Zero SR – Oberliga des Elektromotorradfahrens

Nach der Zero FX (siehe früherer Beitrag) durfte ich jetzt die „große“ Zero testen. Sie ist von der Konstruktion her ein Naked Bike und kommt einem herkömmlichen Motorrad vom Fahrgefühl schon sehr nahe.
Einen ausführlichen Test gibt es im motomobil: http://www.motomobil.at/component/content/article/37-test-technik/647-zero-sr-test-e-bike
Ich möchte hier nicht alles, was dort steht, noch einmal herunterbeten. Daher werde ich mich auf die Besonderheiten und Unterschiede beschränken.

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Kraft und Beschleunigung
Alan Cathcart schreibt, dass die Zero SR „in der Beschleunigung aus dem Stand besser ist als fast alles, was Räder hat.“ Nun, dann ist er noch keine starke Maschine gefahren. Natürlich geht sie saugut und die Art der Kraftentfaltung ist angenehm und faszinierend, aber jede gute GSX-R 750 ist besser, von den 1000ern ganz zu schweigen. Allerdings müssen die sich auch gehörig anstrengen, um der SR davon zu fahren.

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Lassen wir die Kirche im Dorf, die SR geht etwa wie eine 600er Supersport, allerdings nur bis ca. 140 km/h, dann wird die restliche Beschleunigung etwas zäh bis zur Spitze von ca. 160.
Das reicht für jede normale Tour, denn der wichtige Geschwindigkeitsbereich von 40 bis 120 wird sehr gut abgedeckt. Ich bin gestern einer Supermoto davon gefahren, deren Fahrer bis in die Haarspitzen (unterm Helm zwar nicht zu sehen, aber es war so) motiviert war – ich hatte nämlich ein holländisches Kennzeichen und er war auf seiner Hausstrecke von Katzelsdorf hinauf auf den Tulbinger Kogel unterwegs. Also war ich Feind, Doppel-Feind, den er unbedingt herbrennen musste. Seine Karten waren auch gut gemischt, denn er kannte die Strecke und vor allem sein Bike in und auswendig. Und ich hatte gerade mal 15 km auf dem Sattel und kenne die Strecke eher so na ja. Außerdem traue ich mich mit einem Testbike die Kurven lange nicht so zu fahren wie es das Bike könnte.

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Auf jeder Geraden wurde er hinter mir kleiner und frustrierter. Nach etwa der Hälfte ließ ich ihn vor und hängte mich dann an ihn an. Das Gerudere war köstlich anzusehen, sein rausgestrecktes Bein in jeder Kurve, um nur ja alles ausnützen zu können.
Das ist die Zero SR. Lautlos, unauffällig und ein Pain in the Ass für Superbike- und Supermotofahrer, die alles und jedes bekämpfen müssen, was sich so auf der Straße bewegt und zwei Räder hat.

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Reichweite
Nach der FX hatte ich die Hoffnung auf wirklich üppige Reichweite, so um die 200 km werden angegeben. Die kann man auch fahren, allerdings in der Geschwindigkeit und Beschleunigung einer Automatik-Vespa. Wer im Sportmodus ordentlich Strom gibt, sieht die Batterievorräte schmelzen wie Eis in der Sonne. Dann werden 100 Kilometer schon eher zum Problem.
Das Bike hat einen Schutzmodus, wenn die Akkuleistung einen bestimmten Wert unterschreitet, regelt er automatisch ab, damit man noch ausreichend Reichweite hat. Vielleicht kann das Zusatz-Akkupaket, das man dort montieren kann, wo sonst der Tank bei einem Motorrad sitzt, noch ordentlich was drauflegen, aber mein Testbike hatte es nicht dabei.

akkufach

Die Hinterbremse wurde angeblich verbessert und es ist jetzt ein spanisches Fabrikat montiert. Nach der Testfahrt frage ich mich, ob Spanier echte Hinterradbremser sind. Bei der Bremsleistung dürfte das eher nicht der Fall sein. Mit anderen Worten: Man könnte eine tadellose Gewichtsersparnis erzielen, wenn man die Hinterradbremse einfach ausbaut. Sie ist nämlich wirkungslos und bedeutet nur zusätzliches Gewicht, das von der Vorderbremse mitgebremst werden muss. Ja, ich rede wirklich von komplett wirkungslos. Erstens ist sie schwergängig und sobald eine erste zarte Wirkung eintreten könnte – wirklich noch davor – blockiert sie. Das ist nicht nur ihre Schuld, die Lastverteilung ist sehr weit vorne und gerade bergab bleibt hinten quasi kein Gewicht übrig. Wie gesagt: ausbauen.
Im folgenden Bild ist sie gut zu sehen, vor allem aber auch die wunderhübsch geschweisste Schwinge. Generell wirkt die Zero hochwertig gearbeitet – das dürften die Amis drauf haben, zumindest die von Zero, wenngleich ich anmerken muss, dass fast alles zugekauft wird.

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Anders die Vorderbremse. Sie erfüllt ihre Pflicht und zieht ziemlich gut. Trotzdem wünsche ich mir eine zweite Scheibe – von mir aus sollen sie die von hinten nach vorne verbauen. Die Bremswirkung wirkt etwas filigran, wobei das auch an der Upside-Down-Vordergabel liegen kann. Generell empfand ich das Fahrwerk als etwas zu schwammig – eben filigran. Bei der Kraftentfaltung will ich ein sehr stabiles Fahrgefühl. Vielleicht lässt sich mit der Gabeleinstellung was machen, ich habe das nicht ausprobiert, aber die Verwindung in Kurven ist spürbar, sogar für mich als Rollerfahrer, der bei alten Vespas einiges gewohnt ist.

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Alles in allem ist die Zero ein absoluter Gewinn auf dem sehr breit gestreuten Motorradmarkt. Das fast geräuschlose, stets Staunen erweckende Gleiten, dazu die tolle Kraftentfaltung machen das Bike zu einem Spaßfahrzeug, dessen Faszination noch fast niemandem bekannt ist. Man muss sie fahren, ausprobieren und dem Charme elektrischen Fahrens erliegen – ich kann das nur empfehlen. Am nächsten Bild sieht man gut die Größenverhältnisse – mein lieber Freund und Motorradmechaniker hat den Radstand nachgemessen und für gut befunden. Er wünscht sich eine andere Lenkgeometrie: die Griffe der Lenkstange hinter dem Gabelholm – aber das ist Geschmackssache, so wie die Sitzposition. Anfänglich erschien sie mir stark nach vorne gestreckt, nach 50 km hatte ich mich daran gewöhnt und als ich nach Ablieferung der Zero auf meine SH stieg, hatte ich ein extrem seltsames Fahrgefühl – ganz abgesehen von der plötzlich fehlenden Kraft.

