Bruce Springsteen und der Donauwalzer

20:05 Uhr – die E-Street-Band betritt die Bühne und einer spielt auf dem Akkordeon den Donauwalzer. Ein würdiger Beginn.

21:00 – der Titel der Süddeutschen Zeitung „gefühlte 3 Stunden Zugabe“ stimmt bisher nicht, die Hälfte der Nummern sind vom neuen Album. Die Sonne ist noch nicht untergegangen und das Stadion rockt gut, aber nicht sehr gut.

21:30 – Springsteen sammelt im Publikum Plakate, auf denen Wunsch-Musiktitel stehen. Er macht das mit Akribie und viel, viel Spaß. Er flirtet mit dem Publikum wie eh und jeh. Dann spielt er „Proud Mary“ (stand auf einem der Plakate) und hat ab diesem Zeitpunkt die Menge im Griff. Ich muss pinkeln, aber nicht jetzt.

22:00 – Ich muss dringend pinkeln, finde aber immer noch keine Nummer, die nicht obergeil wäre, so dass ich meinen Platz verlassen könnte.

22:05 – Nein, es ist nicht in die Hose gegangen und das Konzert entwickelt sich zum absolten Reißer. Bis am letzten Juchee stehen die Leute, klatschen, singen mit und sind bester Laune. Ich habe seit zwei Stunden einen breiten Grinser im Gesicht und weiß, dass sich das noch eine weitere Stunde nicht ändern wird. Ein Mädchen aus dem Publikum hat ein feuerrotes T-Shirt an, auf dem „Jersey Girl“ steht. Bruce grinst mörderbreit und will das Shirt. Sie sträubt sich, die Menge tobt, sie zieht das Shirt aus und hat darunter einen feuerroten BH (den durfte sie anlassen). Bruce hängt sich das Shirt auf den Mikroständer und spielt in fast totaler Dunkelheit die Nummer. Nur das feuerrote Shirt wird beleuchtet. Wenn das geplant war, dann war es gut geplant. Gänsehaut.

22:30 – Die Fakten: Keine Vorgruppe, jede Menge alte Nummern, jung wirkende Musiker, ein tobendes Publikum (wer diesmal behauptet, das Konzert wäre – so wie 2005 – eher schwach, war schlicht und einfach nicht dort bzw. ist taub und blind), eine unbeschreiblich gut gelaunte Band und ein Boss, der rockt ohne Ende. So sieht es aus, wenn professionelle Musiker Spaß an ihrer Arbeit haben. Und es hört sich auch so an.

22:45 – Was sich unten am „Rasen“ bei „Twist And Shout“ abspielt, darf mach sich gerne vorstellen – ich hab es vom 3. Rang aus gesehen. Da Sommer ist, hatte das Meer an hochgestreckten Händen echte Fleischfarbe. Zweite Gänsehaut.

23:00 – Das Konzert ist pünktlich zu Ende. Danke für die sensationell gemischte Setlist (und ganz besonders für „Waiting on a sunny day“). Der Typ, der vor mir rausgeht, hat ein Tour-Shirt von 2009 mit allen Stationen am Rücken, da steht drauf „Vienna, AUS“ – die Amis haben noch viel zu lernen.

In diesem Sinne: Tramps like us – Baby we were born to run!

Hier die Setlist des Wien-Konzerts:

July 5, 2009
Vienna, Austria
Ernst Happel Stadion

Jackson Cage
Badlands
Cover Me
My Lucky Day
Outlaw Pete
Darlington County
Working On A Dream
Seeds
Johnny 99
Darkness On The Edge of Town
Growin‘ Up
Rendezvous
Proud Mary
4th of July, Asbury Park (Sandy)
Because The Night
Waiting On A Sunny Day
The Promised Land
The River
Into The Fire
Lonesome Day
The Rising
Born To Run

Cadillac Ranch
Jersey Girl
Tenth Avenue Freeze-Out
American Land
Bobby Jean
Dancing In The Dark
Twist & Shout

Die ganze Welt ist eine Werbeplattform!

In der Werbebranche wird gejammert, dass die Konsumenten immer weniger auf Werbung reagieren. Es wird aber nicht nur gejammert, sondern man erfindet neue Formen bzw. „verbessert“ alte.

Das Ziel: Doch noch Aufmerksamkeit zu erregen (wirkt auf mich schon etwas händeringend: bitte, bitte, bemerkt doch unsere neuen Werbungen – „kauft doch“ trauen sie sich eh schon fast nicht mehr sagen), aus der Flut der anderen Werbungen herauszustechen, nach dem allerletzten USP zu suchen.

