Pain in the ass

„Schönen Guten Tag, spreche ich mit Herrn Schwarzzzz?“
„Äh, ja.“
„Herr Schwarzz, Sie erinnern sich noch, wir haben ja vor kurzem telefoniert, Firma Titan, Herr Schwarzz, und es geht um ihr Geld, Herr Schwarzz.“
„Äh…“
„Herr Schwarzz, unsere Fonds sind in den drei letzten Wochen nach oben geschossen, Herr Schwarzz, und das ist eine tolle Nachricht für Sie, Herr Schwarzz. Herr Schwarzz, was ich Ihnen jetzt anbieten kann, Herr Schwarzz, ist…“
„Moment, ich hab doch gesagt, ich hab kein Interesse.“
„Herr Schwarzz, Sie haben das letzte Mal mit unserem Junior Broker gesprochen, Herr Schwarzz, ich bin jetzt der Senior Broker, Herr Schwarzz, und, Herr Schwarzz, ich rufe nur eine kleine Anzahl auserwählter Kunden an, Herr Schwarzz, und mein Kollege hat mir gesagt, Herr Schwarzz, dass er bei Ihnen ein gutes Gefühl hatte, Herr Schwarzz.“
„Aber…“
„Herr Schwarzz, Sie müssen uns da gar nichts bezahlen, Herr Schwarzz, weil, Herr Schwarzz…“
„Wenn Sie noch einmal Herr Schwarzz sagen, leg ich auf.“
„Aber, Herr Schwarzz…“
(Tut, tut, tut)

Leider bekomme ich in letzter Zeit immer öfter so knechtende Anrufe von irgendwelchen ganz toll in Beschiss-Rhetorik geschulten dressierten Affen, die mir irgend eine Scheisse verkaufen wollen. Da gibt es die bemitleidenswerten Hausfrauen, die mich anrufen, um mir ein Inserat verkaufen wollen, das auf einer Anschlagtafel im Bezirksamt ein paar Monate hängen wird. Oder den oben beschriebenen Vollkoffer (meist aus Piefkonien), der irgendwo sitzt und mit unterdrückter Nummer oder (wie dieses Mal) mit einer Vorwahl von irgendwo (ich glaube, es war 0037) anruft und mich vollquatscht.

Meist bin ich einfach zu höflich, um sofort aufzulegen, und denke mir: Der da macht auch nur seinen Job. Aber langsam geht mir die Geduld aus. Ich überlege, mir eine Trillerpfeife zuzulegen, auf dass es ihm ordentlich die Ohren durchputzt und er nie wieder bei mir anruft. Eine Möglichkeit wäre auch eine kleine Decke neben dem Telefon, auf die ich den Hörer lege und ihn so lange quatschen lasse, bis er irgendwann aufgibt. Das kostet ihn eine Menge Zeit, die er nicht mehr dazu verwenden kann, andere Menschen zu quälen.

Sie werden mehr, die Keiler, die Telefonquäler, die Marketingprofis mit NLP-geglättetem Hirn und Rhetorik-Crash-Kurs. Sie werden auch immer penetranter und lästiger und ich frage, mich, ob das ein Teil der Endzeitstimmung ist, die mich des öfteren überfällt.

Jagd sie mitsamt ihren miesen Geschäftsideen davon, möglichst weit weg von anständigen Menschen, denen sie das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Mein Mitleid gehört weder ihnen noch ihrem Arbeitsplatz.

Der Heinz ist nicht mehr

Heinz.jpg

Bild: Heinz Kittenberger

Es muss Sommer 93 gewesen sein, als ich nach Liesing fuhr, weil dort ein geiles Fest stattfinden sollte. Ich bin bei Festen gerne früh dort, denn dann kann man interessante Menschen kennen lernen und langsam in das Fest hinein wachsen. Leider hatten mir meine Freunde noch dazu eine falsche Startzeit angegeben und so war ich tatsächlich zu früh dort.
Das Fest war eine House-Party und fand in einem Schießkeller statt. Ich wartete in der langen Auffahrt, als plötzlich ein hünenhafter blonder Typ mit etwas schlacksigem Gang vor mir stand und mich begrüßte.

