kapillaren das Wasser einfach aus physikalischen Gründen nicht mehr höher in die Wipfel transportieren können? Was ist, wenn die Menschen nicht mehr das Geld haben, um noch mehr zu kaufen oder die Ressourcen ausgehen? Es reicht ja schon ein Stagnieren von Fördermengen, um eine Kettenreaktion auszulösen. Dann wird es eng.
7.) Facebook bemüht sich also erstens viele Daten zu sammeln und diese zweitens ordnen zu können. Darin liegt die eigentliche Herausforderung, denn den ersten Teil der Aufgabe haben sie bereits bravourös gemeistert. Nun gibt es schlaue Computerprogramme, die Benutzerprofile anlegen. Dazu werden scheinbar voneinander unabhängige Daten miteinander in Beziehung gebracht und Schwupps! – schon hat man perfekte Kundenprofile und weiß, dass der Maxi Müller jeden Mittwoch Mörderappetit auf Vanilleeis hat. Also kann man ihm Mittwoch früh eine SMS schicken, dass zwei Häuserecken weiter zufällig heute gerade er zehn Prozent Rabatt auf Vanilleeis bekommt.
Wird das so funktionieren? Sind die Wünsche (nicht: Bedürfnisse! Dazu ein andermal) so stabil und vorausberechenbar? Sind die KonsumentInnen so fetzendeppert, dass sie das einfach so mit sich machen lassen?
8) Möglicherweise schwächelt hier das Geschäftsmodell, denn was ist, wenn die Profile zu keinen steigenden Umsatzzahlen bei der Kundschaft führen und die Käufer der Datenprofile dies bemerken? Hat Facebook dann ein zweites Geschäftsmodell auf Vorrat? Genau hier setzt meine Neugier an: Verhilft die Chronik, die Timeline Facebook dazu, noch andere Möglichkeiten zu generieren? Welche wären das? Ich bin gespannt auf die Diskussion.

Die kleinen Anzeichen

Es sind oft die kleinen Anzeichen, die auf große Veränderungen hindeuten. Sie erscheinen unzusammenhängend und sind es vielfach auch. Aber ihre Summe sollte uns aufhorchen lassen:

1.) Vereinzelung
Wehe, wenn sie sich zusammenschließen! Das wissen diejenigen, die ihre Macht erhalten wollen, nur zu gut – vom schwachen Abteilungsleiter in der Firma bis zum Papst. Ein probates Mittel ist die Vereinzelung (Idiotisierung) der Menschen (der „Idiot“ ist übersetzt der „Vereinzelte“). Je mehr sie auf ihr individuelles Wohl schauen („Wenn jeder auf sich selbst schaut, dann ist auf alle geschaut“), desto dünner wird die Gemeinschaft. Die Verlockung nach dem äußeren Zeichen der Individualität, dem individuellen Besitz, wird immer größer. Man muss die Gegenstände dafür weder brauchen noch benützen – Hauptsache man hat sie. Die Vermehrung, Erhaltung und Absicherung der Güter frisst dann die Zeit und Energie, die man sonst für die Gemeinschaft verwenden könnte.

2.) Konsumradikalisierung
Noch mehr von möglichst allem, jetzt gleich, vergleichbar einem Ertrinkenden, der nach Luft schnappt. Das Gekaufte macht immer weniger glücklich und immer kürzer. Schnell noch das ausgeben, was vielleicht morgen nichts mehr wert ist. Sammeln für einen möglicherweise harten und kalten Wirtschafts- und Sozialwinter. Der Widerspruch von „weniger Geld haben“ und „mehr kaufen wollen“ wird durch Herabsetzung der Qualität der Produkte bewältigt: Billige Materialien, billige Erzeugung und schon kann man sich alles leisten. Die damit verbundene Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt wird kostenmäßig in die Zukunft geschoben. Die Produkte werden langsam zu frisch erzeugtem Müll. Die Umwelt wird zu Müll. Und die Menschen, die darin leben, fühlen sich langsam auch so.