Hier eine Zusammenfassung der Trends und Initiativen:

1.) Größer, NOCH GRÖßER – wenn das Kleine nicht mehr wirkt, macht man es größer, dann sollten die Konsumenten es doch bemerken. Beispiel: Die Trevision-Fassadentapete – Häuserfassaden werden großflächig angepinselt oder mit mobilen, eingefärbten Stoffbahnen versehen. Ein anderes Beispiel sind „Inflatables“, also überdimensionale Plastikpuppen, die im Wind wackeln und durch Größe und Bewegung für Aufmerksamkeit sorgen sollen. Allen bekannt sind die sogenannten „Megaboards“, wo allein der Name schon ausdrückt, dass der Effekt durch die Größe erzielt werden soll.

2.) Neue Flächen finden – Beispiele sind:

Parkhäuser (dort wird das „Kommunikationsflächen“ genannt)

Supermarktkassen (der berühmte Point Of Sale), Einkaufswagerl,

WCs (der Point Of Shit sozusagen, also Werbung am Häusl – in der Fachsprache „Real Live Marketing“ – die Werbefachleute sind ganz begeistert und schwärmen vom „werbearmen Umfeld“, in dem eine „hohe Aufmerksamkeit garantiert wird“ und die Zielgruppe „punktgenau und ohne Streuverlust“ erreicht wird),

Autos (LaudaMotion als Beispiel),

Wartezimmer bei Ärzten und in Gesundheitszentren (sehr fies, da muss man hin und kann irgendwie nicht aus),

Bahnhöfe (ich frage mich, wann die Friedhöfe entdeckt werden),

Haltestellen (die Werbebildschirme werden „Infoscreens“ genannt und man bildet sich ein, dass man deswegen von den Konsumenten als „Informationsmedium“ wahrgenommen wird. Jubelschreie über die Reichweite ertönen – kein Wunder, man zählt einfach, wie viele Leute an einer U-Bahn-Haltestelle stehen, summiert das und hat die Reichweite, ganz egal, ob die das wahrnehmen oder nicht)

Musikfestivals (eh schon immer, aber jetzt wird großflächig geworben, mit Netzen vor den Lautsprecheranlagen, so dass man gar nicht mehr vorbeischauen kann)

3.) Alle Sinne ansprechen – Werbeflächen werden mit Düften versehen (irgendwie stinkt mir das) und die Lautsprecherwerbung in den Supermärkten wird immer penetranter und lauter (oder bilde ich mir das nur ein?), „alles da, da, da“ plärrt es mir in Dauerberieselung im Interspar entgegen, was meine Halbwertszeit im Supermarkt deutlich reduziert (so schnell wie meinereiner schafft es inzwischen niemand durch die Gänge zu flitzen!) In der Fachsprache werden diese penetranten Methoden übrigens „intelligente Werbemittel“ genannt und man bildet sich ein, dass die Kunden so noch vor dem grandiosen, eigentlichen Einkaufserlebnis bereits auf ebendieses „eingestimmt“ werden. Bei mir löst das übrigens Ver-stimmung aus.

Die Werbebranche jubelt: Leere Flächen gäbe es noch genug!

4.) Aktiv auf die Menschen zugehen – man bekommt an jedem Eck einen Flyer in die Hand gedrückt, der irgendwas bewirbt. Bewirken tun diese Flyer meist übervolle Papierkörbe in der Verteilungsumgebung.

Ich habe das Gefühl, dass bald die halbe Welt bunt angepinselt, „gebrandet“, beklebt, beduftet bzw. bestunken und beschallt wird – und hoffe, dass sich dieser Trend nicht durchsetzt. Mir persönlich geht das eher auf die Nerven, als dass es mich dazu anregt, die Produkte zu kaufen, die da beworben werden.

Aber vielleicht bin ich ja nicht die Zielgruppe.

Was die Werber vergessen oder gerne übersehen: Mehr und größer bedeutet nicht besser. Zitat von Mark Twain: „Als wir den Weg aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen“ – irgendwann tritt auch bei Riesenplakaten oder Multi-Sinnes-Bombardierung eine Sättigung ein, man nimmt das dann einfach nicht mehr wahr. Vielleicht sollte man über die Sinnhaftigkeit nachdenken, vielleicht führt ja die Krise auch zu einer quasi „natürlichen“ Reduktion des Irrsinns.

Red Bull – aus dem Fenster damit!