Das war der Heinz und so hab ich ihn kennen gelernt. Wir entdeckten schnell, dass wir gemeinsame Freunde hatten und er lud mich gleich auf einen Stoli ein, denn er hatte gerade zufällig eine Flasche dabei, da er zu den Veranstaltern gehörte.
Beiderseitige Sympathie führte dazu, dass wir noch in diesem Sommer gemeinsam den Rathausplatz unsicher machten und Heinz im Winter 94 mit der Greifenstein-Runde mit nach Kroatien fuhr, über Silvester.

Heinz war das, was man „immer gut drauf“ nennt, und er war für jedes Fest zu haben. Mit der Zeit entdeckten wir, dass er da und dort ein klein wenig zu übertreiben pflegte. Er hatte eine Stahlbaufirma und war auf Inneneinrichtung spezialisiert. In diesem Job war er wirklich gut, bis auf die Zahlen, die mochte er gar nicht. Und Computer auch nicht. Also schrieb ich ihm mehrere Jahre lang die Angebote, und er schickte sie dann an die Auftraggeber.

Nebenbei jobbte er noch als Mitglied einer militärischen Spezialeinheit. Ich weiß bis heute nicht, was daran erfunden und was die Wahrheit war. Auf einer meiner Parties stand er plötzlich in der Eingangstür, mit Natojacke, Jeans, Sportschuhen und Baseball-Kappe und drückte mir eine Tasche in die Hand: „Bring die sofort in dein Schlafzimmer und versteck sie. Ich komm gerade von einem Auftrag und das soll niemand sehen.“
Die Tasche hatte einen offenen Zipp und so sah ich drin seltsame Dinge, wie eine Maschinenpistole mit Laser-Zielgerät und noch andere Waffen. So war der Heinz. Er war Profisurfer und Kickboxer, Fallschirmspringer und Weiberheld, Snowboarder und Trinker. Er war verrückt, liebenswert, manchmal unausstehlich und oft hilfsbereit.

Heinz erschien auf seinem eigenen Geburtstagsfest – nicht. Wir machten es beim Weihrauch und es war ein Überraschungsfest. Die größte Überraschung bestand darin, dass er nicht auftauchte. So blieb sein Platz leer und davor stand eine Torte. Für den Heinz, der nicht da war. Er meinte später, er wäre spontan nach Wr. Neustadt Fallschirmspringen gegangen und hätte sich dann mit Freunden versoffen. Und sein Handy hätte er nicht mit gehabt. Und auf die tolle Party, auf die ich ihn mitnehmen wollte, hätte er einfach vergessen.

Heinz war ein sehr begabter Mensch. Viele aus meinem bzw. unserem Freundeskreis haben Dinge, die er selbst hergestellt hat. Ich habe das Glück, gleich eine ganze Menge zu haben, einen Kasten, Couchtische, einen CD-Ständer und vor allem eine famose Sitzgarnitur.

ES gibt eine Menge Geschichten, die wir alle mit dem Heinz erlebt haben. Sie waren fast immer lustig und immer schräg.

Seine letzte berufliche Anstrengung war der Aufbau einer neuen Selbstverteidigungsmethode. Das Konzept war toll, seine Art zu unterrichten war professionell und gut. Leider konnte er es nicht mehr vermarkten, er war schon zu sehr in eine Welt hinüber gewandert, die nicht mehr die seiner Mitmenschen war. Diese nahmen ihn nicht mehr oder nur mehr zum Teil ernst. Hin und wieder blitzten seine Talente auf und es fanden Begegnungen statt. Leider nur allzu oft flüchtete er in verrückte Geschichten, die keiner mehr glaubte und die ihn als Mensch von uns abrücken ließen. Ob er dies selbst wollte, werden wir nie erfahren. Der Heinz konnte auch sehr verschlossen sein und gut abblocken, er wechselte einfach das Thema oder meinte: „Ich bin ein Blondchen, ich darf das.“
So konnte er seine letzte wirklich gute Idee nicht mehr umsetzen und driftete immer mehr in eine Welt, in die ihm keiner folgen wollte und konnte. Das Fluchtvehikel war letztlich der Alkohol und es war nur mehr selten der Fall, dass man ihn nüchtern sah. Ich selbst habe ihn seit meinem letzten großen Geburtstagsfest nicht mehr gesehen, das war vor fünf Jahren.