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Ein Schwachpunkt zeigte sich leider bei beiden Touren: Bei engagierter Fahrweise in bergigem Gelände wird der Motor heiß. Dann blinkt eine gelbe Temperaturwarnlampe und man erschrickt. Die Betriebsanleitung zeigt, dass dann das „Temperaturmanagement“ zu arbeiten beginn und dass das keinerlei Befürchtung hervorrufen sollte. Trotzdem wirkt es seltsam und wenn man dann nicht „vom Strom“ geht, regelt irgendwann die Elektronik den Motor ab. Das passiert somit dann, wenn es gerade am Schönsten ist – ein Nachteil, der bei herkömmlichen Motorrädern nicht auftritt. Ich darf noch erwähnen, dass die Testfahrten an keinem heißen Tag durchgeführt wurden und dass ich die Zero eher vorsichtig gefahren bin.
Kein Motorrad für den Stadtverkehr – so viel steht für mich fest. Erstens empfehle ich jedem in der Stadt ein Fahrzeug mit Durchstieg – für den Fall eines Seitenaufpralls – zweitens orientieren sich die Menschen akustisch und nicht optisch, was zu unschönen Gefahrenmomenten führen kann, und drittens ist sie für die Stadt einfach übermotorisiert. Für eine nicht allzulange Spritztour ist sie dafür eine echte Alternative zu starken Motorrädern und macht enorm Spaß.

Zero FX – Elektromotorrad light, aber nicht schwach

Vor zwei Jahren durfte ich schon die Zero DS testen. Inzwischen hat sich viel getan in der kalifornischen Motorradschmiede. Die Fahrzeuge sind ausgereift und werden in Serie gebaut.
Der Preis: knapp unter 10.000 Euro, also in etwa so viel wie ein Piaggio MP3 500 Roller. Die Vergleichbarkeit ist jedoch ansonsten gering – die FX wiegt laut Werksangabe knapp 127 kg, der MP3-Roller mehr als das doppelte.

Dopplerhuette

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Die getestete Version hat einen stärkeren Motor und kostet knapp über 12.000 Euro. Dafür bekommt man schon sehr gute Motorräder, aber nichts vergleichbares.
Bleiben wir bei der FX. Sie ist designmäßig inzwischen ziemlich anspruchsvoll und sieht bei weitem nicht aus wie irgendein Elektro-Versuchsmobil, das im Hinterhof zusammengeschustert wurde. Die Qualität wirkt gut, zumindest soweit man das bei einer ersten Begutachtung und Probefahrt sagen kann. Die Bremsen ziehen ausreichend, die hintere ist sogar ein wenig zu scharf, man blockiert fast sofort.

Zero baut verschiedene Modelle. Das ist das leichteste und schwächste. Allerdings muss man hier aufpassen, die Motorleistung entspricht zwischen 40 und 90 km/h etwa einer 750er Enduro, sie zieht erbarmungslos ab, jeder Überholversuch wird zu einer Sekundenangelegenheit: von 0 auf 100 in vier Sekunden. Das war bei der getesteten Zero DS vor zwei Jahren auch schon ähnlich, nur wog diese noch knapp 200 kg und war deutlich voluminöser. Bild: Vorbei am Wienerwaldgasthof Bonka in Oberkirchbach.

bonka

Ein Vergleich darf noch sein: Die KTM Duke 690 hat 70 Nm bei 5.500 U/min, die Zero legt 95 hin, und zwar gleich. Damit es einen nicht sofort abwirft, wird elektronisch über eine Steuereinheit abgeregelt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei ca. 135 km/h, aber für die Autobahn sollte man sich sowieso was anderes kaufen. Im folgenden Bild sieht man vor allem wie breit der Lenker ist – für meine Begriffe schon an der Grenze des Bequemen:

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Hier wirkt alles leicht und filigran, aber nicht zerbrechlich. Auch die Schalter, das Display und die Plastikteile muten stabil an, es ist ein echtes Motorrad und beschränkt sich auf die notwendigsten Bedienelemente.

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Tacho

Am Bedienfeld kann man zwischen „Eco“, „Sport“ und „Custom“ wählen, das sind drei Betriebsmodi. Im ersteren spart man Strom, die Motorleistung ist gering, aber dafür schafft man es bis zur nächsten Steckdose. Es reicht übrigens eine ganz normale und das Kabel hat man auch immer dabei – wenngleich es sonst keinerlei Gepäckraum mehr gibt. Wer was mitnehmen will, wählt den Rucksack.

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Im Sportmodus geht die Post ab und im Custom-Modus kann man selbst via Handy und Blue Tooth umschalten und programmieren (das hab ich aber nicht ausprobiert).
Für Geländefahrten ist die FX übrigens definitiv nicht geeignet, vor allem wegen des Antriebsriemens – der würde erstens bald aufsitzen und zweitens hält er keine Steine aus, die sich darunter verfangen könnten.

antrieb

Darüber habe ich mit Herbert Bonka ausführlich diskutiert – er ist im Gegensatz zu mir ein guter Crosser und weiß wovon er spricht:

fachsimpeln

Noch einmal zum Preis: Viele begehen gerne den Fehler nur den Kaufpreis zu sehen und nicht die laufenden Kosten. Die Akkuladung für 100 km kostet knapp über einen Euro, da legt man bei einem normalen Motorrad schon 7x so viel hin. Dazu kommen die geringen Wartungskosten: Das Ding besteht aus einem Rahmen, Sitz, Gabel, Federung, Beleuchtung, Schwinge, Akku, Elektromotor und Steuereinheit. Im folgenden Bild sieht man den Motor, der wie eine Lichtmaschine aussieht und genau genommen auch eine solche ist – nur halt umgepolt:

motor

Dann gibt es noch zwei Räder, eine Bremsanlage und ein paar Verkleidungsteile und das war es auch schon. Die Wartung beschränkt sich auf die Bremsen und hin und wieder die Federung. Sehr viel mehr ist nicht zu tun. Bei einer angenommenen Kilometerleistung von 5.000 pro Jahr erspart man sich im Jahr ca. 800 Euro. Auf fünf Jahre gerechnet sind das 4.000 Euro Ersparnis gegenüber einem benzingetriebenen Motorrad.

groesse

Selbstverständlich hat das auch Nachteile: Man braucht relativ oft eine Lademöglichkeit (in der Stadt fährt sie mindestens 100 km, bei Vollgastouren im Wiener Wald kann auch nach 60 km der Strom zur Neige gehen), und man hat kein Motorgeräusch. Bis auf das Abrollgeräusch der Räder und das Surren der Rekuperation gibt es nur die Windgeräusche des Helms. Wer gerne brüllend und donnernd daher kommt, wird sich so etwas nicht kaufen.

