Was ist mit der Autoindustrie los?

Gleich zu Beginn ein Zitat aus pressetext.com:

„Die weltweit 18 größten Autobauer haben im ersten Halbjahr 2013 in den USA mehr Wagen zurückrufen müssen als sie abgesetzt haben. Die durchschnittliche Quote ist in den vergangenen sechs Monaten bei 142 Prozent gelegen. Das heißt, dass die Fahrzeugriesen um 42 Prozent mehr Autos wegen Mängel zurück geholt haben als neu zugelassen wurden. Das ist das Ergebnis einer heute, Mittwoch, veröffentlichten Studie des Center of Automotive Management http://auto-institut.de an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.“

Die Zahlen sind alarmierend oder wirken zumindest so oder sollten es zumindest sein. Wahrscheinlich werden sie kein Umdenken bewirken, weil ein solches Umdenken nicht erwünscht ist und so lange man sich sicher sein kann, dass man in jedem Fall mit Steuergeldern am Leben erhalten wird, ist es einfach nicht notwendig.

Bis gestern wunderte ich mich über die scheinbare Prosperität der wieder erwachten US-Autoindustrie: noch größere Kisten mit noch stärkeren Motoren und noch mehr Verbrauch. Und die Menschen kaufen die Dinger wie verrückt, Pick-ups und Vans, SUVs etc. – je größer, desto besser, je öfter, desto lieber. Ein Land in Endzeitgigantomanie.

Hier der Rest der Pressetextmeldung:
„Im Gespräch mit pressetext führt Automobil-Experte und Studienleiter Stefan Bratzel diesen „relativ hohen Wert“ in erster Linie auf strukturelle Gründe zurück.
„Die steigende technische Komplexität und der hohe Kostendruck bei einer gleichzeitigen Verkürzung der Produktlebenszyklen sind die Hauptfaktoren, die zu diesen 42 Prozent führen“, so Bratzel. Hinzu komme das sogenannte Baukastensystem. Immer mehr gleiche Teile werden aus Kostengründen in unterschiedliche Modelle eingebaut. Von Zulieferern begangene Fehler betreffen dadurch mehr Autos als noch vor einigen Jahren.
Insgesamt wurden zwischen Los Angeles und New York 11,3 Mio. Wagen zurück in die Werkstatt beordert. 2012 lag dieser Wert noch bei 4,8 Mio. Stück. Das ist ein Anstieg um 230 Prozent und zeigt, dass der Negativrekord von 18 Mio. zurückgerufenen Autos aus dem Gesamtjahr 2010 wohl überboten wird. Zu den häufigsten Mängeln zählen Probleme bei der Innenschutzeinrichtung, bei elektrischen Baugruppen und beim Motor.
Unter den besonders fleißigen „Rückrufern“ finden sich Toyota mit 208 Prozent, Honda mit 265 Prozent und Hyndai mit 294 Prozent. Sie werden nur noch von Chrysler mit 314 Prozent und BMW mit 334 Prozent übertrumpft. Am besten haben hingegen VW, Suzuki, Tata, Volvo, Madza und Mercedes abgeschnitten. Ihre Rückrufquote tendiert gegen null.
Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Rückholaktionen. Im Jahr 2012 hat das Kraftfahrtbundesamt http://kba.de wegen erheblicher Mängel 824.000 Fahrzeughalter angeschrieben. „Aufgrund des hohen Verwundbarkeitsrisikos muss die Produktqualität über Wachstumsziele der Unternehmen gestellt werden“, fordert Bratzel. Neben sicherheitstechnischen Minimalanforderungen verlangt er die Definition und Implementierung von globalen Standards für die Marken.“

Das ist die Spitze des Eisbergs. Toyota galt noch vor ein paar Jahren als Firma, der die Qualität ihrer Produkte nicht völlig egal ist. Ich glaube übrigens, dass auch die Marken mit wenig Rückholaktionen das nicht lange halten werden, denn sie schwimmen letztlich auf der gleichen Welle wie die anderen. Das gilt auch für Mercedes, die früher ein Synonym für Langlebigkeit waren. Auch sie wollen heute möglichst schnell möglichst viele neue Autos verkaufen. Das geht in einem gesättigten oder sogar übersättigten Markt nur, wenn man die Haltbarkeit verkürzt. Die Militärindustrie braucht schließlich auch alle paar Jahre irgendwo einen Krieg, der die gelagerten Waffen vernichtet, damit sie neue verkaufen können.

Herr Bratzel ist leider ein Träumer, wenn auch mit netten Träumen. Die Wachstumsziele der Unternehmen können nicht hinterfragt werden, weil sie nicht hinterfragt werden dürfen. Das ist Frevel, Gotteslästerung, ein Tabu. Dass sie sowieso nicht erreicht werden und gar nicht erreicht werden können, spielt dabei keine Rolle, ganz im Gegenteil: Wenn so ein hoch gestecktes Ziel nicht erreicht wird, dann muss man das nächste noch höher stecken, vielleicht motiviert das ja die Beteiligten mehr Leistung zu bringen und sich mehr anzustrengen.
Das einzige, was unkontrolliert und maßlos wächst, ist übrigens der Krebs. Ein seltsames Vorbild, das die Konsumindustrie da hat.