Bei unseren Telefonaten hatte ich nie das Gefühl, noch an ihn heranzukommen. Das war auch früher schwierig, aber nicht unmöglich. Seine Themen waren einseitig und immer die gleichen. Sie wiederholten sich und es war schwierig, das Interesse daran auch nur ein wenig aufrecht zu erhalten.

Die meisten Freunde hatten sich schon von ihm entfernt, und das aus gutem Grund. Heinz ließ sich nicht helfen, bis zum Schluss nicht. Er lebte ein einsames Leben, das immer einsamer wurde, mit Hund und alter Mutter, mit seinen Geschichten aus der Vergangenheit, die leider keine Zukunft hatten. In einem schönen Haus, gut gesichert gegen Eindringlinge, so wie der Heinz selbst auch.

Er ist in seinem Haus gestorben, in seiner Welt, zwischen Design und Alkohol.

Ich werde ihn vermissen, Heinz das Blondchen, Heinz den lustigen Kumpel, den Hundebesitzer, den kreativen Menschen, den Sportler, sogar den Aufschneider und Weiberheld.

Er geht uns voraus und irgendwann werden wir ihm folgen. Mach´s gut, lieber Heinz.

Hauptsache neu, Hauptsache irgendwie originell

…da darf die Funktionalität sich schon mal hinten anreihen. Die dümmste Form dieser Entwicklung habe ich jetzt bei Toyota erlebt. Eigentlich eine Automarke, die ich für hohe Fertigungsqualität und clevere Fahrzeugtechnik kenne. Unser Landcruiser in Afrika ist einfach aufgebaut, hart im Nehmen und hält lange.

Anders die rüschenbesetzten Schnick-Schnack-Kisten, die sie nach Europa bringen. Das neueste Beispiel ist der „Landcruiser 300“, ein Auto, das vor Sinnlosigkeit nur so strotzt. Der Kübel ist riesengroß außen, und kleiner als jeder Golf innen. Noch dümmer ist in dieser Hinsicht nur mehr der Audi Q7 gebaut.
Fast einen halben Meter dick sind die Innenverkleidungen und ich frage mich, was da dahinter steckt. Nur Querstreben und Dämm-Material wird es ja wohl nicht sein. Ich tippe auf heiße Luft. Der Wagen ist übrigens für die Stadt gebaut, dort gehört er hin, auch wenn sein Urahn ein Geländewagen reinsten Wassers war (der J7, das berühmte Buschtaxi, heute noch von allen NGOs weltweit und bei der UNO etc. im Einsatz). Der neue heißt „J15“ und ist nicht mehr vergleichbar. Geländefahren ist strikt verboten, außer man möchte sich alles kaputtmachen.

Design schlägt Funktionalität. Ein paar Beispiele:
1.) Hochglanzlackierte Stoßstangen bei einem Geländeauto. Bei jedem Kratzer darf man das halbe Auto austauschen. Die Werkstätten jubeln, die Kasko-Preise schnalzen gegen unendlich. Braucht kein Mensch, ist ein reines Design-Element, das mir persönlich nicht einmal gefällt.

2.) Bauchige, vielfach gekrümmte und gebogene Karosseriebleche. Das Ende des Autos ist weder vorne, noch hinten, noch auf der Seite auch nur zu erahnen. Deswegen hat sich mein Vater (seit kurzem in Besitz so eines Monsters) auch schon die Seitenflanken zerstört, an der Garagenwand. Auch hier: ein reines Designelement.

3.) Die Scheinwerfer. Undinger, riesig groß, vielfach gebogen, verklebt, jede Menge Plastik. Ein kleiner Steinschlag und man muss seine Kinder als Sklaven verkaufen, um sich eines von den Trümmern neu leisten zu können.

4.) Der Innenraum. Selten was so funktionsbefreites gesehen. Hellbeiges Leder, quasi schon beim ersten Einsteigen automatisch versaut. Alles eng zugebaut, subjektiv fühle ich mich wie in einem Puch 500. Es war mir nicht möglich, einen Platz zu finden, an dem ein Feuerlöscher angebracht werden könnte. Im ganzen Wagen nicht, auch nicht im Kofferraum. Absolut unmöglich, das ist nicht vorgesehen und geht einfach nicht.