3.) Die Ruhigsteller werden mehr
Die mentale Ruhigstellung der Menschen weitet sich aus. Dazu gehören vor allem Fernsehen, Computerspiele und bilderreiche, textarme Zeitschriften. Auch die stoffliche Ruhigstellung nimmt stark zu: Mehr Fast-Food, weniger Bewegung, Verfettung von Körper und Hirn. Lärmisolierte, weich gefederte Autos, durch die man die Umwelt nicht mehr wahrnimmt, fette und zuckerreiche Nahrung, Dubai und DomRep, wo man in Strandfabriken ruhig liegend auf den Hautkrebs wartet. Und aufs Lachsbuffet. Wenn das nicht ausreicht: Epson hat jetzt die 3D-Brille für unterwegs erfunden, das ist die perfekte Ergänzung zu den Kopfhörern, mit denen man sich nicht nur selbst ruhigstellen, sondern auch perfekt von Außeneinflüssen abschotten kann.

4.) Zunahme der Tablettensucht
Sich zudröhnen, sich aus der Welt für eine Zeit hinausbegeben, in der Extremform: den Weltschmerz unterdrücken. 1,5 Mio. Menschen allein in Deutschland, die Tablettenmissbrauch betreiben. In Florida ist das bereits Nr. 1 der unnatürlichen Todesursachen. Meist unsichtbar, erst sehr spät erkennbar, mit hoher Dunkelziffer. Und besonders stark bei Jugendlichen.

5.) Gesundheitsbereich unter Druck
Wenn der Gesellschaftskörper nicht mehr funktioniert, so spüren das die Individualkörper. Obwohl wir immer gesünder und „besser“ leben, steigen die Kosten für Spitäler, Krankenpflege, Medikamente und medizinische Geräte ständig und stark. Die Menschen drängen zur Heilung und diese wird immer aufwändiger und teurer. Ab wann kann sich die Gesellschaft so viele Kranke nicht mehr leisten?

6.) Spiritualisierung
Die Bestsellerlisten sind voll von halbesoterischen Büchern zu allen möglichen Themen: Beziehung, Zukunft, Glück, Sex, Ernährung etc. Dies bewirkt eine Abschottung von der Realität, Scheinwelten werden aufgebaut, die glücklich machen sollen, wenn das reale Leben unglücklich macht.

7.) Zunahme des Glücksspiels
In der Geschichte war das stets ein Zeichen, dass eine Veränderung bevorsteht. Wenn Sicherheiten bröckeln, kann man nur mehr hasardieren und hoffen, zu den Glücklichen zu gehören.

8.) Burn-Out und Bore-Out
Die einen sind überarbeitet, stehen unter hohem Druck und werden krank. Die anderen sind arbeitslos, werden scheinbar nicht mehr gebraucht und werden krank. Viele spült es von der Mitte an den Rand, wo der Abgrund wartet. Dort haben sie Angst vor dem Hinunterfallen und klammern sich an alles, was ihnen gereicht wird.

9.) Radikalisierung und Xenophobisierung in der Politik
Man/frau ergreift in der Angst bzw. Panik auch die radikale Hand, wenn sie gereicht wird. Angst um den Besitz führt zum Wunsch, diejenigen zu bekämpfen, die einem das Erkrallte wegnehmen könnten. Das sind die anderen. Und je anders sie sind, desto mehr Angst hat man vor ihnen. Und hört vermehrt denjenigen zu, die diese Angst zur eigenen Machtergreifung zu nützen verstehen.

10.) Das Bröckeln der Autoritäten
Selbst wenn man die Vergangenheitsverklärungsbrille abnimmt – Kreisky, Kirchschläger, selbst Androsch waren noch Politiker, die man nicht als lächerlich empfand. Heute geistert Korruptionsverdacht durch alle Ebenen: Politik, Wirtschaft und auch NGO sind betroffen. Es scheint zumindest so, als ob Gier und Untreue überall um sich greifen. Die Kirche? Ein Skandal nach dem anderen. LehrerInnen? Nahe am Burn-Out oder unfähig. Familie – schon längst kein Ort der Sicherheit mehr. Banken, Versicherungen – die Säulen unserer Gesellschaft scheinen zu wanken.

11.) Bunker Cities bzw. Gated Communities
Reiche Menschen bunkern sich ein, bauen Mauern und Zäune um ihre Besitztümer – je größer die sozialen Unterschiede, desto höher. Sie haben Angst vor der Masse der Armen. (siehe eigener Blog-Beitrag)

Gibt es dazu Gegentrends? Selbstverständlich, darüber mehr demnächst hier.

Bunker Cities und Gated Communities

Bunker Cities

Sie werden auch „Gated Communities“ genannt und sind derzeit weltweit im Aufschwung: Wohnviertel für Reiche, mittels hoher Zäune, Elektronik und Wachpersonal gegen Gefahr von außen abgesichert.