Der Ronny ist nicht mehr

„Ich bin eine Northern Soul Schlampe“ hat der Ronny manchmal gesagt. Und gegrinst. Und einen Schluck von seinem Bier genommen und einen tiefen, genussvollen Zug von seiner Zigarette.

Montag Abend hat er sich in den Northern Soul-Vespa-Lambretta-Mod-Himmel abgeseilt – oder eigentlich eher aufgeseilt, denn sein Blick ging die letzten Stunden seines Lebens nach oben.

Irgendwann vor ca. zehn Jahren hat mir mein lieber Freund Schubi im Vespa-Gespräch geraten: geh doch zum Ronny! Er hätte eine Werkstatt in der Heiligenstädter Straße und würde mir sicher bei meinen Vespa-Problemen helfen. Damals konnte ich noch nicht zangeln. Ich kannte ja den Ronny noch nicht, oder zumindest fast nicht, wie sich bald herausstellen sollte.
Also rief ich ihn an und er meinte, ich solle doch einfach am Abend vorbei kommen, er wäre eh da. „Servas, i bin der Ronny. Schieb einfach deine Vespa herein.“ Als ich die Sprint das erste Mal über die Schwelle der Galeria hievte, wusste ich noch nicht, welch gute Freundschaft in den nächsten Jahren mein Leben bereichern würde.
„Pfau, da schau i oba“ waren Ronnys Worte, als er die Sprint in ihrem Mod-Style sah.
Dann war es eine Sache von Minuten bis wir wussten, dass Ronny ein Jugendfreund meines Bruders war und ich ihn damals natürlich auch kannte, wenngleich so flüchtig, dass die Erinnerungen nur sehr vage waren oder überhaupt dem Wunschdenken entsprangen.
Ronny war Mod. Ronny war Vespa-Fahrer. Und ein außergewöhnlicher Mensch. Außerdem war er noch Bilanzbuchhalter, liebevoller Vater, einer der besten Zangler auf Lambretta und Vespa, und auch starker Raucher. Leider.

Fröhlich und ernst, launisch und beruhigend, sanft und brutal – Ronny war ein Mensch mit breitem Spektrum, den nicht nur seine Roller, sondern auch das Leben schon ordentlich durchgebeutelt hatten. Vor etwas mehr als zehn Jahren musste er mit dem Tod seines Vaters zurecht kommen. Diese Breitseite hat er irgendwie nie ganz verkraftet, vielleicht begann damals sein Liebäugeln mit dem Tod.
Er war auch ein Suchender – lange Jahre nach der richtigen Frau, selbstverständlich ständig nach guten, raren Lambretta-Teilen, dem nächsten kühlen Bier, der nächsten Tschik und nach so etwas wie dem Sinn des Lebens. In den letzten Jahren nahm seine Spiritualität beständig zu, an langen Abenden zu zweit in der Galeria durfte ich hin und wieder in der ersten Reihe vor der Bühne von Ronnys Leben Platz nehmen.
Die Suche bringt Sucht, zumindest manchen Menschen. Er war einer von diesen und sein Bruder Bobby meinte gestern: „Der Ronny hat sein Leben viele Jahre mit Vollgas gelebt.“ Wir konnten uns dann einigen, dass er „in echt“ ca. 70 Jahre alt wurde.
Trotzdem sind uns die 46, die es dann doch waren, deutlich zu wenig. Er ist zu früh gegangen, zumindest aus der Sicht der Zurückbleibenden. Es wäre nicht fair, meinte Bobby, dass Ronny gehen musste und nicht er. Das Schicksal kennt aber keine Fairness.

Vor einem halben Jahr erfuhr ich, dass mein lieber Freund Christian schwer an Krebs erkrankt war. Noch am selben Tag rief mich Ronny an und meinte, er müsse mir leider mitteilen, dass er Speiseröhrenkrebs hätte.
Ronny war der beste Bäcker der Straße.
Christian war der beste Zuckerbäcker der Straße und hatte viel von Ronny gelernt.
Und ich habe viel von beiden gelernt, Tipps und Tricks – eigentlich das meiste, was ich heute kann, wenn ich an Vespas herumzangle. Durch ihn kam ich überhaupt erst auf den Geschmack, durch die zahllosen Abende in der Galeria, wo wir bei einem guten Bier Motoren zusammen bauten und Elektrik-Probleme diskutierten, bis die Köpfe rauchten. Im folgenden Bild sehen wir Ronny beim Nacht-Lackieren des Lamy-Lenkerkopfs, im Scheinwerferkegel meiner Honda.