5.) Das Mäusekino. Bildschirme wohin man blickt, tausend und eine Anzeige, in allen Farben, alles blinkt und es gibt ein halbes Dutzend Kameras außen, mit denen man die Umgebung betrachten kann. Überall piept es und je nach eingelegtem Gang zeigen die Kameras verschiedene Ausschnitte. Dazu gibt es noch farbige Linien, so dass man erkennen kann, was in der Kamera das eigene Auto und was die Elemente in der Umgebung sind. Ein Overkill an „Features“ und Sinneseindrücken. Die perfekte Ablenkung vom Fahren.

Fahren braucht man mit dem Ding eigentlich nicht mehr, es spielt schon im Stand das gesamte Entertainment-Programm und das verlangt 100% der Aufmerksamkeit. Dann auch noch zu fahren wäre absolut fahrlässig.

6.) Das absolute Highlight: der schlüssellose Zündschlüssel. Damit hat Toyota den größten Bock geschossen. Es ist frei von jeder Funktionalität, ein reines Designelement, in der Praxis völlig unbrauchbar. Zur Erklärung: Man steckt den Schlüssel in die Hosentasche und durch Funksignale erkennt der Bordcomputer, dass ein Schlüssel in der Nähe ist. Dann kann man aufsperren (natürlich mit Druckknöpfchen. Wehe dir, wenn die Batterie leer ist oder kaputt geht, dann bleibt man draußen, denn es gibt keinen Schlüssel und kein Schloss mehr.).
Man kann auch einen Knopf zum Starten drücken und dann wegfahren.

Mein Vater hat mich noch eingewiesen in die vielen Besonderheiten und ich fuhr los. Am Zielort angekommen stellte ich den Wagen ab, das geht auch mittels des Starterknopfes. Ein paar Minuten später wollte ich ihn wieder starten – keine Chance, der Knopf verfärbte sich nicht wie notwendig grün und ein schnarrendes Signal zeigte mir an: do geht jetzt nix!

Den Schlüssel hatte ja mein Vater in der Hosentasche. Während des Startens war er in meiner Nähe, daher hat das funktioniert. Danach nicht mehr. Glücklicherweise war ich nicht weit weg und konnte zurück eilen, um meinem Vater den Schlüssel abzuknöpfen.

Einem Freund meines Mechanikers war das Upgrade dieser Blödheit zuteil geworden. Er stieg in sein Auto und fuhr auf Geschäftsreise nach Tirol. Nach einigen Stunden Fahrzeit fuhr er in Tirol zur Tankstelle und als er vom Bezahlen zum Auto kommt, ist dieses abgesperrt. Manche dieser neuen Kübel haben zu dem saublöden Schlüsselsystem noch ein zusätzliches „Sicherheitsfeature“ – wenn man die Türen zuwirft, versperren sie sich automatisch nach ein paar Sekunden. Wofür das gut ist, weiß ich nicht, ich habe keine Angst vor Dieben und wenn, dann sperre ich mein Auto ab.
So hatte das zur Folge, dass der gute Mann draußen stand und auch dort blieb. Der Schlüssel war im 500 km entfernten Wien, das Handy lag natürlich im Auto und im Handy waren die Nummern für den Notfall. Bei den ständig wechselnden Nummern merkt sich das kein Mensch mehr und es ist eh im Telefonbuch am Handy gespeichert. Das im versperrten Auto liegt. Das war sicher eine gaudige Geschäftsreise.

Bewerben tut Toyota dieses Auto übrigens mit den Worten „Alles andere als Spielzeug“. Was genau sonst, erklären sie leider nicht.

Gebannt starren wir auf den Euro

In der heutigen Ausgabe von Medianet erklärt uns Erich Streissler (er wird dort als „Doyen der österr. Volkswirtschaft“ tituliert, was auch immer das heißen mag) gemeinsam mit Christian Helmenstein von der Industriellenvereinigung, dass der Euro uns mit 90 % Wahrscheinlichkeit bleibt.