Je weniger ein Staat auf das Gemeinwohl achtet, desto höher werden die Mauern und Zäune der Bunker Cities.

Die einen sind reich, die anderen arm. Die einen sind wenige, die anderen sind viele.

Das Problem: Zum Arbeiten müssen die Reichen ihre Hochsicherheitszonen verlassen.

Das 21. Jhd. wird als ein Jahrhundert der Mauern in die Geschichte eingehen. Diese Entwicklung ist in vollem Gange.

Besonders in denjenigen Gebieten auf dieser Welt, in denen es sehr viele Menschen und eine extrem große soziale Kluft gibt, entstehen die Bunker Cities.

• Südamerika – etwa in Rio
• Südafrika – etwa in Johannesburg oder Kapstadt
• Indien
• Russland
• USA – Florida und Kalifornien

Beispiel 1: Frankreich – Mirail in Toulouse

Es wäre falsch, das System zu verteufeln oder alles in einen Topf zu werfen. Der Beginn verläuft stets nach dem Muster der Ghettoisierung, d.h. die Mischung der ansässigen Bevölkerung löst sich auf, einzelne Gruppen (in Frankreich z.B. die Nordafrikaner) werden größer, übernehmen Häuserblöcke, Straßenzüge und letztlich ganze Viertel. Diejenigen Menschen, die ursprünglich dort gelebt haben, ziehen weg. Zuerst gehen die Sensiblen, aber ganz zum Schluss auch die Robusten, die eigentlich um jeden Preis bleiben wollten. Selbst sie fühlen sich dann nicht mehr wohl.

Diejenigen, die weg gehen, müssen irgendwohin. Sie ziehen manchmal in die harmlose Form der Gated Communities und bilden dort neue Gemeinschaften. Diese zeichnen sich einerseits durch echtes Zusammenleben (Nachbarschaftshilfe, Treffen, Aufeinander schauen etc.) aus, andererseits durch eine gewisse Abgrenzung nach außen, etwa durch interne Regeln, die befolgt werden müssen. Das betrifft meist die Lärmentwicklung, kann aber auch so restriktiv werden, dass sogar die Anzahl der Balkonpflanzen streng reglementiert ist.

Man schafft sich neue Orte des sozialen Friedens, der in dem Viertel, in dem man urspünglich gelebt hat, nicht mehr existiert. Die dortigen Verhältnisse empfindet man als feindselig und anarchisch. Dieser Nicht-Ordnung setzt man die übertriebene Ordnung der Bunker Cities entgegen.

Diese Form hat mit Reichtum nichts zu tun, es sind die Menschen der Mittelschicht, die sich nach Oasen der Ruhe sehnen und sich daher in solchen Communities zusammen schließen. Selbstverständlich zahlt man einen Preis, etwa den der massiv gestiegenen Überwachung – es gibt Videokameras an jedem Eck und man zahlt für Security.

Beispiel 2: Lake View, Nairobi

Die Hauptstadt von Kenia wächst und gedeiht. Das führt ebenfalls zu sozialen Spannungen, denn es gibt eine immer reicher werdende Oberschicht aus Weißen, Kenianern und Indern, aber auch eine ständig wachsende Armut, die sich in Slumbildung widerspiegelt.
Daher entstehen auch in Nairobi in den Außenvierteln Gated Communities und „Lake View“ ist eine davon. In der Mitte ist ein künstlicher See, der von 12 Parzellen umgeben ist. Das Areal wurde von einer indischen Familie (Sanghani) gekauft und angelegt. Davor war dort ein Sumpfgebiet.
Lake View hat rund um die Parzellen noch weitere Grundstücke und alle zusammen sind von einer Mauer umgeben. Es gibt nur eine Einfahrt und diese ist mit Schranken und Sicherheitspersonal versehen.

Im Gegensatz zu anderen Gated Communities ist Lake View relativ offen, somit auch relativ ungeschützt, aber auch weniger goldener Käfig. Es gibt keine Videokameras, keine umherstreifenden Hundestaffeln, keinen Stacheldraht und sogar die Mauer ist eigentlich ein Zaun mit hoher Hecke.

Aber es wohnen nur reiche Menschen dort: Diplomaten, Geschäftsleute, der spanische Botschafter. Bettler und andere Menschen, die dort nicht wohnen und auch nichts anliefern oder sonst wie beruflich zu tun haben, dürfen nicht hinein.