Es ist ein wunderschöner Morgen in der Nähe von Spittal/Drau und ich beschließe, einen Spaziergang zu machen.
Neben der Pension geht ein netter Weg den Hang hinauf und von dort in den Wald hinein. Die Sonne scheint, die Berge sind oben leicht angezuckert, weiter hinten schimmert blau der Millstädter See – eine Idylle.

Dann fällt mein Blick nach links – eine Red Bull Dose. Und was für eine! Ich wusste bisher nicht, dass Red Bull so große Dosen erzeugt (es gab und gibt auch kein wie immer geartetes Bedürfnis danach, zumindest bei mir nicht), sie fasst 473 ml – warum weiß wahrscheinlich nur Red Bull.
Irgendwer hat sie aus dem Autofenster einfach in den Wald gepfeffert. Sie passt dort nicht wirklich gut hin und ich überlege, sie mitzunehmen.

Leider habe ich nichts, wo ich sie einstecken kann, aber beim Rückweg entdecke ich weitere Artefakte unserer leicht perversen Überfluss- und Wegschmeißgesellschaft. Diverse Dosen, Zigarettenpackerln und Plastikmüll, darunter auch ein Sackerl, das sich gut zum Transport eignet.

Ich sammle das Zeug ein und marschiere weiter. Nach ein paar hundert Metern steht mitten im Wald eine Bank. Davor liegen so ca. 80-100 Zigaretten und hinter einem kleinen Hügel dahinter die dazu gehörigen leeren Päckchen samt 3 Plastikflaschen Eistee.

Ich überlege, wer das dorthin geschmissen haben könnte und verdächtige spontan die Ausländer, wahrscheinlich eine Horde Scheinaslyanten aus der H.C.-Strache-Abteilung. Denen ist ja nichts heilig, schon gar nicht unsere Kärntner Natur!

Ich sammle die Reste des perversen Picknicks ein (Eistee und Tschick, sollte ich das je zu mir nehmen, vor allem mitten im Wald, so bitte ich um eine schnelle und schmerzlose Hinrichtung, sie kann gleich vor Ort stattfinden) und mache mich auf einen leicht getrübten Rückweg.

Mir fällt mein Großvater ein, ein der Dichtkunst mächtiger Herr, der auf so ein Bankerl einen kleinen Zettel geheftet hat, mit den Worten:

Ist denn der Mensch ein Schwein?
I wü ja net stierln
aber so vü Papierln
– ja muss denn das sein?

Heute sind es nicht mehr Papierln, sondern riesige Red Bull Dosen und sonstiger Müll, erzeugt mit viel Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung (Alu…), vermarktet mit miesen Tricks (siehe dazu mein nächstes Buch) und konsumiert von Vollidioten. Wer dies als zu heftige Bezeichnung empfindet, betrachte die angefügten Bilder. All das habe ich in wenigen Minuten im Wald aufgeklaubt.

Frohe Pfingsten!

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Bild: Müll aus dem Wald
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Bild: Sack mit Müll aus dem Wald

UPDATE 3. DEZEMBER 2025

Seit diesem Blog-Beitrag sind 16 Jahre vergangen. Und es hat sich was verändert: Seit heuer gibt es einen Dosen- und Plastikflaschenpfand – zwar nur 25 Cent, aber immerhin.
In den letzten Jahren bin ich hin und wieder an Bundesstraßen entlang gewandert, meistens an der Stadtgrenze von Wien oder kurz dahinter. Am Straßenrand sieht man, was von den Autofahrern entsorgt wird – sprich: einfach beim Fenster hinausgeworfen. An erster Stelle, mit großem Abstand: Red-Bull-Dosen.
Ich weiß nicht, warum das so ist. An zweiter Stelle folgen Bierdosen, danach Zigarettenpackerln und Plastikflaschen. Ich muss nachschauen, ob das jetzt immer noch so ist, bei der nächsten Wanderung werde ich es wissen. In Wien sehe ich jetzt ständig Menschen, die in Mistkübeln nach Dosen und Flaschen stierln und an den Pfandautomaten stehen Menschen, die säckeweise Flaschen und Dosen zurückgeben.

Ich bin gespannt, wie das weitergeht.

AC/DC live – ein Konzertbericht

Der eigentliche Trick besteht darin, während der letzten Zugabe-Nummer abzuhauen. Das erspart verkehrstechnische Sorgen („Ich bin nach dem Konzert drei Stunden im Stau gestanden“) und gibt einem guten Konzert einen krönenden Abschluss. Man ist quasi wie ein Surfer ganz vorne auf der Welle und entkommt dem postkonzertanten Chaos.