Ich setze dem die Philosophie von Leopold Kohr entgegen: Optimales Wachstum – das heißt, alles wächst bis zu seiner optimalen Größe und nicht weiter. In der Wirtschaft streben die meisten jedoch nach maximalem Wachstum und das ist krank. Genauso krank wie der Gedanke, dass etwas ewig wachsen kann. Das schafft übrigens nicht einmal der Krebs, der sich letztlich selbst vernichtet. Übrigens umso schneller je schneller er wächst, indem er seinen Wirt umbringt. Und das ohne sich vermehrt zu haben, wie das andere Parasiten wenigstens schaffen.
In unserer Wirtschaft muss alles ewig wachsen. In Österreich etwa bekommt man keinen Gewerbeschein wenn man bei der Gründung der Firma nicht ewiges Wachstum schwört. Wer hineinschreibt, dass er nach X Jahren plant die Firma wieder zuzusperren, bekommt aus ethischen (!) Gründen eine Ablehnung. So etwas kann nicht ein, weil es nicht sein darf. Man muss zumindest den Willen zu ewigem Wachstum haben. De facto gehen die meisten Firmen ohnehin weit vor ihrem sinnvollen Ende zugrunde. Aber zumindest der Schein muss aufrecht erhalten werden.

Das gilt auch für die Autoindustrie: Sie muss scheinbar wachsen und es muss ihr immer blendend gehen. 60 % Neuwagenverkaufsrückgang in Italien und Spanien, 80 % in Griechenland? Das kann nur ein vorübergehendes Phänomen sein eine kleine Wolke vor den strahlenden Aussichten, die gleich wieder vorbeigezogen ist. Demnächst geht es wieder steil bergauf und man wird Neuwägen wie verrückt verkaufen!
Das ist überall zu lesen und zu hören und es schafft bei mir die Gewissheit, dass es nirgends so große Illusionen gibt wie in der Autoindustrie. Was tun, wenn das Wachstum in Europa nicht zurückkehrt? Dann wird man es irgendwo anders auf der Welt schaffen, ganz sicher. In Afrika oder China. Oder sonstwo. Hauptsache Wachstum. Und alle Kritiker sind Spinner, die nichts verstanden haben und nur maulen wollen.

Ich wünsche mir… eigentlich nichts, denn ich weiß auch nicht wie dieses Problem zu lösen ist. Die KonsumentInnen werden wohl nicht auf eine neue Qualitätslinie umschwenken, zu geil und gemütlich ist die derzeitige Situation („Ich will alles und das jetzt gleich“) und die Autoindustrie wird sich hüten, das zu tun, und sich auf den Druck der Konkurrenz ausreden. Die Politik wird auch keinen Finger rühren und die kaputten Autofirmen mit zig Milliarden Steuergeld „retten“, so wie sie es immer getan hat und auch jetzt verspricht und wie es in USA in großem Stil passiert ist.

Wohin das führt will selbst ich mir nicht ausmalen.

Was mich an den Grünen stört

„Die Grünen malen die Radwege grün an.“
so bloggen meine Freunde und so schreibt Reinhard Nowak in der Presse. Dieser Satz ist nicht aus dem Zusammenhang gerissen, weil man ihn nicht aus dem Zusammenhang reissen muss oder kann. Er steht für sich und er ist grammatikalisch richtig. Inhaltlich ist er falsch. Erstens malen die Grünen nicht die Radwege an, weil eine Partei (und das meint Nowak) keine Radwege anmalt, sondern maximal die beauftragte Abteilung des Rathauses. Und auch die lassen anmalen und tun es nicht selbst. Aber lassen wir die Spitzfindigkeiten.
Diese Abteilung wird von der Stadtregierung beauftragt, die so einen Budgetposten zuerst im Gemeinderat beschließen muss. Ist das passiert? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass die Radwege nicht grün angemalt werden.
Hat schon jemand einen grünen Radweg gesehen? Eben. Ich übrigens schon. Vor dem Westbahnhof befindet sich eine ca. 30 m lange Teststrecke. Dort prüft man, wie und ob das überhaupt funktioniert. Und eine zweite gibt es glaub ich auch noch.

Und damit sind wir beim Thema. Derzeit ist Grün-Bashing sehr angesagt. An jeder Ecke lese ich, dass man die „Vassilakuh“ (so wird das gerne geschrieben und man freut sich über diesen rhetorischen Originalitätsuntergriff) doch heim nach Griechenland schicken möge und dass in Wien rot-grün an allem schuld wäre, vor allem aber grün. Wegen dem Parkpickerl. Und wegen der Gebührenerhöhung. Und weil die Radfahrer bei rot über die Ampel fahren. Und wegen dem Parkpickerl. Und den Radfahrern. Erst gestern hat mir ein Bekannter erzählt, wie sehr ihm diese vielen Radfahrer auf die Nerven gehen, die ihn beim Motorradfahren behindern. „Die sollen am Wochenende einen Radausflug machen, wenn sie Radfahren wollen.“ Und nicht ihm im Weg stehen. Oder fahren, zu langsam übrigens.