lackieren

Ohne seine Anleitungen und Tricks, für die er nie einen Cent verlangte, wäre in mir vielleicht nie die Leidenschaft entstanden. Wie oft habe ich ihn angerufen und er hat mir erklärt, wie ich etwas richtig einbauen oder Kabel korrekt anstecken kann. Er wusste eigentlich immer was zu tun war, konnte ein Problem gut analysieren, eingrenzen und hatte jede Menge spezielle Möglichkeiten. Seine Schweißnähte waren nie schön – aber immerhin, er konnte schweißen:

schweissen

Notfalls funktionierte immer das Universalwerkzeug, wie auf dem folgenden Bild:

hammer

Martina wurde die Mutter seiner Tochter Ani, die jetzt gute drei Jahre alt ist. Ein zuckersüßes Dirndl, dessen Erwachsenwerden Ronny gerne miterlebt hätte. Sehr gerne, daher hat er auch nicht aufgegeben, als ihn die Ärzte – genauer gesagt: die Schulmediziner – aufgegeben hatten.
Jammerschade, dass er den anderen Weg nicht mehr rechtzeitig einschlagen konnte. Erst nachdem sie ihn aufgeschnitten hatten, fing der Krebs in seinem Dünndarm zu wuchern an, was schließlich seinen Körper so zerstörte, dass auch die alternativen Versuche nichts mehr nützten. Binnen weniger Wochen ging es zu Ende.
Ronny ist einer der zahlreichen Fälle, die den Göttern in weiß zeigen, wo ihre Grenzen sind und dass sie bei manchen Erkrankungen besser die Finger davon lassen sollten.
Wir wissen nicht, ob Ronny noch leben würde, wäre er an dem Tag nicht ins Krankenhaus gefahren. Er war kräftig, voller Tatendrang und hatte noch schnell mit Christian Bosich seine Lambretta fertig gebaut – oder zumindest fast fertig, aber sie lief schon. Das ist ein Bild davon, mit diesem Roller wollte er nach seiner Genesung den Jakobsweg fahren, wie er mir vor einiger Zeit sehr emotionsgeladen erzählt hatte:

lamy

Nach der Operation hatte er eine riesige Wunde im Bauch, einen Krankenhauskeim (lange Zeit unentdeckt) und erholte sich nie wieder. Ich möchte an dieser Stelle nicht all das erzählen, was ich im AKH alles mit ihm erlebt habe, es macht nur wütend und traurig. Über den Zynismus, mit dem sie Menschen sterben schicken, nur weil sie selbst mit ihren Methoden am Ende sind, werde ich ein andermal hier in diesem Weblog schreiben.
Ronny war auch wütend und enttäuscht, er fühlte sich allein gelassen und mies behandelt. Als er dann ins St. Elisabeth Spital auf die Palliativstation kam, wurde das anders. Dort behandelten sie ihn menschlich und mit der Wärme, die schwer kranken Menschen zusteht. Vor seinem Fenster stand ein großer Maulbeerbaum und die Schwestern kümmerten sich rührend um ihn.
Wir hatten die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben und ich schmiedete mit ihm gemeinsam Pläne, wie wir die Lamy durchs Pickerl bekommen und danach anmelden könnten.

Ronny war Mod. Nicht einfach nur irgend ein Mod, sondern einer der zentralen Figuren in der Szene der 1980er, rund um den Donnerbrunnen. Kaum einer, der Ronny nicht kannte. Er lebte „Modernist“ sein durchgehend, mit feinen Anzügen aus den Sixties, Parka und Motorroller.
Das folgende Foto zeigt ihn vor der Galeria bei einem Fototermin für einen Kurier-Artikel:

parka

Er fuhr zu zahllosen Scooterruns bis nach Schottland und sonstwohin. Er schlief im Straßengraben, eingewickelt in seinen Parka und achtete darauf, dass der feine Anzug nicht verknitterte. Er hasste Skinheads und Neonazis und hatte in seiner Jugend so manche Prügelei überstehen müssen, einsteckend und austeilend. Mod sein ist eine Stilfrage und Ronny hatte Stil, zweifellos. Selbst ein Trainingsanzug hatte bei ihm etwas stilvolles, wie auch immer er das anstellte. Hier ein Foto vom Donnerbrunnen, als sich die „Alt-Mods“ zu einem kleinen Stelldichein versammelten:

donnerbrunnen

Nicht vergessen dürfen wir auf die Musik, die spielt im Leben der Mods eine große Rolle. Neben den Klassikern der Mod-Szene der 1980er (The Who, Madness etc.) ist das vor allem die Northern Soul Musik. Die Soul-Musik war in den Urzeiten der Modbewegung, also in den 1950ern, die eigentlich stilprägende Musik, die später dann von modernerer Musik abgelöst wurde. Nur im Norden von England sprach sich das nicht so schnell herum und dort wurde weiterhin die Soul-Musik in der Frühvariante gespielt, daher nannte man sie dann eben „Northern Soul“.
Hier zwei von Ronnys Lieblingsnummern:

Die Wiener Northern Soul Szene (ja, die gibt es!) wird ihn fast genauso vermissen wie die Rollerszene. Die Galeria war einer der Geheimtipps, wo man an Dienstag Abenden vorbei schauen konnte und mindestens einen guten Tipp bekam, oft wurde spontan einfach der eine oder andere Roller repariert. Wenn ein Ersatzteil nötig war, dann hatte Ronny es wahrscheinlich in einer der zahllosen Kisten, die so ungeordnet aussahen, aber das Genie beherrscht das Chaos. Alle anderen brauchen Ordnung. Auch Ronny wollte zum Schluss Ordnung haben und so heiratete er wenige Tage vor seinem Tod noch Martina. Im St. Elisabeth Spital ist das eine der leichteren Übungen, da es sich um ein Ordensspital handelt. Ronny behielt auch mit der Magensonde, durch die er einen Schlauch aus der Nase hängen hatte, die notwendige Würde. Der Schlauch wurde für solche Fälle ganz einfach hinter das Ohr geklemmt, so what!
Im österreichischen Recht ist das eine wichtige Sache, damit seine Frau und die Tochter ordentlich versorgt sind. Ronny kämpfte in den letzten Jahren mit wechselnden Arbeitgebern und auch einer Phase der Arbeitslosigkeit, die er jedoch durch einen guten und nicht unspannenden neuen Job überwinden konnte. Er war ein Bilanzbuchhalter der besonderen Sorte und hängte sich immer ordentlich ins Zeug. Er war ein sehr wertvoller, weil ungewöhnlicher Buchhalter, nicht nur vom Aussehen, auch von der Art der eigenen Auffassung seiner Tätigkeit. Er schaffte es meistens erfolgreich mit der Steuer zu verhandeln, was ihm Anerkennung einbrachte.