Beispiel 3: Die Condominios in Rio de Janeiro, Brasilien

Allein schon der Name ist Programm – wie ein Kondom schützt es vor Ansteckung und trennt, was eigentlich so gerne vereint wäre. Auf der anderen Seite sind die Favelas, mit armen Leuten, Drogen, Gangs und sonst noch allem, was man gerne nicht in seiner Nähe hätte.
Es ist aber in der Nähe der Condominios, und es verursacht ständige Angst und weitere Aufrüstung, die Mauern werden sozusagen ständig höher gezogen.

Das ist einerseits verständlich, denn die Armen würden sich nur zu gerne bei dem Vielen bedienen, das die Reichen haben (oft zu viel haben?).
Andererseits beschleicht die Menschen hinter den hohen Mauern hin und wieder der Verdacht, dass sie in einem goldenen Käfig leben und dass eigentlich sie die Eingesperrten sind, und nicht diejenigen, die nach ihrem Rechtsempfinden eingesperrt gehörten.

Es ist eine künstliche Trennung, herbeigeführt durch die Einführung des Unterschieds zwischen „arm“ und „reich“, die uns heute schon so selbstverständlich erscheint.

Die Gated Communities, die Bunker Cities trocknen aus. Damit ist nicht gemeint, dass sie kein Wasser mehr haben, denn das können sie sich mit dem vielen Geld kaufen, sondern sie trocknen sozial aus. Die Menschen verdorren innerlich und manche wünschen sich, dort wieder wegziehen zu können – irgendwo hin, wo man leben kann.

Beispiel 4: Die Gated Communities in Indien

Es sieht aus wie in einem Bollywood-Film und das soll es auch, denn es simuliert eine heile Welt. Schöne, reiche Menschen schlendern sorglos über Blumenwiesen, dahinter allerdings befindet sich eine hohe Mauer mit Stacheldraht und Selbstschuss-Anlage. In Indien ist die Kluft arm-reich besonders krass und entsprechend extrem sind auch die geschützten Areale. Aber auch hier besteht das Problem, dass die Menschen zum Arbeiten hinausfahren müssen.

Beispiel 5: USA, Florida und Kalifornien

In diesen beiden Bundesstaaten gibt es die meisten Areale dieser Art in den USA. Hier herrschen im Gegensatz zu Indien nicht Protz und Prunk, sondern alles dreht sich um die Ordnung. Wer in der Früh sein Garagentor offen lässt, nachdem er hinausgefahren ist, riskiert eine Strafe. Die Anordnung, Anzahl und Art der Büsche im Vorgarten ist genau geregelt und darf keinesfalls anders aussehen. Die gesamte Welt wirkt extrem künstlich und hier ist wohl der Begriff des Goldenen Käfigs am ehesten angebracht, wenngleich es auch in Indien mehr Gold gibt.
Im Dokumentarfilm wird gezeigt, wie ein rüstiger Herr im besten Alter dieses Leben nicht mehr aushält. Er zog in die Gated Community, weil seine Frau es so wollte. Jetzt fährt er einmal pro Tag mit dem Rennrad hinaus, um weite Touren zu unternehmen. Sonst würde er es drinnen nicht aushalten, meint er. Und er würde gerne wieder wegziehen. Das ist für ihn nicht das Amerika der Freiheit, die er so liebt.

Hier zeigt sich gut der alte Widerspruch: Wer zu viel Freiheit (in USA: des Marktes, was auch immer das dann genau ist) fordert, bekommt wie bei einem Boomerang die Rechnung serviert, und sie heißt Ordnung und Kontrolle.

Fazit

In gewisser Weise dürfen wir beruhigt sein – die Gated Communities sind ein vorübergehendes Phänomen. Sie werden in der Welt der Zukunft entweder sinnlos sein, oder sie werden überrollt von der Menschenmaschine, die dann alles niederwalzen wird. So hoch können die Mauern gar nicht sein, so dichte Grenzen gibt es nicht, dass sich solche Ungetüme mittelfristig halten können. Sie sind ein Menetekel, ein Mahnmal, dass wir uns dringend um einen Fortschritt in unserem Gesellschaftssystem kümmern sollten, bevor er von alleine entsteht, dann wahrscheinlich unkontrollierbar.

Quellen: Doku-Film „Bunker Cities“ von Paul Moreira, 2011
Doku-Film „Auf der sicheren Seite“ von Corinna Wichmann, 2009