Aber selbst wenn man das übliche Wiener Geraunze und die Polemik der ÖVP und der Wiener abzieht, bleibt etwas übrig. Und über das möchte ich schreiben.
Es sind mehrere Punkte:

1.) Die Grünen haben Wachstumsschmerzen.
Sie haben als kleine Protestbewegung begonnen, ein paar Umweltschützer, ein paar Kommunisten oder was man so landläufig darunter versteht, ein paar Weltverbesserer und einige -Innen. Das hatte Österreich auch bitter nötig, denn Umweltschutz war so was von kein Thema in den 1980ern. Weder in der Regierung noch in der Bevölkerung. Genau genommen war es sehr wohl ein Thema, sonst hätten es die „Grüne Alternative“ nicht blitzschnell ins Parlament geschafft, obwohl sie hier das aktiviert haben, was gestern die FPÖ aktiviert hat und heute das Team Stronach aktiviert, nämlich die Protestwähler (und -Innen, gerade noch geschafft).
Nun saßen sie im Parlament und redeten mit. Und sie schufen auch ein Parteiprogramm, denn das war damals nicht schwer: Umweltschutz und Sozialreformen. Beides berechtigt und trotzdem mit dem gewissen Maß an Konterdependenz (dagegen sein um des Dagegenseins Willen).
Dann wurden sie größer und schufen Strukturen. Aus Tradition heraus waren sie basisdemokratisch aufgestellt. Das ist toll und funktioniert auch sehr gut, zumindest in kleinen Einheiten (Gruppengröße, also bis zu max. 15 Personen).
Leider haben die Grünen keine Tradition in Gruppendynamik, das wird sogar abgelehnt und wohl auch, um irgendwie anders zu sein als das Establishment. Das war übrigens einer der Gründe, warum ich vor einigen Jahren aus der Grünen Bildungswerkstatt rausgeschmissen wurde: Ich hatte ihnen das vorgehalten und anstatt es zu diskutieren, haben sie mich rausgeworfen. Das war schneller und einfacher.
Selbst in Gruppen sind basisdemokratische Entscheidungen schwierig, zumindest wenn man sie im Konsens erreichen will. Die geheime Suche nach Verbündeten plus einem Sieg in der darauf folgenden Abstimmung, das können die Grünen inzwischen genauso wie alle anderen. Und das ist auch basisdemokratisch, denn die Basis hat ja entschieden. Nur fragt man nicht, warum und wieso und wie das zustande gekommen ist.

So sind sie also gewachsen, die Grünen, aber ihre Entscheidungsstrukturen sind nicht mit gewachsen. Das heißt, sie sind es schon, aber nicht bewusst, nicht diskutiert, nicht reflektiert. Sie versuchen ein System zu leben, das nicht funktioniert. Weil sie aber funktionieren müssen, gibt es dahinter ein anderes System, das sehr wohl funktioniert. Das ist nur nicht basisdemokratisch, eigentlich gar nicht demokratisch, sondern autoritär.
Wie gehen die Grünen mit internem Protest um? Eva Glawischnigg hat es übrigens neulich in der Pressestunde tunlichst vermieden auf diese Frage zu antworten. Und genau hier liegt ein Problem, denn es ist bei den Grünen ein Tabu darüber zu sprechen. Alle wissen, dass Basisdemokratie so nicht funktioniert, aber niemand redet darüber. Interner Protest? Kann nicht sein, denn wir sind ja die Guten, die das Richtige wollen. Gegen das Richtige kann man gar nicht protestieren. Also sind das entweder eine Handvoll verirrte Seelen oder es handelt sich gar nicht um Protest, sondern kreativ versteckte Zustimmung.
Das wurde in der Politik tw. erkannt und wird von der Wiener ÖVP-Opposition gegen die Grünen verwendet. Da sie als Opposition übertreiben muss um ihrer Rolle als Opposition entsprechen zu können, stimmen die Vorwürfe oft nicht. Aber ein ziemlich großes Körnchen Wahrheit ist meist dabei.

Das ist das erste, was mich an den Grünen stört: Sie tun so, sind aber nicht und darüber darf nicht gesprochen werden.