Aber jetzt der Reihe nach. Der Job als Platzanweiser ermöglicht witzige Begegnungen und Beobachtungen, ist sehr stressfrei und kurz vor Konzertbeginn zu Ende. Man erspart sich eine teure Karte, bekommt ein Lunch-Paket, ein eher peinliches T-Shirt in BZÖ-orange und ein klein wenig Autorität.
Besonders lustvoll ist es, vom dritten Rang den Einlasszeitpunkt zu beobachten. Plötzlich ergießen sich Gestalten aus den Eingängen Richtung Bühne, um sich dort einen Platz an vorderster Front zu sichern. Einige dickliche Fans sind beim Wettlauf zwar gehandicapt, können das aber vorne mit Gewichtsautorität wieder wettmachen. Dann beginnt das langsame, letztlich stundenlange Rösten in der Sonne. Wer aufs Klo muss, hat verloren. (Einlass 16 Uhr, Konzertbeginn 21 Uhr)

Aus der Serie „Wie kann man es am dümmsten machen“ darf ich diesmal von der Bier-Ausschank berichten, und zwar von der im Sektor B am dritten Rang. Das System läuft folgendermaßen: Die Cateringfirma stellt eine Zapfsäule hinter eine Buddel neben einen der Aufgänge und engagiert eine Handvoll netter Studentinnen („eine Zapfsäule reicht locker für einen halben Sektor, sind eh nur ein paar tausend Personen“). Diese bekommen einen Bauchladen und können bei dieser Zapfsäule Bier kaufen, das sie dann von ihrem Bauchladen aus an die Gäste verklopfen. So weit so schlecht. Sobald die Menschen die Buddel mit der Zapfsäule sehen, drängen sie in Scharen dorthin. Der leicht genervte Zapfmeister hat zwar versucht, mit einem Kugelschreiber „Hier kein Verkauf“ auf eine Tafel hinter sich zu schreiben, das hatte aber den gleichen Effekt wie ein Glas Wasser ins Meer zu schütten. Aufgrund der drängenden Masse kamen die Studentinnen nicht mehr durch, es gab also weder bei ihnen noch bei der Buddel Bier, was die hinten nachdrängenden ja nicht wussten. Dieses Chaos konnte das gesamte Konzert hindurch beobachtet werden. Verärgerte Gäste, genervte Studentinnen – einen herzlichen Gruß an die unfähigste Cateringfirma der Welt, wie auch immer sie heißt.

Zum Konzert. Die ältlichen Herren zeigten wieder einmal sehr gut auf, warum Robbie Williams sein Leben lang ein Boy aus einer Boygroup bleiben wird. Unter unglaublichem Getöse legte der Gitarrist einen netten Strip hin und zeigte am Schluss seinen Hintern ins Publikum, übertragen von drei riesigen Videowänden. Eine schwarze Boxershort mit fetten roten AC/DC-Lettern hinten drauf, eh klar. Die Menge tobt.
Seine 60+ Jahre störten das Publikum genau überhaupt nicht, seine sensationell hässlichen, schweißtriefenden, langen, dünnen Haare ließen die Mädchen kreischen, das alles untermalt mit einer Lichtshow, die ihresgleichen sucht. Der Stromverbrauch von 10 Sekunden entspricht wahrscheinlich dem, was ich im Jahr brauche. Allerdings verdienen AC/DC in 10 Sekunden auch mehr als ich im ganzen Jahr und Stromverbrauch ist bei einer Gruppe mit diesem Namen wahrscheinlich ohnehin eine Ehrensache.
Man spielte genau zwei Stunden lang und gab als erste Zugabe ein famoses „Highway to Hell“, bei dem das Stadion zitterte. Ebendieses pflegte bummvoll zu sein, mit dem Nachteil, dass auch ein paar hundert sogenannte „Arschkarten“ verkauft wurden – ganze Blöcke, von denen aus man nur etwas sehen konnte, wenn der Gitarrist über den Laufsteg in die Mitte des Stadions rannte (also nicht so arg schnell, aber doch). Gute Einnahmen für die Veranstalter, schlechte Plätze für die Gäste.