Seine Familie war ihm wichtig, vor allem sein Bruder Bobby, auf den er auch noch in der Zeit seiner Erkrankung aufpasste und mit strenger Miene meinte, ich solle ein ernstes Wörtchen mit seinem Arbeitgeber reden, auf dass ihn dieser auch ordentlich und pünktlich bezahle.

brueder

Seine Tochter Ani ist ein entzückendes kleines Ding mit einem Lächeln, das Eisberge verdampfen kann.

ana

Ihr galt auch seine Aufmerksamkeit und gemeinsam wohnten sie mit Martina im zweiten Bezirk, mit all den Höhen und Tiefen, die so ein Familienleben zu bieten hat.
Das Bild hab ich beim Holländer aufgenommen, sozusagen Ronnys Stammbeisl:

stammtisch

We watched our friends grow up together
and we saw them as they fell.
Some of them fell into heaven
and some of them fell into hell.

Ronnys dunkle Seite gehörte auch zu seinem Leben. Bier bis Oberkante Unterlippe, manchmal an der Grenze des Erträglichen. Und natürlich die Zigaretten. Es waren viele, sehr viele und das über sehr viele Jahre. Bis die schwächste Stelle nicht mehr konnte, und das war die Speiseröhre. Und dann der Dünndarm. Jeder von uns lebt sein Leben und niemand weiß, welche Faktoren mehr wirken und welche weniger. Manche werden hundert Jahre und andere reisst es noch vor der Hälfte von uns weg.

amc2010

Ob Ronny noch leben könnte, wenn er rechtzeitig mit dem Rauchen aufgehört hätte? Was ist rechtzeitig? Diese Fragen werden wir nie beantworten können und manchmal ist das auch gut so, denn niemand sollte seinen Todeszeitpunkt kennen. Martina hat gestern gemeint, hier stirbt ein Mensch am Krebs und in Palästina werden gerade junge, gesunde Menschen dem politischen Wahnsinn geopfert und in den Tod geschickt.
Was hat Ronny hinübergezogen, bis sein Körper nicht mehr konnte?

Als ich Montag Mittag zu ihm ins Spital fuhr, ging es ihm schon recht mies. Trotzdem plauderten wir und ich fuhr mit gemischten Gefühlen wieder weg. Würde er es schaffen? Die nächste Zeit wird kritisch, so viel war klar.
Am Abend rief mich dann Martina an und fragte, ob ich zu ihm fahren könnte und wollte. Es stünde sehr schlecht um ihn und so machte ich mich auf einen schweren Weg. Um 22 Uhr kam dann Bobby und gemeinsam wachten wir über unseren Gefährten, der langsam immer schwerer atmete. Ich besprach mit Bobby noch die Idee ihm ein wenig Musik zu gönnen, weil er schon ziemlich weggetreten war.
„Love Reign O´er Me“ aus Quadrophenia schien mir passend und mit diesen Klängen in den Ohren verstarb Ronny am Montag, 14. Juli 2014 um 22.20 Uhr. Er ist sehr sanft und friedlich hinüber geglitten, wohin auch immer.
Mit seiner Lamy, ein paar Northern Soul Platten und seinem Parka macht er sich jetzt auf die lange Reise, die uns allen irgendwann bevorsteht. Bei ihm führt sie auf jeden Fall dorthin, wo alle guten Menschen ein großes Ganzes bilden, wie auch immer das gestaltet sein mag und das wir nur sehr unzureichend mit dem Wort „Himmel“ beschreiben.
Der Ronny ist ein Teil davon. Auch wenn er „Hope I´ll die before I get old“ wohl ein bisschen zu wörtlich genommen hat.

Ronnys Begräbnis

Er wurde am 25. Juli am Stammersdorfer Zentralfriedhof bestattet. Irgendwie war allen klar, dass es sich hier nicht um irgend ein Begräbnis handelt. Es wurde bewusst inszeniert und ich glaube, es hätte ihm gefallen. Vielleicht hat es das ja, wer weiß schon, ob und wie er uns zugesehen hat.
In der Früh fuhr ich nach Langenzersdorf zu unserem lieben Freund Sempal, denn mit ihm hatte ich am Vortag die Lammy in den Bus eingeladen.

einladen

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach Stammersdorf und trafen dort Bobby. Gemeinsam luden wir die Lambretta aus und die ausgesprochen netten Pompfuneberer erlaubten uns sie neben den Sarg in die kleine Kapelle zu stellen, gleich neben das Bild von Ronny, im Anzug tanzend, bei irgend einem Northern-Soul-Fest.

lammy

Das folgende Bild zeigt dieses Tanzfoto, auf dem auch Christian drauf ist, dessen Begräbnis erst vor zwei Wochen war.

tanzend

Dann ging es zum Schachtelwirt auf die Brünner Straße, wo sich die Rollerfahrer für den Korso treffen sollten. Zehn waren schon da, bald waren es zwanzig. Irgendwann dreißig, vierzig, bei der Abfahrt waren es gute 50 Roller, eine stattliche Anzahl, wenn man bedenkt, wie viele wegen Urlaub oder anderen Verpflichtungen nicht mitfahren konnten.

treffen

Jeder Roller bekam ein schwarzes Band und wir machten uns auf den kurzen Weg zum Friedhof. Bei der Kreuzung zur Stammersdorfer Straße versagte plötzlich die Schaltung meiner Sprint. Ein wenig schwammig war sie in den Tagen davor schon gewesen, aber ich dachte mir: nachstellen ist nach dem neuen Einbau des Motors eine Kleinigkeit, die ich irgendwann erledigen könnte.
Jetzt ging gar nichts mehr und ich war gerade im 4. Gang. Also ordentlich am Gas bleiben, ein wenig mit der Kupplung arbeiten, vor allem wegen des Schleichers im Auto vor mir. Parkplatz erreicht, passt!
Erst am späten Nachmittag konnte ich den Schaden finden: Das Gangseil war im Lenkerkopf abgerissen, nur mehr das Nipperl war da – so etwas passiert eigentlich nie. Eigentlich.

nipperl

Vor der Kapelle waren schon viele Leute, jetzt noch mehr als 50 RollerfahrerInnen – glücklicherweise hatte Ronny gutes Wetter bestellt und so konnten etwa die Hälfte der Trauergäste die Feier vor der Kapelle mitverfolgen und wurden über Lautsprecher zumindest akustisch gut versorgt.
Louis Armstrong: We have all the time in the world – eine alte Lieblingsnummer von Ronny, bei der die ersten seiner Freunde, die nah am Wasser gebaut sind, bereits frühzeitig ausschieden.
Ein Kranz in Form eines Mod-Targets von Nivin und Jürgen, auch das hätte Ronny mit „coool“ kommentiert. Einen besonderen Platz hatte seine alte Kutte, mit der er zahllose Scooterruns erlebt hatte. Bei jedem kam ein Aufnäher drauf – Ronny hatte so viele, dass er sie auf der Innenseite anbringen musste. Diese Kutte zierte auf seinem letzten Weg seinen Sarg. Fast konnte man sein breites Grinsen sehen.