2.) Die Grünen betreiben Klientelpolitik.
Basisdemokratie heißt in vielen Fällen: Man sucht sich eine Hausmacht und setzt mit deren Hilfe Entscheidungen durch. Man intrigiert, mobbt, tuschelt und benützt alle Tricks, die es gibt. Sitzungen werden taktisch verschleppt bzw. verschoben, Abstimmungen für ungültig erklärt und unter besseren Bedingungen wiederholt.
Und trotzdem versucht man die Basisdemokratie aufrecht zu erhalten. Das führt zu seltsamen Auswüchsen. Ich frage mich oft: Wem fällt so eine blöde Idee ein? Damit hat man ja sogar die eigene Wählerschaft gegen sich! Ein Beispiel war der Vorschlag (mehr war es nicht) einer Tempo-30-Zone am Gürtel.
Ganz abgesehen davon, dass wohl nur wenige Leute sich den genauen Wortlaut dieses Vorschlags angesehen haben – wieso kam dieser überhaupt ins Gerede? Um das und ähnliche Ideen zu verstehen, muss man wissen, wie die Entscheidungsstrukturen bei den Grünen funktionieren.
Es gibt eine ganze Anzahl an bezahlten Funktionären und -innen. Diese leben davon, dass sie von der Landesversammlung gewählt werden, denn sie haben sonst keinen Beruf. Daher müssen sie dafür sorgen, dass sie in der Landesversammlung eine Mehrheit für sich bekommen. Und das erreichen sie am besten, wenn sie das laut sagen, was die tatsächlich Anwesenden bei dieser Landesversammlung hören wollen.
Wenn man sich nun ansieht, wer zu dieser Versammlung hin geht, so versteht man die seltsamen Ideen. Es ist der ideologisch harte Kern der Grünen. Und die sind sehr wohl gegen Autos ganz generell.
Nun ist gegen Klientelpolitik nichts einzuwenden, das darf ja ruhig sein und ist nichts Verwerfliches. Aber man sollte dazu stehen. Das bedeutet aber auch, dass man nicht in eine Regierung gehen darf. Zumindest nicht, wenn das eigene Klientel das Protestklientel ist, denn in einer Regierung muss man sich um Kompromisse bemühen und um die Vertretung (fast) aller Bürger.
Das hat natürlich zwei Seiten: Die eine Übertreibung ist die Protestschiene. Man ist gegen alles und macht das zum Programm. Das bringt Proteststimmen und funktioniert bei den Grünen nur mehr im einstelligen Prozentbereich. So kann man nicht mitreden oder wenn, dann nur aus der geduldeten Oppositionsrolle heraus. Und das ist ein bissi wenig.
Die andere Übertreibung sieht man am rechten Rand, bei ÖVP und FPÖ, wo man einer dumpfen Mehrheitsstimmung nachgibt und sich das Programm aus Stimmungen zusammensetzt, auf der einen Seite die der Modernisierungsverlierer und auf der anderen Seite die der Wohlhabenden, die Angst haben, dass man ihnen was wegnehmen könnte vom Körperfett – vom eigenen und vom substituierten (Geld).

Die Regierungsbeteiligungen sehen dann auch entsprechend aus. Was passiert mit Protestierern, wenn sie an die Macht kommen, noch dazu, wenn es eine kleine Macht ist? Derzeit berichten die Bezirke, dass ihnen der Rathausklub nicht wirklich zuhört.
Mir stellt sich die Frage, wie soll moderne Grünpolitik aussehen? Ich möchte nicht im Nörgeln bleiben, obwohl ich das als gelernter und echter Wiener gut kann. Daher eine kurze Skizze:

1.) Eine interne Parteireform nach dem Vorbild der Soziokratie.
2.) Mobilität ist in unserer Gesellschaft ein überproportional wichtiges Thema, emotional maximal besetzt. Daher ist hier für Sachlichkeit zu sorgen. Förderung des Autos dort, wo es derzeit keine sinnvollen Alternativen gibt. Parallel dazu ein überproportionaler Ausbau des öff. Verkehrs, aber mit Augenmaß inklusive einer Verbilligung desselben. Eine Bank weniger retten und wir haben mehr als genug Geld dafür.
3.) Wirtschaftspolitisch muss ganz klar gesagt werden: Ein weiteres Wachstum an Konsumprodukten ist weder möglich noch wünschenswert noch sinnvoll. Klarer Widerstand gegen den Wachstumswahn, statt dessen Förderung des Wachstums von Qualität und Langlebigkeit der Produkte sowie des Wachstums an sozialen Beziehungen und Netzwerken. Umgestaltung des öffentlichen Raums dahingehend. Wenn man nicht alles selbst erfinden will kann man auch den Ideen der Postwachstumsökonomie folgen.
Die meisten anderen Ideen dazu und noch weitere finden sich auf der Website der Grünen Wirtschaft (www.gruenewirtschaft.at)

Zur Demokratie

Zwei Volksbegehren sind gescheitert – ein guter Anlass um über Demokratie nachzudenken.

Sind wir müde, lasch und in Folge undemokratisch? Überlassen wir die Macht und die Regierung den falschen Leuten? Diese und ähnliche Fragen gibt es zuhauf. Ich kann sie nicht alle beantworten, sondern möchte eher Eindrücke niederschreiben.

Auch ich bin da nicht gerne hingegangen. Für das Demokratiebegehren konnte ich gar nicht unterschreiben, weil da habe ich irgendwann vor einem Jahr schon irgendwo eine Petition oder etwas ähnliches unterschrieben und das gilt bzw. galt für das jetzige Begehren.
Genau hier liegt das Problem. Ich bin jemand, der noch relativ viel engagiert ist und auch ich wusste letztlich nicht mehr was ich wann und wogegen ich wann und wie unterschreiben habe.
Gehen wir das Punkt für Punkt durch:

1.) Es herrscht Themenvielfalt und das irritiert.
Es gibt Begehren gegen die Kirchenprivilegien und für die Bienen. Es gibt Aufrufe die armen Hunde in der Ukraine zu retten. Oder sind es die armen Katzen in Tschetschenien? Und gegen Monsanto, stimmt, das ist gerade aktuell. Oder ist das identisch mit dem gegen die Bienen? Nein, das war für die Bienen und gegen… gegen wen eigentlich?
Ich kenne mich nicht mehr aus und kann das nicht unterscheiden. Was ist ernst gemeint und was ist ein lebender Hoax, wie im Internet? Welches süße Hündchen wird wirklich umgebracht und welches Arme Kind ist tatsächlich verschwunden?
Und ich kann und will mir die Infos nicht mehr holen. Ich brauche zwei bis drei Tage um nur die Texte der Begehren zu lesen, die ich gerade unterschreiben soll. Das sind sie mir nicht wert. Daher unterschreibe ich nur mehr, wenn mich jemand persönlich dazu auffordert, dem ich vertraue, dass das Begehren in meinem Sinne ist, auch ohne dass ich es genau gelesen habe.
Die Begehren sind somit nur erfolgreich, wenn sie in genügend großen Netzwerken mit Nachhaltigkeit und Engagement betrieben werden. Dazu gehört auch positive mediale Berichterstattung.

2.) Es ist quantitativ zu viel.
Erstens ist es in Summe einfach zu viel. Genauso wie es derzeit und schon seit einigen Jahren zu viele Veranstaltungen gibt, zu denen ich abends hingehen sollte. Und eigentlich oft gar nicht mehr will. Vernissagen, politische Veranstaltungen jeglicher Art, Parties, Kinobesuche, Eislaufen im Winter und Rad-Demos im Sommer. Und die Freunde treffen. Und die Stammtische. Am Mittwoch etwa ist unser alter Stammtisch der Greifensteinrunde. Und genau da ist auch die Laufrunde der Grünen Währing angesetzt.
Ich kann mich nicht vierteilen und ich will es auch nicht. Also wähle ich aus und hoffe, dass ich nicht vergesse den anderen abzusagen. Selbst Gratis-Buffets locken mich nicht mehr, weil die bekomme ich überall. Einen Abend ausschnaufen, einfach nichts tun? Das spielt es nur sehr selten.
Ich habe das Gefühl, dass nicht mehr ich als Person begehrt bin, sondern ich als Füllperson, damit die vielen Veranstaltungen nicht aussehen als ob sich keiner dafür interessieren würde.
In der Politik bin ich nicht Füllperson sondern Stimmvieh. Gibt es genügend UnterschreiberInnen für ein Begehren? Soll man noch schnell auf der Straße jemand abfangen um eine Unterschrift zu bekommen? „Bitte, bitte, uns fehlt noch irgendwer. Wer Sie sind ist uns egal, Hauptsache Sie unterschreiben!“
Was ist das für ein Begehren, das nur auf Quantität geht? Schon Sokrates hat in seiner Abschiedsrede der Nachwelt den Tipp gegeben die Suche nach der Wahrheit nicht durch die Suche nach der Mehrheit zu ersetzen.
Die Menge schwächt die Kraft jeder einzelnen Initiative. Das ist wie mit dem Geld und der Inflation.

3.) Ich bin satt.
Wofür oder wogegen unterschreibe ich wirklich? Ein paar Promis werden zu einem Fotoshooting geholt und – wie eigentlich? – überredet oder überzeugt ihr Gesicht für oder gegen etwas zur Verfügung zu stellen. Ein Volksbegehren braucht scheinbar ein Marketing, damit es funktioniert. Wie schwach muss ein Anliegen sein, wenn es beworben werden muss? Kein Wunder, dass niemand hingeht. Wir sehen täglich Unmengen an Werbung und wollen nichts mehr kaufen. Die Volksbegehren sind zusätzlicher Konsum und ich bin satt.
Hier darf ich auch die Theorie der „Verhausschweinung des Menschen“ meines Vaters nicht unerwähnt lassen:
Er war seinerzeit bei einem Bekannten südlich von Nairobi auf dessen brandneuer Farm zu Gast. Diese Gegend grenzt an den Nairobi-Nationalpark und hat somit quasi direkten Kontakt zur Wildnis (das ist heute auch in Kenia nur mehr eher selten der Fall). Seine tolle Geschäftsidee: Er brachte schöne fette rosa Hausschweine aus Europa mit nach Afrika. Wie sich herausstellte, war die Geschäftsidee doch nicht ganz so toll, weil in einer der ersten Nächte kamen Löwen in die Nähe der Farm und rochen die fetten, auch für Löwen wohlschmeckenden Schweine. Und die Schweine rochen die Löwen. Dann brüllten die Löwen und die Hälfte der Schweine fiel tot um. Vor Schreck an Herzinfarkt gestorben.

Kurz danach machte mein Vater eine Safari ins Wildreservat Masai Mara und beobachtete bei einem „Game Drive“ eine Familie Warzenschweine, die von einem Rudel Löwinnen ins Visier genommen wurden. Die Löwinnen kreisten die Schweine ein, mussten aber eine Öffnung frei lassen, weil von dort der Wind kam. Dann stürzten sie auf die Schweine los. Die Bache hielt kurz inne und rannte dann mitsamt ihren Ferkeln blitzschnell durch die Lücke. Die Löwinnen gingen leer aus.