Zum Publikum. Es ist immer wieder sehenswert, wie zigtausende Menschen exakt gleiche Bewegungen ausführen (bis auf ein paar Betrunkene, die ein wenig hinterherhinken). Vom obersten Rang ist das besonders gut zu beobachten, ein wogendes Meer, gespickt von tausenden leuchtenden Teufelshörnern, die um sportliche 10 Euro verkauft wurden und auf den Köpfen der Besucher blinkten.
Als Platzanweiser empfängt man die Gäste mit einem freundlichen Lächeln, sagt ihnen etwas wie „Sehen Sie dort den Bladen mit dem blauen T-Shirt? Dort ist Block K und dort gehen Sie hinauf und dann links“ und hofft, dass der Blade bis zu Konzertbeginn dort stehen bleibt (hat er getan, ein freundliches Dankeschön an dieser Stelle, unbekannterweise). Italiener bitten um eine Wiederholung auf Englisch, Steirer verirren sich (es gab enorm viele Steirer, keine Ahnung wo die alle herkamen, wahrscheinlich direkt aus der Steiermark) und hübsche Mädchen geleitet man galant bis zu ihrem Platz.
Mein persönlicher Höhepunkt war ein junger Mann mit leicht panischem Gesichtsausdruck, der uns anflehte, ihm irgendwoher Ohrenstöpsel zu besorgen, die Sanitäter hätten ihm keine gegeben und er fühle sich so hörsturzgefährdet („Depperta, das ist ein AC/DC-Konzert!!!“).

Alles in allem ein gelungener Abend und in ein paar Tagen werde ich sicher wieder etwas hören, vielleicht sogar auf beiden Ohren. Und auch das Glockengeläute in meinem Kopf wird sich wieder geben, haben mir erfahrene Konzertbesucher glaubhaft versichert.
In diesem Sinne: Hells Bells!

Beim Kudlicka

Es ist wie ein Ausflug an einen zeitlosen Ort (Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise würde sagen, der Kudlicka befindet sich „außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums), in eine schon lang nicht mehr existierende Welt.
Der Kudlicka ist eines der letzten verbliebenen Vespa-Geschäfte Wiens. Der Filipo macht keine alten Vespas mehr und hat auch keine Ersatzteile mehr, der Jahelka verkauft moderne Plastikroller und beim Faber gibt es großteils nur mehr junge Mechaniker, die nichts mehr von alten Vespas verstehen – einen aus der „alten Garde“ haben sie noch und bieten auch die Restauration alter Vespas an – hier muss sich jeder selbst ein Bild machen.

Der Kudlicka ist der letzte seiner Art. Wenn man in die Österleingasse im 15. Bezirk fährt, betritt man eine andere Welt. Ich war nach knapp 25 Jahren wieder dort, um Ersatzteile für meine alte Vespa zu kaufen, und der Herr Kudlicka sieht immer noch genauso aus wie vor einem Vierteljahrhundert, an ihm als Person scheint die Zeit vorübergegangen zu sein. Auch seine Stimmungsschwankungen gibt es noch und das ist auch sein gutes Recht. Das Geschäft hat sich auch nicht verändert, wenngleich das Haus gegenüber mit seinem Innenhof, auf dem unzählige Generationen von Vespa-Fahrern Gasseile gewechselt und Kupplungen eingestellt haben, letztes Jahr abgerissen wurde.
Aber das Geschäft gibt ets noch und nach wie vor stehen alte Vespas dort herum. In der Auslage liegen – leicht verstaubt – Gepäckträger, Rennauspuffanlagen und Zylindersets – wie schon seit Jahrzehnten, wie schon seit immer.
Der Kudlicka ist inzwischen über 80 und steht jeden Tag hinter der Buddel, auch am Samstag. Der Herr daneben ist nicht, wie viele inklusive meiner Wenigkeit glauben, sein Partner, der Radakovits, sondern der „Sergio“, und auch er ist seit über 25 Jahren der Gleiche, mit seinem Akzent und seiner speziellen Art, die Augenbraue hochzuziehen.