kutte

Der Priester war der gleiche wie bei seiner Hochzeit, die nur zwei Wochen zurück lag. Vor seiner Predigt hatte ich die Ehre im Namen seiner Freunde ein paar Worte zu sprechen.
Bobby schob die Lammy vor dem Sarg den ganzen Weg bis zum Grab – sicher nicht das schwerste auf diesem Weg. Eine stattliche Anzahl von ca. 120 Personen folgte ihm. Mods mit Anzügen und Parkas, Scooterboys, die Crazy Ducks, jede Menge alte Freunde aus Lockenhaus, aus seiner Jugend, die Galleria-Freunde und noch viele mehr. Insgesamt eine vielfältige, große Schar an Freunden, die einander oft seit Jahrzehnten nicht gesehen hatten und durchwegs meinten, eine andere Gelegenheit wäre ihnen deutlich lieber gewesen.
Seine kleine Familie ging hinter dem Sarg, Martina mit ihren beiden Kindern und natürlich die Tante Wanda.
Wie bei Rollerfahrerbegräbnissen üblich landeten auch diesmal wieder einige seltsame Gegenstände im Grab: Gasgriffe, Zündkerzen und noch einiges mehr. Wenn in ein paar tausend Jahren hier einmal Ausgrabungen stattfinden, wird man sich sehr wundern, welche Rituale die Menschen damals hatten.
Als alle Trauergäste sich von Ronny verabschiedet hatten, stand die Lammy einsam an seinem Grab, als ob sie ihn bewachen würde.

einsame-lammy

Danach durfte sich Ani noch auf den Roller setzen. Wer weiß, vielleicht wird sie irgendwann eine kesse Modette mit einer feschen Lambretta.

ani

Ein Heurigenbesuch in Stammersdorf – dort gab es auch Bier, was Ronny gut gefallen hätte. Der Leichenschmaus samt einem guten Schluck dient seit ewigen Zeiten dazu wieder ins Leben zurück zu finden. In ein Leben, das der Ronny sehr viele Jahre in vollen Zügen genießen konnte, mit Höhen und Tiefen, Schicksalsschlägen und großartigen Ereignissen.

heuriger

Da und dort tauchte die erste Anekdote aus Ronnys Leben auf, gefolgt von noch einer und noch einer. So viele Freunde hatten so viele Erlebnisse in ihren Erinnerungen, da hätten zehn Heurigenbesuche nicht ausgereicht. Im Laufe des Nachmittags löste sich die Trauergemeinschaft dann auf, die Vespas und Lambrettas wurden gestartet und alle gingen ihrer Wege.
Vielleicht nimmt ja jeder ein Stück von Ronny mit, in seinen/ihren Erinnerungen und auch in den Rollern, die in gar nicht geringer Zahl irgendwann durch Ronnys Hände gingen. Er bleibt uns aber nicht nur als Zangler in Erinnerung, sondern als guter Freund und Kamerad, als lustiger Geselle, als außergewöhnlicher Mensch, den zu kennen niemandem je zur Schande gereicht hat.

Mach´s gut, Christian!

Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen Todesnachrichten über Facebook zu bekommen. Aber vielleicht ist das ja einfach ein Zeichen der Zeit.

Letzten Sonntag ist mein lieber Freund Christian (*11.09.1974; † 29.06.2014) gestorben.

Ein bitterer Tag, von dem ich gehofft hatte, dass er nicht kommen würde. Von mir aus in 30 Jahren oder später. Aber bitte noch nicht jetzt, nicht kurz vor seinem 40. Geburtstag.

Ich weiß gar nicht mehr, wann und wie ich ihn kennengelernt habe. Entweder bei einer Vespa-Ausfahrt oder einem Modern-Soul-Fest, vielleicht auch in der Galeria oder sonst wo. Ein feiner Mensch, so der erste Eindruck. Erst viel später habe ich erfahren, dass er Restaurator ist und alte Gemälde irgendwo in Österreich oder auch in seinem Atelier herrichtet, in Kirchen und sonstwo.
Christian war ein sehr genau arbeitender Mensch, akribisch, mit viel Gefühl für Materialien und Dinge. Nicht nur deswegen war er auch ein exzellenter Vespa-Zangler. Er beherrschte große und kleine Vespas und Lambrettas und hatte für dieses Wissen und Können meinen vollsten Respekt.
Im Frühjahr 2011 half er mir meinen Rom-Motor aufzubauen. Immer wieder fuhr ich bei ihm im 14. Bezirk vorbei und er nahm sich Zeit eine Proberunde zu drehen. Er war auch der Organisator der Vespa-Ausfahrten am 1. Mai und am 26. Oktober. Das folgende Bild zeigt ihn bei so einer Ausfahrt am Tulbinger Kogel 2012:

chris2012

Auch heuer war er am 1. Mai dabei, schon schwer gezeichnet von der Krankheit, abgemagert, mit eingefallenem Gesicht, ruhig und fein wie eh und je. Da hatten wir alle Hoffnung, dass er es doch noch schaffen würde, dass er wieder gesund wird und wir noch viele Ausfahrten mit ihm machen könnten.

In einem Vespa-Buch schrieb ich bei den Credits „Christian, dem besten Zuckerbäcker der Straße“, weil das eine Art zu arbeiten sehr gut traf. Letzten Herbst musste ich zu meinem Entsetzen erfahren, dass er an einer sehr seltenen, schweren und heimtückischen Krankheit laborierte. Es war schnell klar, dass die Sache ernst ist. Die Behandlung ging los, die Nebenwirkungen waren gering und Christian erholte sich, ging wieder arbeiten und frönte seinem Hobby Platten auflegen. Er war nicht nur ein guter Vespa-Zangler, sondern auch ein begabter DJ und ein guter Restaurator. Und er war Mod. Zwar ein paar Jahre jünger, aber er zelebrierte das Lebensgefühl der „Modernists“ durch feine, immer gut passende Kleidung. Ein Sir, sozusagen. Ein Kommentar auf Facebook hieß „Der letzte Dandy Wiens“.