Hausschweine halten nichts aus, zumindest im Vergleich mit Warzenschweinen, die sich in der Wildnis behaupten müssen. So ähnlich ergeht es uns Menschen, die wir in den „reichen Industriestaaten“ leben, die eigentlich schon keine mehr sind, denn die Industrie ist längst nach Asien abgewandert. Wir sind auch fett geworden und diskutieren, ob Android oder iOS das bessere Betriebssystem für unsere Smartphones ist und ob der neue Audi Q3 besser ist als der Q5. Oder vielleicht doch der X3 von BMW?

Wir haben unsere Ruhigsteller (American Pizza, Flatscreen, Handy, Auto, Bierchen) und sie funktionieren hervorragend. Die Schwelle schwappt auf einer Fettwelle immer höher, auch geistiges Fett ist dabei. Warum soll ich zum Gemeindeamt rennen, was habe ich davon? Ich greife statt dessen zum Handy und rülpse „noch eine Big Pizza mit doppeltem Käse“ hinein. Das ist einfacher und den Effett spüre ich sofort.

4.) Kein klares Ziel
Was ist das Ziel des Volksbegehrens und wie wird es sich auswirken? Wir sehen die Zusammenhänge nicht mehr, denn wir sehen statt dessen die Folge 238 von „Julia im Tal der wilden Pferde mit weißen Rosen“ (oder weiße Pferde mit wilden Rosen, das ist egal). Dass der Meeresspiegel in Bangladesh ansteigt interessiert uns nicht, denn wir leben nicht am Meer.
Auch hier bietet sich ein archaischer Vergleich an: Unsere Vorfahren vor 30.000 Jahren wussten, dass sie den Winter nicht überleben, wenn sie im Herbst nicht genügend Vorräte sammeln und jagen. Wir haben vor der Türe das Auto und können jederzeit in den nächsten Supermarkt fahren. Dort bekommen wir rund ums Jahr alles und davon jede Menge, ununterscheidbar nach Jahreszeiten oder Konjunktur. Nicht nur Big Pizza ist immer reichlich vorhanden.

5.) Was wird es bewegen?
Wird es überhaupt etwas bewegen und wenn ja, dann was? Viele Menschen meinen derzeit, dass es sowieso nichts bringt, denn die bisherigen Volksbegehren haben auch nichts gebracht. 2,5 Mio. Menschen haben gegen das Konferenzzentrum unterschrieben und es wurde trotzdem gebaut. Das gilt für fast alle, vielleicht sogar für alle Volksbegehren. Wenn es mehr als 100.000 Unterschriften hat, muss sich das Parlament damit beschäftigen. Und? Wenn der Rechnungshof ein Unternehmen heftig und scharf kritisiert, was ändert sich dann dort? Wir haben gelernt: nichts. Gar nichts. Das Parlament will sich damit nicht beschäftigen und daher tut es das auch nicht. Es gibt dann eine Alibi-Diskussion und als einigermaßen gelernter Österreicher weiß ich, dass die Beschlüsse woanders gefasst werden und sicher nicht im Parlament.
Ich bin es leid meine Zeit zu verschwenden.
Und ich mag auch die Frage nicht, ob sich das klassische Volksbegehren links oder rechts außen selbst überholt hat und wir statt dessen „online voten“ wollen. Soll das Engagement so leicht sein wie die Bestellung der oben genannten Pizza? Reicht ein Rülpser ins Handy? Wahrscheinlich finden demnächst honorige Wissenschafter heraus, dass jeder Mensch eine eindeutig individuelle Rülpssignatur hat, viel genauer als ein Fingerabdruck. Dann bekommst Du bei der Identifikation am Flughafen keine Tinte auf die Finger sondern eine Cola.
Das Ergebnis ist dann so verbindlich und eindeutig wie eine telefonische Meinungsumfrage oder wie ein „Gefällt mir“ auf Facebook. Die fixen Zusagen zu unseren Veranstaltungen brechen wir heute schon medienspezifisch herunter. Facebook-Zusagen gelten zu 50%, Tendenz fallend.

Vielleicht muss es uns erst weh tun. Und der Stachel wird dick und lang sein müssen, um unsere geistigen und körperlichen Schichten durchdringen zu können. Am schwierigsten wird die letzte, sehr harte Schichte sein: die der Gewohnheit.

Was ich am Pferdefleischskandal interessant finde

Lidl nimmt ein Produkt aus den Regalen, und zwar „Combino Penne Bolognese 750 Gramm“.

Ich zitiere aus medianet, die wiederum von der APA zitieren: Die Sperre sei aber vorausschauend geschehen, da der betroffene Artikel „ins Profil passt“, sagte ein Lidl-Sprecher der APA. Ob es sich beim betroffenen Produkt um dasselbe handelt wie „Tiefkühl Penne Bolognese 750 g“ des deutschen Diskonters Aldi Nord, in dem bereits Pferdefleisch gefunden wurde, war vorerst unklar. „Derzeit werden alle relevanten Artikel überprüft“, betonte der Lidl-Sprecher.