Das ist aber beruhigend! Griechenland könnte vielleicht austreten oder werde austreten müssen – der genaue Wortlaut ist dem Artikel nicht zu entnehmen. Es wird nur geschrieben, dass immer mehr Volkswirte ein Scheitern des Euro „nicht mehr ausschließen“. Da wird von einem „Nord-Euro“ gefaselt und davon, dass dieser dann „eine sichere Sache“ wäre.

Spontan fallen mir da die „Gated Communities“ ein, die rund um die Welt gerade wie Schwammerln aus dem Boden wachsen. Das sind Hochsicherheits-Wohngebiete, in denen reiche Menschen im Luxus hausen. Blöd daran ist nur, dass sie sich erstens dort gegenseitig auf die Nerven gehen, zweitens zum Arbeiten rausfahren müssen (meist in ihren Hochsicherheits-SUVs) und drittens im Fall einer Krise dort ohnehin um nichts sicherer sind als woanders.

Und genauso geht es uns mit dem Euro bzw. dem Nord-Euro. Letztlich wird es niemanden geben, der in einer echten Weltwirtschaftskrise seine Schäfchen ins Trockene bringen kann. Hohe Mauern haben noch nie was genützt und Währungen kommen und gehen.

Sich mit diesem oder ähnlichen Gedanken anzufreunden fällt den meisten Menschen schwer, auch den Experten. Währungsstürze gab es immer und wird es in Zukunft auch geben. Sie führen meist zum Verlust der Ersparnisse, sofern diese in Geldwerten angelegt sind. Deswegen flüchten derzeit so viele Bankmanager in reale Werte wie Grundstücke, Wald, Immobilien – sie ahnen bereits, was sich abspielen wird.

Steht und bald der Tag bevor, an dem unerwartet der Herr Bundespräsident am Sonntag Abend eine förmliche Ansprache an die lieben Österreicherinnen und Österreicher hält, in der er ihnen erklärt, dass die Regierungen im Euro-Raum es zwar sehr bedauern, aber leider aufgrund von blablabla keine andere Möglichkeit sehen, als einen „Euro Neu“ zu erschaffen? Man könne diesen Euro neu ab kommenden Montag bei jeder Bank um zwei Euro alt kaufen. Der Euro alt sei übrigens ab jetzt nichts mehr wert, leider. Aber der Euro neu hätte einen tollen Wert, nämlich so viel wie der Euro alt. Wie EIN Euro alt, wohlgemerkt.

Ich darf die geschätzten Leserinnen und Leser beruhigen, es gibt noch andere Szenarien. Wenn uns eine Krise trifft, und ich rede nicht von so einem Mailüfterl wie 2008/2009, dann wird sie wahrscheinlich hart sein. So hart, dass ich nicht sicher bin, ob ich sie nicht lieber früher als später hätte, weil sie auf jeden Fall umso härter wird, je später sie uns trifft. Warum? Weil wir derzeit mit leichtem Wahnsinn die Blasen aufpumpen und die Entwicklungen fast überall exponentiell sind.
Dann werden die Konsequenzen auch entsprechend hart sein.

Kurz noch zurück zu einer möglichen Krise. Was könnte sie auslösen? Ein paar Hypothesen:
1.) Peak Oil wirkt sich aus. Die OPEC-Staaten schweigen beharrlich über ihre tatsächlichen Vorräte, in Texas pumpt J.R. schon lange kein Öl mehr und der größte Ölfund der letzten 10 Jahre ist ein Ölfeld im Golf von Mexico, das bei Vollausbeutung den Weltbedarf sechs Tage lang decken würde. Für das Schürfen von zwei Litern Öl aus Ölsand muss man einen Liter Öl verbrennen. Und doch wird überall mantrahaft nachgebetet: Wir haben viel Öl, wir haben noch lange sehr viel Öl, es gibt Öl ohne Ende. Das ist sehr bequem. Ob es stimmt, ist eine andere Frage.