Christian war immer der Ruhige, der eher am Rand steht, sich selbst dort positioniert. Das folgende Bild zeigt ihn auf der Rollfähre in Klosterneuburg – im Hintergrund, aber Organisator der Ausfahrt.

chris2010

Letzten Sommer bin ich mit ihm zu Allan hinaus gefahren, zu einem Festl in der Nähe von Melk. Ich fand es damals schade, dass er mitten in der Nacht noch nach Wien zurück fuhr. Aber auch das war Christian – streckenweise Einzelgänger und verschlossen, zumindest kam es mir so vor. Die Vespa, die er damals zur Probefahrt quasi ausführte, ging um so viel besser als meine eigene, dass er mir hinauf auf den Jauerling unglaubliche Meter abnahm. Von ihm bekam ich etliche Tipps und Tricks, die mir heute wertvolle Zeit ersparen bzw. die auch ich wieder anderen weitergeben kann.
Typisch für Christian war die Bomberjacke, oft mit Knieschützern kombiniert, er legte Wert auf sichere Ausrüstung, ging aber anderen damit nicht auf die Nerven. Das folgende Bild zeigt ihn mit Flappo und Ronnie beim obligatorischen Tankstellenstart bei einer Ausfahrt 2009.

chris2009

Letzten Herbst, etwa einen Monat vor seiner Krankheitsdiagnose, fuhr ich in die Stadt um ihn beim Auflegen zu besuchen. Es war einer dieser Abende, an denen nur ganz wenige Menschen ihr Haus verließen und so waren wir eigentlich allein. Er der DJ und ich der einzige Gast. Wir kamen ein wenig zum Plaudern und heute weiß ich, dass er damals schon an seiner Krankheit laborierte, jedoch noch nicht wusste, wie ernst es wirklich war. Ich habe ihn danach nicht mehr sehr oft gesehen, er hat nach Ausbruch seiner Krankheit eher verschlossen reagiert und der Kontakt beschränkte sich auf gelegentliche Telefonate.
Wie die meisten aus der Vespa-Community war auch Christian ein ganz eigener Typ. Er liebte italienischen Kaffee, italienisches Essen und die italienische Sprache, die er gut beherrschte. Er war so nett mein Rom-Buch zu redigieren und einige Fehler gibt es daher Dank seiner Mithilfe nicht.

Sein Tod zeigt mir, dass das Leben unberechenbar ist und auch dass wir Gesundheit einfach zu selten hoch schätzen. Es kann unglaublich schnell gehen, Christian hatte keinen ungesunden Lebenswandel, er hat sich weder dickgefressen noch geraucht wie ein Schlot. Und doch hat es ihn erwischt. Er hinterlässt eine Lücke, die seine Umgebung in ihrer ganzen Größe wohl erst nach einiger Zeit begreifen wird.
Only the good die young.

12. Juli 2014

Heute war das Begräbnis von Christian. Zuerst eine stimmungsvolle Feier in der Pfarrkirche in Hütteldorf. Es war eine gute Entscheidung keine Einsegnungshalle am Friedhof zu nehmen, denn die wäre zu klein gewesen. Ca. 150 Trauergäste waren gekommen und ein DJ-Freund von Christian spielte ein paar der wichtigsten Northern-Soul-Nummern. Seltsam, wenn der Pfarrer Pause hat – diesmal waren es sogar zwei. Sie sprachen die üblichen salbungsvollen Worte, die auf jeden Menschen zutreffen, zumindest aus dem Blickwinkel der katholischen Kirche.
Wirklich spannend wurde es als Georg eine Ansprache hielt. Er war einer der Freunde, die Christian als Arzt bis zum Schluss begleiteten und traf mit seinen Worten den Kern der Sache. Christian behielt seine Modernist-Würde ganz bis zum Schluss. Der Krebs konnte seinen Körper zerstören und ihn letztlich auch töten (sich selbst im übrigen auch, was zu einer anderen, nicht minder interessanten Diskussion führt), aber seinem Wesen konnte er nichts anhaben. Christian blieb sich selbst treu und bestätigte seine besondere Stellung in der Gemeinschaft.
Danach ging es im Vespa-Konvoi zum Friedhof. Etwa 50 Roller fuhren vor einer guten Handvoll Oldtimer – Christian hatte auch dafür ein Faible, vor allem für alte Opels, aber auch für historische Fahrzeuge generell.

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Es war ein heißer Tag, zeitweise schwül und die Trauergemeinschaft war so bunt gemischt wie die Farben von den Bildern, die Christian restauriert hatte. Von alt bis jung, Scooterists, Mods, DJs und jede Menge Freunde, die alles zugleich sind. Von der Lederjacke bis zum Parka, von den Turnschuhen bis zu den Chelsea-Boots, von langer Mähne bis Glatze – ich glaube, Christian hätte sich hier sehr wohl gefühlt. Er wäre etwas abseits gestanden und hätte gelächelt, freundlich und milde, bestimmt und ein wenig in sich gekehrt.
Einige warfen sehr persönliche Gegenstände ins Grab: ein Opel-Zeichen, eine Zündkerze, einen Schraubendreher. Die Sonne brannte herunter und es dauerte eine gute Stunde bis alle sich verabschiedet hatten. In dieser Zeit war es sehr sehr ruhig, kaum jemand sprach ein Wort, Sonne, Wind und Wolken bestimmten die Szenerie.

Dann ging es zurück zur Kirche. Eine Hälfte der Trauernden feierte noch eine Messe, die andere setzte sich ins Francesco, wo Christian des öfteren seine Lieblingspizza aß (über die Pizzaqualität waren wir nicht einer Meinung). Anschließend bat die Familie zur Agape und langsam löste sich die Spannung. Das eine oder andere Lachen war wieder zu hören und es gab die Gelegenheit den Eltern zu kondolieren. Der Leichenschmaus (hier in Form von Brötchen und jeder Menge exzellenter Mehlspeisen) ist eine alte und meiner Meinung nach sehr sinnvolle Tradition, bei der sich die Trauernden wieder dem Leben zuwenden und Christian ziehen lassen. „I´m on my way“ heißt die schöne Soul-Nummer, die seinen Abschied gut symbolisiert.

essen

Er ging uns voraus und niemand kann sagen, wann wir folgen werden. Auf dem kleinen Kärtchen, das wir beim Eingang in die Kirche bekamen, ist ein Gedicht von Rilke zu finden. Ich möchte hier eines seiner schönsten anführen:

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Christian hat viele dieser Ringe gelebt und hat den letzten vielleicht doch vollbracht. Er weiß es. Wir wissen es nicht. Noch nicht.

chrisRilke

Halt, Polizei! Im Auftrag der Stenzel!