Jetzt kommt heraus, dass quasi eh überall das gleiche drin ist – oft ist nur die Verpackung anders. Das betrifft einen durchaus erklecklichen Anteil unserer „Consumer goods“ wie das im Fachchinesisch so schön heißt. Ich weiß persönlich von zwei Herstellern, die verschiedene „Marken“ auf ein und derselben Produktionsstraße erzeugen. Das wird natürlich geheim gehalten und auch die MitarbeiterInnen unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. Es dürfte auch eine Art Abkommen mit den Medien geben, die darüber nahezu nie berichten.

An eine Folge dieser Produktions- Marketing- Produkt- und Werbestrategie denkt man dabei als Konsument meist nicht, bekommt sie aber zu spüren: Allgemeine Verwirrung. Was auf dem Etikett abgebildet ist, hat oft nichts mit dem zu tun, was dahinter enthalten ist. Die Produktbeschreibung und selbst die Auflistung der Inhaltsstoffe lassen keinerlei Rückschlüsse auf Herkunft, Qualität, Produktionsprozess und eben auch auf die Inhalte zu – weder Mengen noch Zusammensetzung. Die Industrie verteidigt diese Nicht-Information mit „notwendigem Betriebsgeheimnis“ – sonst könnte es ja jeder nachmachen und das wäre ein Wettbewerbsvorteil.

Das ist wahre Chuzpe – es ist sowieso überall das gleiche drin. Wer sich länger damit beschäftigt, dem vergeht der Appetit, ganz abgesehen davon, dass es extrem zeitaufwändig ist und oft in einer Sackgasse endet.

Im Laufe der Jahre haben sich die KonsumentInnen daran gewöhnt. Sie kaufen ein Produkt, auf dessen Etikett „mit neuer, verbesserter Rezeptur“ gedruckt steht. Worin diese Verbesserung besteht, wird ausnahmslos nicht hinterfragt. Es gibt auch keine gesetzliche Regelung, die konsumentenfreundlich unterstützt, daher ist es völlig egal, ob das Rezept jetzt anders ist. Und die meisten KonsumentInnen wollen das auch nicht wissen, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Zeit- oder Motivationsmangel. Viele sind dort angelangt, wo die Industrie sie gerne haben will: Sie kaufen ohne jegliche Überprüfung und schauen maximal noch auf den Preis. Auch der Geschmack spielt meist keine Rolle, maximal die Konsistenz, fast immer jedoch Form und Farbe der Verpackung.

Ich werde das nicht ändern können, aber ich wünsche mir die Wahlmöglichkeit zwischen Mist und guter Qualität – also genau das, was die Industrie um jeden Preis verhindern will. Sie versucht sogar die letzte Lücke zu schließen, die es derzeit noch gibt: Direktkauf am Bauernhof. Nur wenn ich den Bauern kenne und ihm vertraue, kann ich noch einigermaßen sicher sein, dass ich das bekomme, was ich will. Das gilt aber auch nur, wenn er wiederum nicht selbst getäuscht wurde, etwa beim Einkauf seiner Rohstoffe.

Wenn einmal ausnahmsweise eine der zahlreichen Täuschungen bekannt wird, dann gilt das als „Skandal“. Damit werden die eigentlichen Skandale gut verschleiert und die Industrie kann in Ruhe genau so weitermachen wie bisher. Zu stark ist ihre Lobby, als dass sich die Politiker widersetzen würden.

Die Politiker vertreten in diesem Fall die Interessen der Industrie statt der WählerInnen.
Diese lassen sich das gefallen.
Dadurch sinkt die Qualität der Nahrungsmittel. Dem Betrug wird Tür und Tor geöffnet.
Das wiederum fällt den Menschen nicht auf oder ist ihnen egal.

Und das ist der eigentliche Skandal.

Zur Heeresdebatte

Weil schasaugat war ich „7-er-tauglich“. Mittels Vitamin P kam ich zu den Kraftfahrern, leider bei der Garde. Wie mühsam das werden sollte, konnte ich bei meiner Einrückung noch nicht erahnen. Eigentlich hätte ich kein Kraftfahrer werden dürfen, weil ich eine Brille hatte. Mein Wunsch war es jedoch den LKW-Schein beim Bundesheer zu machen und ihn dann auf einen Zivilführerschein umzuschreiben. Das war damals möglich.
Leider steckten sie mich dann zu den PKW-Fahrern und ich wurde Kommandantfahrer. So habe ich alle Arschlöcher in weitem Umkreis persönlich kennen gelernt: Sadisten, Kriecher, Dummköpfe.
Und ich habe einiges gelernt:
Ich kann ohne Zurückrollen am steilen Berg anfahren, mit einem alten Typ-2-VW-Bus und in riesigen Militärstiefeln.
Ich kann Betten machen und Häusel putzen.
Ich kann ein Fahrwerk abschmieren und weiß, was eine 15er-Klemme ist. Und wo sie ist. Und dass ein Auto nach einiger Zeit abstirbt, wenn hinterhältige Kameraden die Klemme gelöst haben.
Ich konnte ein 58er Sturmgewehr zerlegen, putzen und wieder zusammenbauen. Das kann ich heute nicht mehr, es geht mir aber auch nicht ab. Ich zerlege, putze und baue lieber Vespas zusammen. Das erscheint mir wesentlich sinnvoller.