2.) Eine Blase platzt. Anbieten würde sich etwa die chinesische Immo-Blase. Derzeit stehen in China ca. 60 Millionen Spekulationswohnungen leer, ähnlich wie die in den Geisterstädten an der spanischen Küste oder in Dubai. Hauptinvestoren sind die chinesischen Banken, die im Falle eines Problems ihre Unmengen US-Staatsanleihen verkaufen müssten. Zu einem miesen Preis, wie das halt so ist, wenn es plötzlich ein riesiges Angebot und wenig Nachfrage gibt. Dann krachen die US-Staatsanleihen und nicht nur die. Es könnte aber auch die US-Immoblase platzen oder die fondsgebundenen Lebensversicherungen, die in den gleichen Schrott investiert haben wie alle anderen. Oder die Kreditkartenblase: sehr viele Menschen leben derzeit auf Pump, vor allem was ihren Privatkonsum betrifft.

3.) Eine Umweltkatastrophe. So etwas wie ein überdimensionales Fukushima. In stabilen Zeiten locker handhabbar. In einer angeheizten, labilen Situation möglicherweise der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

4.) Ein Finanzcrash, der tatsächlich von einer Staatspleite ausgeht und nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, weil es zu schnell geht. Die meisten Finanztransaktionen sind heute computergesteuert und automatisiert. Da passieren Milliardenverkäufe in Millisekunden – wir hatten das schon vor einiger Zeit, und man hat damals nichts dagegen unternommen, dass dies nicht wieder passiert. Erst vor ein paar Tagen hat ein Händler der UBS 1,6 Milliarden Euro mit einem Knopfdruck in den Sand gesetzt. Vier-Augen-Prinzip? Viel zu teuer!

Wie funktioniert eigentlich Entschuldung? Kennt jemand eine andere Methode als den Crash, wo die Zähler wieder auf Null gestellt werden? Gab es jemals schon einen langsamen Abbau von so etwas? Ich wüsste kein Beispiel.

Was wäre ein Alternativszenario? Wenn der politische Wille da ist, wäre gegen ein duales System nichts einzuwenden, auch wenn die Experten derzeit noch jammern, dass das nicht geht. Nach der Krise geht es dann doch. Das wäre eine Weltwährung für den internationalen Handel, die z. B. „Energo“ heißt. Da unsere derzeitige Weltwährung ohnehin schon die Energie in Form des Erdöls ist, wäre der Sprung gar nicht so groß. Und er würde bei einer Ölkrise ein schnelles Umsteigen auf alternative Energieformen bringen, denn: Windenergie ist dann Geld in Form des Energo, Wasserenergie auch, Sonne natürlich etc. Weil der Energo aber nicht das kleine, lokale Alltagsleben abfangen kann, gibt es zumindest für eine Übergangszeit regionale Komplementärwährungen (komplementär weil sie die zentral ausgegebene Fiat-Währung, die ja auch der Energo wäre, ergänzen). Es gibt sie übrigens schon und viele stehen in den Startlöchern. Sie basieren oft auf Zeittauschsystemen und wären so eine gute Basis für die Verabschiedung des Wertmonopols der Erwerbsarbeit. Ab da hat auch etwas anderes Wert. Verlierer sind dann übrigens die Herrschaftssysteme, weil sie das Druckmittel Geld für Erwerbsarbeit nicht mehr besitzen. Weniger Herren bedeutet auch weniger Knechte.
Der Energo wäre anfangs eher Buchgeld, um die Verhältnisse zwischen Staaten zu regeln, die Menschen brauchen aber konkretes Geld, mit dem sie ihr Leben organisieren. Da in einer Ölkrise der Welthandel (Transport) ein Riesenproblem hat, muss sich die dann stattfindende Regionalisierung auch in der Form des dazu passenden Geldes ausdrücken.

Es ist ein unangenehmes Gefühl, eine Krise zu ahnen und nichts dagegen tun zu können. Und dass aus Krisen auch immer etwas Neues entsteht, ist auch nur bedingt beruhigend. Es ist letztlich genauso nichts mehr oder weniger als die Hoffnung, dass der Euro eh keine Probleme bekommen wird. Womit wir bei der Frage sind, was wir tun können. Etwas fällt mir ein: Wir können das fassungslose Staunen schon mal üben, das wir anhand der schieren Größe der nächsten Krise ganz sicher haben werden. Immerhin, besser als nichts tun.

Guido geht shoppen

…das ist dramaturgisch irgendwo zwischen „Lola rennt“ und „The Day After“ anzusiedeln.