Wer etwas vom Kudlicka will, der muss sich umgewöhnen. Der Kudlicka hat fast alles, aber nicht immer hat er Lust, es dir zu verkaufen. Der Kaufvorgang hat etwas Magisches – Du betrittst das Geschäft und trägst dein Anliegen vor. Danach „entsteht“ der jeweilige Gegenstand irgendwo unter der Buddel. Der Kudlicka sieht dich meist wortlos an und greift mit einer Hand (ohne von dir wegzublicken) hinunter, zieht es hervor und legt es auf die Theke. Dann sagt er irgendeinen Preis. Du zahlst und gehst, aber Du verlässt das Geschäft mit einem völlig irrwitzigen Gefühl von Unsicherheit, gepaart mit Dankbarkeit. Wo kam das her, wieso hat er genau das unter seiner Buddel? Es ist nämlich egal, ob Du einen kleinen Schraubnippel für ein Gasseil brauchst oder eine ganze Vespa. Er hat alles unter der Buddel.
Wenn er etwas dort nicht hat, dann wird er leicht mürrisch. Er geht halt nicht mehr so gerne herum. Dann dreht er sich um und greift nach hinten. Spätestens dort hat er es. Mir ist es sogar passiert, dass er über die Straße in ein anderes Lager gegangen ist, um mir einen Spiegel zu holen. Ein einschneidendes Erlebnis, ohne Frage, wenn einem diese Ehre zuteil wird. Da fragt man nicht mehr nach dem Preis, da zahlt man gerne und ohne zu zögern.

Das mit den Preisen ist auch eine interessante Sache. Er weiß sie einfach, immer und von allem. Es sieht aber so aus, als würde er sie sich in dem Moment gerade ausdenken, und es sieht vor allem so aus, als ob er sie aufgrund deines Gesichts, deiner Person festlegt. Er mustert dich kurz und dann sagt er eine Zahl. Und du zahlst. So einfach ist das beim Kudlicka.
Manchmal kann man auch ein wenig handeln oder bekommt eine Kleinigkeit, die man noch braucht, gratis dazu, eine Dichtung oder so etwas.
Es ist völlig unklar, woher der Kudlicka seine Ersatzteile bekommt und auch, nach welchen Kriterien er sie verkauft. Ich vermute, es ist seine momentane Stimmung und ob er dich gerade heute sympathisch findet oder nicht.
Neulich bekam ich einen Kolben für eine Vespa GS 150, Übermaß 57,2 mm (mein alter Kolben war angerieben, zerbrochen, kaputt). Er hatte ihn direkt hinter sich liegen, und das ist kein gängiges Modell. Der Kolben war auch kein indischer Nachbau von GOL, sondern ein markenloser Kolben, aber sehr gut gearbeitet. Er hat ihn aus einem Zylinder gezogen, der dort ebenfalls herumlag. Einfach so.
Der Preis war bis auf wenige Cent der gleiche wie der, den ich im Internet bei einem deutschen GS-Spezialisten bezahle. Einfach so, der Kudlicka hat ihn sozusagen aus der Hüfte geschossen.
Als er mir letztes Jahr eine Vergaserdüse verkaufte, bei der die Düsenbohrung schlicht und einfach nicht vorhanden war (ich hatte es erst zuhause entdeckt und bin wieder hingefahren), ging er auf die Straße, blickte kurz durch, nahm die Düse und schleuderte sie in hohem Bogen in die Baugrube auf der anderen Straßenseite.
Dann bekam ich eine neue, mit Bohrung. Ich glaube, er mag mich.

Nicht alles ist rosarot beim Kudlicka. Er hat immer wieder Ersatzteile, die nicht optimal passen und man kann sich nicht sicher sein, wie gut eine Reparatur sein wird. Auch das hängt vom Glück und von der Stimmung ab, in der er sich befindet. Das Problem: er ist der letzte seiner Art, man kann nirgends sonst mehr hinfahren, nur er (und seine Mechaniker) kennen sich noch aus, nur er hat die Teile, die man sonst nirgends mehr bekommt und schon gar nicht in Wien. Das Internet ist kein vollwertiger Ersatz und wenn man zum Generalimporteur fährt und etwa einen Zylinderkopf für eine Vespa GS haben will… nun, das soll jeder selbst ausprobieren, vielleicht hat man ja Glück, vor allem für die PX-Modelle gibt es noch Neuteile.

Wenn der Kudlicka einmal aufhört, bricht die Vespa-Szene in Wien zusammen. Eine neue Ära wird beginnen, man wird sich nicht mehr am Samstag Vormittag in der Österleingasse über den Weg laufen, außer der Sergio übernimmt das Geschäft. Er ist inzwischen auf einer ähnlichen „Welle“ wie der alte Kudlicka und er kennt sich auch gut aus.
Hoffen wir das Beste, hoffen wir auf ein langes Leben des Herrn Kudlicka, hoffen wir darauf, dass diese Enklave in Zeit und Raum noch lange besteht. Wir haben es uns verdient, beim Kudlicka einkaufen zu dürfen. Es wäre an der Zeit, eine Am-Schauplatz-Folge zu drehen: Beim Kudlicka, dem Vater der Vespas und der Vespa-Fahrer.