Ansonsten habe ich nicht viel gelernt in den acht Monaten. Ich habe keine Ahnung von Landesverteidigung und war nur einmal schießen. Das war ein Glück damals, weil man nach dem Schießen das Gewehr putzen musste und später aus der Kaserne kam.
Und das war das Schlimmste, was passieren konnte: Am Wochenende in der Kaserne bleiben müssen, wenn (fast) alle anderen nach Hause fahren dürfen.

Ich war ein äußerst ungezogener Soldat. Und musste mit sehr vielen Wochenenden in der Kaserne dafür bezahlen. Sehr vielen. Gehorsam lernte ich nicht, sondern eher die Verachtung von Vorgesetzten. Insofern habe ich doch was für mein Leben gelernt, nämlich Menschen, die mir unterlegen sind, nicht als Autoritäten bzw. Chefs zu akzeptieren.
Die einzigen Vorgesetzten, vor denen ich Respekt hatte, waren die Fahrlehrer in der Heeresfahrschule. Die konnten mir etwas beibringen und die mussten auch nicht ständig den Sadisten raushängen lassen, weil sie respektiert wurden. Alle anderen Offiziere ohne Ausnahme taten das. Zumindest bei der Garde.
Seitdem habe ich für Offiziere entweder Spott, Mitleid, Verachtung oder Geringschätzung übrig. Ich habe keine anderen kennen gelernt. Leider? Vielleicht. Ich verachte seitdem zutiefst Menschen, die andere quälen, nur weil sie selbst eine höhere hierarchische Position haben. Und ich habe eine ganze Menge davon kennen gelernt.
Die Quälereien hatten immer nur den einen Sinn: Gehorchen, egal was befohlen wurde. Etwa eine Stunde in einer Ecke stramm stehen. Das hat keinen Sinn für irgend etwas, außer um zu lernen, das zu tun, was ein anderer sagt, weil er es sagt. Egal ob das gescheit oder blöd ist. Und ganz definitiv auch dann, wenn es klarerweise blöd ist. Gerade dann zeigt sich blindes Gehorchen. Deswegen heißt es ja so.
Heute wird gerne argumentiert, dass junge Männer den Wehrdienst brauchen um irgendwie für das Leben was zu lernen oder reif oder zum Manne zu werden oder so ähnlich. „Zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.“ Ich weiß jetzt, was diese Leute (derzeit etwa der Spindelegger) damit meinen: Sie brauchen Menschen, die blind gehorchen, egal was man von ihnen verlangt.
Das dürfte das Menschenwunschbild der ÖVP sein, oder zumindest das vom Spindelegger.

Das lehne ich aus obigen Erfahrungen heraus zutiefst ab. Mein Menschenwunschbild ist das von freien Menschen, die lernen, wie man sich zwischen zwei Alternativen entscheiden kann und was man dafür tun muss. Das ist das exakte Gegenteil von blindem Gehorsam. Es gibt übrigens Militärsysteme, in denen diese andere Form auch schon praktiziert wird, etwa in den USA. In Situationen, die schnelle Entscheidungen verlangen, werden diese auch durch einen Kommandant getroffen. Nur vertrauen ihm seine Kameraden, weil sie ihn kennen und wissen, dass hinter seinen Entscheidungen genaue Überlegungen stehen, die auch in ihrem Sinne sind.

Eigentlich will ich weder ein Milizheer (das habe ich kennen gelernt) noch ein Berufsheer, sondern gar keines. Da das aber nicht zur Debatte steht, will ich ein Heer, in dem die Soldaten ihren Vorgesetzten vertrauen können, weil diese keine Sadisten sind.
Die Sadisten, die ich kennen gelernt habe, waren übrigens alles Berufssoldaten. Beim österr. Bundesheer sind das ja heute schon alle außer den Präsenzdienern. Und die kann man sich getrost sparen. Sie wären in einem Ernstfall nichts als Kanonenfutter. Sie lernen normalerweise nicht mehr als ich gelernt habe. Und das war punkto Landesverteidigung genau gar nichts. Null, nicht einmal die grundlegendsten Dinge. Ein wenig im Schlamm kriechen und Exerzieren, das war es. Und blind gehorchen, damit ich im Ernstfall drauf los stürme. Wohin eigentlich? Normalerweise ausschließlich in den Tod. Zumindest lehren mich das die Geschichtsbücher, wo im Krieg die einfachen Soldaten stets willkürlich verheizt wurden. Wie Spielfiguren hin- und hergeschoben und dann geopfert. „And the Anzio Bridgehead was hold for the price of a few hundred ordinary lifes. singen Pink Floyd (When the tigers broke free).

Berufssoldaten bekommen eine militärische Ausbildung, die denen der Milizsoldaten automatisch überlegen ist, weil die haben gar keine. Vielleicht lassen sie sich dann nicht blindlings opfern, weil sie selbst eine Ahnung von der Sache haben.