Heutiges Transportmittel: Fahrrad.
Temperatur: angenehm.
Erstes Ziel: die Visitkartendruckerei meines Vertrauens. Oder besser: die, zu der ich bis jetzt ein paar Mal hingegangen bin. Der neue Mitarbeiter versprach, meine Karten tip-top zu setzen. Erstens weiß dort die rechte Hand nicht, was die linke tut („im Expedit find ich amal nix, ich verbind sie zum Druck“) und der junge Mann hatte meinen Namen ca. 0,7 mm an den Rand gedruckt. Leider wurde den Mitarbeitern scheinbar eingeprügelt, dass sie ja keine Fehler zugeben dürfen. Sie schauen auf die fehlerhaft gedruckten Karten, leicht betreten, und meinen: das ist eh okay, das ist ganz normal so…
Wie auch immer, ich muss noch einmal hinfahren, in ein paar Tagen, um die dann frisch ausgedruckten und hoffentlich besser gemachten Karten zu holen.

Zweiter Stop: beim GEOX-Shop in der Alser Straße. Meine Schuhbänder sind durchgewetzt und da die immer reissen, wenn ich es gerade überhaupt nicht brauchen kann, will ich neue kaufen. Ich betrete den Laden und störe einen Verkäufer, der gerade mit einer Verkäuferin hinter der Kasse plaudert:
„Grüß Gott, ich brauche für meine Geox-Schuhe neue Schuhbänder.“
Betretenes Schweigen.
Der Verkäufer schaut die Verkäuferin an.
Die Verkäuferin schaut den Verkäufer an.
Beide beginnen zu lachen, immer lauter, fast schon hysterisch.
Ich verstehe irgendwie nichts, kann auch nicht mitlachen. Dann werde ich, sobald die beiden sich die Tränen aus den Augen gewischt haben, aufgeklärt:
„Wir haben doch keine SCHUH-BÄN-DER“ (hi hi hi…)!!!

Ich blicke mich um. Was ist passiert? Bin ich des Wahnsinns fette Beute, im letzten Stadium vor der Einlieferung, wie Friedrich Nietzsche, als er in Turin ein Fiaker-Pferd weinend umarmte und daraufhin die Männer mit der Weißen Jacke kamen?
War ich gar nicht in einem Schuhgeschäft, sondern vielleicht bei einem Fleischhauer? Oder in der Moloko-Milchbar? War das Geschäft nur als Schuhgeschäft getarnt? Vielleicht ein Sado-Maso-Porno-Ring? Obwohl, dann hätten sie wenigstens Riemen aus Leder für mich gehabt.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass es wesentlich profaner war: „Wir haben so was überhaupt nicht, nein, auch nicht für Geox-Schuhe. Wir produzieren so was gar nicht“ meinte der Verkäufer mit voll Stolz geschwellter Brust. Ich soll nebenan zum DELKA gehen, dort würden sie alle hinschicken, die mit so seltsamen Anfragen in ein Schuhgeschäft kommen. Schuhbänder, ha!

Leicht beschämt schlich ich von Dannen – wie konnte mir auch nur so ein Faux pas passieren? In einem Schuhgeschäft nach Schuhbändern fragen, dz dz dz…

Ich besorgte mir beim Delka die notwendigen Schuhbänder („die komische Länge für 7-Loch hamma aber nicht in beige, da müssens kürzere nehmen“) und fuhr zur dritten Station, dem Schrauben-Spezialgeschäft Clausen in der Neubaugasse. Die ältere Dame in dem Steinzeitladen war urlaubsreif wie ein Schweizerhauskellner Ende Oktober und entsprechend entspannt. Aber sie hatte die notwendigen Beilagscheiben und Sprengringe und ich verließ schnell-schnell wieder das Geschäft, während sie hinter mir herbrummte („scho wieder alles in der falschen Kistn…“)

Letzte Station, der Zanoni. Ein herrlicher Septembernachmittag, da kommt so ein Stanitzel (heißt jetzt nach der bundesdeutschen Invasion „Tüte“) gerade richtig. Der italienische Verkäufer ist super, ich bekomme eine Riesenportion Malaga und After Eight („Prego“) und beim Hinausgehen ein freundliches „Ciao“.

Eigentlich ein guter Tag. Nur die Lust am Shopping anderer Leute werde ich wohl nie verstehen.