Heute, 23.30 – Tatort Wien Innere Stadt, Ecke Gonzagagasse/Rudolfsplatz. Ich komme von der Geburtstagsfeier von Yooshan, einem lieben alten Internations-Freund. Der feiert sein Fest im Club Berlin in der Gonzagagasse. Ich habe meinen Roller vor dem Lokal abgestellt (also eigentlich vor dem Aera genau gegenüber) und fahre los. Vorne an der Ecke fette Kelle (dieser rote Penis-Stab, den sie seit einigen Jahren verwenden). Polizei hoch drei.
„Stellen Sie das Fahrzeug bitte hier an der Ecke ab. Fahrzeugkontrolle. Und Lenkerkontrolle“ meint ein junger Polizist, amtshandelnd.

Ich stelle die Honda ab und gebe ihm Führerschein und Zulassung.
„Kennen Sie den Grund der Anhaltung?“
„Nein.“
„Da ist vorne in der Werdertorgasse ein Schild mit einem Geradeausgebot von 21 bis 5 Uhr. Das haben Sie missachtet und sind unerlaubterweise hier durchgefahren.“
„Ähm, kann nicht sein, weil ich schon um 20.30 da war und da vorn in der Gasse geparkt habe.“
„Ah so… (kurze Ratlosigkeit)… dann machen wir einen Alkotest.“
„Gut, aber wir müssen noch ein wenig warten, weil ich habe vor 2 Minuten erst mein Bier ausgetrunken.“ (Ich bin nur mäßig nervös, es waren zwei Krügerl.)
„Nein, den Vortest machen wir gleich. Wenn der positiv ist, dann warten wir und machen dann den echten, großen Test.“
In diesem Moment tritt junger Polizist Nr. 2 auf den Plan, weil junger Polizist Nr. 1 noch eine Zahlungsbestätigung für einen anderen Sünder holen muss. Es gibt viel abzukassieren an dieser Ecke.
„Hier haben Sie das Mundstück“ (drückt es mir in die Hand, ich reisse das Plastik weg, er hält mir den winzigen Vortester hin.)
„Hier fest hineinblasen, ich sage ihnen, wenn es genug ist.“
(Ich donnere alles, was in meinen Lungen ist, in das Gerät, das fast zerplatzt und seltsame Piepsgeräusche von sich gibt, als Zeichen der Resignation. Älterer Polizist Nr. 3 tritt in Erscheinung und belehrt jungen Polizisten Nr. 2)
„Du musst ihm das hinhalten und bitten, dass er langsam und beständig und nicht zu fest in das Gerät bläst.“ (Ich tue wie mir geheißen. Das Gerät piepst diesmal viel ruhiger, gleichmäßiger und irgendwie entspannter. Älterer Polizist ist zufrieden und fragt jungen Polizisten Nr. 2)
„Und was bedeutet das jetzt?“
(Junger Polizist Nr. 2 schaut etwas verwirrt auf das ihm scheinbar unbekannte Gerät.)
„0,1 zeigt das an.“
„Gut, das musst Du mal zwei nehmen, das sind also 0,2 Promille, das ist okay.“
(Junger Polizist setzt die Amtshandlung fort)
„Hat man Ihnen schon 30 Euro angeboten?“
(Ich verkneife mir zu sagen, dass ich das urlieb finde, dass ich von der Polizei jetzt 30 Euro bekomme und mich dafür natürlich herzlich bedanken möchte und auch bei dieser Gelegenheit frage, ob ich noch einmal ordentlich um den Block heizen soll und ob es dafür noch einmal 30 Euro gäbe.)
„Nein, aber ich möchte das mit Ihrem Kollegen fertig besprechen, der hat auch noch meine Papiere.“
„Gut.“
(Junger Polizist Nr. 1 kommt wieder)
„Was hat denn der Vortest ergeben?“
„0,2“
„Dann müssen Sie noch einmal vortesten.“
„Warum denn? Ich habe ja schlechtestenfalls 0,4 wenn man die Anzeige verdoppelt und bin damit drunter.“
„Weil das ab 0,2 Pflicht ist noch einmal zu testen.“
(Älterer, strenger Polizist mischt sich ein.)
„Der Test hat 0,1 ergeben, das ist okay.“
(Es entspinnt sich ein amicales Gespräch mit jungem Polizist Nr. 1, der mir erklärt, dass sie das irgendwie eh blöd finden, aber es gibt hier in dem Abschnitt ein paar wohlhabende und einflussreiche Anrainer und die haben sich beschwert, dass der Verkehrslärm wegen dem Kopfsteinpflaster zu laut wäre und jetzt hätte die Frau Bezirksvorsteherin Stenzel angeordnet, dass durch ein Abbiegeverbot und ein Linksabbiegegebot für die schon durch die Gonzagagasse fahrenden Lenker niemand mehr in der Nacht durch die Gasse fahren darf.
„Aber das ist ja wie ein Lotto-Jackpot für die Polizei.“
(Er stimmt mir zu und meint, da ich dort geparkt habe, dürfe ich ausnahmsweise ohne Strafe weiterfahren. Ich frage noch, was ich denn sonst tun sollte – das Fahrzeug dort bis in der Früh stehen lassen? Nur weil ich kurz vor 21 Uhr dort ordnungsgemäß hineingefahren bin und mich eingeparkt habe, ich Böser ich? Er meint eigentlich schon, aber das würden sie dann doch nicht so eng sehen. Ich biete an, dass ich das nächste Mal die Honda die paar Meter schiebe. Er grinst und wünscht mir eine gute Heimfahrt. Ich wünsche ihm noch einen angenehmen Dienst.)
In mein Abendgebet schließe ich die protektionistische Verbotspartei ÖVP und ganz besonders die Frau Stenzel innigst mit ein.